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Martina Waldner, die in einem kleinen Bergdorf eine Töpferwerkstatt betreibt, steht kurz vor der Hochzeit mit Stefan Brunner, einem zuverlässigen, liebenswerten Mann. Doch als Stefan ein Praktikum auf einem Hof in Norddeutschland macht, nutzt der Schürzenjäger Julian Brixner die Gelegenheit, seinem verhassten Cousin einen Denkzettel zu verpassen. Er macht sich an die schöne Martina heran, und sie fällt tatsächlich auf Julians Charme herein und verbringt eine leidenschaftliche Nacht mit ihm.
Am nächsten Morgen kann Martina nicht fassen, was geschehen ist. Kurz vor der Hochzeit hat sie die Treue gebrochen und die Liebe ihres Verlobten verraten! Wie soll sie mit dieser Schuld leben?
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Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2016
Cover
Impressum
Nach ihrem Fehltritt
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln
Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Michael Wolf / Bastei Verlag
Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-3892-8
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Nach ihrem Fehltritt
Die schöne Martina weiß nicht, wie sie mit ihrer Schuld leben soll
Von Rosi Wallner
Martina Waldner, die in einem kleinen Bergdorf eine Töpferwerkstatt betreibt, steht kurz vor der Hochzeit mit Stefan Brunner, einem zuverlässigen, liebenswerten Mann. Doch als Stefan ein Praktikum auf einem Hof in Norddeutschland macht, nutzt der Schürzenjäger Julian Brixner die Gelegenheit, seinem verhassten Cousin einen Denkzettel zu verpassen. Er macht sich an die schöne Martina heran, und sie fällt tatsächlich auf Julians Charme herein und verbringt eine leidenschaftliche Nacht mit ihm.
Am nächsten Morgen kann Martina nicht fassen, was geschehen ist. Kurz vor der Hochzeit hat sie die Treue gebrochen und die Liebe ihres Verlobten verraten! Wie soll sie mit dieser Schuld leben?
»Ist das neu, das Haferl? Das hab ich noch gar net gesehen«, sagte Gitta Riedhofer bewundernd und fuhr mit den Fingern über die glatte Oberfläche des Gefäßes, das sie auf einem Bord entdeckt hatte, wo die kleinen Kunstwerke ihrer Freundin zur Ansicht aufgereiht waren.
»Ja, das hab ich erst vorgestern lasiert«, gab Martina Waldner zurück und rückte eine Figur zurecht, damit sie besser zur Geltung kam.
»Diese Blautöne – ein wunderbares Farbenspiel«, schwärmte Gitta, »das wär ein rechtes Geburtstagsgeschenk für die Oma. Immerhin wird sie schon fünfundsiebzig am Sonntag, und das tät ihr gefallen.«
Gitta drehte das runde Gefäß um und erschrak sichtlich, als sie das kleine Preisschild entdeckt hatte.
»Du bekommst es natürlich zum Freundschaftspreis«, beeilte sich Martina zu sagen und fügte hinzu: »Aber eigentlich ist es kein Haferl, sondern als Blumenvase gedacht.«
»Trotzdem …« Gitta wog die Vase, die so großes Entzücken in ihr hervorgerufen hatte, etwas unschlüssig in der Hand.
»Aber ich hab noch ein paar Haferln mit der gleichen Lasur, sie sind allerdings erst teilweise fertig.«
Martina eilte in den rückwärtigen Raum, wo sich ihre Töpferscheibe befand, und kam mit einem hohen blauen Haferl zurück, dessen geschwungener Henkel es unzweifelhaft als Trinkgefäß auswies.
Ihre Freundin war sofort begeistert.
»So etwas hab ich schon lang gesucht! Und der Henkel ist auch sehr praktisch. Mei, da wird sie sich freuen.«
Und der Preis lag auch im Rahmen, sodass Gitta gleich zwei kaufte.
»Übermorgen kannst du sie abholen. Soll ich sie dann auch gleich als Geschenk einpacken mit ein paar Blümerln dazu?«
»Das wär mir recht. Ich bin net so geschickt wie du.«
»Ich hab vor, noch eine Kanne passend dazu zu töpfern, sodass es ein ganzes Service ergibt«, sagte Martina, nachdem sie das Haferl wieder zurückgestellt hatte.
»Da muss ich mir in Zukunft nimmer den Kopf über ein Geschenk zerbrechen«, lachte Gitta.
Martina warf einen raschen Blick auf die Uhr.
»Jesses, wie die Zeit vergeht! Ich hätt schon längst den Laden schließen müssen. Was meinst du, sollen wir nach oben gehen und einen Tee trinken? Ich hab grad gestern einen Apfelstrudel gebacken …«
»Da kann ich natürlich net widerstehen«, lachte Gitta.
Martina verschloss die Ladentür, und dann gingen sie in den hinteren Bereich, um die steile Treppe nach oben zu erklimmen, wo sich die Wohnung von Martina befand.
Das schmale, zweistöckige Fachwerkhaus in dem kleinen Gebirgsort Oberrainbach bot gerade genug Raum für den kleinen Laden im ersten Stock, wo Martina ihre Töpferwaren und Blumen verkaufte. Dahinter schloss sich ihr Arbeitsraum an, und in dem engen Hof befand sich ein kleines Lager.
Die junge Frau hatte das Obergeschoss und das Kämmerchen unter dem Dach gemeinsam mit ihrer Mutter bis zu deren frühem Tod bewohnt.
Martha Waldners Zimmer war unverändert geblieben, denn Martina trauerte immer noch um sie. Doch die Gegenwart ihrer lebensfrohen Freundin verscheuchte vorübergehend alle trüben Gedanken, und Martina eilte geschäftig umher.
Gitta wiederum ließ sich mit einem erleichterten Seufzer auf das gemütliche Sofa in der Stube niedersinken. An den Wänden hingen Martinas Landschaftsaquarelle, und auch einige Keramiken waren im Raum verteilt, die Zeugnis von der hohen künstlerischen Begabung ihrer Freundin ablegten.
»War es ein harter Tag heute?«, fragte Martina teilnahmsvoll, während sie Tassen und Teller auf dem Sofatisch arrangierte.
»Das kannst du wohl sagen. Heut ist wieder amal alles zusammengekommen. Eine der Kühe vom Reithofer hat gekalbt, aber das Kälberl lag halt quer, das hat gedauert. Der verwöhnte Pudel von der Bürgermeistersfrau hat wieder amal eine Verdauungsstörung gehabt, kein Wunder, wie sie ihn mit Süßigkeiten mästet …«
»Darum beneid ich dich net.«
Gittas Blick fiel auf die schlanke, zierliche Gestalt ihrer Freundin, und sie musste unwillkürlich lächeln.
»Das wär auch nichts für dich, Tschapperl.«
Gitta war eher von kerniger Gestalt, aber keineswegs plump, sondern kraftvoll. Sie war die Assistentin des ortsansässigen Tierarztes und begleitete ihn auch bei seinen Fahrten über Land.
»Sie ist unverzichtbar für mich, sie versteht die Tiere einfach«, wurde Dr. Steinbrenner nicht müde zu betonen.
Es ging sogar das Gerücht, dass sie den übellaunigen Stier vom Reithofer dazu gebracht hatte, bei einem dringend notwendigen Eingriff stillzuhalten. Mit ihren dunklen Locken und den großen braunen Augen, in denen es oft übermütig funkelte, war sie bei den Dorfburschen überaus begehrt.
Gitta zeigte jedoch wenig Neigung, sich zu binden. Sie liebte ihren Beruf und ihre Unabhängigkeit, und ihre engste Vertraute war und blieb seit Kinderzeiten ihre Freundin Martina, obwohl sich die beiden in so vielem unterschieden.
Martina galt als das schönste Mädchen im Tal, und wenn Gitta sie so anschaute, konnte sie nur zustimmen. Silbrig blonde Locken umrahmten ein madonnenhaft schönes Gesicht mit tiefblauen Augen, in denen meist ein nachdenklicher Ausdruck stand. Im Gegensatz dazu stand der Mund, dessen volle, schön geschwungene Lippen Empfindsamkeit, aber auch Leidenschaftlichkeit verrieten.
Jede ihrer Bewegungen verriet Anmut, und ihre zartgliedrige Gestalt wirkte dennoch sehr weiblich, auch wenn sie nur einen schlichten dunkelblauen Kittel trug, wie immer, wenn sie bei der Arbeit war.
Gitta hatte ihre Freundin schon in der Dorfschule und später auf dem Klosterinternat immer beschützt, denn Martinas Schönheit und ihre empfindsame Art forderten Feindseligkeiten geradezu heraus.
Dann hatten sich ihre Wege vorübergehend getrennt. Während die handfeste Gitta sich zu einem praktischen Beruf hingezogen fühlte, hatte Martina die Kunstakademie in München besucht.
Das Stadtleben hatte Martina nicht zugesagt, und getrieben von Heimweh, war sie wieder in das kleine Dorf zurückgekehrt. Zwar war die Verbindung zwischen den Freundinnen nie abgerissen, doch seit Martinas Rückkehr war sie erneuert und noch enger geworden.
Sie hatten keine Geheimnisse voreinander.
»Du bist eben auch eine Backkünstlerin«, schwärmte Gitta anerkennend, als sie den ersten Bissen von dem Apfelstrudel verzehrt hatte.
»Ja, ich backe für mein Leben gern. Ich fürchte allerdings, dass ich später nimmer durch die schmale Wohnzimmertür passen werde«, lachte Martina.
»Das kann ich mir fei net vorstellen«, meinte Gitta und nahm ein zweites Stück Apfelstrudel in Angriff.
Als auch das von ihrem Teller verschwunden war, lehnte sie sich zufrieden zurück und seufzte wohlig auf.
»Wirklich köstlich«, sagte Gitta, dann aber sprach sie unvermittelt an, was sie innerlich beschäftigte. »Wann kehrt denn dein Stefan endlich zurück?«, fragte sie. »Der ist ja schon eine Ewigkeit weg.«
»Ja, so kommt es mir inzwischen auch schon vor«, erwiderte Martina. »Aber übernächsten Monat ist es so weit. Du weißt ja, dass er den Hof auf ökologischen Anbau umstellen will, und da war es schon nötig, dass er auf einem Musterhof volontiert hat. Schad nur, dass der so weit weg von hier ist.«
»Und dann wird geheiratet«, stellte Gitta zufrieden fest.
»Ja, alles ist geregelt, auch mit den Schwiegereltern. Ich bekomm den Anbau für meine Töpferei, sodass ich endlich genug Platz hab, der Verkauf aber geht hier weiter. Ein Glück, dass Stefans Eltern noch net alt sind! So bewirtschaftet der Vater mit dem Stefan den Hof, die Schwiegermutter schwingt weiter das Zepter im Haus, und ich kann bei meiner Töpferei bleiben«, erklärte Martina.
Gitta nickte, sagte aber nichts dazu. Denn sie wusste, dass die Brunners, Stefans Eltern, nicht so glücklich über die Wahl ihres Sohnes gewesen waren. Denn Martina, die »Künstlerin«, erschien ihnen nicht geeignet als Hofbäuerin, womit sie nicht ganz unrecht hatten. Aber inzwischen hatte es wohl klare Absprachen gegeben, und die Brunners hatten sich mit Martina abgefunden, um dem Glück ihres Sohnes nicht im Weg zu stehen.
»Hast du dir eigentlich schon überlegt, wie dein Hochzeitskleid aussehen soll?«, fragte Gitta dann begierig.
»Und ob! Aber je mehr ich drüber nachdenke, desto weniger kann ich mich entscheiden. Ich hab schon eine Unmenge von Heften mit Brautmoden durchgeschaut«, sagte Martina und wies auf den hohen Stapel, der auf einem Tischchen lag.
»Wie wär es denn mit der Festtracht des Tals? Wirkt zwar ein bisserl streng, aber da kannst du nichts falsch machen«, schlug Gitta vor.
Martina zog die Brauen zusammen.
»Ich weiß net. Ist das net altbacken? Und du möchtest doch auch ein fesches Gewand anhaben, oder?«
Die beiden Freundinnen hatten schon als Kinder einander versprochen, dass sie bei der Hochzeit der jeweils anderen die Aufgabe der Brautjungfer übernehmen würden. Und wie erwartet war Martina nun die Erste, die vor den Altar trat.
»Also mir gefällt unsere Tracht. Eine Heirat ist ja auch etwas Ernstes und Würdiges«, gab Gitta zu bedenken.
Martina war nachdenklich geworden.
»Das lass ich mir alles noch amal durch den Kopf gehen.«
Dann aber wandten sie sich mit viel Gekicher dem Dorfklatsch zu. Irgendwie war herausgekommen, dass der Bürgermeister mit seinen Spezln in München so gezecht hatte, dass er die Nacht in einer Ausnüchterungszelle hatte verbringen müssen.
»Und seine Frau, die eh schon eine Zwiderwurzen ist, spricht seitdem nimmer mit ihm, heißt es«, schloss Gitta.
»Vielleicht empfindet er das auch als Wohltat«, lachte Martina.
Und so verging die Zeit, bis die Dunkelheit hereinbrach und sich Gitta verabschiedete, denn morgen wartete wieder ein anstrengender Arbeitstag auf sie.
»Das war ein schöner Abend, Martina. Pfiat di«, verabschiedete sich Gitta, als sie vor dem Laden ihr Fahrrad bestieg.
»Pass auf mit deinem Radl«, rief Martina und sah der Freundin nach, bis Gitta in der Dunkelheit verschwunden war.
Dann kehrte sie fröstelnd ins Haus zurück.
***
»Jesses, Bub! Heut kommst du aber gar nimmer aus den Federn. Der Vater hat schon ein paar Mal nach dir gefragt«, sagte Lena Brixner vorwurfsvoll.
Sie versuchte, ihrem Sohn, der sich tief in dem blau karierten Bettzeug vergraben hatte, die Decke wegzuziehen, scheiterte aber an seinem energischen Widerstand.
»Geh, Mutter, lass mir meine Ruh«, kam es dumpf aus den Kissen hervor, und Lena gab schließlich auf.
»Bist du schon wieder verkatert? Vor zwei Stunden hättest du schon drüben im Sägewerk sein sollen. Der Vater …«
»Der Vater«, echote Julian übellaunig, »der Vater ist mit dem Sägewerk verheiratet, ich aber net. Und außerdem kann ich heut den Lärm net ertragen.«
»Scham dich«, sagte Lena mit Tränen in den Augen, was nur zur Folge hatte, dass ihr Sohn, ihr einziger, das Kissen fest über den Kopf zog.
Sie verließ seine Kammer, aber nicht ohne vorher noch das Fenster sperrangelweit zu öffnen, denn das mochte der Julian überhaupt nicht, vor allem, wenn er sich in einem Zustand wie heute befand.
Sehr nachdrücklich schloss sie die Tür hinter sich und ging nach unten, um das Mittagessen vorzubereiten, zu dem ihr Mann immer pünktlich aus dem Sägewerk in ihr Wohnhaus herüberkam. Und während sie Kartoffeln schälte und Gemüse klein schnitt, hing sie ihren Gedanken nach, Gedanken, die keineswegs erfreulich waren.
Julian war so ein liebes Kind gewesen, ging ihr durch den Sinn, und wieder wurden ihre Augen feucht. Aber dann war er wohl in schlechte Gesellschaft geraten und hatte sich völlig verändert.
Schon auf dem Gymnasium in der Stadt fingen die Schwierigkeiten an, denn Julian war zwar sehr schlau, aber auch sehr träge. Und dann hatte er obendrein noch ein freches Mundwerk, mit dem er alle vor den Kopf stieß. Es war ein Wunder gewesen, dass er doch noch durch das Abitur gekommen war, obwohl er kaum etwas lernte und sich auch bei den Lehrern unbeliebt gemacht hatte.
Anschließend hatte er auf Wunsch seines Vaters – er sollte schließlich einmal das Lebenswerk Albin Brixners, das Sägewerk, übernehmen – Betriebswirtschaft studiert, jedoch kurz vor dem Examen sein Studium hingeworfen. Er hätte unter unheilbarer Langeweile gelitten, so hatte er sich ausgedrückt, was seinen Vater sehr erbost hatte.
Albin hatte ihn dann zu sich als eine Art Praktikant in das Sägewerk genommen, wo Julian sich in irgendeine Ecke verkroch, wenn er nicht gleich ganz fernblieb. Erst gegen Abend belebte er sich wieder und zog mit seinen Spezis durch die Kneipen des Orts als auch der umliegenden Dörfer. Und damit nicht genug.
Julian war so gut aussehend mit seinen schwarzen Locken und den grünen Augen wie sein Vater in seiner Jugendzeit. Nur war ihr Albin eben schon früh ein gefestigter Mensch gewesen, der ihr in unverbrüchlicher Treue zugetan war. Doch Treue war ein Begriff, mit dem ihr Sohn nichts anzufangen wusste. Er taumelte von einem Gspusi in das andere und ließ immer gebrochene Herzen zurück.
Ein Taugenichts und ein Weiberheld war er, ihr geliebter Julian, daran gab es nichts zu beschönigen.
Als die Kartoffeln angebrannt rochen, schreckte sie aus ihren trüben Gedanken auf und versuchte den Schaden zu beheben. Wenigstens das Gemüse und die Rouladen waren gelungen, und sie begann eilends den Tisch zu decken.
Alles war bereit, als Albin pünktlich wie immer eintrat, doch Lena sah sofort, dass er schlechter Laune war, und ihr Herz sank.
»Und unser Herr Sohn ist also immer noch nicht zugange?«, fragte Albin mit beißendem Spott, kaum dass er sich niedergelassen hatte.
Lena antwortete nur mit einem Seufzer. Früher hatte sie ihren Sohn immer in Schutz genommen, doch das hatte ihren Mann noch mehr aufgebracht, sodass sie es aufgegeben hatte. Schweigend begann sie zu essen.
»Weißt du eigentlich, wie ich dastehe mit so einem Sohn? Entweder ist er net anwesend, oder er stolpert ratlos herum und verkriecht sich am End in irgendeine Ecke. Einen Taugenichts hab ich zum Sohn, einen Taugenichts! Alles, was ich aufgebaut hab, wird amal den Bach hinuntergehen. Am besten, ich vererbe ihm erst gar nichts …«
»Das kannst du net tun, Albin«, stieß Lena mit blassen Lippen hervor.
»Das musst grad du mir sagen.«
Lena senkte den Kopf. Die ständigen Streitereien über das Verhalten ihres Sohns hatten auch ihre Auswirkungen auf ihre Ehe gehabt. Albin und Lena hatten aus Liebe geheiratet, und die ersten Jahre waren wunderschön gewesen.
Nun jedoch kam ihr Albin in seinem Zorn manchmal wie ein Fremder vor. Sie hatte auch den Eindruck, dass er ihr insgeheim die Schuld gab, da ihre Erziehung, die in seinen Augen nicht streng genug gewesen war, zu Julians Fehlentwicklung geführt hatte.
Doch Albin war noch nicht fertig mit seinen Vorhaltungen.
»Und das ganze Unglück ist nur noch schlimmer geworden, als er diese vermaledeite Erbschaft von deiner Tante gemacht hat. Die hat mich ja nie leiden können, und so hat sie uns einfach übergangen und ihrem geliebten Neffen alles überschrieben. Auch die zwei Mietshäuser, zefix.«
Er seufzte tief und fuhr sogleich fort.
»Das heißt, dass der Julian ausgesorgt hat und ich ihm den Geldhahn nimmer zudrehen kann, damit er gezwungen ist, etwas Vernünftiges zu tun. Und so lebt er in den Tag hinein und lässt sich von dir weiter verwöhnen. Am liebsten tät ich ihn vor die Tür setzen, damit er endlich amal erwachsen wird …«
»Das darfst du net tun«, schrie Lena geradezu auf.
»Und warum net? Mit deiner übertriebenen Mutterliebe bleibt er ewig ein Bürscherl, anstatt ein Mann zu werden«, fuhr Albin sie ergrimmt an.
»Aber so hab ich wenigstens ein Auge auf ihn. Ich hab Angst, dass er am End auf die schiefe Bahn …«
Lena verstummte, als von draußen her Schritte erklangen und gleich darauf die Tür aufgerissen wurde.
Julian, zerzaust und nachlässig gekleidet, ließ sich auf seinen Stuhl am Esstisch fallen und musterte seine Eltern. Es war nicht schwer zu erraten, dass sie sich wieder einmal gestritten hatten, und auch nicht, über was.
»Habt ihr beiden euch schon wieder amal in den Haaren wegen meines sogenannten Lebenswandels?«
Das war eher eine Feststellung als eine Frage, und Julian begann ungerührt, sich Braten und Gemüse auf den Teller zu häufen. Eigentlich hätten die Herzen seiner Eltern höherschlagen müssen bei seinem Anblick, denn Julian war ein äußerst gut aussehender, kräftiger junger Mann, der keineswegs lebensuntüchtig wirkte.
Sah man jedoch genauer hin, bemerkte man die Schatten unter seinen Augen, die von unregelmäßigen Gewohnheiten herrührten, und den leichtsinnigen Zug um den Mund.
