Aluminium-Mädchen - Holly B. Logan - E-Book

Aluminium-Mädchen E-Book

Holly B. Logan

0,0

Beschreibung

Juliet Paxton ist Anfang 30, bisexuell und auf der Suche nach ihrer Mitte. Als erfolglose Drehbuchautorin treibt sie in der Stadt der Engel durch ihren monotonen Alltag. Die einzigen Lichtblicke ihrer Existenz sind voyeuristische Beobachtungen und ein Gelegenheitsjob in einer Bar. So plätschern die Tage dahin - bis sich eines Morgens auf eine Wohnungsanzeige eine junge Frau aus ihrer Vergangenheit meldet, während Los Angeles zur selben Zeit von einer Serie schrecklicher Ritualmorde erschüttert wird. Schon bald gerät Juliet immer tiefer in den Sog von Amber Jones und nichts mehr in ihrem Leben ist, wie es einmal war. Was weiß ihre neue Mitbewohnerin wirklich über eines der Mordopfer? Hat sie etwas mit den fürchterlichen Morden zu tun? Und wie weit ist Juliet bereit, für ihre Liebe zu Amber zu gehen? Prickelnde Love-Story über die Liebe zwischen zwei Frauen, eingebettet in leichte Nuancen eines Krimis. (umfasst etwa 190 Taschenbuchseiten)

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 220

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Holly B. Logan

Aluminium-Mädchen

Erotikthriller

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

Impressum neobooks

1. Kapitel

16. Juli, 12:00 Uhr mittags, Manhattan Beach, Los Angeles

Die Zeitung lag aufgeschlagen auf dem Tisch. Ich krallte die Hände um meine dampfende Kaffeetasse und las die Schlagzeile ein zweites Mal: Mädchen Nummer Vier. Eine Stadt unter Schock.

Der Duft meines morgendlichen Wachmachers stieg mir in die Nase. Obwohl die Wärme meiner Tasse bis in meine Ellbogen kroch und ich mich in einen gemütlichen Frottee-Bademantel gewickelt hatte, fröstelte es mich.

"Mädchen Nummer Vier", sprach ich leise vor mich hin, während mein Blick aus dem Küchenfenster wanderte, wo die Sonne am Horizont sich langsam in den wolkenlosen Himmel schob. Das mediale Interesse an den Mädchen wurde immer größer. Jeder Artikel brachte weitere Details zutage, eines grauenvoller als das andere.

Mädchen Nummer Vier.

Wie die anderen drei galt auch sie eine Weile als vermisst, bevor man sie gefunden hatte. Jedoch, und das war das Besondere an diesen Fällen, fand man nie die Leichen in einem Stück, sondern stets nur ihre Arme. Sie lagen auf einer Parkbank. Nicht achtlos zurückgelassen, damit die Raben das Fleisch von den Knochen picken, nein, der Mörder hatte sie immer über Kreuz gelegt und sie zuvor, wie es hieß, "beinahe liebevoll" in Aluminiumfolie eingewickelt. In der Stadt sprach man über kein anderes Thema, die Nachrichten dudelten es rauf und runter, jeder hatte zu den Morden eine Meinung, es gab Spekulationen und Verdächtigungen, doch ganz gleich wie seriös oder reißerisch die Medien darüber berichteten, in einem waren sich alle einig: dass man es in dieser Angelegenheit mit einem verdammt gefährlichen Menschen zu tun hatte.

Es begann damit, dass im letzten Frühjahr ein Mädchen verschwand. Man hatte ihren Rucksack, bis an den Rand gefüllt mit Klamotten, in einem Schließfach in der Union Station gefunden, also ging man davon aus, dass sie von zu Hause abhauen wollte. Ein paar Wochen später fand man ihren Ausweis zwischen einem Sitz in einem Zugabteil eines Fernzuges in Richtung San Diego. Damit stand für die Polizei fest, dass sie in den Zug eingestiegen war, die Vermisstenanzeige der Eltern wurde zu den Akten gelegt. Warum sie ihren Rucksack in einem Schließfach zurückließ, blieb ein Rätsel. Die Presse spekulierte, dass ihr Ausweis absichtlich in den Zug gelegt wurde, um die Polizei auf eine falsche Fährte zu locken. Mit hoher Wahrscheinlichkeit aber war die Sechzehnjährige nie in den Zug eingestiegen. Als drei Monate später zwei abgetrennte Arme gefunden worden waren, die per DNA-Analyse dem verschwundenen Mädchen zugeordnet werden konnten, wurde aus einem Vermisstenfall ein Mordfall. Die Polizei ermittelte unter Hochdruck. Dann wurden die Arme eines zweiten Mädchens gefunden und wieder gab es keine Leiche. In den Medien geisterten Gerüchte herum, die angeblich aus einer sicheren Quelle des Los Angeles Police Departments stammen sollten. Diese Gerüchte besagten, dass etliche Ermittler davon ausgingen, dass die Mädchen trotz des Verlustes ihrer Arme noch leben könnten.

Bei dieser Vorstellung lief mir ein eiskalter Schauer über den Nacken. Zuerst hatte ich den Fall nicht verfolgt, als waschechte New Yorkerin war ich einiges gewöhnt, doch das Verschwinden eines dritten Mädchens weckte mein Interesse.

Und jetzt hatte es Mädchen Nummer Vier getroffen.

Zu meinem Entsetzen wurden die Arme des letzten Opfers zwei Blocks entfernt von meiner Wohnung - ich wohnte damals in Manhattan Beach – gefunden.

Ich legte die Hände enger um meine Tasse. Der Gedanke daran, dass ich an der Stelle, an der die Körperteile entdeckt wurden, nur Stunden zuvor noch entlang geschlendert war, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.

Wann denkt man darüber nach, dass so grauenhafte Dinge vor der eigenen Haustür geschehen? Man fühlt sich zuhause sicher, es ist die Gegend, die man kennt, wo man womöglich aufgewachsen ist. Und immer dort, wo man sich heimelig fühlt, können Häuser gebaut werden oder Restaurants pleitegehen, aber ein Mord geschehen? Nein, ein Mord ist das letzte, was einem als Erstes in den Sinn kommt, wenn man an seine Gegend und seine Nachbarschaft denkt. Ich bildete da keine Ausnahme. Ich redete mir - wie die meisten Menschen - ein, dass schlimme Dinge überall auf der Welt passieren, nur nicht dort, wo man lebt. Unheimlich naiv, wenn man bedenkt, dass die grausamsten Taten in den eigenen vier Wänden geschehen, verübt von Leuten, die hübsche Blumentapeten haben und einen süßen Hund.

Ich nahm einen Schluck Kaffee und blätterte weiter, ich brauchte Ablenkung. Das Feuilleton würde mich über die neuesten Kinofilme informieren. Wie wäre es mit einer Komödie? Oder mit einem Liebesfilm? Irgendein Film, in dem das Leben bejaht wird! Das Problem: Aus solchen Filmen machte ich mir nicht das Geringste. Seit ich ein kleines Mädchen war, fürchtete ich mich, wie viele Kinder, im Dunkeln und bekam ein flaues Gefühl in der Magengegend, wenn im Treppenhaus das Licht kaputt war. Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass ich Psychothriller liebte und auf Horrorfilme stand. Im echten Leben würde ich es nicht eine Sekunde nachts auf einem Friedhof aushalten, aber ich verschlang Filme, die an genau solchen Orten spielten. Angst hatte auf mich eine wechselhafte Wirkung. In der Realität schockierte sie mich, aber als Entertainment war ich von ihr fasziniert. Obwohl ich noch vor einer Minute über einen Serienmörder gelesen hatte, der Frauen verstümmelt, vermieste mir das nicht die Lust auf den neuesten Horror-Streifen.

Doch die Seite mit den Kinokritiken fehlte.

"Mensch Kolberg, du lernst es nie", schimpfte ich vor mich hin und verdrehte die Augen.

Die Zeitung wie ein normaler Mensch zu lesen und anschließend wieder ordentlich zusammenzufalten, war scheinbar zu viel verlangt. Aber ich wollte nicht meckern, schließlich bekam ich sie von ihm geschenkt.

Arvid Kolberg wohnte ein Stockwerk unter mir. Als Journalist arbeitete er bei einem stadtbekannten Nachrichtensender. Ich fand es wirklich nett von ihm, wenn er mir auf dem Weg zur Arbeit seine ausgelesene Zeitung auf meine Fußmatte legte. Wie im Fünf-Sterne-Hotel fühlte ich mich jedes Mal, wenn ich die Tür öffnete. Genauso nett war es von dem Kauz, wenn er mir hin und wieder Artikel mit Kugelschreiber ankreuzte, solche, von denen er wohl meinte, sie könnten mich interessieren. Da waren dann Kringel um Artikel über Kunst-Workshops oder Restaurants.

Die Texte über die verschwundenen Frauen waren nie gekennzeichnet.

Ich zweifelte daran, ob Kolberg die Passagen überhaupt für mich und nicht doch für sich selbst ankreuzte - wie Journalisten das hin und wieder machen - aber ihn deswegen anzusprechen, fand ich übertrieben. Außerdem kannte ich ihn nicht gut genug, naja, ich kannte ihn, wie man seine Nachbarn eben so kennt. Was ich von ihm wusste, war, dass er nachts gern spazieren ging und nicht nur beruflich, sondern auch privat viel schrieb. Und ich vermutete, dass er zu viel trank. Jedenfalls sahen seine Augen aus, als würde seine Leber nicht mehr lange machen.

Eines Tages hatte er mich gefragt, ob es mir etwas ausmachen würde, ein paar Pakete für ihn in Empfang zu nehmen. Im Gegenzug, so schlug er vor, könnten wir uns seine Tageszeitung teilen. Ich erschrak furchtbar, denn ich hatte sie zuvor manchmal aus seinem Briefkasten geklaut. Aber ich war mir sicher, dass mich niemand gesehen hatte. Was war Kolberg noch außer Journalist? Detektiv etwa? Obschon ich die Pakete für meinen Nachbarn auch aus reiner Nachbarschaftshilfe angenommen hätte, nahm ich das Angebot gern an.

Es stellte sich heraus, dass Kolberg ständig Pakete bekam. Aus Asien, Afrika, sogar aus Deutschland. Manchmal klingelte die Post bis zu drei Mal am Tag. Und irgendwann fragte ich mich, was da zum Geier nur ständig für ihn geliefert wurde. Darauf angesprochen, winkte er mit einer gleichgültigen Geste ab und sagte: "Kindchen, da sind Manuskripte drin, nichts weiter".

Das Merkwürdige aber war, dass diese Päckchen schwer wie Blei waren. Wie viele Seiten waren da drin? Zehntausend?

Kolberg war als Schreiberling ein Blattmacher der alten Schule und schwor immer noch auf bedrucktes Papier. All seine Texte, so hatte er mir einmal stolz berichtet, tippte er noch auf einer uralten Schreibmaschine, von denen er mehrere besaß. Auf die Frage, was er damit vorhätte, lächelte er stolz und sagte, dass er es einfach nur schön finden würde, sie zu sammeln, wie er überhaupt alles, was ihn interessierte, gern aufhob. "Sind Sie so etwas wie ein Messi?", hatte ich leicht übergriffig gefragt und Kolberg entgegnete in seiner leicht schrulligen Art: "Ach, Kindchen, du hast doch keine Ahnung."

Wahrscheinlich hortete er, außer Schreibmaschinen und Manuskripten, auch Briefmarken, Modellautos, getragene Slips und Körperteile seiner Mutter.

In Gedanken versunken schlürfte ich meinen Kaffee weiter. Plözlich huschte mir die Frage durch den Kopf: Und was, wenn Kolberg die Mädchen auf dem Gewissen hatte? Also seltsam genug war er jedenfalls. Diese Vorstellung versetzte mich schlagartig in eine grausig morbide Stimmung, doch bevor meine Kopf begann, verschiedenste Szenarien über Kolbergs mögliche Mordlust zu kreieren, maßregelte ich mich selbst: "Oh Mann, Juliet du guckst einfach zu viele Filme!"

In jener Zeitbekam ich nicht das Geringste auf die Reihe. Die letzten zwölf Monate hatte ich mich gehenlassen. Ich umschiffte meine Alltagsprobleme mit Tagträumereien oder betäubte sie, wie mein werter Nachbar, mit gutem Wein.

Als ich vor zwei Jahren mit Anfang dreißig von New York nach L.A. zog, hatte ich, wie die meisten die in die Stadt der Engel kommen, große Pläne. Zuerst versuchte ich einen Job in der Filmindustrie zu ergattern. Den Platz für meinen Oscar hatte ich vorsichtshalber im Bücherregal schon mal freigeräumt. Doch schnell merkte ich, dass ich nicht die einzige bin, die Drehbücher schreibt und man in der Branche nur Erfolg hatte, wenn man hineingeboren wurde oder gut genug aussah, um sich hochzuschlafen. In der Regel bekam ich nicht mal Antwort, wenn ich ein Skript verschickte. Mein Traum war geplatzt! Nach unzähligen Papierkorbprojekten hatte ich aufgegeben und war, um es optimistisch auszudrücken, in der Selbstfindungsphase angelangt. Als erfolglose Drehbuchautorin trieb ich also ohne festes Einkommen von Tag zu Tag desillusionierter durch die Stadt. Und das monatelang. Auf Anraten meiner Eltern entschloss ich mich, "etwas Anständiges" zu machen. In einem schwachen Moment schrieb ich mich tatsächlich für ein Wirtschaftsstudium ein. Ich und Wirtschaft - der Witz schlechthin! Aber wie sagt man: In der Not frisst der Teufel Fliegen.

An der Uni galt ich als verkorkst, meine Kommilitonen - alle bis auf Kristen Daniels -  hatten mich als Eigenbrötlerin abgeschrieben. Niemand hatte Lust, mit mir zu lernen. Die letzten Klausuren hatte ich vergeigt. Nach drei lächerlichen Semestern war ich keinen Fingerbreit davon entfernt, das Studium gehörig gegen die Wand zu fahren. An das Geld, das ich meine Eltern bis dahin gekostet hatte, wollte ich gar nicht erst denken. Obwohl ich mir im Klaren darüber war, wie kurz ich davor stand, von der Uni zu fliegen, unternahm ich nichts, um diesen Umstand zu ändern. Stattdessen lungerte ich den lieben langen Tag in meiner Wohnung herum und hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, den Nachbarn in ihre Fenster zu gucken. Meine Schlafklamotten und den Bademantel zog ich oft erst am Abend aus, wenn ich in der Bar zum Spätdienst antraben musste. Wenigstens das bekam ich hin: mein bescheidenes Einkommen mit Kellnern aufzubessern. Anfangs hatte ich gedacht, dass es kein Problem sei, nachts zu arbeiten, schließlich muss man ja tagsüber studieren. Aber schon nach wenigen Nachtschichten brachte ich es nicht einmal mehr fertig, mich wenigstens in eine der Spätvorlesungen zu setzen.

Vor Mittag kam ich nie aus dem Bett. Bis zu meiner Exmatrikulation, ich zählte bereits die Tage, war es nur noch eine Frage der Zeit. Wenn ich mit meiner Tagesroutine wie Zeitung lesen und stundenlang frühstücken fertig war, machte ich mich entweder für meine Schicht in der Bar fertig oder saß bis in die Abendstunden auf der Fensterbank meiner Küche, von wo aus ich den gesamten Straßenbereich, samt angrenzender Häuser, bestens im Blick hatte. Und wie es sich für einen echten Nachbarschafts-Spion mit voyeuristischen Tendenzen gehört, hatte ich mir ein Fernglas zugelegt. Dann zündete ich mir eine Kippe nach der nächsten an und schaute wie ein Spanner in fremde Stuben.

Es hatte etwas Schmieriges, aber mein eigenes Leben fühlte sich dadurch aufregender an.

Ich wusste inzwischen einiges über meine Nachbarn. Es wirkte auf mich so faszinierend, dass mir in den Sinn kam, mein Studium sofort an den Nagel zu hängen und das zu machen, was ich wirklich wollte: Detektiv spielen, Leute beobachten, filmen. Am liebsten stellte ich mir vor, dass ich wie James Stewart in Hitchcocks: "Das Fenster zum Hof" erst einem dunklen Geheimnis und dann einem Mörder auf die Spur kommen würde. Natürlich war das nichts als eine Ausrede, um mich vor den lahmen Vorlesungen über Finanzwesen zu drücken.

Alles, was nach Verbrechen roch, zog mich an. Es wäre eine Lüge zu behaupten, die verschwundenen Mädchen würden meine Phantasie nicht beflügeln. Ich musste pervers sein. Anders konnte ich mir mein Interesse an diesen unaufgeklärten und wahrscheinlichen Morden nicht erklären.

Ich blätterte zurück zu dem Artikel und las ihn erneut. Dann schnappte ich mir meine Kaffeetasse und machte mich wieder ans Beobachten, im Hinterkopf stets die Frage, wer von meinen Nachbarn ein Mörder sein könnte. Verdächtig waren sie alle.

2. Kapitel

16. Juli, 12:00 Uhr mittags, Manhattan Beach, Los Angeles

Seit die Verbrechen bekanntgeworden waren, malte ich mir die schlimmsten Szenarien aus. Wurden ihnen die Arme bei lebendigem Leibe abgetrennt oder post mortem? Die Schmerzen, die sie gehabt haben müssen, die Angst in ihren Augen, das viele Blut und die Einsicht, dass niemand mehr kommen wird, um sie zu retten - ich konnte an nichts anderes mehr denken. Hatte der Mörder die Knochenfräse angesetzt, als sie noch lebten? Ergötzte er sich an ihrem Todeskampf? Sog er ihre letzten Atemzüge in sich ein? Beruhigte er sie womöglich wie eine Mutter ihr Kind, wenn es schlecht geträumt hat? Und wenn sie in ihrer Verzweiflung wimmerten: Hat er ihnen ein in Verdünnung getränktes Taschentuch in den heiseren Mund gestopft, das Radio lauter gedreht und gesummt, während sie vor Todesangst fast krepierten?

Alles war möglich.

Der Täter, der die Stadt seit mittlerweile fast einem Jahr in Angst versetzte, konnte überall sein. Warum nicht auch in meiner Wohngegend? Schließlich wurde das zweite paar Arme nicht unweit meiner Wohnung entdeckt! Vielleicht war es der Hausmeister? Er hatte Zugang zu allen Hinterhöfen der Straße, er kannte sich aus, er hätte die Möglichkeit, die restlichen Körperteile schnell und ohne viel Aufsehen verschwinden zu lassen. Seit Wochen kamen Sägegeräusche aus seiner Garage.

Aber vielleicht lebten die Mädchen ja wirklich noch? Wenn ein Mensch sofort medizinisch versorgt wird, führt ein abgehackter Arm nicht unweigerlich zum Tod. Was war mit dem Typen, der mir schräg gegenüber in einer der heruntergekommenen Holzhütten lebte? Das Gebilde, in dem er wohnte, war vielleicht vor vielen Jahren mal ein Haus, aber das muss zu einer Zeit gewesen sein, als Nixon noch Präsident war. Mit schmierigen Haaren und entzündeten Augen saß er manchmal den ganzen Tag auf seiner vom Schimmel befallenen Veranda und starrte, gelegentlich an einem Bier nippend, ziellos in die Luft. Ich bekam jedes Mal Angst, wenn ich ihm auf der Straße begegnete.

Mr. Noble, der im ersten Stock des Seitenaufgangs wohnte, war auch verdächtig, erst recht seine Gattin. Ich hatte gesehen, wie sie ihn gewürgt hatte. Mrs. Noble war so außer sich, dass sie nicht bemerkte, dass man sie dabei beobachten konnte, weil sie die Gardinen zur Seite gezogen hatte und das Fenster sperrangelweit offenstand.

"Hör auf, ich krieg keine Luft", hatte Mr. Noble gebrüllt, aber das animierte sie nur dazu, noch fester zuzudrücken. Man hatte von den beiden nicht gerade den Eindruck, dass sie gute Menschen waren.

Und so tat ich, vor allem seit die Morde geschehen waren, kaum etwas anderes, als vor meinem Küchenfenster zu sitzen und in die Häuser und Appartements der mutmaßlichen Mädchenmörder zu schauen. Ich beobachtete Pärchen, die sich erst küssten und dann schlugen, einsam wirkende Tanten, die mit ihren Katzen dinierten, eine Frau, die nackt Gymnastik machte und einen jungen Mann, der Fleisch verdächtig beackerte, bevor er es briet.

Was sich jedoch hinter den halb zugezogenen Vorhängen des Appartements abspielte, das seitwärts meines Küchenfensters im zweiten Stock des Nachbarhauses lag, interessierte mich besonders. Nie waren die Fenster zum Lüften geöffnet, unten am Klingelschild war kein Name angebracht und doch war es unverkennbar, dass dort etwas Seltsames vor sich ging. Immer um die gleiche Zeit ging das Licht an. Etwa für eine Stunde. Zuerst dachte ich, es handle sich um eine dieser Zeitschaltuhren, wie man sie etwa aktiviert, wenn man verreist, doch eines Nachts, ich war gerade von meiner Schicht in der Bar heimgekommen, fiel schlagartig etwas gegen die Vorhänge. Zweimal hintereinander. Wie gebannt starrte ich auf das Fenster.

Nichts geschah. Minutenlang.

Dann fiel erneut etwas dagegen. Ich bildete mir ein, eine Frau gesehen zu haben. Dann dachte ich, dass es ein Mann war, der sich offensichtlich mit Händen und Füßen wehrte. Doch plötzlich tat sich nichts mehr und ich zweifelte schnell an meinen Beobachtungen. Hatte ich mir das etwa doch nur eingebildet? Hey, Fräulein, du solltest nicht ständig zu tief ins Glas schauen, mahnte ich mich selbst.

Eins war klar: Wenn ich an der Universität noch was reißen wollte, musste ich, erstens, damit aufhören, hinter jeder Tür ein Verbrechen zu vermuten, zweitens, meine Fensterbank abreißen und drittens, dringend weniger Alkohol trinken.

Meine Generalverdächtigungen waren auch einer der Gründe, warum ich allein lebte. Früher wohnte ich mit zwei Mitbewohnerinnen zusammen, doch das WG-Leben geriet aus den Fugen, als ich sie beschuldigte, Geld gestohlen zu haben. Obwohl sie beteuerten, nichts damit zu tun zu haben, ermittelte ich weiter vorsorglich in ihre Richtungen. Und zwar nur in ihre Richtungen. Das Geld tauchte zwar schnell wieder auf, aber das Vertrauen war zerstört. Ich musste einsehen, dass ich übers Ziel hinausgeschossen war. Doch 140-Quadratmeter für einen allein können verdammt einsam machen. Es war an der Zeit, jemanden Neues zu suchen. Mann oder Frau war mir egal, solange es bei nur einer Person bleiben würde. Wenn ich aus der Sache eines gelernt hatte dann, dass ich für eine größere Wohngemeinschaft nicht kompatibel war.

Auf der Suche nach einem neuen Mitbewohner hatte ich ein paar Anzeigen geschaltet. Aber das Feedback darauf war unbefriedigend, lediglich zwei Leute hatten Interesse bekundet - einer davon war ein heruntergekommener Typ, den ich bereits im Flur abfrühstückte, weil er mir mit seinen geweiteten Pupillen gruselig vorkam.

Die andere Person klingelte eines Nachmittags bei mir und sollte mein Leben von da an gehörig auf den Kopf stellen.

Ich hatte mich fast schon damit abgefunden, nicht so schnell jemand Geeigneten zu finden, als es plötzlich klingelte.

Leicht genervt schlurfte ich meinen langen Flur hinunter, vorbei an den Paketen, die Kolberg seit Tagen nicht abgeholt hatte, und öffnete die Tür. Als ich die Frau, die davorstand, erblickte, dachte ich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn ich sie zugelassen hätte.

3. Kapitel

17:22 Uhr, Manhattan Beach

Da stand sie - Amber Jones.

Mich traf fast der Schlag, ich schluckte und brachte nur ein Räuspern hervor. Es wurde mit einem Male ganz eng in meinem Hals und meine Kehle fühlte sich wie ausgetrocknet an. Was war sie? Eine Fata Morgana? Fassungslos schauten wir uns an. Auch Amber hatte wohl eher damit gerechnet, auf Charles Manson zu treffen, als auf mich, ihre alte Klassenkameradin aus New York City.

"Du? Du wohnst hier?" Sie krallte sich im Türrahmen fest, um nicht aus den Latschen zu kippen.

"Ja, ich", sagte ich sichtlich beleidigt, "so wahr ich hier stehe."

Amber grinste verschämt. Was hatte sie gedacht? Dass ich irgendwo am Randbezirk eines Molochs wohnte und ein heruntergekommenes Diner am Laufen hielt?

Wir kannten uns seit unserer Kindheit. An der Highschool war Amber die hübsche Schulprinzessin und der Schwarm der Jungs. Und sie war auch diejenige, die als erstes Mädchen aus der Klasse einen BH trug und stolz in der Umkleidekabine von einem Blowjob sprach, während die anderen noch dachten, die Sache habe irgendwas mit Wind zu tun. Obwohl ich sie nie besonders mochte, war ich doch immer fasziniert von ihr gewesen. Wie keine andere stand sie damals für das Verbotene. Im Grunde war sie genau so, wie ich in diesen Tagen gern sein wollte. Sie war eines dieser Mädchen, über die jeder eine Meinung hatte und die stets den Eindruck vermittelte, über den Dingen zu stehen. Ihre unterkühlte Art ging vielen auf die Nerven, dennoch machte sie dieser Umstand gleichzeitig sehr geheimnisvoll. Und ich sollte erwähnen, dass ich damals bis über beide Ohren in sie verknallt war.

Etwas widerwillig bat ich sie herein. Als ich die Tür geschlossen hatte, fühlte ich mich wie ein gefangenes Tier in einem Käfig. Die Kette der Verriegelung klackte gegen den Holzrahmen. Es dauerte nur wenige Augenblicke und meine leidvolle Begierde von einst flackerte wieder auf. Ich war mir sicher, dass sie genau die Mitbewohnerin war, nach der ich gesucht hatte. Allein die Art, wie sie sich auf dem Absatz drehte und dabei ihr lockiges Haar zurückwarf! Und dann dieser leicht überhebliche Blick, den sie mir wie brennende Pfeile entgegen schleuderte! Sie war zwar um einige Jahre älter, ja. Aber in dem Gesicht der Frau sah ich immer noch das Mädchen, das ich einmal vor vielen Jahren in der Dunkelheit des Geräteraums in der Turnhalle geküsst hatte. Ein Kuss, der mir viele Nächte den Schlaf raubte.

Als sie jetzt wieder vor mir stand, wollte ich nur noch eins: dass Amber unbedingt bei mir einzieht. Natürlich konnte ich damit nicht einfach so herausplatzen. Was sollte sie sonst von mir denken?

Wir hatten uns seit fünfzehn Jahren nicht gesehen. Doch jetzt, wo Amber nur wenige Zentimeter vor mir stand, pochte mein Puls wie ein Presslufthammer. Meine Handflächen begannen zu schwitzen. Ignorieren war zwecklos. Jetzt bloß keinen unsicheren Eindruck machen, zwang ich mich.

Amber blickte keck durch mich hindurch und tat so, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, dass wir uns hier in Los Angeles in Hörweite des Pazifischen Ozeans nach so langer Zeit wieder über den Weg laufen und uns auf Anhieb erkannt haben.

Wie der Anführer einer Armee marschierte sie durch meine Wohnung und nahm die einzelnen Zimmer in Augenschein. Und ich, unfähig meiner aufgerüttelten Gefühle habhaft zu werden, latschte ihr fahrig hinterher.

Die Art, wie sie sich bewegte, machte mich wirklich kirre. Es wäre gelogen zu sagen, dass sie mich nicht wieder sofort sexuell faszinierte. Ihre ganze Ausstrahlung war es, die mein Interesse innerhalb weniger Augenblicke neu entfachte. Damals wie heute - nichts hatte sich an meinen Gefühlen für sie geändert. Und Amber hatte sich auch nicht verändert, bis auf die Tatsache, dass sie noch schöner geworden war.

Dass ich mich auch zu Frauen hingezogen fühle, war mir klar, seit ich vierzehn war.

"Und, was meinst du?", fragte ich, als Amber mit ihrer Inspektion fertig war und ich mir nichts sehnlicher wünschte, als dass sie unverzüglich einziehen würde.

Amber aber stand nur seelenruhig da und sagte nichts. Ihr Schweigen ließ mich erneut unruhig werden. Ich machte ein paar unbeholfene Gesten und fuchtelte eilig mit den Armen herum, so als müsse ich die Entscheidung auf der Stelle wissen. Doch während ich mich zum Affen machte, lehnte sie lasziv an der Wand neben der Fensterbank, als wäre sie in einer Disco und hätte vor, die Typen reihenweise verrückt zu machen.

Ihre Locken fielen über ihre Schultern und kringelten sich über ihren Brüsten, die durch ihren engen Pullover noch mehr betont wurden. Ich musste mich konzentrieren, nicht ständig drauf zu schauen. Ihre Haut war leicht gerötet, die Stirn glänzte. Ihre grünen Augen waren stark geschminkt, ihre Lippen waren so rot wie der abgeblätterte Lack auf ihren Nägeln. Ich konnte ihr ansehen, dass sie längst bemerkt hatte, dass ich sie als WG-Partnerin mehr als geeignet fand. Und obwohl mir klar war, dass man auch in meinem Gesicht gerade wie in einem offenen Buch lesen konnte, war ich bemüht, meine erhitzten Gefühle runterzukühlen. So zeigte ich übertrieben eilig auf meine Uhr und nölte gespielt halbherzig herum, von wegen, dass sie jetzt langsam gehen müsse, weil gleich noch zwei weitere Bewerber kämen. Was natürlich gelogen war. Doch Amber schien es nichts auszumachen, dass ich vorgab, in Eile zu sein. Mit der Gelassenheit eines Mönchs fragte sie mich nach den Nebenkosten.

"Strom ist inklusive, Kabel-Anschluss haben wir auch, das Bad soll demnächst gefliest werden", hörte ich mich plappern.

"Und die Nachbarn? Wie sind die so?"

Mein Gott dachte ich, diese Frau macht mich jetzt schon wahnsinnig.

"Die Nachbarn? Wie überall - voller Abgründe. Neben mir wohnt ein alleinerziehender Soldat mit sechszehnjähriger Tochter, die ihren musikalischen Pegel gern bis an den Anschlag reißt, vornehmlich zwischen vier und sechs Uhr morgens. Das Appartement da drüben soll angeblich leer stehen", ich zeigte auf das Fenster mit den zugezogenen Vorhängen und berührte Amber dabei leicht an der Schulter, "oben drüber wohnt eine alte Dame. Isst immer mit ihren Katzen. Und unter mir wohnt ein Journalist, na ja, so lange wohne ich hier auch noch nicht."

"Ein Journalist?" Amber quiekte.

Ich war irritiert. Hatte sie Salafist statt Journalist verstanden? Sprach ich so undeutlich? Nuschelte ich etwa? Ich ignorierte ihren fragenden Blick: "Ja, Arvid Kolberg heißt der Typ. Arbeitet bei einem Nachrichtensender. Ist ganz nett. Weniger nett ist seine Nachbarin, Mrs. White. Ein Blockwart vorm Herrn. Neulich hat sie sich mit Kolberg angelegt, weil sie ihn dabei erwischt hat, wie er ein paar Kippen in den Hof geschnippt hat."

Ambers Gegenwart machte mich immer hibbeliger. Um meine Nervosität zu überspielen, quasselte ich wie ein Trottel weiter. "Ganz oben hat Mr. Lurie, der Hausbesitzer sein Büro. Hyperkorrekt. Menschlich ein Arschloch. Tyrannisiert die Mieter. Schließt nachts die Mülltonnen ab. Spioniert. Geht in die Wohnungen derer, die verreist sind. Hat sogar schon mal 'ne Tote gefunden."

"Eine Tote?"

"Ja. Selbstmord. Erhängt."

"Das ist ja furchtbar!" Amber ließ sich rücklings auf die Fensterbank plumpsen.

Ich schob den Zeitungsstapel beiseite und setzte mich neben sie. Ob sie es auch fühlte - dieses Knistern?

"Ich schau mir gleich noch zwei andere Wohnungen an. Vorher kann ich dir nichts Konkretes sagen. Ich meine, du hast es hübsch hier, würde mir gefallen. Aber ich will keine verfrühten Zusagen machen. Bitte sei nicht böse." Sie schaute mir tief in die Augen.

Moment, Moment! Wie jetzt? Wer gibt hier wem Zusagen? Ich wollte ihr sagen, dass der Hase so nicht läuft, stattdessen entglitt mir nur ein angesäuertes "Mmf".