Hydra - Werner Karl - E-Book

Hydra E-Book

Werner Karl

0,0

Beschreibung

Die antike Hydra war ein neunköpfiges Monster. Heimtückisch. Gnadenlos. Tödlich. Nur ein Halbgott konnte sie besiegen. Behauptet die Legende … Die Hydren aus der fremden Dimension sind darüber hinaus hypnotisch begabt … und von Rachegelüsten getrieben. Ihre Invasion der Milchstraße erreicht nun auch die Föderation der Menschen. Bérénice Savoy - Agentin des Terranischen Geheimdienstes - weiß, dass sie das Übel an der Wurzel bekämpfen muss. Sie wagt mit einer Handvoll Gefährten den Flug in den Nexus, die Heimat der Hydren. Ihr Vorstoß dorthin könnte leicht zu einem Himmelfahrtskommando werden. Denn bislang ist von dort noch niemand zurückgekehrt …

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 625

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Werner Karl

Hydra

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Weitere Titel des Autors:

HYDRA – Black Ice III

Vorwort

Im Ultraraum

Auf dem Flug in den Nexus

Im Nexus

Vision Zwei

Im Nexus

Im Nexus

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Nexus

Vision Drei

Im Nexus

Im Nexus

Im Nexus

Im Einsteinraum

Vision Vier

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Vision Fünf

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Vision Sechs

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Vision Sieben

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Auf dem Flug in den Nexus

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Vision Acht

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Im Einsteinraum

Personenregister

Nachwort

Danksagung

Quellennachweis

Bibliographie

Kapitel 1

Träume von Freiheit

Juli 2317

Kapitel 2

Dunkel und still

Juli 2317

Kapitel 3

Höllenflug

Juli 2317

Kapitel 4

Das Wilde Dunkel

August 2317

Kapitel 5

Zwischen Blau und Gelb

August 2317

Kapitel 6

Die Ruhe vor dem Sturm

August 2317

Kapitel 7

Der Zorn der Schlangen

August 2317

Kapitel 8

Der Achte Spender der Nestmutter

August 2317

Kapitel 9

Auferstanden aus Ruinen5

August 2317

Kapitel 10

Planet der Slide

August 2317

Kapitel 11

Die Brüder des Spartacus

August 2317

Kapitel 12

Wie einst Odysseus

August 2317

Kapitel 13

Schwarze Schiffe, schwarzer Tod

August 2317

Kapitel 14

Am falschen Ort …

Kapitel 15

… zur falschen Zeit

Kapitel 16

Tanz der Titanen

September 2317

Kapitel 17

Geisterschiffe

Oktober 2317

Kapitel 18

Das Grauen in Pastell

Oktober 2317

Kapitel 19

Das Feuer des Prometheus

Oktober 2317

Kapitel 20

In Lauerstellung

November 2317

Kapitel 21

Legenden

1.195 v. Chr.

Kapitel 22

Bronzekrieger

1.195 v. Chr.

Kapitel 23

Die Lernäische Schlange

1.195 v. Chr.

Kapitel 24

Der Geschmack von Blut

1.195 v. Chr.

Kapitel 25

Kälter als Eis

1.195 v. Chr.

Kapitel 26

Vom Stamm der Layn

1.195 v. Chr.

Kapitel 27

Mit den richtigen Augen

1.195 v. Chr.

Kapitel 28

Kulmination

November 2317

Kapitel 29

Ins Herz der Föderation

5. November 2317

Kapitel 30

Offline

5. November 2317

Kapitel 31

0,067 Sekunden

6. November 2317

Kapitel 32

Where is my friend, when I need you most?15

06. November 2317

Kapitel 33

Reboot

7. November 2317

Kapitel 34

In der Schule des Clans 49

November 2317

Kapitel 35

Messer im Kopf

24. Dezember 2317

Kapitel 36

Symbiose²

Januar 2318

Kapitel 37

Einmal Ewigkeit und zurück

Februar 2317

Kapitel 38

Der Tod auf vier Beinen

21. Juli 2316

Kapitel 39

Eine zweite Chance

21. Juli 2316

Kapitel 40

Höllenhund

29. Juli 2316

Kapitel 41

Invasion

März 2318

Kapitel 42

Alte Feinde, neuer Hass

Mitte März 2318

Kapitel 43

Der Himmel brennt

26. März 2318

Kapitel 44

Synapsen aus Metall

27. März 2318

Kapitel 45

Atempause

6. April 2318

Kapitel 46

Im Zentrum der Macht

06. April 2318

Kapitel 47

Herz versus Verstand

11. April 2318

Kapitel 48

Im Angesicht der Hölle

13. April 2318

Kapitel 49

Willkommen auf Violetta III

14. April 2318

Kapitel 50

Varkonn

14. April 2318

Kapitel 51

Dōmo arigatō, Mister Roboto

15. April 2318

Kapitel 52

Skies on Fire24

17. April 2318

Kapitel 54

Die dritte Welle

5. Juni 2318

Kapitel 55

Gruß aus dem Grab

5. Juni 2318

Impressum neobooks

Weitere Titel des Autors:

Science-Fiction

BLACK ICE (Quadrologie)

Band 1 Odyssee

Band 2 Aevum

Band 3 Hydra

Band 4 Nexus

The Fantastic Zone (Story-Band)

Fantasy

SPIEGELKRIEGER (Trilogie)

Band 1 Druide der Spiegelkrieger

Band 2 Königin der Spiegelkrieger

Band 3 Dämon der Spiegelkrieger

(Prequel-Trilogie in Vorbereitung)

Menosgada

Driftworld

Details zu den Titeln siehe Anhang

Science-Fiction-Roman

von

Werner Karl

HYDRA – Black Ice III

Die antike Hydra war ein neunköpfiges Monster.

Heimtückisch.

Gnadenlos.

Tödlich.

Nur ein Halbgott konnte sie besiegen.

Behauptet die Legende …

Die Hydren aus der fremden Dimension sind darüber hinaus hypnotisch begabt … und von Rachegelüsten getrieben. Ihre Invasion der Milchstraße erreicht nun auch die Föderation der Menschen.

Bérénice Savoy, Agentin des Terranischen Geheimdienstes, weiß, dass sie das Übel an der Wurzel bekämpfen muss und wagt mit einer Handvoll Gefährten den Flug in den Nexus, die Heimat der Hydren. Ihr Vorstoß dorthin könnte leicht zu einem Himmelfahrtskommando werden. Denn bislang ist von dort noch niemand zurückgekehrt …

Vorwort

Nach zwei Jahren Arbeit an Odyssee – Black Ice I und AEVUM – Black Ice II musste ich für das Genre Science-Fiction und Bérénice Savoy eine Pause einlegen und meinen Fantasy-Fans endlich neuen Lesestoff präsentieren. DRIFTWORLD heißt der Roman, der Ende 2018 erschien und – für mich zum ersten Mal – die Geschehnisse auf einer ganz eigenen Welt schildert. Da meine weiteren Pläne eine Reihe fest terminierter Romane – zumindest was deren Reihenfolge betrifft – vorsehen, wird DRIFTWORLD wohl keine Fortsetzung erleben.

Die Abenteuer um meine schwarzhäutige Amazone Bérénice Savoy aber schon. Mit diesem Buch HYDRA – Black Ice III setze ich genau an der Stelle ein, an der Band II endete. Und dieses Mal habe ich den Anfang so verfasst, dass auch Neueinsteiger Gefallen an einer taffen Kriegerin finden können, die sowohl mit einer Lasersichel wie auch mit einem Katana umzugehen versteht. Als weiteren Anknüpfungspunkt hatte ich als einen der letzten Abschnitte in AEVUM Bérénice eine erste Vision erleben lassen. Wundern Sie sich daher also nicht, wenn in diesem Roman die nächste Vision die Nummer 2 trägt.

Während Sie HYDRA hoffentlich genießen werden, arbeite ich bereits am Abschluss der Reihe: NEXUS  Black Ice IV.

Danach sind drei Prequel-Romane um meine Spiegelkrieger vorgesehen, gefolgt von einem Science-Fiction-Einzelroman und dann einer weiteren SciFi-Trilogie, die schon lange auf ihr Erscheinen harrt. Immerhin habe ich da schon Band 1 und die Hälfte von Band 2 geschrieben. Fragen Sie mich bitte jetzt nicht, warum ich die nicht damals weiterverfolgt habe. Den Grund dafür verrate ich erst im Vorwort zu Band 1.

Und wer weiß, welche der momentan rund 20 schlummernden Romanideen sich in meinem Hirn nach vorne beißt und nicht mehr abwimmeln lässt?

Jetzt aber reisen Sie mit meiner Agentin Savoy durch das All … in dieser Dimension und in einer anderen.

Der Autor

Im Ultraraum

Das auf eine bizarre Größe gezüchtete Lebewesen glitt ruhig durch den Ultraraum, der unerklärlichen Zone zwischen den Dimensionen. Dabei fühlte es sich so frei wie noch nie zuvor in seinem Leben. Es hätte sein Ziel – die Dimension, in der es geboren, mental vergewaltigt und als Sklave gedient hatte  viel schneller erreichen können. Und sich damit der Gefahr ausgesetzt, von seinen alten Unterdrückern wieder die geistigen Fesseln angelegt zu bekommen. Auch die Gravitationsbeben, ausgelöst durch die millionenfachen Ultraraumsprünge der Mörder-Schiffe, ließen dem Lebewesen eine Rückkehr in seine Heimat wenig verlockend erscheinen. Also ließ es sich Zeit.

Selbst die Dimension, aus der es gerade kam, die Dimension der Mörder, schien auf Dauer kein geeigneter Ort zu sein, an dem es ohne Leiden den Rest seines Lebens hätte verbringen wollen. Das permanente Rauschen des Kosmos fügte ihm in seinen Ohren und gleichermaßen in seinem Gehirn Schmerzen zu. Keine unerträglichen Schmerzen, aber unablässig wispernde, störende und belastende.

Bei seinem ersten Aufenthalt in der fremden Dimension war es zu einem … Unfall gekommen. Das dort vorherrschende kosmische Rauschen war dem kleinen Trupp Kriecher – also seinen Sklavenhaltern, die sich in seinem Inneren aufgehalten hatten – völlig fremd und wie die Anwesenheit feindlicher Mutanten vorgekommen. Eine scheinbar gigantische Zahl parapsychisch begabter Gegner hatte sie in Panik ausbrechen lassen. Sie hatten ihre symbiotischen Verbindungen untereinander aufgegeben und sich in die hintersten Winkel ihres riesigen Sklaven verkrochen. Als dumpfe Einzelwesen, zu nichts mehr anderem fähig als animalischen Handlungen.

Das Lebewesen hatte damals erstaunt festgestellt, wie mehrere Wach- und Schlafphasen vergangen waren, ohne dass seine Peiniger ihren Irrtum erkannt, sich wieder zu intelligenten Wesenheiten vereint … und es erneut unter ihren hypnotischen Zwang gebracht hatten. Es war lange Zeit unschlüssig in der fremden Dimension durch das All getrieben, hatte zu ergründen versucht, ob es die Freiheit nur vorübergehend geschenkt bekommen hatte oder ob dieses Glück tatsächlich von Dauer sein könnte.

Auch die Stampfer, von denen es viele Hunderte in seinem Leib getragen hatte, waren damals verwirrt gewesen. Zwar hatten sie anfangs ihre üblichen Aufgaben absolviert und das Lebendschiff gepflegt, ihren Eifer aber verloren, je länger ihre Schinder ferngeblieben waren.

Nach langer Zeit, zwischen Vorsicht und Hoffnung hin und her schwankend, hatte sich das riesige Lebewesen entschlossen, etwas zu tun, was es noch nie zuvor getan hatte: etwas selbst zu entscheiden!

Am Rande einer Galaxis der Mörder-Dimension hatte es ein einsames Sonnensystem gefunden, welches nur einen einzigen Planeten besaß. Es war auf dieser Eiswelt gelandet, hatte seinen Körper an mehreren Stellen geöffnet und alle Stampfer ins Freie gelassen. Auch sie sollten wirklich frei sein. Denn in seinem Leib hätten sie auf lange Sicht nicht überleben können. Die Stampfer waren Planetenbewohner und konnten das All nur im Körper eines Wesens wie ihm durchfliegen. Und das noch nicht einmal selbstständig, sondern als von den Kriechern zum Dienst versklavte Wesen … wie es selbst. Danach hatte es durch Kontraktionen seiner Muskeln und Körperwände dafür gesorgt, dass auch alle Kriecher aus ihren Verstecken gekommen und fast freiwillig in die Kälte gestoben waren. Erst viel später, als die über sein ganzes Leben lang hinweg erduldeten Hypno-Fesseln schwanden, war das Lebewesen zu weitreichenderen Überlegungen fähig gewesen und hatte darüber zu grübeln begonnen, wie sein eigenes Leben nun verlaufen könnte. Leider war es damals in eine emotionale Sackgasse geraten und hatte seinen Traum von Freiheit nur in einem radikalen Schritt gesehen … in seinem Tod. Also hatte es den Eisplaneten verlassen und sich der einsamen Sonne genähert. Für einen Zeitraum, den es nicht mehr genau definieren konnte, war es dort im All getrieben … allein, hoffnungslos und innerlich leer.

Und dann waren sie gekommen: die Hüpfer. Mental völlig stumm und genau deswegen eine überraschende Begegnung für das monströse Wesen, das zeit seines Lebens nur via Gedanken und Emotionen kommunizierte und Befehle seiner Herren und Meister hatte befolgen müssen. Natürlich war es schon vorher Schiffen der Hüpfer begegnet und hatte aus der Distanz verfolgt, wie sich Angehörige seiner Art geopfert hatten, um diese und ihre Besatzungen zu vernichten. Die Todesschreie seiner Artgenossen hallten noch immer in seinem Gedächtnis nach. Die grauenvollen Qualen hatten es damals ebenso gemartert, wie die scheinbar unausweichliche Aussicht, das nächste Opfer des Krieges zu werden.

Doch die Hüpfer hatten es auf die Eiswelt zurückgebracht und dann behutsam zu untersuchen begonnen. Fast mitleidig hatte das Lebewesen die fruchtlosen Versuche über sich ergehen lassen und seinen Paraschirm aufrechterhalten … bis eine weitere Spezies in seine Nähe gelangt war.

Zwar Zweibeiner wie die Hüpfer, aber von völlig anderer Gestalt: schlanker, immer aufrecht gehend und mit deutlich weniger Masse. Es hatte damals beschlossen, diese neue Spezies als Geher zu bezeichnen, denn deren zwei Füße waren fast lachhaft dünn gegen die massiven Extremitäten der Stampfer. Und noch einen Unterschied gab es zu den Hüpfern: Die Geher konnten mit ihm kommunizieren … zumindest eines dieser Wesen. Es hatte eine fast weiße Haut und rote Fäden auf seinem Haupt, während ein anderes Exemplar dieser Spezies eine nachtschwarze Haut besaß und ebensolche Fäden auf seinem Schädel.

Und dann war etwas geschehen, mit dem das Slide-Wesen nicht mehr gerechnet hatte: Es hatte Hoffnung geschöpft. Die Hoffnung, doch ein neues Leben führen zu können. Und eine Freiheit zu erlangen, die es nie hatte genießen dürfen …

Auf dem Flug in den Nexus

Bérénice Savoy stand in der Zentrale der MOBY DICK und starrte zusammen mit ihren Begleitern auf die zu einer großen Fläche zusammengeschalteten Monitore. Die Bildschirme zeigten sich ständig verändernde Wellen in allen Varianten von Grau, Anthrazit und Schwarz, so als wollten sie die dunklen Gedanken widerspiegeln, welche die Agentin im Augenblick beschäftigten. Es war totenstill an Bord des lebenden Raumschiffes. Alle in der Zentrale waren gefangen von dem, was die Außenkameras übertrugen: Mäandernde Ströme zogen in zähen Schlieren durch ein Medium, das noch nie ein Mensch zuvor auf diese Weise gesehen hatte. In der athletischen Frau tauchten längst vergessen geglaubte Bilder eines finsteren Sumpfes auf, den sie einmal bei einem Einsatz – damals noch als einfache Spacetrooperin – mit fast physisch spürbarer Beklemmung durchwatet hatte. Die gleiche Beklemmung stahl sich nun wie eine befreite Gefangene aus den Tiefen ihres Herzens nach oben und zog sie von Sekunde zu Sekunde immer mehr in ihren Bann. Die quälend langsamen Bewegungen dieses kosmischen Sumpfes standen im krassen Widerspruch zu der Geschwindigkeit, die sie beim Eintritt in das Dimensionstor auf dem Planeten Eternity erreicht gehabt hatten.

Dieses Slide-Schiff gleitet durch die Dimensionen wie eine Riesen-Anakonda durch schlüpfrigen Morast. Offensichtlich braucht es seine Zeit, um auf diese Weise vom Einsteinraum in den Nexus zu gelangen. Wir springen mit brachialer Kraft und einem gewaltigen Schock durch den Ultraraum. Sie jedoch  die Hydren  mittels solcher Lebendschiffe nicht! Das ist der wahre Grund, warum keiner unserer Sensoren sie anpeilen kann. Und wenn sie ihren parapsychischen Schutzschirm aktiviert haben, auch kein Bioscanner oder Mutant. Ein Schatten huschte über Bérénices Gesicht, im kläglichen Versuch, sie noch schwärzer wirken zu lassen. Wenn wir diesen Höllenflug endlich hinter uns gebracht haben … wie werden die Hydren auf eines ihrer Schiffe reagieren, das nun von Menschen und Mazzar befehligt wird?

Mit erheblicher Anstrengung löste sich die Haitianerin von den wenig erbaulichen Bildern und Gefühlen und musterte zum tausendsten Mal den Raum, den sie Zentrale getauft hatten. Das Lebendraumschiff aus der fremden Dimension verfügte über keinen eigenen Frontbildschirm, wie ihn jedes von Menschen, Mazzar, Givvianern oder anderen Völkern der Milchstraße erbaute Raumschiff besaß. Das Konstrukt, auf das Bérénice blickte, war ein Puzzle aus mazzarischen Geräten, welche die Techniker auf dem Planeten Crystal zu erstaunlicher Funktionalität zusammengefügt hatten. Ohne besonderen Anlass musste Bérénice an die Trutt denken. Ob diese an Bord ihrer geheimnisvollen Schiffe über eine ähnliche Einrichtung verfügten, wusste bislang niemand. Und im Augenblick war das auch nicht wichtig.

Wir werden in dieser fremden Galaxis allein sein … umgeben von Feinden. Und die angestrebte Sternenansammlung lag nicht einmal im Einsteinraum, sondern in der Dimension, aus der die Hydren stammten: dem Nexus. Das Schiff fliegt … gleitet in seine Heimat. Wir in völlig unbekanntes Terrain.

Trotz besseren Wissens wartete Bérénice unwillkürlich auf den einsetzenden Schmerz, der in der Milchstraße leidiger Bestandteil eines jeden Ultraraumsprunges war. Generationen von Besatzungen waren von ihm gequält worden. Und wurden es noch. Oft genug blieb eine Mannschaft auch eine Zeit lang ausgeschaltet. Gleichzeitig machte so ein Ultraraumschock ein springendes und wieder in den Einsteinraum einfallendes Raumschiff für alle anderen aufmerksamen Schiffbesatzungen im gleichen Raum-sektor anpeilbar ... sowohl für Freund als auch für Feind.

Die Überwindung der Sprungmauer quälte nicht nur uns jedes Mal, dachte die athletisch-schlanke Raumfahrerin. Sie hat den Krieg mit den Mazzar in eine fürchterliche Länge gezogen. Und laut dieses Slide-Wesens auch im Nexus Spuren hinterlassen: vernichtete Schiffe, Stationen und offenbar ganze Welten der Hydren. In einer für uns unbekannten Zahl. Wir ahnten nicht einmal, was wir mit unseren Sprüngen anrichteten … und immer noch tun. Kein Wunder, dass sie in den Einsteinraum einbrechen und sich jedes Raumschiff vorknöpfen, das ihnen vor ihre Waffen kommt.

Bérénice ergriff plötzlich eine seltsame Anwandlung. Für einen Moment kam es ihr vor, als würde sie ein leises Raunen hören … und das Slide-Schiff mehr als nur mit ihren Füßen fühlen. Verwirrt blickte sie um sich. Aber niemand schien ihre Empfindung zu teilen. Da alles ruhig blieb und sie momentan zur Tatenlosigkeit verurteilt war, musterte sie nacheinander ihre Besatzungsmitglieder.

Ihre Freundin Naya stand an den biologischen Kontakten und war – wie ihr Bruder Flynn und ihr Cousin Roy – dicht in das verfilzte Geflecht eingebettet, welches alle drei mit der MOBY DICK verband und ihnen somit eine Steuerung des lebenden Raumschiffes ermöglichte. Die parapsychischen Fähigkeiten der Rigelianer schien das Slide-Schiff immer besser zu akzeptieren. Ob die Mitglieder des Rigel-Clans 49 wirklich die Kontrolle über das Schiff hatten oder bald erlangen würden, war eine weitere Sorge der Agentin.

Die führenden Mazzar, Beraterin Arliss, die Ärztin Kefann und der momentan unfreiwillig untätige Pilot Bozadd, hielten sich im Hintergrund und hockten wie in Winterstarre gefallene Tiere bewegungslos auf dem Boden. Dennoch schimmerte in ihren großen Augen allerhöchstes Interesse. Allem Anschein nach waren auch die Krötenabkömmlinge mehr als hingerissen von dem, was dieses Lebewesen zu leisten vermochte. Bérénice konnte förmlich sehen, wie in deren Augen Spekulationen aufblitzten, was man erreichen könnte, gelänge es, das die Dimensionen überwindende Gleiten eines Slide-Wesens auf ein mazzarisches oder terranisches Raumschiff zu übertragen.

Der einzige Mensch, der wie sie nicht in das Geflecht des Slide-Schiffes eingebettet war, war ihr ehemaliger Trooperkamerad Laurent Girard. Der Franco-Kanadier stand ein paar Schritte hinter ihr, so als wolle er ihr den Rücken decken. Sein Misstrauen gegen das Kontingent der Gorillas, das von fast doppelt so vielen Mazzar in den Tiefen des Lebendschiffes bewacht wurde, war ihm immer noch anzusehen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er sie alle aus einer offenen Schleuse ins All geworfen, obwohl sie sich seit ihrem letzten Aufstand äußerst ruhig verhielten. Offenbar hatte ihr Anführer Caesar endlich begriffen, dass Bérénice alles tat, um die Affenähnlichen in ihre Heimatdimension zu bringen. Und ihnen dort die Freiheit zu geben.

Bérénice drehte sich herum und sah zu Freitag. Der Kampfroboter der BEHEMOTH-Klasse III stand als stahlblau schimmernde und regungslose Statue hinter ihnen allen, überragte sie mit seiner Größe von 2,20 Meter locker und hatte offensichtlich seine Sensoren auch auf die Bildschirme und die darauf eingehenden Datenströme gerichtet. Natürlich konnte er Bérénices Gefühlsregungen nicht bemerken. Dass der auf sie geprägte Roboter aber anwesend war, trug nicht wenig zu ihrer Beruhigung bei. So überraschend der befremdende Eindruck in ihr aufgetaucht war, so rasch verschwand er auch wieder. Noch einmal sah sie zu dem Roboter. Der goldene Blitz auf seiner stählernen Stirn kam ihr längst wie ein Pendant ihrer eigenen goldenen Schminke vor, die auch jetzt ihre Lippen, Augen und Fingernägel schmückte. Seine und ihre Verzierungen erinnerten sie an glücklichere Zeiten und Orte.

Die Agentin drängte ihre Grübeleien zurück und konzentrierte sich wieder auf die optischen Anzeigen. Die übermittelten seit ihrem Eintritt in den Ultraraum nur unablässig wabernde Schlieren. Hatten Bérénices suchende Augen endlich etwas entdeckt, das auch nur annähernd ein körperliches Ding hätte sein können, verflüchtigte es sich auch schon wieder und wurde durch neue, sich permanent bewegende Geister ersetzt.

Die Geister toter Hydren … abgeschlachtet von allen Raumfahrern der Milchstraße … ohne, dass wir auch nur das Geringste davon ahnen konnten. Wenn wir diesen Transfer endlich hinter uns haben … was werden wir sehen?

Impressionen vergangener Schlachten zuckten in ihr auf. Nicht nur aus Filmen, die sie an der Militär-Akademie im Fach Strategie gesehen, sondern auch Schlachten, an denen sie selbst teilgenommen hatte.

Was können Ultraraumschocks in der Hydren-Dimension angerichtet haben? Wie groß ist der Schaden, den die Schockwellen den Schlangenwesen angetan haben? Auch jetzt noch, in dieser Sekunde, springen in der Milchstraße ständig Raumschiffe von Ort zu Ort. Und hinterlassen im Nexus eine Spur aus Vernichtung und Tod …

Bérénice riss sich endgültig zusammen und formulierte die Frage, die sich wohl jeder in der Zentrale stellte: »Wie lange sind wir schon unterwegs?« Sie hatte eine Antwort eigentlich von den Rigelianern erwartet, erhielt sie aber vom Roboter.

»13 Minuten und 17 Sekunden, Agent Savoy.«

»Im Einsteinraum dauert ein Ultraraumsprung nur wenige Sekunden …«, warf Bozadd ein und regte sich in einer Weise, die jedem vermittelte, dass er diese lange Flugzeit als möglicherweise gefährlich betrachtete.

Arliss hatte sich erhoben und war ein paar Schritte näher zu Bérénice gerückt. In typisch tieftönenden Mazzar-Vibrationen sagte sie: »Nun: Wir reisen nicht durch unseren Einsteinraum. Nehmen wir dieses schockfreie Gleiten und dessen Dauer als erstes und vor allem warnendes Detail wahr! Die Verhältnisse in der fremden Dimension dürften sich wohl in vielen Belangen von denen in unserer unterscheiden.« Dann lächelte sie. »Und bevor es jemand vergisst: Es ist äußerst angenehm, nicht von zuckenden Gliedern und brennenden Nerven malträtiert zu werden.«

»Ja, schon. Aber was bedeutet das?« Bérénice blickte auf die wenig erhellenden Bilder der Monitore. »Überwinden wir nur die Grenzen zwischen beiden Dimensionen? Oder auch Entfernungen, die nach Lichtjahren oder mehr zählen?«

Arliss zuckte in menschlicher Manier mit ihren mächtigen Schultern und blinzelte ein paar Mal langsam mit ihren Nickhäuten. »Ist das nicht gleichgültig? Dieses Lebewesen, die MOBY DICK, wird sich selbst – und damit uns – nicht einer Gefahr aussetzen. Nach den Aussagen der rigelianischen Mutanten hier zu urteilen, freut es sich, der Tyrannei der Hydren entgangen zu sein. Es strebt seiner Heimat entgegen und wird den Flug also nicht gerade in Regionen unternehmen, in denen eine tödliche Gefahr droht.«

»Hoffen wir es!«, antwortete Bérénice. »Es dürfte aber nur eine Frage der Zeit sein, bis wir auf andere Slide-Schiffe stoßen. Jedes Schiff, dem wir in dieser Dimension begegnen werden, dürfte von rachelüsternen Hydren besetzt und damit automatisch unser Feind sein. Oder glauben Sie, Beraterin, dass wir unerkannt agieren können? Bislang haben wir noch keine Ahnung, wie wir uns wehren können. Wir haben noch nicht einmal einen Versuch unternommen, die Waffen dieses Schiffes zu testen, geschweige denn, mit ihnen effektiv umgehen zu lernen.«

»Es blieb uns schlichtweg keine Zeit dafür, Nice«, erinnerte Kefann sie anstelle der Mazzar-Anführerin und legte ihre Hände kurz waagerecht über beide Augen, um ihr Bedauern darüber auszudrücken. Dass sie dabei Bérénice mit ihrem verkürzten Namen ansprach, sollte wohl bedeuten, dass sie die Menschenfrau längst als Freundin betrachtete.

»Ich stelle eine Veränderung der Datenströme fest«, kam es unvermittelt von Freitag, der nahezu unbemerkt seinen Standort verlassen hatte und sich nun in der Nähe einiger Monitore aufhielt, auf denen mazzarische Zahlenkolonnen herabscrollten. »Meine Sensoren registrieren widersprüchliche Werte, die sich teilweise mit diesen Daten decken«, sagte er und zeigte mit einer Hand auf einen der Bildschirme. »Daraus folgere ich mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,96 %, dass wir uns dem Ende des Dimensionsfluges nähern.«

Die Blicke aller widmeten sich wieder den Bildschirmen, die nun ein hektisches Durcheinander anstatt der bisher behäbigen Schleier übertrugen. Einzelne farbige und nadelstichkleine Punkte blitzten darin auf … die von einem Moment zum anderen von tiefer Schwärze ersetzt wurden.

»Was ist passiert?«, fragte Bozadd und glotzte mit kreisrunden Augen auf die nachtschwarzen Flächen der Monitore, welche die ohnehin spärliche Beleuchtung der Zentrale nun nicht mehr unterstützen konnten. Dennoch hatte jeder im Raum den Eindruck, dass der Übertritt vollzogen war.

»Warum sehen wir nichts? Hat diese Galaxis keine Sterne? Keine leuchtenden Gaswolken oder Nebel?« Kefann war anzusehen, dass Astronomie nicht ihre Lieblingsbeschäftigung war. Prompt wechselte sie zu einem Thema, das ihr als Ärztin deutlich mehr lag. »Wir haben rein gar nichts gespürt. Keinen Schock, keinen Schmerz. Nicht die geringste Beeinträchtigung unserer Sinne. Es wäre allerdings schön, wenn dieses lebende Raumschiff auch eine Innenbeleuchtung hätte.«

Flynn richtete sich ein wenig auf und drehte sich der mazzarischen Frau zu. »Die MOBY DICK braucht für sich selbst keine Raumbeleuchtung, Kefann. Aber warten Sie noch ein paar Sekunden … und staunen Sie!« Er drehte sich – immer noch eingebettet in das dichte Geflecht – wieder seinem Pult zu. Seine vorsichtigen Bewegungen hatten auf Bérénice den Eindruck gemacht, als hätte ein Kind sich im Spiel unter einer fadenscheinigen Decke versteckt. Dann verstand sie. Der Rigelianer wollte nicht riskieren, das Netz zu zerstören, das ihn mit dem Schiff verband.

»Auf was soll ich …?« Kefann unterbrach sich selbst, als die Wände der Zentrale sich langsam mit einem blauen Schimmern überzogen, das sich binnen weniger menschlicher Wimpernschläge zu einem gleichmäßigen Schein steigerte, der alles gestochen scharf hervorhob und trotzdem ihre Augen nicht überforderte.

»Biolumineszenz«, stieß Kefann hervor, ging sofort ein paar Schritte auf die nächste Wandung zu und drückte eine ihrer dreigliedrigen Krötenhände darauf. Das blaue Glimmen ließ ein wenig nach, kehrte aber sofort zurück, als sie ihre Hand wieder entfernte. »Also sind unsere Augen in Ordnung. Dennoch sehen wir nichts auf den Monitoren.«

»Naya?« Bérénice trat neben ihre Freundin und strich mit einer Hand sanft über deren linke Schulter. Das Geflecht, das alle drei Rigelianer wie eine zweite Schicht Kleidung überzog und nur die Gesichter und Körperöffnungen frei ließ, fühlte sich für die Agentin wie Moos an. »Naya? Könnt ihr etwas durch die Augen der MOBY DICK sehen?«

»Ja«, kam es leise von der Rothaarigen zurück. »Die Bildschirme sind okay. Es gibt einfach nur wenig zu sehen.« Dann verstummte sie wieder und schien ganz in ihren Versuchen gefangen zu sein, mithilfe ihrer Clanmitglieder mehr aus dem zu erfahren, was das still vor sich hintreibende Lebewesen umgab.

»Ich kann ein paar erste Aussagen bezüglich der physikalischen Verhältnisse in dieser Dimension abgeben.« Freitag hatte sich keinen Millimeter bewegt, sah auch niemanden direkt an, sondern nahm seinem Gebaren nach weiterhin Messungen vor. Seine beiden vorderen und wie immer rot glühenden Augen blieben auf den provisorischen Frontbildschirm gerichtet. Sein einziges Heckauge sah zu seiner Schutzbefohlenen. »Es gibt sehr wohl Sterne in dieser Dimension, beziehungsweise einer ihrer Galaxien, in der wir uns im Augenblick befinden, Agent Savoy. Meinen Messungen zufolge besitzt die von Ihnen als Nexus bezeichnete Dimension deutlich mehr dunkle Materie, als der Einsteinraum. Wenn ich eine vorsichtige Schätzung abgeben darf, würde ich hier einen Faktor von 2,3 bis 3 – möglicherweise sogar noch mehr – kalkulieren. Deswegen sind die vorhandenen Sterne nur schwach zu erkennen oder einfach zu weit entfernt.«

»Du schätzt?«, fragte Laurent Girard und gab damit zum ersten Mal etwas von sich.

»Bitte vergessen Sie nicht, Trooper Girard, dass ich ein Kampfroboter bin und kein HAWKING-Modell. Überhaupt sind meine Messungen und Aussagen nur möglich, weil der verstorbene Major Palmwood und Agent Savoy dafür gesorgt haben, dass ich auf der TSS LEONIDAS mit diversen Erweiterungen ausgestattet wurde. Äußerlich sehen Sie dies beispielsweise nur an meinen Individual-Markierungen in Gold und …«

»Schon gut, Blechschädel«, stoppte Bérénice den Redefluss des Roboters. »Spar dir das für später auf.«

»Okay«, kam es von Bozadd. Niemand wunderte sich, dass der Mazzar ein typisch menschliches Wort benutzt hatte. »Der Nexus besitzt also mehr dunkle Materie als der Einsteinraum …«

»Augenblick bitte«, unterbrach Bérénice den Piloten und wandte sich an Naya. »Hattest du nicht einmal behauptet, die Partikeldichte im Nexus sei geringer als in unserem Einsteinraum?«

Die Rigelianerin dachte eine Sekunde nach und nickte dann langsam. »Ja … so zumindest mein damaliger Eindruck der Bilder, die ich von der MOBY DICK empfing. Vielleicht hatte sie aber den unmittelbaren Bereich um ihren Heimatplaneten gemeint. Verzeih, Nice. Es kann auch sein, dass ich die damaligen Szenen falsch oder unvollständig interpretiert habe.«

Bérénice nahm die Erklärung ohne Kommentar an, dachte aber daran, mit welchen Äußerungen sich ihre Freundin noch getäuscht haben mochte. Ein ungutes Gefühl in ihrem Magen schien sich dort festgesetzt zu haben … und mahnte sie, mit mehr Misstrauen jede neue Information zu beleuchten.

»Hat das Einfluss auf interstellare Flüge?«, fragte sie ihren metallenen Bodyguard.

»Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen«, kam es von dem Roboter trocken zurück. »Wenn ich aber an die Tatsache erinnern darf, dass dieses Lebewesen hier und seine Artgenossen darin offenbar problemlos agieren können …«

»Wir haben noch die MATA HARI an Bord«, unterbrach ihn der Mazzar-Pilot. »Was meinst du zu Flügen mit ihr in diesem … dichteren Universum?«

»Sie wissen, dass die MATA HARI kein von Menschen erbautes Fahrzeug ist, sondern ein mazzarisches. Daher sollten Sie dessen Möglichkeiten besser kennen als wir.«

Bérénice musste unweigerlich grinsen. Freitags wir zeigte an, dass er sich zur Menschheit rechnete; natürlich nicht als Lebewesen. In ihren Ohren klang es aber danach.

Die MATA HARI war ein kleines Zwei-Mann-Scoutschiff, ein Modell des mazzarischen Geheimdienstes, das Bérénice einst von feindlich gesinnten Krötenabkömmlingen erobert hatte und nun meistens Bozadd und Kefann überließ, es aber selbst eigenständig bedienen konnte. Dass Bozadd überhaupt den Roboter danach gefragt hatte, bedeutete für die Agentin lediglich, dass sich alle Mazzar an Bord bewusst waren, dass dieses Vehikel gründlich, sehr gründlich, vom Terranischen Geheimdienst untersucht worden sein musste. Ob allerdings Erkenntnisse daraus in die Erweiterungen Freitags eingeflossen waren, konnte niemand von ihnen wissen.

Bozadd vermutet es aber. Und hat auf eine Aussage gehofft, die dies bestätigt.

»Welche Unterschiede zum Einsteinraum hast du noch zu bieten?«, fragte sie, um den Roboter wieder auf das aktuelle Thema zu bringen.

»Die elektromagnetische Strahlung des Nexus weicht erheblich von der des Einsteinraums ab«, kam es mit merklich weniger Worten von Freitag.

»Inwiefern?« Kefanns Krötengesicht war deutlich Misstrauen anzusehen. »Kann sie uns gefährlich werden?«

»Ich bin auch kein AESCULAP-Modell …«, begann der Roboter mit fast indignierter Stimme.

»Freitag!«

»… kann also keine detaillierten Aussagen zu Auswirkungen auf lebende Körper treffen«, ignorierte er Bérénices Mahnversuch und fuhr ungerührt fort. »Dennoch darf ich Sie alle beruhigen: Es besteht keine Gefahr.«

»Weshalb? Strahlung ist immer ein Punkt, dem man im Weltall Rechnung tragen sollte«, resümierte Kefann.

»Sie stellt keine Gefahr dar.« Freitag schien seltsamerweise ausgerechnet jetzt nicht gewillt zu sein, seine Behauptung in erschöpfender Weise darzulegen.

»Nun lass dir doch nicht jedes Wort aus deiner Blechnase ziehen, Freitag.«

»Meine psychologischen Analysefähigkeiten sind äußerst begrenzt, Agent Savoy. Sie existieren nur in einem rudimentären Maße, wie sie für Handlungen im Kampf sinnvoll sind. Ich habe dennoch mehrfach registriert, dass Ihnen nicht an ausführlichen Antworten gelegen ist. Daher habe ich mich vor 1,54 Minuten entschlossen, nur noch kompakte Äußerungen abzugeben. Es erhöht zudem die Effektivität. Zeit ist auch im Kampf ein wertvoller Faktor.«

Bérénice war versucht, laut aufzulachen, konnte sich aber noch rechtzeitig beherrschen. »Was ist nun mit der elektromagnetischen Strahlung?«

»Es ist keine da, Agent Savoy.«

»Wie bitte?«, entfuhr es Laurent Girard. »Das verstehe ich nicht.«

»Es existiert keine Strahlung, welche von den Menschen als kosmische Hintergrundstrahlung bezeichnet wird.«

»Unmöglich«, entfuhr es Laurent.

»Offenbar doch, Trooper Girard.« Der Roboter hatte sich immer noch keinen Millimeter bewegt und wirkte auf Bérénice wie ein störrisches Kind, das auf seine Ansicht pochte. »Die Daten beweisen es. Und erklären – zumindest zum Teil – warum die Slide-Wesen im freien Weltraum überleben können«, schob Freitag nach.

»Was für ein seltsames Universum.« Bérénice Savoy trat ein paar Schritte näher an die fast schwarzen Monitore heran und musterte sie mit nachdenklichem Ausdruck.

»Dunkel … und still.«

Im Nexus

Das Raumschiff mit der menschlichen Bezeichnung MOBY DICK sendete seit ihrer Ankunft im Nexus – ob nun bewusst oder unbewusst  Emotionen aus, die mittlerweile selbst die Nicht-Empathen an Bord erreichten. Wellen widersprüchlicher Gefühle überrollten Menschen, Mazzar und Gorillas. Nur Freitag blieb davon naturgemäß verschont. Es dauerte eine Weile, bis Bérénice verstand, was das Wesen so stark fühlen ließ und rechnete ihre erst kurze Zeit zurückliegende Empfindung der gleichen Ursache zu.

Es freut sich, in seine Heimatdimension zurückgekehrt zu sein. Gleichzeitig scheint es die Befürchtung zu hegen, wieder unter das Joch der Hydren geraten zu können. Die schwarze Agentin mahlte mit ihren Kieferknochen. Ich werde das nicht zulassen! Wenn wir den Hydren diese Schiffe abspenstig machen, sie vielleicht zu einer Rebellion bewegen könnten … die Gorillas ebenso … dann nähmen wir den Hydren die Möglichkeit, unsere Dimension heimzusuchen. Sie hatte diese eher unwahrscheinlichen Pläne kaum gedacht, als ihr die knallharte Konsequenz klar wurde: Es würde nichts daran ändern, dass unsere Ultraraumschocks hier im Nexus unendliches Unheil anrichten.

»Wo fliegen wir eigentlich hin?« Bozadd stand mittlerweile auf gleicher Höhe wie Bérénice und musterte die drei Rigelianer, die unentwegt mit dem Slide-Schiff auf eine Weise verbunden waren, die ihm unheimlich erscheinen musste.

Auch mir, dachte die Agentin und hoffte, dass ihre Geliebte keine Schäden davontragen würde. »Keine Ahnung, Bozadd. Aber unsere Empathen hier müssen den Flug zu einem Ziel – welchem auch immer – vorerst dem Schiff überlassen. Wir kennen uns hier noch nicht aus.« Sie drehte sich zu dem Kampfroboter um, der wieder seinen Platz hinter ihnen eingenommen hatte. »Freitag. Du hast sicher damit begonnen, eine Sternenkarte anzulegen.«

»Selbstverständlich, Agent Savoy.«

Er machte eine winzige Pause und entschied sich  entgegen seiner vor kurzem getätigten Bemerkung  dann doch dafür, ihnen weitere Erläuterungen zu geben.

»Aus praktischen Erwägungen, und in Anlehnung an die bestehende Praxis aus unserer Milchstraße, habe ich unseren Transferpunkt als Nullpunkt für ein Nexus-Koordinatensystem angenommen. Natürlich wäre es klarer und logischer, das hiesige galaktische Zentrum als NKS 0° zu bezeichnen. Aber die Menschheit hat auch nach Besiedelung anderer Planeten darauf verzichtet, das realitätsferne Koordinatenwerk mit der Erde als zentralen Punkt auf ein galakto-zentrisches System umzurechnen.«

Wieder einmal hatte Bérénice den Eindruck, dass die Maschine eine menschliche Vorgehensweise missbilligte.

»Sobald mir ausreichende Datenmengen zur Verfügung stehen«, fuhr der Roboter fort, »kann ich alle bis dahin festgestellten Sternkoordinaten zumindest auf eine hiesige Ekliptik umrechnen.«

»Danke, Freitag. Mach das so!« Dann wandte sich die Agentin an Naya. »Kannst du feststellen, wohin die MOBY DICK will?«

Naya musste sie trotz ihrer Konzentration auf das Slide-Schiff gehört haben. Dennoch verhielt sich die rothaarige Rigelianerin nicht so, wie man es hätte erwarten können, sondern fing stattdessen unvermittelt zu zittern an. Auch ihre männlichen Clan-Mitglieder standen nicht mehr ruhig in ihren biologischen Gespinsten, sondern zeigten vibrierende Arme und Beine. Bérénice hatte den Eindruck, dass sie sogar niedergesunken wären, würde das Geflecht sie nicht stabilisieren.

»Kefann, schnell!«

Die Mazzar-Ärztin hatte schon vorher reagiert und hielt ein Gerät an den Kopf Nayas, das die Menschen bisher noch nicht bei einem Mazzar gesehen hatten. Doch bevor Kefann etwas aus den Anzeigen schließen konnte, riss sie ein Ruf Laurents aus ihren Bemühungen, den Rigelianern irgendeine Hilfe zukommen zu lassen.

»Dort! Die Monitore … rechter Quadrant.«

Bérénice, Arliss und Bozadd richteten ihre Blicke auf diese Stelle der Darstellung … und fühlten augenblicklich Adrenalin oder dessen mazzarisches Pendant durch ihre Adern schießen.

Eine Kette von Explosionen war da zu sehen. Lautlos und dennoch schrecklich. Acht, elf, fünfzehn, immer mehr glühende Plasmawolken dehnten sich aus und vernichteten etwas, was sie nicht sehen konnten.

»Eine Raumschlacht«, stieß Laurent hervor und fasste unweigerlich – und nutzlos  an den Griff seiner schweren Laserwaffe.

»Zwischen wem?«, fragte Bozadd und zappelte von einem Bein auf das andere. Es behagte ihm offensichtlich gar nicht, tatenlos herumstehen zu müssen und nicht in einem Pilotensitz agieren zu können. Bérénice nahm einen Hauch des süßlichen Geruches wahr, den Mazzar immer bei Aufregung aus ihren Hautdrüsen abgaben.

»Freitag?« Bérénice ahnte, dass sie nicht eine Schlacht sahen, sondern …

»Negativ, Trooper Girard. Die Detonationen sind kein Ergebnis von Raketen oder anderen weltraumtauglichen Waffen. Ich stelle massive Schockwellen gravimetrischer Art fest. Nach allen bislang nur theoretisch prognostizierten Auswirkungen unserer harten Ultraraum-Sprungtechnologie können wir diese nun live als reale Geschehnisse beobachten.«

»Naya! Bring uns dorthin! Vielleicht können wir jemanden retten.«

»Ich würde davon dringend abraten, Agent Savoy«, kam es sofort von dem Roboter. »Nach allem, was Sie mir darüber mitgeteilt haben, sind dies Schäden, die Raumschiffe aus unserem Einstein-Universum anrichten. Es ist mir unmöglich festzustellen, ob an den dortigen Koordinaten weitere Schockwellen zu befürchten sind.«

»Das weiß ich selbst, Blechschädel. Und nur um das für alle noch einmal klarzustellen: Wir können jede Sekunde von einer Schockwelle getroffen werden, egal wo wir uns befinden. Und wir kannten das Risiko. Schließlich sind wir hierhergekommen, um diesem Wahnsinn ein Ende zu bereiten.«

Sie wirbelte zu Naya herum, ergriff sie mit beiden Händen an den Schultern und schüttelte ihre Freundin, als müsse sie diese aus einem tiefen Schlaf reißen. »Naya, verdammt, wach auf!« Der Kopf der Rigelianerin wackelte bedenklich. Aber die Augen der hübschen Empathin blieben geschlossen. Bérénice holte mit einer Hand aus und verpasste Naya zwei schallende Ohrfeigen, die tatsächlich Wirkung zeigten.

»Nice … es ist so schrecklich. Sie sterben … alle. Was tun wir ihnen nur an?«

»Lebt dort noch jemand? Kann die MOBY DICK Artgenossen aufspüren?«

»Über diese Entfernung?« Laurent war als Nicht-Mutant kaum in der Lage, sich die Wege vorstellen zu können, mittels derer parapsychisch begabte Menschen – und schon gar nicht fremde Lebewesen aus einer anderen Dimension – miteinander kommunizieren konnten.

»Es leidet … und spürt die Anwesenheit Hunderter Hydren. Wir haben keine Chance, ihnen zu Hilfe zu eilen, ohne Gefahr zu laufen, von ihnen angegriffen zu werden. Die Hydren … sie orten uns bereits auf telepathische Weise. Würden sie noch die Herrschaft über ihre Slide-Schiffe besitzen, würden sie uns sofort angreifen. Wir müssen hier weg!« Naya bäumte sich plötzlich auf, als hätten ihre eindringlichen Worte sie zu viel Kraft gekostet.

»Wohin, verdammt?«

Naya schien nicht mehr in der Lage zu sein, ihr eine Antwort geben zu können. Sie hatte ihre Augen wieder geschlossen und hing wie ein schlaffer Sack in dem offenbar immer dichter werdenden Geflecht. Stattdessen drehte sich ihr Bruder Flynn zu Bérénice um. Sein aschfahles Gesicht war ein einziger Ausdruck von Entsetzen. »Die MOBY DICK will zu ihrem Heimatplaneten und meint, dass dort schon lange keine Hydren mehr wären.«

»Wieso?«

»Die Hydren haben alle brauchbaren Slide-Wesen von dort weggeschafft und ihrem Zuchtprogramm auf anderen Planeten unterworfen, welche näher an ihrem eigenen Heimatsystem liegen. Vielleicht auch ganz einfach deswegen, weil die Slide-Wesen im Verlauf ihrer natürlichen Entwicklung jegliche Materie im All abgeerntet und gefressen haben. Möglicherweise habe ich schon einmal ein Gedankenbild dieses nahrungslosen Raumabschnittes gesehen. Dennoch will die MOBY DICK zu ihrer Ursprungswelt zurück … um dort zu sterben.«

»Was?« Arliss´ Lippen kräuselten sich heftig und aus den vielen warzenähnlichen Drüsen strömte ein süßlich duftendes Sekret, welches mehr als deutlich anzeigte, dass auch die Mazzar-Anführerin echte Angst empfand. »Wenn wir die MOBY DICK verlieren …«

»Was hindert das Slide-Schiff daran, jetzt sofort dorthin zu fliegen?« Bozadd hätte wahrscheinlich an dessen Stelle schon längst Kurs darauf genommen.

Roy war es diesmal, der ihnen eine Antwort gab. »Es bleibt in deren relativer Nähe … um ihre letzten Gedanken aufzunehmen. Ihre Art, den Sterbenden die letzte Ehre zu erwei…«

Von einem Moment zum anderen brach Roy ab und schien durch die Monitore, durch die Körperhülle des Lebendschiffes … und über die Millionen von Kilometern hinweg, auf den Ort des Sterbens blicken zu können. Dann riss er seine Augen auf und kurz nach ihm taten das auch Naya und Flynn. Fast unisono sagten sie vier Worte, die wohl zu einem anderen Zeitpunkt für Freude gesorgt hätten:

»Die Hydren sind tot.«

»Was zur Hölle …«, stieß Laurent hervor und ging wie ein gefangener Tiger mit gezogenem Lasergewehr auf und ab. Er hätte sich wohl am liebsten in einen Kampf geworfen, zu dem er etwas beitragen konnte. Diese übersinnlichen Verständigungen waren so ganz und gar nicht nach seinem Geschmack. Er hätte seinen Gegnern gerne Auge in Auge gegenübergestanden. »Was hat das nun wieder zu bedeuten?«

»Die MOBY DICK berichtet uns, dass alle an Bord der 23 betroffenen Slide-Schiffe befindlichen Hydren tot sind.«

»Super!«, rief Laurent aufgebracht. »Das ist doch ein guter Anfang. Machen wir sie alle platt und fliegen wieder nach Hause!«

»Trooper Girard!«, donnerte Bérénice und blitzte ihren ehemaligen Kameraden drohend an. »Wir sind nicht hier, um Hydren zu töten …«

»Ach, nein?«, schrie er zurück und hatte mittlerweile einen roten Kopf. »Wollen Sie also lieber abwarten, bis uns eine Schockwelle erwischt und aus dem All fegt, Madame? Dieses Abenteuer entwickelt sich zu einem Höllenflug. Jede Sekunde könnten wir sterben. Und ich kann nichts, rein gar nichts dagegen tun. Es gefällt mir hier nicht!«

Dass er sie in seiner Wut plötzlich wieder siezte, veranlasste Bérénice, es ihm gleichzutun.

»Mir auch nicht!«, zischte sie zurück. »Aber wir sind die Einzigen, die es aus unserer Dimension bis hierher geschafft haben. Wir sind die Einzigen, die eine Chance haben, dem Morden ein Ende zu setzen!« Dann funkelte sie ihn mit zornigem Blick an. »Und wenn Sie sich beruhigt haben, sollten auch Sie erkennen, dass diese 23 von ihren Sklavenhaltern befreiten Slide-Schiffe ein Geschenk sind … sein können.«

Ohne sich weiter um den Trooper zu kümmern, drehte sie sich zu den Rigelianern um. »Könnt ihr die MOBY DICK dazu bringen, zu dieser Flotte zu fliegen? Und zwar so schnell es nur geht?«

Naya wandte sich ihr zu und ließ durch ihre nächsten Worte erkennen, dass sie noch längst nicht die Kontrolle über das Lebendschiff erlangt hatten. Und vielleicht nie erlangen würden. »Es hat schon Kurs auf die Gruppe genommen … und sendet telepathische Signale aus.«

Laurent Girard erschrak und presste mühsam hervor: »Könnt ihr das stoppen, Naya? Vielleicht locken wir damit neue Schiffe an … mit lebenden Hydren.«

»Tut mir leid. Die MOBY DICK lässt sich nicht davon abbringen.«

»Lasst sie in Ruhe!«, warf Bérénice plötzlich in die Runde. »Im Grunde ist es genau das, was eine meiner Hoffnungen war: unbemannte Slide-Schiffe!«

Vision Zwei

Bérénice beobachtete, wie die MOBY DICK sich auf die kleine Flotte ausrichtete und sukzessiv Fahrt aufnahm. Nur aus den Augenwinkeln bekam sie mit, wie die Rigelianer sich bewegten und an ihren Pulten Schaltungen vorzunehmen versuchten, welche die Agentin eher an hilflose Streicheleien erinnerten. Wieder wurde ihr klar, dass sie noch weit davon entfernt waren, das Schiff steuern zu können.

Das, was wir hier tun, ist blanker Wahnsinn, schoss es ihr durch den Kopf. Was hätte ich dafür gegeben, dieses Schiff in aller Abgeschiedenheit und Ruhe erforschen zu können. Jetzt werden wir es wohl auf die harte Tour meistern müssen … oder sterben.

Sie kamen den anderen Slide-Lebewesen rasch näher, die auf einem der Schirme bislang nur als elek-tronisch erzeugte Punkte sichtbar waren. Für mehrere Sekunden rechnete Bérénice damit, dass die Schiffe fliehen könnten, da diese ja annehmen mussten, dass die MOBY DICK ein von Hydren besetztes Schiff war. Doch sie blieben.

Die parapsychischen Wellen der MOBY DICK müssen sie schon erreicht haben. Was teilt ihnen unser Schiff wohl mit?

Sie stellte sich vor, wie es sein würde, mit dieser Flotte in den Einsteinraum zurückkehren zu können … und von einem Wimpernschlag auf den nächsten war sie dort!

Die Agentin hatte schon in der Anfangsphase ihrer Tätigkeit mentale Effekte erleiden müssen, welche ihr Vertreter beider Kriegsparteien – Menschen wie auch Mazzar – via Implantaten, Codewörtern und Medikamenten angetan hatten. Als sie nach vielen Monaten der Qual die Erinnerungsfetzen ihrer künstlichen Komata endlich überwunden hatte, war sie von Flashbacks heimgesucht worden. Alle diese meist bruchstückhaften Szenen hatten sich auf Erlebnisse in ihrer Vergangenheit bezogen.

Jetzt hatte Bérénice aber das untrügliche Gefühl, sie würde einen Blick in die Zukunft werfen … zum zweiten Mal. Denn die Flotte aus Slide-Schiffen, die vor ihrem geistigen Auge agierte, bestand aus deutlich mehr als 23 Exemplaren.

Das müssen mindestens fünf Mal so viele sein.

Und diese hingen nicht abwartend im All, sondern kämpften! Vor einem Ringplaneten, der so verteufelt nach dem heimatlichen Saturn aussah, dass es der schwarzen Agentin heiß wurde und sich ihr Herzschlag rapide beschleunigte.

Bérénice musste aufgestöhnt haben, denn besorgte Stimmen um sie herum schienen ihren Namen zu rufen. Als läge eine schalldämmende Wand zwischen ihr und ihren Freunden, nahm sie deren Stimmen immer schwächer wahr, als würde sie sich ihnen auch physisch entziehen.

Stattdessen vernahm sie die üblichen Geräusche, welche während einer Raumschlacht die Zentrale eines beteiligten Schiffes erfüllten: rasche Kommandos, klickende Armaturen, heulende Sirenen, das dumpfe Dröhnen einschlagender Projektile. Erschütterungen und nahe oder ferne Detonationen, die sich über jedwedes Material in alle Abteilungen übertrugen und eine lautstarke Kulisse bildeten, in der die Besatzung sich meist nur mittels Helmfunks und gedrosselter Außenmikrofonen verständigen konnte. Draußen im All ist eine Schlacht ein kaltes, stummes Drama. Innerhalb eines Raumschiffes ist es die blanke Hölle.

Die Diskussion der Materialdesigner mit den Kampfpsychologen hielt seit Jahrzehnten an, ob man deshalb in so einer Situation jegliche akustische Wahrnehmung abschotten sollte, damit die kämpfende Besatzung sich auf ihre Hauptaufgabe konzentrieren konnte. Oder ob ein Mindestmaß an zusätzlichen akustischen Informationen dazu beitrug, das gesteckte Ziel zu erreichen ... und das eigene Überleben zu sichern. Bislang hatten sich Vertreter der letzteren Meinung durchgesetzt. Sie standen im harten Streit mit denjenigen, die für einen rein elektronischen Datenfluss plädierten.

Und Bérénice schien in diesem Moment ein Paradebeispiel zu sein, was irritierende Eindrücke mit einem Trooper, Mannschaftsmitglied oder Agenten anstellen konnten. Ihre Verwirrung währte aber nur kurz.

In der Sekunde, in der ihr klar wurde, dass dieser Planet nicht der Saturn war, sondern irgendein anderer Ringplanet, und sie eine weitere Vision erlebte, wich ihr heißer Adrenalinstoß kühler Beobachtung. Sie stand da, unbeweglich, einen kalten Blick in den Augen, der die anderen in der Zentrale sie wieder als Black Ice wahrnehmen ließ. Wie ein nüchterner Wissenschaftler verfolgte Bérénice die imaginäre Schlacht, sah die Schiffe durch das All fegen, sich gegenseitig vernichten, Trümmerstücke von sich schleudern und im Dunkel des Weltalls verschwinden.

Dann erkannte sie, dass es terranische Einheiten waren, die dort im Feuer der biologischen Raumschiffe vergingen. Als würde diese Erkenntnis ihre Sehschärfe erhöhen, betrachtete sie das Geschehen plötzlich so, wie ein Mediziner ein Bakterium unter einem Mikroskop beobachtet hätte.

Und sah, dass nur die terranischen Schiffe feuerten. Von den Slide-Schiffen ging kein einziger Feuerstrahl einer Rakete aus, kein blitzender Stoß einer Laserlanze … gar kein Beschuss! Dennoch waren es die terranischen Kampfschiffe, die detonierten.

Die Vision verschwand – scheinbar ohne äußeren oder inneren Anlass  so rasch, wie sie gekommen war.

Aber Bérénices linke Wange brannte. Jemand musste ihr eine Ohrfeige verpasst haben, wie sie selbst kurz zuvor Naya. Als die Agentin ihre unmittelbare Umgebung wieder bewusst wahrnahm, sah sie Laurent Girard vor sich stehen, die Augen voller Angst und Scham.

»Es tut mir leid, Madame. Ich wollte Sie nicht …«

»Schon gut, Laurent. Du musst nicht wieder in das formelle Sie zurückfallen. Ich brauche hier im Nexus jeden Freund, den ich finden kann. Aber vielleicht hättest du mich noch ein paar Sekunden … vergiss es! Du konntest nicht wissen, was mit mir ist. Aber tu das nie wieder! Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, käme es noch einmal vor.« Sie bekam mit, wie sein Blick unwillkürlich zu dem Griff ihres Katanas ging, welches sie in einer Schwertscheide auf dem Rücken trug.

Sie gönnte weder ihm noch den anderen eine Erklärung für ihr kurzfristiges Weggetretensein, sondern trat ganz dicht an Naya heran, umfasste mit beiden Händen deren Gesicht und drückte ihr einen langen Kuss auf den Mund.

Als Naya sie daraufhin mit großen Augen ansah, wagte Bérénice die Frage, die ihr die Vision beinahe beantwortet hätte: »Ich sah Menschen sterben, Liebes. Eine unserer Flotten wurde … wird … vernichtet werden. Von Slide-Wesen. Welche Waffen haben die lebenden Raumschiffe an Bord? Was steht ihnen, und vielleicht bald uns, zur Verfügung?«

Naya sah in diesem Moment wie ein weibliches Spiegelbild Laurents aus: entsetzt, kreidebleich, die Augen voller Furcht. Sie atmete tief ein und Bérénice ließ die Hände sinken, die sie immer noch an die Wangen ihrer Geliebten geschmiegt hatte.

»Die MOBY DICK verfügt über keine Waffen, Nice«, kam es leise von der Rigelianerin.

»Bitte?« Es war alles, was die schwarze Agentin hervorbrachte. Dann richtete sich ihr Blick in die Ferne … und wurde eiskalt.

»Wir …«, fing Girard an und stockte. »Wir sind in einer fremden Dimension, umgeben von wer weiß wie vielen Milliarden hypnotisch begabter Hydren, die dazu bis unter die Schuppen mit Rachegelüsten erfüllt sind … und besitzen keine raumtauglichen Waffen?«

»So ist es«, antwortete Naya. »Dieses Schiff – und wir entnehmen seinen Botschaften, dass dies auf alle Slide-Schiffe zutrifft – ist waffenlos.«

Im Nexus

Es war beklemmend still in der Zentrale der MOBY DICK. Jeder hing seinen Gedanken nach. Den Rigelianern war anzusehen, wie sehr sie sich bemühten, tiefere Einblicke in das Wesen zu erlangen, in dessen trügerischer Obhut sie sich alle befanden.

Bérénice hatte sich nur kurz mit Arliss besprochen und sich versichern lassen, dass deren Truppen die Gorillas im Bauch des Slide-Schiffes ständig im Auge behielten und sich sofort melden würden, käme es wieder zu einem Aufstand. Doch die Affenähnlichen hegten offensichtlich keinen Drang nach Rebellion. Arliss hatte sich dennoch aus der Zentrale begeben, um mit ihren einzelnen Unterführern vor Ort sprechen zu können. Eine schwer bewaffnete Eskorte von 20 Mazzar begleitete sie.

Bozadd und Kefann verharrten dicht hinter Naya, Roy und Flynn. Der Pilot im hoffnungslosen Bestreben, die Verbindung zwischen den Empathen und dem Schiff verstehen zu wollen. Die Ärztin in berechtigter Sorge, was mit den drei Menschen physiologisch geschah. Den psychologischen, besonders den parapsychologischen Verhältnissen und Gefahren, denen die drei Rigelianer unentwegt ausgesetzt waren, konnte sie nicht nachspüren.

Immer wieder hatten alle Mazzar, mit denen Bérénice Savoy Kontakt pflegte, ihrer Verwunderung Ausdruck verliehen, dass die Menschheit mit relativ vielen Mutanten gesegnet war. Im gesamten Reich Mazzar gab es kein einziges parapsychisch begabtes Lebewesen. Die Vorstellung, dass dies im Nexus genau umgekehrt war – dass alle Hydren, Slide-Wesen, selbst die Gorillas zumindest empathisch begabt waren , traf die Krötenabkömmlinge offensichtlich tiefer, als die zumindest äußerlich ruhig wirkende Agentin ahnen konnte.

Blieben also nur noch Laurent und sie, die im Augenblick zu verbalem Austausch bereit waren.

Der drahtige Trooper hatte sich zuvor für ein paar Stunden in seine Kabine zurückgezogen und kam nun mit langsamen Schritten wieder zu Bérénice, setzte sich zu ihr auf den Boden und sah nur kurz auf die Ansammlung der Bildschirme.

»Irgendetwas Neues?«

»Nein. Die MOBY DICK fliegt in so gemächlichem Tempo auf ihre Artgenossen zu, dass es nach meiner Schätzung noch mindestens eine halbe Stunde dauern wird, bis wir sie erreichen werden.«

»Bei unveränderter Geschwindigkeit: 37,5 Minuten«, kam es von Freitag, der nach diesem Einwurf wieder verstummte und sich weiterhin mit Messungen beschäftigte.

»Was tun wir, wenn wir angegriffen werden?«

Die Agentin hatte sich Laurents Frage schon selbst die ganze Zeit gestellt gehabt und die für sie einzig logische Antwort längst gefunden. Also zuckte sie mit den Schultern. »Wir fliehen, was sonst?« Bérénices Gesicht war anzusehen, dass sie momentan keine andere Lösung sah. »Und hoffen, dass wir den Angreifern entkommen können.«

»Warum fliegt die MOBY DICK so langsam? Vorhin hatten die Rigelianer behauptet, das Slide-Schiff bereite sich auf seinen Tod vor.«

Wieder zuckte die Agentin mit den Schultern. Dieses Mal aber in der Anmutung eigener Ratlosigkeit. »Wenn es wirklich sterben will … was könnten wir dagegen unternehmen? Nichts.« Etwas umständlich erhob sie sich und ging ein paar Schritte, wohl um ihre Gelenke und Muskeln wieder zu aktivieren. Laurent stand ebenfalls auf und besah sich die Zentrale in einer Weise, als sähe er sie zum ersten Mal.

»Es lässt sich Zeit, seine 23 Artgenossen auf uns vorzubereiten«, beantwortete er seine eigene Frage mit für Bérénice erstaunlicher Einfühlsamkeit.

»Wie kommst du darauf?« Der offenbar plötzliche Wandel seiner Haltung zu allem in dieser Dimension überraschte sie wirklich.

Nun war er es, der mit den Schultern zuckte. »Es tut mir leid, Bérénice. Ich meine, meinen Ausraster von vorhin. Ich hatte in meiner Kabine Zeit, um über alles nachzudenken. Wir werden ganz sicher sterben, wenn wir uns nicht auf völlig neue Situationen einlassen und …«

»Wir sind da«, vermeldete der BEHEMOTH knapp und lenkte ihre Aufmerksamkeit dadurch wieder auf das Geschehen außerhalb des Slide-Schiffes. Bérénice fuhr nur für einen Wimpernschlag die Überraschung durch die Glieder, dass die avisierten 37,5 Minuten schon vergangen sein sollten, sagte aber nichts dazu, da auch der Roboter stumm blieb.

Ich scheine mein Zeitgefühl zu verlieren, dachte sie und lag auch mit dieser Einschätzung falsch.

Die MOBY DICK hatte sich in die Mitte des Pulks begeben, den seine Artgenossen in lockerer Formation im All einnahmen. Da die Lebendschiffe keine äußerlichen Beleuchtungssysteme zu haben schienen und auch keine Sonne in der Nähe war, sahen die fünf Menschen und die beiden Mazzar in der Zentrale nur Schwärze auf den Monitoren. Die elektronischen Pendants der Schiffe waren lediglich kleine Markierungen auf schwarzem Grund.

»Und jetzt?« Laurent sah zu den Rigelianern, die ein wenig von ihrer verkrampften Haltung abgelegt hatten und Anzeichen von Erleichterung erkennen ließen.

Naya wandte ihre Augen zu Bérénice und schaffte es, ein zaghaftes Lächeln aufzusetzen. »Ich komme wieder zu dir«, sagte sie und drückte mit ihren mittleren Fingern der rechten Hand auf die Stelle des Geflechts, unter dem sich ihr Herz befand. Wie von Zauberhand öffnete sich das geschmeidige Netzkleid, als hätte ein Schneider einen unsichtbaren Reißverschluss darin eingearbeitet und Naya trat aus ihm heraus, als wäre es die einfachste Sache der Welt.

»Ihr macht wohl Fortschritte, Liebes.« Bérénice schloss ihre Freundin aufatmend in die Arme.

»Ja. Und ich habe weitere gute Nachrichten: Die MOBY DICK will zusammen mit den Wesen dort draußen zu seiner Heimatwelt fliegen.«

»Um dort zu sterben …«

»Nein.« Naya löste sich aus der Umarmung der Agentin und streckte sich ein wenig. Dabei fielen nicht nur Bérénice und Laurent ihre schlackernden Uniform-Ärmel und Hosenbeine auf. Der Kontakt zu dem Schiff musste sie unglaubliche Kräfte kosten, die an ihrer Muskulatur zehrten … und offenbar auch an ihren Nerven. Denn ihre frühere mentale Sicherheit war nun einer Unentschlossenheit gewichen, welche die Haitianerin als befremdlich empfand.

Ist sie noch zu 100 Prozent Naya? Oder ist ein Teil von ihr … slide? Ein anderes Adjektiv fiel ihr nicht ein. Laut sagte sie: »Du sprachst gerade von mehreren guten Nachrichten. Lass hören, wir können sie gebrauchen.«

»Die MOBY DICK, beziehungsweise die Slide-Wesen, sind gesellige Tiere. Halbintelligent, aber definitiv keine Einzelgänger. Wenn sie nicht unter ihresgleichen sein können, brauchen sie andere Lebewesen, um nicht zu … verkümmern. Ihr erinnert euch? Das Lebewesen, welches wir MOBY DICK nennen, hatte im weiteren Umfeld des Diamond-Systems durch einen Kampf seine Hydren-Besatzung verloren. Damals war es noch so von den hypnotischen Befehlen der verstorbenen Hydren durchdrungen gewesen, dass es sich eine Existenz ohne seine Unterdrücker nicht vorstellen konnte. Ergo hat es auf dem einzigen Planeten des Diamond-Systems, auf Crystal, den Rest seiner Besatzung, die Gorillas, abgesetzt, um allein im All sterben und wenigstens ihnen ein Weiterleben ermöglichen zu können. Durch den Kontakt zu uns  Wesen, die es weder unterdrücken, noch quälen wollen  hat es mittlerweile erkannt, dass es auch andere Lebensmodelle gibt. Die Rückkehr in den Nexus hat es allerdings mit gemischten Gefühlen vollzogen. Einerseits sehnte es sich nach seiner Heimat-Dimension und seinem Ursprungsplaneten zurück, andererseits fürchtete es sich – und tut es noch – vor einer erneuten Versklavung. Der Kontakt zu anderen, von Hydren erlösten Vertretern seiner Art, muss es erneut umgestimmt haben. Es will nicht mehr sterben!«

Bérénice nickte nur. Aber Laurent atmete deutlich ein und aus. Auch die beiden Mazzar stießen ein stakkato-artiges Klackern aus, das die anderen schon mehrfach als erleichtertes Seufzen kennengelernt hatten.

»Dann wird es also mit seinen Artgenossen und uns zu seiner Heimatwelt fliegen?« Bérénice beschäftigte längst eine andere, höchst persönliche Sache, wollte sie aber jetzt nicht erwähnen. Denn im Augenblick wusste sie noch nicht, was sie dagegen tun konnte … und ob sie das überhaupt wollte.

»Ja«, sagte Naya. Offenbar bemerkte sie Bérénices Gemütszustand nicht, denn die Rigelianerin lächelte wieder, zwar ein wenig gequält, dennoch zuversichtlich. »Ich muss euch mitteilen, dass es das auch ohne unser Zutun machen würde. Roy möchte aber trotzdem die Verbindung halten und uns warnen, sollte irgendetwas passieren. Flynn und ich können uns also für einige Zeit aus dem Symbiose-Netz lösen und uns um unsere eigenen Bedürfnisse kümmern.« Dabei blickte sie Bérénice an, als wolle sie sie gleich jetzt und hier in der Zentrale verführen. »Ich habe Hunger!«, sagte sie stattdessen. Ihr Tonfall trug aber zweifelsfrei Zweideutiges in sich. Und zwar so vernehmlich, dass es auch Laurent mitbekam.

»Und auf seinem Heimatplaneten sollen also wirklich keine Hydren mehr sein?« Laurent sah diesen Umstand wohl als ein vorübergehendes Asyl an, das ihnen Zeit gab, sich zu besinnen und die Verhältnisse dieser Dimension besser verstehen zu lernen.

»Ja«, bestätigte Naya und hakte sich bei Bérénice unter. »Sein Planet ist von den Hydren vor etwa …« Sie rechnete Zeitangaben des Slide-Wesens – von denen niemand außer den Rigelianern eine Ahnung hatte – offenbar in irdische Einheiten um. »… 250 unserer Jahre verlassen worden.«

»Und wo soll dieser Planet liegen?«

»In einer Region, welche die Slide-Wesen als Das Wilde Dunkel bezeichnen.«

Der anschließende Flug hatte zumindest eines bestätigt: Der Nexus war dunkel … und blieb dunkel. Bérénice Savoy hatte Freitag konsultiert, von ihm aber nur spärliche Informationen erhalten. Fast jede ihrer Fragen hatte er unbeantwortet gelassen und auf unzureichende Daten verwiesen. Lediglich seine frühere Prognose einer dichteren Konzentration dunkler Materie konnte er ein wenig enger fassen und behauptete nun, deren Masse läge im Vergleich zum Einsteinraum um den Faktor 3,1 höher.

Auf das, was sich in ihrem eigenen Gehirn neu und seltsam verändert hatte, brauchte sie den Roboter natürlich erst recht nicht ansprechen. Und Kefann  zwar eine überaus fähige Ärztin mit Kenntnissen der menschlichen Anatomie, aber als Vertreterin einer Spezies, die gar keine Erfahrungen mit parapsychischen Talenten hatte  schon gar nicht. Um sich ein wenig abzulenken, hatte sie Naya mit Leckerbissen verwöhnt und erfreut zugesehen, wie die Rigelianerin diese förmlich verschlungen hatte. Und zu ihrer eigenen Erleichterung war die Mutantin nach dem Mahl fast sofort eingeschlafen, anstatt Bérénice zu verführen, wie es ihre grünen Augen anfänglich noch angekündigt hatten.

Jetzt lagen sie beide – Naya tief und fest schlafend, Bérénice aber hellwach – nebeneinander in einem der vielen Hohlräume des Slide-Schiffes, die man mit einiger Großzügigkeit als Kabinen bezeichnen konnte.

Das Wilde Dunkel, dachte Bérénice. Ich spüre auch in mir einen Bereich, der dunkel war. Diesen Sektor ihres Gehirns hatte sie immer mit Misstrauen beobachtet. Besonders während des Zeitraumes, in dem sie – gleichermaßen von Menschen wie Mazzar – bruchstückhaft geistig ferngelenkt worden war, bis hin zu ihrem Erwachen. Sie hatte nur einmal versucht, sich von Naya diesen Sektor durchleuchten zu lassen … was missglückt war, da sie als konditionierte Agentin über einen Psycho-Schirm verfügte, der das Eindringen eines fremden Bewusstseins verhinderte.

Und doch fühlte die Agentin seit ihrer Ankunft in der fremden Dimension, dass sich etwas verändert hatte: Der dunkle Sektor war nicht mehr so finster und undurchdringlich!Anstelle eines Wilden Dunkels war da nun ein Bereich, der viele Türen zu besitzen schien, sie mit Angeboten lockte, die bislang nur verheißungsvolle Wellen ausströmten … unkonkret und scheu. Die ersten dieser Wellen hatte sie sich noch als Anpassung an den Nexus erklärt. Doch seit Stunden reifte in ihr die Erkenntnis, dass da mehr war. Dieses Raunen …

Bérénices Augen hatten die ganze Zeit auf der schlafenden Naya geruht, sie aber nicht wirklich gesehen. Jetzt fand ihr Verstand in die Realität zurück und bemerkte, dass ihre Freundin zwar noch schlief, aber jeden Moment erwachen würde. Woher sie diese Gewissheit nahm, wusste sie nicht. Als Naya nur wenig später tatsächlich ihre Lider hob, spürte Bérénice förmlich den auf atomarer Ebene gesetzten Haken, den ihr Verstand machte.

Um sich selbst abzulenken, musterte sie im aufglimmenden Schein der biolumineszenten Kabinenbeleuchtung ihre Freundin und stellte fest, dass Naya wirklich erholter aussah. Offenbar reagierte das Slide-Wesen auf Akustik und Bewegung seiner Gäste und erhöhte das Licht im Raum, ohne auf einen entsprechenden Befehl zu warten. Von dem Bérénice ohnehin nicht wusste, wie sie den hätte äußern können.

»Geht es dir gut?«, fragte sie stattdessen.

»Ja.« Naya wirkte entspannter, ruhiger.

»Das Geflecht«, begann Bérénice und fuhr mit einer Hand die Stellen an Nayas Gesicht nach, auf denen immer noch schwach die Abdrücke zu sehen waren, welche das Symbiose-Netz hinterlassen hatte. »Schmerzt dich der Kontakt mit dem Schiff? Ich meine … körperlich?«

»Nein. Und bevor du fragst: Auch geistig wird die Belastung geringer. Wir … passen uns einander an.« Dann lächelte die Empathin zaghaft. »Am Anfang war es … überwältigend, erschreckend. Ein Geist, so fremd, so andersartig. Dazu angefüllt mit Ängsten, Wut, Trauer, Entsetzen, Hoffnungslosigkeit, Todeswillen. Ich … auch Roy und Flynn, wir wurden förmlich überschwemmt und hatten permanent damit zu kämpfen, uns in diesem mentalen Chaos nicht zu verlieren oder verrückt zu werden.« Fast entschuldigend senkte sie ihren Blick, tastete nach der Hand Bérénices, die erschrocken in ihrem Tun innegehalten hatte, und nun die lange vermisste Wärme der Rigelianerin neu entdeckte.

»Es hätte nicht mehr viel gefehlt und wir wären …« Naya unterbrach sich und sah die schwarze Frau neben sich plötzlich an, als würde sie sie nicht kennen. »Du bist anders …«, fing sie stockend an und ihr blasses, von unzähligen winzigen Sommersprossen bedecktes Gesicht zeigte eine neue Angst. »Stößt dich mein Kontakt zu dem Schiff ab? Hast du … hast du deine Gefühle für mich verloren? Ich spüre eine Dunkelheit in dir, fast so, als würdest du immer noch mit Psychodrogen und Implantaten vollgestopft sein.«

»Nein!« Bérénice schüttelte heftig den Kopf und wusste in diesem Augenblick, dass sie es nur tat, um sich selbst von dem zu entfernen, was sie in sich anschwellen fühlte. »Das Wilde Dunkel ist nur dort draußen«, flüsterte sie und schämte sich sofort für diese Lüge, brachte aber nichts anderes über ihre Lippen. »Nur dort draußen, Liebes …«

Dann senkte sie ihre Lippen auf die ihrer Freundin, schloss die Augen und küsste sie so lange, bis sie beide fast keine Luft mehr bekamen. Für einen Moment öffneten die Frauen ihre Augen und Münder wieder, nur um sich gegenseitig die wenigen Kleidungsstücke auszuziehen und sich dann sofort erneut zu umschlingen.