Alpengold 194 - Sissi Merz - E-Book

Alpengold 194 E-Book

Sissi Merz

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Beschreibung

Für die junge Hallhuber-Marie ist der charmante Christian Leitner der Bursch, auf den sie immer gewartet hat - egal, was die Leute über ihn sagen! Auch wenn er bisher keinem hübschen Madel widerstehen konnte, so hat er ihr nun ewige Treue geschworen. Und so stimmt Marie überglücklich zu, als Christian sie bittet, seine Frau zu werden.

Doch am Abend vor der Verlobung werden Marie schmerzlich die Augen geöffnet: Sie überrascht Christian in flagranti mit einer anderen! Zutiefst gedemütigt und bis ins Mark verletzt, löst Marie die Verlobung. Aber sie hofft vergeblich auf den Beistand ihres Vaters - im Gegenteil: Als der alte Hallhuber trotz Christians Betrug auf einer Hochzeit der beiden besteht, erkennt Marie schweren Herzens, dass sie Abschied nehmen muss: vom Hallhuber-Hof, dem Tal ihrer Kindheit und allem, was ihr lieb und teuer ist.

Doch kann sie in der Fremde wirklich glücklich werden?

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Seitenzahl: 125

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhalt

Cover

Impressum

Ein Neuanfang für Marie

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Michael Wolf / Bastei Verlag

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-1170-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Ein Neuanfang für Marie

Wie ein tapferes Madel sich das Glück erkämpfte

Von Sissi Merz

Für die junge Hallhuber-Marie ist der charmante Christian Leitner der Bursch, auf den sie immer gewartet hat – egal, was die Leute über ihn sagen! Auch wenn er bisher keinem hübschen Madel widerstehen konnte, so hat er ihr nun ewige Treue geschworen. Und so stimmt Marie überglücklich zu, als Christian sie bittet, seine Frau zu werden.

Doch am Abend vor der Verlobung werden Marie schmerzlich die Augen geöffnet: Sie überrascht Christian in flagranti mit einer anderen! Zutiefst gedemütigt und bis ins Mark verletzt, löst Marie die Verlobung. Aber sie hofft vergeblich auf den Beistand ihres Vaters – im Gegenteil: Als der alte Hallhuber trotz Christians Betrug auf einer Hochzeit der beiden besteht, erkennt Marie schweren Herzens, dass sie Abschied nehmen muss: vom Hallhuber-Hof, dem Tal ihrer Kindheit und allem, was ihr lieb und teuer ist.

Doch kann sie in der Fremde wirklich glücklich werden?

Bernd Hallhuber blickte schweigend aus dem Stallfenster.

Es war Abend geworden, der klare Maihimmel bezog sich allmählich mit dem matten Grau der Dämmerung, und die Schatten wurden länger. Drei Wildenten flogen über den Wirtschaftshof in Richtung Hintersee.

Der Bauer dachte daran, wie er als Bub im Sommer oft dort schwimmen war, meist zusammen mit seiner Schwester Marie. Ihr blondes Haar hatte im Sonnenlicht geschimmert wie Gold, und sie hatte fröhlich gelacht. Damals, als sie noch Kinder gewesen waren und die Welt ihnen groß und schön erschienen war …

»Bauer, schau, die Milch ist nimmer flockig.« Loisl, der Großknecht vom Hallhuber-Hof, trat neben den hochgewachsenen, kräftigen Burschen mit dem flachsblonden Haar und hielt ihm eine Edelstahlkanne unter die Nase. »Der Viehdoktor hat gesagt, wenn die Flocken weg sind, kann die Kuh normal gemolken werden.«

»Ist schon recht«, erwiderte der Bauer müde.

Loisl musterte Bernd Hallhuber fragend. Er war ein eher schmächtiger Kerl, der aber für zwei schaffen konnte. Wenn er den Bauern anschaute, musste er immer blinzeln, weil er den Kopf verdrehte und nach oben blickte. »Stimmt was net?«

Bernd lächelte schmal. »Alles wie immer. Kümmere dich um die Kuh, es ist bald Zeit fürs Abendbrot.«

Der Bauer verließ den Stall. Loisl schaute ihm kurz hinterher, dann ging er wieder an seine Arbeit. Es war schon ein rechtes Kreuz mit dem jungen Bauern. Ein Kerl wie ein Baum, fleißig und klug, und doch hatte er keinen frohen Tag auf dem Erbhof.

Das lag ganz sicher nicht an ihm, denn Loisl kannte keinen Menschen auf Gottes weiter Erde, der es geschafft hätte, mit Bernd Hallhuber Streit anzufangen. Der war nämlich der friedlichste und freundlichste Charakter, den man sich nur denken konnte. Das gute Gemüt hatte er von seiner Mutter selig geerbt. Vom Vater gewiss nicht.

Loisl grinste schief. Franz Hallhuber war ganz sicher keine freundliche Seele. Er war das genaue Gegenteil.

Der Großknecht vom Erbhof in Wolfenstein, einem Flecken, idyllisch im Berchtesgadener Land gelegen, musste es wissen. Schließlich arbeitete er schon an die zwanzig Jahre für den Hallhuber. Darin hielt er den Rekord, denn für gewöhnlich blieb keiner der Angestellten sehr lange auf dem Hof. Der Altbauer war ein Tyrann und Leuteschinder. Überall sah er Faulheit und Verschwendung. Er ging schon mal einen Knecht an, weil der zehn Minuten zu lange für seine Brotzeit gebraucht hatte.

Loisl hatte in den vergangenen beiden Jahrzehnten unzählige solcher Vorfälle miterlebt. Franz Hallhuber war eine imposante Erscheinung, groß und kräftig, mit einer tiefen, weit dröhnenden Stimme, die allein schon einschüchtern konnte.

Früher, als die Bäuerin noch gelebt hatte, da war er etwas »zahmer« gewesen, denn Ursula Hallhuber hatte es verstanden, seinen Feuerkopf abzukühlen. Sie war eine schöne, sanfte Frau gewesen, das genaue Gegenteil zu ihrem cholerischen Heißsporn. Vielleicht hatten die beiden sich deshalb seinerzeit ineinander verschaut.

Wirklich glücklich war die Ehe aber wohl nicht gewesen. Mit den Jahren war das auffahrende Temperament des Bauern immer stärker durchgebrochen. Und seit die Bäuerin nicht mehr da war, konnte ihn niemand mehr bremsen in seiner giftigen Knurrigkeit und seinem unerträglichen Grant.

Einzig Marie, Bernds Schwester, hatte noch einen gewissen Einfluss auf den Altbauern. Das mochte daran liegen, dass sie ihrer Mutter so ähnlich war, äußerlich wie auch im Wesen.

Bernd aber hatte sehr unter seinem Vater zu leiden. Franz nahm den Burschen nicht für voll, machte sich über ihn lustig und bedachte ihn regelmäßig mit Schimpfworten, von denen »Depp« und »Trottel« noch die harmlosesten waren. Dass sein Sohn mit Erfolg die Landwirtschaftsschule abgeschlossen hatte und ein sehr tüchtiger Jungbauer war, interessierte ihn nicht. Bernd durfte zwar auf dem Hof arbeiten, aber dass er irgendwann den Betrieb übernehmen würde, stand nicht zur Debatte.

Aus zahlreichen lautstarken Auseinandersetzungen wusste das gesamte Gesinde, dass der Altbauer ganz andere Pläne hatte.

»Eine Schande ist das«, sagte Loisl zu der Kuh, deren Milchfieber endlich abgeklungen war. Das Tier käute gelassen wieder und kümmerte sich nicht darum. »Es ist aber eine Schande«, beharrte der Großknecht. »Statt dem lieben Herrgott auf Knien zu danken für so einen gut geratenen Sohn, versündigt sich der Bauer jeden Tag aufs Neue. Dabei kann doch nix Gutes herauskommen, nie und nimmer.«

Er verließ den Stall und marschierte über den Wirtschaftshof Richtung Gesindehaus, um sich zu waschen. Drüben im Haupthaus hörte man schon wieder den Altbauern wütend brüllen.

***

»Du kannst gleich das Tablett ins Esszimmer tragen, Elke.« Marie Hallhuber stellte eine Kanne mit frischer Milch auf das Tablett, die Küchenmagd wollte nach den Tellern greifen, zuckte aber heftig zusammen, als die Stimme des Altbauern unvermittelt durch das Haus dröhnte.

Zwei Teller rutschten ihr aus der Hand und landeten auf dem Boden, wo sie zersplitterten. Elke wurde blass.

»Tut mir leid, das wollte ich net. Aber ich kann mich einfach nicht an die Brüllerei gewöhnen.« Sie machte ein bekümmertes Gesicht. »So ein Malheur.«

»Ist net weiter schlimm. Feg nur die Scherben weg, damit sich keiner verletzt«, bat das hübsche Madel mit dem hellblonden, schulterlangen Haar und den klaren blauen Augen. »Ich schau rasch nach, was wieder los ist.«

Marie schämte sich für das Benehmen ihres Vaters, dessen Unbeherrschtheit im ganzen Dorf für Gesprächsstoff sorgte. Vor allem die Tatsache, dass der Alte seinen Sohn ständig als Fußabstreifer benutzte, stieß dabei auf Ablehnung und Unverständnis.

Jeder, der Bernd Hallhuber kannte, wunderte sich darüber, dass dieser nicht längst sein Bündel geschnürt hatte und gegangen war. Ein tüchtiger Jungbauer fand leicht eine Anstellung als Verwalter auf einem größeren Hof.

In der Umgebung gab es öfter vakante Stellen. Für Bernd hätte das nicht nur geregelte Arbeitszeiten und ein anständiges Salär bedeutet, sondern und vor allem, dass er respektiert und angemessen behandelt wurde. Viele seiner Spezln rieten ihm immer wieder, sich auf eigene Füße zu stellen.

Doch Bernd war treu. Er war nun mal der Jungbauer auf dem elterlichen Hof. Und was seinen Vater anging, da legte er eine geradezu aberwitzige Geduld und Nachsicht an den Tag.

Nie wehrte er sich gegen die ständigen ungerechtfertigten Angriffe, nahm jede Gemeinheit hin und schwieg, wenn der Alte ihn hemmungslos beschimpfte. Vielleicht hätte es geholfen, dem Vater einmal Paroli zu bieten, ihm Grenzen aufzuzeigen. Aber das konnte Bernd nicht. Er war keineswegs ein Feigling, er war einfach nur ein herzensguter Mensch, der sich selbst ständig zurücknahm.

»So was von deppert kannst auch nur du sein!«, polterte Franz Hallhuber gerade wieder. »Den Viehdoktor einfach wegfahren zu lassen, obwohl die Ferkel noch net geimpft sind. Ja, mei, ich sag’s halt immer wieder: Wenn du willst, dass was recht erledigt wird, dann tu es selbst. Auf keinen kann man sich verlassen. Und auf dich am allerwenigsten, du hirnloser Hornochs!«

»Ich ruf gleich morgen in der Früh an und sag Bescheid, dann wird der Dr. Brunner es gewiss noch schaffen, vorbeizukommen und …« Bernd verstummte, als der Alte ihm mit einer wütend-herrischen Geste das Wort abschnitt.

»Darum geht’s doch gar net, du Malefiz! Wenn er noch mal kommen muss, berechnet er auch eine Extraanfahrt. Die hätten wir uns heut sparen können, wenn du in der Lage wärst, wie ein vernünftiger Mensch deine Gedanken beisammenzuhalten. Aber wer darauf spekuliert, der kann lange warten.«

»Die Anfahrt ist ja net weit«, hielt Bernd dem Vater mit ruhiger Stimme entgegen. »Ich hab noch auf keiner Rechnung gesehen, dass er dafür was nimmt.«

Franz Hallhuber lachte schallend. »Als ob das so offen draufsteht, du Lackel! Das sind die berühmten versteckten Kosten, die kriegt man immer und überall untergejubelt, wenn man so deppert ist wie du und sich von einem jeden aufs Kreuz legen lässt. Mei, oh, mei, wie ist so was nur möglich!«

»Vater, bitte!« Marie hatte das Arbeitszimmer betreten und machte eine beschwichtigende Geste in Richtung ihres Vaters.

Wie ein kleiner Tyrann erschien er ihr hinter seinem protzigen Schreibtisch aus Wurzelholz. Sein roter Kopf ruckte herum, die eben noch zornsprühenden Augen wurden ein wenig ruhiger, und seine Stimme klang beinahe normal, als er fragte: »Was ist denn, Marie? Ist das Nachtmahl fertig? Ich komm gleich.«

Das hübsche Madel trat neben seinen Bruder, drückte ihm leicht den Arm und bat den Vater dann: »Schrei doch net so! Alle auf dem Hof können dich hören. Man muss sich ja vor dem Gesinde schämen.«

»Ich schrei, so viel ich will«, beharrte der Bauer unwirsch. »Wenn dein Bruder sich ständig wie ein Nichtsnutz und Trottel benimmt, dann muss ihm ja einer die Meinung geigen. Ich dulde auf meinem Hof keine Verschwendung und keine Faulheit!«

»Der Bernd ist der Fleißigste von allen. Und ein Verschwender ist er ganz gewiss net«, trat Marie entschieden für ihren Bruder ein. Der aber schüttelte leicht den Kopf und murmelte: »Lass doch gut sein, Marie.« Er ertrug es nicht, wenn sie seinetwegen auch noch Ärger mit dem Alten bekam.

»Ich hab jetzt keinen Nerv, mich darüber zu streiten«, knurrte der Bauer unfreundlich. »Lasst mich allein, ich muss noch was erledigen.«

»In fünf Minuten gibt’s Abendessen«, erinnerte Marie ihren Vater, der nicht auf ihre Worte reagierte. Dann folgte sie Bernd und schloss die Tür zum Arbeitszimmer vernehmlich.

»Was war denn wieder los?«, wollte sie wissen, aber ihr Bruder schüttelte nur leicht den Kopf zum Zeichen, dass er nicht darüber reden mochte. Sie zauste ihm die flachsblonden Locken, eine Geste, die sich noch aus Kindertagen erhalten hatte, sich nun aber ein wenig schwierig gestaltete, denn der Bursch überragte seine Schwester um gut einen Kopf. Er lächelte gutmütig.

»Denk dran, dass am Samstag Tanz beim Ochsenwirt ist«, erinnerte sie ihn auf dem Weg zur Küche. »Ich möchte, dass du mitkommst und dir einen lustigen Abend machst. Und ich wette, die Moni, die Gabi und die Sandra werden schon sehnsüchtig auf meinen feschen Bruder warten.«

Noch ehe Bernd etwas erwidern konnte, meinte Loisl, der eben die Diele betrat: »Von so einer Auswahl kann unsereiner freilich nur träumen. Mei, Bauer, du hast es schon besser …«

»So ein Schmarren«, wiegelte der Bursch verlegen ab. »Mich schaut eh keine an, ich bin den Madeln viel zu fad.«

»Das denkst auch nur du.« Marie lächelte ihrem Bruder aufmunternd zu. »Warte bis Samstag, dann wirst du es erleben!«

***

Am Samstag stand Marie etwas zeitiger auf, damit sie, ohne zu hetzen, all ihren Pflichten auf dem Hof nachkommen und sich noch in Ruhe fürs Tanzfest zurechtmachen konnte.

Das Madel freute sich schon sehr auf den Abend, denn Marie tanzte für ihr Leben gern. Im Grunde ihres Herzens war sie ein unbekümmerter und fröhlicher Mensch, doch die stets angespannte Atmosphäre auf dem Erbhof hatte dazu beigetragen, dass Marie ernst und auch zurückhaltend war.

Die Burschen im Tal interessierten sich sehr für sie. Ein bildsauberes Madel, noch dazu eine Hoferbin, war eine gute Partie. In Wolfenstein wusste ein jeder, dass Bernd Hallhuber, obwohl er älter war als seine Schwester, nicht der nächste Bauer auf dem Erbhof sein würde. Der Vater spekulierte auf einen Jungbauern, der einheiraten sollte.

Natürlich kannte Marie die Haltung des Vaters. Das war auch einer der Gründe, weshalb sie allzu offensichtlichen Annäherungsversuchen aus dem Weg ging. Auch wenn sie unerfahren war und im tiefsten Herzen von der großen Liebe träumte, war ihr doch klar, dass es den meisten Bewerbern um ihre Gunst nicht nur um sie, sondern vor allem um den Hof ging.

Auf Tanzfesten erschien sie deshalb stets in Begleitung ihres Bruders. Und wenn ihr ein Bursch nicht behagte, verscheuchte Bernd diesen meist schon durch seine Präsenz.

Am frühen Abend verschwand Marie dann in ihrer Kammer, um sich umzuziehen. Sie wählte ihr schönstes Dirndl, das tiefblau war, genau die Farbe ihrer Augen hatte, und dazu eine blütenweiße Bluse mit Spitzenbesatz. Ein fein gearbeitetes Silberkettchen mit einem Anhänger, der ein Edelweiß darstellte, schmiegte sich um ihren schlanken Hals.

Das blonde Haar frisierte Marie sehr geschickt zu allerlei Zöpfchen, die sie dann in einen zauberhaften Kranz aufsteckte. Helle Strümpfe und die traditionellen Haferlschuhe vervollständigten das Bild. Und weil es am Abend noch recht frisch wurde, zog das Madel eine mit Blumen bestickte Trachtenstrickjacke über.

Bevor Marie ihre Kammer verließ, warf sie noch einen Blick in den Spiegel und war zufrieden.

Auf dem Frisiertisch stand auch ein Foto ihrer verstorbenen Mutter. Schwer wurde Marie das Herz, als sie dieses anschaute. Wie sehr die Mama ihr doch fehlte! Sie erinnerte sich gut daran, wenn diese den Vater mit einem Blick oder einer stillen Geste zum Schweigen gebracht hatte, nachdem sein sinnloser Zorn sich wieder einmal in ungeahnte Höhen geschraubt hatte.

Warum nur hatte die Mutter so früh sterben müssen? Seither war das Leben auf dem Erbhof für sie alle sauer geworden. Am ärgsten aber erging es ihrem Bruder. Obwohl Marie immer wieder versuchte, ihm beizustehen, verging doch kein Tag, an dem der Vater ihn nicht niedermachte.

Mit einem Seufzer erhob Marie sich. Sie schaute aus dem Fenster, das einen Blick auf die Westseite des Untersbergs und in der Ferne auf Bischofswiesen freigab. Bernd hatte sein Auto schon vorgefahren, es ging also gleich los!

Das Madel bemühte sich um ein freundliches Gesicht. Die trüben Gedanken wollte Marie daheim lassen. An diesem Abend würden sie sich ein bisserl amüsieren und für ein paar Stunden all den Kummer vergessen, der ihr Leben bestimmte.

Leichtfüßig lief Marie die Stiege hinunter. In der Diele wartete schon Bernd. Fesch schaute er aus im besten Festtagsloden. Das blonde Haar war zu widerspenstig, um es in eine Frisur zu zwingen. Doch die Locken, die das markante, gut geschnittene Gesicht des Burschen einrahmten, gaben ihm etwas Jungenhaftes, das den Madeln gefiel. Auch wenn Bernd das nicht glauben wollte, hätte doch so manche Wolfensteiner Dorfschönheit nur zu gerne mit ihm angebandelt. Aber er war viel zu schüchtern und zurückhaltend, um darauf einzugehen.

»Na, kann’s losgehen?«, fragte Marie betont munter.

»Von mir aus«, gab er gutmütig zurück.

In diesem Moment erschien Franz Hallhuber. Er musterte seine Kinder mit verschlossener Miene und brummte: »Bleibt net zu lang aus. Ich leid es net, dass ihr euch morgen vor dem Kirchgang drückt. Und du!« Er deutete mit dem Finger auf seinen Sohn. »Nimm dich zusammen. Schnapsleichen haben da nix zu suchen!«