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Als Lorenz Schramm spätabends das Wirtshaus verlässt, reibt er sich mit einem hämischen Grinsen die Hände. Was er soeben erfahren hat, genügt, um den neuen Jäger für immer zu vertreiben. Niemand in dem idyllisch unterhalb des Königsgletschers gelegenen Bergdorf wird einen Mörder im Staatsdienst dulden! Auch Hanna, die bildhübsche Tochter des Bürgermeisters, wird sich voller Verachtung von Franz Obermeier abwenden.
Und damit ist der Weg zu der reichen Erbin des Nerzinger-Hofes für den Lorenz endlich frei!
Ja, so eiskalt sind die Überlegungen vom Lorenz, mit denen er den verhassten Rivalen aus dem Weg räumen will, aber er vergisst dabei einen wichtigen Faktor: die Liebe! Sie kalkuliert er nicht mit ein. Und das ist der Fehler, durch den seine Rechnung nicht aufgehen wird ...
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Seitenzahl: 106
Veröffentlichungsjahr: 2018
Cover
Impressum
Der Schmugglerpfad am Königsgletscher
Vorschau
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Michael Wolf
Datenkonvertierung eBook: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam
ISBN 978-3-7325-6389-0
www.bastei-entertainment.de
Der Schmugglerpfad am Königsgletscher
Spannender Roman um einen ungeheuerlichen Verdacht
Von Andreas Seefelder
Als Lorenz Schramm spätabends das Wirtshaus verlässt, reibt er sich mit einem hämischen Grinsen die Hände. Was er soeben erfahren hat, genügt, um den neuen Jäger für immer zu vertreiben. Niemand in dem idyllisch unterhalb des Königsgletschers gelegenen Bergdorf wird einen Mörder im Staatsdienst dulden! Auch Hanna, die bildhübsche Tochter des Bürgermeisters, wird sich voller Verachtung von Franz Obermeier abwenden. Und damit ist der Weg zu der reichen Erbin des Nerzinger-Hofes für den Lorenz endlich frei!
Ja, so eiskalt sind die Überlegungen vom Lorenz, mit denen er den verhassten Rivalen aus dem Weg räumen will, aber er vergisst dabei einen wichtigen Faktor: die Liebe! Sie kalkuliert er nicht mit ein. Und das ist der Fehler, durch den seine Rechnung nicht aufgehen wird …
»Also, mein lieber Obermeier«, sagte der schnauzbärtige Forstmeister und ging mit ausgestreckter Hand auf den neu eingestellten Jäger zu, »so hoffe ich denn, dass wir künftig gut miteinander auskommen werden.«
»An mir soll’s gewiss net liegen, Herr Forstmeister«, erwiderte der baumlange Bursch im derben Gewand des Berglers. »Ich tu allzeit nix anderes als meine Pflicht und bin stets darauf aus, im Revier Ordnung zu halten.«
»Sie sind mir vom Forstamt Unterbach ja auch wärmstens empfohlen worden, Obermeier. Und die verdammte Geschichte, die vor vier Wochen drüben passiert ist, ist mir ja bekannt.«
»Sie hängt mir schwer an.«
»Das glaub ich. Aber das Gesetz ist auf Ihrer Seite, Obermeier. Niemand kann und darf Ihnen einen Vorwurf machen.«
Forstmeister Tromeder schaute eine Weile den neuen Jäger an. Er war fast ein Meter neunzig groß, breit wie ein Bauernschrank und hatte Arme wie Dreschflegel. Er hatte ein gebräuntes und schmales Gesicht mit grauen Augen, die durchaus harmlos und menschenfreundlich blickten.
Und dieser erst knapp dreißigjährige Mensch, dessen Befürwortungsschreiben ausgezeichnet war, hatte drüben in Unterbach einen anderen Menschen im Zweikampf erschossen!
Das war tragisch, aber – wie es in den Akten vermerkt war – auch ein Akt der Notwehr und dienstlich angewandter Härte. Freilich begriffen das die Wenigsten, und Forstmeister Tromeder wusste bereits, dass Franz Obermeier seit dem Vorfall nur Ärger erwachsen war und dass er die letzte Stelle mehr gezwungen als freiwillig verlassen hatte. Aber irgendwo musste der als pflichtbewusst und verlässlich geltende Mensch doch wiedereingestellt werden!
Fünf Minuten später verließ der neue Jäger das Forsthaus und begab sich etliche Hundert Meter weiter aufwärts, wo am Waldrand ein kleines Blockhäusl lag, das ihm als Dauerquartier zugewiesen worden war.
Neben Franz lief der schöne braune Jagdhund Seppi. Er war schon acht Jahre alt, aber er tat noch immer stramm und verlässlich seine Pflicht. Er war auch dabei gewesen, als Franz Obermeier den Alfons Schmiedl nach mehrmaliger Aufforderung, das Gewehr wegzuwerfen, nach heißem Kugelwechsel niedergestreckt hatte.
Eine schlimme Sache, ja! Eine sehr peinliche obendrein, weil sich drüben im Rupertigau alles aufregte und Franz Obermeier hinter Gittern sehen wollte. Nur wenige Menschen sahen ein, dass er in bitterer Notwehr gehandelt hatte und dass auch er hätte auf der Strecke bleiben können.
Franz Obermeier war ein Mensch, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Das Gericht hatte seine Tat als gesetzlich zulässig anerkannt, und darüber hinaus hatten die Zeitungen ausführlich und sachlich berichtet.
Nun saß des Jägers alte Mutter allein im Wespennest. Dieser Gedanke machte ihm den Anfang doppelt schwer. Was würde die alte Frau alles ertragen müssen?
***
In den nächsten Tagen vermied es Franz Obermeier, mit anderen Menschen zusammenzukommen. Stattdessen versuchte er, sich im neuen Dienstbereich zurechtzufinden.
Es war ein großes und wildreiches Revier mit einer weit gesteckten Grenze, die bis hinauf zum Rand des Königsgletschers und hinüber bis zu dem zerrissenen Gebirgszug des Drachenmassivs verlief.
Franz, ein stiller Mensch mit wenig Ambitionen, war tagein, tagaus unterwegs, und nur selten stieg Rauch aus dem Stummelschornstein der Jägerhütte. Es waren noch zwei Kollegen da, die sich Ruppert und Felix nannten und die dem Franz Obermeier nur kurz die Hand schüttelten und sich wenig um den Neuen, der das Revier bis zum Königsgletscher hinauf zu betreuen hatte, kümmerten.
Auch Franz wollte mit niemandem in näheren Kontakt kommen.
Im Herbst wurde er dreißig. Was die Liebe anging, so hatte er wenig Umgang mit Mädchen gehabt – eine davon hatte ihn belogen und betrogen, sodass er von der Liebe ebenso wenig hielt wie von der Aufrichtigkeit der Menschen.
In kein Wirtshaus ging er, in kein Geschäft. Wenn er etwas brauchte, sagte er es dem freundlichen Forstmeister, der es dann besorgen und ins Blockhäusl bringen ließ.
So hatte also für den Franz Obermeier eine einsame Zeit begonnen.
Schnell vergingen vier Wochen. Der Sommer stand heiß im Land, die Heuarbeiten waren im Gange.
Ein schönes Land war es, in das der Franz Obermeier zwangsweise versetzt worden war. Seine Arbeit nahm ihn voll in Anspruch, und wenn er spätabends oder gar nachts erst vom Dienstgang heimkam, dann hatte er gerade noch so viel Kraft, sich am Brunnen zu waschen, einen kargen Imbiss zu sich zu nehmen und dann schon ins Bett zu sinken, um traumlos bis zum nächsten Morgen zu schlafen.
Jetzt kannte er sich im Revier bereits gut aus.
Zwischen dem Tal und dem Königsgletscher lagen ein paar Kaser, niedrige, verwitterte Sennhütten, die bewirtschaftet waren und in deren Nähe das Vieh der Bauern weidete.
Aber Franz mied die Kaser, er wollte mit keinem Menschen zusammentreffen. Von hoch droben oder irgendwo beobachtete er durch das Dienstglas, was bei den einzelnen Kasern los war.
Der ganz weit links drüben gehörte dem Greinerbauern, wo ein alter Knecht das Vieh versorgte.
Der ganz oben, am Gletscherrand, hieß Loiderkaser und war Eigentum eines mittelgroßen Bauern.
Und der ganz rechts, wo die Reviergrenze entlangführte, sollte einem gewissen Martin Nerzinger gehören, dem größten Bauern des Dorfes, der zugleich auch Bürgermeister sein sollte.
Eines Tages gelangte Franz in die Nähe des grauen Nerzinger-Kasers. Von oben herunter beobachtete er die Hütte und zählte ringsum vierundzwanzig Stück Vieh.
Franz aß aus dem Rucksack, zerschnitt Räucherspeck und stopfte mal ein Speckstück, mal einen zurechtgeschnittenen Brotkanten in den Mund.
Plötzlich war es Franz, als ertöne von unten, wo die Hütte stand, ein Schrei.
»Hilfe!«, rief jemand.
Franz ließ Messer, Speck und Brot fallen und jagte in langen Sprüngen hinunter.
In der nächsten Minute sprang er auch schon durch die offen stehende Hüttentür in die Stube und sah, dass ein Kerl ein dunkelhaariges schlankes Mädel in die Ecke gedrängt hatte, wo ein Bett stand.
Mit einem Satz war Franz bei dem Burschen, packte ihn grob am Kragen und riss ihn von dem Mädchen, das schon auf dem Bett lag, zurück.
»Lump! Jetzt schaust aber, dass du weiterkommst!«, donnerte Franz mit blitzenden Augen.
»Ich dank dir, dass du gekommen bist«, sagte eine zitternde Stimme. Und dann schrie sie: »Raus, du Lump! Lass dich bloß nimmer bei mir blicken!«
»Ein bisserl dalli!«, half Franz nach und schubste den Burschen zur Tür hinaus.
Als der Jäger sich umdrehte, begegnete er einem dunklen Augenpaar, das ihn aufmerksam anschaute. Jetzt lächelte das Mädchen und fuhr sich mit den Händen durch das zerzauste, zu einer Krone aufgesteckte Haar.
»Wer bist du denn?«, fragte es. »Ich hab dich hier noch nie gesehen.«
Franz lächelte und murmelte: »Förster bin ich. Franz heiß ich. – Mir scheint’s, ich bin grad zur rechten Zeit gekommen.«
Sie nickte, lief zur Tür und schaute hinaus. Dann drehte sie sich um und sagte: »Nochmals dankschön!«
»Schon gut. Der Bursch scheint net dein Freund gewesen zu sein.«
»Gewiss net«, erwiderte sie. »Das ist der schlimmste Schürzenjäger, den man sich denken kann. Lorenz Schramm nennt er sich. Er denkt, weil seine Leute was haben, kann er alles kriegen. Aber net von mir.«
»Es kann leicht möglich sein, dass er dich noch einmal belästigt.«
Da zeigte sie ihre blitzweißen Zähne.
»Ich werd mir einen Prügel zurechtlegen und ihm eins draufschlagen.«
Franz musterte das Mädchen eine Weile, dann kam er zur Tür, unter der sie stand, und murmelte: »Jetzt werd ich wieder gehen.«
Sie lehnte am Türpfosten und sah ihn aufmerksam an.
»Setz dich halt«, schlug sie vor. »Ich tisch dir was auf. Jager sind meist hungrig. Auch ein Krügerl Apfelmost hätt ich da.«
»Dank dir«, lehnte er ab, »ich hab grad vorhin Brotzeit gemacht.« Von den Latschenbüschen herab ertönte das Kläffen von Seppi.
»Dein Hund?«, fragte sie.
Franz nickte. »Wer bist du denn? Sag mir deinen Namen.«
»Hanna Nerzinger schreib ich mich«, erwiderte sie. »Schade, dass du’s so eilig hast«, sagte sie bedauernd. »Ich hätte gern noch ein bisserl mehr von dir gewusst.«
Franz zögerte. Nur zu gern wäre er geblieben. Sie gefiel ihm, aber es schien klüger, sich wieder zu entfernen.
»Bin im Dienst, Hanna«, antwortete er und tippte an den grünen Hut, auf dem eine schöne Spielhahnfeder wippte. »Ich muss weiter. Vielleicht sehen wir uns ein andermal wieder.«
»Ich bleib nur noch bis morgen. Ich helf hier nur aus, weißt du. Die Sennerin ist zu einer Taufe. Du weißt doch, wo unser Hof liegt, oder?« Und als Franz den Kopf schüttelte: »Er ist leicht zu finden. Der größte ist’s. Komm halt mal vorbei! Ich tät mich freuen. Schließlich hast du mir ja aus einer ekelhaften Situation geholfen.«
»Es war nix weiter als meine Pflicht. Gib Acht auf dich, Dirndl, und pfiat Gott!« Er nickte ihr zu und stieg kraftvoll den Hang hinauf.
***
Der Hof des Martin Nerzinger war ein stattliches Anwesen mit einem dreistöckigen Wohnhaus, einem riesigen Stall, in dem an die sechzig Stück Vieh Platz hatten, und den dazugehörigen Stadlbauten und Wagenschuppen.
Hanna war Martin Nerzingers einzige Tochter. Er selbst war schon seit mehr als zehn Jahren Witwer und hätte gut und gern noch einmal heiraten können, aber daran dachte er nicht mehr.
Nun war seine Hanna ins heiratsfähige Alter gekommen, und Martin Nerzinger meinte, es gehöre auch zu seinen Vaterpflichten, für die Tochter einen passenden Mann auszusuchen. Der Beste musste es sein, Charakter sollte er haben, Ansehen und – was nicht unwichtig war – auch genug Geld und Besitz. Solcherlei Heiratspartien waren leider Gottes nicht leicht zu finden. Aber Martin Nerzinger hatte trotzdem schon einen ausgewählt, der ihm als Schwiegersohn geeignet erschien.
Es handelte sich um den Sägemüller aus Gerzbach, den Stefan Strobl. Die Strobls waren angesehene Leute, und die Familie bestand aus dem erfolgreichen Josef Strobl, der etwas kränklichen Frau und drei erwachsenen Kindern, zwei Buben und einem Mädel. Der Stefan war der Jüngste und sollte mal – wenn er heiratete – einen Batzen Geld mitbekommen.
An diesem Tag trabte ein flotter Einspänner an und hielt vor dem Wohnhaus des Nerzingerhofes. Zwei Männer stiegen vom Bock – der eine jung, schlank, weißblond, sehr ordentlich gekleidet, und der andere groß, hager und schnauzbärtig, im maßgeschneiderten Trachtenanzug und mit einem prächtigen Gamsbarthut auf dem Schädel.
Sepp Strobl und sein Sohn Stefan waren angekommen. Der Nerzinger empfing beide sehr herzlich und führte sie in die gute Stube.
Die Hauserin Fanni brachte Schnaps und Bier in die Stube und verschwand dann wieder.
»Also, Nerzinger«, fing Sepp Strobl unumwunden und sofort nach dem Willkommensschluck an, »wir wollen gleich auf die Sach losgehen, wegen der wir uns verabredet haben. Du bist also einverstanden, dass mein Steffl deine Hanni heiratet?«
Der Nerzinger sah den schmucken Burschen an, der steif, fast schüchtern, neben dem Vater saß und versuchte, männlich aus der tadellosen Wäsche zu schauen.
»Du kennst ja die Hanni schon lang, gell?«, fragte der Nerzinger den Steffl.
Der Bursche nickte hastig.
»Drei Jahre schon. Wir haben schon oft miteinander getanzt, wenn irgendwo was los war«, setzte er erklärend hinzu.
»Magst du denn auch meine Hanna?«, erkundigte sich der Nerzinger ernsthaft.
Steffl nickte eifrig. »Ich hab die Hanna gern, und ich möchte sie, wenn’s ging, vom Fleck weg heiraten.«
Die beiden Väter tauschten einen Blick und grinsten.
»Na schön«, sagte dann der Nerzinger, »an mir soll’s net liegen.«
»Der Bub kriegt einen schönen Batzen Geld mit, wie du weißt«, fiel Sepp Strobl mit sachlicher Stimme ein, »und bleibt mit zehn Prozent am gesamten Werkumsatz beteiligt, Martin. Reicht dir das?«
»Vollauf.« Der Nerzinger nickte.
Man trank und schwieg dann wieder eine Weile.
»Es sind wahrscheinlich auch noch andere drauf aus, dein Schwiegersohn zu werden, gell?«, erkundigte sich der alte Strobl.
Der Nerzinger wischte mit der Hand durch die Luft.
