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Als der fesche Amend-Michael als Lehrer in das kleine Bergdorf Wieskirchen versetzt wird und Quartier auf dem Witwenhof nimmt, kann er nicht ahnen, wohin es ihn da verschlagen hat. Seit Jahren schon herrscht auf dem Hof von Ruth und Daniela Buchwieser eine reine Weiberwirtschaft - und keiner ihrer Mieter hält es lange mit den beiden vom Leben enttäuschten und bitter gewordenen Witwen aus. Doch Michael gelingt ein kleines Wunder, denn er schleicht sich unbemerkt in das Herz der schönen Daniela. Aber gerade als er auf ein Glück mit Dani zu hoffen wagt, geraten die Dinge auf dem Witwenhof jäh außer Kontrolle: An einem kalten Winterabend belauscht Danielas kleiner Sohn Jakob ein Gespräch, das er niemals hätte hören dürfen, und steigt bei Eis und Schnee ins Gebirge auf - ein Todesurteil für ein Kind in seinem Alter und die härteste Bewährungsprobe für Michaels und Danielas junge Liebe ...
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Seitenzahl: 132
Veröffentlichungsjahr: 2016
Cover
Impressum
Man nannte ihn den Witwenhof
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln
Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Anne von Sarosdy / Bastei Verlag
Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-3684-9
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Man nannte ihn den Witwenhof
Herrlicher Roman um ein ungewolltes Glück
Von Rosi Wallner
Als der fesche Amend-Michael als Lehrer in das kleine Bergdorf Wieskirchen versetzt wird und Quartier auf dem Witwenhof nimmt, kann er nicht ahnen, wohin es ihn da verschlagen hat. Seit Jahren schon herrscht auf dem Hof von Ruth und Daniela Buchwieser eine reine Weiberwirtschaft – und keiner ihrer Mieter hält es lange mit den beiden vom Leben enttäuschten und bitter gewordenen Witwen aus. Doch Michael gelingt ein kleines Wunder, denn er schleicht sich unbemerkt in das Herz der schönen Daniela. Aber gerade als er auf ein Glück mit Dani zu hoffen wagt, geraten die Dinge auf dem Witwenhof jäh außer Kontrolle: An einem kalten Winterabend belauscht Danielas kleiner Sohn Jakob ein Gespräch, das er niemals hätte hören dürfen, und steigt bei Eis und Schnee ins Gebirge auf – ein Todesurteil für ein Kind in seinem Alter und die härteste Bewährungsprobe für Michaels und Danielas junge Liebe …
»Noch ein Weißes?«, fragte die Kronenwirtin freundlich, als Michael Amend das Mittagessen beendet hatte und den Teller zurückschob.
»Nein, eins ist genug. Aber die Knödel mit dem Kraut waren ganz ausgezeichnet, so gut hat es mir noch nirgends geschmeckt. Sicher ist das Rezept ein sorgsam gehütetes Familiengeheimnis«, erwiderte Michael.
Die behäbige Wirtin, die zwar schon weiße Haare, aber ein glattes, rosiges Gesicht hatte, was sie sehr jugendlich wirken ließ, lachte auf. »Ganz so arg ist es net. Aber ich hab halt noch richtig kochen gelernt unter der strengen Aufsicht meiner Mutter.«
»Die war sicher Köchin von Beruf.«
»Aber nein. Früher war’s halt selbstverständlich, dass die Madeln bereits als Kind am Herd stehen mussten. Aber jetzt zu Ihnen, haben Sie sich schon das Schulhaus mit der Wohnung angesehen?«
»Ja, heut Morgen. Die Klassenzimmer sind ja einigermaßen in Ordnung, die Grundausstattung halt. Aber die Wohnung ist ein Graus. Dass da noch jemand drin gelebt hat, ist ja kaum zu glauben.«
»Ihr Vorgänger, der hier überall noch ›Schulmeister‹ genannt worden ist, war ein rechter Sonderling und hat sich im Schulhaus buchstäblich vergraben. Sie sind sicher etwas anderes gewohnt.«
»Nein, das ist es nicht. Die Wohnung ist vom Schimmelpilz befallen, und die Rohre sind auch nicht dicht. Im Grunde genommen sind die Räume bald völlig unbewohnbar, wenn die Gemeinde nichts dagegen unternimmt. Dort kann ich auf keinen Fall einziehen, das ganze Gebäude muss erst einmal grundsaniert werden.«
»Nun, hier können Sie weiter das Kammerl oben haben«, meinte die Kronenwirtin entgegenkommend.
»Das ist vorerst sehr hilfreich, aber auf die Dauer brauche ich meine eigenen vier Wände«, wandte Michael ein.
»Da hätt ich einen Vorschlag …«
Auf seine einladende Geste hin hatte die Wirtin ihm gegenüber Platz genommen. Der Gastraum hatte sich inzwischen geleert, und die Aushilfe war schon dabei, die Tische abzuräumen, sodass sie sich eine kurze Ruhepause gönnen konnte, bis die Vorbereitungen für das Abendessen anstanden.
»Oben auf dem Witwenhof ist grad mal wieder der Mieter ausgezogen. Es handelt sich um einen Anbau, ordentlich hergerichtet, der eigentlich als Austragshäusl gedacht war. Aber es ist halt alles anders gekommen. Wenn Ihnen zwei Zimmer mit Dusche reichen …«
»Ja, das wäre genau richtig. Es ist doch separat, oder?«, erkundigte er sich.
»Ja, natürlich. Sie sind dort völlig ungestört, und hinter der Scheune ist auch ein Stellplatz für Ihren Wagen.«
»Das klingt doch alles sehr gut.« Dann fiel Michael die eigenartige Miene der Wirtin auf. »Aber Sie wollen mir doch noch etwas sagen, oder?«
Die Frau wand sich etwas, ehe sie ihm eine Antwort gab. »Es ist halt so, dass es dort niemand lang aushält. Doch vorübergehend könnt es halt schon passen.«
»Heraus mit der Sprache! Was stimmt nicht auf dem Witwenhof?«
»Die Bäuerin ist eine rechte Giftnocken und ihre Schwiegertochter ebenso. Die Mieter haben bei denen nichts zu lachen, und das hält auf die Dauer kein Mannsbild aus. Dort herrschen strenge Sitten und ständige Aufsicht.«
Michael musste unwillkürlich lachen. »Dass es so etwas noch gibt! Zwei alte Frauenzimmer, die aus der Zeit gefallen sind.«
»Die sind gar net so alt, da werden Sie staunen. Aber das ist eine lange Geschichte.«
»Ich mag lange Geschichten. Ich nehm nun doch noch ein Weißes.«
Als das Bier vor ihm stand, und er einen tiefen Zug genommen hatte, begann die Kronenwirtin zu erzählen.
»Die waren net immer so, die Ruth Buchwieser und ihre Schwiegertochter, die Daniela. Aber das Schicksal hat es halt net gut mit ihnen gemeint. Ich erinnere mich noch, was für ein schönes und heiteres Madel die Ruth gewesen ist, bevor sie den Buchwieser-Luitpold geheiratet hat.«
Ein tiefer Seufzer kam von ihren Lippen, und für einen Augenblick wirkte sie geistesabwesend, so, als schweiften ihre Gedanken in die Vergangenheit zurück. Doch gleich darauf fasste sie sich wieder und fuhr mit ihrer Erzählung fort.
»Der Luitpold war ein wirklich fesches Mannsbild, und die Madeln im Dorf waren fast alle verliebt in ihn. Jede hätt er haben können, denn keiner konnte sich so einschmeicheln wie er. Aber geheiratet hat er dann die Ruth, die zwar schön war, aber vom Wesen her so gar net zu ihm gepasst hat.« Wieder seufzte die Wirtin auf.
»Er hat es wohl mit der ehelichen Treue bald nicht mehr so genau genommen, oder?«, warf Michael ein.
»Nun, anfangs ging alles gut, die beiden waren sehr verliebt ineinander, und der Luitpold hatte nur Augen für seine Ruth. Er war sehr stolz, als sein Sohn geboren wurde, und alle dachten, dass der Buchwieser das Glück für sich gepachtet hätte. Aber das war der Höhepunkt, danach ging es nur noch bergab. Die Ruth war damals noch sehr jung, grad mal neunzehn, und kam mit allem net zurecht. Der Luitpold hat es immer verstanden, sich herauszuhalten, wenn ihm etwas net gepasst hat. Zuletzt saß die Ruth mit dem Kleinen immer zu Haus, und ihr Mann zog mit seinen Spezln herum, als ob er net verheiratet wär.«
»Das war sicher schwer für die junge Frau«, sagte Michael mitfühlend.
»Es war ein Graus zu sehen, wie sie alle Lebensfreude verloren hat. Nur noch geweint hat’s, das arme Hascherl. Und dann fing der Luitpold auch noch an, mit anderen Frauen anzubandeln, wahrscheinlich, weil die Ruth nichts mehr von ihm wissen wollt. Und bald war er nur noch in den Wirtshäusern zu Hause und nimmer auf dem Buchwieser-Hof. Bei uns hat er Hausverbot erhalten, weil er immer Händel gesucht hat, wenn er betrunken war. Und so wurde aus dem feschen Buchwieser ein haltloser Säufer, der nirgendwo mehr angesehen war.«
»Und wie ist seine Frau damit fertiggeworden?«
»Im Grund genommen gar net. Heutzutage lassen sich die Frauen ja scheiden, wenn sie es nimmer mit ihren Männern aushalten, aber die Ruth war noch vom alten Schlag. Damals haben die Frauen die Ehe als vorbestimmtes Schicksal gesehen, das ertragen werden musste. Außerdem wollte sie wohl auch das Erbe für ihren Sohn erhalten. Und obwohl es immer schlimmer wurde mit ihrem Mann, blieb sie halt bei ihm.«
»Ein elendes Leben. Kein Wunder, dass …
»Ja, kein Wunder, dass aus der Ruth so eine Giftnocken geworden ist«, fiel die Wirtin dem jungen Lehrer ins Wort. »Aber man vergisst halt leicht, was sie alles hat erleiden müssen. Es heißt sogar, dass ihr Mann sie misshandelt hätt. Aber das hätt sie nie zugegeben, nie im Leben, denn sie hat halt ihren Stolz. Jedenfalls hat sie eines Tages keine Tränen mehr gehabt, aber auch kein gutes Wort mehr für andere, am wenigsten für ihren Mann. Mit dem ist es immer ärger geworden, und er ist mit kaum fünfzig an einem Schlaganfall gestorben.«
»Eine traurige Geschichte, wahrhaftig. Und was ist aus ihrem Sohn geworden?«
»Der Leo war seinem Vater sehr ähnlich, ein schmucker Bursch, der die Madeln um den kleinen Finger gewickelt hat. Er hat aber nie über die Stränge geschlagen und nur mäßig getrunken. Schon früh hat er die Daniela geheiratet, das schönste Madel im Tal. Aber es hat sich gezeigt, dass er in einer Hinsicht genauso wie sein Vater war, nur, dass sich bei ihm alles in großer Heimlichkeit abgespielt hat …«
»Ach? Und wie ist das herausgekommen?«
»Kurz bevor die Daniela ihr Kind bekommen hat, ist der Leo tödlich mit dem Auto verunglückt. Doch er war net allein, sondern eine junge Frau war mit dabei, die schwer verletzt wurde, aber wieder aufkam. Sie war seit Jahren die Geliebte vom Leo, auch noch, als er verheiratet war. Und sie war net die Einzige; der Leo hat sogar zwei uneheliche Kinder mit verschiedenen Frauen gehabt, von denen niemand etwas gewusst hat. In München nämlich, wohin er regelmäßig gefahren ist.«
»Das muss ja ein furchtbares Erwachen für die junge Frau gewesen sein, und das auch noch kurz vor der Niederkunft.«
»Die Daniela ist zusammengebrochen, und das Kindl kam zu früh auf die Welt, was der Mutter beinah das Leben gekostet hätt. Und danach war die Daniela eine andere, trotz ihrer Jugend schon eine verbitterte Frau. Sie hasst die Mannsbilder genauso wie ihre Schwiegermutter, darin sind sich die beiden einig. Sie bewirtschaften den Hof seitdem ganz allein und kommen auch ganz gut zurecht. Die Ruth fährt den Mähdrescher und den Traktor wie ein Mannsbild, und die Daniela schwingt die Sense auf den abschüssigen Streuwiesen. Eine Zeit lang haben sie ja auch einen Hofladen betrieben, aber bald hat sich niemand mehr zu der grimmigen Ruth hingetraut.«
»Und deswegen heißt der Buchwieser-Hof jetzt ›Witwenhof‹.«
»Ja. Und da die beiden sich so feindselig verhalten und sogar mit den Nachbarn im Streit liegen, gab es auch allerhand üble Nachrede.«
»So ist es ja leider oft, besonders wenn es sich um Frauen handelt«; meinte Michael kopfschüttelnd.
»Die Ruth hätt ihren Mann ins Wirtshaus und die Daniela den ihren anderen Frauen in die Arme getrieben, so wurde bald sehr gehässig über die beiden geredet. Aber kein Wort mehr darüber, was der Luitpold und der Leo alles verbrochen hatten. Seitdem lassen sich die Buchwieser-Frauen kaum noch blicken und gehen net mal mehr sonntags in die Kirche.«
Beide schwiegen einen Augenblick, dann sagte Michael plötzlich: »Aber wenn die Witwen die Mannsleut so hassen, dann wollen sie doch ganz bestimmt keinen männlichen Mieter haben.«
Die Kronenwirtin sah ihn lange an. Vor ihr saß ein ausnehmend gut aussehender junger Mann mit dunklen Locken und klaren blauen Augen. Sein Mund verriet Empfindsamkeit, wirkte aber nicht weichlich. Seine Kleidung war eher städtisch zu nennen, auch wenn er einen Janker mit Hirschhornknöpfen trug. Ein schmuckes Mannsbild mit freundlichem Wesen und guten Manieren, das sie gleich in ihr mütterliches Herz geschlossen hatte.
»Die Buchwiesers können net auf den Mietzins verzichten und dürfen daher net so wählerisch sein. Es war ja schon schlimm genug, dass der Hofladen net gegangen ist. Außerdem könnt ich mir ganz gut vorstellen, dass Sie mit ihnen auskommen. Denn Sie sind net so wie die meisten Mannsleut.«
Michael richtete sich auf. »Heißt das, ich bin kein richtiger Mann?«
Die Wirtin lachte so, dass ihre üppige Gestalt bebte. »Sie wissen schon, wie ich das mein. Sie brauchen also gar net erst den Gekränkten zu spielen.«
Nun lachte auch Michael. Als von der Küche her ein lautes Klirren und Scheppern erklang, erhob sich die Kronenwirtin mit einem Seufzer. »Ich muss in der Küche nach dem Rechten sehen, dort scheint es eine Katastrophe gegeben zu haben.«
Sie eilte davon, und Michael lehnte sich zurück und ließ den Blick durch die leere Gaststube schweifen. Es war ein anheimelnder Raum, in dem er sich von Anfang an wohlgefühlt hatte. Die Wände waren holzvertäfelt, dunkle Balken durchzogen die Decke. Natürlich gab es die üblichen Geweihe, die drohend über den Köpfen der Gäste schwebten, eine Seite war jedoch der Dorfchronik gewidmet.
Michael hatte die Bilder, die teilweise altertümlich sepiabraun waren, mit großem Interesse betrachtet. Vor allem Vereinsfeiern, Jubiläen und Neugründungen, wie beispielsweise die Errichtung eines Sägewerks, waren die Motive, teilweise gingen die Ereignisse bis ins neunzehnte Jahrhundert zurück. Auch die feierliche Eröffnung der sogenannten »Volksschule« war abgebildet, die sich heute noch in demselben Gebäude befand.
Mehrfach gab es Fotografien von der alljährlichen Dorfkirmes, vor allem nach schweren Zeiten, als die Lebensfreude der Dörfler wieder erstarkte. Damals diente sie gleichzeitig als Verkaufsmesse und Viehmarkt. Die Bäuerinnen konnten erstehen, was in ihrem Haushalt fehlte, und noch Kleidungsstücke und Kurzwaren dazu, während ihre Männer um den Kauf oder Verkauf eines Nutztiers feilschten.
Nicht zuletzt war die Kirmes eine Art Heiratsmarkt, und das war sie noch bis in die heutige Zeit, auch wenn das nicht mehr so offen zutage trat. Jedenfalls kam man sich beim anschließenden Kirmestanz dann näher, und schon manches Paar, das Goldene Hochzeit feierte, hatte sich auf dem Tanzboden kennengelernt.
Jedoch auch tragische Vorkommnisse waren festgehalten, wie die Denkmäler für diejenigen, die nicht mehr aus den beiden Weltkriegen zurückgekehrt waren, was ihre Familien, die oft den einzigen Sohn und Hoferben verloren hatten, in tiefstes Unglück gestürzt hatte.
Michaels Aufmerksamkeit hatte sich auch ganz besonders auf eine Naturkatastrophe gerichtet, die sich vor einigen Jahrzehnten ereignet hatte. Ein Lawinenabgang hatte einen der großen Höfe bis auf die Grundmauern zerstört und das Leben einer ganzen Familie ausgelöscht, wie dem Beerdigungsfoto zu entnehmen war.
Michael, der in der Großstadt aufgewachsen war, hatte sich noch nie auf diese Weise Teil einer Gemeinschaft gefühlt, wie es ihm diese historischen Bilder vermittelten. Aber inzwischen war in ihm die Sehnsucht erwacht, in diese enge Dorfgemeinschaft hineinzuwachsen und ein Teil von ihr zu werden.
Umso mehr bedauerte er die beiden Frauen vom Witwenhof, deren Leben so unglücklich verlaufen war, dass sie an den Rand des Dorflebens gedrängt worden waren. Da sie in diesem Umfeld aufgewachsen waren, musste diese Ausgrenzung für sie besonders schmerzlich sein, selbst wenn sie zuletzt durch eigenes Verschulden entstanden war. Und es war besonders bedrückend, dass sie von den Dörflern keinen Funken Mitgefühl zu erwarten hatten.
***
Michael erhob sich und verließ die Gaststube. Als er auf die Dorfstraße trat, blendete ihn die helle Julisonne, ein Schwall von Wärme hüllte ihn ein. Langsam schritt er durch das stille Dorf, hin und wieder blieb er stehen, um eines der idyllischen Häuser, die üppig mit Geranien geschmückt waren, zu bewundern.
Die Zeit schien in diesem Ort stehen geblieben zu sein. Nirgends erhoben sich Betonbauten, um die Bedürfnisse von Touristen zu befriedigen. Der Mittelpunkt des Ortes mit Marktplatz, auf dem sich das Rathaus, die Apotheke und ein paar Geschäfte befanden, sah noch genauso aus wie vor einem halben Jahrhundert.
Allerdings hatte der umtriebige Bürgermeister für die Erbauung eines luxuriösen Sporthotels samt Golfplatz gesorgt. Doch das lag in einiger Entfernung von Wieskirchen.
Die Dorfstraße ging nun in die Landstraße über, und Michael trat an den Ortsplan heran, der sich am Eingang des Dorfes in einem verglasten Kasten befand. Auch die umliegenden Gehöfte waren namentlich verzeichnet, sodass Michael keine Schwierigkeiten hatte zu erkennen, wo der Hof der Buchwiesers lag.
Er hatte jedoch nicht vor, bei den beiden Frauen vorzusprechen, denn zu sehr stand er noch unter dem Eindruck des Gehörten. Aber er wollte sich den Witwenhof wenigstens einmal ansehen, denn schon das würde ihm die Entscheidung erleichtern, ob er in Zukunft überhaupt dort leben wollte.
Nachdem er einige Zeit die Landstraße entlanggegangen war, wobei ihm kaum ein Auto entgegenkam, bog er in einen unbefestigten Seitenweg ab. Er führte gemäß der Landkarte zum Buchwieser-Hof, glich aber Michaels Meinung nach eher einem holprigen Wirtschaftsweg.
Außerdem musste er eine Steigung bewältigen, und es kam ihm vor, als flirrte die Luft vor Hitze. Er zog den Janker aus und hängte ihn über die Schultern, aber auch das verschaffte ihm wenig Erleichterung. Und die leichten Lederschuhe mit den dünnen Sohlen waren für den steinigen Pfad auch nicht gerade geeignet. Wie leichtsinnig von ihm, sich derart mangelhaft ausgerüstet auf eine Wanderung zu begeben! Genau genommen war es ja eher ein Spaziergang, doch immerhin.
