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Driftworld. Eine raue Welt. Der Alltag ihrer Bewohner ist geprägt vom Alun, dem allgegenwärtigen Meer, auf dem die Überreste zerschlagener Kontinente als zahllose und schwimmende Inseln driften, den Winden und Strömungen ausgeliefert … und der Grausamkeit König Rhazors, der seinen Machtanspruch darauf begründet, dass sein Königreich auf einem der letzten stabilen Orte Driftworlds liegt: Der Festen Insel Quorr. Der junge Zauberer Ceanag - Vertreter eines einst mächtigen und vom Aussterben bedrohten Volkes - sucht seit langem nach der ultimativen Waffe. Er ahnt, dass auch Rhazor seine Knochenkrieger nach ihr suchen lässt. Käme sie in die Hände des skrupellosen Königs, würden alle Völker Driftworlds einer Ära des Schreckens entgegensehen. Ceanag steht aber noch vor einem weiteren Problem: Er weiß nicht, wie die Waffe aussieht. Geschweige denn, wie sie zu handhaben ist. Und als ob das noch nicht Bedrohung genug wäre: In den Tiefen des Aluns werden zunehmend riesige Schatten gesehen. Es wird gemunkelt, dass die furchterregenden Wesen aus den Legenden wiedergekehrt seien ...
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Seitenzahl: 573
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Werner Karl
Driftworld
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Algenmänner
Der Gaukler
Am Rande der Wasserberge
Halldir
Die flüsternden Toten
Der schwimmende Thron
In den Minen des Nordens
Der Letzte seines Clans
Schatten im Alun
Feuer und Eis
Mit den Augen eines Kindes
Morgenstund hat Tod im Mund
Algen, Fleisch und Brot
Blutsteine
Unter den Gekreuzten Klingen
Relikte am Meeresgrund
Der Schäler
Treibgut
Bis ans Ende der Welt
Alte Feinde
Bös Ding will Weile haben
Neue Freunde
Männer des Südens
Sym tabbue nu e mórr
Metamorphose
Herrin der Dunkelheit
Der Bann muss brechen
Die Masken fallen
Von nackten Zauberern
Im Namen der Toten
Die Waffe
Sandbank
Der Rote atmet
Wenn Schleier sich heben
Ein Tier namens Eisenspan
Im Draken-Fjord
Die Augen des Drachen
Ein Krieger namens Eisenspan
Aus den Tiefen der Welt
Tausend Schiffe, tausend Wracks
Während eines einzigen Tages …
… und einer unglückseligen Nacht
König Andobar
Personenregister
Nachwort
Danksagung
Bibliographie
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Kapitel XXII
Kapitel XXIII
Kapitel XXIV
Kapitel XXV
Kapitel XXVI
Kapitel XXVII
Kapitel XXVIII
Kapitel XXIX
Kapitel XXX
Kapitel XXXI
Kapitel XXXII
Kapitel XXXIII
Kapitel XXXIV
Kapitel XXXV
Kapitel XXXVI
Kapitel XXXVII
Kapitel XXXVIII
Kapitel XXXIX
Kapitel XL
Kapitel XLI
Kapitel XLII
Kapitel XLIII
Jahre später
Impressum neobooks
DRIFTWORLD
Fantasy-Roman
von
Werner Karl
Zum Buch:
Driftworld. Eine raue Welt. Der Alltag ihrer Bewohner ist geprägt vom Alun, dem allgegenwärtigen Meer, auf dem die Überreste zerschlagener Kontinente als zahllose und schwimmende Inseln driften, den Winden und Strömungen ausgeliefert … und der Grausamkeit König Rhazors, der seinen Machtanspruch darauf begründet, dass sein Königreich auf einem der letzten stabilen Orte Driftworlds liegt: Der Festen Insel Quorr.
Der junge Zauberer Ceanag Vertreter eines einst mächtigen und vom Aussterben bedrohten Volkes sucht seit langem nach der ultimativen Waffe. Er ahnt, dass auch Rhazor seine Knochenkrieger nach ihr suchen lässt. Käme sie in die Hände des skrupellosen Königs, würden alle Völker Driftworlds einer Ära des Schreckens entgegensehen. Ceanag steht aber noch vor einem weiteren Problem: Er weiß nicht, wie die Waffe aussieht. Geschweige denn, wie sie zu handhaben ist.
Und als ob das noch nicht Bedrohung genug wäre: In den Tiefen des Aluns werden zunehmend riesige Schatten gesehen. Es wird gemunkelt, dass die furchterregenden Wesen aus den Legenden wiedergekehrt seien ...
Zum Autor:
Werner Karl, geboren in Nürnberg, schreibt Romane und Storys im Bereich der phantastischen Literatur. Besonders haben es ihm die Genres Dark-/History-Fantasy, Fantasy allgemein und die Science-Fiction angetan. Mehrere seiner Kurzgeschichten finden sich in diversen Anthologien, z. B. des NOEL- und des ATLANTIS-Verlages. Auch in der bekannten Autoren-Fachzeitschrift FEDERWELT erschien ein Artikel von ihm. Für mehrere Jahre war er Chefredakteur einer deutschen Online-Rezensionsplattform. Der Autor arbeitet im Hauptberuf in der Druckindustrie und lebt mit seiner Familie in Franken.
Impressum
Driftworld
Fantasy-Roman
Copyright © 2018 by Werner Karl
www.autorwernerkarl.org
Titelbildgestaltung durch:
Designstudio Daniela Roith, Langenzenn
www.emotions4web.de
unter Verwendung der Aufnahme
»Ikarine« by Attila Nagy, Nürnberg, Copyright © 2017
ISBN 978-1-730-73384-0
Schriftarten:
Times New Roman und Bedrock-Cyr
Ich bin kein Seemann und werde wohl in diesem Leben auch keiner mehr werden. Daher verwende ich in dieser Geschichte nur nautische Begriffe, die jeder verstehen kann. Eingefleischte Seeleute mögen mir daher verzeihen, wenn ich für bestimmte Dinge an Bord eines Schiffes und auf hoher See nicht die Spezialbegriffe verwende, die es tatsächlich in hoher Zahl gibt und die in den meisten Fällen wohl auch nur von Fachleuten verstanden werden würden. Auch habe ich auf ihren Einsatz in diesem Roman deswegen zum Teil verzichtet, da sie in fremden Sprachen und erst recht auf anderen Planeten vermutlich völlig anders lauten würden. Außerdem darf man Menschen oder Wesen in phantastischen Welten eine gänzlich andere Entwicklung von Seefahrttechnik zugestehen. Manche Wörter dagegen dürften universell gelten. Somit erklärt sich, dass das eine oder andere Fachwort doch vereinzelt auftaucht. Am Ende des Buches habe ich ein kleines Glossar eingerichtet, das Sie gerne zu Rate ziehen dürfen.
Das Kapitel »Sym tabbue nu e mórr« war ursprünglich mein Beitrag zu einem Story-Wettbewerb des Piper-Verlages im Jahr 2012. Der Fantasy-Autor Michael Peinkofer hatte knapp zwei Seiten Text vorgegeben und die Teilnehmer sollten die Szene ein Stück weiterführen. Seine Figur Granock finden Sie in einigen seiner Zauberer-Romane, die im Piper-Verlag erschienen sind. Nachdem mein Beitrag leider nicht gewonnen hat, steht mir natürlich mein Text nach dem Urheberrecht uneingeschränkt zur eigenen freien Verwendung zur Verfügung. Gerade in meiner Grundidee zu »Sym tabbue nu e mórr« steckte meiner Meinung nach so viel Potenzial, dass ich dieses Textstück hier in Driftworld gerne verwendet habe; natürlich mit einem Zauberer anderen Namens.
Und das ist genau das, was ich an Kurzgeschichten so liebe: Manche von ihnen entpuppen sich als Grundstein für einen deutlich längeren Text, entwickeln ein quirliges Eigenleben, das mitunter zu mehreren Hundert Seiten einer ganz anderen Geschichte mutieren kann. Also tauchen Sie ein in eine Welt, die wir Driftworld nennen wollen …
Der Autor
»Erinnerst du dich an den letzten Unterricht, Sohn?«
»Mit jedem Wort, dass du mich lehrtest, Mutter.«
»Dann wiederhole!«
»Lange vor den Menschen gab es vier Götter am Himmel: den Goldenen Vater, die Silberne Mutter und ihre Söhne, den Grauen und den Roten. Eines Tages stritten die Söhne, wer dem Goldenen Vater einst nachfolgen sollte. Ihr Streit war so heftig, dass der Goldene Vater dazwischenschlug und den Roten Sohn auf die Welt schleuderte. Dort brach er auseinander und starb in den Fluten der Welt. Seine zerbrochenen Glieder sind die schwimmenden Inseln, auf denen wir seit Urzeiten leben.«
»Gut. Was geschah mit dem Wasser?«
»Sein Blut veränderte das Wasser. Noch heute ist es salzig und nicht so klar wie die Tränen der Silbernen Mutter, von denen alle Menschen und Tiere trinken. Aus Trauer über den Tod des Roten verließ die Silberne Mutter den Himmel am Tag und zeigt sich seitdem nur noch in der Nacht.«
»Ist das alles?«
»Nein. Auch der Göttervater weinte … und schuf damit die Strömungen, welche verhindern, dass sich die zerbrochenen Glieder des Roten Sohnes wieder vereinen.«
»Warum? Liebte er diesen Sohn nicht so wie den anderen?«
»Doch, Mutter. Aber er wusste, dass, wenn alle Glieder wieder vereint wären, der Streit von neuem begänne. Seitdem zieht der Graue einsam seine Bahn und wird niemals seinem Vater nachfolgen.«
Aus den Legenden Nach Dem Fall
Die Lehrjahre König Andobars
Gemächlich glitt die Seekönigin durch die trübe und sulzige Gelschicht, die auf Driftworld den obersten Bereich des Meereswassers darstellte. Die Bugklinge des Schaufelseglers schnitt leicht durch das Medium, das meist erst drei Mannslängen unter dem Kiel etwas flüssigerem Wasser wich. Ab einer Tiefe von zwanzig Mannslängen war das Alun in einem Zustand, wie Vor Dem Fall. Die Seekönigin war das größte Schiff des Chisso-Clans und somit das Flaggschiff dieser Algenmänner. Ein mächtiger Dreimaster mit riesigen Segeln, die selbst bei schwachem Wind das Schiff zügig über die Meere fahren ließen. Die beiden Schaufelräder, die mittschiffs in ihren Vorrichtungen oberhalb der Wasserlinie hingen, drehten sich leicht und geräuschlos im Fahrtwind.
Es war noch früher Morgen und außer den Männern, welche die letzte Wache hinter sich gebracht hatten und bald abgelöst werden würden, befand sich nur ein Mann an Deck. Er war groß gewachsen, hatte breite Schultern und graues, von einigen weißen Strähnen durchzogenes Haar, das ihm bis auf die Schultern fiel. Er trug einen hellbeigen Mantel, elegant geschneidert aus dem Fell eines jungen Wollbären, der ihm bis zu den Knöcheln reichte. Seine Füße steckten in schneeweißen Stiefeln, deren seidener Glanz ihre Herkunft verriet. Sie waren aus dem Leder von Schollenspringern gefertigt, was den Träger allein durch diese Details als reichen Mann erkennbar werden ließ. Schollenspringer gab es nur auf dem Nordpol. Gefährliche Jäger, die nicht leicht zu erlegen waren. Ihre Gerissenheit, ihre Unberechenbarkeit, sowie ihr kostbares Fell und Leder, bildeten die Hauptgründe für die horrenden Preise, welche die Eismänner des Nordens für jedes Produkt verlangten, was sie daraus herstellten. Am Kragen und über der Stelle des Herzens trug der Mantel ein aufwändig gesticktes Zeichen: ein blaues Algenbündel mit zwei gekreuzten Schwertern auf weißgelbem Grund, welche die Haupteinnahmequelle des Chisso-Clans, seine Wehrhaftigkeit und das Wasser der Weltmeere symbolisierten.
Kapitän Chisso hatte am Vorabend nur das Hauptsegel und das erste Vorsegel setzen lassen. Sie hatten es nicht eilig. Ein Großteil der Mannschaft war ohnehin noch damit beschäftigt, den Rest der letzten Ernte von Strünken und unerwünschtem Beifang zu befreien und für die Fahrt zum Ziel zu konservieren. Sie hatten vor zehn Tagen ein so ausgedehntes Algenfeld entdeckt gehabt und selbstverständlich auch abgeerntet, dass die Laderäume der Seekönigin bald das Maximum erreichen würden.
Chisso blickte zum Himmel und sah, dass die Wolken weit über ihnen nur wenig schneller als sein Schiff in die gewünschte Richtung zogen.
Manchmal muss man einfach auch nur Glück haben, dachte er. Dann beugte er seinen mächtigen Oberkörper über die Reling und begutachtete die Schleimschicht auf der Schiffswand, die über der Wasserlinie fast wie am Tag ihrer letzten Erneuerung aussah, naturgemäß aber spröde geworden war. Zwischen dem Heben und Senken der Wellen erkannte er jedoch, dass die Schicht darunter nicht mehr lange ein reibungsarmes Gleiten durch die See ermöglichen würde. Seiner Schätzung nach hielt der Schneckenschleim noch für höchstens ein Drittel der Strecke.
Wir werden wohl oder übel ein Dock in Anspruch nehmen müssen, grummelte er innerlich, richtete sich wieder auf, rollte ein wenig mit seinen breiten Schultern und fügte den Kosten für Algen als Futter für ihre Schnecken an Bord noch die Kosten für die Dockgebühren und die Arbeit der Schleimer hinzu. Unvermittelt grinste er. Aber wir haben wenigstens eigene Schnecken. Andere Kapitäne müssen Schleim kaufen. Und frischer Schleim ist immer noch der Beste. Die Ladung bringt auch nach Abzug aller Kosten einen stattlichen Gewinn.
Nicht umsonst nannten ihn andere Algenmänner Chisso, den Glückvollen. Er wollte sich gerade zu seinem Ersten Offizier begeben, als der Ausguck einige seiner Lieblingswörter rief:
»Algenfeld Steuerbord voraus!«
Der Stimme war deutlich anzuhören, dass sie sich über den weiteren Bonus freute. An Bord der Seekönigin – und auf allen anderen Schiffen des Chisso-Clans – war es üblich, für solche Entdeckungen einen kleinen Zusatzlohn zu erhalten. Nur sehr wenige Algenmänner-Kapitäne taten es Chisso gleich. Die anderen argumentierten, dass es schließlich die Pflicht des Ausgucks sei, alles zu melden, was er sah. Sie verstanden einfach nicht oder waren schlichtweg zu gierig, um zu erkennen, dass es dazu führte, dass sich die freien Seeleute schier darum rissen, auf einem Chisso-Schiff anheuern zu dürfen. Die Folge davon war, dass sein Algenmänner-Clan wohl die motiviertesten und effektivsten Mannschaften auf ganz Driftworld besaß.
Dem Glück kann man es auch leicht machen.
Der Kapitän hob den Kopf zum Ausguck und sah, dass Dapan dort seinen Dienst tat. Selbst auf diese Entfernung hin konnte Chisso das breite Grinsen seines Neffen und dessen leuchtende Augen sehen.
»Wie weit ab vom Kurs, Dapan?«
»Ich schätze etwa vier Meilen, Patriarch.«
Chisso schürzte die Lippen und blickte in die angegebene Richtung. Nachdem Algenteppiche recht flach waren und die See heute nur mäßig bewegt, konnte er selbst noch nichts erkennen. Während er grübelte, ob sich der Abstecher lohnte, trat sein Erster Offizier neben ihn. Auch er zeigte ein leichtes Lächeln.
»Ich komme gerade aus dem Laderaum, Herr. Wenn wir einen Teil der neuen Algen auch an Deck verstauen, könnten wir etwa ein weiteres Zehntel an Fracht aufnehmen. Die Qualität leidet nicht, da wir die restliche Strecke in wenigen Tagen zurücklegen können.« Chisso wusste dies natürlich und musste schmunzeln. Wahrscheinlich addierte sein Erster Offizier schon den Extra-Bonus für ein volles Schiff.
»Wir würden dadurch natürlich sehr langsam werden, Valez«, antwortete Chisso und blickte in die dunkelbraunen Augen des Mannes. Für einen Moment hielt er den nachdenklichen Ausdruck bei und wusste genau, dass ihn viele der Männer an Deck so unauffällig wie möglich beobachteten und dabei gleichzeitig versuchten, der Unterhaltung zu folgen. Dann hoben sich auch seine Mundwinkel. »Allerdings müssen wir für eine neue Schleimschicht ohnehin in ein Dock. Dieses Feld dort draußen gleicht die Kosten wieder aus.« Er nickte Valez zu und winkte dankend zum Ausguck hoch. Dann raunte er dem Mann neben ihm zu: »Na schön: Kursänderung auf das Algenfeld.«
Chisso hatte kaum ausgesprochen, als sich Valez dem Rudergänger zuwandte und ihm Befehle zurief:
»Rudergänger: Kursänderung nach Steuerbord! Setzt zweites Hauptsegel!«
Die Männer an Deck hatten nur darauf gewartet. Sie stießen Jubelrufe aus, da auch sie mit mehr Heuer rechnen durften. Die meisten machten sich sofort mit frohen Mienen ans Werk. Einige sahen zum Himmel und bemerkten, dass der Goldene Vater noch einen langen Weg bis zum Zenit hatte. Alle jedochwussten, dass die Fahrt, das Ausladen der Beiboote, die Ernte selbst und die Beladung des Schiffes viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Ein voller Tag mit harter Arbeit stand ihnen bevor. Und alle wussten auch, dass das Abdrehen vom Algenfeld vor Einbruch der Dämmerung erfolgen sollte. Danach wäre es keinem Schiff geraten, sich noch in der unmittelbaren Nähe eines Algenfeldes aufzuhalten …
Die Seekönigin dümpelte mit gerefften Segeln am Rand des neuen Feldes. Valez brauchte nicht zum Horizont zu sehen, um zu wissen, dass die Zeit knapp werden würde. Die Männer schufteten mit aller Kraft. Auch sie wussten, welche Gefahr in der Dämmerung lauerte. Trotzdem trieb er sie an.
»Los Männer, beeilt euch!«
Die letzten drei Beiboote lagen noch längsseits. Algenbündel um Algenbündel wurden jetzt triefnass an Bord gehievt, anstatt sie gründlich abtropfen zu lassen und damit auch weniger Gewicht an Bord zu nehmen. Doch dafür gönnte man sich nicht mehr die Zeit. Lieber schufteten die Männer, als wäre der Shaitan persönlich hinter ihnen her. Ihre Gesichter und nackten Oberkörper glänzten vor Schweiß, während sie die blauen Bündel verluden. Als zwei der Boote gelöscht und in ihre Halterungen gehängt waren, und das letzte nur noch eine halbe Ladung trug, erteilte Valez neue Befehle.
»Segelmannschaften bereit machen! Rudergänger: Auf Gegenkurs vorbereiten!«
Dann endlich war auch das letzte Boot geleert und in seiner Hebevorrichtung fixiert. Noch während es langsam aus dem Wasser kam, kletterte dessen Besatzung die Außensprossen an der Schiffswand hinauf.
Nach seiner Wache, die er freiwillig unter Deck mit dem Verstauen der Ladung verbracht hatte, kletterte Dapan wieder in den Ausguck und löste den Mann ab, der dort trotz der Hitze ausgeharrt hatte. Geschickt verließ der Vorgänger den stabilen und geschlossenen Korb, der bei allen Schiffen auf Driftworld als Ausguck diente. Lediglich die obere Hälfte bestand aus einem weitmaschigen und zähen Geflecht, das selbst bei schwerem Seegang verhinderte, dass ein Mann ins Meer stürzen könnte. Dapan liebte seine Aufgaben und zählte zu den Hoffnungsträgern des Clans. Außerdem hatte er die besten Augen. Wie immer richtete er zunächst seine Aufmerksamkeit in die Richtung, aus der am ehesten Gewinn oder Gefahr zu erwarten war. Seine schon sprichwörtlich gute Laune trug nicht wenig dazu bei, die Stimmung an Bord zu heben. Aber kaum hatte er sich dem Algenfeld zugewandt, als ihm die Freude aus dem Gesicht wich. Der Erste Offizier wollte gerade den Befehl Alle Segel setzen! geben, als ihm Dapan zuvorkam. Jetzt besaß seine Stimme einen völlig anderen Klang.
Lauter.
Rauer.
Angsterfüllt.
»Wasserläufer!«
Und als wäre ein Ruf nicht genug, schrie er ein zweites Mal, sodass seine Warnung durch die geöffneten Ladeluken bis in die Tiefen der Seekönigin dringen konnte. Das Wort, das selbst altgedienten Algenmännern das Blut in den Adern gefrieren ließ.
»Wasserläufer!«
Dagegen klang die Stimme des Ersten Offiziers überraschend nüchtern, fast schon kaltschnäuzig. »Lasst das letzte Boot außen hängen! Wir nehmen es später an Bord.« Wenn es ein Später für uns geben wird, dachte Valez und rief: »Alle Mann an Deck! Volle Segel setzen! Rudergänger: Auf Gegenkurs gehen!«
Mit Befriedigung sah er die Männer auseinanderspritzen. Jeder wusste, was er zu tun hatte. Er wollte einen der Schiffsjungen – seinen Sohn Valezian – nach dem Kapitän schicken, als Chisso bereits die Stufen zum Achterdeck heraufstürmte und seine kostbar geschnitzte, aber nicht minder tödliche Armbrust samt Bolzentasche auf dem Rücken trug.
»Dapan, wie viel Zeit bleibt uns noch?«, rief Patriarch Chisso, ohne nach oben zu blicken. Stattdessen richtete er Augen und Armbrust auf das Algenfeld. Woher der Kapitän wusste, dass sein Neffe wieder Dienst tat, wunderte Valez nicht wenig.
»Zum Segel setzen langt es sicher noch, Patriarch ... aber nicht, um genügend Fahrt aufzunehmen.« Dapan schien für die Dauer eines Lidschlages unsicher zu sein, ob er seine Prognose über das ganze Schiff brüllen sollte. Dann siegte die Vernunft in ihm. »Wir werden nicht genug Distanz erreichen, bevor sie da sind.«
Chisso und Valez tauschten einen kurzen Blick, dann schallten die Befehle des Patriarchen über das Deck. »Schaufelräder herablassen und besetzen! Armbrustschützen zu deren Schutz! Je vier Mann an die Kurbeln! Sobald die Räder arretiert sind: Dreht, verdammt noch mal!« Noch immer starrte er auf das Algenfeld und schien mehr als bereit zu sein, dem ersten Vieh, das er sehen würde, einen Bolzen entgegenzuschicken. Dann fiel ihm noch eine Maßnahme ein. »Holt die Zimmerleute und den Koch nach oben! Gebt ihnen Waffen!«
Kurz drehte er sich herum und nahm den Sohn seines Ersten wahr. Die Augen des etwa neunjährigen Jungen glichen riesigen schwarzen Perlen.
»Und du gehst zum Schiffsarzt und hilfst ihm, so gut du kannst! Er wird dir sagen, was du zu tun hast.«
Valezian nickte stumm, schaute kurz in das Gesicht seines Vaters und stürmte dann davon. Seine Bewegungen verrieten, dass ihn nicht nur die Angst trieb, sondern auch das Wissen, dass er dort unten hilfreicher sein würde als in einem Kampf mit den Bestien.
Chisso sah ihm hinterher. »Ein guter Junge.« Dann wandte er sich wieder der Bedrohung zu.
»Ja, das ist er«, antwortete ihm Valez. »Danke, Kapitän!« Dabei musterte er das Gesicht seines Clan-Oberhauptes und fragte sich, ob auch er befürchtete, dass sich die Ernte an diesem Feld jetzt als Fehler herausstellen würde.
Es ist nicht das erste Mal, dass wir gegen diese Brut kämpfen … es wird auch nicht das letzte Mal sein. Dennoch: Wir hätten früher abbrechen sollen!
Beide Männer verzichteten darauf, die Mannschaft weiter anzutreiben. Mit grimmigem Ausdruck machten sie ihre Waffen bereit und vernahmen die heiseren Rufe der Besatzung, die nun alle Segel gesetzt hatte. Der Wind bauschte die Flächen und die Seekönigin machte fast einen Sprung, so als wolle auch sie der Gefahr entkommen. Mann um Mann gesellte sich zum Kapitän und seinem Ersten, bewaffnet mit Pfeil und Bogen. Die vorerst zweite Reihe bildeten Speer- und Axtträger; sie würden mit den Bogenschützen die Plätze tauschen, sobald die ihre Pfeile verschossen hatten … oder die Wasserläufer zu nahe für einen Schuss waren. Lediglich die Offiziere besaßen Armbrüste oder Schwerter; selten beides. Metall war kostbar auf Driftworld. Das Clan-Symbol daher mit zwei Schwertern zu zieren, war somit Warnung und Stolz zugleich. Valez hoffte in diesem Moment, dass aus gesundem Stolz nicht Überheblichkeit geworden war. Er schwor sich in diesem Moment, bei ähnlichen Gelegenheiten ein wenig mehr Zurückhaltung zu üben.
Stolz und Gier kann tödlich sein auf dieser Welt, dachte er und kontrollierte mit schnellen Blicken, ob die Männer die Befehle korrekt ausführten. Ein Teil seiner Selbstvorwürfe milderte sich, als er sah, dass alle bereit waren.
Die vier Matrosen außenbords – je zwei nebeneinander im Innern eines Schaufelrades stemmten sich mit aller Kraft in die nun ins Meer eingetauchten Hilfsantriebe. Ihre Kameraden an den Kurbeln zerrten an den schweren Stangen, welche die Drehbewegung über Zahnräder weitergaben und die Schaufelläufer unterstützen sollten. Dies taten sie im klaren Bewusstsein, dass die Läufer völlig unbewaffnet waren. Denn sie brauchten beide Hände, um sich an nahe der Nabe befestigten Griffen festhalten zu können, während ihre Beine einen immer rascheren Tanz aufführten.
Dann geschahen mehrere Dinge gleichzeitig.
Die Segel blähten sich durch einen überraschenden aber willkommenen Windstoß stärker auf und die Seekönigin nahm merklich Fahrt auf.
Die beiden Schaufelräder und ihre Bedienungen fanden ihren Rhythmus und drehten sich von Runde zu Runde schneller.
Und die Wasserläufer tauchten aus der Dämmerung auf.
Es war ihr bevorzugter Zeitpunkt für einen Angriff. Nicht nur die Ältesten aller Clans diskutierten seit Generationen über die Frage, ob die Wasserläufer einen Hauch von Intelligenz besaßen oder einfach ihrem Instinkt folgten, der ihnen sagte, dass die meisten ihrer Opfer in der Dämmerung schlechter sahen als am Tag. Und Menschen waren schon immer ihre bevorzugte Beute gewesen. Die zweite Sache, über die mehr gestritten als diskutiert wurde, war die Frage, wer zuerst auf Driftworld entstanden war: Die Menschen oder die Bestien? Selbst die Legenden Nach Dem Fall gaben hierzu keine klaren Auskünfte.
All dies schoss Kapitän Chisso durch den Kopf, als er das zahlreiche und sich rasend nähernde Platschen von Echsenfüßen vernahm. Es gab wenig, was ihm Respekt einflößte. Dieses grauenvolle Geräusch war eines davon. Als der erste Wasserläufer den Algenteppich verließ und auf dem dickflüssigen Wasser sein Tempo dennoch beibehielt, schrie Kapitän Chisso über die Schulter hinweg seinen Männern zu:
»Verschwendet keinen einzigen Pfeil! Zielt ruhig! Ihr wisst, dass die Viecher niemals ausweichen.« Er wollte noch mehr sagen, aber dann waren die Wasserläufer in Schussweite.
»Schieeeessst!«
Er selbst jagte einer der Bestien einen Bolzen mitten ins aufgerissene Maul. Der Echse platzte der Schädel und sie brach zusammen. Die anderen Angreifer ignorierten dies und stürmten weiter. Chisso zog mit geübter Bewegung den Spannhebel nach hinten. Automatisch glitt der nächste Bolzen aus dem kleinen Magazin auf die Schiene der Armbrust. Das würde er noch sieben Mal wiederholen können. Wenn ihm die Viecher die Zeit dazu ließen.
Valez neben ihm war jünger und kräftiger. Er hatte schon drei Bolzen zum Abschuss gebracht. Alle mit Erfolg.
Als ein Wasserläufer nach dem anderen fiel, klangen unter der Mannschaft vereinzelt Freudenschreie auf. Doch immer noch schien der Strom aus blutrünstigen Angreifern nicht nachlassen zu wollen. Chisso schätzte, dass ihnen mindestens 40 bis 50 Wasserläufer entgegenplatschten. Wie viele weitere in der rasch voranschreitenden Dämmerung noch lauern mochten, wagte er sich nicht vorzustellen. Man hatte schon von Kämpfen mit über 200 Bestien gehört. Patriarch Chisso war sich sicher, dass es auch Überfälle mit noch mehr Wasserläufern gegeben hatte und auch in Zukunft geben würde. Beweise gab es dafür aber keine. Denn die betroffenen Schiffe trieben oft für Wochen und Monate verwaist über die Meere. Von den verschwundenen Besatzungsmitgliedern blieben nur Blutflecke und zerrissene Kleidungsstücke zurück.
Bald werden sie die Reling erreichen und versuchen, an Bord zu gelangen. Das Einschleimen der Schiffswand bis hinauf zur Reling wird sich jetzt hoffentlich bezahlt machen, dachte Chisso und tauschte die leer geschossene Armbrust gegen sein Schwert. Er trug zwar noch eine volle Tasche Bolzen am Gürtel, sah aber, dass er keine Zeit haben würde, das Magazin wieder zu füllen. Stattdessen zügelte er die erneut aufkommenden Jubelrufe.
»Freut euch nicht zu früh, Männer. Das war nur die erste Welle.«
Und die Zweite kommt fast immer dann, wenn der Goldene Vater untergetaucht ist.
Er wusste genau, dass dies der gefährlichste Moment eines solchen Angriffes war. Die Zahl der Brandorden auf seinen Armen kündete ohne Worte und für jedermann sichtbar von seinen Erfahrungen. Tatsächlich verstummte das Platschen der Echsenfüße innerhalb von Augenblicken. Für die Dauer von zwei, drei Herzschlägen hörte man nur das angestrengte Keuchen der Schaufelläufer und der Kurbelmannschaften.
Dann zerriss ein grässlicher Schrei die kurze Stille. Er war von Backbord gekommen und bedeutete wohl das unmittelbar bevorstehende Ende eines Schaufelmannes. Abrupt endete der Schrei mit einem erstickten Laut, dem kurz darauf neue, schreckliche Töne folgten. Ein bösartiges Fauchen, untermalt vom Schaben scharfer Krallen auf Holz, drang an die Ohren der entsetzen Algenmänner. Je länger das Schaben anhielt, desto lauter und aggressiver wurde das Fauchen.
Chisso gönnte sich ein erwartungsfrohes Grinsen zwischen zusammengepressten Kiefern. Diese hier scheinen noch keine Bekanntschaft mit glitschigem Holz gemacht zu haben.
Plötzlich änderte sich der Ton des Wasserläufers und Chisso glaubte so etwas wie Befriedigung darin mitschwingen zu hören.
Dieses Drecksvieh …
Dabei fletschte er die Zähne und dröhnte in das gespannte Atmen seiner Männer die Ankündigung für das Unausweichliche heraus:
»Drakenzähne und Äxte!«
Längst hatten die Bogenschützen Pfeil und Bogen gegen die einfachen aber beeindruckenden Nahkampfwaffen getauscht, die auf jedem Schiff auf Driftworld in großer Zahl vorhanden waren. Gutes Holz war selten, aber Drakenstein gab es mehr als genug.
Viel eher als erwartet, tauchte der Kopf einer Bestie über der Reling auf. Noch bevor sich das Vieh am trockenen Holz herüberziehen konnte, schlug ihm Valez mit einem raschen Hieb den Schädel vom Rumpf. Doch niemandem blieb Zeit, sich darüber zu freuen, denn ein Wasserläufer nach dem anderen sprang an Deck. Einer stürzte sich sofort auf zwei Matrosen, die wohl zum ersten Mal diesen Echsen gegenüberstanden, denn keiner der beiden trug Brandnarben auf den Armen.
Der Erste hatte blanke Panik in den Augen. Trotzdem – oder gerade deswegen – trat er seinem Gegner entgegen und hackte ihm seine Axt in die schlanke Brust. Selbst dieser Treffer hinderte das Vieh nicht daran, seine Kiefer in den Unterarm des Mannes zu schlagen. Der Algenmann schrie gequält auf. Mehr im Reflex als gewollt, tat er dann das einzig Richtige: Er drosch dem Biest die freie Faust mit aller Kraft aufs Maul und brüllte dabei vor Schmerz und Wut. Und tatsächlich entließ die Bestie ihn aus ihren Zähnen. Mit rollenden Augen brach sie zusammen und zuckte mit den Gliedern so heftig, dass das Blut, das ihr aus der Brustwunde sprudelte, Freund und Feind bespritzte.
Der zweite Matrose hatte dies aus den Augenwinkeln bruchstückhaft mitbekommen. Er führte anstatt einer Axt einen Drakenzahn als Waffe. Zwar waren die Lavasplitter messerscharf; einen tödlichen Treffer würde man damit aber nur auf dem Kopf eines Wasserläufers erreichen. Leider war die Echse, die ihn attackierte, nicht gewillt, sich den Schädel zertrümmern zu lassen. Sie schnappte jedes Mal nach der Hand ihres Gegners, wenn der einen Schlag gegen sie führte. Dann beging der Mann seinen ersten … und letzten Fehler: Er holte zu einem wuchtigen Schlag zu weit – und vor allem zu langsam – aus. Der Wasserläufer biss ihm schon in den Hals, als der Mann das Ende der Ausholbewegung noch nicht einmal erreicht hatte. Mit einem Ruck riss die Echse den Kopf zurück und hatte dabei fast den kompletten Hals des Mannes in ihrem Maul. Der Kopf des Matrosen kippte nach hinten, nur noch gehalten von ein wenig Haut, zerrissenen Muskeln und gebrochenen Knochen. Einen Lidschlag lang stand sein schon toter Körper aufrecht, dann knickte er zusammen wie ein leerer nasser Sack.
Der Wasserläufer schluckte den großen Happen mit einem würgenden Geräusch hinunter und stürzte sich auf die Brust der Leiche. Seine Fressgier führte dazu, dass er die zahlreichen und wild entschlossenen Feinde um sich herum einfach nicht mehr wahrnahm. Gerade als er ein Stück Fleisch herausreißen wollte, traf ihn ein Schwerthieb des Kapitäns. Als wäre dies ein Signal gewesen, verebbte der Kampflärm. Innerhalb weniger Herzschläge stellte sich eine trügerische Ruhe ein. Die Männer warfen gehetzte Blicke um sich. Doch im Halbdunkel der hereinbrechenden Nacht sahen sie keinen Wasserläufer mehr. Nur der Ausguck konnte im letzten Schimmer des Goldenen Vaters Bewegungen auf dem Wasser ausmachen.
»Sie ziehen sich zurück! Wir haben genügend …«
Er brach ab, riss Pfeil und Bogen an sich und gab einen schlechten, weil hastig gezielten Schuss ab. Der Pfeil hätte in der Brust des Wasserläufers landen sollen, verfehlte aber sein Ziel. Die Bestie wurde an einem Bein förmlich auf das Deck genagelt. Sie zischte und fauchte, war aber nicht so schlau, ihre Klauen dafür einzusetzen, um wieder freizukommen. Stattdessen trat sie mit dem zweiten Hinterlauf und mit krallenbewehrten Fängen nach den Männern, die sich ihr langsam mit gezückten Waffen näherten.
»Bleibt mir weg von dem Ding!«, befahl Kapitän Chisso und tauschte in aller Ruhe sein Schwert gegen eine Armbrust, die ihm Valez reichte. Der Erste Offizier wusste, dass selbst eine scheinbar gefangene Bestie nicht zu unterschätzen war. Ein Schuss mit der Armbrust war daher in dieser Situation die bessere Wahl als ein Schwerthieb. Das Vieh begriff gar nicht, wie dumm es sich verhielt. Immer noch schlug es nach den Männern, die aber den Sicherheitsabstand auch deswegen einhielten, weil ihnen der Anblick eines noch lebenden Wasserläufers ohne unmittelbare eigene Lebensgefahr wohl nicht mehr so rasch geboten werden würde.
Der Kapitän hatte mittlerweile sein Magazin in aller Ruhe komplett geladen, zielte gelassen, dann drückte er ab. Der Bolzen durchschlug auf diese kurze Distanz die Brust der Bestie. Aus den seltenen – und in fast allen Fällen verlustreich erkämpften – Leibern getöteter Wasserläufer wusste man, dass deren Herz exakt in der Mitte des dreieckigen Oberkörpers lag. Chissos Bolzen hatte genau das Zentrum getroffen und den Wasserläufer augenblicklich getötet.
»Seht ihn euch gut an, Männer!« Dann warf er einen Blick auf seinen Ersten. »Bringt alle Verletzten zum Doktor und lasst die Toten zählen! Seht nach den Männern im Backbord-Rad. Wenn alle Verwundeten versorgt sind, soll die Mannschaft an Deck kommen. Auch die Verletzten, die sich dazu imstande fühlen. Und ich möchte, dass Ihr, Valez, Eurem Sohn und jedem Einzelnen der Mannschaft diesen toten Wasserläufer zeigt und erklärt, wie sie am besten zu erledigen sind. Vor allem Eurem Sohn, Valez.«
Beide Männer wussten, warum Patriarch Chisso so viel Wert auf die Ausbildung und den Schutz Valezians legte. Er machte sich noch immer Vorwürfe, dass sie vor Jahren einen Trupp Knochenkrieger verfolgt hatten, welcher ein kleineres Schiff des Clans aufgebracht und versenkt hatte. Noch heute hatten beide Männer das Bild der gehäuteten Ehefrau des Ersten Offiziers vor Augen. Warum sich der Schäler mit wahrer Inbrunst gerade deren Tortur gewidmet hatte, ließ die beiden auch heute noch in mancher Nacht aufschrecken. Die Quorr-Krieger hatten damals die überlebenden Chisso-Leute in die Sklaverei führen wollen. Die Verfolgung der Knochenkrieger und der Kampf mit ihnen auf offener See hatte schließlich auch Chissos Frau und seinem Erstgeborenen das Leben gekostet. Seitdem fühlte der Patriarch eine Schuld gegenüber dem Sohn seines Ersten Offiziers. Valez wusste aber, dass der Kampf ihre einzige Chance gewesen war, dem Schäler seine Beute wieder abspenstig zu machen. Und er verschwieg, warum seine Frau das besondere Ziel des Schälers gewesen war. Ihre eigenen Frauen und Chissos Sohn hatten sie also verloren … 48 andere Clan-Mitglieder aber vor Tod und Schlimmerem bewahren können. Der Schäler jedoch war ihnen im letzten Augenblick entkommen. Diese alte offene Rechnung mit Quorr nagte an beiden Männern.
Valez erinnerte sich oft an ihre traurige Last und hatte alle Versuche, wenigstens seinen Patriarchen davon freizusprechen, lange aufgegeben. Daher nickte er nur und wollte schon gehen, als Chisso ihn mit einer Geste aufhielt. »Noch etwas, mein Freund: Der Doktor soll die Gefallenen in leere Schneckenhäuser legen. Wir warten nicht, bis wir Land ansteuern können; wir übergeben sie der See beim nächsten Weißen Raucher. Mögen sie in der Welt der Ahnen ein besseres Leben haben.«
»Aye, Patriarch«, sagte sein Erster und gab die Befehle weiter.
»Erinnerst du dich an die letzte Lektion, Sohn?«
»Ja, Lehrerin.«
»Dann wiederhole!«
»Wir teilen auf Driftworld die Zeit in fünf Tag- und fünf Nachtstunden, entsprechend unseren Fingern an jeder Hand. Die erste Tagstunde nennen wir Früher Tag, die erste Nachtstunde Frühe Nacht.«
»Gut. Und die anderen Stunden?«
»Kleiner Tag, Mitt-Tag, Großer Tag, Später Tag … die weiteren Stunden der Nacht also Kleine Nacht, Mittnacht, Große Nacht und Späte Nacht.«
»Sehr gut, Sohn. Und was ist die wesentliche Eigenart der Zeit?«
»Sie fließt beständig, steht niemals still. Eine Stunde gleitet in die nächste ohne Übergang.«
»Was erinnert uns ständig daran?«
»Die Schwimmhäute zwischen unseren Fingern. Sie vereinigen unsere Finger zu einer Hand.«
»Und?«
»Also nennen wir unsere linke Hand auch Tag und die rechte Hand Nacht.«
Aus den Legenden Nach Dem Fall
Die Lehrjahre König Andobars
Surrio bewegte sich mit einer Eleganz und Selbstsicherheit, die nur wenigen Männern am Hofe zu eigen war. Die meisten bildeten sich nur ein, sie hätten diese Eigenschaften. Bei Surrio waren sie Teil seiner Position … und seiner Tarnung. Er konnte es sich leisten, mit stolz geschwellter Brust aufzutreten und mehr als launige Bemerkungen über alles und jeden von sich zu geben. Selbst der König musste sich das gefallen lassen. Da traf es sich gut, dass König Rhazor zwei Seelen in sich vereinte: eine gesellige, mitunter joviale … und eine stahlharte, gnadenlos konsequente Seite. Außerdem betrachtete er seinen neuen Gaukler schlichtweg nicht als vollwertigen Mann, sondern als Laune der Natur. Der komplette Hofstaat, sowie die gesamte Bevölkerung des Reiches Quorr beging diesen Fehler. Den sie noch nicht mal als solchen erkannten. Und das war Surrio nur mehr als recht.
Sollen sie von mir denken, was sie wollen, dachte der Zwerg, marschierte mitten durch die Pracht-Allee des königlichen Parks und ignorierte die für ihn riesigen Gespanne und die lauten Beschimpfungen ihrer Kutscher.
Der Grund dafür, dass er nicht gleich am ersten Tag auf Der Festen Insel von den Krallenfüßen der plumpen Ponatos in den Boden gestampft worden war, lag schlichtweg daran, dass Surrio Fähigkeiten besaß, von denen hoffentlich niemand im Königreich etwas ahnte. Offiziell zählte er zur kleinen Gruppe der Zwerge, einem Überbleibsel einer Epoche, die von beinahe allen Völkern auf Driftworld noch heute als Das Zeitalter der Götter, also der Epoche Vor Dem Fall, bezeichnet wurde.
Dabei wissen sie nicht einmal, was durch Den Fall alles verloren gegangen ist, dachte Surrio und blickte äußerlich unbewegt, aber mit innerer Verachtung auf die Menschen um ihn herum. Sie halten sich für ein großes Volk. Nur weil sie seit einigen hundert Jahren Insel um Insel an sich ketten. Sie setzen Landgewinn gleich mit Machtgewinn. Sein hübsches Gesicht überflog ein Hauch von Ärger. Und damit haben sie auf den ersten Blick sogar recht. Mehr Land gebiert mehr Ertrag an Mensch, Tier und Ressourcen. Doch groß macht es diese Nation nicht wirklich. Die Quorr glauben, dass sie der ganzen Welt ihren Stempel aufdrücken müssen und schon würden sich die alten Zeiten von ganz allein wieder einstellen. Welche Narren! Sein Ärger verflog so rasch wie er aufgeflammt war, wie immer, wenn er an diesen Punkt seiner Überlegungen kam. Sie halten mich für einen Narren. Sie haben schon vor Urzeiten vergessen, wer wir wirklich sind und was unsere edelste Aufgabe war. Sie wissen nichts mehr von unseren Fähigkeiten.
Dass Surrio sich – zumindest in zwei von drei Punkten täuschte, konnte er nicht ahnen. Stattdessen lächelte er sogar und ließ es zu, dass sein Mund sich leicht öffnete und seine makellosen Zähne ansatzweise durchschimmern ließ. Die Kutscher beeilten sich augenblicklich, ihre Gespanne aus dem Weg zu dirigieren. Selbst die Ponatos – in freier Natur nicht ganz ungefährliche, gezähmt jedoch eher stumpfsinnige Kreaturen – bemühten sich, aus der Nähe der kleinen Gestalt zu gelangen.
In ihnen schlummert noch immer das kollektive Gedächtnis, freute sich der Zwerg und genoss den Effekt auf die zahlreichen Menschen im Park, die mit unverhohlener Neugier seinen Weg verfolgten. Die Ponatos erinnern sich …
Surrio schloss seinen Mund und wandelte sein leicht drohendes Lächeln in ein munteres, zu Scherzen aufgelegtes Gesicht, das jeden unbefangenen Menschen sofort für ihn einnahm. Mit dieser Maske erklomm er die Stufen des westlichen Eingangs des Schlosses, das König Rhazor, Herr über alle Quorr und seine vielen Vasallen, von seinem Vater übernommen hatte. Scheinbar ohne die Wachen auch nur zu bemerken, stieg Surrio Stufe um Stufe hinauf und war sich bewusst, dass sich viele wohl wundern mochten, dass er die für ihn fast kniehohen Stufen so leicht nehmen konnte.
»Hier unten bin ich, edle Wächter«, rief er spöttisch mit seiner klaren Stimme, als er die beiden Knochenkrieger passierte, die ihn natürlich gesehen hatten. »Passt auf, dass Ihr mich nicht zertretet.«
»Wir werden doch nicht des Königs neuestes Spielzeug platt machen«, grinste der eine und behielt seine lässige Haltung bei. Schließlich war weder der König noch der Kommandant der Wachgarde weit und breit zu sehen.
»Außerdem würden wir uns des einzigen Mannes berauben, der sich damit abgibt, uns Soldaten den Feierabend erträglicher zu gestalten«, warf der zweite Gardist ein. Trotz seiner offensichtlichen Freude darüber, konnte er es nicht unterlassen, dem Wort Mann einen Klang zu verleihen, der mehr als deutlich ausdrückte, dass er diese Bezeichnung für das Wesen vor sich nicht wirklich ernst meinte.
Surrio reichte mit seinem Kopf gerade über die Gürtel der beiden Männer und lachte zurück. »Auch mir macht es Spaß, Euch das Geld aus den Taschen zu ziehen. Ihr seid wahre Stümper beim Inselspiel.«
Alle drei lachten und beschlossen jeder für sich, es dem anderen beim nächsten Spiel heimzuzahlen. Aus unterschiedlichen Gründen.
Das Inselspiel wurde immer mit vier Teilnehmern gespielt. Es ging darum, so wenige Inselsymbole als möglich zu würfeln. Der erste Spieler hatte dabei die Wahl, aus einem Beutel mit sieben Würfeln eine den anderen Spielern unbekannte Anzahl zu entnehmen und in seiner Hand zunächst zu verbergen. Natürlich konnte der zweite Spieler feststellen, wie viele Würfel im Beutel verblieben waren und sich somit leicht ausrechnen, wie viele der erste entnommen hatte. Nun stand es diesem zweiten Spieler frei, einen oder gar keinen Würfel zu entnehmen. Tat er Letzteres, wurde er automatisch zum stillen Partner des ersten und partizipierte an dessen Erfolg oder Misserfolg. Das Hauptziel war, mit einem einzigen Wurf auch nur ein Inselsymbol zu erlangen. Was die politischen Absichten der Quorr seit Jahrhunderten widerspiegeln sollte. Ein möglichst großer Kontinent mit einem dominierenden Königs- besser noch: Kaiserhaus.
Jeder siebenseitige Würfel trug je ein Insel- und ein Drakensymbol. Die restlichen Flächen zeigten Symbole für Algen, Strömungen, Unwetter, Wasserläufer und Docks, welche somit für Reichtum, Vorwärtskommen, Gefahr, Tod und Pause standen.
Die übrigen Spieler repräsentierten natürlich die anderen Völker und Nationen, die den Erfolg ihrer Gegenspieler zu verhindern suchten. Je mehr Würfel der erste Spieler im Beutel hinterließ und somit seine Chancen auf einen sofortigen Sieg erhöhte, desto größer war die Gefahr, dass einer seiner Gegner den alles vernichtenden Draken würfelte. Aus diesem Dilemma ergab sich die Spannung des Spieles. Man konnte auch nicht sicher sein, ob der erste Spieler alle oder nur einen Teil seiner Würfel warf, was den Unterschied zwischen verringertem Risiko, aber geringerem Gewinn und hohem Risiko mit maximalem Gewinn darstellte.
Was die Soldaten nicht wussten und auch sonst niemand auf Der Festen Insel, war, dass Surrio ein Empath war. Das verschaffte ihm einen immensen Vorteil bei der Entscheidung, wie viel oder ob er überhaupt Geld bei einer Runde setzen sollte.
Surrio hatte in der kurzen Zeit, die er am Hofe König Rhazors weilte, schon ein hübsches Sümmchen erspielt. Es half ihm, sich die Schneider leisten zu können, die es verstanden, seinen sehr kleinen aber wohlproportionierten Körper in ebenso ansehnliche Kleider zu hüllen. Natürlich gab es in seiner Größe sonst nur Kindersachen auf den Basaren oder in den Schneidereien zu erstehen. Trotz seiner offiziellen Funktion als Hofnarr hatte Surrio aber kein Interesse daran, wie ein Idiot durch Quorr zu laufen.
Hier heißt alles Quorr, dachte er abfällig. Die Feste Insel, diese Stadt und das Volk. Sehr einfallslos und beispielhaft für die schlichte Natur dieser Menschen. Dabei lächelte er einigen Damen zu, die sich wohl zu fragen schienen, welche Ausmaße seine Männlichkeit haben mochte. Ihre unverhohlenen Blicke in seinen Schritt und ihre errötenden Wangen, als er ihnen eindeutig anzüglich zublinzelte, waren unschwer anders zu interpretieren. Ich hoffe, diese Holden stöhnen das Wort nicht auch noch, wenn sie Sex haben.
Dann konzentrierte er sein strahlendes Lachen auf die Frau, die ihm von Anfang an aufgefallen war. Sie war eine der Hofdamen der Königin, eine gewisse Aurelia. Ihre roten Wangen leuchteten am stärksten, was nicht unbedingt auf ein entsprechendes Maß an Scham hindeuten musste. Eher vielleicht auf ein echtes Interesse an ihm. Leider war er zu weit von ihr entfernt, um ihre Gefühle lesen zu können. Irgendetwas an ihr sagte ihm dennoch, dass es lohnenswert wäre, sich näher mit ihr zu befassen.
Warum nicht sie?, dachte Surrio und warf ihr einen Kussmund zu, was bei ihren Freundinnen zu Gekicher und Getuschel führte. Näher als über diese Hofdame werde ich nicht an die Königin herankommen. Und die wird sicher vieles von dem wissen, was mir ihr Mann niemals verraten wird.
Surrio warf noch einmal einen Blick zu den Frauen, fing ein fast unmerkliches aber völlig unerotisches Nicken von Aurelia auf und musste dann die Tür zum Vorraum des Thronsaales passieren.
König Rhazor verzog seinen Mund in einer Mischung aus Arroganz und Neugier, als Surrio den großen Prunkraum betrat. Was aber nur wenigen auffiel, da er sein Gesicht gerade hinter einem riesigen Weinglas verbarg, in dem der ausgesprochen wohlschmeckende Rote von der Südküste Quorrs schwappte. Etliche Hofschranzen wandten sich dem Ankömmling zu, der mit festen Schritten auf den Thron zuhielt und dabei neckische Worte und lustige Bewegungen mit den Händen nach beiden Seiten des Saales verteilte. Surrio tat dies nicht nur zur Unterhaltung der Anwesenden, sondern auch, um zu erfahren, wer die Einstellung des Königs zu Zwergen teilte und wer eine andere Haltung vertrat.
Er hatte die Strecke etwa zu einem Drittel bewältigt, als ihm in der Menge ein Gesicht auffiel, das sich zwar im Hintergrund hielt, ihn dennoch fixierte, wie eine Schlange eine Maus. Zwei eisgraue Augen verfolgten jede seiner Bewegungen, blieben aber sonst völlig ausdruckslos. Surrio hätte sich gerne dem Mann genähert, um dessen Emotionen aufnehmen zu können, kam aber zu dem vorläufigen Schluss, dass dieser sich scheinbar so gut in der Gewalt hatte, dass er dessen Gefühle auch dann nicht würde lesen können, stünde er ihm direkt gegenüber. In Surrio keimte eine Ahnung, dass er diesem Mann besser nicht zu nahe kommen sollte.
Für uns Zwerge ist es wichtig zu erkennen, wer uns gewogen ist und wer nicht, dachte er und ging äußerlich unbeeindruckt weiter. Schließlich hielt er die vorgeschriebenen zwölf Schritte vor dem Thron an und verneigte sich mit übertriebener Geste. Dass er dabei aufgrund seiner geringen Körpergröße und entsprechend kurzer Schrittlänge näher an den König herankam, als normal gewachsene Menschen, fiel nicht einmal den Wachen auf. Surrio schon. Gut zu wissen.
»König Rhazor, hier bin ich und erwarte Eure Wünsche.«
Der König nippte noch einmal von seinem Glas, senkte es, behielt es aber in der Hand. »Wie werden die schon lauten, Zwerg? Amüsiere mich! Aber ich warne dich. Wir hatten hier schon mal einen von deiner Art … und der war gar nicht lustig. Ich erinnere mich, dass mein Vater ihn in einen Pferch voller Ponatos werfen ließ. Und sich daran ergötzte, wie er zwischen den trampelnden Füßen der Viecher herumrannte. Solange, bis ihn eines der Biester endlich erwischte und in den Boden stampfte.« Er setzte das Glas auf einem Tablett ab, das ihm ein Lakai entgegenhielt, dann beugte er sich nach vorn und grinste breit. »Ich glaube, es war die einzige Gelegenheit, bei der ich meinen Vater lachen sah.«
Surrio kannte die Geschichte und auch den Namen das alten, längst verstorbenen Königs: Ulkor, der Freudlose. Nichtsdestotrotz hatte Ulkor DieFeste Insel deutlich mehr vergrößert als sein Sohn Rhazor es bis jetzt vermocht hatte. Der Zwerg ging nicht auf die Bemerkung Rhazors ein, sondern erhob sich wieder und setzte erneut ein strahlendes Lächeln auf. »Nun, ich werde Euch nicht mit dummen Witzen langweilen, König Rhazor. Ich glaube, es hebt Eure Laune weitaus mehr, wenn ich Euch verkünden darf, dass die kleine aber feine Insel des Halldir-Clans sich Quorr nähert.«
»Das wissen wir längst, Zwerg«, rief Rhazor. »Die Strömung treibt die Insel Halldir seit mehreren Monaten auf uns zu. Und wir wissen auch, dass sich die Bewohner allesamt auf das Meer geflüchtet haben. Sie haben das Angebot, meine Vasallen zu werden, abgelehnt.« Der König war nicht allein deswegen verstimmt, weil ihm dadurch weitere Arbeitskräfte entgingen, sondern auch deswegen, weil die Halldir-Männer – selbst die Frauen – begnadete Schmiede waren.
Surrios Lächeln wurde um eine Spur breiter. Innerlich bedauerte er aber, was er nun mitteilen würde. »Der Halldir-Clan konnte aber nicht alles Hab und Gut mit auf das Meer nehmen. Dazu hatte er zu wenige und zu kleine Schiffe. Sie mussten einen ansehnlichen Teil unverarbeiteter Erze zurücklassen. Die nun in Eure eigenen Erzschmelzen gelangen können … König Rhazor.«
Der Gaukler war fasziniert von dem Schauspiel, das sich ihm und allen anderen im Saal nun bot. Das Gesicht des Königs erstarrte für die Dauer von mehreren Herzschlägen zu einer Maske. Dann wandelten sich die harten Züge wie von Zauberhand in ein Antlitz mit weichen Konturen. Mund und Wangen sogar zu einem sympathischen Lächeln, das jeden, der Rhazor nicht auch anders kannte, hätte denken lassen können, der König wäre die Freundlichkeit in Person. Der Wandel erfolgte so rasch, dass Surrio für einen Wimpernschlag der Gedanke durch den Kopf schoss, Rhazor könne Zwergenblut in sich tragen.
Aber das ist ganz sicher nicht der Fall.
»Hah!«, stieß Rhazor aus. Und noch einmal: »Hah! Das wussten meine Kundschafter nicht, Herr Zwerg.«
Aha, plötzlich Herr Zwerg.
»Und woher weißt du das? Wieso bist du im Besitz dieser zugegeben wundervollen Information und mein Kundschafterdienst nicht?«
Surrio zuckte mit den Achseln und bewegte seine Hände so in Richtung eines Mannes mit betont unauffälliger Kleidung, als würde er einen Fisch entschuppen. Die Geste galt auf Driftworld allgemein als harmlose Verhöhnung. »Ich kann nichts dafür, dass Eure Leute schlampig arbeiten, König Rhazor. Ich entdeckte die menschenleere Insel auf meinem Weg zu Euch.«
»Und dein Schiff, wahrscheinlich eher ein Boot, war nicht groß genug, um das Erz aufzunehmen. Vermute ich hier richtig, Herr Zwerg?«
Surrio verbeugte sich tief, eher um seine Verstimmung ob dieser Tatsache zu verbergen, erhob sich aber gleich wieder, um dem König zu antworten. »Da liegt Ihr richtig, König Rhazor. Auch wir Zwerge schätzen Erz. Man kann daraus so viele herrliche Dinge herstellen.«
Rhazor war viel zu erfreut, um die mögliche Verwendung des Erzes in Zwergenhänden zu überdenken. »Ich werde daraus Schwerter und Äxte schmieden lassen.«
»Ganz wie Euch beliebt. Ihr seid der König.«
Rhazor sprang fast aus seinem Thron und etliche der Speichellecker im Saal zuckten zusammen. Seine Stimme klang schlagartig wie die eines Tieres, das seinen Atem bei einer Hatz in Panik ausstieß.
»Nehmt ein, nein, zwei große Frachtschiffe und lasst sie von zwei Kriegsschiffen begleiten. Und wehe, ich erfahre, dass irgendein dahergelaufener Algenmann mir mein Erz von der Halldir-Insel gestohlen hat. Bringt es mir … und zwar bevor ich mich wieder hinsetze!«, brüllte er und zeigte sein von einer Sekunde zur anderen erhitztes Gesicht. Dass er nicht wirklich an ein adäquates Tempo dachte, machte keinen Unterschied. Ein ganzer Trupp Männer stob aus dem Saal, auch der Mann mit den eisgrauen Augen. Nur Augenblicke später erschallten Signalhörner aus Richtung des engen Binnenhafens, der die Stadt und die Festung Quorr versorgte und auf dessen Stadtmauern viele Katapulte die Hafeneinfahrt und die Stadt selbst beschützten.
Als endlich der vorgeschriebene Glockenton des Hafengeläutes das Auslaufen einiger stets startbereiter Schiffe verkündete, war Rhazor wieder ganz der joviale Herrscher. »Nun … Surrio, so heißt Ihr doch, nicht wahr? Es scheint so, als würdet Ihr mich deutlich mehr amüsieren als all Eure Vorgänger.«
Dass König Rhazor ihn nun siezte, fiel nicht wenigen der Hofschranzen im Saal auf. Auch Surrio überhörte die neue Anrede nicht. Daher verbeugte er sich tief. »Es wird mir eine Ehre sein, König Rhazor«, log er. »Ich hoffe, Euch auch in Zukunft mit ähnlichen Dingen erfreuen zu können.«
Was er in Wahrheit hoffte, war, dass der Halldir-Clan der Knechtschaft oder dem Tod entgehen würde. Die Insel und alles auf ihr war ohnehin für sie verloren. Weiterhin hoffte Surrio, dass die Knochenkrieger sich damit begnügen würden, die mobilen Schätze der Insel zu bergen und die beiden damit zu beladenden Quorr-Frachtschiffe zu beschützen. Er konnte nicht ahnen, dass König Rhazors Gier und schon vor Monaten erteilte Befehle Anderes bewirken würden.
Etwa eine Stunde später sah Surrio die Hofdame der Königin allein auf einer Schaukel sitzen. Weder die Königin, noch die beiden anderen Damen, die sie zuvor begleitet hatten, waren zu sehen. Nur ein Wachsoldat, angetan in die übliche Knochenrüstung, befand sich in ihrer Nähe. Beide wandten Surrio den Rücken zu. Der Zwerg schlich zwar nicht, trotzdem waren seine Schritte auf dem weichen Gras kaum zu hören. Selbst das Rauschen des Windes in den Bäumen erzeugte mehr Geräusch, als die leichten Tritte seiner lederbeschuhten Füße. Surrio war noch zehn Schritte von ihr entfernt, als sie mit der Schaukelei innehielt und sich ihm zuwandte.
»Ihr seid recht unauffällig, Herr Surrio, zumindest wenn man Euch nicht sieht. Fast hätte ich Euch nicht gehört; die Gelenke der Schaukel quietschen ein wenig.«
»Das habe ich nicht gehört, Dame Aurelia. Ihr habt ein ausgezeichnetes Gehör.« Dann blickte er sich um, als würde er jemanden suchen. »Ihr seid nicht bei der Königin?«
»Auch Hofdamen dürfen ab und an ihre Aufgaben an andere abgeben. Die Königin ist in dieser Beziehung ein wenig großzügiger als ihr Gatte.«
Surrio nickte. »Ich habe davon gehört. Beide schätzen es nicht, beim Liebesspiel beobachtet zu werden.« Dabei blieb sein Tonfall wertungsfrei.
»Ach, das habt Ihr gehört? Erstaunlich, in der kurzen Zeit, die Ihr erst hier auf Quorr verbringt. Ihr scheint ein guter Beobachter zu sein, Herr Surrio.«
»Ich gebe mir Mühe. Aber bitte: Nennt mich nur Surrio; dieses ständige Herr geht mir auf den Geist.«
Sie ließ sich von der Schaukel herab und ging zwei Schritte auf ihn zu. Der Wachsoldat hatte sich zu Beginn ihrer Unterhaltung zu ihnen umgedreht und wollte sich schon nähern, als Aurelia ihn mit einer Geste davon abhielt.
»Ihr scheint mir mehr zu sein als eine Hofdame, werte Aurelia. Wenn selbst die Wachen auf einen Fingerzeig von Euch hören …«
»Das liegt daran, dass dieser Mann dort mir zu Diensten verpflichtet ist, und nicht dem Königshaus … Surrio.«
»Und warum erzählt Ihr mir das? Es ist an diesem Hof doch eher so, dass man selbst die kleinste Information für sich zurückbehält oder in bare Münze verwandelt sehen möchte.« Der kleine Mann blieb stehen, als Aurelia sich direkt vor ihm ins Gras setzte, nach einem Kamm griff, den sie irgendwo in ihren Kleidern verborgen gehabt hatte und ihr Haar zu bürsten begann.
Ist das Neckerei oder ein Schauspiel für weitere Zuschauer?, dachte der Gaukler und ließ sich auf die Knie herab. Dabei fiel sein Blick wie zufällig auf ihren Ausschnitt. Meinetwegen, dann spiele ich mal mit.
»Ich möchte das Unausweichliche nur abkürzen. Und es eben stattfinden lassen, wenn mir Ort und Zeit genehm sind«, fuhr sie fort und lächelte dabei, als würden seine unübersehbaren Blicke ihr schmeicheln.
»Das Unausweichliche? Was meint Ihr damit?« Surrio blieb fast die Luft weg, als Aurelia ihren Kamm fallen ließ und mit einer schnellen Geste in seinen Schritt griff. »Was erlaubt …«, setzte er an, doch dann überschwemmte ihn ein wahrer Wasserfall an Gefühlen. Uralte Empfindungen fluteten sein Gehirn und seinen Körper. Längst vergessene Eindrücke tauchten aus den Tiefen seiner Erinnerung auf und offenbarten, womit er nicht gerechnet hätte. Zumindest nicht in Quorr.
»Ihr seid eine Zauberin.«
»Und Ihr seid ein Iruti, mein Herr!«, entgegnete sie und zog scheinbar feixend ihre Hand zurück. Als er nichts entgegnete, spielte sie mit den Rändern ihres Ausschnittes und auch Surrio fiel automatisch – und wie er sich selbst gestehen musste: angenehm berührt – in das Rollenspiel ein.
»So erkennen wir also einander wieder. Zwei Vertreter alter Völker … und Feinde.« In Surrio erlosch der kleine Funke, der ihn für einige Augenblicke erfüllt hatte. Selbst wenn sie ihre beiden Körpergrößen ignoriert hätten, wäre eine Verbindung unmöglich gewesen. Erst recht zwischen einer Zauberin und einem Zwerg.
»Unsere Vorfahren mögen Feinde gewesen sein … Zwerg«, sagte sie zu seiner Überraschung und erhob sich zu voller Größe vor ihm. »Aber das muss nicht heißen, dass wir beide … und andere unserer Art, wieder mit Waffen aufeinander losstürmen müssen. Es sind andere Zeiten angebrochen. Und jedes unserer Völker hat weniger Mitglieder als auf zehn Schiffe passen würden. Und: Es gibt keine Draken mehr.«
Surrio enthielt sich einer direkten Antwort und versuchte, das Gesicht aufzusetzen, das er beim Inselspiel seinen Gegnern zeigte. »Das erklärt noch nicht, warum Ihr Euch mir offenbart habt.«
»Ist das nicht offensichtlich?«
»Wenn wir keine Feinde mehr sind, was sind wir dann?«
»Verbündete gegen das Böse. Gegen Quorr.«
»Eure Ahnen sahen in uns Iruti das Böse.«
»Nicht in Euch selbst. Nur das, was Ihr befehligt habt. Und ich sagte ja schon: Es gibt keine Draken mehr.«
»Vielleicht sind wir Iruti auch ohne Draken böse.«
»Ihr habt Euch geändert«, sagte Aurelia überzeugt und bot ihm die Hand. »So wie wir uns geändert haben.«
Surrio nahm sie und ließ sich in den Stand helfen. »Ich glaube nicht, dass sich das Erste Volk geändert hat«, antwortete er überraschend hart und ließ dabei seinen Blick dennoch bewundernd über ihren Körper gleiten. »Ich glaube vielmehr, dass ihr eine höllische Angst davor habt auszusterben und in Vergessenheit zu geraten.«
»Wie ihr Iruti«, betonte sie so laut, dass Surrio befürchtete, der Knochenkrieger würde zu ihnen treten und fragen, warum sie sich so ereiferten.
»Trotzdem seid Ihr hier auf Quorr«, beharrte Aurelia. Sie beugte ihren Kopf herunter und tat so, als wolle sie ihm einen Kuss anbieten. Ihre Stimme dagegen klang plötzlich knallhart, fast eisig »Unser gemeinsamer Gegner heißt König Rhazor. Die Quorr sind nicht das, was diese Welt verdient hat.«
»Dem stimme ich zu, Zauberin Aurelia.«
»Dann schlage ich ein Bündnis vor, Surrio. Beweisen wir der Welt und anderen Vertretern unserer beider Völker, dass wir zur Vernunft gekommen sind …«
»… nach Tausenden von Jahren und angesichts unseres drohenden Untergangs …«
Sie wischte mit einer Hand heftig durch die Luft, wohl um der Wache vorzuspielen, sie beide würden von anfänglicher Anziehung zu plötzlicher Ablehnung wechseln, bestätigte aber seinen Einwand durch ein kurzes Nicken.
»Hört mir zu, Zwerg. Die Königin ist längst nicht so schlimm wie ihr Gatte, dennoch aber ein hochnäsiges und arrogantes Weibsstück … was sich zu Tode langweilt. Die ständigen Annektierungen anlandender Kleinstinseln öden sie an. Einzig die Nächte mit neuen Liebhabern aus der Schar Gefangener halten sie bei Laune. Vor einigen Zehnttagen hat aber König Rhazor einen Mann hinrichten lassen, der sich einer Nacht mit der Königin gerühmt hatte. Nicht weil der seine Frau bumste, sondern weil er es publik machte. Nun ist die Königin stinksauer auf Rhazor … und hat in einem unbedachten Moment mir gegenüber geprahlt, dass sie zu dem kleinen erlauchten Kreis zähle, die in das größte Geheimnis Quorrs eingeweiht seien. Leider hat sie sich auf die Zunge gebissen, als sie ihren Fehler bemerkte. Ich tat so, als hätte ich es überhört.«
»Was für ein Geheimnis? Dass Gefangene gefoltert und ermordet werden, egal ob sie vermeintliche Untreue oder andere Verbrechen gestehen oder nicht? Dass Quorr keine Monarchie ist, sondern ein Tyrannenstaat? Dass die Gelüste König Rhazors scheinbar nie zu stillen sein werden? Er seine Vorfahren in der Erweiterung Der Festen Insel übertreffen will?« Er schüttelte den Kopf. »Das alles sind längst keine Geheimnisse mehr.«
Jetzt erhob sich Aurelia wieder und sah mit gespielt ablehnendem Ausdruck auf den Iruti herunter. »Es soll an einer der zerklüfteten Küsten Der Festen Insel ein Tal geben, das für niemanden zugänglich ist. Weit davor sorgen Knochenkrieger und Absperrungen dafür, dass niemand auch nur in Hör- oder Sichtweite des Tals kommen könnte. Selbst die Namen der Wachen bleiben ungenannt. Und hinter den Schädelhelmen kann man keine Gesichter erkennen. Mein Versuch, einen der Krieger zu verführen und auszuhorchen, ist leider im Ansatz gescheitert.« Sie blickte auf ihn herab, hatte aber nun einen Hoffnungsschimmer in den Augen. »Vielleicht bedarf es hier der besonderen Fähigkeiten eines Iruti? Wenn Ihr Euch dorthin begebt, könntet Ihr der Aufmerksamkeit der Wachen wohl leicht entgehen … und es wäre ein erster Beweis, dass ihr euch wirklich geändert habt.«
»So wie ihr Zauberer? Was ist Euer Beweis für die Ernsthaftigkeit eines solchen Bündnisses?«
»Ich habe Euch nicht an Quorr oder seinen schlimmsten Vertreter, den Schäler, verraten, Gaukler. Und ich habe Euch gerade von diesem Geheimnis erzählt.«
Plötzlich bebte der Boden und beide hatten Mühe, auf den Beinen zu bleiben. Auch der Knochenkrieger hatte seine Arme ausgebreitet und versuchte, die Erschütterungen auszubalancieren. Aus der Ferne erreichten sie einige angsterfüllte Rufe und Dutzende Höflinge und Hofdamen rannten aus verschiedenen Gebäuden. Als der Untergrund sich aber wieder von einem Augenblick zum anderen beruhigte, verwandelten sich die Rufe rasch in erleichtertes Lachen.
»Eines von vielen Beben auf Der Festen Insel«, beschwichtigte Aurelia und musste über ihre eigenen Worte lächeln. »Sie nennen solche Ereignisse Der Rote atmet.«
»Der Rote, der einst auf die Welt stürzte? Die Quorr halten ihn wirklich für einen gefallenen Gott?« Surrio schüttelte den Kopf. »Es ist wirklich viel Wissen verlorengegangen seit Dem Fall.« Er sah die Zauberin zunächst nachdenklich, dann leicht spöttisch an. »Vielleicht war dies ja ein Wink der Götter …« Der Iruti wiegte den Kopf hin und her. »Na schön, Dame Aurelia: Versuchen wir es miteinander.«
Dann verbeugte er sich und ging davon.
Baldouin blickte missmutig auf das mittelgroße Schiff, das auf die Küste der Wasserberge zuhielt und knurrte seinem Nebenmann seinen Unmut zu.
»Sicher wieder nur Ponatoscheiße, die diese Kerle da an Bord haben. Das Zeug stinkt fürchterlich.«
»Aber es wärmt. Besser als gar nichts, mein Freund. Und Holz ist einfach zu schade, um es zu verbrennen«, entgegnete Merywyn aufgeräumt und hatte einen ganz anderen Ausdruck im Gesicht. »Ich hoffe, sie haben ein paar Weiber dabei. Kapitän Yosander hat mir bei seinem letzten Besuch versprochen, er würde sich nach einer Frau für mich umsehen.«
»Du glaubst doch nicht, dass auch nur ein Weibsbild von der Drakeninsel seinen Fuß auf unser Eisland setzt? Gerade die Südländer kommen nur zu uns, wenn sie unbedingt müssen.«
»Eben«, triumphierte Merywyn. »Wenn der Draken-Clan weiterhin von uns Waffen, Erzbarren und Farbpulver kaufen will, muss er mehr bringen als exotische Lebensmittel und Brennmaterial.« Der Eiskrieger grinste breit. »Ich hab ihm das Doppelte versprochen, wenn er eine bringt, die so richtig mächtige Dinger hat.«
»Du kannst froh sein, wenn er überhaupt eine Dumme gefunden hat, mein Freund.«
Beide beobachteten das Schiff, das nur noch wenige Ruderschläge brauchen würde, bis es in Flachwasser kam. Den Rest der Strecke würde sich die Besatzung von der leichten Strömung ans Pier treiben lassen. Die seitlichen Schaufelräder waren hoch über der Wasserlinie in ihre Halterungen eingerastet und mit einer dicken Eisschicht überzogen. Das ganze Schiff sah aus, als hätte es erst vor kurzem einen Regenschauer über sich ergehen lassen müssen, der überall sofort angefroren war. Wären nicht die bunten Wimpel, die sandfarbenen Segel mit dem feuerroten Clansymbol und die farbigen Stoffe der Besatzung gewesen, hätte man das Schiff aus einer Entfernung von fünfzig Ruderschlägen nicht vom Weiß der erfreulich dünnen Eisschollen und der wenigen Wasserberge, die jetzt im Frühling deutlich kleiner waren, unterscheiden können. Rufe hallten über das Meer, die von Erleichterung und Vorfreude erfüllt waren.
Auch Baldouin trotz seiner augenscheinlich miesepetrigen Laune konnte nicht umhin, sich still zu freuen. Der Draken-Clan zählte mit zu den angenehmsten Kunden, welche die Eisleute begrüßen durften. Sie waren unter anderem ganz versessen auf das schwarze Farbpulver, welche die Eismänner aus der faustdicken Rinde der Frosteichen gewannen. Und die Männer des Nordens wussten um den Wert dieses Pulvers. Es war schwarz, so tiefschwarz, wie es kein anderes Schwarz auf ganz Driftworld gab. Die Rinde der Frosteiche sog jeden Lichtstrahl des Goldenen Vaters auf und leitete die Wärme durch ihre schwammige Struktur ins Innere des Baumes. So konnten die tief in den Boden reichenden Wurzeln das kostbare Wasser an die feinen Kapillaren des Stammes weitergeben, ohne dass es gefror. Die Eismänner schabten pro Ernte immer nur eine dünne Schicht der Rinde ab und vermahlten sie zu einem äußerst feinen Farbpulver. Die Drakenmänner kauften bei jedem Besuch den kompletten Bestand auf. Und sie zahlten gut dafür. Denn sie wussten, dass sie es in jedem Hafen für ein Mehrfaches verkaufen konnten. Denn edles Schwarz war die Farbe, die seit Jahren unter anderem für feinste Stoffe verwendet wurde und die sich nur reiche Kaufleute und Edelleute leisten konnten. Sie schätzten es, wenn silberne oder goldene Schmuckstücke darauf besonders prächtig hervortraten und ihren Reichtum verkündeten. Die Drakenmänner und auch andere Clans auf Driftworld dagegen schätzten schwarze Kleidung vor allem bei der Jagd auf Wollbären, deren Farbsicht sehr eingeschränkt war, wodurch sie Jäger, die still im Schatten verharrten, so gut wie nicht wahrnehmen konnten.
Die Drakenleute sind nicht so hochnäsig wie diese Idioten aus Quorr, dachte Baldouin und schlug seinem Kumpel auf die dick gepolsterte Schulter. »Vielleicht solltest du diesen stinkenden Dreck hier gegen etwas Wohlriechendes tauschen. Wenn die Drakenschwinge tatsächlich ein Weibsstück für dich an Bord hat, willst du sie doch nicht mit deinem Duft wieder vertreiben, nicht wahr?«
Merywyn senkte seinen Kopf ein wenig seitlich auf eine Schulter und schnupperte. »Ich weiß nicht, was du willst: ein wenig Schollenspringer, ein bisschen Wollbär …«
