Als der Himmel uns gehörte - Charlotte Roth - E-Book
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Als der Himmel uns gehörte E-Book

Charlotte Roth

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Beschreibung

London 2011. Die junge Läuferin Jennifer will an den Olympischen Spielen teilnehmen. Jetzt aber drohen Panikattacken ihren Traum zu gefährden. Mit ihrem Trainer, dem Iren Gregory, der sie heimlich liebt, reist Jennifer nach Mandeville, auf den Landsitz ihrer Familie. Sie hofft, sich bei ihrer fast hundertjährigen Urgroßmutter Alberta Rat holen zu können. Auch diese hat einmal an einer Olympiade teilgenommen, damals in Berlin, im Jahr 1936. Auf den Spuren ihrer Familiengeschichte wird Jennifer lernen, worum es im Leben wirklich geht.

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Charlotte Roth

Als der Himmel uns gehörte

Roman

Knaur e-books

Über dieses Buch

London 2011. Die junge Läuferin Jennifer hat nur einen großen Traum: Sie will an den Olympischen Spielen teilnehmen, doch dieser Traum droht zu scheitern. Mit ihrem Trainer, dem Iren Gregory, der sie heimlich liebt, reist Jennifer nach Mandeville. Auf diesem Landsitz lebt ihre fast hundertjährige Urgroßmutter Alberta, bei der sie sich Rat und Trost holen will. Alberta erzählt Jennifer die Geschichte ihrer Familie ausbreitet, und der jungen Frau wird bald klar: Im Leben geht es um mehr als um Siege und Medaillen …

Inhaltsübersicht

WidmungMottoAnmerkung der AutorinErster Teil1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. KapitelZweiter Teil7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. KapitelDritter Teil15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. KapitelVierter Teil19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. KapitelFünfter Teil31. Kapitel32. KapitelSechster Teil33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. KapitelSiebter Teil41. KapitelAchter Teil42. Kapitel43. Kapitel44. Kapitel45. Kapitel46. Kapitel47. Kapitel48. KapitelNeunter Teil49. Kapitel50. Kapitel51. KapitelZehnter Teil52. Kapitel53. Kapitel54. Kapitel55. Kapitel56. Kapitel57. Kapitel58. Kapitel59. Kapitel60. Kapitel61. Kapitel62. Kapitel63. Kapitel64. Kapitel65. Kapitel66. KapitelLetzter Teil67. KapitelGlossarPersonenverzeichnisLeseprobe »Grandhotel OdessaDie Stadt im Himmel«
[home]

Für meinen Vater,

bei dem ich gelernt habe,

was internationaler Sport alles kann.

Wenn wir ihn lassen.

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»This is our time.

And one day we will tell our children and grandchildren,

that when our time came, we did it right.«

Sebastian Coe

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Anmerkung der Autorin

Diese Geschichte und ihre Figuren sind erfunden. Ihr Hintergrund – die Olympischen Spiele – ist es natürlich nicht. Meine Hauptfigur sollte eine Fechterin sein. Je länger ich mich aber mit der Geschichte der Olympiade von 1936 beschäftigte, desto mehr Skrupel entwickelte ich, die reale – und sehr bewegende – Geschichte des Fechtwettkampfs der Frauen und der deutschen Teilnehmerin Helene Mayer durch meine fiktive zu ersetzen.

Deshalb habe ich mich entschieden, eine Disziplin einzuführen, die zwar von Anfang an zu den modernen Olympischen Spielen gehörte, in der jedoch 1936 kein Wettbewerb ausgetragen wurde. So kann meine Heldin ihren Kampf aus«fechten«, ohne eine Frau zu verdrängen, deren Geschichte einen eigenen Roman wert wäre.

Das Bogenschießen gehörte zu den ersten Disziplinen, in denen Frauen bei den Olympischen Spielen antreten durften. 1904 war es sogar die einzige Sportart, in der Wettbewerbe für Frauen stattfanden. Für den Frauensport hat das Bogenschießen damit eine herausragende Bedeutung. Welche Rolle es darüber hinaus für den olympischen Gedanken spielt, soll an dieser Stelle noch nicht verraten werden. Stattdessen verrate ich gern, dass Bogenschießen ein atemberaubend schöner Sport ist, der zu meiner Heldin passt wie die Pfeilspitze ins Schwarze (das in Wirklichkeit gelb ist).

Des Weiteren gab es keine deutsche Springreitermannschaft bei den Spielen von Los Angeles im Jahr 1932. Die von mir beschriebene Tretmühle zur Bewegung der Pferde während der Überfahrt wurde in Wirklichkeit von der Mannschaft der Niederlande benutzt. Der Wahrheit entspricht jedoch das von mir geschilderte Ergebnis des Mannschaftswettkampfs der Springreiter.

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Erster Teil

Inspire a Generation

London, Bethnal Green, Herbst 2011

 

 

 

»Jennifer Juniper,

Lilacs in her hair…«

Donovan

1

In dem Park, durch den Jennifer schon als Kind gelaufen war, erkannte sie noch immer kein Mensch. Langstreckenläuferinnen waren schließlich keine Tennisstars, und die paar Erfolge, die sie errungen hatte, rissen niemanden vom Hocker. Wenn sie ihr Problem überwand und den Traum, der in ihr brannte, eines Tages wahr werden ließ, würde sich das ändern. Der Gedanke machte ihr Angst. Sie spannte die Muskeln und steigerte das Tempo, gab ihr Bestes, um den Schrecken zu verdrängen.

In ihr tat sich manchmal eine Leere auf, ein Gefühl, als fehlte ihr etwas. Dagegen lief sie an. Wenn sie weit genug lief, verschwand das Gefühl.

Morgen für Morgen absolvierte sie ihre Strecke. Kein Mensch sprach sie an. Bis zu jenem nasskalten Tag im Oktober, als der Mann im schwarzen Mantel auftauchte, während sie sich am Brückengeländer warm machte. Jennifer kannte sämtliche Läufer, die früh um fünf ihre Runden drehten. Er war keiner von ihnen.

»Verzeihen Sie, dass ich Sie anspreche«, sagte er. »Sie sehen aus wie Alberta Bernhardt.«

»Wie wer?«

Der Mann nannte einen anderen Namen, der ihr bekannt war.

»Das ist kein Wunder«, sagte Jennifer. »Die Baroness Alberta ist meine Urgroßmutter.«

Bernhardt war offenbar ihr Mädchenname. Dass jedoch jemand die alte Dame so nannte, hatte Jennifer noch nie gehört. Grandma Alberta war an die hundert Jahre alt und lebte zurückgezogen auf ihrem feudalen Sitz in Buckinghamshire. Jennifer löste ihre Kniebandagen und wollte gehen.

»Darf ich Sie wiedersehen?«, fragte der Mann im schwarzen Mantel.

Jennifer drehte sich um. »Muss das sein?«

»Ja«, sagte er. »Morgen früh, wieder hier?«

Sie nickte nicht einmal, doch am folgenden Morgen hielt sie, ohne es zu wollen, Ausschau und entdeckte ihn am Zaun.

 

Er hieß Gregory O’Reilly. Irischer ging es nicht mehr. Haar wie ein roter Setter, Augen im Grün von Mommas Fichtennadelbad, Hautfarbe wie unverdünnter Whisky. Akzeptierte kein Nein als Antwort und kam von da an jeden Tag. Am fünften Tag, während sie zum Auslaufen joggte und er in seinem Mantel neben ihr herlief, gestand er: »Ich habe Sie belogen. Ja, es stimmt, Sie erinnern mich an Alberta Bernhardt, aber ich habe Sie nicht deshalb angesprochen.«

Das war Jennifer ohnehin klar. Man kreuzte nicht täglich um fünf in einem Park auf, um jemandem beim Laufen zuzusehen, weil man dessen Urgroßmutter in einem Klatschblatt erkannt hatte. Man wartete nicht in Wind und Regen, bis eine Besessene fünfmal um eine Grünanlage gerannt war. Schon gar nicht pfiff man ihr zum Abschied ein Liedchen hinterher, das klang wie ein halbes Lächeln oder so, als streichle eine Hand durch windzerzaustes Haar.

»Warum also?«, fragte sie.

»Ich will Sie trainieren«, antwortete er.

Jennifer blieb stehen. Hätte er gesagt: Ich will mit Ihnen schlafen, es hätte sie nicht halb so sehr schockiert.

»Sie sind gut«, sagte er.

»Das weiß ich«, schnauzte sie ihn an. Jäh wünschte sie sich, ernst genommen zu werden als das, was sie war: keine Sonntagsjoggerin, sondern eine Athletin, der ihr Sport alles war.

»Wissen Sie auch, wie gut Sie sein könnten?«, fragte er.

»Vielleicht.« Sie verstand nicht, warum sie den Kerl nicht zum Teufel schickte. Er war aufdringlich. Er war penetrant. Und zu guter Letzt erwies er sich auch noch als verrückt.

»Sagen Sie es mir, Jennifer.«

Sie hatte sich ihm nicht vorgestellt. Ihren Namen musste er sich im Internet herausgesucht haben, es gab schließlich nichts, was sich dort nicht fand. Oder er war einer, der Bescheid wusste. Ein Leichtathletik-Freak, der auf die langen Strecken stand.

»Bitte sagen Sie es mir«, wiederholte er.

»Was soll ich Ihnen sagen?«

»Zum Beispiel, ob Sie sich auf Helsinki vorbereiten. Auf den Wettkampf, der vermutlich über die Olympiateilnahme entscheidet.«

Es begann zu regnen. Jennifer spürte, wie ihre Muskeln, die zu lange ohne Bewegung gewesen waren, auskühlten und sich dagegen sträubten. Sie kannte das: Es fühlte sich an, als würde das Fleisch ihrer Schenkel spröde wie Glas.

»Wollen Sie mich verarschen?«, blaffte sie ihn an. »Wenn ich mich auf die Europameisterschaften in Helsinki vorbereiten würde, käme ein Sonntagsläufer wie Sie wohl kaum auf die Idee, sich mir als Trainer anzudienen.«

Unter seinem Auge zuckte ein Muskel, als habe er einen Schlag einstecken müssen. »Donnerstagsläufer«, sagte er.

»Wie bitte?«

»Heute ist Donnerstag. Nicht Sonntag. Und Sie sollten sich bewegen und an den Beinen etwas anziehen.«

»Finden Sie wirklich, das ginge Sie etwas an?«, fragte Jennifer.

»Ja«, sagte er. »Ich frage Sie morgen noch einmal, in Ordnung? Ich frage Sie jeden Tag, bis Sie ja sagen.« Er ließ den Blick auf ihrem Gesicht ruhen, als müsse er sich zwingen, ihn wieder zu lösen.

»Nein«, rief Jennifer hastig. »Hören Sie, ich weiß nicht, was mit Ihnen los ist, aber Sie müssen aufhören, mich zu belästigen. Sicher haben Sie nichts Böses im Sinn, vielleicht haben Sie als Junge in Irland ja Klebebildchen von Leichtathletik-Stars gesammelt …«

»In Irland?«, fragte er verblüfft.

Sein Mund war hübsch, stellte Jennifer fest. In der blassen Sonne schimmerte sein Haar wie blankpoliertes Kupfer.

»Ich dachte …«, stotterte sie und kam sich dumm vor.

»Danke, dass Sie überhaupt etwas von mir denken«, sagte er. »Darf ich nächsten Donnerstag wiederkommen? Sie wissen ja, ich bin ein Donnerstagsläufer.«

»Sie laufen aber doch gar nicht!«

»Und wenn ich liefe, dürfte ich Sie dann am Donnerstag sehen?«

Jennifer stöhnte. »Zum Teufel, ja, wenn Sie sonst keine Ruhe geben.«

»Ich gebe sonst keine Ruhe«, sagte er und hatte noch einen Rest von Lächeln um den Mund. »Auf Wiedersehen, Jennifer.« Er ging drei Schritte, während sie mit ausgekühlten Muskeln am Geländer stand. Dann drehte er sich um und sagte: »Es stimmt übrigens.«

»Was?«

»Das mit Irland. Ich bin in Belfast geboren. Und um Sie für Helsinki vorzubereiten, bleibt uns noch reichlich Zeit.«

Im Fortgehen begann er zu pfeifen, sein Lied, das absichtslos klang wie der Wind, der an Jennifers schweißnassem Haar zupfte. In seiner Haltung erkannte sie etwas Vertrautes, die Art, sich aus der Hüfte heraus zu bewegen, die selbst unter dem Mantel nicht zu übersehen war. Sie brannte darauf, im Internet nach seinem Namen zu suchen, doch sie würde es keinesfalls tun.

2

Ein Trainer war das Letzte, was Jennifer brauchte. Sie hatte schon einen. Keinen Donnerstagsläufer, sondern einen Profi, um den der halbe Verband sie beneidete. Cyrus Devon. Europameister über zehntausend Meter, Coach dreier Olympiasieger und einer Vize-Weltmeisterin. »Wenn der dich nicht in die Gänge kriegt, dann ist Hopfen und Malz verloren«, hatte Mike, der Vorsitzende ihrer Sportabteilung, gesagt.

Seither versuchte der Wundertrainer sich an der verklemmten Gangschaltung in Jennifers Laufstil. Dass sie noch immer durch Parks lief, machte ihn rasend. »Wozu soll das gut sein? Wenn du auf Crosslauf umsatteln willst, sag’s mir, denn dann steige ich aus.«

»Crosslauf ist keine olympische Disziplin«, sagte Jennifer.

»Den Größenwahn lass stecken.« Cyrus spuckte auf den Boden. »Und hör auf, mit deiner Rennerei im Park Kraft zu verschleudern.«

Sie zur Qualifikation für Helsinki zu melden war in seinen Augen sinnlos: »Nicht über zehntausend Meter, Jen, und schon gar nicht in diesem Jahr. Da gibt jetzt jeder alles, weil er bei Olympia im eigenen Land antreten will. Du hättest nicht die Spur einer Chance, warum sollten wir uns also die Mühe machen?«

Weil ich auch bei Olympia im eigenen Land antreten will, hätte Jennifer antworten können. Weil ich davon träume, seit ich mit sieben Jahren eine Stoppuhr geklaut habe, um vor der Schule um den Häuserblock zu laufen. Sie zog es vor, zu schweigen und sich eine weitere Bemerkung über Größenwahn zu ersparen.

»Ja, wenn du dich auf fünftausend Meter verlegen würdest«, setzte Cyrus seine Predigt fort. »Über fünftausend könntest du ganz vorn mitlaufen, und da bekämen wir auch deine Nerven in den Griff. Aber du willst ja nicht. Du hast dir etwas in deinen sturen Schädel gesetzt, und ob es vernünftig ist, schert dich einen Dreck.«

Weil es in meinem sturen Schädel schon so lange sitzt, dachte Jennifer.

Sie konnte keinen Gregory O’Reilly brauchen. Vielmehr musste sie Cyrus beweisen, dass bei ihr nicht mehr als ein Hebel klemmte. Dass sie durch Parks lief wie die personifizierte Unaufhaltsamkeit und nur einen Weg finden musste, den Hebel zu lösen, damit sie im Stadion vor tausend Menschen das Gleiche tat. Ein rothaariger Leichtathletik-Freak, der sich im Lodenmantel zum Trainer aufschwang, war wirklich das Letzte, was sie brauchte.

Es schüttete inzwischen wie aus Eimern. Vom Tor des Parks bis zu dem Haus, in dem sie wohnte, brauchte Jennifer nur fünf Minuten, aber als sie die Stufen zur Haustür emporlief, war sie bis auf die Haut durchnässt. Das Haus machte etwas her. An seinem schäbigen Fin-de-Siècle-Schick war nie herumgebessert worden. Zwei nutzlose Säulen taten so, als stützten sie ein Vordach, und die Balustrade des Balkons war aus Kavala-Marmor. Kallimarmaro, so nannte Jennifers Stiefvater den Balkon, um ihr eine Freude zu machen. Das war der Name des Athener Sportstadions, in dem die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit stattgefunden hatten.

Das Haus lag eingebettet in eine geradezu idyllische Siedlung, die mit einem Feinkostgeschäft, einem Biobäcker und einer sardischen Osteria wie eine freundliche Farce mitten in Londons Problembezirk prangte. Village nannten die Bewohner diese paar Straßenzüge, als hätte ihr Dorf mit der Riesenstadt nichts zu tun. Die Häuser hier waren für großbürgerliche Haushalte gebaut worden und mindestens hundert Jahre alt, sie waren hoch und schmalbrüstig und machten auf ihre behäbige Weise durchaus etwas her.

Das Schild über der Tür passte dazu. Keine Nummer, sondern ein Name: Casa Feldman. Mommas Idee. Abe Feldman, Jennifers Stiefvater, war derlei Imponiergehabe peinlich, aber er war nicht der Mann, der seiner Frau einen Wunsch abschlug.

Ehe Jennifer ihren Schlüssel aus der Trainingsjacke gefingert hatte, flog die Tür auf, und eine Handvoll Mitglieder des Feldman-Haushalts schwappte ihr entgegen. Zac, Phil und Giora, ihre drei kleinen Halbbrüder. Bellini, der Golden Retriever. Und Stasiek, der Au-pair-Junge aus Krakau. »Jenny, Jenny, wir sind zu spät dran für die Schule, und Giora muss ein Gedicht aufsagen!«

Sie waren an den meisten Tagen zu spät dran für die Schule. Ihre Mutter, die Helen hieß, ließ sich von aller Welt Momma nennen, weil sie die Empfängnis von Kindern als Krönung ihrer Weiblichkeit erlebte, aber sie war zu deren Aufzucht gänzlich ungeeignet. Statt eines Au-pair-Mädchens hatte sie unbedingt einen jungen Mann haben wollen, weil ihre Aromatherapeutin ihr erklärt hatte, das sei der Entwicklung von Söhnen zuträglich. Dass Stasiek weder einen Wecker noch das geringste Gefühl für Verantwortung besaß, war daneben zweitrangig.

Hinter Stasiek stakste auf hohen Absätzen Rachel, Abe Feldmans Schwester, ein weiteres gestrandetes Mitglied seiner Familie. Abe sammelte menschliches Strandgut wie andere Leute Bierdeckel. Rachel reckte sich, soweit ihr Schuhwerk es erlaubte, und küsste Jennifer auf die Wange. »Ach, Jenny, du Fleißige. Schon wieder so früh auf den Beinen, und dann auch noch bei solchem Hundewetter!«

Rachel selbst war nur auf den Beinen, wenn ein Termin sie zwang. Sie sammelte Material für eine Biographie ihrer Familie. Die Feldman-Saga. Das Material sammelte sie schon, solange Jennifer denken konnte, aber die Recherche verlieh ihrem Leben zumindest einen Ansatz von Struktur.

Die Horde drängte sich an Jennifer vorbei und tollte im Regen den Gartenweg hinunter. Sie musste ihnen hinterherschreien: »He, ihr Chaoten, fängt einer von euch vielleicht den Hund ein?«

Bellini war schon auf der Fahrbahn, wo er sich hinhockte, um sein Geschäft zu verrichten, ehe Zac ihn am Halsband erwischte. Jennifer, die weder Bruder noch Hund verlieren wollte, rannte los. »Komm runter von der Straße, Zac! Stasiek, behalt diese Kinder gefälligst im Auge – und nimm einen Schirm mit, um Himmels willen!«

»Werd mir geben Mühe, Miss Jenny!« Stasiek schlug grinsend die Hacken zusammen. »Haben wir gesiegt?«

Das fragte er sie immer. Er nannte sie seine Läuferin von Marathon. »Zumindest haben wir überlebt«, sagte sie. »Jetzt macht aber, dass ihr weiterkommt.«

Sie nahm Zac den Hund ab und zog ihn hinter sich ins Haus. Als er sich im Windfang die Tropfen aus dem Fell schüttelte, war sie versucht, das Gleiche zu tun.

»Jenny! Du armes Schätzelchen bist ja völlig verrückt.« Aus dem Raum, den sie Morgenzimmer nannte, tapste Momma und streckte ihrer Tochter die Arme entgegen. »Kannst du denn nicht mal bei dem Regen zu Hause bleiben, wie es normale Menschen tun?«

Momma gehörte zur den Frauen, die selbst mit dem Kopf voller Lockenwickler und dem Speck der Wechseljahre um die Taille noch aussahen, als hätten sie die Sünde erfunden. Wie meist trug sie einen flattrigen Hauch, den Jennifers nasse Kleidung komplett durchsichtig machen würde. Sie war eine dieser Mütter, die nie erwachsen, sondern irgendwann zu Kindern ihrer Kinder werden. Aufseufzend öffnete Jennifer die Arme. Das Unerträglichste an Momma war, dass man sein Herz hätte zwangsversteigern müssen, um sie nicht zu lieben.

»Ich bin nicht aus Zucker, Momma.«

»Aber du hast nicht einmal einen Regenmantel an!«

»Erzähl mir nicht, du wüsstest, welches deiner Kinder einen besitzt. Deine Söhne im Grundschulalter sind gerade ohne losgezogen. Und ich bin dreiundzwanzig. Um mich zu bemuttern, ist es zu spät.«

»Ach, Jenny.«

»Ach, Momma.« Jennifer schob sie sacht beiseite, um endlich ins Bad und an ein Handtuch zu kommen.

»Was hast du nur davon, schneller als zehn andere Verrückte fünfundzwanzig Mal um ein Stadion zu laufen?«, stöhnte Momma hinter ihr her. »Ich werde nie begreifen, woher ein Kind von mir solch brennenden Ehrgeiz hat.«

Jennifer musste lachen. »Das fiele mir an deiner Stelle auch schwer.«

Zu Mommas nettesten Eigenschaften gehörte es, dass sie nie beleidigt war. Eifrig nickte sie mit ihrem halb aufgewickelten Lockenkopf. »Mir genügt es, zum Inventar der Feldman-Saga zu gehören. Ich brauche nicht noch neue Kapitel beizutragen.«

Die Feldman-Saga, so nannte Momma die Geschichte der Familie, in die sie eingeheiratet hatte. Zweimal. Zuerst den schönen, schlimmen Andy, der ihr eine Tochter geschenkt hatte und sich drei Jahre später an einer Leitplanke den Schädel zertrümmerte. Und dann den guten, alten Abe, der die Scherben aufgesammelt hatte.

»Ich gehe duschen, Momma.«

»Wickle dich hinterher aber schön warm ein. Willst du Kaffee?«

»Wer hat den gemacht – du oder Rachel?«

»Abe.«

»Dann gern.«

»Abe würde dich im Übrigen gern sprechen, wenn es dir passt.«

»Mit Abe sprechen passt mir immer.«

»Ja, weil er dir nicht wegen dieser Lauferei in den Ohren liegt«, meinte ihre Mutter. »Weißt du, was ich manchmal denke?«

Ich wäre froh, wenn ich es nicht wissen müsste, dachte Jennifer.

»Du müsstest mal jemanden kennenlernen. Einen Herzliebsten. So was lenkt doch ab.«

»Ich habe jemanden kennengelernt«, hörte Jennifer sich sagen und erschrak.

»Tatsächlich? Oh, Jenny! Aber wo denn?«

Im Park. Beim Laufen. Einen Iren mit Haar wie ein Feuermelder, der Frauen anmacht, indem er sich ihnen als Trainer andient.

»Vergiss es«, sagte sie. »Als Herzliebster taugt der nicht.«

»Das habe ich befürchtet.« Momma legte die Stirn in Falten. »Im Übrigen weiß ich, von wem du deine Besessenheit hast. Von Grandma Alberta. Als die Witwe wurde, war sie jünger als ich jetzt, und danach hat sie nie wieder einen Herzliebsten gehabt. Hatte nur noch ihre Stiftung im Kopf. Für mich wär das nichts.«

»Ich weiß«, erwiderte Jennifer liebevoll und zog die Tür des Badezimmers hinter sich zu.

3

Als Jennifer eine halbe Stunde später ins Morgenzimmer kam, peitschte der Regen in Wogen gegen die Scheiben der Erkerfenster. Ihre Mutter saß mit duftig aufgebauschter Haarwolke vor dem Kamin, zu ihren Füßen rollte sich der Hund, und die ganze Szene strahlte eine Behaglichkeit aus, die einer anderen Epoche zu entspringen schien. »Setz dich zu mir, Schätzelchen. Der Kaffee war inzwischen kalt, aber Abe hat dir frischen gemacht.«

Jennifer ging in die Küche, um sich eine Flasche Mineralwasser zu holen. Damit setzte sie sich ihrer Mutter gegenüber und schenkte sich aus der schönen, altmodischen Cafetière eine winzige Tasse voll. Dass Kaffee austrocknend wirkte, wussten alle Läufer, aber Jennifer konnte zuweilen dem Duft nicht widerstehen.

»Schon merkwürdig.« Momma hielt eines der gerahmten Schwarzweißfotos im Schoß, die vereinzelt in Bücherregalen standen. »Diese Bilder sind ein Leben lang da, aber man sieht sie sich nie an.«

Verwundert stellte Jennifer fest, dass es ihr genauso erging. Die Bilder waren aus der früheren Zweizimmerwohnung in dieses Haus umgezogen, sie waren gerahmt und wieder aufgestellt worden, aber Jennifer hatte es nie für nötig gehalten, ihnen einen Blick zu schenken. »Darf ich sehen?« Sie streckte die Hand aus.

Momma reichte ihr das Bild. Es war eine jener bräunlichen Aufnahmen, die auf den ersten Blick verrieten, dass sie aus der Zeit vor dem Krieg stammten. Zwei Mädchen standen vor dem Bug eines weiß gestrichenen Schiffs namens Europa und lächelten in die Kamera. Zwei Mädchen in Jackenkleidern mit taillierten Röcken, neben sich zwei glänzende neue Koffer. Verblüffend war, dass nicht nur die Koffer und die Kleider sich glichen, sondern auch die Gesichter. Zwillinge. Ein Ei, das dem anderen so frappierend ähnlich war, dass die Leute lachen mussten.

Jennifer lachte nicht. Etwas in ihr zog sich schmerzlich zusammen, und an der Stelle, wo die Leere saß, gab es dieses vertrackte Gefühl, dass ihr etwas fehlte. Sie zwang sich, wieder das Bild anzusehen.

Auf den zweiten Blick dann sprangen keine Ähnlichkeiten mehr ins Auge, sondern Unterschiede. Der ordentlich geflochtene Zopf der einen und der kecke Bubikopf der anderen. Das bemühte Lächeln der Ersten und das triumphierende der Zweiten. Die Haltung der links Stehenden – hängende Schultern, etwas leicht Geducktes – und die des Mädchens daneben, das mit seinem gerecktem Kinn an ein Rennpferd im Startblock erinnerte, zitternd vor Begierde, loszustürmen.

Diese alten Bilder mit ihren gestellten Posen sahen immer ein wenig nach Museum und Geschichtsbuch aus. Dennoch nahm Jennifer in den Gesichtern der Mädchen vertraute Züge wahr. Statt Momma zu fragen, drehte sie das Bild um, löste die Klammern und zog es vorsichtig aus dem Rahmen. Wie in jener Epoche üblich, war es mit Sorgfalt beschriftet worden. Die steile, eigentümliche Handschrift hätte Jennifer mit etwas Mühe entziffern können, doch zu ihrer Enttäuschung war der Text in fremder Sprache verfasst. Zugleich ergriff das Gefühl von ihr Besitz, ihn um jeden Preis lesen zu müssen, weil er etwas mit ihr zu tun hatte. Etwas Wesentliches.

»Was ist das?« Sie hielt Momma das Bild hin.

»Deutsch«, sagte Momma. »Sütterlinschrift. Grandma Alberta hat mir das Foto geschenkt, als ich damals zu Andy gezogen bin. Als Kind war ich ganz wild darauf, warum, weiß ich nicht mehr.«

»Wer ist das?«, fragte Jennifer.

»Erkennst du sie nicht?« Momma krauste die Stirn. »Nun, du hast sie ja auch nicht gesehen, als sie noch kein verschrumpeltes Pfläumchen war. Sag, ist es nicht grausam, dass uns Frauen allen so ein sang- und klangloses Ende blüht?«

»Wer sind die Mädchen auf dem Foto, Momma?«

»Grandma Alberta«, antwortete Momma.

Jennifer nahm ihr das Bild weg und starrte es an, als könnten die Gesichter auf dem Karton ihr mehr erzählen. »Warum ist Grandma Albertas Foto auf Deutsch beschriftet? Und wer ist das Mädchen neben ihr? Ihre Zwillingsschwester?«

»Davon weißt du nichts?«

»Wie sollte ich? Mir gegenüber hat kein Mensch sie je erwähnt.«

Hilflos zuckte Momma die Achseln. »Grandma Alberta spricht nicht über sie.«

»Ich rede nicht von Grandma Alberta«, sagte Jennifer. »Ich rede von dir. Aber vermutlich hast du es nicht für nötig gehalten, mich über deine Seite der Familie ins Bild zu setzen. Sicher reichte es dir wieder einmal völlig aus, Teil der Feldman-Saga zu sein.«

»Was soll ich dir denn erzählen, wenn ich selbst keine Ahnung habe?« Momma hob ihre kleinen Hände in die Luft. »Grandma Alberta schweigt sich über diese Schwester aus, ich habe nicht einmal gewusst, dass sie existiert hat, bis …«

»Bis was?«

Es kam ihr vor, als zuckte Momma zusammen. Die geweiteten Augen hatten etwas von einem Reh. »Nichts«, murmelte sie. »Wirklich nichts. Es ist ja nicht immer gut, an allem zu rühren.«

Jennifer hätte sie fragen wollen, woran sie nicht rühren sollte, doch aus unerfindlichem Grund schreckte sie davor zurück. »Und welche ist Grandma Alberta?«, fragte sie stattdessen.

Momma nahm das Bild wieder an sich und senkte mit kraus gezogener Nase den Blick darauf. »Ich hab’s vergessen«, gab sie sich schließlich geschlagen und schob das Foto zu Jennifer zurück.

Jennifer hatte das Gefühl, als schlüge eine Tür vor ihrer Nase zu. »Du weißt nicht, welches von den Mädchen auf dem Foto deine Großmutter ist? Vermutlich weißt du dann auch nicht, warum ihr Bild deutsch beschriftet ist.«

»Wie soll es denn sonst beschriftet sein? Sie ist ja Deutsche.«

»Wer?«

»Grandma Alberta.«

Wie war das möglich? Wie konnte jemand, der mit ihr verwandt war, aus einem ihr fremden Land stammen, ohne dass je ein Mensch etwas davon erwähnt hatte?

»Herrgott, geht mich meine Abstammung eigentlich überhaupt nichts an?«, fuhr sie auf.

»Warum bist du denn so aggressiv?«, erwiderte Momma. »Ich habe mir dieses Bild angesehen, weil mir eingefallen ist, dass du deinen brennenden Ehrgeiz von Grandma Alberta haben könntest. Hätte ich gewusst, dass dich das so aufregt, hätte ich es stehen lassen.«

»Tut mir leid«, lenkte Jennifer ein, die nicht wusste, warum das Bild sie so aufregte. »Ich bin nicht aggressiv, ich hatte nur einen schlechten Lauf.«

Nicht einmal das stimmte. Eher nagte an ihr das Wissen, dass Cyrus recht hatte und Läufe durch den Park an ihrem Problem nichts änderten. Und zu allem kam Gregory O’Reilly, den sie so wenig durchschaute wie die Frauen auf dem Bild.

»Ach, Schätzelchen.« Momma blies ihr über den Teetisch eine Kusshand zu. »Ist das wirklich so schlimm?«

Jennifer entschloss sich, die Frage zu ignorieren. »Warum hilft dir das Bild bei der Frage, ob ich meinen Ehrgeiz von Grandma Alberta habe, Momma?«

»Hm, ich weiß auch nicht. Es redet doch jetzt alle Welt von dieser Olympiade.«

Jennifer liebte Momma. Das hatte sie immer getan, aber sie fand es bisweilen schwer erträglich, ein Gespräch mit ihr zu führen, ihren Gedankensprüngen zu folgen, denen keine Logik, sondern das Chaos in ihrem Kopf zugrunde lag. »Kannst du mir bitte erklären, was das eine mit dem anderen zu tun hat?«

»Du willst da doch mitlaufen«, erwiderte Momma.

»Wo?«

»Bei dieser Olympiade.«

Dass ihre Mutter davon wusste, überraschte sie. Gewiss, in dem Alter, in dem andere ihre Zimmerwände mit Postern von Popstars zupflasterten, hatten in ihrem die Bilder olympischer Helden geklebt. Sie hätte jedoch nicht erwartet, dass Momma so etwas bemerkte. Momma hätte es fertiggebracht, ein Erdbeben zu ignorieren, solange ihr Frisiertisch stehen blieb. »Und was hat die Londoner Olympiade, bei der ich übrigens nicht mitlaufe, nun mit Grandma Alberta und ihrer Schwester zu tun?«, fragte Jennifer.

»Mit der Schwester gar nichts«, antwortete Momma. »Ich dachte einfach, ich schaue mir mal meine Großmutter als junges Mädchen an, um festzustellen, ob da Gemeinsamkeiten erkennbar sind. Äußerlich ähnlich siehst du ihr ja nicht – du bist Andy wie aus dem Gesicht geschnitten, ein echtes Mitglied der Feldman-Saga.«

Den Satz hatte Jennifer oft genug gehört, um ihn im Schlaf herzubeten. »Jemand hat mir gesagt, ich sähe Grandma Alberta ähnlich«, rutschte es ihr heraus.

»Wirklich? Wer denn?«

»Ach, niemand. Ein Mann, den ich im Park getroffen habe.«

»Du solltest wirklich nicht im Dunkeln in diesem Park herumlaufen«, sagte Momma. »Irgendwann passiert dir noch was.«

Jennifer trank die letzten Tropfen Kaffee und stand auf. »Ich sehe dann mal nach, was Abe von mir will. Über Mittag muss ich arbeiten, und heute Abend habe ich Training.«

»Ach, Schätzelchen. Muss das denn sein mit dieser Arbeit?«

Auch diese gehörte zu den Fragen, die Jennifer ignorierte. Ihr Job im Stuzzicadenti, der sardischen Osteria, war ein Alibi. Natürlich wäre Abe gern für ihren Unterhalt aufgekommen, aber dass eine junge Frau mit ordentlichem Schulabschluss nichts anderes tat, als Laufkilometer mit den Beinen zu sammeln, erschien Jennifer nicht akzeptabel. Sie arbeitete gern dort. Die Kollegen waren nett, die Gäste amüsant, und sie hatte den Kopf frei. Ich bin wirklich besessen, stellte sie fest. Wenn ich nicht laufe, muss ich wenigstens ans Laufen denken.

»Jenny«, rief ihre Mutter ihr hinterher.

Jennifer drehte sich um.

»Du weißt, ich verstehe nichts von deiner Lauferei«, sagte Momma leise. »Ich habe auch von Andys Musik nichts verstanden, ich bin euch allen zu nichts nütze. Aber wenn du jemanden brauchst, der mit diesen Dingen vertraut ist, könnte ich Grandma Alberta bitten, dass sie mit dir spricht.«

Um mein Laufen muss es übel bestellt sein, dachte Jennifer. An einem einzigen Tag werden mir ein irischer Amateur als Trainer und eine Hundertjährige als Betreuerin angeboten.

»Du weißt doch, ihre Stiftung …«, begann Momma.

»Dabei geht es um Behindertensport«, versetzte Jennifer. »Ich mag ja nicht olympiareif sein, aber dass man mich deshalb für ein Rollstuhlrennen zulässt, bezweifle ich.«

»Das meine ich doch nicht«, verteidigte sich Momma. »Wenn ich dich so anschaue, glaube ich, Grandma Alberta vor mir zu sehen, wie sie himmlisch sagt und in eine andere Welt abhebt. Ich dachte, sie könnte dir erzählen, wie sie zu der Stiftung gekommen ist.«

»Vielleicht«, erwiderte Jennifer versöhnlich und zog den Kopf aus der Tür. »Jetzt spreche ich erst einmal mit Abe.«

 

Jennifers Stiefvater saß in seinem Arbeitszimmer hinter einem Schreibtisch aus Mooreiche. Als Jennifer eintrat, stand er auf. »Ach, Jenny. Wie nett, dass du dir Zeit genommen hast.« In seiner rührend antiquierten Wohlerzogenheit setzte er sich erst wieder hin, nachdem auch sie in einem Brokatsessel Platz genommen hatte.

»Danke für den Kaffee«, sagte Jennifer. »Momma meinte, du wolltest mich sprechen.«

»Ja, das ist richtig. Wenn du nichts dagegenhast, würde ich dir gern etwas zeigen.« Er begann Papiere von einer Seite des Schreibtischs auf die andere zu schichten und legte eine grüne Dokumentenmappe frei. Abe war Musikverleger. Der Hüter des Feldmanschen Erbes. »Bei mir hat nämlich jemand vorgesprochen«, murmelte er, während er die Bogen in der Mappe sortierte.

Einen Augenblick lang glaubte Jennifer, er spreche von Gregory O’Reilly und sie sei versehentlich in ein viktorianisches Kostümdrama geraten. Niemand hätte besser in ein viktorianisches Kostümdrama gepasst als Abe. Die Rolle des treusorgenden Vaters, bei dem junge Männer vorsprachen und um die Hand der Tochter anhielten, war ihm auf den Leib geschrieben. Der Ire könnte im regennassen Mantel auf ein Knie sinken und Abe bitten, seine Stieftochter trainieren zu dürfen. Sie musste lachen.

Leicht verunsichert blickte Abe auf.

»Bitte entschuldige«, sagte Jennifer. »Ich lache nicht über dich.«

»Oh, das kannst du ruhig. Besser, ein Kauz wie ich bringt junge Leute zum Lachen als zum Weinen, nicht wahr? Magst du dir das hier einmal anschauen? Der Komponist hat wohl davon Wind bekommen, dass wir diese ganze Auftragsmusik für die Olympiade verlegen, also dachte er, wir könnten an seiner Sache hier auch Interesse haben.« Abe drehte die grüne Mappe um und schob sie ihr hin. »Unser Ausschuss findet das eigentlich ganz reizvoll, aber wir sind uns nicht sicher, ob es dafür eine Zielgruppe gibt.«

Jennifer warf einen Blick auf das oberste Blatt. »Olympia-Symphonie« stand in der Titelzeile und darunter: »Inspire a Generation«, das Motto der Olympiade von London. Ansonsten war der gesamte Bogen bedeckt mit Noten. Abe war unverbesserlich. Er hatte seinen Bruder, den Wundergeiger Andrew Feldman, vergöttert und würde sich nie damit abfinden, dass Jennifer, dessen einziges Kind, so unmusikalisch war wie ein Zaunpfahl. »Davon verstehe ich nichts, Abe. Ich kann deine Noten nicht einmal lesen.«

»Soll ich dir den Anfang vorspielen?«, fragte Abe hoffnungsvoll, fischte die Mappe vom Tisch und trug sie hinüber zu dem schwarz glänzenden Klavier, das er einen Stutzflügel nannte.

»Wie sollte ausgerechnet ich dir dazu raten?«

»Ich wollte gern wissen, wie es auf Menschen wirkt, die sich in dieser Welt zu Hause fühlen – denen es etwas bedeutet, dass London im nächsten Jahr zum dritten Mal die Olympischen Spiele austrägt. Ich selbst bin ja leider nie ein sportlicher Mensch gewesen, muss jedoch zugeben, dass mir das Herz in der Brust schlägt, wenn ich an die Tradition der olympischen Idee denke. Dass sich ein Komponist davon inspiriert fühlt, leuchtet mit ein. Symphonien schreibt ja kein Mensch mehr, aber zu etwas so Fundamentalem wie Olympia passt die große Form doch nicht schlecht. «

»Wie du siehst, bist du der Fachmann, nicht ich«, sagte Jennifer lächelnd. Es gab nur wenige, die derart zärtliche Gefühle in ihr auslösten wie Abe in seinem Bemühen, Menschen zu begreifen. »Mir geht’s um Sport, Abe. Nicht um erhabene Hymnen und umflorte Häupter, die Reden halten, sondern um Zehntel- und Hundertstelsekunden. Wer das schönste Lied bei der Eröffnungsfeier singt, das rauscht an mir vorbei, weil ich darauf brenne, zu erfahren, wer das erste Gold der Leichtathleten gewinnt. Es tut mir leid, aber ich fürchte, mit mir als Beraterin bist du schlecht bedient.«

Abe überlegte eine Weile. Dann stellte er die Mappe mit den Noten auf den Ständer des Klaviers. »Darf ich trotzdem?«

»Natürlich.«

Im Niedersetzen strich er die Schöße seines Jacketts zurück und hob die Hosenbeine an. Dann klappte er mit seinen langen, behutsamen Fingern den Klavierdeckel hoch.

Zu ihrer Überraschung ließ die Musik sie nicht kalt. Gleich in den ersten Takten spürte Jennifer etwas von dem Pathos, das Abe heraufbeschworen hatte, etwas von der Begeisterung, die langsam, aber sicher auf die gesamte Stadt übergriff. Olympiafieber. Während sie Abes Spiel zuhörte, beschloss sie, am Abend mit ihrem Trainer zu sprechen.

Cyrus, würde sie sagen, ich will bei den Olympischen Spielen antreten. Weil ich das will, habe ich mit sieben Jahre angefangen, mir die Seele aus dem Leib zu laufen, und diese Olympiade in unserer Stadt kommt nicht wieder. Ich will versuchen, mich zu qualifizieren. Jetzt oder nie. Die Musik, die sich steigerte, schien das Gleiche zu sagen. Abes Rücken wand sich, während die Finger über die Tasten wirbelten. Jetzt oder nie.

Mit einem kleinen Lauf ließ er das Vorspiel ausklingen und drehte sich zu ihr um. »Und?«

»Abe, ich habe keine Ahnung.«

»Aber eine Meinung vielleicht?«

»Ich fand es ganz schön …«, begann sie zögernd, dann gab sie sich einen Ruck: »Nimm es. Ich glaube, es ist gut.«

Über sein Gesicht mit der gewaltigen Brille ging ein Lächeln. »Du meinst, dass Leute, die die Spiele mögen, diese Melodie gern hören werden? Ich dachte daran, sie für eine Uraufführung im Rahmen des Olympia-Festivals vorzuschlagen.«

Auf einmal glaubte Jennifer, es vor sich zu sehen: geschmückte Straßen, feiernde Menschen aus aller Herren Länder, die olympischen Ringe an der Tower Bridge. Bilder, die sie verdrängt hatte, um sich keiner verstiegenen Hoffnung hinzugeben.

»Ich finde, das ist eine gute Idee«, sagte sie zu Abe.

»Dann werde ich es morgen der Konferenz vorlegen. Denen hatte ich gestern gesagt, dass ich mich erst mit dir besprechen will, weil du, wenn es um Sport geht, meine Expertin bist.«

Jennifer lachte. »Dass du ein Aufschneider bist, ist mir neu.«

»Ich schneide nicht auf. Ich tue meine Arbeit. Wenn man selbst nicht sonderlich begabt ist, muss man wissen, an wen man sich wenden kann. Kann ich denn auch etwas für dich tun, Jenny?«

Kein Mensch hatte so viel für sie getan wie Abe. »Um ehrlich zu sein – du kannst«, platzte sie heraus. »Darf ich dir auch etwas vorspielen? Oder besser: vorpfeifen? Nur ein kleines Lied, ich wüsste gern, ob du es kennst.«

»Ich bin ganz Ohr.«

Sie pfiff so erbärmlich schlecht, wie sie sang. Ein anderer hätte die Melodie schwerlich erkannt, aber Abe war ein wandelndes Musiklexikon.

»Und ob ich das kenne!«, rief er erfreut. »Weißt du, dass mir dieses Lied im Kopf herumgeht, wann immer ich dich zu Gesicht bekomme? Es stammt aus meiner Jugend. Ich hätte nicht gedacht, dass ihr jungen Leute es überhaupt noch kennt.«

»Und warum geht es dir im Kopf herum, wenn du mich siehst?«

Ein wenig verlegen zuckte er die Achseln. »Es passt zu dir. Zu deiner Art zu gehen – aufrecht, entschlossen und trotzdem mit dem Kopf in den Wolken. So bist du schon gegangen, als du acht warst, und wenn ich dir dabei zuschaue, möchte ich dieses Lied singen: Jennifer Juniper. Flieder im Haar.«

4

Drei Tage später war er wieder da. Jennifer stand am Brückengeländer und begann ihr Aufwärmprogramm, als er herantrat und sagte: »Guten Morgen.«

Sie fuhr herum. »Heute ist doch nicht Donnerstag!«

»Quod erat demonstrandum«, sagte er.

»Wie bitte?«

»Ich behaupte einfach, dass heute Donnerstag ist.« Er zog den Mantel aus und breitete ihn über das Geländer. »Können Sie mir das Gegenteil beweisen?«

»Wie denn?«

»Gar nicht. Ich schlage daher vor, wir nehmen an, es sei Donnerstag, und Sie erlauben mir, mit Ihnen zu laufen.« Unter dem Mantel trug er einen schwarzen Trainingsanzug.

»Wollen Sie den etwa hierlassen?«, fragte Jennifer und wies auf den Mantel, ein viel zu schönes, viel zu teures Stück, um ihn in Londons East End über ein Geländer zu werfen.

Er hatte begonnen, in der Grätsche sein Körpergewicht auf ein Bein zu verlagern, um die Muskeln des inneren Oberschenkels zu dehnen. In der Übung wandte er ihr das Gesicht zu. »Ich kann ihn mir ja schlecht unter den Arm klemmen. Laufen wir?«

Sie erzählte ihm nicht, dass sie in den letzten zwei Tagen nach ihm Ausschau gehalten hatte, obwohl nicht Donnerstag gewesen war. Und schon gar nicht erzählte sie ihm, dass sie sich mit ihrem Trainer gestritten hatte. »Du hast ein Nervenproblem, verdammt noch mal!«, hatte Cyrus sie angeschrien. »Über zehntausend hältst du im Wettkampf nicht durch, das wissen wir doch. Eher bekomme ich eine Kuh bei Olympia aufs Siegertreppchen als dich.«

Jennifer war keine Kuh. Kühe rannten nicht ziellos im Kreis. Sie verlangte von Cyrus, sie zu einem der Trials für die Qualifikation zu melden.

»Herrgott, ich habe einen Ruf zu verlieren!«, brüllte er. »Was soll der Verband von mir denken, Mädel? Dass ich neuerdings nervenkranke Sonntagsläufer, die durch Parks flitzen, für Olympia nominiere?«

Sie hatte Angst gehabt, vor Zorn zu weinen. »Donnerstagsläufer«, hatte sie versetzt und ihn stehenlassen. Seitdem schlief sie schlecht, wollte wieder gegen die Leere anlaufen und fühlte sich in eine Ecke gedrängt. Ohne ihren Trainer hatte sie keine Chance, aber hatte sie denn eine ohne ihren Stolz?

»Jennifer?« Was sie auf ihrer Schulter spürte, war Gregory O’Reillys Hand. »Wir sollten jetzt laufen. Sie stehen bei dem feuchten Wetter zu lange still.«

Es ging ihn nichts an, aber er hatte recht. Außerdem brannte sie darauf, ihn laufen zu sehen. Die Art, wie er anlief, hatte nichts von der Schwere, die Amateure kennzeichnete. Er fand sofort in seinen Tritt, der Bewegungsablauf fließend, der Kraftaufwand gezügelt, der Körperschwerpunkt tief in den Hüften. Jennifer sah ihm zu und verliebte sich einmal mehr in ihren Sport. Nie war ein Mensch schöner, nie zeigte er deutlicher, wie perfekt er gemacht war, als im Lauf. Gregory O’Reilly war sehr schön, stellte sie verblüfft fest und wäre um ein Haar gestolpert.

»Laufen Sie, Jennifer. Richten Sie den Blick geradeaus.«

»Sie sind nicht mein Trainer«, fauchte sie ihn an. »Und mein Training absolviere ich abends auf der Laufbahn. Hier im Park kann ich laufen, wie ich will.«

»Wenn Sie sich den Knöchel brechen, können Sie nicht mehr laufen, wie Sie wollen«, erwiderte er, ohne seine Schrittfolge zu unterbrechen. »Und auch nicht bei Olympia starten.«

»Ich starte nicht bei Olympia.« Die Wut brachte ihren Atem aus dem Takt. Ohne nachzudenken, steigerte sie das Tempo, setzte zu viel Kraft ein und legte sich in einen Sprint. Sie erwartete, dass er zu ihr aufschließen würde, doch als sie zu sich kam, weil ihr ein scharfer Schmerz in die Seite fuhr, fand sie ihn nicht mehr neben sich. Sie nahm ihr Tempo zurück, presste die Hand aufs Zwerchfell und wandte den Kopf. Weit abgeschlagen, lief er im Gleichmaß vor sich hin.

Marathon, dachte Jennifer. Einer, der in der Bahn nicht genug Tempo und Taktik gebracht hat und dann auf die Ultrastrecke gewechselt ist. Sie hob die Hand und winkte, forderte ihn auf, den Abstand zu verringern, aber er blieb stur in seinem Schritt. Zum Teufel mit ihm! Sie würde alles geben, was möglich war, und ihn überrunden. Wenn sie Cyrus die Demütigung nicht heimzahlen konnte, so konnte sie sich zumindest an diesem Möchtegernathleten schadlos halten.

Langstreckenläufer lernten, ihre Reserven einzuteilen, aber Geschwindigkeit war ein Rausch, und wer davon gepackt war, schoss die Vernunft in den Wind. Jennifers Sohlen peitschten das Pflaster. Vergessen waren Trainingspläne und Verletzungsgefahr. Jennifer rannte um ihr Leben. Warum es bei diesem Lauf an einem feuchtgrauen Morgen im Park aber um ihr Leben ging, das wusste sie nicht.

Es war härter, als sie geglaubt hatte. Ihr Atem geriet außer Kontrolle, und die Muskeln sträubten sich, das überhöhte Tempo zu halten. Als sie endlich seinen schwarzen Rücken wahrnahm, hätte sie aufjubeln mögen, doch ihr fehlte die Kraft. Nur noch Schritte von ihm entfernt, verlangsamte sie das Tempo.

Der Rausch verflog. Ein Schwächegefühl breitete sich in ihr aus, eine Leere im Kopf, die ihre Beine lähmte. Sie taumelte, zwang sich weiterzulaufen, obwohl jede Faser ihres Körpers ihr signalisierte, stehen zu bleiben. Das, was ihr bisher nur im Wettkampf geschehen war, passierte hier, in ihrem Park, wo sie sich sicher gefühlt hatte. Ihre Knie gaben nach. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie schaffte es gerade noch, die Arme nach vorn auszustrecken, damit sie nicht aufs Gesicht stürzte.

Mit einem Satz war er bei ihr, ließ sich mit ihr zusammen auf die Knie fallen und fing sie auf. »Ganz ruhig, Jennifer«, sagte er leise und bettete ihren Kopf an seine Schulter. Während sie haltlos weinte, fing er an, das Lied zu summen. Jennifer Juniper. Bis das Weinen nachließ und ihr Rücken nicht mehr in Krämpfen zuckte.

5

Was ist es? Die Nerven?«

Jennifer nickte.

»Und deshalb starten Sie nicht bei den frühen Trials, um sich für Helsinki zu qualifizieren?«

»Mein Trainer traut es mir nicht zu«, erwiderte Jennifer und starrte auf ihre Hände. »Nicht weil meine Zeiten nichts taugen, sondern weil ich dieses Problem mit den Nerven habe. Mir passiert im Wettkampf dasselbe: Ich verliere die Kontrolle über mein Tempo, rase kopflos davon und breche dann heulend zusammen.«

Als sie aufblickte, lächelte er. »Sie sollten den Trainer wechseln.«

Er hatte sie einfach aufgehoben und sie aus dem Park geführt. Aus ihrer Tasche hatte er eine Trainingshose herausgesucht und ihr seinen Mantel über die Schultern gehängt. Erst als sie den schweren Stoff auf dem Rücken spürte, bemerkte sie, dass es schon wieder regnete. Gregory O’Reilly ging mit ihr in das Café neben dem Feinkostladen, setzte sie an den hintersten Tisch und holte Wasser und zwei Tassen Espresso von der Theke.

»Haben Sie in Ihrer Trainer-Fibel nicht gelesen, dass man Athleten nach dem Lauf keinen Kaffee geben darf?«

»In meiner Trainer-Fibel habe ich gelesen, dass Athleten nach dem Lauf Menschen sind«, erwiderte er. »Ich gebe Ihnen auch einen Brandy, wenn er Ihnen hilft. Glauben Sie, ein einzelner Brandy hindert Sie daran, bei Olympia auf dem Treppchen zu landen?«

Für diese Frage hätte sie ihn gern geküsst. »Ich nehme den Brandy«, sagte sie. »Mein Trainer meint, er bekommt bei Olympia eher eine Kuh auf die Siegertreppe als mich.«

»Jennifer?«

»Was ist?«

»Überlassen Sie Ihren Trainer der Kuh.«

Er ging und brachte den Brandy in zwei gläsernen Halterungen, in denen Teelichter brannten und die goldene Flüssigkeit wärmten.

»Warum tun Sie all diese Dinge für mich?«

»Das wissen Sie doch«, sagte er. »Weil ich der Trainer der Frau werden will, die über zehntausend Meter Gold holt. Ich bin durch sämtliche Parks gestreunt, bis ich sie gefunden hatte. Jennifer Feldman. Alberta Bernhardts Urenkelin.«

»Dass Sie sich anhören wie ein Geisteskranker, das ist Ihnen schon klar, oder?«

»So ähnlich hat sich Pierre de Coubertin vermutlich auch angehört, als er erklärte, er wolle irgendwelche Sportwettkämpfe aus einer antiken Ruinenstadt namens Olympia wiederbeleben.«

Jennifer musste lachen, und das war das Letzte, womit sie gerechnet hatte. »Also schön, Mr. O’Reilly. Ich bestreite nicht, dass Sie ein ziemlich netter Mann sind, und außerdem laufen Sie nicht erst seit letztem Donnerstag. Tacheles rede ich jetzt trotzdem mit Ihnen, und wenn Sie mir nicht Rede und Antwort stehen, sehen Sie mich nicht wieder. Was wollen Sie ausgerechnet mit mir, weshalb bilden Sie sich ein, Sie könnten Leichtathleten trainieren, und warum nennen Sie meine Urgroßmutter beim Mädchennamen?«

»Alberta Bernhardt?« Als er die Brauen hob, sah Jennifer die Narbe über seinem Augenlid. »Es ist der Name, mit dem sie berühmt geworden ist, oder nicht?«

»Berühmt? Mit ihrer Stiftung? Die heißt Mandeville, wie dieses riesige, uralte Haus, in dem sie wohnt.«

Gregory O’Reilly hob sein Brandyglas. »Stoßen wir an? Auf Mandeville. Ich habe Ihnen etwas mitgebracht.« Er griff in seine Manteltasche und zog eine Figur aus bunt emailliertem Metall hervor, ein seltsames Geschöpf mit einem einzelnen Auge in einem Kopf wie ein Fahrradhelm.

»Das kenne ich«, bekundete Jennifer. »Das ist das Olympia-Maskottchen.«

»Nicht ganz.« Er schob die kleine Figur zu ihr hinüber. »Er ist das Maskottchen der Paralympischen Spiele. Wissen Sie, wie er heißt?«

Jennifer schüttelte den Kopf.

»Mandeville«, sagte er. »Können Sie sich denken, warum?«

»Was ist das hier«, platzte sie heraus. »Irgendeine skurrile Art von Eignungstest? Sparen Sie sich Ihren Atem. Ich bin eine engstirnige Ignorantin, die nichts tut, als fast zweihundert Kilometer pro Woche zu laufen, und was nicht in meine Disziplin fällt, interessiert mich nicht. Ich weiß nichts über die Paralympics, ich weiß nicht, warum das Haus meiner Urgroßmutter und Ihr Fahrradhelm-Männchen denselben Namen tragen, und wenn Sie mich fragen, wie der Präsident der Vereinigten Staaten heißt, weiß ich das vermutlich auch nicht.«

»Barack Obama«, erwiderte er gleichmütig. »Geben Sie mir mein Fahrradhelm-Männchen wieder und nehmen Sie den hier.« Er stellte eine zweite einäugige Metallfigur vor sie hin. Diese hatte einen runden Kopf und schwenkte die olympische Flagge. »Wenlock. Das Maskottchen der Olympischen Spiele, benannt nach Much Wenlock, dem Ort in Shropshire, in dem vor hundertsechzig Jahren ein Vorläufer der modernen Olympiade stattfand.«

»Was sind Sie eigentlich?« Wider willen nahm Jennifer die Figur in die Hand. »Ein Olympia-Botschafter?«

»Ich bin Ihr Trainer«, entgegnete er. »Sie wissen es nur noch nicht. Ich gebe Ihnen einen Talisman, wie Trainer es gern tun, und den anderen nehme ich wieder an mich. Der passt besser zu mir.« Er steckte die Figur mit dem Fahrradhelm in die Tasche. »Mandeville. Benannt nach Stoke Mandeville, dem Ort, an dem die ersten Paralympischen Spiele der Welt stattfanden. 1948. Inspire a Generation – ich bin sicher, das haben die Leute, die sie ins Leben gerufen haben, auch gedacht.«

»Stoke Mandeville ist dieser Ort, wo meine Urgroßmutter wohnt.«

»Alberta Bernhardt.« Gregory O’Reilly nickte. »Sie wissen wirklich nicht, wer sie war, bevor sie die Stiftung gründete? Spricht man in Ihrer Familie nicht darüber?«

»In meiner Familie spricht man über die Feldman-Saga«, blaffte Jennifer. »Damit sind wir beschäftigt genug.«

»Stimmt«, sagte er. »Sie sind ja Andrew Feldmans Tochter.«

»Haben Sie nichts anderes zu tun, als Details meines Lebens auszuspionieren? Wissen Sie auch, wann ich Windelausschlag hatte und wer mir zur Geburt eine Rassel geschenkt hat?«

»Abraham Feldman, nehme ich an«, sagte er. »Ihr Onkel und der zweite Mann Ihrer Mutter. Nur mit dem Windelausschlag tue ich mich noch schwer.«

»Und dieses ganze Zeug haben Sie sich im Internet herausgesucht, weil ich Ihnen im Park über den Weg gelaufen bin und Sie zu dem Schluss gekommen sind, ich könnte bei Olympia starten. Wer soll Ihnen diese Story eigentlich abkaufen?«

»Niemand«, sagte er. »Ich habe Sie angelogen.«

»Denken Sie etwa, das weiß ich nicht? Sagen Sie mir jetzt endlich, was Sie wollen, oder wir beenden diese Farce.«

»Ich will Sie trainieren«, sagte er. »Ich will Ihnen helfen, zwei Läufe in der erforderlichen Mindestzeit zu absolvieren, so dass die Funktionäre Ihre Aufnahme in die Olympiamannschaft in Erwägung ziehen. Ich will, dass Sie in Helsinki antreten, weil das die einzig sichere Eintrittskarte ist. Und ehe Sie endgültig glauben, Sie hätten es mit einer bizarren Art von Trickbetrüger zu tun – ich bin im Besitz einer Trainerlizenz Ihres Verbands.« Unter dem Aufschlag des Mantels förderte er die Ausweishülle mit dem Dokument zutage.

Jennifer starrte darauf. »Sie sind zu jung für einen Trainer«, brachte sie endlich heraus. »Warum konzentrieren Sie sich nicht auf Ihre eigene Karriere? Sie laufen Marathon, richtig?«

»Nein«, sagte er. Das eine Wort beendete das Thema.

»Mich trainiert Cyrus Devon, Mr. O’Reilly«, sagte Jennifer.

Ehe sie etwas hinzufügen konnte, unterbrach er sie: »Danke.«

»Wofür?«

»Dafür, dass Sie sich durchgerungen haben, mich beim Namen zu nennen. Könnten Sie noch einen Schritt weiter gehen?«

»Welchen?«

»Ich heiße Gregory.«

»Das weiß ich.« Jennifer hörte, wie ihre Stimme zitterte.

»Und ich weiß, wer Sie derzeit trainiert. Vergessen Sie nicht – ich habe jedes Detail über Sie im Internet recherchiert.«

»Weil Sie auf meine Urgroßmutter stehen. Kein Problem, wir leben schließlich in toleranten Zeiten – sie dürfte höchstens siebzig Jahre älter sein als Sie.«

Es ärgerte sie, dass sie sein Lächeln hübsch fand. Es nahm ihr den Wind aus den Segeln. »Auf Alberta Bernhardt stehe ich wirklich«, sagte er und nahm die Ausweishülle mit seiner Trainerlizenz wieder an sich. »Haben Sie nie für ein Idol geschwärmt?«

Jennifer dachte an Emil Zatopek, der mit hängender Zunge eine Bahn entlanghechelte. Das Foto des Olympiasiegers im Marathon von 1952 hatte jahrelang die Wand ihres Zimmers geschmückt. Sobald sie es abgehängt hatte, weil sie sich albern vorgekommen war, hatte sie sich einsam gefühlt. Gregory O’Reilly zog ein ähnliches, wenn auch kleineres Foto hervor. Es zeigte eine blonde junge Frau mit einem Bogen. Triumphierend strahlte sie in die Kamera, und Jennifer erkannte sie sofort. Es war eines der Mädchen von dem Foto mit dem Schiff. Grandma Alberta oder ihre Schwester.

»Sie sind gar kein Läufer«, entfuhr es ihr. »Sind Sie Bogenschütze?«

»Ich nicht.« Er lächelte. »Aber Alberta Bernhardt.«

Sie war Deutsche. Sie war Bogenschützin. Was war die Frau, die sie zu kennen geglaubt hatte, noch alles?

»Sie schleppen ein Bild meiner Urgroßmutter mit sich herum?«

Er zuckte die Achseln. »Ich habe als Junge in Irland Klebebildchen von Olympioniken gesammelt.«

»Finden Sie das eigentlich lustig?«

»Nein«, sagte er. »Ich bin nur verlegen. Ja, ich finde Alberta Bernhardt wundervoll, und vielleicht wäre ich andernfalls auf Sie gar nicht aufmerksam geworden. Aber jetzt bin ich Ihnen verfallen. Sie sind eine großartige Läuferin, und wenn Ihnen nicht gerade Ihr Trainer Unsinn einredet, wissen Sie das auch. Ich habe Aufnahmen von Ihren Wettkämpfen gesehen, und seither weiß ich, dass ich Sie trainieren will. Für Olympia. Inspire a Generation.«

Jennifer starrte in den Rest des Brandys, und der Regen schlug Trommelwirbel gegen die Fensterscheiben. »Es ist nett, dass Sie mir das erzählt haben«, sagte sie endlich. Doch es war viel mehr als nur nett. Es hatte etwas in ihr wieder aufgerichtet. »Vielleicht wäre ich tatsächlich verrückt genug, es mit Ihnen zu versuchen, wenn ich keinen Trainer hätte. Nur habe ich ja einen. Den besten, den ich bekommen kann. Wollen wir es dabei belassen, Mr. O’Reilly?«

Das vernarbte Lid über seinem Auge zuckte. »Darf ich Sie trotzdem wiedersehen?«

»Was soll das bringen?«

»Donnerstag«, sagte er. Eine noch feuchte Strähne seines roten Setter-Haars glitt in seine Stirn. »Wenn ich Sie nur am Donnerstag sehe, muss es nicht unbedingt etwas bringen, oder?«

»Aber Sie erklären doch jeden Tag zum Donnerstag!«

»Und wenn ich verspreche, mir Mühe zu geben, und den Donnerstag Donnerstag sein lasse?«

»Geben Sie sich viel Mühe«, sagte Jennifer. Ehe sie sich daran hindern konnte, hob sie die Hand und strich ihm das Haar, das auf dem vernarbten Lid lag, zurück. »Ich muss jetzt gehen.«

Er hatte ihre Urgroßmutter eine Olympionikin genannt. Sie musste an dem Schweigen ihrer Familie rütteln, musste die Lücke, die in der Geschichte ihrer Herkunft klaffte, schließen und herausfinden, was dort aus ihrer eigenen Geschichte gelöscht worden war.

Im Aufstehen sah sie, wie er zwei Finger an die Stelle legte, die sie berührt hatte. »Sie glauben gar nicht, wie viel Mühe ich mir geben werde«, sagte er leise und erhob sich ebenfalls.

Als sie die Tür öffneten, brandete ihnen der Regen entgegen. »Ich habe das so satt!«, fuhr Jennifer auf, weil sie aus seiner Nähe fortwollte, fort von dem Drang, ihn zu berühren. »Manchmal wünsche ich mir ein Land, in dem es nicht den ganzen Herbst hindurch regnet.«

Er verzog den Mund. »Kommen Sie zu uns, dann wissen Sie, wie gut Sie es haben. Bei uns regnet es nicht nur den ganzen Herbst hindurch, sondern es ist auch noch das ganze Jahr Herbst.«

Jennifer horchte auf. »Bei uns – damit meinen Sie Nordirland?«

Ertappt fuhr er sich mit der Hand ins Haar. »Das ist wirklich albern. Ich wohne schon seit Jahren in London.«

»Wie ist es in Belfast?«, fragte Jennifer verlegen, weil sie nichts darüber wusste. »Herrscht nach dem Karfreitagsabkommen in der Stadt jetzt Frieden?«

Von der Seite sah er sie an. »Ich dachte, was nicht in Ihre Disziplin fällt, interessiert Sie nicht. Ja, es herrscht wohl Frieden. Gemessen an dem Hass, der dreißig Jahre lang die Stadt verwüstet hat, ist es erstaunlich, wie selten es zu Zwischenfällen kommt. Nur Arbeit gibt es nicht, zumindest nicht für die Verlierer. Ich fürchte, es ist noch immer keine gute Stadt, um dort als Katholik zu leben.«

»Was sind Sie?«

Ohne den Blick von ihr abzuwenden, bekreuzigte er sich. »Ja, Papist bin ich auch noch. Ihnen bleibt nichts erspart.«

Ehe Jennifer zu einer Erwiderung ansetzen konnte, hob er die Hand. »Warten Sie, ich borge einen Schirm für Sie aus.«

Mit einem altmodischen Stockschirm kam er zurück und drückte Jennifer den Griff in die Hand.

»Und Sie?«, fragte Jennifer.

»Ich kann hier warten, bis das Schlimmste vorüber ist.«

»Also dann. Danke für den Brandy.«

Statt zu antworten, pfiff er einen Takt seines Lieds. Jennifer Juniper. Flieder im Haar.

»Eines noch«, sagte er dann. »Besuchen Sie Ihre Urgroßmutter. Ich vermute, Sie kann Ihnen helfen.«

»Wobei?«

»Bei diesem Problem, das Sie mit den Nerven haben. Lassen Sie sich von Olympia erzählen. Inspire a Generation.« Flüchtig streifte seine Hand ihr Haar. »Auf Wiedersehen, Jennifer.«

6

Für den Abend sagte Jennifer ihr Training ab. Es regnete noch immer, und in ihrem rechten Oberschenkel lauerte ein Schmerz, der eine Muskelzerrung befürchten ließ. Abe wollte mit Momma in die Oper, aber Momma hatte Migräne, und da Rachel sich den Knöchel verstaucht hatte, blieb nur Jennifer als Begleitung. »Bitte komm mit«, sagte Abe. »Ich gehe so gern mit dir in die Oper.«

Jennifer fand den Gedanken an einen Abend mit Abe erfreulich, selbst wenn im Hintergrund eine Oper dudelte. Neben Abe zu sitzen, während er seinen alten Heckflossen-Mercedes geduldig durch das Getümmel des Feierabendverkehrs steuerte, war eine Wohltat.

»Geht es dir nicht gut, Jenny?«, fragte er nach einer Weile.

»Doch«, erwiderte sie. »Oder nein, eher nicht. Kann ich dich etwas fragen, Abe?«

»Du solltest wissen, dass du das immer kannst. Dein Vater ist unersetzlich, aber ihn bei dir vertreten zu dürfen, ist mir eine Ehre.«

»Meinst du, ich könnte Grandma Alberta besuchen?«, fragte Jennifer. »Über ein Wochenende, irgendwann Ende Oktober?«

Abe trat auf die Bremse und ließ den Wagen, der ihm die Vorfahrt nahm, passieren. »Das halte ich für eine glänzende Idee«, sagte er. »Hätte ich nicht all diese Leute wegen der Olympia-Kommissionen hier, würde ich dich begleiten. Ich habe einen Besuch bei der Lady von Mandeville immer als Privileg empfunden. Sie wird sich freuen. Und dein Großonkel Fred ebenso.«

Großonkel Fred war Albertas Sohn. Er war älter als Mommas früh verstorbene Mutter Cully und musste inzwischen an die Achtzig sein. »Ich wusste gar nicht, dass sie Deutsche ist«, sagte sie zu Abe, der den Wagen umsichtig wieder in den Verkehr einfädelte.

Er wiegte den Kopf. »Man vergisst das, wenn man sie kennt. Es macht ja auch keinen Unterschied, findest du nicht auch?«

Jennifer wusste nicht, ob es einen Unterschied machte. Es gab zu vieles, das sie nicht wusste, ein Labyrinth, von dem sie nicht einmal den Eingang kannte.

»Sie ist eine Persönlichkeit«, sagte Abe. »Wenn du möchtest, kümmere ich mich um deinen Besuch bei ihr.«

»Danke«, sagte Jennifer. »Ich denke, ich kümmere mich lieber selbst.«

»Falls du Hilfe brauchst, wende dich bitte an mich. Du weißt, deine Mutter …«

Jennifer lachte. »Ja, ich weiß. Meine Mutter …«

Abe hielt vor einer Ampel. »Ist das alles, was dich gerade beschäftigt, Jenny?«

»Nur noch eins. Sagt dir der Name Gregory O’Reilly etwas?«

»Gregory O’Reilly?« Die Fußgängerzone vor dem Opernhaus von Covent Garden kam in Sicht, und Abe bog in den Tunnel zum Parkhaus ab. »Dieser Läufer, der Verlobte von Tonia Harrison?«

»Wer ist Tonia Harrison?« Jennifers Herzschlag wurde dumpf. Es gab Namen, von denen man wusste, dass man sie gehört haben musste, ob man nun ein Ignorant war oder nicht.

»Es muss sieben oder acht Jahre her sein.« Abe kurbelte das Fenster herunter und nahm den Kampf mit dem Parkautomaten auf. »In jedem Fall war es lange nach dem Karfreitagsabkommen, weshalb auch niemand mehr mit so etwas gerechnet hatte. Aber Fanatismus ist eben schwer auszurotten.«

»Abe!«, rief Jennifer ungeduldig. »Was meinst du mit so etwas?«

»Bitte entschuldige«, sagte Abe. »Kannst du dir diese Bescherung hier einmal ansehen? Ich komme mit diesen Apparaturen einfach nicht zurecht.«

Jennifer lehnte sich über ihn hinweg aus dem Fenster, gab die geforderten Daten in den Automaten ein und löste den Parkschein. »Jetzt erzähl«, bat sie Abe. »Es ist wichtig.«

»Eine traurige Geschichte«, sagte Abe und fuhr im Schritttempo weiter. »Der junge Mann, ein nordirischer Katholik, startete für Großbritannien in einem Wettkampf, weil er in Belfast geboren war und somit das Recht dazu hatte. Soweit ich mich erinnere, hätte er in Irland nicht die Förderung erhalten, die er benötigte.«

»Über welche Strecke ist er denn gelaufen?«

»Guter Gott, Jenny, da fragst du mich zu viel. Über die beiden langen Strecken, glaube ich. Über die, die du auch läufst.«

»Zehntausend und fünftausend Meter?«

»Wenn ich mich nicht irre, ja. Es gab ein paar Proteste aus republikanischen Kreisen, Schmierereien, Schmähbriefe, nichts, was allzu bedrohlich schien. Ich vermute, der junge Mann hat sich keine Gedanken gemacht, sondern wollte einfach nur seinen Sport ausüben. Eines Morgens wollte er mit seiner Verlobten Tonia Harrison, einer Medizinstudentin, in ein Auto steigen, um irgendwo Squash zu spielen. Die junge Frau saß bereits im Wagen, als unter ihr eine Bombe explodierte.«

Abe fuhr zweimal um das Deck herum, ehe er eine Parkbucht entdeckte, aus der ein Kleinbus gerade rückwärts ausparkte. »Was ist ihnen passiert?«, fragte Jennifer tonlos.

»Tonia Harrison hat die Bombe in Stücke gerissen«, sagte Abe. »Es bleibt nur zu hoffen, dass sie sofort tot war. Ihr Verlobter, der ein Stück vor dem Wagen stand, wurde durch die Druckwelle mehrere Meter in die Höhe geschleudert. Soweit ich mich erinnere, kam er mit schweren Knochenbrüchen und ein paar anderen Verletzungen davon.«

»Beinbrüchen, Abe? Als Leichtathlet?«

Abe steuerte den Wagen in die Parklücke. »Tragisch, nicht wahr? Er ist nie wieder gelaufen. Vielleicht hat er das nach dem Tod seiner Freundin ja auch gar nicht mehr gewollt.«

Zum ersten Mal blieb Jennifer so lange sitzen, bis Abe ihr aus dem Wagen half. Behutsam führte er sie durch das Parkhaus, der gleißenden Helligkeit des Foyers entgegen. Über dem Durchgang hing ein Banner in leuchtendem Pink. »Die hängen sie jetzt überall auf«, sagte Abe und wies auf das Logo der Olympiade. »Freust du dich? Im nächsten Sommer wird es keine Wand in dieser Stadt geben, an der das nicht hängt.«

»Ja«, sagte Jennifer nur. Flüchtig streiften ihre Finger das Banner mit dem Schriftzug. Inspire a Generation.

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Zweiter Teil

»Citius, altius, fortius – schneller, höher, stärker«

Berlin, Mai 1931

 

 

 

»Hoppla, jetzt komm ich.

Alle Türen auf,

Alle Fenster auf …«

Schlager von Hans Albers,

aus dem Film »Der Sieger«, 1932

7

Alberta, warte!«

Alberta schwang im Gehen herum, freute sich an dem um ihre Waden wirbelnden Rock, und lachte Jobst Gessner, ihrem Trainer, entgegen.

Jobst warf das Tor zu und rannte das kurze Stück Straße, das in den Waldweg mündete, hinter ihr her. »Gib mir fünfzehn Minuten, um einzupacken, dann fahre ich dich nach Hause«, keuchte er.

»Ich habe zwei kerngesunde Beine«, rief Alberta vergnügt. »Bei dem himmlischen Wetter laufen die lieber, als sich in dein knatterndes Auto zu quetschen.«

»Mein Laubfrosch knattert nicht.« Jobst klang gekränkt wie Ulli Sabotke, der Sohn der Hauswartin, der sechs Jahre alt war und schmollte, wenn Alberta nicht mit ihm Fußball spielte. »Und quetschen musst du dich in einen Dreisitzer auch nicht, sondern kannst deine langen Beine nach Herzenslust ausstrecken.«

»Woher weißt du denn, wie lang meine Beine sind?« Alberta zerrte an ihrem wadenlangen Rock, als wollte sie ihn sich bis auf die Fesseln hinunterziehen. »Jetzt zerknautsch dein Gesicht nicht so, Jobst. Ein andermal, ja?« Alberta fühlte sich wie Nathan, ihr Lieblingspferd, das begann, mit den Hufen zu scharren, wenn es zu lange gezwungen war, stillzustehen. Die Sonne kitzelte sie im Nacken, und der schattige Waldpfad schien nach ihr zu rufen.

Es war wie stets nach dem Training in ihrem geliebten Sport: Die Arbeit mit dem Bogen erschöpfte sie kaum, sondern verlieh ihr eine Energie, die ihre Muskeln bis zum Platzen spannte. Loslaufen wollte sie, ihren Überschuss an Kraft genießen, den hellen Tag und die Gewissheit, jung zu sein. Ein solches Glücksgefühl verschaffte ihr sonst nur ein ausgedehnter Galopp mit Nathan durch den morgendlichen Grunewald.