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Fast hätte Alma Waldner schon nicht mehr damit gerechnet, dass ihr älterer Bruder Christian sich einmal so richtig verlieben würde. Doch nun ist‘s passiert! Die bildschöne Magd Hanni hat das erreicht, worauf die hübschesten Dirndln im Dorf vergeblich gehofft haben: Hanni soll Waldner-Bäuerin werden!
Alma gönnt ihrem Bruder dieses Glück von ganzem Herzen - bis sie plötzlich eine unheilvolle Entdeckung macht, die nicht nur Christian aus dem siebten Himmel zurückholt, sondern auch den Frieden auf dem Hof für immer zerstört ...
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Seitenzahl: 113
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Ich hol' dir die Sterne vom Himmel
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Impressum
Ich hol' dir die Sterne vom Himmel
Doch eine unheilvolle Entdeckung zerstört das Glück des Hoferben
Von Andreas Seefelder
Fast hätte Alma Waldner schon nicht mehr damit gerechnet, dass ihr älterer Bruder Christian sich einmal so richtig verlieben würde. Doch nun ist's passiert! Die bildschöne Magd Hanni hat das erreicht, worauf die hübschesten Dirndln im Dorf vergeblich gehofft haben: Hanni soll Waldner-Bäuerin werden!
Alma gönnt ihrem Bruder dieses Glück von ganzem Herzen – bis sie plötzlich eine unheilvolle Entdeckung macht, die nicht nur Christian aus dem siebten Himmel zurückholt, sondern auch den Frieden auf dem Hof für immer zerstört ...
In der Bauernstube hielt ein großer, breitschultriger Mann ein blondes Madl umschlungen und küsste es heiß.
»Net, lass das, Franz«, versuchte Alma ihn abzuwehren. »Doch net hier in der Stube. Jeden Moment können der Christian oder die Mutter reinkommen!«
»Gehen wir halt in deine Kammer, Alma«, raunte er ihr begehrlich ins Ohr.
Das Madl schob ihn jetzt energisch von sich, den Franz Stöttner. Zweiunddreißig Jahre war er alt, groß und recht gut aussehend. Er hatte eine gute Stelle, der Franz, war Chef der bäuerlichen Genossenschaft und Molkerei von Oberried, der auch eine florierende Käserei angeschlossen war. Seit fast zwei Jahren war es sein sehnlichster Wunsch, die Alma zu heiraten. Aber es klappte nicht. Ihr Bruder Christian, der schon fünfundzwanzig war, musste erst heiraten, bevor sie dem Franzl, wie sie ihn in zärtlichen Momenten nannte, ihr Jawort gab.
»Nein«, sagte sie auch jetzt wieder und befreite sich von den unruhigen Händen ihres Liebhabers, »bitte net, Franzl! Du weißt doch, dass es mir lieber ist, wenn wir uns bei dir zu Hause treffen!«
»Du kommst aber so selten«, resignierte er, sich mit den fünf Fingern durch das dichte, dunkle Haare fahrend. »Ich muss mir bei dir jedes Busserl, jede Umarmung ... ich muss mir bei dir alles erst erkämpfen. Das nervt mich, Alma!«
Sie war zu einem der Fenster gegangen und sah hinaus. Im Obstgarten klaubte die Mutter das Fallobst in einen Korb. Christian, der Bruder, war auf den Berg gegangen, um nach den Kälbern zu sehen, die auf der Hochalm den Sommer verbrachten.
Das hübsche Madl drehte sich um und seufzte.
»Mei, du kennst doch mein Problem, Franzl«, sagte Alma. »Solange der Christian kein Dirndl findet, das er heiraten kann, muss ich auf dem Hof bleiben. Das hab ich dir doch schon hundertmal erklärt. Du weißt doch, dass alles auf meinen Schultern liegt. Mutter ist seit dem Tod des Vaters nur noch ein Schatten ihrer selbst und schafft höchstens die Hälfte von dem, was sie früher geleistet hat. Der Christian ist unser Problem«, wiederholte sie mit nochmaligem Seufzen.
Franz setzte sich auf das schwarze Ledersofa, über dem der verstorbene Waldner-Bauer aus dem Rahmen lächelte: Als junger Kerl mit schneidigem Schnurrbart, die Gebirgsjägermütze schief auf dem Kopf. Gestorben war er als leberkranker Mann. Im Stall, bei der Melkarbeit, fiel er plötzlich vom Schemel. Seither war Alma an den Hof gefesselt.
Ihr Bruder, der das Erbrecht hatte, war so schüchtern, dass er keine Frau ansah, geschweige denn anrührte. Ja, Christian war noch vollkommen ›unberührt‹, um diesen komischen Ausdruck für ein Mannsbild zu gebrauchen, das zwei Zentner spielend hob und auch sonst in jeder Hinsicht ein Mann war. Kein Mensch konnte sich erklären, warum Christian, nach dem sich die Dirndln im Dorf gern umschauten, ein so schüchterner Mensch war.
Franz rieb sich das kantige Kinn.
»Da muss sich etwas ändern, Alma«, knurrte er verdrossen. »Ich kann net warten, bis ich alt und gebrechlich bin. Ich brauch' eine Frau. Aber ich will keine andere als dich!«
Dieses Geständnis trieb Alma zu ihm hin. Sie sank neben ihm nieder und umarmte ihn liebevoll.
»Franzl, du lieber, lieber Mensch du ... Ich könnt' heulen!«, gestand sie unglücklich. »Aber wie kann ich denn von hier weggehen, wenn ich seh', dass die Mutter schwach und gebrechlich ist und der Christian sich hinten und vorn net auskennt.«
»Du sagst immer dasselbe, Alma«, murmelte Franz unwillig. »Mehr als drei Jahre gehen wir jetzt schon miteinander, und jedes Mal, wenn ich vom Heiraten rede, bekomme ich eine Absage. Wie lange soll das noch so weitergehen?«
Alma lehnte den Kopf an seine Schulter und seufzte: »Ja, mei Franzl, ich bin ja auch kreuzunglücklich, weil ich net ›Ja‹ sagen kann. Aber solange der Christian keine zum Heiraten findet, muss ich auf dem Hof bleiben«, wiederholte sie eindringlich.
»Er taugt net mal zur Arbeit«, räsonierte Franz. »Bald wirst ihn füttern müssen wie ein Wickelkind.«
»So schlimm ist's auch wieder net«, erwiderte sie, zu einem heiteren Ton Zuflucht nehmend. »Er ist fleißig. Leider muss man ihm jede Arbeit erst zuweisen. Das kommt daher, weil immer ich es bin, die hier anschafft. Er hat sich halt dran gewöhnt, keine eigene Meinung und keinen eigenen Willen zu haben. Es ist wirklich ein Kreuz mit ihm!«
Sie sprachen noch eine Weile miteinander, ohne dass sie zu einem Resultat oder Entschluss gekommen wären. Franz drängte bei jedem Zusammensein darauf, endlich zu heiraten und eine Familie zu gründen.
In der neuerbauten Molkerei stand ihm der ganze Oberstock mit drei Zimmern und einer großen Küche zur Verfügung. Er bewohnte aber nur einen spärlich eingerichteten Raum, weil er damit rechnete, Alma zu heiraten und dann die ganze Wohnung nach ihrem Geschmack einrichten zu können.
Draußen plätscherte laut der Brunnenstrahl in den Trog. Spatzen zankten sich im Hollerbusch, als Franz Stöttner leidenschaftlich wurde und Alma Mühe hatte, sein Verlangen abzuwehren.
»Ich komm' heut' zur Nacht zu dir«, versprach sie ihm schließlich. »Sobald ich mit der Arbeit fertig bin, besuch' ich dich in deiner Wohnung.«
»In unserer Wohnung«, erinnerte er sie.
Ein paar Minuten später war Alma allein. Die Mutter kam mit einem großen Henkelkorb mit unreifem Fallobst und schüttete es in den Futtertrog, während Alma über ihr Verhältnis zu Franzl nachdachte.
Sie hatte ihn von ganzem Herzen lieb, und nichts wäre schöner gewesen, als ihn zu heiraten. Sie hätte dann einen Haushalt ohne Hof arbeiten, ohne Kühe und Schweine zu führen, und könnte als Frau Stöttner paradiesisch leben.
Ja, weiß Gott, der Christian, der nur zwei Jahre älter war als sie, verhinderte bislang ihr Glücklichsein. Wie konnte man die Situation ändern? Wenn Alma mit dem Bruder darüber sprechen wollte, stieß sie auf Schweigen. Er reagierte mit einem hilflosen Schulterzucken, bestenfalls noch murmelnd: »Ich werd' schon noch eine finden. Wart es doch bloß ab!«
An diesem Nachmittag nahm die Alma sich vor, ganz energisch mit Christian zu reden. Heute noch! Denn so wie bisher konnte es auf dem Waldeckhof nicht mehr weitergehen!
***
Kurz vor der Stallzeit kam ein großer, schlanker Bursch den Berghang heruntergelaufen und strebte mit langen Schritten auf den Hof zu. Unter dem aus der Stirn geschobenen Hut schaute eine blonde Locke hervor. Ein Paar hübsche blaue Augen blickten unbekümmert in die Welt.
Christian war es, der von der Haslacher-Alm kam, wo er nach den acht Kälbern geschaut und ihnen Salz gebracht hatte. Jetzt wartete die Melkarbeit auf ihn.
Schon von Weitem vernahm er das ungeduldige Muhen der Kühe, das fresslustige Quietschen der Schweine, das Blöken der zwei Schafe. Jetzt ertönte auch das hohle Röhren des Zuchtstiers ›Maxl‹, der zu den Milch- und Buttergeldeinnahmen auch noch ganz schön ›Sprunggeld‹ in die Haushaltskasse brachte. Auf dem Waldeckhof herrschte keine Not. Und den drei Leuten, die ihn bewirtschafteten, ging es finanziell recht gut.
Zuerst trank Christian am Brunnen das kalte Wasser, um den Durst zu löschen; dann ging er in den Stall. Die Mutter war dabei, den Kühen frisch gemähtes Gras vor die Mäuler zu werfen, während die Schwester bereits molk. Hinten im Stall röhrte noch immer der Stier, den Christian zu versorgen hatte, weil Mutter und Schwester sich vor dem kraftstrotzenden Ungetüm ängstigten.
»Ist auf der Alm alles in Ordnung?«, erkundigte Alma sich, als sie zur nächsten Kuh wechselte.
»Alles, liebe Alma ... alles bestens«, versicherte er ihr.
»Wenn du hernach mit dem Füttern fertig bist«, sagte sie in befehlsgewohntem Ton, »haben wir etwas miteinander zu reden.«
»Ja, ist gut, Alma!«
Niemals setzte Christian ihr Widerstand entgegen. Immer war er mit allem, was Alma sagte, wünschte oder anschaffte, einverstanden. Er machte sich auch jetzt keine Gedanken darüber, warum die Schwester mit ihm reden wollte. Er schwamm wie ein Fettauge auf der Lebenssuppe und konnte sich überhaupt nicht vorstellen, sich jemals zu ändern oder sein stilles und anspruchsloses Dasein wegen einer Heirat ändern zu müssen.
Und dann geschah es nach dem Nachtmahl, dass Alma aufstand und nebenan in die Stube ging. Sich unter der Verbindungstür umdrehend, rief sie dem Bruder zu: »Komm mit, Christian!«
Er stand auch sogleich auf, obwohl er nach der Tabakpfeife greifen wollte, die er nach jeder Mahlzeit in Brand steckte. Ansonsten hatte er so gut wie keine Laster. Nicht einmal ein Fluch entschlüpfte ihm, wenn ihn etwas ärgerte.
Die Mutter räumte den Tisch ab und kümmerte sich nicht um das, was die Kinder miteinander zu bereden hatten. Sie war ihre stille Arbeit gewohnt und hatte dem Sohn ihre Art vererbt.
Es war dunkel geworden. Alma schaltete das Stubenlicht an und setzte sich an den Tisch, den ein latschengeschmückter Herrgottswinkel bewachte.
Der Bruder lehnte an der Küchentür und wartete. Erst als sie ihn aufforderte, kam er langsam heran und setzte sich mit an den Tisch.
Ihre Blicke trafen sich, hingen ineinander. Alma schien zu überlegen, wie sie ihn jetzt in den Zangengriff nehmen sollte: hart oder sanfter. Schließlich hingen sie ja aneinander, und es gab nie Zwist, nie einen Wortwechsel. Immer tat er das, was sie wollte.
»Der Franz war heut' da«, begann Alma bedachtsam, während nebenan Geschirr klirrte und die Mutter mit dem Abwasch beschäftigt war. »Er hat mich wieder gefragt, wann wir heiraten. Und ich konnte ihm darauf keine Antwort geben, Christian! Wegen dir!« Alma hob die Stimme etwas an. »Und nur wegen dir bin ich mit meinen dreiundzwanzig Jahren noch ledig!«, erklärte sie ihm. »Die Madln, mit denen ich zur Schule gegangen bin, sind alle schon unter der Haube, haben sogar schon Kinder! Nur ich bin noch ledig, Christian. Sagt dir das etwas, ha?«, fragte sie und sah ihn eindringlich an.
Er schaute sie mit seinen blauen Augen ratlos an, schüttelte schließlich den Kopf und schob sich mit der Hand die blonde Haarlocke aus der Stirn.
»Was soll es mir sagen, Alma?«, fragte er.
»Dass ich wegen dir noch ledig rumlauf«, gab sie kräftig zurück. »Und wenn's weiter so dahingeht, werd' ich eine alte Jungfer wie die Ginger-Nanni, die in der Kirch' am lautesten betet. Ja, so ist es, Christian. Meine Freundinnen lachen mich aus, weil ich noch allweil ledig bin und meine besten Jahre nur im Kuhstall und in der Kuchl verbringe. Wenn du net bald eine findest, die du heiratest, läuft mir eines Tages der Franz davon, und ich hab's Nachsehen!«
Schweigen brach herein wie eine dunkle Wetterwand. Alma runzelte missmutig die Stirn. Und Christian starrte vor sich hin, als suche er aus dem Muster der Tischdecke eine Antwort auf das, was eben zur Sprache gekommen war.
Manchmal dachte er ja selbst darüber nach, dass Alma zu gut aussah, zu hübsch war, um daheim zu versauern. Es war ihm ja auch klar, dass sie wegen ihm noch ledig blieb und der Franz, den er gern mochte, aufs Heiraten lauerte wie der Teufel auf die arme Seele.
Ein beschwerlich klingender Seufzer leitete die Antwort ein. »Ja, mei, Alma ... ich versteh' dich schon. Ganz gewiss verstehe ich dich sogar«, behauptete er mit einem ratlosen Blick zu ihr hinüber. »Du musst heiraten, und du kannst es ja auch. Ich hab nix gegen den Franz. Nein, also wirklich net ...!«, rief er beschwörend.
»Es geht darum, dass ich den Hof net früher verlassen kann, bevor du eine Frau gefunden hast, die zu dir passt und mit der du das Leben anpackst! Solange keine da ist, kann ich dich und die Mutter net im Stich lassen. Auf mir ruht nun einmal alles!«, rief sie beinahe verzweifelt. »Ohne mich scheint's hier net weiterzugehen! Aber ich muss doch auch mal an mein Glück ... an meine Zukunft denken! Oder verlange ich zu viel, ha?«, fragte sie geharnischt und sah ihn eindringlich an.
Da wurde er rot bis an die Haarwurzeln und musste den Blick senken. Ein hilfloses Schulternzucken bewies seine Ratlosigkeit.
»Freilich hast du ein Recht darauf, dass du mit dem Franz glücklich wirst«, gab er zu. »Dann heiratet doch! Die Mutter und ich, wir werden schon miteinander zurechtkommen.«
»Aber wie, Christian?«, fragte Alma verzweifelt. »Mutter wird eines Tages net mehr da sein, sondern beim Vater am Friedhof drunten liegen. Ich bekomme graue Haare, wenn ich mir vorstelle, was auf dem Hof los sein wird, wenn du ohne Bäuerin weiterwerkelst!«
»Ich brauch' keine Bäuerin«, behauptete Christian mit einem faden Grinsen im hübschen Gesicht. »Ich kann mir ja auch einen Knecht oder eine Magd nehmen, wenn ich's allein net schaffen sollte!«
»Willst denn wirklich dein ganzes Leben einschichtig bleiben, Christian?«, fragte Alma besorgt. »Du bist doch ein attraktives Mannsbild! Bist gesund an Leib und Seele, wie ich feststellen könnt'! Hast du denn nie daran gedacht, dass der Mann zum Leben eine Frau braucht?«
Er sah gequält drein, nickte vorsichtig und murmelte: »Ja, das schon ... Aber woher eine nehmen, Alma? Ich weiß keine im Dorf oder im Umkreis?«
»Weil du es net wissen willst!«, rief die Schwester zornig. »Weil du zu bequem bist, dich umzuschauen! Es gibt genug Madeln, die sofort Ja sagen täten! Ich denk' da an die Gruber-Gretl!«
»Die hat feuerrote Haare«, warf er ein.
»Oder die Müller-Gusti!«
Christian schüttelte den Kopf. »So ein fettes Dirndl mag ich auch net«, meinte er eigensinnig.
