Alexander - Ferdinand Schirach - E-Book

Alexander E-Book

Ferdinand Schirach

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Beschreibung

Wie können wir friedlich miteinander leben? Anhand der Geschichte eines Jungen aus der antiken Stadt Kaliste, erklärt Ferdinand von Schirach die Grundzüge der Demokratie.

Alexander wird von den Einwohnern seiner Heimatstadt Kaliste der Auftrag erteilt, „gute Gesetze“ zu finden. Nie wieder soll eine Tyrannei möglich sein, und nur einem Kind traut man zu, frei von Vorurteilen gerechte Regeln für das Zusammenleben zu finden. Alexander macht sich also auf den Weg und spricht mit ganz unterschiedlichen Menschen: einem Orakel, einem Modeschöpfer, einem Soldaten und einem echten Philosophen. Nach und nach kommt er so den Prinzipien der Demokratie auf den Grund. Doch die Zeit drängt, denn der König des Nachbarreiches droht, die Stadt zu überfallen – und nur Alexander kann das verhindern, wenn er rechtzeitig gute Gesetze nach Hause bringt.

Klug, einfühlsam und humorvoll: Das erste Kinderbuch von Ferdinand von Schirach! Mit liebevollen vierfarbigen Zeichnungen des Autors.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Alexander

Gerechte Gesetze

Ferdinand von Schirach

mit Zeichnungen des Autors

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© 2026 Penguin JUNIOR in der

Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich

Pflichtinformationen nach GPSR.)

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag- und Innenillustrationen: Ferdinand von Schirach

Grafik: Christian Keller

CM · Herstellung: AJ

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Reproduktion: Lorenz + Zeller, Inning a. A.

ISBN 978-3-641-34290-6V002

www.penguin-junior.de

Alexander

Als Alexander noch ein kleiner Junge war, malte sein Vater auf alle Wände in seinem Zimmer einen Dschungel. Er malte Bäume, die große grüne Blätter hatten, und er malte Tiger, Löwen, Schlangen, Affen und einen riesigen Elefanten. Dieser Elefant hatte lustige Augenbrauen und liebevolle Augen. Er stand jede Nacht an Alexanders Bett und wachte über seinen Schlaf.

Alexanders Vater war Tuchhändler. Auch der Vater seines Vaters und alle seine Vorfahren waren Tuchhändler gewesen. Die Leute sagten deshalb, Tuchhändler sei der »richtige« Beruf für den Vater. Aber das stimmte nicht. Jedes Kind konnte sehen, dass Alexanders Vater viel besser zeichnen und malen konnte, als Tücher zu verkaufen. Aber das sahen eben nur die Kinder. Erwachsene sind manchmal nicht so klug, wie sie glauben.

Alexander wuchs in Kaliste auf. Kaliste war eine kleine Stadt am Meer, die für ihre Schönheit berühmt war. Es gab dort Tempel, Paläste, Statuen, Brunnen, Badehäuser, eine Schule, eine Bibliothek, ein Theater unter freiem Himmel, einen gepflasterten Marktplatz mit einer Säulenhalle und vielen kleinen Geschäften, einen hübschen Hafen und einen hohen Leuchtturm. Auf dem Land vor der Stadtmauer wuchsen Oliven-, Zitronen- und Feigenbäume, und zwischen ihnen weideten Schafe, Ziegen und Kühe. Die Bewohner von Kaliste trieben Handel mit aller Welt, sie waren aufgeschlossen und freundlich, und jeden Abend gingen sie ins Theater und sahen sich dort die neuen Stücke ihrer Dichter an. Alles schien gut zu gehen.

Aber dann stritt sich der König von Kaliste mit seinem Nachbarn, und eine dunkle Zeit begann. Heute kennt niemand mehr den Grund für den Streit. Aber so ist es ja oft. Der Streit wurde größer und größer und schließlich erklärte der König seinem Nachbarn den Krieg. Der König kämpfte nicht selbst, das tun Könige fast nie. Er machte die Männer Kalistes zu Soldaten und schickte sie in die Schlacht. Er selbst blieb lieber in seinem Palast, sah vom Dach aus durch ein Fernrohr zu und aß dabei Trauben und Feigen.

Unzählige Männer fielen auf den Schlachtfeldern. Alexanders Vater, der auf Befehl des Königs auch ein Soldat werden musste, wollte nicht in den Krieg. Er sagte: »Ich kenne diese Leute aus dem Nachbarkönigreich doch gar nicht. Sie haben mir nichts getan. Warum soll ich denn gegen sie kämpfen?« Er ließ sein Schwert in der Kaserne und zog nur mit seinen Stiften und einem Zeichenbrett in die Schlacht. Er dachte, er könne dort ein bisschen malen und Alexander die Bilder schicken. Aber in einem Krieg nutzen Farben und Zeichenbretter nur wenig, und er war einer der ersten Männer, die starben. So endete Alexanders Kindheit.

Nach zwei Jahren war die Hälfte der stolzen Stadt Kaliste abgebrannt. Der König wurde von den Einwohnern jetzt nur noch »Tyrann« genannt. Der Hafen lag in Trümmern, der Leuchtturm war eingestürzt und die Olivenbäume waren umgehackt. Die wenigen Schafe, die noch lebten, sahen zerzaust, krank und müde aus.

Die fremden Soldaten hatten auch Alexanders Elternhaus niedergebrannt. Seine Mutter und er mussten zu seiner Tante ziehen. Der Mann der Tante war im Krieg gefallen und sie war mit ihrem Baby allein. Alexander mochte seine Tante, aber er vermisste sein Zimmer mit dem Dschungel und den Löwen, Tigern, Affen und Schlangen. Ihm fehlte der Elefant mit den lustigen Augenbrauen und den liebevollen Augen, der jetzt nicht mehr an seinem Bett stand und über seinen Schlaf wachte. Alexander wusste nicht, wo der Elefant und sein Vater jetzt waren. Er wurde ein bisschen einsam.

Gerechte Gesetze

Endlich gelang es den Einwohnern von Kaliste, den König und seine Minister aus der Stadt zu jagen. Die Soldaten legten die Waffen nieder und alle Einwohner versammelten sich am nächsten Tag auf dem Marktplatz in der Säulenhalle. Auch Alexander mit seiner Mutter und seiner Tante waren gekommen.

»Wir müssen jetzt noch einmal ganz von vorn anfangen«, sagte ein Soldat, der im Krieg ein Bein verloren hatte.

»Was sollen wir nur tun? Wie können wir einen neuen Tyrannen verhindern?«, riefen die Leute durcheinander.

Eine alte Frau, deren Söhne im Krieg gefallen waren, stieg auf einen Stuhl. »Wir brauchen gerechte Gesetze«, sagte sie laut.

»Ja, ja, genau, gerechte Gesetze!«, riefen die Leute.

»Aber was sind gerechte Gesetze?«, fragte ein Bauer schüchtern. Alle seine Hühner waren von den Soldaten aufgegessen worden. »Gibt es auch gerechte Gesetze für Bauern?«

Es wurde sehr still auf dem Marktplatz. Niemand wusste eine Antwort.

Der einbeinige Soldat, der viel von der Welt gesehen hatte, sagte: »Wir müssen uns vorstellen, dass wir nicht wissen, ob wir Könige oder Sklaven sind. Ob wir gesund oder krank sind. Ob wir Land besitzen oder ein Geschäft in der Stadt haben. Und ob wir Frauen oder Männer sind.«

»Warum?«, fragten die Leute. Wieder redeten alle durcheinander.

»Der Soldat hat recht«, sagte die alte Frau, die immer noch auf dem Stuhl stand. »Nur so können Gesetze gerecht werden.«

»Das verstehe ich nicht«, sagte der Fischverkäufer der Stadt. Der Fischverkäufer hatte einen gemütlichen dicken Bauch und war Alexanders bester Freund. Er hatte früher überall in der Stadt Kunden für seine Fische gehabt, aber dann wurden die Schiffe zu Kriegsschiffen und niemand hatte mehr Fische gefangen.

»Es ist ganz einfach. Wenn du nichts weißt, bist du vorsichtig«, sagte der einbeinige Soldat.

Alle in der Säulenhalle hörten jetzt den beiden zu.

»Vorsichtig? Wieso vorsichtig?«, fragte der Fischverkäufer.

»Jeder in Kaliste weiß, wie stark du bist. Aber wenn du nachts vom Wirtshaus nach Hause gehst und nichts siehst, gehst du doch trotzdem vorsichtig, oder?«, fragte der einbeinige Soldat.

»Das stimmt. Vor allem, wenn ich betrunken bin«, sagte der Fischverkäufer.

Alle lachten, weil sie den Fischverkäufer kannten und wussten, dass er oft betrunken war.

»Aber ich verstehe es trotzdem nicht. Was hat das mit den Gesetzen zu tun? Erkläre es mir«, sagte der Fischverkäufer.

»Stell dir vor, du weißt nicht, wer du bist. Du weißt also nicht, ob du ein Bauer, ein Sklave oder ein Fischverkäufer bist«, sagte der Soldat.

»Das soll ich mir vorstellen? Ist ziemlich schwierig. Hm, na gut, ich versuche es«, sagte der Fischverkäufer.

»Du denkst dann: Ich sollte sehr vorsichtig sein. Vielleicht bin ich ja ein Sklave. Also wirst du Gesetze machen, die Sklaven gut behandeln. Oder vielleicht bist du ein Bauer. Dann wirst du Gesetze machen, die den Bauern helfen. Da du auch nicht weißt, ob du eine Frau oder ein Mann bist, wird dein Gesetz beide gleichbehandeln. Und als Fischverkäufer wirst du natürlich gute Gesetze für Fischverkäufer erlassen. Du siehst: Wenn du nicht mehr weißt, wer und was du bist, wirst du vorsichtig überlegen und deine Gesetze werden gerecht für alle werden«, sagte der Soldat.

»Das klingt vernünftig«, sagte der Fischverkäufer. »Aber deine Idee hat einen Fehler: Ich kann zwar versuchen, mir das alles vorzustellen, aber in Wirklichkeit weiß ich doch, dass ich Fische verkaufe. Wie könnte ich das je vergessen? Ganz egal, was ich mir vorstelle: Ich rieche immer nach Fisch.«

Die Leute lachten wieder und nickten. Er roch wirklich immer nach Fisch.

»Ja, wer weiß denn nicht, wer er ist? Wer soll das sein?«, sagte jemand aus der Menge.

Die Leute gaben dem Fischverkäufer recht.

Der einbeinige Soldat nickte. »Genau das ist das Problem«, sagte er.

Dann schrie plötzlich jemand: »Es ist Zeit: Zum Theater, zum Theater!« Und alle liefen los, um noch einen guten Platz zu bekommen.

Es war ein milder Sommerabend. Die Einwohner von Kaliste sahen in ihrem Theater eine Komödie über den schrecklichen Tyrannen. Sie saßen unter dem Sternenhimmel und konnten zum ersten Mal seit dem Krieg über ihr Schicksal lachen. Auch Alexanders Mutter lachte, während sie gleichzeitig weinen musste. So erging es vielen.

Als das Stück zu Ende war und alle nach Hause gehen wollten, betrat die alte Frau, die ihre Söhne im Krieg verloren hatte, die Bühne. Die Leute blieben sitzen. Sie wollten hören, was sie zu sagen hatte....Ende der Leseprobe