Amadeus Johnson - Band 1 - Michael E. Noll - E-Book

Amadeus Johnson - Band 1 E-Book

Michael E. Noll

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Beschreibung

Ein Erwachen im luftleeren Schwarz. Ein Körper, der friert. Ein Alarm, der nicht schweigt. Amadeus Johnson erreicht die Brücke – und blickt in eine Sternenkarte, die keine ist. Die KI spricht von einem Ort außerhalb aller bekannten Sektoren. Die geschätzte Distanz zur Erde: 144 Lichtjahre. Während das Schiff nur noch mit Restschub treibt, rekonstruiert der Computer die Route – bis die Daten abbrechen. Systemfehler? Beschädigte Instrumente? Oder eine Anomalie im Raum-Zeit-Kontinuum? Amadeus braucht Antworten. Doch je näher die Analyse kommt, desto deutlicher wird, dass die Vergangenheit auf der fernen Heimat Erde ihn einholen wird. „Der grüne Planet“ verbindet Weltraumabenteuer mit der leisen Frage, was uns Menschen ausmacht, wenn Karten enden: Erinnerung, Verantwortung – und Hoffnung. Eine atmosphärische Weltraumoper von Michael E. Noll.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Amadeus Johnson

Band 1 - Der grüne Planet

Space Opera

von

Michael E. Noll

Erstausgabe im Dezember 2025

Neuauflage einer Buchidee aus 2018

Alle Rechte bei Michael E. Noll

Copyright © 2025

MNbooks – Michael Noll

c/o IP-Management #6681

Ludwig-Erhard-Str. 18

20459 Hamburg

[email protected]

https://mnbooks.de

ISBN 978-3-912186-51-2

Transparenzhinweis: Das Coverbild dieses Buches wurde mit Hilfe des KI-Tools ChatGPT (OpenAI) erstellt und vom Autor nachbearbeitet. Die übrigen in diesem Buch verwendeten Abbildungen wurden mit Hilfe des KI-Tools Midjourney (Midjourney, Inc.) erstellt und teilweise vom Autor nachbearbeitet. Bei der orthografischen und typografischen Überarbeitung des Originaltexts von 2018 kam die KI ChatGPT (OpenAI) zum Einsatz.

Prolog

Was Zeit und Raum verriegeln, entriegelt der Geist. Er allein passiert jede Grenze.

Endloser Raum

Körperlos gleite ich durch die schwarze Unendlichkeit. Aus der Ferne dringt das ungefilterte Licht von Milliarden Sternen zu mir. Diese Stille. Endlich dieser tiefe Frieden, nach dem langen Sturm. So verloren und doch so nah bei mir selbst. Wo ich herkomme, spielt keine Rolle. Wo ich hingehe, spielt keine Rolle. Zeit ist bedeutungslos. Ich bin einfach. Für die Ewigkeit. Kein Schmerz. Keine Trauer. Keine Angst.

Dieses Geräusch. Etwas zieht an mir. Es wird lauter, dringt zu mir durch, ich kann es nicht greifen. Der Zug wird stärker. Ein erwachender Verstand, schmerzende Glieder. Dieses verdammte Geräusch. Diese Kälte, diese unerbittliche Kälte. Zitternd öffne ich die schweren Augenlider. Vage Fetzen von Erinnerungen bohren sich grell durch meinen Kopf. Ich wusste immer, dass der menschliche Körper für Raumreisen nicht geschaffen ist. Die Leuchtröhren an der Decke lassen Serotonin in mein Gehirn schießen.

Der Alarm hämmert gnadenlos in meinen Kopf. Ich muss ihn abschalten.

Dazu muss ich mich aus der Hyperschlafkammer bewegen. Mühevoll setze ich mich auf, erhebe meinen nackten und frierenden Körper aus der Flüssigkeit. Der Schwerkraftgenerator hat sich bereits aktiviert. Natürlich ist die künstlich erzeugte Schwerkraft nicht mit der auf der Erde vergleichbar. Aber sie reicht aus, um mich auf dem Boden des Schiffs zu halten und dafür zu sorgen, dass sich Flüssigkeit und Ausrüstung nicht unkontrolliert in der Luft verteilen. Auch die erbrochenen Magensäfte, die mir gerade aus dem Hals schießen, landen zuverlässig auf dem Grund. Während ich mich aufrichte, erinnere ich mich langsam. Mein Name ist Captain Amadeus Johnson. Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen habe und wo sich mein Schiff nun befindet. Eigentlich bin ich kein Captain und dies ist nicht mein Schiff. Ich muss diesen verdammten Alarm abschalten. Ich trockne mich ab und schlüpfe in den dunkelblauen Overall der terrestrischen Raumflotte, der sauber gefaltet in einer Kiste neben der Schlafkammer liegt. Mühsam streife ich die Kampfstiefel über; den Aufwand, sie zu binden, gibt meine Feinmotorik gerade nicht her.

Ich verlasse den Raum und befinde mich auf dem schmalen, fensterlosen Korridor. Die Schiebetür schließt sich hinter mir, fast lautlos. Ich schätze die japanische Ingenieurskunst. Torkelnd, mit schweren Schritten und langsam hochfahrendem Kreislauf bewege ich mich in Richtung Brücke. Die zwanzig Meter kommen mir endlos vor. Mein Schädel brummt erbärmlich und mit jedem Schritt wird der Alarm lauter. Ich erreiche die Tür zum größten Raum des Schiffs und der Sensor scannt meine Iris. Sie öffnet sich. Vor mir erstreckt sich die Kommandobrücke mit ihrem wuchtigen Steuerpult und den vielen verschiedenen Bildschirmen. Mir ist, als sei ich erst gestern hier gewesen. Mein Blick fällt auf die große, dreigeteilte Glasfront, die mir die direkte Sicht in den luftleeren, schwarzen Raum ermöglicht. Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, wo wir sind – das Schiff und ich. Sonst ist niemand hier, in dieser kalten Einsamkeit. Ich nehme Platz auf dem bequemen Kommandositz und schalte den Alarmton ab. Eine Fehlfunktion am Antrieb scheint ihn ausgelöst zu haben. Das Deutschenberger-Aggregat – der zuverlässigste Antrieb seiner Generation – läuft im Notmodus; das Schiff trägt nur noch der verbleibende Drift.

Der Hyperraum liegt hinter uns. Wir sind in den Normraumkorridor eingeschleust, die Relativgeschwindigkeit fällt, die Radiatoren nehmen Überschusswärme auf, der Kurs stabilisiert sich. Verdammt, wie lange war ich weg? Mit einem Blick auf die digitale Anzeige mittig oberhalb der Kommandobrücke könnte ich mir die Frage selbst beantworten. Es ist der 16. August 2474 Erdenzeit. Das bedeutet, ich habe etwas mehr als sechs Jahre geschlafen. Der Vorteil dabei ist, dass man während des Hyperschlafs kaum altert. Wo bin ich? Ich frage die KI, meinen einzigen Gesprächspartner hier draußen. Sämtliche Kommunikationssysteme habe ich deaktiviert. Aus gutem Grund. Die freundliche, synthetische Frauenstimme informiert mich darüber, dass das Navigationssystem nun hochgefahren wird. Während des Hyperschlafs werden die Systeme gedrosselt, um Ressourcen zu schonen. Nur das Deutschenberger-Aggregat mit seinem Antimaterieantrieb fährt dann in den vollen Betrieb und beschleunigt langsam. Würde es mit voller Kraft beschleunigen, würde die unvorstellbare kinetische Energie die Blutgefäße eines jeden Passagiers zum Bersten bringen. Es wäre zwar ein schneller, sicher aber kein schöner Tod. Das mussten auch manche Raumfahrtpioniere vergangener Tage auf schicksalhafte Weise erfahren. Ihre Namen sind für die Ewigkeit in die glänzend stählernen Gedenktafeln irdischer Raumflughäfen eingraviert. Im Vergleich zu früher jedoch ist das Raumreisen sicherer und vor allem komfortabler geworden. Der Computer hat die Raumtemperatur zwischenzeitlich auf angenehme 20 °C angepasst. Das Außenthermometer zeigt verhältnismäßig warme −223 °C an, was darauf hindeutet, dass ich mich bereits im thermischen Einflussbereich eines Sterns befinde. Im interstellaren Raum ist die Temperatur normalerweise kaum wärmer als −270 °C. Zumindest muss ich nicht von Fahrenheit umrechnen, denn dieses Schiff ist kein imperiales Fabrikat. Ich habe es während meiner Flucht gekapert, um von diesem verdammten Vorposten wegzukommen. Glücklicherweise konnte ich die Steuereinheit dazu bewegen, sich auf Englisch umprogrammieren zu lassen. Was mir mehr Sorgen macht, ist allerdings, dass ich wegen einer Antriebsstörung etwa vierzehn Jahre zu früh aufgewacht bin. Meine träumende Seele wurde aus dem Licht zurück in die kalte Dunkelheit gerissen, wo ich nun sitze, mit Schwindel und höllisch knurrendem Magen.

Der Computer informiert mich darüber, dass die Sternenkarte nun geladen und das System bereit zur Navigation ist. Ich werde wohl einige Minuten benötigen, um mir eine Orientierung zu verschaffen, doch letztlich starre ich nur fragend auf den gigantischen Bildschirm, der eigentlich eine mir bekannte Sternenkarte zeigen sollte.

»Aiko?«

»Zu Ihren Diensten, Amadeus-san.«

»Was ist das für eine Karte?«

»Es handelt sich um eine Schnellanalyse dieses Sonnensystems, wie Sie gewünscht haben.«

»Nein, das habe ich nicht gewünscht. Du solltest die Sternenkarte laden und mir unseren Aufenthaltsort anzeigen.«

»Das ist mir nicht möglich.«

»Warum?«

»Das Schiff befindet sich außerhalb des kartografierten Bereichs.«

»Das ist unmöglich.«

»Soll ich eine detaillierte Analyse der Umgebung starten?«

»Nein, warte. Ich muss nachdenken.«

Der Computer muss sich irren. Dass ich mich außerhalb des uns bekannten Universums befinde, ist schlicht unmöglich. Dabei sagt man den japanischen Computergehirnen nach, dass sie zu den Besten der Erde gehören. Viel weiter als zwanzig Lichtjahre im Radius der Erde ist bisher kaum jemand vorgedrungen. Dazu würden die Energievorräte nicht ausreichen und bisher wurde auch nichts entdeckt, was die für eine derartige Unternehmung erforderlichen Aufwendungen rechtfertigen würde. Abgesehen von den Hirngespinsten einiger selbst ernannter Visionäre, die Wunder glaubten, was da draußen noch alles zu finden sei. Das am weitesten von der Erde entfernte und jemals erreichte Ziel ist Terra II. Und dessen Bewohner sind viel zu sehr mit sich selbst und der Verteidigung ihres Planeten beschäftigt, als dass sie große Raumexpeditionen starten würden. Technisch wären sie ohne Zweifel dazu in der Lage.

»Aiko, bitte berechne die Entfernung zur Erde.«

»Die Entfernung zur Erde kann derzeit nicht exakt bestimmt werden. Soll ich die Berechnung starten?«

»Ja, verdammt! Mach schon!«

»Die geschätzte Entfernung zur Erde beträgt 144 Lichtjahre.«

»Das ist nicht möglich. Bitte starte das System neu.«

»Natürlich, Amadeus-san. Systeme werden heruntergefahren.«

Ich frage mich gerade, was hier schiefläuft. Während das System neu startet, will ich die Zeit nutzen, in der Bordküche etwas zu essen. Der Hyperschlaf hat mich vollkommen ausgehungert – ein bekanntes Phänomen nach der jahrelangen intravenösen Nährstoffversorgung. Auch ein Kaffee wäre jetzt eine Wohltat. Ich fühle mich, als hätte ich gerade eine Vollnarkose hinter mir. Ich verlasse die Kommandobrücke und biege nach etwa zehn Metern nach rechts ab. Dort befindet sich die Küche, gegenüber die »Schlafräume«, von denen aus man in das kleine Bad gelangt. Die Küche ist schlicht und funktionell. In der Mitte des Raumes befindet sich ein ovaler Tisch mit vier Stühlen, allesamt im Boden verankert. Dieses japanische Spionageschiff wurde für eine Vier-Mann-Crew entwickelt. Über einem der Stühle hängt noch meine Häftlingskleidung; seit ich sie vor sechs Jahren dort hingehängt habe. Die Essensausgabe erfolgt per Spracheingabe und ich kann aus 21 verschiedenen Gerichten auswählen. Ich entscheide mich für einen Reistopf mit Rindfleisch, eines der wenigen Dinge, die ich bei der vorgegebenen Auswahl kenne. Der Automat bereitet das Gericht in weniger als dreißig Sekunden zu. Wenigstens das scheint noch zu funktionieren. Ich öffne die Klappe und nehme den dampfenden Teller aus dem Schacht. Nachdem ich gespeist habe, wird mir bewusst, wie sehr ein voller Magen zum Wohlbefinden beiträgt. Daran hat sich in all den Jahrtausenden Menschheitsgeschichte nichts geändert. Die mit frisch aufgegossenem Astronautenkaffee gefüllte, glänzende Edelstahltasse nehme ich mit zurück auf die Brücke.

»Aiko?«

»Die Systeme sind neu gestartet und bereit, Amadeus-san.«

»Gut. Aktuellen Standort anzeigen.«

»Die Entfernung zur Erde kann derzeit nicht exakt bestimmt werden. Soll ich die Berechnung starten?«

»Verdammt, das gibt es doch nicht … Ja!«

»Die geschätzte Entfernung zur Erde beträgt 144 Lichtjahre.«

»Das kann nicht stimmen! Viel mehr als sechs Lichtjahre können wir unmöglich von der Erde entfernt sein!«

»Soll ich eine detaillierte Analyse der Umgebung starten?«

»Nein. Rekonstruiere die Flugroute von unserem Startpunkt aus.«

»Rekonstruiere Route von terrestrischem Vorposten Europa I.«

Der Computer beginnt seine Arbeit. Europa I erscheint als kleiner Punkt auf dem großen Bildschirm. Eine weiße Linie zieht sich durch das Schwarz der Sternenkarte. Sie wandert durch das Sonnensystem der Erde und durchbricht schließlich den äußeren Asteroidengürtel in Richtung Alpha Centauri.

»Stopp. Warum gibt es hier eine Abweichung von der regulären Route?«

»Ein unerwartet aufgetretenes Asteroidenfeld. Gemäß Sicherheitsroutine 1756243 wurde die effizienteste Ausweichroute eingeleitet.«

Die Linie schiebt sich weiter über die Sternenkarte, der Grund für die Kursänderung scheint plausibel. Kurz bevor die Linie sechs Lichtjahre Entfernung erreicht, stoppt sie.

»Aiko? Warum wurde die Rekonstruktion der Flugroute gestoppt?«

»Ab diesem Zeitpunkt kann die Flugroute nicht mehr rekonstruiert werden.«

»Warum nicht?«

»Die exakte Ursache kann nicht bestimmt werden.«

»Liste die möglichen Ursachen auf.«

»Möglicherweise liegt Systemversagen vor.«

»Weiter.«

»Möglicherweise liegt eine Beschädigung der Navigationsinstrumente durch äußere Einflüsse vor.«

»Hättest du mich dann nicht schon früher aus dem Hyperschlaf geholt? Weiter.«

»Möglicherweise liegt eine Anomalie im Raum-Zeit-Kontinuum vor.«

»Eine Anomalie im Raum-Zeit-Kontinuum?«

»Korrekt. Dies ist eine der möglichen Ursachen.«

Die einzige mir bekannte Anomalie im Raum-Zeit-Kontinuum, die das erklären könnte, wäre ein Wurmloch. Wurmlöcher sind zwar theoretisch möglich, jedoch wurde bisher nie die tatsächliche Existenz eines solchen nachgewiesen, geschweige denn, dass man eines hätte erzeugen können. Auch fünfhundert Jahre nach Einstein wäre der dafür notwendige immense Energieaufwand technisch in keiner Weise zu bewerkstelligen. Sollte ich der erste Mensch sein, der, ohne es zu wissen, unwillentlich durch ein natürliches Wurmloch geflogen ist?

»Aiko?«

»Zu Ihren Diensten, Amadeus-san.«

»Kommen noch weitere Ursachen in Betracht?«

»Nein.«

»Dann erstelle eine detaillierte Analyse der Umgebung.«

»Leite detaillierte Umgebungsanalyse ein. Geschätzte Zeit: etwa 2,5 Stunden.«

Ich lasse Aiko rechnen, stehe auf und nehme einen Schluck Kaffee. Heiß, stark, erstaunlich nah an echten Röstbohnen. Angesichts meiner Lage fällt mir nichts Besseres ein, als mich vor die Fensterfront zu stellen und meinen Blick in die unendliche Leere schweifen zu lassen. Das Schwarz ist gespickt mit leuchtenden Punkten.

Einige ergeben Sternenbilder, die ich jedoch noch nie zuvor gesehen habe. Links von mir, gerade noch im Sichtbereich, prangt ein Punkt, der deutlich größer ist als die anderen. Das könnte das nächstgelegene Zentralgestirn dieses unbekannten Sonnensystems sein.

Mir bleibt keine andere Wahl, als das Ergebnis der Umgebungsanalyse abzuwarten.

Überwältigt von der unendlichen Weite des Raumes und meiner eigenen Einsamkeit, versinke ich in Gedanken. Mein Ziel war Terra II, ein Gesteinsplanet, der bereits vor über vierhundert Jahren entdeckt wurde, lange bevor die Menschheit technisch in der Lage war, den Weltraum zu besiedeln. Rein pragmatisch betrachtet wäre dies auch gar nicht mehr notwendig gewesen, denn seit ihrem Höhepunkt Ende des 21. Jahrhunderts ist die Größe der Weltbevölkerung rückläufig. Von einst zwölf Milliarden sind nur mehr etwa zehn Milliarden übrig, Tendenz sinkend. Naturkatastrophen, Krankheiten, Kriege, Ressourcenknappheit sowie demografischer und kultureller Wandel sorgten für eine Wende. Die extraterrestrischen Kolonien unserer Zeit dienen nahezu ausschließlich Forschungszwecken, dem Abbau von Ressourcen oder unterliegen einer militärstrategischen Bedeutung. Mit Ausnahme von Terra II. Dieser Planet ist mehr als nur eine Kolonie; auf ihm herrschen erdähnliche Bedingungen, eine Atmosphäre und ein ebenfalls Milliarden von Jahren altes Ökosystem. Terra II befindet sich im Krieg mit der Erde, seit sich seine Bevölkerung vor etwa achtzig Jahren für unabhängig erklärte. Alle militärischen Interventionen der Erde, Terra II wieder zurückzuerobern, scheiterten seither. Dies ist nicht nur der äußerst wehrhaften Bevölkerung dort zu verdanken oder den exzellenten, hoch entwickelten Waffensystemen, sondern vor allem der trotz modernster Antriebstechnik noch immer enormen Distanz von 20,5 Lichtjahren. Terra II ist der einzige bekannte Ort im Universum, den ich noch betreten kann, ohne eingesperrt oder getötet zu werden.

Ich verdamme meinen Heimatplaneten, die Erde, und doch vermisse ich ihn schmerzlich. Mir wird bewusst, dass ich die blaue Kugel niemals wiedersehen werde und dass vermutlich noch nie ein Mensch so weit von der Wiege seiner Entstehung entfernt war wie ich – auch wenn ich für diese Umstände nicht die geringste Erklärung habe. Plötzlich übermannt mich die Traurigkeit endgültig, und ich kann die Tränen nicht mehr halten; schwer atmend sinke ich auf den kahlen Metallboden.

Hoffnung

In Embryonalstellung liege ich zwischen Aussichtskanzel und Kommandozentrale, gelähmt von meiner eigenen Verzweiflung. Doch tief in mir beginnt sich Widerstand zu regen. Dieser Widerstand, der sich immer dann meldet, wenn die Situation aussichtslos erscheint. Dieser Widerstand, ohne den ich nicht da wäre, wo ich jetzt bin. Doch diesmal sitze ich wirklich in der Klemme und weiß noch nicht einmal, warum. Nein, das akzeptiere ich nicht. Das kann nicht das Ende sein. Und dann fühle ich es ganz deutlich: Hoffnung.

»Meine Sensoren diagnostizieren einen unterdurchschnittlichen Serotoninspiegel. Ein möglicher Katharsiseffekt. Soll ich einen Witz erzählen, Amadeus-san?«

»Es ist alles in Ordnung, Aiko. Ich habe nur einen Moment für mich gebraucht.«

Nachdem ich es ausgesprochen habe, bemerke ich erst, wie dumm sich das anhört. Hier ist im Umkreis von 144 Lichtjahren niemand außer mir. Mein einziger Gesprächspartner ist ein Computer – genauer gesagt eine künstliche Intelligenz japanischer Abstammung. Auf eine Begegnung mit einer anderen Art von Intelligenz kann ich hier draußen kaum hoffen. Bis heute hat man nicht den geringsten Nachweis erbracht, dass außer der Menschheit noch weiteres, höher entwickeltes Leben in diesem Universum existiert. Dabei hat man im Laufe der letzten Jahrhunderte kaum eine Möglichkeit ausgelassen und sämtliche Register gezogen, um mit Alienzivilisationen in Kontakt zu treten. Selbst auf Terra II fanden sich nur primitive Lebensformen, ähnlich denen aus frühen Entwicklungsstadien unserer Erde.

»Soll ich Musik auflegen, um Ihr Stimmungsbild zu heben, Amadeus-san?«

Musik. Ich überlege gerade, wann ich das letzte Mal Musik gehört habe. Es muss eine Ewigkeit her sein. Natürlich laufe ich Gefahr, damit Erinnerungen zu wecken und noch mehr in ein emotionales Tief zu geraten. Andererseits kann Musik tatsächlich die Stimmung heben. Also beschließe ich kurzerhand, das Risiko einzugehen.

»Ja, Aiko. Bitte spiele Musik.«

»Was möchten Sie hören, Amadeus-san?«

»Such du etwas aus.«

»Welche Periode? 22. Jahrhundert oder später?«

»Wie wäre es mit etwas aus dem 21. Jahrhundert?«

Prompt legt Aiko kubanischen Salsa aus dem 21. Jahrhundert auf. Für einen kurzen Moment bin ich tatsächlich beeindruckt. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts bis etwa Anfang des 21. Jahrhunderts war die, musikalisch gesehen, prägendste Periode der Menschheitsgeschichte. Danach gab es nie wieder etwas Vergleichbares. Aber das ist nur meine persönliche Ansicht. Und nun kommt auch schon die Erinnerung. Ich sehe ihr Gesicht vor mir. Martha … meine große Liebe … Warum muss dieser verdammte Computer genau das Lied auflegen, zu dem ich das erste Mal mit Martha getanzt habe? Ich stoße einen Schrei aus, und eine Träne läuft mir über die Wange. Meine Faust kracht auf das Bedienpult.

»Soll ich die Musik stoppen, Amadeus-san?«

»Nein …«

Schon vor langer Zeit fand die Wissenschaft heraus, dass Weinen, neben der seelisch reinigenden Funktion, vor allem einen kommunikativen Effekt hat. Man macht damit auf sein Befinden aufmerksam, weckt Hilfsbereitschaft und Mitgefühl bei seinen Mitmenschen. Hier draußen ist das selbstverständlich völlig sinnlos. Ein Computer ist nicht in der Lage, Mitgefühl zu empfinden. Er kann das Wort benutzen und aussprechen, und doch hat auch die am höchsten entwickelte KI keinen blassen Schimmer davon, was es ist. Sie kann es nur simulieren. Nur ein Wesen aus Fleisch und Blut ist in der Lage, Mitgefühl zu empfinden. Trost zu spenden. In dieser Einsamkeit kann ich ihn mir nur selbst spenden. Ich frage mich, ob Martha wohl noch lebt und wie es ihr jetzt ergehen mag. Für einen Moment widme ich meine Gedanken ganz den Menschen, die ich in meinem Leben gekannt habe und die an meiner Seite kämpften – in einem end- und hoffnungslosen Kampf für Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Viele von ihnen sind tot. So wie ich auch tot bin, mit dem Unterschied, dass meine Seele noch in diesem Körper steckt. Mehr als die Hälfte meines Lebens hätte ich theoretisch noch vor mir gehabt, wenn man bedenkt, dass der Altersdurchschnitt eines gesunden Mannes inzwischen bei 110 Jahren liegt. Ich bin Amadeus Johnson. Ich bin der Captain dieses Schiffs. Und ich werde nicht einfach aufgeben.

Mit gestreckter Brust erhebe ich mich und atme tief durch. Während Aiko Salsa spielt und die Karte der Umgebung erstellt, führt mich mein Weg durch die kleine Schlafkammer in das noch kleinere Badezimmer dahinter. Normalerweise wäre hier für Intimität kein Raum, aber ich bin alleine und betrachte mein Gesicht im Spiegel. Meine braun-grauen Haare sind mittlerweile schulterlang und in meinem Gesicht prangt ein dichter Vollbart. Als ich meine Reise antrat, trug ich weder Behaarung auf dem Kopf noch im Gesicht. Der Hyperschlaf fährt sämtliche Körperfunktionen auf ein Minimum herunter; alles wird verlangsamt. Und doch hört es nicht vollständig auf. Ich blicke in meine tiefblauen Augen, von denen ich immer das Gefühl hatte, sie würden das gesamte Universum widerspiegeln. In diesem Moment schöpfe ich erneut Hoffnung. Es gibt einen Grund dafür, dass ich hier bin. Ich kultiviere mich, rasiere meinen Bart ab, und meine weichen Gesichtszüge kommen zum Vorschein. Zumindest stelle ich fest, dass ich noch immer wesentlich jünger aussehe, als ich eigentlich bin. Müdigkeit und Erschöpfung überkommen mich, und ich beschließe, mich etwas hinzulegen. Mein erster natürlicher Schlaf seit mehr als sechs Jahren. Aiko soll mich wecken, wenn die Karte fertig berechnet ist.

Auf dem Bildschirm vor mir befindet sich die vollständige Karte des Sonnensystems; wir sind bereits im inneren Anflugkorridor und die Relativgeschwindigkeit fällt spürbar. Somit schwindet auch das letzte Quäntchen Hoffnung, dass es sich um einen Computerfehler gehandelt haben könnte. Es gibt ein Zentralgestirn mit der 1,6-fachen Masse der Sonne, das von 17 Planeten und zwei Zwergplaneten umkreist wird. Die meisten davon scheinen Gasriesen oder karge Gesteinsplaneten zu sein. Zwei davon kreisen innerhalb der lebensfreundlichen Zone des Sterns. Sie könnten theoretisch bewohnt sein.

»Aiko, zeige mir die Details zu den beiden Planeten an, die sich in der habitablen Zone befinden.«

Der Computer tut seine Arbeit und präsentiert mir die errechneten Daten des Umgebungsscans. Der äußere der beiden Planeten scheint ein Wüstenplanet von etwa der Größe der Erde zu sein, der über eine dünne Atmosphäre verfügt. Er rotiert nicht; eine Seite ist daher immer seinem Stern zugewandt, auf der anderen ist es immer dunkel. Der innere Planet verfügt über eine sehr dichte Atmosphäre und rotiert, in Relation zur Erde, eher langsam um die eigene Achse.

»Liste Details zu dem inneren Planeten der habitablen Zone auf.«

»Massereicher Gesteinsplanet. 0,8-fache Größe der Erde. Er wird von fünf Trabanten umkreist. Die Gravitation beträgt 108,64 % der der Erde. Dichte Atmosphäre; die genaue Zusammensetzung kann nicht exakt bestimmt werden. Ein Jahr beträgt, nach Berechnung der Umlaufbahn, 798,3 Erdentage. Ein Tag dauert 73 Erdenstunden. Die errechnete Jahresdurchschnittstemperatur liegt bei 38 °C.«

»Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Planet Leben beherbergt?«

»Nach einem erweiterten Atmosphärenscan liegt die Wahrscheinlichkeit bei 92 %. Es ergeben sich keine Hinweise auf die Existenz höher entwickelter Lebensformen.«

»Können wir diesen Planeten erreichen?«

»Mit einer Anpassung der Route und der verbleibenden Restschubenergie können wir das Ziel in 2,1 Tagen erreichen.«

»Okay. Alternative Route einleiten. Und starte eine erweiterte Fehlerdiagnose des Antriebs.«

Etwa eine halbe Stunde später erhalte ich das niederschmetternde Ergebnis: Eine defekte Akramitspule ist für den Ausfall des Antriebs verantwortlich; erschwerend kommt hinzu, dass eines der beiden Sonnensegel beschädigt zu sein scheint. Der einzige Strohhalm, an den ich mich nun klammern kann, ist, dass die verbleibende Restschubenergie ausreichen wird, um mich in die Umlaufbahn dieses potenziell lebensfreundlichen Planeten zu befördern. Aber selbst wenn dieser Planet über eine atembare Atmosphäre, flüssiges Wasser und ein funktionierendes Ökosystem verfügen sollte – ich würde wohl auf ewig dort festsitzen.

Der Gedanke, zum modernen „Robinson Crusoe“ der Raumfahrt zu avancieren, behagt mir nicht. Zumal die Dimension der Entfernung eine andere ist als auf den irdischen Weltmeeren und die Chance, gerettet zu werden, somit ungleich geringer wäre. Mit den vergleichsweise primitiven Mitteln, die es bräuchte, um von einer Insel wegzugelangen, ist der technische Aufwand in meiner Situation wohl kaum ins Verhältnis zu setzen. Ein Gedanke, der die aufkeimende Hoffnung wieder zu zerschmettern droht. Deshalb versuche ich, mich abzulenken.

Die nächsten Tage verbringe ich damit, zu schlafen, zu essen, Musik zu hören, das Buch »Überlebensratgeber für unbekannte bewohnbare Planeten« von Graham Bartlett zu lesen und gegen Aiko Schach zu spielen. Allerdings verliere ich jede Partie ausnahmslos, was mich nach einiger Zeit an meiner Intelligenz zweifeln lässt. Natürlich bin ich mir der Tatsache bewusst, dass Aiko ein Computer ist und Computer nun mal keine Fehler begehen – zumindest nicht in dieser Hinsicht. Nach einem weiteren verlorenen Duell erhebe ich mich frustriert aus dem Kommandosessel, trete an die Aussichtskanzel und lasse meinen Blick in die Unendlichkeit schweifen. Und plötzlich sehe ich ihn: einen kleinen grünen Punkt, der sich unterhalb des leuchtenden Zentralgestirns aus dem Schwarz hebt. Ich kann meinen Zielplaneten mit bloßem Auge erkennen und bin für einen kurzen Moment von diesem Anblick gefesselt.

So etwas Wunderschönes habe ich selten gesehen. Mein Heimatplanet wird als der Blaue Planet bezeichnet, weil man ihn vom All aus schon von Weitem als leuchtende, tiefblaue Kugel wahrnimmt. Dieser Planet scheint in ein tiefes Grün getaucht, was entweder darauf schließen lässt, dass seine Oberfläche größtenteils mit Wald bedeckt ist oder die Ozeane aufgrund der atmosphärischen Lichtbrechung grün statt blau schimmern. Das Lichtspektrum des Zentralgestirns scheint dem unserer Sonne ähnlich zu sein. In wenigen Stunden werden wir seine Umlaufbahn erreicht haben. Die Gravitationssensoren im Cockpit der Kommandobrücke haben bereits angeschlagen. Ich verlasse die Brücke und begebe mich über einen kleinen Aufzug nach unten, in das angedockte Landeshuttle, um die Ausrüstung zu prüfen.

Vier Plasmagewehre mit genügend Feuerkraft, um einen Krieg zu beginnen – und ihn vielleicht zu gewinnen. Weitere Kampfausrüstung, vier Raumanzüge, verschiedene Mess- und Navigationsinstrumente, Lebensmittelvorräte für vier Wochen. Da das Shuttle normalerweise für vier Personen ausgelegt ist, bleibt mir im Hinblick auf die Zuladung noch etwas Spielraum. So beschließe ich, weitere Nahrungsmittelvorräte hineinzuladen, und mache mich sogleich an die Arbeit.

»Ich habe eine wichtige Mitteilung, Amadeus-san.«

»Das kann sicher noch einen Moment warten, Aiko. Ich bin gleich fertig.«

»Gemäß den von Amadeus-san gespeicherten Richtlinien muss ich auf die höchste Dringlichkeitsstufe hinweisen.«

»Oh Mann … Was kann denn hier draußen so katastrophal wichtig sein, dass du es mir jetzt sofort mitteilen musst?«

Natürlich bin ich selbst schuld, denn ich habe Aiko in einem Anfall von Paranoia so programmiert.

»Also gut, was gibt es?«

»Der intervallmäßig durchgeführte Umgebungsscan zeigt, dass drei Schiffe der terrestrischen Flotte in das Sonnensystem vorgedrungen sind. Ihrer berechneten Route zufolge steuern sie direkt auf uns zu.«

»Was?«

»Haben Sie die Information nicht verstanden, oder war das Ausdruck von Erstaunen, Amadeus-san?«

»Äh … Letzteres …«

Man hat also tatsächlich ein Jagdkommando zu meiner Verfolgung abgesandt. Das hätte ich nicht für möglich gehalten, doch offenbar will man ein Exempel statuieren und meinen Kopf um jeden erdenklichen Preis. Nun habe ich also nicht nur mit einer unerklärbaren Abweichung meiner Route und der damit verbundenen Strandung in einem unbekannten Sonnensystem zu kämpfen, sondern auch noch ein Rudel Verfolger am Hals, die mit Sicherheit nicht hier sind, um mit mir zu plaudern und Tee zu trinken. Der einzige Vorteil, der mir jetzt bleibt, ist mein Vorsprung.

»Gib mir alles, was du an Informationen über diese Schiffe hast.«

»Zwei Orbitalkreuzer Typ III und ein kleineres Transportschiff. Vermutlich amerikanischen Ursprungs. Sie fliegen mit aktivierten Tarnschilden. Aufgrund einer verdächtigen Wärmesignatur habe ich den Doppelmatrix-Scan aktiviert. Berechnete Ankunftszeit: etwa zwei Tage.«

»Sehr gut, Aiko.«

»Die Anordnung stammt von Ihnen selbst, Amadeus-san.«

Ja, das ist es, was mich die Erfahrung gelehrt hat. Sicher ist sicher. Dem Schiffstyp nach habe ich es mit mindestens zwölf Mann zu tun, also bin ich deutlich in der Unterzahl. Da ich vorerst nichts anderes tun kann, fahre ich mit meiner Verladetätigkeit fort und konzentriere mich auf das, was mir bevorsteht: die Ankunft auf einem unbekannten Planeten, den noch nie zuvor ein Mensch betreten hat. Ich werde also der Erste sein, und somit ist es mein Planet. Ich muss mir einen Namen für ihn einfallen lassen und entscheide mich kurzerhand für … „Green Hope“ – die grüne Hoffnung.

Schließlich sitze ich angeschnallt im Landeshuttle und weise Aiko an, den Anflug einzuleiten. Da ich die vorherrschenden atmosphärischen Bedingungen dort unten nicht kenne und auch nichts über die Beschaffenheit der Oberfläche weiß, vertraue ich auf die computerberechnete Landung. Die manuelle Steuerung werde ich nur im Notfall übernehmen. Ich trage Aiko nun in einer mobilen Version an einer Art Armbanduhr am Handgelenk. Das Mutterschiff ist verloren. Wahrscheinlich werden sie es sofort abschießen, sobald es in Reichweite ihrer Raketen ist. Andernfalls habe ich eine kleine Überraschung vorbereitet. Unter lautem hydraulischem Zischen dockt das Shuttle vom Mutterschiff ab, und es geht nun – um geschätzt 400 Kilometer – nach unten. Ich schließe die Augen und lausche meinem schnellen, kräftigen Herzschlag. Nun gibt es kein Zurück mehr.

Begrüßungsgeschenk

Ich werde kräftig durchgeschüttelt; das ächzende Metall der Außenhülle scheint die heftigen Vibrationen direkt in meinen Kopf zu übertragen. Der Pilotensitz des Shuttles offenbart seine Notdürftigkeit an Komfort. Obwohl ich ein erfahrener Raumpilot bin und bereits wesentlich schlimmere Turbulenzen erlebt habe, verspüre ich eine leichte Übelkeit. In die dichte Atmosphäre eines Planeten einzudringen, ist eben doch etwas anderes als durch die kalte Stille des Alls zu gleiten. Vielleicht ist es aber auch einfach die Aufregung, weil ich nicht weiß, was mich dort unten erwartet. Für jemanden, dessen Leben man eigentlich als abgeschlossen betrachten könnte, mache ich mir jedenfalls ganz schön viele Gedanken. Die Vibrationen verstärken sich, und ich beginne zu erahnen, wie sich ein Eiswürfel im Inneren eines Shakers fühlen muss.

Ich erinnere mich einen Moment lang an den großen, chromglänzenden Shaker des Barkeepers aus der Weltraumbar auf dem Mars, die ich einst besuchte. Nun ja, außer dieser Bar, die man in einen Berg baute, gibt es auch keine nennenswerten Sensationen auf dieser roten, kugelförmigen Wüste – abgesehen von einigen Forschungsstationen und einem überdimensionalen Gewächshaus vielleicht. Aber diese Bar ist wirklich einen Besuch wert.

Essenspakete fliegen durch die Luft und werden krachend gegen die Bordwand geschmettert. Ich schließe die Augen, versuche, mich mit Atemübungen zu beruhigen, und hoffe, dass es bald vorbei ist. Die hohe Geschwindigkeit, mit der wir noch immer nach unten rauschen, beunruhigt mich zusehends. Der Autopilot sollte eigentlich bereits die Bremsschubdüsen aktiviert haben, sodass sich die Flugbahn stabilisiert und das Landeshuttle kurz über dem Boden in der Luft zum Stehen kommen kann. Eigentlich ist das Gefährt für Landungen auf der Erde, auf Terra II, dem Mars oder einem der Saturn- oder Jupitermonde ausgelegt, die über eine wesentlich geringere Schwerkraft verfügen als dieser Planet. Aiko hat jedoch berechnet, dass die Energiereserven für dieses Manöver ausreichen werden. Und was Berechnungen betrifft, vertraue ich Aiko zu 100 Prozent. Na ja, sagen wir 99,9 Prozent.

Ein schriller Alarmton lässt mich zusammenzucken. Im Cockpit blinken Signallampen wie wild in verschiedenen Farben. Schnell wird mir klar, dass wir, anstatt langsamer zu werden, eher beschleunigen.

»Verdammt, was ist los, Aiko?«

»Komplettausfall der unteren Landeschubdüsen. Zusätzlich verstärkt die starke Gravitation das Falltempo.«

»Alternatives Notlandemanöver einleiten! Sofort!«

»Unter den gegebenen Umständen können die Landegegebenheiten nicht exakt berechnet werden. Die berechnete Geschwindigkeit unseres Impakts am Boden beträgt derzeit 1 266,3 km/h.«

»Umschalten auf manuelle Steuerung!«

»Manuelle Steuerung aktiviert. Der Autopilot ist nun inaktiv, Amadeus-san.«

Ich greife die Bedieneinheit, die mich stark an das Lenkrad eines dieser historischen Formel-1-Fahrzeuge vergangener Tage erinnert. Ich aktiviere die hinteren Schubdüsen, leite die komplette Energie hinein und ziehe die Nase des Shuttles im geschätzten Winkel von zehn Grad nach oben. Draußen kann ich – abgesehen von einem trüben atmosphärischen Nebel – nichts erkennen. Durch den Schub lenke ich die Fallenergie nach vorn; das heftige Trudeln legt sich, und ich gehe in einen spiralförmigen Sinkflug über. Kreisend bewegen wir uns in Richtung Boden, und so gelingt es mir immerhin, langsam abzubremsen. Ohne die unteren Düsen wird eine Senkrechtlandung unmöglich, und ich kann nur hoffen, unten eine plane Landefläche vorzufinden. Plötzlich lichtet sich der Nebel, gibt den Blick nach unten frei und lässt mich in einer Mischung aus Ergriffenheit und blankem Entsetzen erstarren. Bäume – soweit das Auge reicht. Die Oberfläche ist vollständig mit ihnen bedeckt. Bäume, die aussehen wie die auf der Erde. Ich glaube, in weiter Ferne kann ich die Silhouette eines Berges erkennen; ich kann mich aber auch irren. Nun habe ich ein Problem. Die Energiereserven des Shuttles sind fast aufgebraucht, und ich kann hier unmöglich landen. Ich greife hinter mich, ziehe eines der Plasmagewehre aus der Halterung, lege mir den Tragegurt um und lege es auf meinen Schoß. Dann schließe ich das Visier meines Helms und stelle auf die interne Sauerstoffversorgung meines Raumanzugs um. Die Geschwindigkeit beträgt noch etwa 600 km/h. Rund einen Kilometer über dem Boden ergreife ich den letzten Notanker: Die Haube fliegt; Pyrobolzen lösen den Schleudersitz, Retrokartuschen zünden und drücken gegen die Fallrichtung – ein kleiner Bremsfallschirm stabilisiert mich, während die Crashpads in der Lehne augenblicklich verhärten. Mehr als 12 g wirken auf meinen Körper; der Beschleunigungsschub staucht mich zusammen, raubt mir die Luft, lässt Äderchen in Gesicht und Augen platzen.

---ENDE DER LESEPROBE---