Alpengold 213 - Sissi Merz - E-Book

Alpengold 213 E-Book

Sissi Merz

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Beschreibung

"Lass mich net zu lange warten, mein Blumenkavalier", ruft Sabine ihrem Mann übermütig hinterher. Rudolf Angermaier will heute seinen Forst inspizieren und verspricht seiner blutjungen Frau, ihr einen blühenden Almrausch mitzubringen. Die beiden haben erst vor wenigen Wochen geheiratet und sind bis über beide Ohren ineinander verliebt. Es war Liebe auf den ersten Blick!

Aber an diesem Tag schlägt das Schicksal grausam zu, denn Rudolf kehrt nicht auf den Schlehenhof zurück. Auf dem Rückweg vom Forst erleidet er einen tödlichen Autounfall. Sabine ist untröstlich und fällt in eine schwere Depression.

Einzige Stütze ist ihr in dieser Zeit der Trauer Michael, der ältere Sohn des Hofbauern. Sie ahnt nichts von den verbotenen Gefühlen, die der junge Mann für sie hegt - bis er eines Tages verhaftet wird. Er soll den Wagen seines Vaters manipuliert haben ...

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Seitenzahl: 126

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalt

Cover

Impressum

Ich darf dich nicht lieben

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: shutterstock / absolutimages

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-2614-7

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Ich darf dich nicht lieben

Die blutjunge Frau des Vaters wird ihm zum Schicksal

Von Sissi Merz

»Lass mich net zu lange warten, mein Blumenkavalier«, ruft Sabine ihrem Mann übermütig hinterher. Rudolf Angermaier will heute seinen Forst inspizieren und verspricht seiner blutjungen Frau, ihr einen blühenden Almrausch mitzubringen. Die beiden haben erst vor wenigen Wochen geheiratet und sind bis über beide Ohren ineinander verliebt. Es war Liebe auf den ersten Blick!

Aber an diesem Tag schlägt das Schicksal grausam zu, denn Rudolf kehrt nicht auf den Schlehenhof zurück. Auf dem Rückweg vom Forst erleidet er einen tödlichen Autounfall. Sabine ist untröstlich und fällt in eine schwere Depression.

Einzige Stütze ist ihr in dieser Zeit der Trauer Michael, der ältere Sohn des Hofbauern. Sie ahnt nichts von den verbotenen Gefühlen, die der junge Mann für sie hegt – bis er eines Tages verhaftet wird. Er soll den Wagen seines Vaters manipuliert haben …

Klar und hell stieg die Märzsonne an diesem frühen Morgen über die Spitze des Kramers, des Hausbergs von Audorf, nahe Garmisch-Partenkirchen im Werdenfelser Land.

Die kleine, kaum hundert Einwohner zählende Gemeinde lag idyllisch in einem langgezogenen Tal, dessen mildes Klima die Landwirtschaft begünstigte. Im Norden erhoben sich so markante Gipfel wie Alpspitze, Waxenstein und die bekannte Zugspitze auf einer Höhe von weit über zweitausend Metern. Diese steinerne Wand brach die kalten Winde aus Nord, verhinderte im Frühjahr Spätfröste und zum Ende des Herbstes hin allzu zeitige Wintereinbrüche.

Folgte man der schmalen, kurvigen Landstraße Richtung Süden, gelangte man innerhalb einer guten halben Stunde nach Garmisch. Es gab hier viele landwirtschaftliche Flächen wie Wiesen, Weiden und Äcker sowie Almen auf der Höhe über dem Tal.

Das Tal von Audorf war waldreich. Dichte Mischwälder und himmelhohe Föhrenforste bildeten eine beinahe undurchdringliche Wildnis. Inmitten des Waldes lag westlich des Dorfes der Walchensee, ein klares, vom Gebirgswasser des Kramers gespeistes Gewässer voller Forellen und Barben.

Das Tal von Audorf zeichnete sich durch seine ursprüngliche Natur aus, in der noch seltene Pflanzen und Tierarten zu finden waren. Die Menschen hier waren fest verwurzelt auf der Scholle ihrer Vorfahren. Sie lebten von und mit dem Land, der Begriff des freien Bauerntums hatte noch eine Bedeutung. Man nutzte die natürlichen Ressourcen, ohne sie zu zerstören.

Jeder Bauer betrieb Landschaftspflege und entnahm den Forsten nur so viel Holz, wie er für den eigenen Bedarf benötigte. Der pflegliche Umgang mit der Natur war Tradition und Selbstverständlichkeit.

So hielten es auch die Bewohner des Schlehenhofes seit vielen Generationen. Die Familie Angermaier bewohnte und bewirtschaftete den stattlichen Besitz am Rand von Audorf. Der jetzige Bauer, Rudolf Angermaier, hatte den Hof seinerzeit von seinem Vater übernommen und dieser wiederum von seinem Vater. Und so konnte man die Linie der Bauernfamilie zurückverfolgen bis zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts.

Alle Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle waren in dem dicken Familienbuch eingetragen, das jeder Bauer mit dem Hof übernahm und gewissenhaft führte.

Das Anwesen, zu dem eine von Ulmen gesäumte Allee führte, war im traditionellen Gebirglerstil errichtet worden. Ein breites, tiefgezogenes Schindeldach, eine weiß gekalkte Fassade, Fenster und Haustür aus schwerem Eichenholz sowie ein umlaufender Holzbalkon. Die freien Balken oberhalb des Eingangs verrieten das Baujahr des Gebäudes: 1811. Dazu ein Psalm aus der Bibel, der das Haus und seine Bewohner segnen und schützen sollte. Ebenso wie der Heilige Florian in der Nische neben der Haustür und die Lüftlmalerei auf der Fassade, die gleich ein ganzes Heer von Engeln und Heiligen zeigte und von der bodenständigen Frömmigkeit der Hausbewohner sprach.

Zu beiden Seiten schlossen sich Remise, Stall, Scheune und Gesindehaus an das Gebäude an, wodurch ein großer Wirtschaftshof entstand. In dessen Mitte erhob sich die mehr als zweihundertjährige Kastanie, die im Sommer mit ihrem ausladenden Blätterdach den kunstvoll gepflasterten Wirtschaftshof beschattete.

Der alte Schlehenbusch, der dem Hof seinen Namen gegeben hatte, wuchs hinter dem Haus im Bauerngarten. Knorrig und von Wind und Wetter gezeichnet war er. Im Laufe der Jahrzehnte hatte er viele Äste eingebüßt, und manche Krankheit hatte ihm zugesetzt. Doch noch immer steckte Leben in dem alten Stamm. Und in jedem Frühjahr überzog ein duftiger Schleier süßer Blütensterne den Busch, die im Herbst zu tiefschwarzen Früchten reiften und den Grundstock für den kräftigen, fruchtigen Schlehenbrand bildeten, den der Bauer noch selbst brannte.

Nun, Mitte März, trug die Schlehe schon dicke Knospen, die nur darauf warteten, sich zu öffnen. Noch waren die Nächte aber zu kalt und oft auch frostig. In den Beeten fanden sich Reste des Wintergemüses, Lauch, Grünkohl und einige Stiele Mangold sowie die letzten Strünke mit Rosenkohl. Bald aber wurden die Beete geräumt und neu bestellt, denn das Frühjahr war nicht mehr weit.

In diesem Jahr würde Irmgard Angermaier, die Jungbäuerin, diese Arbeit übernehmen. Seit zwei Jahren war sie mit dem jüngeren Hofsohn Tobias verheiratet. Bislang hatte die schon recht betagte Hauserin Rosa den Garten bestellt. Nun aber musste sie kürzertreten, denn das Rheuma plagte sie gar zu sehr.

Irmgard war das nur recht. Wäre es nach ihr gegangen, dann hätte sie am liebsten alles auf dem Schlehenhof bestimmt. Doch Tobias’ älterer Bruder Michael war der Jungbauer, und wie es aussah, würde er schon bald der Bauer sein.

Der Hof trug leicht mehrere Familien, trotzdem schmeckte es der ehrgeizigen Irmgard nicht, dass sie nur die zweite Geige spielen sollte. Und seit der Altbauer im Spital lag, versuchte sie ständig, ihren Mann aufzustacheln, sich gegen seinen älteren Bruder durchzusetzen.

Tobias war ein eher leichtlebiger Mensch, der sich nicht viele Gedanken machte und sich lieber dem fügte, was Irmgard wollte, um Streit zu vermeiden. Doch auf seinen Bruder ließ er nichts kommen. Und der war für ihn nun mal der rechtmäßige Nachfolger des Vaters. Irmgard wurmte diese Einstellung, aber so sehr sie Tobias auch antrieb, in dem Punkt blieb er stur.

Rudolf Angermaier war vor zwei Wochen am Rücken operiert worden und lag noch im Spital in Garmisch.

Der Bauer stand heuer im neunundfünfzigsten Jahr und war schon seit zwanzig Jahren Witwer. Damals, als seine Frau Christel völlig unerwartet an einem Hirnschlag starb, stand er plötzlich mit zwei kleinen Buben hilflos da.

Der Verlust seiner warmherzigen, lieben Frau traf ihn schwer. Obwohl Rudolf ebenso wie sein Sohn Tobias das Leben eher von seiner leichten Seite nahm und die Madeln früher mit seinem luftigen Charme reihenweise betört hatte, war der Tod seiner Frau für ihn kaum zu ertragen gewesen. Eine ganze Weile gab er sich dem Alkohol hin, ließ den Hof verlottern und kümmerte sich nicht um die mahnenden Briefe des Jugendamts, das drohte, ihm die Kinder wegzunehmen.

Dann kam Rosa als Hauserin auf den Schlehenhof und brachte alles wieder auf Vordermann. Die damals knapp Sechzigjährige wurde für die verwaisten Buben eine liebevolle Ersatzmutter und half dem Bauern, seine Krise zu überwinden. Sie war eine lebenserfahrene Frau, hatte zwei Männer begraben und schon mehrere Haushalte geführt, bevor sie auf den Schlehenhof kam, der ihr zur Heimat wurde.

Bei Rosa konnte Rudolf sich aussprechen. Die fleißige Frau mit dem spröden Charme gab ihm wieder Halt und neuen Lebensmut. Und nun, da Rosa in die Jahre gekommen war und eigentlich längst ihren Ruhestand hätte genießen können, war sie noch immer die Seele des Schlehenhofes.

Sie war es auch gewesen, die den Bauern überredet hatte, sich endlich operieren zu lassen. Der Landarzt hatte seinen Patienten jahrelang umsonst gemahnt, dass er irgendwann im Rollstuhl sitzen würde, wenn er sich nicht endlich dem nötigen Eingriff unterzog.

Rudolf hatte davon nichts wissen wollen. Er war sein Lebtag ein Mann wie ein Baum gewesen, groß und stark, den nichts umhauen konnte. Dass sein Rücken nicht mehr mitspielte, hatte er lange ignoriert. Viel zu lange. Die Schmerzen wurden immer schlimmer. Hinzu kamen Einschränkungen in der Bewegung, Taubheitsgefühle und allerlei weitere Beschwerden bis hin zu zeitweiligen Lähmungen, die sich mit jedem Jahr verschlimmerten.

Eines Morgens fand Rosa den Bauern auf der Steige. Er kniete dort und konnte sich nicht mehr rühren. Das nahm die Hauserin zum Anlass, ihm noch einmal eine ihrer berüchtigten »Predigten« zu halten und ihm ordentlich ins Gewissen zu fahren. Und tatsächlich gelang es ihr, ihm endlich klarzumachen, dass er um einen Aufenthalt im Spital nicht mehr herumkam.

Der Eingriff war nach Wunsch verlaufen, und der Bauer erholte sich zügig. Bald würde er das Spital verlassen können, musste danach aber noch ein paar Wochen in einer Rehaklinik verbringen.

Das schmeckte Rudolf gar nicht, denn er war der Meinung, dass er schon wieder wie ein junger Kerl herumspringen konnte. Und es war nun die Aufgabe seiner Familie, ihn zur Vernunft zu bringen, denn auf den Doktor mochte er wieder einmal nicht hören.

Beim gemeinsamen Frühstück war deshalb der an diesem Tag anstehende Besuch im Spital das Thema.

Wie es seit jeher Sitte war auf dem Schlehenhof, hatten Bauersleute und Gesinde sich im Esszimmer um den großen Tisch versammelt, wo alle Mahlzeiten gemeinsam eingenommen wurden.

Der Platz an der Stirnseite der Tafel war dem Altbauern vorbehalten und blieb deshalb leer. Zu seiner Rechten saß Michael Angermaier, der Jungbauer. Ein fescher Bursche von Mitte zwanzig, mit einem gut geschnittenen Gesicht, klugen, rehbraunen Augen und einem dichten, dunkelblonden Haarschopf, der stets ein wenig widerspenstig war und ihm etwas Jungenhaftes verlieh, das den Madeln sehr gefiel. Michael war groß und beinahe athletisch gebaut, ein richtiger Prachtbursche, der, wenn er es nur gewollt hätte, an jedem Finger zehn Madeln hätte haben können. Doch das war nicht seine Art.

Während Tobias bis zu seiner Heirat nichts hatte anbrennen lassen, waren dem ernsten, verschlossenen Jungbauern mit dem reichen Seelenleben oberflächliche Flirts oder gar Gspusis zuwider. Er wusste tief im Herzen, dass ihm irgendwann die Rechte begegnen würde. Bis dahin ließ er sich durch nichts von seinen Pflichten auf dem Schlehenhof ablenken. Seine Freizeit verbrachte der sportliche Bursche, der auch Mitglied der Bergwacht war, gern beim Kraxeln.

Michael gegenüber am Tisch saß sein Bruder Tobias, der ihm recht ähnlich sah. Sie hatten die gleichen Gesichtszüge, doch das Haar des Jüngeren war heller und seine Augen von einem tiefen, klaren Blau. Obwohl Tobias charakterlich nach dem Vater schlug, sah er doch mehr der früh verstorbenen Mutter ähnlich.

Neben dem Hofsohn hatte dessen Frau Irmgard ihren Platz. Sie war eine rassige Schönheit mit tiefschwarzem Haar und grünen Augen. Doch bereits in ihren jungen Jahren hatte sich ein harter Zug um ihren Mund eingegraben, der von einem ebensolchen Charakter sprach.

Michael mochte seine Schwägerin nicht besonders. Von sich aus hätte er aber nie ein Wort gegen sie gesagt, wäre er nicht ständig von ihr angefeindet worden. Man spürte, dass es ihr sehr viel lieber gewesen wäre, wenn es auf dem Schlehenhof nur einen Jungbauern gegeben hätte. Was immer sie zu ihm sagte, klang wie ein Vorwurf. So auch jetzt.

»Ich nehme an, du wirst es wieder einmal uns überlassen, den Vater zur Vernunft zu bringen. Oder gibst du uns die Ehre und fährst mit ins Spital?«, wollte sie wissen und fügte noch ironisch hinzu: »Falls der Schlehenhof net zusammenbricht, wenn du mal eine Stunde lang nicht da bist.«

»Der Hof wird auch net zusammenbrechen, wenn du mal eine Stunde lang net hier bist, Irmgard«, versetzte Rosa ruhig, noch ehe Michael ihr antworten konnte. »Allerdings kann ich mir nicht denken, dass der Bauer auf dich hören wird. Er weiß schon, auf wen er sich verlassen kann und auf wen eher net.«

»Was …«, fuhr Irmgard auf, wurde aber von Tobias gebremst, der sie bat: »Sei halt friedlich. Die Rosa hat recht.« Er wandte sich an die alte Hauserin und bat sie freundlich: »Komm du doch auch mit, Rosa, auf dich wird der Vater eher hören.«

»Gewiss, das hatte ich vor«, erklärte sie würdevoll.

»Dann braucht ihr mich ja nicht«, stellte Michael fest. »Nachher kommt der Viehdoktor, da muss ich daheim sein.«

»Ist schon recht, Bub«, versetzte Rosa und lächelte ihm wohlwollend zu. »Ich grüß den Vater von dir.«

Irmgard senkte mit verkniffener Miene den Blick und schwieg.

***

Rudolf Angermaier verdrehte die Augen, als sein Besuch eintraf.

»Hab ihr’s net eine Nummer kleiner?«, wollte er unwillig wissen. »Bloß wegen der Sache am Rücken werde ich doch net gleich zum Pflegefall oder gar Schlimmeres. Ihr müsst mich fei net ständig besuchen. Das ist übertrieben.«

»Wir machen uns halt Sorgen um dich«, versicherte Irmgard schnell. »Jedenfalls die, die jetzt hier sind.«

Der Bauer ging nicht auf ihre Worte ein und fragte Tobias, ob auf dem Schlehenhof alles in Ordnung sei, und ließ sich dann berichten, was es Neues gab.

Der Jungbauer erzählte ausführlich. Rosa, die sich gesetzt hatte, hörte geduldig zu, während Irmgard nervös hin und her lief. Sie betrachtete diese »Appelle« als völlig überflüssig.

Schließlich würde der Altbauer nach seiner Rückkehr auf den Schlehenhof kürzertreten müssen und in absehbarer Zeit in den Austrag wechseln. Was ging es ihn noch an, wie seine Söhne nun wirtschafteten? Viel wichtiger war doch, dass man ihn endlich von der Notwendigkeit der Reha überzeugte!

Aber Tobias tat ja immer nur, was der Alte von ihm verlangte. Von eigenem Antrieb keine Spur. Also würde sie das wieder einmal in die Hand nehmen müssen.

Endlich hatte der Jungbauer seinen Bericht beendet. Irmgard holte tief Luft und wollte mit ihrer Überzeugungsarbeit loslegen, als Rosa ihr zuvorkam.

»Hast du dir die Sache mit der Reha mal durch den Kopf gehen lassen, Bauer?«, fragte die alte Hauserin bedächtig. Und weil sie merkte, dass Irmgard fast erstickte an allem, was sie nun nicht sagen konnte, fügte sie noch in ernstem Ton hinzu: »Der Doktor sagt, es muss sein. Die Reha ist ebenso wichtig wie der Eingriff, damit du wieder Muskeln aufbauen und deine Beweglichkeit zurückgewinnen kannst. Und die paar Wochen gehen rasch vorbei, was meinst du?«

»Ich habe darüber nachgedacht«, gestand Rudolf ihr zu.

Er sah seinen Söhnen recht ähnlich, wirkte ein wenig wie deren ältere Ausgabe. Das graue Haar war noch dicht, der kecke Schnauz verlieh seinem markanten Gesicht etwas Verwegenes. Und die stahlblauen Augen hatten noch immer jenen Glanz, der ein Frauenherz mit einem Blick aus dem Takt bringen konnte.

»Du gehst also? Sehr vernünftig!«, platzte Irmgard heraus.

Sie konnte nicht länger an sich halten, musste sich nun dringend in den Vordergrund spielen, auch wenn sie wusste, dass ihr Schwiegervater das nicht leiden konnte. Er mochte sie sowieso nicht sonderlich. Es war nicht seine Art, seinen Söhnen Vorschriften zu machen, deshalb hatte er die Wahl seines Jüngeren akzeptiert. Sympathisch war Irmgard ihm aber vom ersten Moment an nicht gewesen. Im Stillen nannte er sie die »schwarze Widerwurzen«. Und so dachte er auch über sie.

»Das hab ich noch net gesagt«, stellte er kühl klar. »Und ich wäre dir dankbar, Tobias, wenn du ein bisserl auf deine vorlaute Frau einwirken könntest. Ich kann es nämlich net leiden, wenn mir einer das Wort abschneidet.«

»Aber ich …« Die Jungbäuerin klappte den Mund zu, als sie alle Blicke auf sich gerichtet sah, und schwieg widerwillig.

Rudolf wandte sich wieder an seinen Sohn.

»Die Reha würde vier Wochen dauern, vielleicht etwas länger. Schließlich bin ich ja nimmer der Jüngste. Könnt ihr denn daheim noch so lang auf mich verzichten?«