Alpengold 234 - Rosi Wallner - E-Book

Alpengold 234 E-Book

Rosi Wallner

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Beschreibung

Als Silas Bernrieder vor dem Altar die rechte Hand der Braut nimmt und ihr Liebe und Treue bis zum Tod verspricht, da ist jedes Wort eine Lüge. Denn die Ehe mit der reichen, aber nicht sehr hübschen Buchinger-Barbara ist für ihn der einzige Weg, um seinen Hof vor dem Ruin zu retten.

Sein Herz aber gehört der bezaubernd schönen Volksschauspielerin Lily Conrad. Auch ihr hat er ein Versprechen gegeben: sich weiterhin heimlich mit ihr zu treffen.

Doch sein Doppelleben wird für Silas schon bald unerträglich. Allerdings auf andere Weise, als er es jemals vermutet hätte. Silas verliebt sich in seine eigene Ehefrau. Doch wird Lily, seine leidenschaftliche Geliebte, ihn loslassen?

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Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalt

Cover

Impressum

Der verhängnisvolle Liebespakt

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Michael Wolf / Bastei Verlag

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-4090-7

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Der verhängnisvolle Liebespakt

Ergreifender Roman um eine erzwungene Ehe

Von Rosi Wallner

Als Silas Bernrieder vor dem Altar die rechte Hand der Braut nimmt und ihr Liebe und Treue bis zum Tod verspricht, da ist jedes Wort eine Lüge. Denn die Ehe mit der reichen, aber nicht sehr hübschen Buchinger-Barbara ist für ihn der einzige Weg, um seinen Hof vor dem Ruin zu retten.

Sein Herz aber gehört der bezaubernd schönen Volksschauspielerin Lily Conrad. Auch ihr hat er ein Versprechen gegeben: sich weiterhin heimlich mit ihr zu treffen.

Doch sein Doppelleben wird für Silas schon bald unerträglich. Allerdings auf andere Weise, als er es jemals vermutet hätte. Silas verliebt sich in seine eigene Ehefrau. Doch wird Lily, seine leidenschaftliche Geliebte, ihn loslassen?

»Onkel Silas, schau bitte mal her!«, rief die kleine Anni aufgeregt und wies auf einen Stand auf dem Weihnachtsmarkt, um den sich bereits viele Besucher geschart hatten.

Silas Bernrieder folgte der Aufforderung seiner Nichte und hob sie hoch, damit sie die ganzen Herrlichkeiten, die den Augen dargeboten wurden, besser sehen konnte.

»Ooooh, diese schönen Krippen«, stammelte die Fünfjährige hingerissen.

Auch Silas betrachtete die Ausstellungsstücke mit Interesse. Weihnachtskrippen in verschiedenen Größen und vielfältiger Ausführung gab es zu bestaunen, die alle höchste Kunstfertigkeit aufwiesen.

»Das ist noch echte Holzschnitzarbeit nach alter Tradition, keine Massenware, wie man sie heute leider nur zu oft findet«, sagte Silas zu seiner Schwester Monika, die sich mit ihrem Jüngsten auf dem Arm, dem kleinen Jakob, neben ihn gestellt hatte.

Monika Zeller pflichtete ihm bei.

»Jede Einzelheit ist sorgfältig ausgeführt. Und die Farben – net zu grell, aber doch sehr lebhaft. Wie bei unserer alten Krippe, die schon ewig in Familienbesitz ist.«

Auf dem Bernriederhof wurde noch nach alter Art Weihnachten gefeiert. Der Hofbauer schlug eine Tanne, die in der Stube aufgestellt und geschmückt wurde, und darunter stand das Prunkstück, die Krippe. Für alle Bernrieders war sie mit schönen Kindheitserinnerungen verknüpft, und jede Generation ging achtsam mit ihr um.

»Aber unsere ist noch schöner«, ließ sich Anni nach einer Weile vernehmen.

»Sie ist etwas ganz Besonderes«, meinte ihre Mutter.

Monika war ihrem Elternhaus auch nach ihrer Heirat immer noch eng verbunden, und es bedeutete eine große Freude für sie, das Weihnachtsfest auf dem Bernriederhof zu feiern. Seitdem die Mutter vor zwei Jahren gestorben war, war der Zusammenhalt noch wichtiger geworden.

Gregor Bernrieder konnte den allzu frühen Tod seiner geliebten Frau nicht verwinden und hatte sich auf erschreckende Weise verändert. Nur das Zusammensein mit seinem Sohn und der Familie seiner Tochter schien ihn noch für eine Weile aufzuheitern, dann versank er wieder in tiefe Niedergeschlagenheit.

Silas hatte Anni wieder heruntergelassen. Sie eilte zu einem anderen Stand, wo glitzernde Rauschgoldengel die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zogen.

»So schöne Haare möcht ich auch haben.«

Sie deutete auf das silberblonde Haargelock eines Engels, der weit oben thronte und über den anderen zu schweben schien.

»Na, Spatzl«, sagte Silas lachend. »Deine Haare gefallen mir viel besser.« Liebevoll fuhr er ihr durch die dunklen Locken, die das reizende Gesicht des kleinen Mädchens einrahmten.

»Und warum?«

»Weil sie echt sind. Das sind doch alles künstliche Haare.«

Das schien Anni einzuleuchten, und sie lächelte, sodass die Grübchen auf ihren Wangen sichtbar wurden.

»Wenn ihr schon von Engeln redet – nachher führt eine Theatergruppe in der Festhalle ein Weihnachtsspiel für Kinder auf. Es heißt ›Der Schutzengel‹. Ich hab der Anni versprochen, dass wir uns das anschauen. Du kommst doch sicher auch mit«, schaltete sich Annis Mutter in das Gespräch ein.

»Es macht überhaupt keinen Spaß, wenn du nicht dabei bist«, sagte Anni und sah ihn aus ihren großen braunen Augen bittend an.

Das Mädchen hing sehr an seinem Onkel Silas, der immer gut aufgelegt war und mit ihr herumalberte. Ihr Vater dagegen, den sie zwar auch innig liebte, neigte ein wenig zur Strenge, was wohl daher kam, dass er Lehrer war.

Silas hatte überhaupt keine Lust auf diese Darbietung, aber er konnte seiner Nichte einfach keinen Wunsch abschlagen.

»Sicher geh ich mit. Das wird gewiss spannend«, fügte er nicht ganz aufrichtig hinzu.

Dann fiel sein Blick auf seine Schwester, die einen etwas erschöpften Eindruck machte. Kein Wunder, wenn sie den kleinen Jakob, der inzwischen einiges an Gewicht zugelegt hatte, auf dem Arm herumschleppte.

»Gib mir halt amal den Kleinen«, sagte er, und Monika reichte ihm mit einem dankbaren Blick das Kind.

Glücklicherweise war der kleine Jakob nicht nur ein wohlgenährter, sondern auch ein friedlicher Säugling, der viel schlief und sich nur regte, wenn ihn der Hunger plagte.

»Du bist und bleibst mein Lieblingsbruder«, sagte Monika erleichtert.

»Du hast halt keinen besseren«, gab Silas zur Antwort, und wie immer brachen sie dann in Gelächter aus.

Die beiden Geschwister standen sich sehr nah. Silas hatte es als herben Verlust empfunden, als Monika endgültig das Elternhaus verließ und heiratete. Doch wenigstens war sie in der Nähe geblieben und Lehrerin in der Kreisstadt geworden, wo auch ihr Ehemann unterrichtete. Augenblicklich befand sie sich noch in Elternzeit und genoss es, sich ganz der Familie widmen zu können.

Da ihr Mann gerade auf einer Fortbildung war, begleitete Silas seine Schwester bei dem Besuch des Weihnachtsmarkts, was kein Opfer für ihn war, denn er ging ganz in der Rolle des fürsorglichen Patenonkels auf.

»Da, schau, der Silas«, hörte er plötzlich eine Stimme, die unzweifelhaft seinem Spezi Loisl Hintermoser gehörte, der mit einem mageren, grell geschminkten Mädchen am Arm vor ihm stand.

»Ich hab dich gar net gesehen«, sagte Silas etwas lahm.

Den Hintermoser-Loisl übersah man nämlich nicht so leicht, wuchtig und urwüchsig, wie er war. Auf seinem kantigen Schädel sprossen widerborstige Haare, was sich in einem gewaltigen Schnäuzer fortsetzte. Seine Züge waren grob, strahlten jedoch eine Lebensfreude aus, der man sich nur schwer entziehen konnte.

Und das erklärte vielleicht auch, warum Loisl trotz seines ungeschlachten Äußeren und seiner oft derben Äußerungen ein derartiges Glück bei den Madeln hatte. Allerdings währte dieses Glück nie lang, denn Loisls Lebensweise änderte sich nie, doch sein Geschmack, was seine Gspusis betraf, dafür umso schneller.

Wahrscheinlich würde seine nächste Freundin ein dralles, naturbelassenes Wesen sein …

»Ich muss sagen, Familie steht dir gut«, sagte Loisl jetzt etwas spöttisch. »Vielleicht solltest du dich selber amal dranmachen.«

»Du bist fei älter als ich, dann geh mir halt amal mit gutem Beispiel voran«, zog sich Silas aus der Schlinge.

»Das hätt ich auch getan, wenn mich deine Schwester hätt haben wollen«, entgegnete Loisl und musterte Monika ungeniert. »Schön schaust du aus, Moni. Ich wünschte, ich wär der Vater deiner Kinder. Warum hast du auch so einen schmalbrüstigen Schulmeister heiraten müssen?«

Monika Zeller war tief errötet. Loisl hatte sie jahrelang hartnäckig umworben, doch sie hatte ihm genauso hartnäckig widerstanden, womit er sich anscheinend immer noch nicht abgefunden hatte, geschweige, dass er es begreifen konnte.

»Lass gut sein, Loisl. Damit sind wir doch durch«, erwiderte sie mit mühsam unterdrückter Verärgerung.

»Dann mach ich mich mal wieder mit der Annamirl – oder heißt du Marianne? – auf den Weg. Wo ist sie denn abgeblieben?«

Loisl war so in die Betrachtung von Monikas reizenden Zügen versunken gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, dass sich seine Begleiterin von ihm gelöst hatte und grußlos in der Menge verschwunden war.

»Das hast du nun davon«, meinte Silas etwas schadenfroh.

»Die Madeln werden immer unbeständiger. Und Spaß verstehn sie schon gar nimmer«, beklagte sich Loisl, spähte aber schon nach einer nächsten Bekanntschaft aus.

»Wo ist denn die Anni?«

Monika sah sich suchend um, und das lieferte den Vorwand, sich von Loisl und seinen Beziehungsproblemen zu lösen.

Anni hatte sich nicht weit von ihnen entfernt. Neben einer kleinen Keramikausstellung befand sich auch ein Schießstand, wo es Kuscheltiere zu gewinnen gab.

Das Kind deutete verlangend auf einen puscheligen Eisbären.

»Kannst mir den net schießen, Onkel Silas?«

»Versuchen kann ich es ja.«

Das war untertrieben, denn Silas Bernrieder war der Schützenkönig seines Heimatdorfs, und dieser Ehrentitel würde ihm noch lange keiner der anderen Burschen streitig machen können. Also ließ er sich eine Waffe laden und legte an.

Er bemerkte nicht, dass eine Gruppe junger Mädchen ihn mit mehr oder weniger offener Bewunderung beobachtete. Und der gut gewachsene junge Mann, der in seinem Trachtenanzug eine ausgezeichnete Figur machte, war wirklich beeindruckend. Im Augenblick der höchsten Konzentration traten seine regelmäßigen, markanten Züge noch mehr hervor. Das helle Blau seiner Augen, das einen auffallenden Kontrast zu seinen dunklen Locken bildete, wurde noch durchdringender.

Jede seiner Bewegungen zeugte von Geschmeidigkeit, und dann peitschten in rascher Folge die Schüsse auf. Silas ließ die Waffe sinken, und der Schießbudenbesitzer, der eher gleichgültig dagestanden hatte, musste feststellen, dass Silas erreicht hatte, was heute Mittag noch keinem gelungen war – er hatte einen der Hauptpreise gewonnen.

Im Hintergrund erschallte Klatschen.

»Bekomm ich jetzt den Eisbären?«

Der Mann löste wortlos das Gewünschte aus einem Bund von Kuscheltieren und reichte es der Kleinen.

»Da hat aber jemand Glück gehabt!«, sagte er knapp.

»Mein Onkel ist fei Schützenkönig«, erwiderte Anni voller Stolz und drückte das Kuscheltier an sich.

»Jessas! Hat er noch viele Nichten und Neffen?«

»Nein, dabei bleibt es«, lachte Silas und schob dem Mann, der nicht gerade mit Reichtümern gesegnet zu sein schien, verstohlen einen Geldschein hinüber, der ungefähr dem Wert des Eisbären entsprach.

Und so war die weihnachtliche Stimmung wiederhergestellt. Sie strebten nun dem Festsaal zu, wo die Vorstellung der Volkstheatergruppe stattfinden sollte. Silas ergab sich in sein Schicksal. Als der Vorhang aufging, war alles so, wie er es befürchtet hatte – ein paar jämmerlich bemalte Kulissen, Möbel wie vom Sperrmüll und drei Darsteller, die ihre Texte nicht beherrschten.

Ein Familienstreit entspann sich, und was an schauspielerischen Fähigkeiten abging, wurde durch Lautstärke und wildes Herumfuchteln ersetzt. Eigentlich war gar nicht richtig nachzuvollziehen, um was es bei der heftigen Auseinandersetzung eigentlich ging, und Silas stöhnte innerlich auf.

Dann aber betrat der Schutzengel die Bühne.

Und mit einem Mal war alles anders. Die schöne junge Frau, eigentlich war es eher ein junges Mädchen, zog alle in ihren Bann. Schon ihre äußere Erscheinung war berückend. Silberblondes Lockenhaar – ohne Zweifel die Naturfarbe – umgab ein Gesicht von geradezu klassischer Schönheit. Ein weißes Engelsgewand umwallte ihre ebenso vollendete Gestalt, und die Bewegungen der jungen Frau waren so fließend, dass sie über dem Boden zu schweben schien.

Noch bestechender jedoch war ihr schauspielerisches Talent. Ihre Gestik war sparsam bemessen, auch schraubte sich ihre Stimme nie zu einem durchdringenden Diskant hoch. Es ging etwas Strahlendes von ihr aus, etwas zutiefst Überzeugendes, wie es allen guten Schauspielern zu eigen ist.

Die Handlung war denkbar simpel, doch es gelang ihr, in jedes Wort eine besondere Bedeutung zu legen. Und dieser Funke schien auch auf die anderen Schauspieler überzuspringen, denn mit einem Mal fanden sie sich in ihre Rollen ein und stimmten sich aufeinander ab.

Es war still im Saal geworden, und alle verfolgten die Vorführung, ohne sich von etwas anderem ablenken zu lassen. Auch Silas hatte sich vorgebeugt, sein Blick verfolgte jede Bewegung der jungen Schauspielerin.

Und plötzlich durchzuckte ihn ein eigenartiges Gefühl, eine Art inneres Glühen, das stärker war als alles, was er jemals für einen anderen Menschen empfunden hatte. Allein dieser jungen Frau zuzuschauen ließ ihn erbeben, erfüllte ihn mit Entzücken. Sie verlieh nicht nur ihrer Rolle Glanz, sondern jedem, der in ihrer Nähe war.

Schließlich kam das Stück zu dem vorhersehbar guten Ende, und lautstarker Applaus, sogar mit lebhaften Zwischenrufen durchsetzt, erhob sich. Silas stand wie die anderen auf, doch er war außerstande zu klatschen, denn er konnte die junge Frau im Engelsgewand nicht aus den Augen lassen. Die Schauspieler standen nebeneinander aufgereiht auf der Bühne, und als der Vorhang schon gefallen war, wurde der »Schutzengel« noch einmal hervorgerufen.

Die Schauspielerin lachte in ungekünstelter Freude in die Menge, es war nichts Affektiertes, Unnatürliches an ihr. Zuletzt schloss sich der Vorhang doch hinter ihr, und Silas hatte das Empfinden, als wäre jede Helligkeit aus dem Saal gewichen.

Die kleine Anni tastete nach seiner Hand.

»Das war fei der allerschönste Engel heut«, sagte die Kleine mit unverfälschter kindlicher Aufrichtigkeit.

»Ja, da hast du recht«, gab Silas zurück, und er stellte überrascht fest, dass seine Stimme heiser klang.

»Ein großes Talent«, sagte seine Schwester wesentlich nüchterner, »sie wird wohl net lang bei der Truppe bleiben.«

»Und dann fliegt der Schutzengel weg, ganz weit hoch, fast bis in den Himmel«, meinte Anni, die mit einer regen Fantasie gesegnet war.

»Mag sein, dass ihr Weg sie nach oben führt. Wollen wir es jedenfalls hoffen«, lachte Monika und hängte sich bei ihrem Bruder ein.

Silas aber verspürte einen Stich in der Brust.

Es war inzwischen dunkel geworden, und der Weihnachtsmarkt lag im Lichterglanz da, der ihm einen besonderen Zauber verlieh.

»Magst du noch einen Glühwein trinken?«, fragte ihn Monika.

»Besser net. Ich will noch nach Hause fahren«, lehnte Silas ab.

»Du kannst auch bei uns übernachten und morgen Abend auf den Hof zurückkehren«, schlug ihm seine Schwester vor.

»Ja, Onkel Silas, bleib doch bei uns …«, bettelte Anni.

»Ich lass den Vater net gern allein«, sagte Silas.

Das verstand seine Schwester, und sie bedrängte ihn nicht länger. Silas jedoch schämte sich, denn das war nur die halbe Wahrheit. In Wirklichkeit sehnte er sich nach Einsamkeit, um sich ganz diesen neuen Empfindungen, die ihn übermannt hatten, hinzugeben.

»Ich hätt gern noch ein Würstl«, quengelte Anni enttäuscht.

Schließlich einigte man sich darauf, zu einem der Wurststände zu gehen, wo Anni auch ihre Lieblingslimonade dazubekam. Der kleine Jakob wachte auf, knabberte kurz an einem Keks und versank dann wieder in einen segensreichen Schlaf.

Anni rieb sich die Augen, und Silas begleitete die kleine Familie danach zu dem gemütlichen Haus, in dem sie wohnte. Nach einem herzlichen Abschied stieg er in sein Auto, das er davor geparkt hatte, und machte sich auf den Heimweg.

Nachdem Silas die Kreisstadt verlassen und von der Landstraße abgebogen war, führte die unbefestigte Strecke steil bergan. Inzwischen hatte es zu schneien begonnen, was ihn zu besonderer Vorsicht zwang, und er atmete erleichtert auf, als endlich die vertrauten Umrisse des Bernriederhofs vor ihm auftauchten.

Wie immer hob sich freudig sein Herz, wenn er den Hof, der bald ihm gehören würde, vor sich sah. Im immer dichter werdenden Schneegestöber sah er wie verwunschen aus, die Umrisse waren nur noch undeutlich wahrzunehmen, doch sie ließen ahnen, wie groß das Gehöft war. Das Wohnhaus mit den Holzschindeln und den Balustraden ragte hoch empor, seitlich waren die Stallungen und die Wirtschaftsgebäude angeordnet.

Seine Schwester hatte es sich nicht nehmen lassen, das Elternhaus adventlich zu schmücken. Ein Kranz aus Kiefernzweigen, Birkenrinde und Efeu verzierte die Haustür mit der altertümlichen Holzschnitzerei, auch die Blumenkästen vor den Fenstern waren auf ähnliche Weise abgedeckt.

Innen auf den Fenstersimsen standen Gläser mit dicken Wachskerzen, die sie bis zu Mariä Lichtmess anzünden würden. Am 2. Februar begann das bäuerliche Jahr, das von alters her immer große Bedeutung gehabt hatte. Zwei tröstliche Lichtvierecke schimmerten vom unteren Stockwerk her, ein Zeichen, dass sich sein Vater in der Stube befand.

Dies war der Ort, wo er nach seiner Geburt in die alte Holzwiege der Bernrieders gelegt worden war, und hier wollte er sich, wenn die Zeit dafür gekommen war, zum Sterben niederlegen, ebenso wie seine Vorfahren vor ihm. Nirgendwo anders würde er sich jemals zuhause fühlen als auf dem Bernriederhof.

Der Hof war nicht nur sein Zuhause, sondern auch seine Existenzgrundlage. Silas hatte kürzlich erst seinen Abschluss als Agrarbiologe gemacht, ein Studium, das ihn begeistert hatte. Gleichzeitig hatte er sich aber vor Heimweh nach dem elterlichen Hof verzehrt, denn er fühlte sich todunglücklich in dem Getriebe der Großstadt.

Andererseits hatte diese Zeit einen Plan in ihm reifen lassen, für den er schließlich auch seinen Vater gewonnen hatte. Er würde mit der Tradition brechen, und der Bernriederhof sollte einer der ersten Biohöfe in der Umgebung werden. Er wusste, dass er stark genug war, sich gegen alle Widerstände durchzusetzen, weil er es als seine Lebensaufgabe betrachtete.

Silas stellte den Wagen ab und betrat das Haus. Wie erwartet hielt sich sein Vater in der geräumigen Stube auf, doch er saß nicht über Abrechnungen oder las im Bauernblatt, sondern schien in tiefem Sinnen verloren.

Vater und Sohn sahen sich sehr ähnlich, beide waren schlank und hochgewachsen und hatten markante Züge. Doch Gregor Bernrieder wirkte in sich zusammengesunken. Die große Trauer hatte tiefe Furchen in sein Gesicht gegraben.