Menosgada - Werner Karl - E-Book

Menosgada E-Book

Werner Karl

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Beschreibung

Es ist das Jahr 54 v. Chr. Es heißt, ein Kelte fürchte sich einzig davor, dass ihm der Himmel auf den Kopf fallen könnte. Doch in der befestigten Stadt Menosgada schwelt seit über 100 Jahren die Furcht vor etwas weitaus Schlimmerem: dem Alten Mann vom Berg. Eingeweihte raunen einen anderen Namen: der Seelenfresser ... und haben recht damit. Dies ist die Geschichte der keltischen Befestigung auf dem fränkischen Staffelberg und ihrer Fürstin Brianna. Und die des Germanen Arwed, der vorgibt, ein Bernsteinhändler zu sein. Ihr beider Schicksal hängt an einem seidenen Faden ...

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Seitenzahl: 492

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Werner Karl

Menosgada

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Kapitel I: Schatten im Kopf

Kapitel II: Feidlim

Kapitel III: Ein Opfer für die Götter

Kapitel IV: Ein Hirsch, zwei Jäger

Kapitel V: Ein neuer Traum

Kapitel VI: Neue Kraft

Kapitel VII: Der Tod ist schwarz

Kapitel VIII: Im Tal des Menos

Kapitel IX: Der erste Blick

Kapitel X: Bernstein

Kapitel XI: Gastfreundschaft und Gänsehaut

Kapitel XII: Kniefall

Kapitel XIII: Tougener

Kapitel XIV: Elfrun

Kapitel XV: Fleisch für Fleisch

Kapitel XVI: Todesvision

Kapitel XVII: Eifersucht

Kapitel XVIII: Brandopfer

Kapitel XIX: Das Bündnis

Kapitel XX: Der Seelenfresser: Erde

Kapitel XXI: Arwed

Kapitel XXII: Hufspuren

Kapitel XXIII: Anderswelt

Kapitel XXIV: Mahimans Boten

Kapitel XXV: Thoralf

Kapitel XXVI: Der Korbriese

Kapitel XXVII: Diener ihres Herrn

Kapitel XXVIII: Raiks Karte

Kapitel XXIX: Der Seelenfresser: Luft

Kapitel XXX: Berserker

Kapitel XXXI: Einer von 50

Kapitel XXXII: Der Schlund

Kapitel XXXIII: Das falsche Gesicht

Kapitel XXXIV: Verräter

Kapitel XXXV: Nebelbilder

Kapitel XXXVI: Hreidmars Sohn

Kapitel XXXVII: Im Angesicht des Todes

Kapitel XXXVIII: Der Seelenfresser: Feuer

Kapitel XXXIX: Der zweite Versuch

Kapitel XL: Ruhe vor dem Sturm

Kapitel XLI: Lughs Waffe

Kapitel XLII: Menosgada brennt

Kapitel XLIII: Tausend Seelen sind nicht genug

Kapitel XLIV: Eine Handvoll Kelten

Kapitel XLV: Atempause

Kapitel XLVI: Der Seelenfresser: Wasser

Kapitel XLVII: Eisenhand

Kapitel XLVIII: Der Alte Mann vom Berg

Kapitel XLIX: Schwerter, Äxte und Zähne

Kapitel L: Wahnsinn

Kapitel LI: Sei willkommen, Tod

Kapitel LII: Hy Breasyl

Epilog: Staffelberg, in naher Zukunft

Nachwort

Personenregister (nach Völkern)

Glossar

Quellennachweis

Danksagung

Impressum neobooks

Vorwort

Als Autor wird man sehr häufig – eigentlich immer – nach der Quelle seiner Ideen gefragt. Bei mir ist es oft nur ein einziges Wort, ein Bild, ein Satz, der etwas in mir weckt. Als ich von meiner Frau in einem anderen Zusammenhang das Wort Menosgada hörte, fragte ich, was das sei. Ihre Antwort war, es sei der keltische Name für den Staffelberg, in dessen Nähe wir seit über 20 Jahren wohnen und den wir auch mehrmals im Jahr besuchen. Für diejenigen unter Ihnen, denen der Staffelberg nicht geläufig ist, sei erwähnt, dass dieser sich im Norden Bayerns befindet, also in Franken. Am Fuße des Staffelberges liegt der schöne Kurort Bad Staffelstein, nicht weit gelegen von der Basilika Vierzehnheiligen und – auf der anderen Seite des Mains – dem Kloster Banz. Letzteres dürfte politisch Interessierten ein Begriff sein. Die CSU hält dort ihre Klausurtagungen ab.

Meine Neugier war geweckt. Ich begann also zu recherchieren und fand bald die Erklärung: Menos ist Latein und steht für den Fluss Main, der zu Füßen des Berges fließt. Gada bedeutet Befestigung, befestigte Siedlung oder angesehene/berühmte Burg. Der griechische Historiker Ptolemäus erwähnte als erster diese Stadt. Menosgada ist also ein keltisches Oppidum, eine stadtähnliche Siedlung.

Für all jene, die sich bisher nicht näher mit den Kelten, Germanen und deren Götterwelten befasst haben, habe ich eine Reihe von Begriffen am Ende des Buches in einem Glossar aufgelistet und knapp erläutert.

Zurück zur Ideenfindung. Im Falle von Menosgada ergab sich fast automatisch ein entsprechender Handlungszeitraum und ein interessantes Szenario: Die ansässigen Kelten versuchten sich mit dieser Befestigung nicht nur vor feindlichen keltischen Stämmen zu schützen. Die Wallanlagen dienten auch als Schutz vor den aus dem Norden anrückenden Germanen, also unseren Vorfahren.

Mehr brauchte mein Gehirn nicht, um in Fahrt zu kommen …

Kapitel I: Schatten im Kopf

Im Jahr 54 v. Chr.

Die abgrundtiefe Finsternis des Traumes lag wie ein bleierner Mantel auf dem Kind. Die reale Dunkelheit, die es umgab, schien sich mit der irrealen zu einem schwarzen Verlies verschmelzen zu wollen. Das Mädchen krallte seine kleinen Finger in das weiche Lager. Zu anderen Bewegungen war es offensichtlich nicht in der Lage. Nur seine Augäpfel vollführten unter den zuckenden Lidern einen wilden Tanz.

Der kleinere Bruder des Mädchens lag dicht neben ihm, schlief tief und fest. Die Eltern der beiden ruhten nur wenige Schritte entfernt, die Frau an die Brust des Mannes geschmiegt. Keiner der drei vernahm die leisen Geräusche, die das Mädchen mit seinen Händen verursachte.

Nur der schlanke, noch sehr junge Hund, richtete seine Ohren auf und blickte für einen Augenblick zu dem Mädchen, dessen Brust sich jetzt in raschem Tempo hob und senkte. Als es den Mund öffnete und scharf die Luft einsog, erhob er sich und ging mit lautlosen Schritten zu ihm. Behutsam legte er seine Schnauze auf eine im Moment flach auf das Lager gepresste Hand und fiepte so leise, dass man den Laut auch einer Maus zugetraut hätte.

Fast sofort atmete das Mädchen wieder ruhiger und ließ auch beide Hände bewegungslos auf dem Lager aus sauberen Heubündeln und gepflegten Fellen liegen. Sogar die unter den Lidern huschenden Augäpfel kamen ein wenig zur Ruhe. Doch der Hund blieb dicht bei ihm und behielt seine Augen offen.

Für mehrere Herzschläge lag das Mädchen still, entspannte sich aber nicht wirklich. Dunkle Schatten jagten es durch einen Wald, den nur es selbst sehen konnte. Es kannte jeden Winkel der Wälder in der Umgebung, doch entweder war es zu weit gegangen oder hatte tatsächlich eine Stelle erreicht, die es noch nie zuvor betreten hatte. Die Bäume trugen eine seltsame Farbe, obwohl ab und an Sonnenlicht durch die Wipfel auf den Waldboden fiel, der übersät war mit bunten Blättern. Beinahe hätte es im Schlaf gelächelt, doch plötzlich verwandelten sich die roten Blätter in blutige Pfützen, die ineinander liefen und immer größer wurden.

Kyla war zwar erst acht Jahre alt, aber sie hatte schon Dinge gesehen und erlebt, die dazu führten, dass sie nun wieder mit den Händen nach Halt suchte. Ihre Rechte fand im Nacken des Hundes Zuflucht und krallte sich so fest hinein, dass es dem Tier wehtun musste. Doch der hagere Hund, der bald schon mit ihrem Vater auf die Jagd gehen sollte, wehrte sich nicht, noch jaulte er.

Kyla rannte nun durch den Wald und ihre hellbraunen Haare flogen hin und her, weil sie nicht wusste, wohin sie fliehen könnte. Aus den wenigen Lichtstrahlen wurden Pfeile, die knapp an ihr vorbeizischten und zitternd im Boden stecken blieben. Büsche verwandelten sich in Gestalten, die sich erhoben und Äxte und Schwerter schwangen und mit langen Armen nach ihr griffen. Sie ließ das Fell des Hundes los, bog und krümmte sich im Traum, um den fremden Kriegern auszuweichen und ihr echter Körper tat es auf ihrem Lager nach.

Drudwyn hatte mittlerweile die Ohren angelegt und seine Schnauze längst aus der Nähe ihrer ins Leere greifenden Hand gebracht. Trotzdem blieb er immer noch an ihrer Seite, weil sie Teil der Familie war, die er liebte und selbst mit seinen gerade mal eineinhalb Jahren schon beschützen wollte. Er fletschte die Zähne und seine Augen schienen dem Beispiel des Mädchens zu folgen. Aber er fand keine Gegner, auf die er sich hätte stürzen können.

Die Tochter des Stammesfürsten war nun von dunklen Gestalten umringt, die langsam, aber unaufhaltsam auf sie zuschritten. Ihre Körper waren größer als die eines jeden Menschen, den sie je gesehen hatte. Ihre Haare waren lang und nicht weiß gekalkt wie bei keltischen Kriegern. Meist blaue, aber auch graue und wenige hellbraune Augen blickten sie mordlüstern an und zwangen sie allein mit ihren finsteren Blicken nieder. Bei ihrem geistigen Körper gelang es ihnen sogar. Sie stolperte über einen großen Ast und fiel in eine der roten Lachen, die einmal bunte Blätter gewesen waren. Sie glitt darin aus und verschmierte sich von oben bis unten mit Blut, von dem sie wusste, dass es keltisches Blut war. Sie schlug um sich, versuchte die gierigen Hände abzuwehren, aber gegen diese muskelbepackten Pranken hatte sie keine Chance. Als einer der Krieger seinen Mund aufriss, harte Laute ausstieß und seine riesige Hand gleich ihre Kehle erreichen würde, schrie sie gellend auf.

Alaric und ihre Mutter Brianna wurden gleichzeitig wach. Der Fürst der Kelten hatte sein Schwert schon in der Hand, als seine Frau sich noch aus seiner Umarmung löste. Mit wenigen Schritten waren sie am Lager ihrer Tochter und fanden keine Ursache für ihre anhaltenden Schreie, die von Mal zu Mal beängstigender wurden.

Von draußen waren Schritte und fragende Rufe zu hören. Mindestens eine der Wachen musste aufmerksam geworden sein. Vielleicht auch jemand aus benachbarten Häusern.

Jetzt hatte Drudwyn die Ohren angelegt und tänzelte dabei von einem Bein auf das andere. Es war offensichtlich, dass er zu unerfahren und erschrocken war, und Gefahr bestand, dass er wahllos um sich beißen würde. Alaric senkte sein Schwert, nachdem sich ihm kein Feind entgegenstellte und brummte dem jungen Hund beruhigende Worte zu.

Brianna indes kniete zu Kyla nieder und versuchte eine ihrer herumwedelnden Hände zu erwischen. Doch die kämpfte gegen unsichtbare Wesen und fast hätte Brianna Stolz empfunden, wie vehement ihre kleine Tochter sich wehrte. Von einem Moment zum anderen riss Kyla die Augen auf. Zwei dunkle Flecken in übergroßem Weiß. Anstelle ihrer Mutter sah sie immer noch den Fremdling über sich, grausam den Mund verzogen. Ihr erneuter Schrei drang sicher durch ganz Menosgada.

»Kyla!«, rief Alaric unwirsch, und Hund und Kind zuckten vor seiner Stimme gleichermaßen zusammen.

Drudwyn legte sich auf den Boden, sein Blick galt nun dem Mann vor ihm. Aber er hatte sich weder einen Schritt von Kyla entfernt, noch seinen Schwanz eingekniffen. Der Fürst bemerkte dies sehr wohl. Alaric beugte sich zu ihm hinunter, weil er sah, dass sich seine Frau um ihre Tochter kümmerte und murmelte dem jungen Tier zu: »Du bist ein Prachtkerl, kleiner Drudwyn. Aus dir wird bald ein hervorragender Jagdhund werden.«

»Kyla«, wiederholte seine Frau deutlich sanfter. »Kyla, wach auf! Es war nur ein Traum.«

»Mama«, kam es zurück und Brianna sah förmlich, wie Geister und Ungeheuer vom Leib ihrer Tochter abfielen und sich deren Blick klärte.

»Du hast geträumt, Liebes. Du bist Zuhause und in Sicherheit«, flüsterte die Fürstin und nahm Kyla in ihre Arme. »Was geht nur in deinem Kopf vor? Das war nun schon das dritte Mal, dass du im Traum geschrien hast. Waren es wieder diese fremden Krieger?«

»Ja«, kam es leise zurück. »Aber es ist seltsam … so sehr sie mir auch Angst machen … ich weiß, dass ich nichts von ihnen zu befürchten habe. Es ist nur all das Blut, was mir Angst macht.« Dabei blickte sie zuerst zu ihrem Vater hinüber, danach ihrer Mutter in die Augen, und plötzlich vergoss sie Tränen, die ihr in schneller Folge über die Wangen liefen.

Brianna drückte den Kopf ihrer Tochter an die Brust und hob den eigenen zu ihrem Mann.

»So geht es nicht weiter, Alaric. Du musst mit ihr zum Druiden gehen …«

Kapitel II: Feidlim

Feidlim hatte vor einem Jahr seine Ausbildung mehr oder weniger abgeschlossen, fühlte sich aber immer noch … unfertig. Sicher hatte der unerwartete Tod seines Meisters seinen Anteil daran. Aber da war noch etwas anderes.

Im Alter von fünf Jahren hatten ihn seine Eltern an den damals schon alten Druiden übergeben. Ihn selbst hatte man nicht gefragt. Die ersten Jahre waren rasch im Rausch von ständig neuen Unterweisungen vergangen. Dazu kam, dass sein Lehrmeister viel ordentlicher im Umgang mit allen Dingen war als seine eigene Familie. Regelmäßige Nahrung, harte Disziplin während der permanenten Ausbildung, die Übungen mit verschiedenen Waffen – als Kind eher spielerisch, mit zunehmendem Alter ernst- und schmerzhafter – hatten aus ihm einen Mann gemacht, dem man vorsichtige Beachtung schenkte. Seine Eltern hätten ihn höchstens zu einem Bauernleben geführt. Und dennoch …

Er fühlte sich einfach nicht wie ein Druide. Äußerlich entsprach er durchaus dem allgemeinen Bild, das sich die einfachen Leute machten. Aber mit den meisten Belangen der Heilkunde – und erst recht in magischen Dingen – sah er sich selbst als Stümper; anders konnte er es nicht benennen.

Sein Meister musste sein mangelndes Talent schon früh bemerkt haben. Anstatt ihn wieder wegzuschicken, hatte er die Schwerpunkte seiner Ausbildung auf die kleineren Aufgaben gelegt: Heilung einfacher Krankheiten, Zeremonien, insbesondere Hochzeiten, Beistand bei Beratungen der Fürsten und Edlen, ein wenig Vermittlung in Streitfällen, aber nicht mehr. Sein Kontakt zu den Göttern beschränkte sich mehr auf fadenscheinige Selbstdarstellungen und Opferrituale, denn auf eine wirkliche Vermittlertätigkeit.

Er hatte seinen Lehrmeister oft dabei beobachtet, wie dieser in völliger Konzentration und Entrücktheit mit verschiedenen Gottheiten Zwiesprache gehalten hatte. Ihm war dieses Kunststück noch kein einziges Mal gelungen.

Versager, schalt er sich stumm und blickte über den nordwestlichen Wall ins Tal des Menos hinab. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis mir ein Fehler unterläuft.

Seine Stirn furchte sich dabei wie ein Spiegelbild der Wolken, die rasch über den Himmel fuhren und das ganze Tal mit einer grauschwarzen Masse überzogen, die gleich ihre Pforten öffnen würde.

Wahrscheinlich werde ich der erste Druide sein, der von seinem Stamm davongejagt wird, wenn nicht Schlimmeres! Als es donnerte, sah er dies als Bestätigung durch Taranis an. Wird mich mein Status vor Verachtung und Verbannung schützen? Er erschauerte und zog seine Kapuze tiefer ins Gesicht. Oder gar vor dem Tod?

Die Alternative wäre ein Leben in Einsamkeit. Denn Feidlim war davon überzeugt, dass es keinen Sinn machte, sich nach einem, in seinen Augen unausweichlichen Fehler einfach davonzumachen und bei einem anderen Stamm neu zu beginnen. Andererseits hatte er auch keine Lust, sein Druidendasein so mir nichts dir nichts aufzugeben. Weder die Plackerei als Bauer oder Handwerker – von der er in beiden Fällen ohnehin nichts verstand –, noch ein mitunter kurzes Leben als Krieger erschienen ihm verlockend.

Als es noch einmal donnerte und ihn erste Tropfen trafen, raffte er seine Kutte enger um sich und drehte sich den Häusern zu, die ungerührt das Unwetter erwarteten. Nur sehr wenige Menschen liefen noch zwischen ihnen herum; meist nur Wachen, die rasch ihren überdachten Posten zustrebten und ihn nur kurz mit einem Wink grüßten.

Wieso sollten sie mich auch mit mehr Respekt als nötig beachten?, fragte sich Feidlim bitter und machte sich auf den Weg zu seiner eigenen Behausung. Ich kann Taranis nicht daran hindern, zum zehnten Mal hintereinander das Land mit Regen zu überziehen. Erst habe ich ein Huhn opfern müssen, um Regen herbeizubitten und jetzt hört er nicht mehr auf.

Dann schob sich ein neuer Gedanke in den Vordergrund. Außerdem sollten wir froh sein, dass er damit die Zisterne bis an den Rand füllen wird. Das erspart uns die Wasserschlepperei von den Quellen bis auf den Berg. Wieder donnerte es und der Regen wurde stärker. Ich höre schon jetzt das Gejammer der Bauern, die um ihre Ernte bangen. Sie haben immer einen Grund zur Klage. Wahrscheinlich werden sie mich bitten, eine Ziege oder irgendetwas anderes zu töten, um die Fluten wieder schwinden zu lassen. Als ob sich Götter mit solchen Kleinigkeiten beschäftigen würden.

Nur ganz am Rande seiner Grübeleien spukte ihm die Frage durch den Kopf, wie sein Meister wohl in dieser Situation gehandelt hätte. Feidlim schüttelte sich erneut und stand plötzlich vor einem dunklen Schatten, den er mit halb gesenktem Kopf und zunehmenden Regenschauern beinahe übersehen hätte.

»Alaric … mein Fürst«, sagte er überrascht und sah jetzt auch, dass das Stammesoberhaupt nicht allein war. Seine Tochter Kyla stand neben ihm, eine Hand in der Rechten ihres Vaters. Beide störte der Regen augenscheinlich nicht besonders.

»Feidlim, gut, dass wir dich treffen«, begann der kräftige Mann und nickte zum Haus des Druiden. »Wir sollten hineingehen, bevor wir nass bis auf die Haut sind. Wir brauchen deinen Rat … deine Hilfe.«

Feidlim war doppelt verblüfft. Tatsächlich trug der Fürst ihres Stammes einen Ausdruck im Gesicht, der ihm vermittelte, dass er, Feidlim, ihm helfen würde; wobei auch immer. »Es geht um Eure Tochter«, sprach er das Offenkundige aus und versuchte seiner Stimme einen prophetischen Klang zu verleihen.

»Ja, Druide«, kam es zwar nicht überrascht, aber hoffnungsvoll zurück.

Feidlim nahm sich die Zeit, Vater und Tochter jeweils für die Dauer eines Herzschlages intensiv – und, wie er hoffte, beeindruckend – in die Augen zu schauen, dann wandte er sich um, ging die wenigen Schritte zur Tür seines kleinen Gebäudes und öffnete sie. Weil es drinnen finster war, ging er voraus und hatte schon zwei Kerzen entzündet, bevor Alaric und Kyla ihm tiefer in den einzigen Raum folgen und hinter sich die Tür schließen konnten.

Mit raschen Blicken versicherte Feidlim sich, dass es einigermaßen ordentlich aussah. Wenigstens dies hatte er von seinem Lehrmeister erfolgreich übernommen. Mit einer Geste bot er dem Fürsten den einzigen Stuhl an und zog für sich selbst einen kleinen Hocker heran, der es ihm ermöglichen würde, dem Kind Auge in Auge gegenüber zu sitzen. Die Kleine musste stehen bleiben.

Noch einmal sah er Kyla intensiv an, doch sie machte nicht den Eindruck, dass sie ihn fürchtete. Vielleicht war sie mit den Gedanken auch ganz woanders. Innerlich verärgert sah er zu ihrem Vater.

»Also, mein Fürst: Was kann ich für Euch tun?«

»Meine Tochter … Kyla«, begann Alaric äußerlich ruhig, schien aber nicht zu wissen, wie er beginnen sollte, »sie hat Träume … keine guten Träume.«

»Ich weiß, Herr. Ich konnte ihre Schreie hören. Ich wusste, dass Ihr als fürsorglicher Vater zu mir kommen würdet«, log er und war für die mitfühlenden Worte einer anderen Mutter dankbar, die ihm erst vor zwei Tagen erzählt hatte, dass die Fürstentochter unter Albräumen litt. Feidlim drehte sich wieder dem Kind zu und legte seine Hände sachte auf dessen Schultern.

»Deine Träume, Kind: sind sie verschieden oder ist es stets der gleiche Traum?« Er versuchte ein Lächeln, aber an der Reaktion der Kleinen sah er, dass es wohl nicht besonders warmherzig ausgefallen war.

Kyla sah ihm, ihrem Vater und dann wieder Feidlim in die Augen und antwortete erst, als Alaric zustimmend nickte. Feidlim entging nicht die Ungeduld im Blick des Fürsten.

»Es sind immer die gleichen Bilder, die ich sehe«, begann sie und er konnte förmlich verfolgen, wie sich ihre Augen weiteten und sich Traum und Realität zu mischen begannen. »Ich bin im Wald, erkenne aber die Stelle nicht«, fuhr sie fort. »Ich sehe seltsame Bäume, die weiß und grau gefleckt sind. Ich renne … stolpere.« Sie hielt inne, versuchte ihre Hände vors Gesicht zu heben, stieß aber an seine Unterarme.

»Weiter, sprich nur! Du bist hier in Sicherheit. Dein Vater und ich sind bei dir.«

Zu seinem eigenen Erstaunen zeigten seine Worte Wirkung, obwohl er noch nie ein besonders gutes Verhältnis zu Kindern – und schon gar nicht zur Tochter des Fürsten – gehabt hatte.

»Ich falle in Lachen aus Blut …«

»Im Wald?«, unterbrach er sie. »Von wem stammt das Blut? Vor dir? Verletzt du dich irgendwo?«

»Es ist Menschenblut«, antwortete sie leise und ließ es zu, dass er ihre Hände in die seinen nahm. Sofort drücke sie fester zu und er spürte ihre kleinen Fingernägel auf seiner Haut.

»Bist du sicher? Könnte es nicht das Blut eines Tieres sein?«

»Nein!«, stieß sie hervor und bohrte ihre Nägel tiefer in sein Fleisch. »Männer tauchen auf … sie tragen Waffen in ihren Händen.«

So klein sie auch war, sie hatte Kraft und zeigte es dadurch, dass ihre spitzen Nägel sich wie kleine Dolche in seine Haut drückten. Feidlim empfand Schmerz und sah mit einem kurzen Blick, dass kleine Rinnsale von seiner Hand hinabrannen. Alaric schien es nicht zu bemerken oder wagte es nicht, seine Tochter oder den Druiden zu unterbrechen.

»Sie versuchen mich zu packen …«

Feidlim war nun selbst gebannt von der Szene und wagte keinen Einwand mehr. Er sah, dass das Mädchen Angst empfand, aber nicht um sich selbst. Als sie nicht mehr weiter sprach, riskierte er doch noch eine Frage.

»Kannst du die Männer beschreiben?«

»Sie tragen ihr Haar lang …«

Feidlim hatte ihr noch ein paar weitere Fragen gestellt und zwischendurch erleichtert seine Hände aus ihren Krallen befreit, aber nichts mehr Wesentliches in Erfahrung bringen können. Er war ein wenig stolz darauf, dass es ihm gelang, so zu tun, als würden seine Wunden nicht schmerzen und trug ein wenig Heilsalbe auf. Dann hatten Alaric und er die Kleine einer völlig durchnässten Sklavin übergeben, die wie von Zauberhand aufgetaucht, aber ergeben draußen stehen geblieben war, bis Alaric sie hereingerufen hatte. Sie würde Kyla nach Hause bringen.

Noch bevor Alaric ihn fragen konnte, erhob sich der Druide, trat an die Feuerstelle in der Mitte des Raumes heran und schob mit einem starken Ast die Schicht Asche zur Seite, die die Glut geschützt hatte und blies vorsichtig hinein. Zwei, drei Mal wiederholte er es, bis endlich eine kleine Flamme aufloderte und er dünne Äste nachlegen konnte. Als das Feuer zuverlässig brannte, wandte er sich seinem Gast wieder zu. Natürlich hätte es des Feuers trotz des anhaltenden Regens zu dieser Jahreszeit nicht unbedingt benötigt, aber er hatte die kurze Zeitspanne genutzt, um nachdenken zu können.

»Herr, warum seid Ihr zu mir gekommen, wenn Ihr die Antwort schon kennt? Ihr wisst, wer diese Krieger sind, nicht wahr?«

Alaric kniff Augen und Stirn ein wenig zusammen, weil ihm der Ton des Druiden nicht zu behagen schien. Feidlim hatte immer mehr den Eindruck, dass seinem Fürst die ganze Angelegenheit nicht wirklich interessierte und er es wohl für eine vorübergehende und daher harmlose Sache hielt. Alaric fuhr in einem Tonfall fort, der Feidlim zeigte, dass sein Fürst sich mit dieser Einschätzung aber wohl doch nicht so sicher war. »So wie sie die Männer beschreibt, können es eigentlich nur Germanen sein. Niemand aus unserem Stamm hat schon einmal einen germanischen Krieger vor Augen gehabt, aber die Beschreibung passt zu Schilderungen anderer Stämme weit nördlich von uns.«

»Wir wissen seit langem von ihrem Herannahen«, antwortete Feidlim. »Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie auch zu uns stoßen. Die Geschichten über ihre Gräueltaten sind schneller als ihre Pferde oder Füße.«

»Dies war der Grund dafür, dass ich die Wälle ausbessern und verstärken ließ, Druide«, antwortete Alaric ungehalten. »Dies war der Grund dafür, dass ich Vorräte anlegen ließ, die Jäger öfter in die Wälder schickte, um Wild zu erlegen. Und dies war auch der Grund, warum ich Speere, Äxte, Schwerter und Schilde, Pfeile und Bogen anfertigen ließ, in einer Zahl, wie sie uns noch nie zuvor sinnvoll erschien.«

Feidlim nickte. Er hatte all dies gesehen und die Vorkehrungen seines Stammesfürsten als richtig betrachtet. Nur nicht als … beruhigend. Auch andere Stämme hatten sich in ähnlicher Weise auf das Vordringen der Barbaren aus dem Norden eingestellt. Geholfen hatte es ihnen nicht. Die Nachricht von schrecklichen Kämpfen, ja regelrechten Massakern, hatte viele in Angst und Schrecken versetzt. Gut möglich, dass Fetzen solcher Erzählungen bis an das Ohr der Fürstentochter gelangt waren und diese nun von Vorahnungen heimgesucht wurde. Feidlim überlegte für einen Moment, ob Kyla seherische Fähigkeiten besaß oder nur das im Traum verarbeitete, was unvorsichtige Mäuler ihr zugetragen hatten.

»Eure Vorkehrungen sind zu bewundern, Herr, ohne Zweifel. Doch hat dies andere Stämme nicht vor ihrem Untergang bewahrt. Es wäre sicher von Nutzen, wenn wir uns mit anderen Stämmen vereinigen könnten, um unsere Streitmacht zu verstärken. 300 Mann unter Waffen scheinen wohl nicht genug zu sein, gegen Horden von Berserkern …«

»Berserker …«, wiederholte Alaric und stieß das Wort wie einen Fluch aus. »Manche von ihnen tragen Felle von Bären … und sollen kämpfen wie diese. Dazu sind sie groß gewachsen und tragen Waffen, die selbst unsere stärksten Krieger nicht lange schwingen könnten. Was soll ich tun gegen eine solche Armee?«

Er machte eine kurze Pause, dann knirschten seine nächsten Worte so, als hätte er Sandkörner zwischen den Zähnen.

»Du weißt ganz genau, dass es nur einen einzigen Stamm in der weiteren Umgebung gibt, der uns zwar nicht gerade freundlich, aber zumindest neutral gegenübersteht. All die anderen sind nur neidisch auf unsere Befestigung und ihre Position. Wie viele Kämpfe haben wir schon überstanden? Wie oft wurden wir schon angegriffen und konnten sie immer wieder zurückschlagen?«

»Auch hier habt Ihr mit jedem Wort Recht, mein Fürst. Doch ändert es nichts daran, dass die Germanen kommen werden. Vielleicht nicht heute oder morgen … aber sie werden kommen!«

Nun machte Feidlim eine Pause, erhob sich und trat Alaric gegenüber. »Warum also seid Ihr hier, mein Fürst? Ich kann Eurer Tochter die Träume nicht nehmen, wenn ständig neue Nachrichten ihre Ängste schüren …«

»Befrage die Götter, warum sie nicht um sich selbst fürchtet!«, befahl Alaric und atmete dabei schwer. »Befrage die Götter, warum sie weint, wenn sie mich ansieht! Kann sie meinen Tod sehen?«

Der Stammesfürst war hier Vorbild und Abbild seiner Tochter zugleich. Seine Fragen zeugten nicht von Angst um sein eigenes Leben, sondern um das seiner Familie. Er schien die angedeutete Rettung seiner Tochter den Göttern schon jetzt zu danken, doch musste ihn die Angst um Frau und Sohn innerlich zerfetzen, als hätten ihn die Klingen von mehreren Feinden schon getroffen.

»Ich werde die Götter befragen, mein Fürst, so wie Ihr es wünscht … befehlt.« Feidlim überlegte schon die ganze Zeit, was er danach als Rat der Götter würde mitteilen können, ohne sich gleich selbst in Gefahr zu bringen. »Natürlich verlangen die Götter ein Opfer … wie immer. Es sollte ein großes Opfer sein«, fügte er hinzu.

Alaric nickte und ging wortlos hinaus. Der Regen hatte noch an Heftigkeit zugenommen und stob jetzt – unterstützt durch ebensolche Böen – weit in den Raum hinein.

Feidlim trat rasch an die Tür und schloss sie, bevor Wind und Regen sein Feuer in Bedrängnis bringen konnten. Mit Gänsehaut trat er an die Flammen heran und stierte hinein, als könne er dort die Antworten finden, die sein Fürst … und er zu finden hofften.

Die Götter, spottete er innerlich. Es gibt keine Götter!

Feidlim war nicht bewusst, dass es genau dieser Unglaube war, der ihm den Kontakt zu ihnen verwehrte. Und noch etwas anderes war ihm nicht bewusst …

Es gab noch andere Mächte, die sich seiner Wahrnehmung entzogen.

Dunkle Mächte.

Kapitel III: Ein Opfer für die Götter

Brianna erschrak über das rasante Tempo, mit dem die Flammen das Schwein vollständig einhüllten. Binnen Augenblicken brannte das Tier so heftig, als hätte der Druide es vorher mit Pech eingerieben. Doch dem war nicht so. Sie hätte es an dessen unverwechselbarem Gestank sofort erkannt. Das, was jetzt in ihre Nase stieg, war ein anderer übler, horniger Geruch. Es war das Haarkleid des Opfers, das sofort in Brand geraten war und nun stinkende Schwaden aufsteigen ließ. Nach kurzer Zeit waren die Borsten und Haare verschwunden und offenbarten die blanke Haut der Sau.

Es brutzelte und zischte, Fett tropfte in die Flammen, stob dort kurz auf und ließ ihr unweigerlich das Wasser im Mund zusammenlaufen. Für die Dauer von etwa zehn Herzschlägen duftete das brennende Schwein köstlich. Brianna schämte sich dafür und dachte daran, wie viele Menschen von dem Tier hätten satt werden können.

Doch die Flammen schlugen immer höher und loderten mit gierigen Zungen um das Opfer. Schließlich sollte das hier kein Festmahl werden. Das Tier war gut genährt und hatte sich auch eine dicke Schwarte anfressen können. Jetzt platzte die Kruste mit schrecklich knackenden Geräuschen auf. In Briannas Ohren klang es wie das Brechen von dünnen Knochen. Nur Augenblicke später wandelte sich der sonst verführerische Duft in beißenden Qualm. Er stieg in schwarzen Rauchfahnen in den Himmel, der zwar immer noch von dichten Wolken bedeckt war, aber keinen Regen herabfallen ließ.

Unwillkürlich machte sie ein paar Schritte nach hinten. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie heiß das Feuer geworden war und rückte noch weiter ab. Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, dass auch andere Umstehende zurückwichen.

Das Schwein brannte jetzt auch von innen heraus, und blankes Fleisch, Knochen und Organe wurden sichtbar. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, das arme Tier auszuweiden. Ekliger Brodem ließ Brianna den Mund trocken werden und sich nach einem Schluck Wasser sehnen. Leichte Böen trieben den Gestank zu der Menge, die sich ohne Befehl um das Opferfeuer versammelt hatte, fasziniert und erschrocken zugleich vom Schauspiel und von der dahinter steckenden Hoffnung. Manch einer trug einen gequälten Ausdruck im Gesicht, andere Verbissenheit oder blanke Angst. Die Götter verlangten nach diesem Opfer. So hatte es wenigstens Feidlim behauptet.

Brianna hegte schon lange Zweifel am Nutzen solcher Gaben … und an der Existenz von Göttern. Sie würde aber nie im Leben – auch nicht Alaric gegenüber – erwähnen, wie sie darüber dachte. Doch ihr Volk glaubte daran. Und wenn sie Fürstin bleiben wollte, musste sie den Bedürfnissen ihrer Untertanen – sie selbst betrachtete sie als anvertraute Menschen – nachkommen und Ritualen beiwohnen, deren Sinnhaftigkeit und vor allem deren Wirksamkeit ihr mehr als fraglich vorkamen.

Ob es den Göttern nicht besser gefallen hätte, wenn wir das Schwein bei einem Festessen – ihnen zu Ehren – verspeist hätten? Würden die Menschen die Götter nicht höher schätzen mit satten Mägen, lachenden Gesichtern und frohen Gedanken?, fügte sie stumm hinzu und konnte ihren Blick von dem Tier nicht abwenden, das mittlerweile zu einem schwarzen Klumpen geworden war, der keine Ähnlichkeit mehr mit einem lebenden Geschöpf aufwies. Jetzt sehen und riechen sie nur Verschwendung und den Verlust eines wertvollen Tieres … nur noch ein ekliges und qualmendes Etwas. Erfreut die Götter der Anblick von verkohltem Fleisch?

Unwillkürlich fiel ihr Blick auf den Druiden Feidlim, der immer noch in der Nähe des Opfers stand und den der Rauch augenscheinlich völlig unberührt ließ. Sein Blick war lange auf dem armen Tier gelegen und hatte zeitweise einen seltsamen Ausdruck angenommen, den sie nur als … erregt bezeichnen konnte. Er schien die Zeremonie tatsächlich zu genießen. Erst jetzt, wo sie darüber nachdachte, fiel ihr auf, dass er bei ähnlichen Gelegenheiten den gleichen zufriedenen Ausdruck gezeigt hatte.

Findet er Gefallen am Tod einer Kreatur oder ist es nur der Umstand, dass er derjenige ist, dem – außer natürlich dem Schwein - alle Aufmerksamkeit gilt?

Sie wich noch weiter zurück und schob sich zwischen zwei Männer, die mit starren Mienen das Ersterben der Flammen verfolgten. Jetzt konnte sie den Druiden beobachten, ohne dass es diesem sofort auffiel, außer er würde sich ihr direkt zuwenden. Aber Feidlim richtete seine Aufmerksamkeit nun gen Himmel und rief mit aller Inbrunst die Götter an – oder tat zumindest so. War es Zufall, dass, unmittelbar nachdem an das Opfer Feuer gelegt worden war, die Wolken aufgerissen waren und nach langen regenreichen Tagen die trübgraue Decke an einigen Stellen das blaue Firmament zeigte?

Er hatte die Hände erhoben und sprach schon oft gebrauchte Beschwörungen aus, unterstrich manche von ihnen mit geheimnisvollen Gesten und versicherte sich mit schnellen Blicken von deren Wirkung auf sein Publikum. Zu seiner Fürstin sah er aber nicht.

Brianna wunderte und ärgerte sich über sich selbst, dass ihr sein Verhalten nicht schon früher aufgefallen war.

Wie blind bin ich gewesen? Hat mich die Sorge um Kyla so betrübt, dass ich nicht erkennen konnte, dass selbst Feidlim der wahre Glaube zu fehlen scheint? Es gefiel ihr nicht, dass ihre Zweifel in ihm einen Gesinnungsgenossen zu finden schien. Das macht dich nicht zu meinem Freund, Feidlim, dachte sie düster und wunderte sich selbst über ihre zunehmende Abneigung ausgerechnet dem Mann gegenüber, der durch dieses Opfer die Götter nicht nur um besseres Wetter bitten, sondern auch ihrer Tochter die finsteren Träume nehmen wollte. Mit Unbehagen tauchte in ihr der Gedanke auf, dass sie alle den Druiden bislang als Mittler zu den Göttern betrachteten, obwohl dieser möglicherweise nicht an deren Wirken – ja vielleicht nicht mal an ihre Existenz – zu glauben schien? Was sagte das über den Wahrheitsgehalt und selbstverständlich auch über die Zuverlässigkeit seiner Vorhersagen aus?

Können wir ihm vertrauen? Können wir ihm noch ein Wort glauben?

Ob ihre Zweifel nun berechtigt waren oder nicht: der Himmel war aufgerissen und ließ von Augenblick zu Augenblick immer mehr das lang ersehnte Licht auf sie fallen. Alle Umstehenden, vor allem die Bauern unter ihnen, machten zufriedene, ja glückliche Gesichter und konnten das Ende des Rituals kaum erwarten. Sie würden wohl sogleich auf ihre Felder eilen und nach der Ernte schauen.

Oder bin ich einfach nur zu misstrauisch?

Sie blickte den letzten schwindenden Wolken nach und freute sich selbst über die Sonnenstrahlen, die warm ihre Haut berührten. Aus den in geringer Entfernung stehenden Bäumen drang das Zwitschern einiger Vögel. Deren aufkommender Gesang hatte wohl die Kraft, die letzten Rauchfahnen des Opfers aufzulösen.

Kapitel IV: Ein Hirsch, zwei Jäger

Die beiden Männer, die vorsichtig durch den Wald stapften und sich dabei erstaunlich umsichtig bewegten, hätten nur auf einen flüchtigen Zuschauer wie Krieger gewirkt, wie sie viele ansässige Stämme besaßen. Erst auf den zweiten Blick offenbarten sich Einzelheiten, die einen einheimischen Beobachter überrascht hätten; gelinde ausgedrückt. Aber es war niemand in unmittelbarer Nähe, den die großen Gestalten in Verwunderung hätten versetzen können. Nur wenige Dinge an ihnen glichen bekannten Gegenständen; das meiste war einfach … fremd.

Auf dem Rücken trugen beide Bogen, dazu prall gefüllte Köcher. Ein Kelte hätte daraus geschlossen, dass sie Jäger waren. Denn Fernwaffen waren aus keltischer Sicht feige Waffen, die man eben nur zur Jagd auf scheues Wild einsetzte. Auch Schilde und Schwerter besaßen die beiden nicht. Stattdessen trugen die Männer Streitäxte, der eine in der linken, der andere in seiner rechten Hand. Abgenutzte Griffe und gut sichtbare Scharten zeugten von regem Gebrauch. Dennoch machten die schimmernden Schneiden einen scharfen Eindruck. Die Innenseiten ihrer Beinkleider waren abgewetzt und glänzten speckig. Mit ziemlicher Sicherheit waren sie also Reiter; trotzdem gingen sie zu Fuß. Vielleicht hatten die Männer die Pferde samt Schwertern und Schilden irgendwo hinter sich gelassen und bewegten sich nun auf eigenen Beinen durch den Wald, der wild und undurchdringlich vor ihnen lag.

Die Krieger liefen hintereinander und bogen mit den freien Händen dünnere Äste und Zweige zur Seite. Nur an den unwegsamsten Stellen schlugen sie Hindernisse mit den Äxten so leise wie möglich ab. Dabei achteten sie darauf, die Bruchstellen wieder mit Laub zu verbergen. Bei dickeren Ästen – die die Waffen wohl locker bewältigt hätten – verzichteten sie aber ganz auf deren Einsatz und gingen lieber darum herum. Es war klar, dass sie weder eine deutliche Spur noch laute Geräusche verursachen wollten.

Der Linkshänder ging voran. Seine Augen blickten glasklar und blau in das dämmrige Licht des dichten Waldes. Das dunkelblonde Haar wehte leicht über die breiten Schultern, wenn sein Besitzer den Kopf zur Seite und wieder zurück nach vorne schwenkte.

Sein Begleiter ging drei Mannslängen hinter ihm und schien sich ausschließlich auf ihre Flanken zu konzentrieren. Die Axt in seiner Rechten war größer und hatte eine rundere Klinge als die seines Freundes. Dabei wirkte sie wie ein Spielzeug in seinen Händen, für die die Bezeichnung Pranken ebenso zutreffend gewesen wäre. Seine flachsblonden Zöpfe standen im harten Kontrast zu seinem dunkleren Bart und den steingrauen Augen, die sich scheinbar mühelos im Halbdunkel zurechtfanden.

Plötzlich blieb der vordere Mann stehen und drehte seinen Oberkörper gezwungen langsam so zur Seite, dass ein vor ihm stehender Baum beinahe vollständige Deckung bot. Sein Hintermann reagierte sofort und folgte diesem Beispiel. Für einen langen Moment verharrten sie lautlos, dann hob der Linkshänder seine freie Hand und machte eine seltsame Geste Richtung Süden: Er zeigte dem anderen Mann die zur Faust geballte Rechte und spreizte dann den Daumen und den kleinen Finger ab. Danach schob er die Hand wie eine Gabel nach vorn und ein wenig nach oben. Dennoch blieben beide stehen und lauschten.

Etwa zwanzig Herzschläge später trat ein Hirsch – ein Achtender – zwischen den Bäumen hervor; vielleicht fünfundzwanzig bis dreißig Schritte entfernt. Er hatte die Männer bisher nicht gesehen. Und weil der ohnehin schwache Wind aus seiner Richtung blies, konnte er die beiden auch nicht wittern.

Der beginnende Herbst hatte die Blätter schon verfärbt. Zahlreich lagen sie am Boden und bildeten von Tag zu Tag eine immer bunter und dichter werdende Schicht. Der Morgennebel und ein Regen vom Vortag hatten dem Laub für kurze Zeit die Geschmeidigkeit des Frühlings zurückgegeben. Jetzt ermöglichten sie Mensch und Tier ein nahezu unhörbares Vorankommen.

Der Hirsch senkte seinen Kopf und schob mit der Schnauze die Blätter auseinander. Dann hob er ihn wieder auf halbe Höhe und witterte. Als seine Nase keine fremden Gerüche ausmachen konnte, machte er sich über die Kastanien her, die reif und aufgeplatzt im Laub lagen und ein Festmahl versprachen.

Der nur wenig ältere Mann mit der größeren Axt hatte sich wie ein Geist bewegt und stand nun Schulter an Schulter bei seinem Vordermann.

»Du oder ich?«, hauchte er so leise, dass ihn sein Partner kaum hören konnte.

»Du«, kam es ebenso gedämpft zurück und der Linkshänder trat langsam zwei Schritte nach hinten, um dem anderen seine bessere Position zu überlassen.

Der Blonde steckte behutsam seine Axt in den breiten Gürtel und holte sich Bogen und einen Pfeil vom Rücken. Mit unglaublicher Ruhe legte er an und spannte seinen Bogen. Zwei Mal atmete der Schütze ruhig und kontrolliert ein und aus.

Dann hielt er den Atem an …

Mitten in einer Kaubewegung brach der Hirsch zusammen. Doch kein Pfeil hatte ihn niedergestreckt, sondern ein Speer, der eines seiner Schulterblätter durchbohrt hatte. Die beiden Krieger sahen die Überraschung in den Augen des Tieres und hatten einen ganz ähnlichen Ausdruck in den eigenen. Noch während eine Handvoll unsichtbarer Männer Freudengeheul anstimmte und aus mehreren Richtungen durch das Gewirr des Waldes brach, legte der verhinderte Schütze neu an. Sein Partner hielt die eigene Axt mit fester Hand. Beide verfluchten still die Tatsache, dass sie außer zwei Bäumen keine weitere Deckung nutzen konnten. Ausgerechnet an dieser Stelle gab es weder Büsche, von Sturm und Alter ausgerissenes Wurzelwerk oder umgestürzte Stämme.

Fünf halbnackte Männer mit Speeren sprangen aus einem Dickicht, gefolgt von einem unbewaffneten Mann und einem Jungen, der dem mutmaßlichen Werfer wie aus dem Gesicht geschnitten schien. Sie jubelten und klopften dem erfolgreichen Jäger auf die Schulter, dem aber von Augenblick zu Augenblick die Freude aus dem Gesicht wich, als hätte man ihm eiskaltes Wasser über den Kopf gegossen.

Er hatte die beiden Fremden fast sofort gesehen.

Auch wenn dies die erste Begegnung zwischen den beiden Germanen und den keltischen Jägern war, so wussten beide Parteien doch gleich, wem sie gegenüberstanden.

Die Fremden waren groß gewachsen, beide langhaarig und blond, trugen raue Bärte mit Zöpfen, dazu Pfeile, Bogen und Axt als Bewaffnung. Ihre Kleidung bestand aus wollenen Umhängen mit Lederbesatz. Ihre Ausrüstung beschränkte sich auf Waffengürtel und Vorratsbeutel auf ihren Rücken. Ihre Schilde und Schwerter hatten sie wohl irgendwo zurückgelassen. Alles schrie ihre Mission als Kundschafter, die sich rasch bewegen wollten, regelrecht hinaus.

Die Kelten dagegen leicht bekleidet, an vielen Stellen bemalt und mit Narben geschmückt, die Haare weiß gekalkt und nur mit Speeren für die Jagd bewaffnet. Dazu einen Knaben, der wohl in die Kunst der Hirschjagd eingeführt werden sollte.

So standen sie sich für einen schrecklichen Augenblick des gegenseitigen Abschätzens gegenüber. Zwei starke und besser Bewaffnete gegen eine Überzahl an Kriegern, diese aber nur mit wenigen Waffen versehen.

Niemand sprach auch nur ein Wort. Blicke von beiden Seiten zeigten nur zu deutlich, was gleich passieren würde.

Jede Seite sah sich im Vorteil.

Keine Chance auf Rückzug.

Keine Chance auf Verhandlungen.

Keine Zeit für auch nur einen vernünftigen Gedanken.

Mit Schreien, die auf eine grausame Art gleich klangen, stürmten die Gegner aufeinander zu. Selbst der Knabe stimmte in das Gebrüll mit ein und beugte seinen Wurfarm zurück, um seinen Speer dem ersten Germanen in die Brust zu schleudern. In diesem Fall war das jedoch ein Fehler.

Der Linkshänder der beiden Germanen warf sich mit seiner Axt nur einige Schritte nach vorn, um sich als Ziel für die heranstürmenden Kelten anzubieten. Er wusste, dass die erfahreneren Krieger ihre Waffen nicht wie der Junge vergeuden würden und darauf bauten, die Länge der Speere ausnutzen zu können. Unvermittelt blieb er stehen und holte mit der Rechten einen Pfeil aus seinem Köcher. In der Linken wartete die Axt auf Arbeit.

Sein Partner war stehengeblieben und hatte mit kalter Berechnung Bogen und Pfeil im Schutz seines Vordermannes angelegt. Sein erster Pfeil drang in die Kehle des Kelten, der sich an die Spitze seiner Kameraden gesetzt hatte. Mit einem überraschten Gurgeln sank er nieder und bildete ein Hindernis, das die beiden dicht darauf folgenden Krieger gerade noch überspringen konnten.

Der Speer des Jungen zischte zu schwach geworfen und ungenau gezielt an beiden Germanen vorbei. Mit eiskaltem Blick revanchierte sich der Bogenschütze und schoss dem jetzt mit aufgerissenen Augen sich zur Flucht wendenden Knaben ins Genick. Der Junge lag noch nicht am Boden, als der Germane schon nach einem dritten Pfeil griff.

Jetzt waren die beiden Kelten an dem wartenden Germanen angelangt, der die erste Speerspitze, die rasend schnell auf ihn zu zuckte, zur Seite schlug und dem Kelten den Pfeil in einen Oberschenkel stieß. Dem Stoß des Zweiten konnte er aber nicht völlig ausweichen und musste einen Schnitt an der Seite hinnehmen. Doch anstatt zurückzuweichen, machte er zwei Schritte nach vorn und spaltete dem Kelten mit der Axt den Schädel.

Der am Bein Verletzte sah das Tor zur Anderswelt sich schon öffnen, da war der Rest seines Trupps endlich heran. Zwei Speerspitzen stachen dem Germanen durch Hals und Bauch. Noch im Niederfallen versuchte er, dem verwundeten Kelten die Axt in die Gedärme zu schlagen. Doch die beiden Jäger ließen ihrer Beute keine Chance. Sie rissen ihre Klingen zurück und stachen erneut zu. Der Mann mit der Axt brach bluttriefend zusammen, nur wenige Fingerbreit von dem Verletzten entfernt.

Der zweite Germane nahm den Tod seines Kameraden äußerlich regungslos hin und verschoss seinen dritten Pfeil, traf aber nicht, weil er sich bewegen musste, um dem erfolgreichen Jäger auszuweichen, der sich einen Stein gegriffen hatte und sich anschickte, ihm damit den Schädel einzuschlagen. Also ließ er den Bogen fallen und zog seine Axt. Gerade noch rechtzeitig. Mit einem fürchterlichen Schlag von unten trennte er Stein, Hand und Arm vom Rumpf des Jägers.

Die beiden unverletzten Kelten wichen endlich auseinander und nahmen den Germanen in die Zange. Die Schmerzensschreie des Amputierten und des anderen Verwundeten schienen sie aufzustacheln und ließ sie ihre Speerspitzen wie Schlangenköpfe nach vorne zucken. Der Germane konnte nicht alle Stöße abwehren und fing sich eine Wunde nach der anderen ein. Mit jedem Treffer steigerte er sich aber in eine Wut, die das aus ihm schießende Blut aufzuwiegen schien. Schlussendlich sah er aber seine Niederlage kommen.

Mit dem Ruf »Odin!« auf den Lippen hackte er wie ein Wahnsinniger um sich und konnte einem der Gegner die Brust aufschlitzen; nicht tief, aber schmerzhaft. Dann verließen ihn seine Kräfte und er starb mit zwei Speeren in der Brust.

Schwer atmend torkelte der einzige Kelte ohne Wunden auf den Mann mit dem abgeschlagenen Arm zu. Er kam gerade noch zurecht, um zu sehen, dass der die Augen schloss und der Blutstrom von heftigen Schüben in ein Rinnsal überging und langsam versiegte.

Die beiden anderen mit Pfeil im Bein und aufgeschnittener Brust hatten sich auf den Boden gesetzt und begannen damit, sich um ihre Wunden zu kümmern.

»Götter!«, begann der, der noch stand und misstrauisch den Wald beobachtete. »Was war das denn? Sechs erfahrene Jäger können sich nicht gegen zwei Germanen behaupten?«

»Fünf«, verbesserte der Mann mit dem Pfeil, zog diesen mit unterdrücktem Stöhnen heraus und warf ihn mit Verachtung von sich. »Du kannst Perdedur nicht voll mitzählen. Ein Stein gegen eine Axt? Lächerlich.«

»Wir haben uns behauptet«, warf der mit der Brustverletzung ein. »Wir drei leben noch …«

»Was bist du denn für ein Hohlkopf?«, protestierte der Unverletzte und drückte ein Stück Stoff auf die Wunde seines Freundes. »Sind drei tote Krieger und ein toter Junge ein Beweis dafür, dass wir uns behauptet hätten? Wenn sie in gleicher Zahl gekommen wären, würden wir jetzt alle den Wald mit unserem Blut tränken.«

»Wir waren nur schwach bewaffnet …«, wagte der erste noch mal einen Einwand.

Aber was tun wir, wenn sie in ganzen Scharen kommen?, dachte der Unverletzte und half seinen Freunden auf die Beine. Was, wenn die Götter unsere Opfer nicht annehmen und uns im Stich lassen?

Kapitel V: Ein neuer Traum

»Sie träumt schon wieder.« Briannas Worte waren ebenso verzweifelt wie hoffnungslos. Alaric und sie wussten einfach nicht, wie sie ihrer Tochter helfen konnten.

Wenn selbst der Druide keinen Rat weiß, wie sollen dann wir die Dämonen aus ihren Albträumen vertreiben? Das letzte Opfer hat wohl den Regen vertreiben können, die Träume Kylas aber nicht.

Frustriert tauchte sie das Tuch erneut in die Schale, wrang es aus und tupfte damit ihrer Tochter die schweißbedeckte Stirn. Drudwyn lag still neben dem Kind und verfolgte die Versuche seiner Herrin, ihrer Tochter Linderung zu verschaffen. Als Brianna die Hand sinken ließ, leckte der junge Hund darüber und sah sie mit großen Augen an.

»Auch wenn Drudwyn dein Hund, dein Jagdhund ist, so scheint er doch mehr an unserer Tochter zu hängen, als an dir«, sagte sie voller Zustimmung und streichelte dem Tier den Kopf.

»Mag sein«, antwortete Alaric und betrachtete nachdenklich Frau, Kind und Hund. Mit einem zufriedenen Ausdruck sah er zu Thorgert hinüber, der den Schlaf hielt, den alle anderen im Haus schon lange vermissten. »Wenigstens unser Sohn ist mit gesundem Schlaf gesegnet.«

»Und Feidlim konnte dir keinen Trank, keine Medizin für unser Kind geben?«, bohrte Brianna zum vielleicht zehnten Mal nach und sah zu ihrem Mann hinüber, der wie ein finsterer Rächer dasaß, dem das Ziel für seine Rache abhanden gekommen war.

»Nein. Er meinte, dass Kyla wohl Worte aufgeschnappt haben könnte, die ihr Angst machen …«

»Na was denn sonst?«, fiel sie ihm aufgebracht ins Wort und zügelte ihre Stimme sofort wieder, weil sie die Kinder nicht wecken wollte, auch wenn sie es im Falle Kylas wohl nur zu gerne getan hätte. Aber irgendwann musste die Kleine ja mal schlafen. »Und du konntest es auch nicht verhindern, dass sie von den beiden Germanen erfuhr, die beinahe einen ganzen Trupp Jäger massakriert hätten. Vier Tote! Darunter ein Junge, der gerade mal in der Lage war, einen Speer zu werfen …«

»… und nicht traf«, ergänzte Alaric und hätte sich gleich darauf auf die Zunge beißen können. »Entschuldige, das war nicht gerecht. Der Junge hatte keine Erfahrung.«

»Wir alle haben nur wenig Erfahrung mit Germanen«, korrigierte sie ihren Mann und tupfte erneut Kyla die Stirn. Das Mädchen bewegte sich nun unruhig. Ob dies aber seinem Traum oder dem Streit seiner Eltern zuzurechnen war, entzog sich beiden. Trotzdem dämpften sie ihre Stimmen.

»Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll, Frau! Alle Stämme um uns herum werden sich eher die Bäuche vor Lachen halten, als uns zur Seite zu stehen. Dabei sind sie dumm genug, nicht zu erkennen, dass eine Gefahr, die uns trifft, auch bald danach sie selbst treffen könnte.«

»Nun, nicht alle sind uns feindlich gesinnt. Die Boier haben uns noch nie überfallen, einmal sogar eine Herde Rinder verkauft. Und die Tougener ...«

»Sind selbst Versprengte und verhalten sich deshalb ruhig.«

»Aber ihr Name bedeutet Streitaxtleute … und das ist eine Bezeichnung, die es wert wäre, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Meinst du nicht?«

»… und sich von ihnen mit besagten Äxten den Schädel einschlagen zu lassen?«, schloss Alaric.

»Nein!«, rief plötzlich Kyla im Schlaf, und Mutter und Vater beugten sich über sie. Alaric wollte nach den zuckenden Armen seiner Tochter greifen, als Drudwyn den Kopf hob und leise knurrte. Verblüfft zog der Fürst die Hände zurück.

»Das geht aber nun zu weit«, sagte er. Dann erhob er sich, ging zur Tür und öffnete diese. Frische Luft flutete herein und für einen Augenblick lag Kyla wieder still. Drudwyn rührte sich nicht von der Stelle.

»Drudwyn, raus!«, befahl der Fürst und blickte dem Hund in die Augen. Der saß nur mit erhobenem Kopf dicht neben dem Bett und machte keine Anstalten, dem Befehl Folge zu leisten. Mann und Hund fochten ein stummes Duell aus und gerade wollte Alaric nach einem Seil greifen, um es dem Tier um den Hals zu legen und es draußen anzubinden, als seine Tochter die Augen aufriss.

»Nein!«, rief sie wieder und warf sich dem Hund an den Hals. Dabei weinte sie und drückte sich so fest an das Tier, dass Brianna befürchtete, es könnte an der Umarmung ersticken.

Alaric schloss wortlos die Tür, setzte sich an den Tisch und nahm einen Schluck Bier. Das Getränk war noch leidlich kühl, besänftigte aber seinen Ärger nicht.

Seine Frau senkte die Hand mit dem Tuch und legte es zur Seite. Sie ließ ihrer Tochter Zeit, Trost bei Drudwyn zu finden. Schließlich löste sich Kyla von ihm.

»Ich war wieder in diesem unheimlichen Wald.«

»Und haben dich abermals diese Krieger gejagt?« Alaric trank den Rest aus dem Krug und hörte den beiden zu.

»Nein. Da war niemand … anfangs.«

Brianna und auch Alaric verzichteten auf drängende Worte. Ihre Tochter schien dieses Mal gefasster zu sein, denn weder ein Zittern noch ängstliche Augen kündeten von den Schrecken des Traums. Brianna hatte eher den Eindruck, dass ihre Tochter einen erstaunten, ja beinahe faszinierten Ausdruck vermittelte. Bevor sie fragen konnte, fuhr Kyla fort. Dabei klang ihre Stimme von Wort zu Wort neugieriger.

»Da kam ein kleiner Hund zwischen den Bäumen hervor … fast hätte ich ihn nicht gesehen, da überall Schnee lag und er ein weißes Fell hatte.«

»In deinen anderen Träumen hast du Blätter gesehen und seltsame Bäume.« Die Krieger zu erwähnen, vermied Alaric. Schließlich wollte er nicht im Nachhinein seiner Tochter Angst einjagen.

»Von Schnee hast du noch nichts erzählt«, wagte Brianna einen leisen Einwand.

»Es war alles ganz anders, Mama«, fuhr Kyla fort. »Die Bäume sahen normal aus.«

»Und wieso kam er dir dann unheimlich vor?«

»Es war Winter und ich nur leicht bekleidet. Trotzdem fror ich nicht.«

»Einen, den du schon erlebt hast?«, unterbrach erneut Alaric und konnte eine gewisse Ungeduld in seiner Stimme nicht unterdrücken. Prompt erhielt er einen tadelnden Blick von seiner Frau.

»Ich weiß es nicht … ich glaube nicht. Der Hund kam näher und schien keine Angst vor mir zu haben. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, hatte er eine sehr spitze Schnauze und einen dicken Schwanz. Wäre er nicht weiß gewesen, hätte ich gesagt, dass er ein Fuchs war.« Sie hob den Kopf. »Aber es gibt doch keine weißen Füchse, oder Mama?«

Brianna und Alaric sahen sich kurz an, dann antwortete ihr Vater. »Doch, es gibt weiße Füchse. Hoch im Norden. Ich habe nur einmal in meinem Leben einen gesehen.«

»Ich habe drei gesehen … in diesem Traum«, entgegnete Kyla fast ein wenig stolz auf ihr Erlebnis. »Die beiden anderen waren nur wenig kleiner als der erste.«

Ihr entging, dass ihre Eltern sich erneut einen bezeichnenden Blick zuwarfen, jetzt aber nicht mehr wagten, sie zu unterbrechen.

»Sie kamen zu mir und setzten sich. Wir spielten eine Zeit lang, dann …« Wie von Geisterhand weggewischt, verschwand ihr entspannter Ausdruck und Schatten huschten über ihr Gesicht. Plötzlich war sie bleich wie der Schnee in ihrem Traum. »Sie fletschten die Zähne und rannten auseinander, weg von mir … aber ich habe ihnen doch nichts getan …« Tränen schossen nun aus ihr hervor und Brianna nahm sie in ihre Arme.

»Es war nur ein Traum, Liebes«, flüsterte Brianna und war sich bewusst, dass sie diese Worte schon ein Dutzend Mal ausgesprochen und sie ihre Tochter damit nicht einmal hatte beruhigen können.

»Ich weiß nicht, was passiert ist, Mama. Auf einmal waren sie alle tot. Ihr Blut färbte ihr Fell und den Schnee …« Sie weinte still vor sich hin und Drudwyn schmiegte sich eng an die beiden und pfiff leise.

Es dauerte fast eine ganze Stunde, bis Kyla wieder eingeschlafen war und still auf ihrem Lager lag. Den Rest der Nacht vergönnten ihr wohl die Götter einen traumlosen Schlaf. Brianna stand vom Bett ihrer Tochter auf und ging leise zu ihrem Mann, der mit finsterem Blick immer noch am Tisch saß und vor sich hin brütete. Als seine Frau sich neben ihn setzte und ihren Kopf an seine Schulter legte, nahm er ihre Hand.

»Du weißt, wovon sie geträumt hat, nicht wahr?«

»Ja, natürlich. Die Legende von den drei Füchsen. Ich habe sie ihr aber nie erzählt.«

»Ich auch nicht. Wenn in einem Jahr drei weiße Füchse erscheinen«, ergänzte er die Legende, obwohl er wusste, dass sie sie ebenso kannte wie er, »geschieht ein großes Unglück.«

Kapitel VI: Neue Kraft

Die Höhle lag tief im Berg und hatte eine Größe, die fünfzig Pferden samt Reitern genug Platz geboten hätte. Aber es befand sich nur ein Körper darin, der wie tot in ihrer Mitte lag. Kein noch so dünner Lichtstrahl drang durch das weit oben liegende kleine Loch, das mit allerlei Gestrüpp und Wurzelwerk fast vollständig zugewachsen war. Schon lange hatte in dieser Höhle kein Feuer mehr gebrannt und somit auch kein Bedarf an einem funktionierenden Rauchabzug bestanden. Tatsächlich war es in der Kaverne finster wie in einer sternenlosen Nacht.

Draußen wogten seit Tagen dunkle Regenwolken und ständig tropfte und rieselte es an einigen Stellen in die Höhle, vereinigte sich spärliches frisches Wasser mit stinkenden Pfützen. Der Geruch von Moder und Schimmel erfüllte die Luft, die einen lebenden Menschen hätte nach Atem ringen lassen.

Würmer, Asseln und kleine Molche huschten umher, suchten Nahrung und Deckung. Hier unten hatten sie eine Zuflucht gefunden, in die sich keine Maus, kein Vogel oder ein anderer Fressfeind verirrte. Tausendfüßler marschierten wirr durcheinander, krabbelten über abgestorbene Pflanzenreste und zerfallendes Holz, das wohl einmal als Brennholz hätte dienen sollen. Fledermäuse hingen an vielen Stellen an der Felsendecke und schliefen. Nur ab und an raschelte es verhalten, wenn sich ein Tier bewegte.

Ohne erkennbaren Anlass durchfuhr ein leichtes Zittern das dunkle Bündel am Boden, das auf einer leichten Erhöhung trocken da lag. Der Körper, der von einem fast nachtschwarzen Umhang eingehüllt wurde, erbebte für einige Augenblicke. Entweder war die Quelle, aus der sich die Bewegung genährt hatte, zu weit entfernt oder sie war nicht von der Art beschaffen, dass sie den Körper hätte vollständig erwecken können. Für kurze Zeit lag die Gestalt wieder so regungslos da wie zuvor.

Doch das Schicksal … oder dunkle Mächte meinten es gut mit der Gestalt.

Hatten sich bei der ersten Bewegung nur eine Handvoll der auf ihm liegenden Insekten rasch davon gemacht, so stoben nun ganze Scharen in die Dunkelheit, als die Kreatur sich erneut, und dieses Mal heftig, aufbäumte. Ein Stöhnen klang auf, als würde ein Mahlstein langsam über einen großen Unterstein gezogen werden. Arme erhoben sich unter dem dreckigen Gewand und sanken erneut nieder. Aber die Kreatur verfiel nicht wieder in die Starre, die sie seit vielen Jahren umfangen hatte, sondern verhaltenes Heben und Senken der Brust offenbarte, dass sie wirklich erwacht war.

Trotzdem blieb sie liegen, wohl noch zu schwach, nach so langer Zeit.

Dann durchfuhr sie ein drittes und viertes Mal eine ferne Kraft, schwächer als die zuvor, aber genug, um sich mit dem Oberkörper aufzurichten. Staub und Getier fielen herab, trockene Blätter und leere Panzer von toten Käfern. Hätte es einen Beobachter gegeben, der zu seinem Glück oder Unglück über eine Lichtquelle verfügt hätte, so hätte er sich nun gewünscht weit, weit entfernt zu sein.

Der Körper trug nicht nur ein finsteres Gewand, sondern auch einen metallenen Helm, dessen Vorderseite Schlitze in Form eines Kreuzes besaß. Geheimnisvolle Ornamente und Schriftzeichen säumten die Schlitze und Lücken, durch die ein Mensch hätte blicken können.

Und dahinter …

… lagen dunkle, augenlose Löcher wie ein finsteres Abbild der Höhle selbst. Dünne Fäden, die einmal Haare gewesen sein mochten, ragten unter dem Helm hervor. Bleiche Zähne und ein Schlund - ohne Lippen oder Zunge - öffneten sich zu einem freudlosen Lächeln. Zwei Hände, eher Krallen, erhoben sich. Der Stoff rutschte nach unten und gab Finger preis, die weder Haut noch Fleisch besaßen. Nur dünnes Gebein mit Fingernägeln, die in spitzen Klingen endeten, eisernen Fortsetzungen, die ohne Halt an den Knochen klapperten.

Die Gestalt führte eine dieser schrecklichen Hände vor das fehlende Gesicht, so als könne sie auch ohne Augen und in völliger Dunkelheit sehen. Und tatsächlich glommen winzige Lichter in den leeren Augenhöhlen auf … gelb … giftig wie Schlangen … böse funkelnd und langsam heller werdend.

Vier sind gestorben … rasch hintereinander, darunter ein Kind, dachte die Gestalt erfreut und verzog grausam seinen Mund. Endlich … endlich bin ich wieder erwacht.

Seinen Namen kannte wohl längst niemand mehr, denn es mussten viele Jahre vergangen sein, seitdem er in die Höhle eingeschlossen worden war. Vielleicht kannten die Menschen noch die Legende vom Alten Mann im Berg oder die von dem Schwarzen Druiden, der er einst gewesen war.

Aber nun war er erwacht und würde alles tun, um nicht noch einmal so lange ruhen zu müssen. Und auch seinen Namen würden sie wieder lernen … ihn fürchten und mit zitternder Stimme flüstern … oder schreien, wenn sie starben.

»Mahiman!«

Das Wort stieg wie kalter Hauch aus seiner Kehle, jede Silbe wie ein trockenes Schaben über verwitterten Stein.

Als sich ihm eine Schlange näherte und an einem Bein entlangkroch, begrüßte er sie mit einem leisen Zischen.

»Komm her, meine Freundin!«, befahl er ihr und sie ringelte sich in seinen Schoß hinein. »So sind wir wieder vereint. Ich werde dafür sorgen, dass sie uns füttern werden … dich mit Fleisch … und mich mit ihren Seelen.«

Während er die Schlange streichelte, murmelte er uralte Worte, die sich zu einem schwarzen Schemen verdichteten und grob die Gestalt eines Mannes annahmen. Als Mahiman verstummte, sprach der Schemen mit kaum wahrnehmbarer Stimme.

»Was befiehlst du, Meister?«

»Geh hinab in das nächste Dorf und töte alle, die du dort findest! Lasse niemanden entkommen! Und achte auf ihre Kinder, sie verstecken sich in allen möglichen Löchern. Ganz besonders verlange ich ihren Tod.«

»Ganz wie du es wünscht, Meister«, sagte der Schemen und ging auf unsichtbaren Füßen davon.

Kapitel VII: Der Tod ist schwarz

Der Fischer war noch jung, vielleicht 16 oder 17 Sommer alt, aber er warf das Netz schon mit geübtem Schwung in den See. Mit Genugtuung verfolgte er dessen Flug und die perfekte Ausbreitung. Mit leisem Klatschen fiel es ins Wasser und sank – von ein paar kleinen Gewichten gezogen – rasch nach unten. Er wartete nicht lange, sondern zog mit gleichmäßigen Bewegungen an den Leinen, um das Netz unter Wasser zu schließen, langsam wieder nach oben und zu sich ans Ufer zu ziehen. Das zunehmende Gewicht verriet ihm, dass er einen guten Fang machen würde.

Zwei Frauen standen hinter ihm mit Körben bereit, um die Fische aufzunehmen und gleich, nachdem sie erstickt waren, mit dem Ausnehmen und Einsalzen beginnen zu können. Einen Teil würden sie aber für das heutige Abendessen behalten und am offenen Feuer rösten. Er glaubte den Geruch des abendlichen Feuers bereits jetzt riechen zu können, als er das Netz zur Hälfte aus dem Wasser gezerrt hatte, so freute er sich über den erfolgreichen Fang.

Die Sonne stand zwar noch am Himmel, aber der Tag war schon weit vorangeschritten. Er blickte zum Horizont und schätzte, dass er noch zwei oder drei Würfe schaffen könnte, bevor die Sonne hinter dem Waldrand verschwinden würde.

Rings um ihn zeigten auch andere Dorfbewohner, dass sie mit ihrem Tagwerk zu Ende kamen und manche luden schon geschlagenes Holz auf Karren, schöpften noch einmal ihre Krüge voll Wasser und wechselten frohe Sprüche mit den anderen, die noch nicht soweit waren.

Der Fischer stemmte seine Füße in den Boden und mit einem letzten Ruck hatte er das Netz komplett an Land gezogen. Er drehte sich um, weil er die Frauen zur Eile auffordern wollte. Als er aber ihre Gesichter sah und gleichzeitig wirklich den Geruch von Rauch wahrnahm, ließ er die Fangleinen sinken. Das Entsetzen in den Augen der Frauen, ihre zu starren Säulen verkrampften Körper und ihr offensichtliches Unvermögen Angst- oder Hilferufe auszustoßen, ließen ihm selbst die Gänsehaut aufsteigen und sich langsam wieder umdrehen.

Zunächst sah er den Grund für ihr Verhalten nicht und vermutete schon, dass sie ihm einen Streich spielen wollten.

Doch dann sah er ihn.

Den Schatten am anderen Ufer.