Alpengold 244 - Rosi Wallner - E-Book

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Rosi Wallner

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Beschreibung

Wie betäubt steht Christian Lanz am Fenster seiner Dachwohnung in München und starrt dem Besucher hinterher. Noch immer kann er nicht fassen, was ihm gerade widerfahren ist. Der Großbauer Benedikt Salacher aus dem Bergdorf Kirchried hat sich ihm soeben als sein leiblicher Vater vorgestellt.

Doch statt Freude und Erleichterung empfindet Christian lediglich abgrundtiefe Wut. Jetzt kennt er also den Mann, der seine schwangere Mutter damals sitzen ließ. Ihm gibt er nun die Schuld für seine harte, entbehrungsreiche Kindheit mit dem gewalttätigen Stiefvater.

Die Einladung auf den Hof des Großbauern nimmt Christian zwar an, aber einzig und allein, um sich an ihm zu rächen. Und er hat auch schon einen Plan, wie er diesen selbstgerechten Bauern in die Knie zwingen kann ...

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EPUB

Seitenzahl: 128

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Cover

Impressum

Er kam, um Rache zu nehmen

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Michael Wolf / Bastei Verlag

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-4664-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Er kam, um Rache zu nehmen

Was Christian nicht verzeihen konnte

Von Rosi Wallner

Wie betäubt steht Christian Lanz am Fenster seiner Dachwohnung in München und starrt dem Besucher hinterher. Noch immer kann er nicht fassen, was ihm gerade widerfahren ist. Der Großbauer Benedikt Salacher aus dem Bergdorf Kirchried hat sich ihm soeben als sein leiblicher Vater vorgestellt.

Doch statt Freude und Erleichterung empfindet Christian lediglich abgrundtiefe Wut. Jetzt kennt er also den Mann, der seine schwangere Mutter damals sitzen ließ. Ihm gibt er nun die Schuld für seine harte, entbehrungsreiche Kindheit mit dem gewalttätigen Stiefvater.

Die Einladung auf den Hof des Großbauern nimmt Christian zwar an, aber einzig und allein, um sich an ihm zu rächen. Und er hat auch schon einen Plan, wie er diesen selbstgerechten Bauern in die Knie zwingen kann …

»Hochwürden!«

Der Angesprochene schrak zusammen, denn er war so in die Vorbereitung seiner sonntäglichen Predigt vertieft gewesen, dass er nicht wahrgenommen hatte, dass die Kreszenz, seine Haushälterin, geklopft und die Tür seines Studierzimmers einen Spalt geöffnet hatte.

»Was gibt’s denn? Komm schon herein«, forderte er sie leicht ungeduldig auf und legte mit sichtlichem Bedauern seine Aufzeichnungen beiseite. Gerade war ihm ein so erhebender Vergleich eingefallen …

Kreszenz, die im Ort wegen ihrer scharfen Zunge und den nicht minder scharfen Augen gefürchtet war, betrat zögernd den Raum.

Der Pfarrer dachte, wie so oft bei ihrem Anblick, dass die Kreszenz immer noch eine schöne Frau war, obwohl schon graue Strähnen ihr blondes, streng frisiertes Haar durchzogen. Sie trug ein dunkles Trachtengewand, das ihre stattliche Gestalt unterstrich, und an ihrem Hals schimmerte der Silberschmuck, den sie von ihrer Mutter geerbt hatte.

Eine auffallende Erscheinung, das war sie, die Kreszenz, und als er in jungen Jahren in den kleinen Gebirgsort gekommen war, hatte es Gerede gegeben, weil er mit der schönen jungen Frau unter einem Dach gehaust hatte. Selbst wenn er nicht so standhaft gewesen wäre, hätte sie jedoch keine Anfechtung für ihn dargestellt, ihr schroffes, strenges Wesen hatte ihn zunächst sogar abgestoßen.

Mit der Zeit jedoch hatten sie sich gegenseitig zu respektieren gelernt und kamen gut miteinander aus.

»Tut mir leid, dass ich stör, aber die Salacher-Lena sitzt schon den ganzen Tag in der Kirch. Anscheinend traut sie sich heut gar nimmer nach Haus«, sagte Kreszenz besorgt.

Der Pfarrer seufzte. »Ist denn wieder der Tag, an dem ihr Bruder …«

»Ja«, fiel ihm Kreszenz ins Wort, »und net genug, dass sich das Madel immer ganz elend fühlt, überhäuft sie der Vater dann auch noch mit Vorwürfen. Es wird immer schlimmer mit ihm, und ich tät mich net wundern, wenn er sie net nur beschimpft, sondern sogar schlägt. Eine Schand ist das.«

Kreszenz rang sichtlich um Fassung, was selten geschah, doch sie hatte, wie ihm aufgefallen war, eine Art fürsorgliche Zuneigung zu dem unglücklichen Mädchen entwickelt. Und er fand sich damit auch in seiner Vermutung bestätigt, dass sich hinter all ihrer Schroffheit ein mitfühlendes Herz verbarg.

»Ich werde nach ihr sehen«, sagte er und erhob sich.

»Das ist net genug.«

»Was meinst du damit, Kreszenz?«, erwiderte er leicht ungehalten und sah sie an.

»Wär es net mal an der Zeit, ein Wörterl mit dem Salacher zu reden? So kann es doch net weitergehen. Er treibt das Madel ja reinweg in die Verzweiflung. Ich hab fei oft Angst, dass es sich am End etwas antut, so elend und unglücklich, wie das arme Madel ist«, fügte sie in dringlichem Tonfall hinzu.

»Da hast vielleicht recht«, gab er zu, »aber jetzt geh ich erst einmal zu ihr.«

Dankbarkeit und Erleichterung malten sich auf Kreszenz’ herben Zügen, sie wusste, dass sie sich auf ihn verlassen konnte. Er kümmerte sich um jeden seiner kleinen Herde, nichts konnte ihn davon abhalten.

»Am Sonntag gibt’s einen Kaiserschmarrn und danach Apfelstrudel mit Vanillesoße, wenn’s recht ist«, stellte Kreszenz in Aussicht und wandte sich zum Gehen.

»Mein Lieblingsgericht, welch schöne Fügung«, erwiderte er mit leisem Spott, was von ihr nicht zur Kenntnis genommen wurde.

Pfarrer Stettner durchquerte den weitläufigen Garten, der zwischen dem Pfarrhaus und der Kirche lag, und widerstand der Versuchung, zu dem kleinen Rosengarten hinüberzugehen, den er mit viel Liebe angelegt hatte. Die »Gloria Dei« müsste sich inzwischen zu ihrer vollen Pracht entfaltet haben.

Er war überzeugt davon, dass Kreszenz ihn vom Küchenfenster aus beobachtete, und so beschleunigte er seine Schritte und verschob seinen abendlichen Rundgang durch den Rosengarten auf später.

Wir kennen uns gut, die Kreszenz und ich, ging es ihm wie so oft durch den Sinn, und er musste bei dem Gedanken unwillkürlich lächeln.

Dann trat er durch den Seiteneingang in die kleine, altertümliche Dorfkirche ein, deren Halbdunkel ihn tröstlich umgab. Suchend sah er sich um, und erst auf einer der hinteren Bänke, die in tiefem Schatten lag, erblickte er die in sich zusammengesunkene Gestalt eines jungen Mädchens.

»Lena!«

Lena schrak zusammen, obwohl er sie leise und behutsam angesprochen hatte. Sie sah zu ihm hoch, und der Schmerz in ihren klaren blauen Augen rührte ihn an, mehr noch als ihre Schönheit, der in dieser Umgebung fast etwas Unwirkliches anhaftete.

Lena Waldner war ein zartgliedriges junges Mädchen, jedoch keineswegs schwächlich, denn sie war schon seit frühester Jugend an körperliche Arbeit gewöhnt. Auffallend an ihr war das Haar von so hellem Blond, dass es fast weiß wirkte. Es umgab wie ein leuchtendes Gespinst ein liebliches Gesicht mit fein geschnittenen, regelmäßigen Zügen. Die einzige kleine Unregelmäßigkeit war die etwas zu üppige Unterlippe, aber gerade das verlieh diesem so madonnenhaften Antlitz seinen besonderen, verlockenden Reiz.

Auch die abgetragene Kleidung konnte ihrer Schönheit keinen Abbruch tun.

»Willst du net nach Haus? Die Kreszenz hat gesagt, dass du schon den ganzen Tag hier herinnen wärst.«

»Ich hab es nimmer ausgehalten. Schon am frühen Morgen hat der Vater zum Obstler gegriffen, es wird von Jahr zu Jahr schlimmer mit ihm. Und dann hat er mich beschimpft und …«

Sie brach in ein krampfartiges Schluchzen aus, das ihren ganzen Körper erschütterte.

»Ich wünschte, ich wär ums Leben gekommen und net der Anderl, die Schuld erdrückt mich. Und mein Vater kann mich nimmer ertragen«, brach es aus ihr heraus.

»Das darfst du net amal denken, Madel! Ich hab es dir schon so oft gesagt, und ich sag es dir wieder, dass du an dem Unglück keine Schuld trägst. Du warst doch selbst noch ein Kind!«

Die mit großem Nachdruck gesprochenen Worte verfehlten nicht ihre Wirkung auf Lena, ihr qualvolles Weinen verebbte, und sie wurde allmählich ruhiger.

»Es steht mir vor Augen, als wär es gestern gewesen«, sagte sie fast flüsternd.

Auch der Pfarrer erinnerte sich noch genau an den Tag, als das Unglück über die Salachers gekommen war und ihr Leben unwiderruflich zu zerstören schien. Sie waren eine harmonische Familie gewesen, die Salachers, auch wenn viele fanden, dass der reiche Salacher-Bauer etwas Besseres verdient hätte als eine arme Witwe, die zudem noch ein Kind in die Ehe mitbrachte.

Doch Benedikt Salacher hatte seine Mirl über alles geliebt und auch ihre kleine Tochter Lena mit offenen Armen aufgenommen. Ihr Glück war vollkommen, als Anderl, der künftige Hoferbe, das Licht der Welt erblickte.

Anderl war ein wildes Kind, das kaum zu zügeln war und wohl auch von seinen Eltern zu sehr verwöhnt wurde. Bei einem Gang durch das Dorf riss er sich unvermittelt von der Hand seiner Schwester los und geriet unter die Räder eines Lastwagens. Mit Schaudern dachte der Pfarrer an den kleinen, verkrümmten Körper, aus dem jedes Leben gewichen war.

Salacher war wie von Sinnen und gab seiner Stieftochter die Schuld, während seine Frau zusammenbrach und sich nicht mehr von diesem Schicksalsschlag erholte. Auch das warf er Lena vor, und immer, wenn sich der Unglückstag jährte, überwältigten ihn Schmerz und Wut, und er ließ das Mädchen für seine vermeintliche Schuld büßen.

»Soll ich dich nach Haus bringen? Du kannst net hierbleiben, es ist kalt herinnen, du wirst dir noch den Tod holen«, bot er ihr an, doch Lena schüttelte nur den Kopf.

»Ich hab Angst.«

Die Kreszenz hat recht, ging es ihm durch den Sinn, es war wirklich an der Zeit, mit dem Salacher zu reden, ehe noch ein Unglück geschah. Er hätte es selbst erkennen müssen.

»Weißt du was? Du kommst mit mir rüber ins Pfarrhaus, da kannst du über Nacht bleiben. Die Kreszenz wird sich freuen, sie macht dir sicher eine heiße Suppe, und von dem guten Schmalzgebackenen ist auch noch was da«, sprach er behutsam und väterlich auf sie ein.

»Die Kreszenz«, sagte sie leise, und ihr Gesicht hellte sich etwas auf. Zu seiner Erleichterung erhob sie sich ohne Umschweife und ging an seiner Seite zu dem Pfarrhaus, wo sie von seiner Haushälterin schon erwartet wurden.

»Armes Hascherl, du bist ja ganz durchgefroren«, schalt Kreszenz sie besorgt, und Pfarrer Stettner konnte sich nur wundern, wie liebevoll seine sonst so grimmige Haushälterin mit dem jungen Mädchen umging.

»Die Lena bleibt erst amal hier«, erklärte er sehr zu Kreszenz’ Zufriedenheit.

»Der Tisch ist schon gedeckt, ich hab eine Gemüsesuppe gekocht, das wird dir guttun«, sagte sie und legte den Arm beschützend um die schmalen Schultern des Mädchens.

»Hab ich dir zu viel versprochen?« Er schlug einen scherzenden Tonfall an, um die Stimmung aufzulockern.

Sie gingen in die geräumige Pfarrküche, wo ihnen ein köstlicher Duft entgegenschlug. Der Esstisch in der Ecke war mit einer weißen Decke und einem Krug mit Frühlingsblumen geschmückt, was zusammen mit dem blau bemalten irdenen Geschirr sehr einladend aussah.

Dankbar aß Lena die schmackhafte Suppe und nahm sich auch ein Stück von dem Brot, das Kreszenz gewöhnlich selbst backte. Sie hatte den ganzen Tag nichts zu sich genommen, und jetzt wurde sie von der köstlichen Mahlzeit geradezu überwältigt. Anschließend gab es eine Süßspeise, und Kreszenz schob ihr auch noch Schmalzgebackenes hin. Danach wurde sie wieder von der Erschöpfung übermannt, was den aufmerksamen Blicken der Haushälterin nicht entging.

»Jetzt legst du dich am besten nieder, auch wenn es noch früh am Tag ist. Ich hab dir oben ein Bett in der Gästekammer gerichtet, da kannst du dich ausruhen«, sagte sie.

Das Mädchen nickte und erhob sich schwankend.

»Morgen früh schläfst du lang aus. Es stört uns net, wenn du noch ein bisserl hierbleibst«, meinte Pfarrer Stettner.

»Du kannst mir ja ein bisserl im Garten helfen, aber nur, wenn es dir gut genug geht«, fügte Kreszenz hinzu.

Das Pfarrhaus war viel zu groß für zwei Bewohner, und so blieben die Kammern unter dem Dach meist verschlossen. Nur wenn ein Amtsbruder zu Besuch kam, was selten geschah, wurden sie genutzt.

Sie stiegen langsam die steile Treppe hoch und traten in eine gemütliche, kleine Kammer mit schrägen Wänden und hellen Birkenmöbeln ein, das Bett mit den ansprechenden blau karierten Überzügen war bereits aufgedeckt.

»Jetzt schaust du, dass du zur Ruhe kommst. Schlaf gut und träum schön, Lenerl.«

»Ich dank dir, Kreszenz, und Hochwürden auch«, sagte das Mädchen, aber die Haushälterin hatte schon die Tür hinter sich geschlossen. Mit den Kleidern sank Lena auf das Bett und fiel in den tiefen, traumlosen Schlaf der Erschöpfung.

Eigentlich hätte sich Pfarrer Stettner wieder an seine Predigt begeben müssen, aber er war zu aufgewühlt und hatte das Bedürfnis, sich mit Kreszenz zu besprechen.

»Warum geht sie nicht weg von zu Hause und versucht ein neues Leben anzufangen?«, sagte er.

»Das hab ich ihr auch schon vorgeschlagen, aber sie hängt trotz allem an dem Hof, an ihrer Heimat. Es wär das einzige Zuhause, das sie kennen tät, und hier wär auch das Grab der Mutter, hat sie darauf gesagt. Außerdem wär es schwer für sie, eine Arbeit zu finden, denn sie hat keinen richtigen Schulabschluss. Sie ist ja in der Kreisstadt auf die Realschule gegangen und war eine gute Schülerin.«

»Ja, sie hat jedes Jahr den Preis für die besten Leistungen bekommen«, erinnerte sich der Pfarrer.

»Aber als es dann der Mutter immer schlechter ging, hat der Vater sie kurz vor den Prüfungen von der Schule genommen, damit sie die Mutter pflegt. Und dann ist sie halt auf dem Hof geblieben, wo sie sich wie eine Magd abrackern muss. Und bestimmt gibt er ihr fei noch net amal ein bisserl Geld, so schäbig angezogen, wie sie herumläuft«, fügte Kreszenz entrüstet hinzu.

»Nimm du das Madel unter deine Fittiche, ich werd morgen ein Wörterl mit dem Salacher reden, ehe es wieder auf den Hof zurückkehrt. So kann das ja nimmer weitergehen. Aber jetzt muss ich wirklich an meiner Predigt arbeiten.«

Er erhob sich und wünschte ihr freundlich eine Gute Nacht, was von ihr mit einem Kopfnicken erwidert wurde. Auch sie hatte noch zu tun, die Küche musste aufgeräumt und einiges für den morgigen Tag vorbereitet werden. Dabei ging ihr nicht das junge Mädchen aus dem Kopf, dessen Schicksal sie so anrührte.

***

Pfarrer Stettner blieb aufatmend stehen, der Aufstieg zu dem abgelegenen Salacherhof hatte ihm sichtlich zugesetzt.

Er seufzte und richtete seinen Blick auf das Anwesen, das sich vor ihm erhob. Einer der größten Bauern in der Umgebung, das war er, der Salacher, und er achtete auch auf seinen Besitz. Wohnhaus und Stallungen hatte er vor Kurzem erst neu herrichten lassen, und jeder wusste, dass alles modernisiert und technisch auf dem neuesten Stand war.

Trotzdem beneidete man den Bauern nicht, denn was nutzte aller Reichtum, wenn jemand einsam war und es keinen Erben für den Hof gab. Und offenbar hatte sich der Salacher entschlossen, bis an das Ende seiner Tage als Wittiber zu leben, auch wenn das niemand im Tal nachvollziehen konnte.

Der Pfarrer überquerte langsam den Hofplatz, der sauber gekehrt war. Der Kettenhund hielt es nicht für nötig zu bellen, sondern er gähnte träge und legte wieder den Kopf auf seine Pfote. Stettner klopfte kräftig an die holzgeschnitzte Eingangstür, die rechts und links von liebevoll bepflanzten Blumentöpfen eingerahmt war, mit Sicherheit Lenas Werk.

Es war um die Mittagszeit, und er nahm an, dass der Bauer zum Essen zu Hause war, doch es blieb alles still im Haus.

Er machte sich noch einmal bemerkbar, und unvermittelt wurde die Tür aufgerissen. Ein großer, kräftiger Mann, dessen Gesicht gerötet war, erschien auf der Schwelle und wollte gerade zu einer Schimpftirade ansetzen, als er den Besucher wahrnahm und zurückwich.

»Hochwürden«, brachte er überrascht hervor.

»Du hast die Lena erwartet, wenn ich mich net täusch«, erwiderte Pfarrer Stettner nicht allzu freundlich.

»Sie ist heut Nacht ausgeblieben, da kannst du dir vorstellen, dass ich sie net grad mit offenen Armen empfang. Komm rein auf einen Enzian«, lud er ihn dann ein, eher den dörflichen Gepflogenheiten gehorchend als aus eigenem Antrieb.

Die Stube des Salacherhofes verströmte eine Behaglichkeit und Wärme, die im Widerspruch zu der abweisenden Persönlichkeit des Bauern stand. Die alten, bemalten Holzmöbel waren liebevoll gepflegt, auf dem großen, runden Tisch stand ein Krug mit Narzissen. Ein großer dunkelgrüner Kachelofen mit einer Sitzbank lud im Winter zum Ausruhen ein.

Dann verweilten Stettners Augen auf dem Salacher, der an der Kredenz Enzian in zwei kleine Gläser goss. Benedikt war nun in mittleren Jahren, sein Gesichtsausdruck verriet Willensstärke, aber auch einen Hang zum Starrsinn. Er bewegte sich bedacht, in seinen jungen Jahren war er keiner Wirtshausrauferei aus dem Weg gegangen und allgemein gefürchtet gewesen wegen der Rücksichtslosigkeit, wie er seine Körperkraft zum Einsatz brachte.