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Jonas Fernau ist Notfallsanitäter aus Leidenschaft. Aber die Zeiten, in denen Rettungskräften der gebührende Respekt entgegengebracht wurde, sind leider vorbei. Um im täglichen Chaos zwischen nervenden Patienten und aggressiven Angehörigen nicht durchzudrehen, hat er eine sehr eigenwillige Strategie entwickelt: Er schlägt zurück. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Dass er dabei immer wieder über das eigentliche Ziel hinausschießt, spielt für ihn keine große Rolle. Bevor er Gefahr läuft, auch die letzte Grenze zu überschreiten, wird er von seiner Chefin dazu verdonnert, den Babysitter für eine neue Kollegin zu spielen. Doch auf die anfängliche Euphorie über die Verstärkung folgt sehr schnell die Ernüchterung, denn die junge Frau entpuppt sich mit einem Mal als tickende Zeitbombe. Plötzlich wird Jonas zur Hauptfigur eines mörderischen Spiels, in dem schon der kleinste Fehler den Tod bedeutet.
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Seitenzahl: 376
Veröffentlichungsjahr: 2025
J.S. Ranket
Ambulanz - Fahrt in den Tod
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
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Anmerkung des Autors und Danksagung
Impressum neobooks
Das nervige Piepsen eines Überwachungsgerätes drang wie durch einen dicken Wattebausch an Kai Brunners Ohr, während sein Körper auf der Trage hin und her geschüttelt wurde. Obwohl Mia und er ohne Probleme am Frankfurter Flughafen durch den Zoll gekommen waren, rauschten sie dann blöderweise kurz vor ihrem Ziel in eine Polizeikontrolle. Und zwar trotz des unauffälligen Wagens. Natürlich hätte er sich denken können, dass es die Bullen hier im Dreiländereck nicht wirklich auf sie abgesehen hatten, sondern lediglich ein bisschen im Nebel herumstocherten. Aber beim Anblick von Maschinenpistolen und schusssicheren Westen konnte man schon einmal die Nerven verlieren.
Und dabei hatte alles so gut angefangen.
Nachdem Mia es schon nach ein paar Versuchen geschafft hatte, unzerkaute Weintrauben zu schlucken, stand den Drogenpäckchen nicht mehr viel im Wege. Knapp sechs Stunden später war sie nicht nur ein Kilo schwerer, sondern auch um fünftausend Euro reicher. Dass das hochreine Kokain, das mit Maisstärke oder Traubenzucker auf das Fünffache gestreckt wurde, auf der Straße um die zweihundert Riesen wert war, musste sie ja nicht unbedingt wissen. Aber leider lag dieser Teil seiner Altersvorsorge offensichtlich in einem anderen Rettungswagen. Oder war bereits auf dem Weg in das Leichenschauhaus. Dass sie den Tiefflug über die Leitplanke mit einer anschließenden doppelten Schraube unverletzt überstanden hatte, war ziemlich unwahrscheinlich. Dem Gesicht des Sanitäters, der neben ihm saß, konnte er jedenfalls nichts entnehmen. Er starrte auf ihn herab als wäre er ein lästiges Insekt, das er zertreten müsse. Dabei sollte sich der Idiot doch eigentlich um ihn kümmern. Brunners Lunge brannte und sein Bauch fühlte sich so an, als würde ein Elefant darauf sitzen.
Zum Glück kam jetzt ein bisschen Bewegung in den Typ. Er beugte sich zu ihm herab, bis sein Mund direkt neben seinem Ohr war.
„Sie hat es meiner Kollegin erzählt“, zischte er bedrohlich leise.
„Was erzählt …?“, krächzte Brunner gegen den Lärm der plötzlich einsetzenden Sirene.
„Dass sie in ihrem Gastrointestinaltrakt Drogen für dich transportieren musste“, zischte er zurück.
Brunner hatte keine Ahnung was ein Gastrointestinaltrakt war, aber der schrägen Bemerkung des Sanitäters nach, konnte es sich nur um Mias Eingeweide handeln.
„Unglücklicherweise sind durch den Unfall wahrscheinlich ein oder zwei Päckchen geplatzt, sodass sie in diesem Augenblick an einer extremen Überdosis jämmerlich verreckt …“, fuhr er fort. „… und ihre Tochter deshalb als Waise aufwachsen muss“, fügte er mit unterdrückter Wut hinzu.
Was ging diesen Schwanzlutscher das Balg der dämlichen Schlampe eigentlich an? Wenn der nicht bald etwas gegen seine bohrenden Schmerzen unternahm, dann würde er ihn wohl oder übel verklagen müssen. Doch in letzter Sekunde erinnerte sich der Blödmann doch noch an seine ethischen Pflichten. Mit einem übertriebenen Grinsen hielt er Brunner eine Spritze vor die Augen, durch deren transparenten Inhalt sich das Gesicht des Sanitäters unnatürlich verzerrte.
„Glücklicherweise kann ich in dieser Beziehung für eine gewisse Gerechtigkeit sorgen“, stellte er fast schon fröhlich fest, indem er die Spritze hin und her schwenkte. „Der Vorteil eines Muskelrelaxans in diesem Fall ist, dass man bis zum bitteren Ende bei vollem Bewusstsein bleibt“, fuhr er mit einem süffisanten Grinsen fort. Dann tätschelte er ihm mit seiner behandschuhten Rechten die Wange. „Und das willst du doch nicht verpassen, oder?“
Wenige Sekunden später wusste Brunner, wie das der Sani gemeint hatte.
Seine Arme und Beine schienen ihm plötzlich nicht mehr zu gehorchen. Und, was noch viel schlimmer war, auch seine Atmung. Es fing ganz langsam an, so als müsste er durch einen Strohhalm die notwendige Luft einsaugen. Bis nach einer guten Minute überhaupt nichts mehr lief. Aber diese Minute war für ihn eine halbe Ewigkeit. Brunner überlegte währenddessen krampfhaft, wie lange er eigentlich die Luft anhalten konnte. Im Schwimmbad schaffte er jedenfalls nicht einmal eine ganze Bahn. Auch wenn er absolut nichts spürte, so fühlte er doch die heiße Welle, die durch seine Adern auf seine Brust zurollte. Fast wie eine Art Tsunami aus heißer Lava. Doch das rhythmische Piepsen im Hintergrund, das offensichtlich seinen Herzschlag anzeigte, beruhigte ihn dabei kein bisschen.
Plötzlich kreischte das Gerät in einem durchdringenden Dauerton, während sich alles um ihn herum in flimmernden Farben auflöste. Das Letzte, was er sah, war Mia, die sich mit einem leisen Würgen ein Drogenpäckchen in den Rachen schob.
„Killing by Death“ von Motörhead war eindeutig die beste Untermalung für jede Einsatzfahrt. Wenn man das Stück startete und gleichzeitig die Fernbedienung des Automatiktors drückte, dann schoss man genau zum ersten Gitarrenriff mit quietschenden Reifen auf die Straße. Zumindest wenn man richtig Gas gab.
Paula verdrehte genervt die Augen. Die attraktive Enddreißigerin hatte ihre schmutzig-blonden Haare zu einem abenteuerlichen Knoten hochgesteckt und lehnte sich provokativ gegen die Beifahrertür.
„Geht dir diese Heavy-Metal-Scheiße nicht irgendwann selbst auf den Sack?“, wollte sie wissen.
„Alternativ hätte ich noch den Walkürenritt von Richard Wagner anzubieten“, gab Jonas grinsend zurück. „Zu der Melodie wurde in ,Apokalypse Now‘ immerhin ein ganzes vietnamesisches Dorf in Schutt und Asche gelegt.“
„Oh Gott …“ Paula schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. Dann wischte sie auf dem Display des Einsatzrechners herum. „Wir fahren zu keinem Amoklauf, sondern zu einem Treppensturz“, stellte sie fest, während sie ein Paar Latexhandschuhe aus der Aufbewahrungsbox fummelte.
Die beiden waren ausgebildete Notfallsanitäter und wechselten sich täglich mit der Betreuung der Patienten und dem Fahren ab. Was übrigens das gesamte Personal der Rettungswache so handhabte. So wurde es nie langweilig und jeder konnte einmal über rote Ampeln brettern oder venöse Zugänge legen.
Als sie am Einsatzort angekommen waren, lenkte Jonas den Rettungswagen mit einem schwungvollen Bogen vor das Haus und ließ ihn mit laufendem Blaulicht direkt auf der Straße stehen. An das Hupen genervter Autofahrer hatte er sich inzwischen gewöhnt. Die Gesellschaft war zu einem Haufen Egomanen verkommen, in der sich jeder Vollidiot für den Nabel der Welt hielt. Aber kaum konnten die zwei Tage nicht auf die Toilette gehen, mutierten sie zu flennenden Weicheiern, die mitten in der Nacht den Notruf wählten.
Aber ein Treppensturz war natürlich etwas anderes. Zumal das Haus in der westlichen Vorstadt einen recht bürgerlichen Eindruck machte.
Paula schnappte sich den Notfallrucksack, während Jonas das EKG-Gerät aus der Halterung zog. Dann hasteten sie in den zweiten Stock, wo eine ältere Dame vom Typ besorgte Nachbarin bereits auf sie wartete.
„Sie ist in der Küche“, begrüßte sie die beiden, bevor sie zur Seite trat. „Sophie wohnt ganz oben in der Maisonette und ich habe sie vor meiner Tür gefunden, als ich nach Hause kam.“
Ihre Patientin, eine junge Frau, hockte ein wenig zusammengekrümmt auf einem Stuhl, der von einem Sammelsurium Kochutensilien eingerahmt wurde, und presste sich ein nasses Geschirrtuch gegen die Stirn.
„Mein Name ist Paula Weber und das ist mein Kollege Jonas Fernau“, stellte sie sich und ihren Kollegen vor. Dann ließ sie den Rucksack neben den Herd plumpsen. Offensichtlich bestand keine akute Lebensgefahr und so konnten sie einen Gang herunterschalten. „Was ist passiert?“
„Sophie ist die Treppe hinuntergefallen“, mischte sich stattdessen die Nachbarin ein.
„Es wäre nett, wenn Sie Sophie selbst antworten lassen“, forderte Jonas mit Bestimmtheit.
Paulas Kollege wirkte wie eine Mischung aus Traum aller Schwiegermütter und verruchtem Playboy, sodass sie ihm lieber solche Sachen überließ. Wenn sie das selbst übernehmen würde, dann hörte sich das eher wie die Aufforderung zu einer handfesten Schlägerei an.
„Oh, entschuldigen Sie“, lenkte die Nachbarin auch sofort ein.
„Also Sophie, was ist passiert?“, wollte Paula erneut wissen.
„Ich … ich bin gestürzt“, murmelte sie.
„Darf ich mal sehen?“
Paula nahm ihr das Geschirrtuch aus der Hand und inspizierte die Verletzung. Es war nicht viel mehr als eine oberflächliche Abschürfung, doch nachdem das Tuch weg war, kam noch ein ziemlich blaues Auge zum Vorschein.
„Das ist aber nicht von heute“, stellte sie fachmännisch fest, weil das Hämatom schon ins Grüngelbe überging.
Natürlich checkte Jonas sofort, was hier los war und wandte sich deshalb an die Nachbarin.
„Es ist zwar Ihre Wohnung, aber es wäre echt nett von Ihnen, wenn Sie kurz rausgehen, während meine Kollegin Sophie untersucht“, säuselte er überfreundlich.
„Aber selbstverständlich, das ist gar kein Problem“, gab sie zurück, bevor sie betont langsam aus der Küche schlurfte.
„Waren Sie bewusstlos?“, wollte Paula wissen, als sie allein waren.
Sophie schüttelte den Kopf.
„Sind Sie ausgerutscht, gestolpert oder ist Ihnen schwindelig geworden?“, fuhr sie mit einer Detektivstimme fort.
„Ich … ich bin gestolpert“, murmelte Sophie eingeschüchtert, „aber es ist nichts weiter.“
„Das heißt, Sie haben keine weiteren Verletzungen?“
„Genau …“
„Darf ich Sie trotzdem untersuchen?“, ließ sie nicht locker.
„Ich hab doch gesagt, es ist nichts weiter …“
„Und warum sitzen Sie dann so zusammengekrümmt da?“ Paulas Stimme wurde eine Spur höher.
„Ich bin schwanger“, schniefte Sophie.
„Gerade deshalb sollte ich Sie gründlich untersuchen!“, stellte Paula jetzt wieder sachlicher fest.
Doch als sie Sophie mit der Hand beruhigend über die Schulter strich, zuckte diese mit einem schmerzverzerrten Gesicht zusammen. Paula erhob sich, rutschte mit ihrem Hintern ein wenig auf den Küchentisch und verzog ihren Mund zu einem lehrerhaften Lächeln.
„Sagen Sie, glauben Sie an den Weihnachtsmann?“, wollte sie freundlich wissen.
„Hä … Weihnachtsmann?“ Offensichtlich war Sophie der leichte ironische Unterton in Paulas Stimme nicht aufgefallen. „Natürlich glaube ich nicht an den Weihnachtsmann“, stieß sie schließlich genervt hervor.
„Also wenn Sie nicht an den Weihnachtsmann glauben, dann können Sie doch auch nicht ernsthaft annehmen, dass sich irgendetwas zum Positiven verändert, wenn Sie sich nicht helfen lassen.“ Paula holte tief Luft. „Ich mache diesen Job schon eine ganze Weile und es gibt ziemlich wenig, das ich noch nicht gesehen habe. Derjenige, der für das blaue Auge und Ihre schmerzende Schulter verantwortlich ist, wird es nicht nur immer wieder tun, sondern sich durch ihr Schweigen auch noch ermutigt fühlen.“ Dann trommelte sie mit ihren Fingern ungeduldig auf die Tischplatte. „Wenn Sie es schon nicht für sich selbst tun wollen, dann tun Sie es für Ihr Kind!“
Augenblicklich brach Sophie in Tränen aus. Ihr Körper wurde von mehreren Wellen geschüttelt, die sie in unregelmäßigen Abständen überrollten. Paula kniete sich neben sie und nahm sie einfach tröstend in den Arm. Doch statt sich zu beruhigen, wurden Sophies Heulattacken immer heftiger. Erst nach mehreren Minuten, in denen Paula wie ein Hypnotiseur auf sie einflüsterte, wurde es besser. Allerdings verstand Jonas davon nicht einmal die Hälfte. Er stand an der Tür und ließ Paula ihr Ding machen. Wenn mehrere Leute eine psychisch instabile Patientin vollquatschten, dann machte es das meist nur noch schlimmer.
Plötzlich hörte man aus dem Flur einen heftigen Wortwechsel. Offensichtlich wollte die Nachbarin jemanden davon abhalten, in die Küche zu gehen. Sophie starrte mit angsterfüllten Augen in Richtung Tür und klammerte sich dann an Paula wie eine Ertrinkende an den sprichwörtlichen Strohhalm.
Eine Sekunde später war Jonas draußen.
Der Typ, der der Nachbarin Auge in Auge gegenüberstand, sah aus wie der Türsteher eines billigen Pornoschuppens und hätte die resolute alte Dame mit dem kleinen Finger hinwegfegen können. Aber offensichtlich war körperliche Gewalt gegen Senioren so weit unter seiner Würde, dass er sich lediglich auf ein wütendes Schnaufen verlegte.
Doch mit Jonas war das natürlich etwas anderes.
„Was ist mit ihr?“, blaffte der Muskelprotz, während er sich an der Nachbarin vorbeidrängelte.
Dabei musterte er Jonas von oben bis unten. Wahrscheinlich überlegte er gerade, ob er ihn mit seiner Faust zu Boden schicken konnte oder doch in seine Wohnung gehen musste, um einen Baseballschläger zu holen. Denn der Sanitäter war auch nicht von schlechten Eltern. Wer mit einer halben Tonne Equipment in die sechste Etage sprintete und dann einen übergewichtigen Patienten mit einem Schlaganfall wieder nach unten schleppte, der musste logischerweise fit sein.
„Und Sie sind …?“, bemühte sich Jonas um einen neutralen Ton.
„Sophie ist meine Freundin“, blaffte der Typ zurück.
Dieser Satz erklärte einiges.
„Tja, wenn das Ihre Freundin ist …“, Jonas machte mit seinen Fingern Anführungszeichen in der Luft, „… dann sollte Sie wissen was mit ihr ist.“
Der Typ streckte drohend seine Hand in Jonas’ Richtung aus.
„Jetzt pass mal auf, du verdammter …!“
„Nein, Sie passen jetzt auf!“, unterbrach Jonas ihn. Er zog sein Smartphone aus der Tasche und drückte auf dem Display herum. „Wenn Sie sich nicht gleich von hier verpissen, dann werden ein paar ziemlich saure Polizeibeamte auftauchen, Ihnen ein paar Liter Pfefferspray in die Fresse sprühen und Sie dann in Handschellen die Treppe hinunterschleifen. Bei Gewalt gegen Rettungskräfte reagieren die heutzutage sehr allergisch.“
Normalerweise drückte sich Jonas deutlich gewählter aus, aber bei einem Neandertaler musste man eben Klartext reden.
„Du, du …“ Der Schädel des Typen vibrierte, als würde er gleich explodieren. „… du bist tot, Mann, und die blöde Schlampe auch, wenn sie zu den Bullen rennt!“
Nun musste Jonas doch in seine Trickkiste greifen. Für solche Fälle, und natürlich auch für verängstigte Kinder, hatte er sich selbst ein kleines Kunststück beigebracht, mit dem er alle Beteiligten in der Regel auf die Werkseinstellungen zurücksetzen konnte. Er griff Sophies Freund blitzschnell an das Ohr und zog dort mit spielerischer Leichtigkeit eine Zwei-Euro-Münze heraus. Dann drückte er dem Überrumpelten das Geldstück in die Hand.
„Hier, kauf dir ein Eis!“
Der Muskelprotz wusste für eine Sekunde nicht, ob er lachen oder ausflippen sollte. Nach einer weiteren Sekunde, musste er einsehen, dass es hier für ihn keine Punkte mehr zu holen gab. Er hieb mit seiner Faust gegen die Flurgarderobe, sodass der Spiegel laut schepperte und stapfte anschließend wie ein trotziges Nilpferd davon.
„Ich gehe einmal davon aus, dass Sie dem kein Ei borgen würden, wenn er einen Kuchen backen will“, wandte sich Jonas an die alte Dame.
„Höchstens eines, das einen Monat über dem Verfallsdatum ist“, antwortete sie mit einem schelmischen Lächeln. Dann verzog sie nachdenklich das Gesicht. „Die Sophie kann einem wirklich leid tun.“
„Und warum rufen Sie nicht einfach die Polizei?“, erkundigte sich Jonas vorsichtig.
„Das habe ich schon getan“, gab sie so kleinlaut zurück, dass er sich schon fast für seine Frage entschuldigen wollte. „Obwohl er eigentlich nicht wissen konnte, dass ich das war, hat er mir vor der Tür auf den Abtreter gepinkelt.“
Jonas schüttelte fassungslos den Kopf.
„Ich habe ihn zwar nicht dabei beobachtet, aber wer sollte es denn sonst gewesen sein?“, fügte sie resigniert hinzu.
Kurz vor Ende ihrer Schicht lehnte Paula am offenen Automatiktor der Rettungswache und blies nach Himbeere duftenden Qualm aus ihrem Verdampfer in die Luft. Sie hatte Sophie mit Engelszungen davon überzeugen können, sich – schon allein ihrer Schwangerschaft wegen – in der Notaufnahme untersuchen zu lassen. Leider stand schon nach ein paar Minuten fest, dass sie mehrere Prellungen und vielleicht sogar eine gebrochene Rippe hatte.
„Wie kann man nur so bescheuert sein und sich von einem solchen Idioten ein Kind machen lassen?“ Jonas hatte für sich und seine Kollegin Kaffee besorgt und drückte ihr einen davon in die Hand, dann fächelte er sich ein bisschen von dem süßen Nebel ins Gesicht. „Das riecht wie Gummibärchen“, stellte er fest.
„Du quatschst einen Mist, als würdest du hinter dem Mond leben“, blaffte Paula. „Dabei weißt du doch genau, wie das läuft. Die Opfer sind meist psychisch oder finanziell von ihrem Partner abhängig und manche, so wie Sophie, versuchen dann eben mit einem Kind ihre Situation zu verbessern.“
Jonas rollte mit den Augen, bevor er an seinem Kaffee nippte.
„Sie könnten doch einfach gehen. Ich meine, sie sind doch nicht eingesperrt oder so.“
„Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“, zischte Paula. „Sie sind psychisch oder finanziell von ihren sogenannten Partnern abhängig.“ Dann schnaufte sie abschätzig. „Weißt du überhaupt, was das für ein emotionaler Eiertanz ist? Statistisch unternehmen solche Frauen bis zu sieben Trennungsversuche, bevor sie endlich den Absprung schaffen.“ Sie blies ihm eine riesige Himbeerwolke entgegen, bevor sie ebenfalls einen Schluck Kaffee trank. „Du solltest ab und zu mal dein Gehirn einschalten“, fügte sie in einem versöhnlichen Ton hinzu.
„Ich liebe dich auch, Schnucki“, gluckste Jonas.
Obwohl sie mehr auf das eigene Geschlecht stand, war eine Schicht mit ihr wie der Ausflug eines alten Ehepaares und es fehlte nur noch, dass sie sich gegenseitig mit Mutti und Vati anredeten.
Paula prustete los.
„Du bist ein Blödmann“, kicherte sie. Anschließend wurde ihr Gesicht wieder ernster. „Wir sollten eine Truppe aufstellen, die solche Idioten mal richtig aufmischt“, schlug sie vor. „Und solche, die vor zwei Wochen Philipp die Nase gebrochen haben.“
Tatsächlich war ihr Kollege bei einem völlig harmlosen Einsatz schwer verletzt worden. Während Jonas, der vertretungsweise mit ihm zusammen auf dem Rettungswagen fuhr, einen Patienten mit Herzbeschwerden versorgte, wollte Philipp den Abtransport vorbereiten. Dabei überraschte er einen jungen Mann, der sich am Rettungswagen zu schaffen machte. Doch anstatt abzuhauen, ging der einfach auf ihn los. Nur durch das Eingreifen von ein paar couragierten Passanten, konnte der Kerl überwältigt und anschließend der Polizei übergeben werden.
Seltsamerweise lief der Typ keine achtundvierzig Stunden später wieder in der Stadt herum. Eine Geschwindigkeitsübertretung hätte da härtere Konsequenzen gehabt. Aber da der Arme unter dem Einfluss von Drogen stand, musste selbstverständlich ein Auge zugedrückt werden.
„Weißt du, wie es Philipp geht?“, erkundigte sich Jonas.
„Er war letztens in der Wache und sieht aus als hätte er zu Mike Tyson Schwuchtel gesagt“, antwortete Paula mit der Andeutung eines Lächelns. „Na ja, sein Zinken war eh hässlich.“
Jonas grinste.
„Da die Polizei mit den bösen Jungs offensichtlich überfordert ist, sollten wir das selbst übernehmen“, stellte er fest. „So wie Batman zum Beispiel.“
„Mit aufmischen meinte ich nicht nur mit dem Finger drohen, sondern tatsächlich aufmischen“, kicherte Paula. „Ich bin da eher so der Joker-Typ.“ Dann deutete sie mit ihrem Kaffeebecher auf die Einfahrt zur Rettungswache, in die gerade in gemächlichem Tempo ein Streifenwagen einbog. „Apropos Polizei … wenn man vom Teufel spricht“, grinste sie.
Jonas kannte die beiden Beamten, die kurz darauf aus dem Wagen stiegen, nur vom Sehen, aber das machte nichts. Als Rettungsdienstler gehörte man zu den Guten, pflegte deshalb einen kameradschaftlichen Umgang und war in der Regel per du.
„'n Abend, die Herren“, grüßte Paula scherzhaft.
„'n Abend, Frau Doktor“, grüßte der ältere von beiden genauso scherzhaft zurück, bevor er sich nachdenklich über das Kinn strich. „Wart ihr vorhin bei der jungen Frau im Westend, die angeblich auf der Treppe gestürzt ist?“
„Gott sei Dank“, atmete Paula auf. „Vielleicht bekommt der Kerl jetzt das, was er verdient.“
Doch der Polizeibeamte hob sofort beschwichtigend die Hände.
„Leider ist das nicht so einfach“, begann er in einem lehrerhaften Ton. „Der diensthabende Arzt in der Notaufnahme hat sich schon ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt, weil im Prinzip erst bei einer schweren Körperverletzung Anzeigepflicht besteht …“
„Sie ist schwanger …!“, unterbrach Paula den Polizisten.
„Eben …“, fuhr er pikiert fort. „Wir sind jetzt auf der Suche nach Hinweisen, die aus einer einfachen Körperverletzung eine schwere machen. Habt ihr irgendetwas beobachtet, das uns da weiterhelfen kann?“
„Zum Beispiel …?“, wollte Jonas wissen.
„Eine Waffe, mit der er seine Freundin bedroht oder geschlagen hat“, klärte ihn jetzt der jüngere Beamte auf. „Bei einer schweren Körperverletzung müssen wir von Amts wegen ermitteln und bei einer einfachen kommt es auf die Anzeige der Geschädigten an.“
„Also wenn er ihr mit dem Hammer eins überzieht, dann könnt ihr etwas machen und mit der bloßen Faust nicht?“, stellte Paula ungläubig fest.
„Genau“, bestätigte der Beamte.
„Alter …!“ Paula sog so stark an ihrem Verdampfer, dass Jonas schon befürchtete, dass die Rauchmelder in der Fahrzeughalle anspringen würden. „Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte!“, stieß sie schließlich hervor.
„Da frag uns mal“, fuhr der jüngere Beamte wütend fort. „Kaum haben wir jemanden geschnappt, ist er wegen eines fehlenden Kommas schon wieder draußen.“
„Vielleicht sollten sich die Blödmänner die Angehörigen der Richter und Politiker, die diesen Mist verzapfen, als Opfer aussuchen“, stellte Paula sarkastisch fest. „Dann würde bestimmt sehr schnell ein Umdenken einsetzen.“
„Das habe ich jetzt nicht gehört“, mischte sich der ältere Beamte augenzwinkernd ein. Dass in Deutschland in dieser Beziehung irgendetwas mächtig schief lief, lag ja seit Jahren auf der Hand.
„Da muss ich meiner Kollegin vorbehaltlos zustimmen“, schlug sich Jonas sofort auf Paulas Seite. „Unser Rechtsstaat ist zu einem zahnlosen Tiger geworden, der Parksünder gnadenlos verfolgt, aber Intensivtäter einfach laufen lässt.“
„Ich hasse solche Diskussionen“, murmelte der ältere Beamte genervt.
„Genau aus diesem Grund sollten wir hier im Kleinen unsere Sachen so gut regeln, wie es geht“, fuhr jetzt der jüngere Beamte fort. „Wir sind deshalb mit Sophie nach Hause gefahren, damit sie in Ruhe ein paar Sachen zusammenpacken kann, und haben sie dann zu einer Freundin gebracht …“
„Schade, dass der Typ nicht da war“, murmelte der ältere Beamte mehr zu sich selbst, „mit dem hätte ich mich gerne einmal unterhalten.“
„… vielleicht kann die Freundin sie ja davon überzeugen, doch noch eine Anzeige zu erstatten“, gab der jüngere Polizeibeamte seiner Hoffnung Ausdruck.
Mickey hieß nicht wirklich Mickey, sondern Mihal. Doch da sein eigentlicher Name eher nach einem Ziegenhirten vom Balkan klang, hatte er schon vor langer Zeit beschlossen, sich Mickey zu nennen. Darüberhinaus mischte sein Onkel in ein paar zwielichtigen Geschäften mit, sodass in dem Umfeld ein cooler Name praktisch dazugehörte. Aber leider hatte der ein nicht allzu großes Vertrauen in seinen Neffen und beauftragte ihn deshalb nur mit weniger verantwortungsvollen Aufgaben. Was sich dann natürlich auch in seiner Bezahlung niederschlug. Deshalb blieb dem verhinderten Gangster auch nichts weiter übrig, als sich mit kleinen Gaunereien über Wasser zu halten.
Wie zum Beispiel Frauen die Handtaschen klauen.
Natürlich war Mickey nicht besonders stolz darauf, sich bei Schwächeren zu bedienen, aber da das Geschäft relativ einträglich war, machte er sich darüber keine weiteren Gedanken. Stattdessen beobachtete er seit ein paar Minuten sein neues Opfer. Die junge Frau saß am Affengehege des Berliner Zoos und beobachtete interessiert das lustige Treiben der Tiere. Dabei sah sie ein wenig aus wie eine Grundschullehrerein, die ihre Klasse verloren hatte. Allerding wie eine ziemlich attraktive.
Sein geschulter Blick sagte ihm, dass ein stolzes Sümmchen auf ihn wartete, selbst wenn er nur ihre Handtasche verhökerte. Von dem Inhalt ganz zu schweigen. Er musste einfach nur zugreifen. Dass ihm jemand das Ding vermasselte, war ziemlich unwahrscheinlich, weil sich kurz vor der Schließzeit fast keine Besucher mehr im Zoo befanden.
Mickey schlenderte in einem großen Bogen heran und wurde außerhalb ihres Sichtfeldes immer schneller. Doch als er seine Hand nach der Beute ausstreckte, traf sein Gesicht eine glühende Wolke. Sie kroch in seine Nase, seinen Mund und schob sich sogar unter seine Augenlider. Mickey schrie, als würde ihm jemand seine Haut bei lebendigem Leibe vom Körper ziehen und knallte anschließend stolpernd gegen das Gitter des Affengeheges. Wo er dann kreischend zu Boden ging.
Natürlich hatte Mallory die Attacke kommen sehen. Doch statt abzuhauen, war sie zum Gegenangriff übergegangen, denn das Spray, das sie selbst kreiert hatte, schickte sogar einen Grizzly auf die Bretter. So wie diesen Looser, der sich wenige Meter entfernt im Staub wälzte.
Blöderweise stand sie auf Looser.
Wenn sie von dem schmerzverzerrten Gesicht einmal absah, sah er eigentlich gar nicht schlecht aus. Und wenn man ihm noch ein paar Manieren beibrachte, dann war er sogar vorzeigbar.
Mallory griff seufzend nach der neutralisierenden Lösung, die sich in einer zweiten Sprayflasche befand, und kniete sich neben den stöhnenden Kerl. Doch der vermutete natürlich sofort einen erneuten Angriff.
„Hau ab, du blöde Schlampe!“, kreischte er, während er unkontrolliert um sich schlug.
„Ganz ruhig, ganz ruhig, ich will dir nur helfen“, säuselte Mallory.
„Ich bin blind …“, kreischte er weiter.
Mickey versuchte sie zu packen, doch sie wich ihm mit Leichtigkeit aus. Er wirkte wie ein kleines Maulwurfbaby, das noch auf die Hilfe seiner Mama angewiesen war. Also richtig süß. Mallory stemmte sich hoch und stellte sich breitbeinig über ihn. Vielleicht machte ihn eine kleine Kostprobe aus der anderen Flasche kooperativer. Ohne auf sein Strampeln zu achten, sprühte sie ihm eine große Wolke ins Gesicht.
Fast augenblicklich wich das höllische Brennen einer erträglichen Hitze. Mickey zwinkerte in Richtung der jungen Frau, die im Moment überhaupt nicht mehr wie eine Grundschullehrerin aussah. Sondern wie eine kleine Psychopathin im Körper einer Grundschullehrerin. Und das versetzte ihn in höchste Alarmbereitschaft.
„Wa … was willst du?“, hustete er, während er sich mit dem Handrücken über die Augen wischte.
„Ähhh … du wolltest mir an die Wäsche, erinnerst du dich?!“, stellte Mallory lakonisch fest.
„Ich … ich wollte dir überhaupt nicht an die Wäsche, sondern nur deine Tasche klauen.“ Mickey schüttelte ungläubig den Kopf. „Schließlich bin ich doch kein Perverser!“
„Hmmm … ein gescheiterter Diebstahl gegen eine triefende Nase und brennende Augen …“ Sie runzelte nachdenklich die Stirn. Dann kramte sie aus ihrer Handtasche ein Tempo hervor und reichte es ihm. „Ich schätze, da sind wir quitt.“
„Ja, verdammte Scheiße, wir sind quitt!“, stimmte Mickey notgedrungen zu. Am Ende nebelte sie ihn mit dem Spray noch einmal ein und vergaß danach das andere. „Was war das denn eigentlich für ein Zeug?“, wollte er wissen, während er sich umständlich die Nase putzte. „Ich hab schon mal Pfefferspray abbekommen, aber das war ja praktisch Wasser gegen deins.“
„Ich habe einfach mit einem speziellen Tensid die Oberflächenspannung des Aerosols herabgesetzt, sodass die kleinen Tröpfchen sofort einen zusammenhängenden Flüssigkeitsfilm bilden, der praktisch in jede noch so kleine Hautfalte kriecht“, versuchte Mallory, es so einfach wie möglich zu halten.
„Und das lernt man wo genau?“ Dass das nicht in den Lehrplan eines Gymnasiums gehörte, lag auf der Hand.
„Ich hab einen Bachelor in Chemie“, stellte sie nicht ohne Stolz fest. „Und die Lösung zur Neutralisation ist für den Fall, dass ich einen süßen Typen treffe, der mir die Tasche klauen will“, fügte sie verschmitzt hinzu.
Innerhalb einer Sekunde sah Mickey die junge Frau in einem völlig anderen Licht. Aus der Psychopathin wurde plötzlich ein verführerischer Engel mit einem unwiderstehlichen Lächeln. Wäre dies ein Trickfilm, dann hätte er mit Sicherheit zwei pulsierende Herzen als Augen.
„Ich bin also ein süßer Typ, hä?“
„Wenn du nicht gerade wehrlose Frauen ausraubst, dann ja“, lachte sie, bevor sie ihm die Hand entgegenstreckte. „Ich bin Mallory.“
„Mickey, angenehm“, gluckste er, während er sich hochstemmte.
„Wow, Mickey und Mallory …“ Sie klatschte freudig in die Hände. „… das ist ja wie in ,Natural Born Killers‘.“
„Natural … was?“
„Na ,Natural Born Killers‘, der Film“, gab sie zurück als wäre er schwer von Begriff. „Der ist zwar aus den Neunzigern, aber total abgefahren.“
„Aha …“ Mickey klopfte sich den Staub von den Klamotten und sah sich anschließend suchend vor dem Affengehege um. „Was machst du eigentlich hier, du liebst wohl die Viecher?“
Mallory packte ihn an den Schultern und drehte ihn zu dem riesigen Areal herum, das fast wie ein Stück Afrika aussah.
„Fällt dir da irgendwas auf?“, wollte sie mit einem hintergründigen Lächeln wissen.
Tatsächlich verhielten sich die Schimpansen ziemlich eigenartig. Zwei paarten sich wie die Wilden, ein anderer torkelte umher, als hätte er eine halbe Flasche Wodka getrunken und ein weiterer schien eine Art Wahlkampfrede zu halten.
„Alter, was ist denn mit denen los?“, murmelte Mickey ungläubig.
„Kokain, Amphetamin, THC.“ Mallory deutete nacheinander auf einzelne Tiere. „Ich habe die Substanzen mit verschiedenen Glykosiden kombiniert, um sie zu modifizieren, und beobachte jetzt die Wirkung.“ Dann zog sie ein paar Tütchen, in denen sich kleine Leckerlis befanden, aus ihrer Handtasche und wedelte demonstrativ damit herum. „Das ist praktisch ein wissenschaftliches Experiment …“
„… das ein bisschen schiefläuft“, unterbrach er sie, weil gerade der Wahlkampfredner von seinem Baumstamm kippte.
„Tja, Rückschläge gehören nun mal dazu“, kicherte Mallory überdreht, bevor sie ihm spielerisch auf den Arm boxte. „Los, lass uns abhauen!“
Eine Viertelstunde später saßen sie sich in der S-Bahn gegenüber.
„Und was machst du so, wenn du keine Handtaschen klaust?“, wollte sie wissen.
„Na ja, dies und das“, gab Mickey schwammig zurück.
„Also ein kleiner Gangster, der sich mit Gaunereien über Wasser hält!“, grinste sie.
„Das klingt ein bisschen zu negativ“, antwortete er gespielt beleidigt. Dann straffte er sich. „Mein Onkel ist ein ziemlich einflussreicher Mann im Betäubungsmittelgeschäft, er wäre bestimmt begeistert von dir.“
Natürlich wusste Mickey, dass er ein Looser war, aber darüberhinaus war er auch ein Opportunist, der sich keine Chance entgehen ließ. Aus irgendeinem Grund fand diese Klassefrau ihn sympathisch und da wäre es ja geradezu sträflich, das nicht zu nutzen. Zumal er sie ebenfalls mehr als sympathisch fand.
„Aha, du willst also mit mir angeben.“ Mallory verzog überheblich den Mund. „Und was springt dabei für mich heraus?“
„Vielleich ein gut bezahlter Job.“ Mickey lächelte verschmitzt. „Wer an Affen Haschkekse verfüttert, der scheint selbst mit einem Bachelor in Chemie keine Reichtümer anzuhäufen …“
Weiter kam er nicht. Die Bahn fuhr gerade in eine Haltestelle ein und Mallory nutzte das Abbremsen, um auf Mickeys Schoß zu springen und ihm einfach ihre Zunge in den Hals zu stecken. Eine Sekunde später saß sie wieder auf ihrer Seite als wäre nichts gewesen.
„Ich bin Laborantin in der Pharmabude drüben in Tempelhof“, erklärte sie ihrem völlig verblüfften Gegenüber. „Da verdient man zwar ziemlich gut, aber der Job ist extrem langweilig, sodass ich mir anderweitig ein bisschen Abwechslung suchen muss. Natürlich könnte ich auch mit einem Gummiseil an den Beinen von einer Brücke hüpfen oder so, aber Chemie ist nun mal mein Ding.“ Sie tippte ein paarmal mit ihrem Finger nachdenklich an die Lippen. „Das mit deinem Onkel klingt gar nicht schlecht, vielleicht solltest du mich ihm mal vorstellen.“
„Wo … wo fahren wir denn eigentlich hin?“, stammelte Mickey. Er stand immer noch unter dem Einfluss von Mallorys Überfall und dass jemand am Periodensystem und Summenformeln Gefallen finden konnte.
„Na zu mir!“ Sie warf einen Blick nach draußen, wo zwischen den vorbeirasenden Häusern immer wieder der Fernsehturm zu sehen war. „Oder denkst du etwa, dass ich einfach in die Wohnung eines Wildfremden mitgehe?“
„Ist das nicht egal, ob du nun zu einem Wildfremden mit in die Wohnung gehst oder er in deine kommt?“
„Nein, ist es nicht!“, stellte Mallory kategorisch fest. „Ich habe bei mir zu Hause jede Menge Knarren und Elektroschocker versteckt, sodass ich dich problemlos fertigmachen kann.“
„Hast du nicht!“, gluckste er.
„Da wäre ich mir an deiner Stelle nicht so sicher!“ Sie drohte ihm scherzhaft mit dem Zeigefinger. „Am Ende könnte ich dich sogar mit einer gemeinen Droge betäuben und vergewaltigen.“
Mickey grinste. Noch bevor ihre Beziehung richtig begonnen hatte, stand bereits fest, wer die Hosen anhatte. Doch solange er sie ihr wieder herunterreißen durfte, war ihm das scheißegal.
„Los komm, hier müssen wir raus!“ Mallory sprang auf und zog ihn zur Tür, die sich gerade öffnete.
Unmittelbar neben dem Bahnhof gab es einen kleinen Kiosk, in dem sie sich noch ein Sixpack kaltes Bier, Chips und Sandwiches besorgten, bevor sie weiter die abendliche Straße entlangschlenderten.
Mallorys Wohnung lag in einem für die Gegend typischem Mietshaus. Mit Hinterhof und Minibalkonen, wobei ihrer Mickey eher an einen im Pariser Quartier Latin erinnerte. Irgendwie hatte sie es geschafft, einen Tisch, zwei Stühle und üppig wuchernde Topfpflanzen auf zwei Quadratmeter zu quetschen. Selbst drinnen herrschte ein geschmackvolles Chaos. Fast so, als hätte ein Innenarchitekt ein paar Tütchen zu viel geraucht.
Mallory warf ihren Blazer, mit dem sie tatsächlich ein bisschen wie eine Grundschullehrerin aussah, in Richtung eines Sessels und ließ sich auf das bequeme Sofa fallen. Anschließend riss sie das Sixpack auf und hebelte mit einer Flasche geschickt die Kronkorken von zwei weiteren herunter.
„Prost!“ Dann startete sie mit der Fernbedienung ihren Fernseher, worauf sich sofort die Netflix-App öffnete.
Mickey schnappte sich das andere Bier und prostete zurück.
„Wenn du ,Natural Born Killers‘ noch nicht gesehen hast, dann sollten wir das unbedingt ändern“, murmelte sie, während sie nach dem Film suchte.
„Was kostet dich das eigentlich?“, wollte er wissen.
„Knapp zwanzig Euro im Monat, ich hab das Premium-Abo“, gab Mallory zerknirscht zu.
„Darf ich mal?“ Mickey deutete mit dem Kopf auf die Fernbedienung.
„Klar!“
Sie griff sich ein saftiges Sandwich, das mit Hühnchen belegt war, und biss bedächtig hinein, während sie ihren Gast beobachtete. Mickey scrollte sich mit einer Hand durch das Menü ihres Fernsehers und bearbeitete mit seiner anderen das Display seines Smartphones. Ein paar Minuten später fuhr der Fernseher herunter und startete kurz darauf neu.
„So, jetzt ist es für dich kostenlos!“ Mickey übergab ihr mit einem feierlichen Lächeln die Fernbedienung. „Denn das ist genau mein Ding.“
„Respekt, Respekt!“ Mallory nickte anerkennend. „Allerdings kann ich jetzt noch weniger verstehen, warum du Handtaschen klaust.“
„Ich kann mich ziemlich schlecht verkaufen“, musste er zugeben. „Und Marketing ist heutzutage nun mal das A und O.“
„Macht nix, jetzt hast du ja mich“, stellte sie leichthin fest. Dann schielte sie erwartungsvoll auf ihren Fernseher. „Und, bist du bereit für ein blutiges Gemetzel?“
Mickey nickte. Obwohl er nicht wirklich erwartete hatte, dass sie sofort herummachen würden, wäre so etwas wie vorhin in der S-Bahn nicht schlecht gewesen. Aber was nicht ist, das konnte ja noch werden und zum Glück gab es bereits in der Eröffnungssequenz für ihn eine Überraschung. In Ermangelung von Mallorys Zunge hatte er ebenfalls in ein Sandwich gebissen und spülte es gerade mit einem großen Schluck kaltem Bier hinunter.
„Das ist doch der Typ aus ,Die Tribute von Panem‘, nur mit einer anderen Frisur“, schmatzte er.
„Stimmt!“, bestätigte Mallory. „Das ist Woody Harrelson.“
„Und die beiden heißen tatsächlich genau so wie wir!“
„Sag ich doch, du Blitzmerker.“ Mallory verdrehte belustigt die Augen. Der knackige Kerl neben ihr war bestimmt nicht blöd, nur brauchte er wahrscheinlich ab und zu eine kleine Starthilfe.
Ungefähr vierzig Leichen und zwei Biere später schälte sie sich filmreif aus ihren Jeans. Und einen Augenblick danach folgte ihr Oberteil.
„Solche Gewaltexzesse machen mich immer extrem geil“, stellte sie fest, bevor sie an seinem Gürtel herumfummelte.
Mickey wusste im Augenblick nicht, ob er das gut oder schlecht finden sollte. Vielleicht war die hübsche junge Frau, die gerade seinen Schwanz aus seiner Hose holte, so etwas wie diese Gottesanbeterinnen, die noch während der Paarung ihre Partner fraßen. Doch als sie dann Hand anlegte und seinen Ständer in ihre Muschi dirigierte, waren seine Bedenken sehr schnell verschwunden. Mallory bewegte sich wie eine balinesische Tempeltänzerin, die durch das Massaker, das im Hintergrund lief, immer weiter angespornt wurde. Genau in dem Moment, als auf dem Bildschirm jemandem durch eine Pumpgun der halbe Brustkorb weggerissen wurde, kam sie. Und eine Sekunde später kam auch er. Wenn er bei ihr nicht unter die Räder kommen wollte, dann musste er wohl kräftig Gas geben.
Als Jonas in die Einfahrt der kleinen Anlage einbog, in der seine Wohnung lag, musste er ein Fluchen unterdrücken. Das Automatiktor der Tiefgarage hatte offenbar seinen Geist aufgegeben und so musste er jetzt den dampfenden Karton aus dem La Primavera durch das gepflegte Gärtchen jonglieren.
Kaum hatte er seine Wohnungstür hinter sich geschlossen, trat er seine Sneakers herunter und schob sie mit dem Fuß hastig unter die Flurgarderobe. Die Pizza, die er sich besorgt hatte, duftete einfach zu lecker. Anschließend schnappte er sich ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank und ließ sich in seinen Fernsehsessel plumpsen. Seit Nele mit ihm, beziehungsweise er mit ihr, Schluss gemacht hatte, war er wieder der uneingeschränkte Herrscher der Fernbedienung.
Dann angelte er sich eine Ecke, die mit saftigem Schinken belegt war, aus dem Karton und zappte durch das Abendprogramm. Doch schon nach ein paar Minuten gab er stöhnend auf. Das Angebot der Öffentlich-Rechtlichen glich eher der Vormittagsunterhaltung eines Altersheims und für das der Privaten reichte die Intelligenz einer Amöbe völlig aus. Aber zum Glück gab es ja noch Netflix und Co.
Jonas aktivierte die entsprechende App und hatte eine Sekunde später Zugriff auf alles, was jemals in der Geschichte der Menschheit gefilmt worden war. Na ja, zumindest auf fast alles. Blöderweise ging ihm der Einsatz bei Sophie nicht mehr aus dem Kopf. Und das, was Paula dann in der Wache darüber gesagt hatte. Offensichtlich stand er mit seiner Auffassung nicht allein auf weiter Flur. Nur bezweifelte Jonas, ob sie das auch so in die Praxis umsetzen würde wie er. Schon seit Längerem hatte er eine ganz eigene Strategie entwickelt, um gegen die zunehmende Frustration anzukämpfen. Während manche zur Flasche griffen und andere in einem Burn-out versanken, stauchte er Pseudo-Notfälle, die mitten in der Nacht anriefen, auf Randsteingröße zusammen. Oder zog einem renitenten Junkie, der im Rettungswagen randalierte, schon mal eins mit der stabilen Taschenlampe über. Bei der Polizei musste dann immer ein vermeintlicher waffenähnlicher Gegenstand, der bei dem Randalierer gesehen worden war, als Begründung herhalten. Und bei den ganz extremen Fällen ging er sogar noch einen Schritt weiter. Schließlich wurde im Alten Testament auch nicht lange gefackelt.
Dieser Vogel, der Philipp die Nase gebrochen hatte, konnte von Glück reden, dass er ständig ausgeflogen war. Die Beamten waren bei seiner Verhaftung nicht allzu zimperlich mit ihm umgegangen, sodass einige seiner Blessuren in der Notaufnahme behandelt werden mussten. Natürlich war es da für Jonas ein Leichtes, seine Adresse herauszufinden. Dem Namen nach stammte er von irgendwo aus dem Kaukasus und wohnte jetzt in einer Trabantensiedlung mit diesen hässlichen Plattenbauten, wie sie Ende der Siebziger in ganz Deutschland üblich waren.
Schon des Öfteren hatte sich Jonas besorgt gefragt, ob mit ihm vielleicht irgendetwas nicht stimmte. Aber schließlich hatte er ja sein Staatsexamen als Notfallsanitäter nicht abgelegt, um sich anpöbeln oder bespucken zu lassen. Da schlug er doch lieber zurück. Auch wenn er dabei manchmal über das Ziel hinausschoss. Bei den Amerikanern wurden solche Typen getasert, bevor sie im Knast landeten, doch hier veranstaltete man ein Kaffekränzchen. Na ja, manchmal jedenfalls. Die beste Deeskalationsstrategie nützte ja bekanntlich wenig, wenn das Gegenüber gerade keinen Bock darauf hatte. So wie Sophies Freund zum Beispiel.
Während manche nach einer solchen Aktion reumütig zu Kreuze krochen, war der Muskelprotz immer noch auf Krawall gebürstet. Also genau der richtige Zeitpunkt, um ihm kräftig auf die Finger zu klopfen. Denn womöglich endete seine nächste Attacke nicht nur mit blauen Flecken und einer gebrochenen Rippe. Wo der Staat versagte, da musste man eben ein bisschen nachhelfen. Denn wer kannte es nicht, das befriedigende Gefühl, wenn in einem Film der Bösewicht, der mit allerlei Taschenspielertricks davongekommen war, doch noch seine gerechte Strafe erhielt.
Man durfte sich eben nur nicht dabei erwischen lassen.
Euphorisch stopfte sich Jonas den Rest der Pizzaecke in den Mund und spülte ihn mit einem großen Schluck Bier hinunter. Dann ging er in die Tiefgarage. Hinter seinem Stellplatz befand sich ein Lüftungsgitter, das im Prinzip für nichts gut war, weil der Schacht aus unerfindlichen Gründen blind endete. Also genau der richtige Platz für ein paar Sachen, die man nicht unbedingt in der eigenen Wohnung aufbewahren wollte. So wie einen sogenannten Totschläger oder einen extra starken Elektroschocker. Jonas schnappte sich das mit Sand gefüllte Ledersäckchen und schlenderte anschließend mit federnden Schritten hinaus zu seinem Wagen.
Keine halbe Stunde später quetschte er seinen etwas in die Jahre gekommenen VW Passat in eine Parklücke, von der er einen guten Blick auf Sophies Haus hatte und die trotzdem weit genug davon entfernt war. Er konnte sich zwar nicht so recht vorstellen, dass sich jemand an den unauffälligen Wagen erinnerte, wenn sich der Typ mit einer dicken Beule am Kopf zur Polizei schleppte und die dann ermittelte. Aber sicher war eben sicher und aus diesem Grund hatte er auch vorsichtshalber sein Smartphone zu Hause gelassen.
Nach nicht einmal zehn Minuten stand für Jonas fest, dass Sophies Freund in der Wohnung sein musste. Einige Lichter im Dachgeschoss gingen an und wieder aus, bis schließlich hinter dem größten das bläuliche eines Fernsehers flackerte. Moralische Bedenken wischte er dabei jedes Mal einfach beiseite. Denn einem Schläger, der seine schwangere Freundin verprügelte, eine kleine Lektion zu erteilen, machte aus ihm ja fast schon einen Superhelden. Genau wie Batman.
Trotzdem genehmigte er sich noch einen kräftigen Schluck Wodka aus dem silbrig glänzenden Flachmann, der im Handschuhfach lag. Er stand zwar nicht sonderlich auf das Zeug, aber einen Single Malt oder einen guten spanischen Brandy durfte man nicht einfach so hinunterschütten.
Nachdem sich die Wärme angenehm in Jonas’ Körper ausgebreitet hatte, öffnete er die Tür seines Passats und stieg aus. Darüber, wie er in das Haus gelangen würde, machte er sich die wenigsten Gedanken. Einmal auf alle Klingeln drücken führte erfahrungsgemäß dazu, dass immer irgendein Bewohner den Türöffner betätigte. Dann musste er nur schnell das Schloss blockieren und noch so lange warten, bis sich alles beruhigt hatte. Den Schläger vom Fernseher wegzulocken, konnte auch nicht allzu schwierig sein. Sicher würde er nach einem nervigen Dauerklingeln einfach in das Treppenhaus stürmen, um nachzusehen, welcher Blödmann ihn da verarschen wollte.
Ein paar Minuten später stand Jonas mit jagendem Herzen im Dachgeschoss. Allerdings nicht wegen der Aufregung, sondern weil er nach oben gesprintet war. Denn durch seinen Job kam er mit einem gewissen Überschuss an Adrenalin im Blut recht gut zurecht. Um keine Spuren zu hinterlassen, hatte er dünne Latexhandschuhe übergezogen und zur Tarnung einen Mund-Nasen-Schutz aufgesetzt. So machte er sich den Umstand zunutze, dass sich einige Leute seit der Pandemie ohne das Ding immer noch nicht auf die Straße trauten.
Anschließend drückte er entschlossen den Klingelknopf.
Nach ungefähr zehn Sekunden hörte er von drinnen wildes Fluchen und Getrampel, also genau das, was er erwartet hatte. Einen Augenblick später flog die Tür auf. Sophies Freund glotzte ihn an als wäre er ein Außerirdischer, dann traf ihn das sandgefüllte Säckchen genau an der Schläfe. Er taumelte ein paar Schritte rückwärts und stolperte dabei noch über seine eigenen Schuhe, bevor er am Fuß einer Wendeltreppe zu Boden ging.
Trotzdem war Jonas ein wenig überrascht, dass sein Überrumpelungsversuch nicht nur so reibungslos geklappt, sondern den Schläger sogar auf die sprichwörtlichen Bretter geschickt hatte. Denn eigentlich wollte er dem Benebelten lediglich eine kleine Ansage machen. Zum Beispiel, wie er sich seiner schwangeren Freundin gegenüber in Zukunft zu benehmen hatte. Aber einem Bewusstlosen einen Vortrag halten, machte nicht viel Sinn. Außerdem bezweifelte er in diesem Moment, dass der sich daran hielt und womöglich machte seine Aktion alles nur noch schlimmer. Da wäre es weitaus besser, wenn der Typ nicht mehr aufwachen würde.
Jonas schloss vorsichtig die Tür und inspizierte anschließend Sophies Zuhause.
Im oberen Geschoss der Maisonette befanden sich das Bade- und das Schlafzimmer, denen man die Handschrift einer Frau deutlich ansah. Es gab ein paar kitschige Kunstdrucke und jede Menge kleine Figürchen und Fläschchen, die den Hausputz sicher nicht gerade einfach machten. Aber dafür duftete es angenehm nach einem Citrus-Potpourri. Die Küche in der unteren Etage wirkte im Gegensatz dazu wie eine Experimentierstube für Fertiggerichte. Jonas fragte sich, wie Sophies Freund es geschafft hatte, den Herd und die Arbeitsplatten in einem halben Tag in einen solchen Saustall zu verwandeln. Selbst sein schmuddeliger Rucksack, der umgekippt war, glich einer Rumpelkammer. Jonas stieß angewidert mit seinem Fuß dagegen und riss kurz darauf erstaunt die Augen auf. Das kleine gummigepolsterte Rohr sah wie ein zusammengeschobener Schlagstock aus.
„Na sieh einer an …“, murmelte er zu sich selbst.
Dann griff er nach der gemeinen Waffe und drückte auf einen silberfarbenen Hebel, der den Mechanismus entriegelte, dann schleuderte er mit einer kräftigen Bewegung den Stock zur vollen Länge heraus. Jonas fuhr damit ein paarmal prüfend durch die Luft wie Luke Skywalker mit seinem Laserschwert. Mit dem Ding konnte man glatt zwei oder drei Gegner in Schach halten, wenn nicht sogar die Schädel einschlagen.
Wie auf ein geheimes Stichwort hörte Jonas aus dem Flur ein blubberndes Röcheln. Bekanntlich erschlaffte ja bei Bewusstlosen die Muskulatur der Speiseröhre und des Mageneingangs, sodass die Betreffenden an ihrem eigenen Erbrochenen oder ihrer Zunge erstickten. Zumindest wenn sie ungünstig lagen. Und das war wahrscheinlich gerade bei Sophies Freund der Fall. Wenn er jetzt nichts unternahm, dann sah es schlecht für den Schläger aus.
Nur ganz kurz überlegte Jonas, ob er ihn in die stabile Seitenlage drehen sollte. Doch dass er durch diese Nahtoderfahrung zu einem besseren Menschen werden würde, war mehr als fraglich. Zumal sein Blick gerade auf eine Handvoll Tütchen mit weißen Kristallen fiel. Sie waren so weit unter den Rucksack gerutscht, dass er sie erst jetzt bemerkt hatte. Er hob ein paar von ihnen auf und betrachtete prüfend deren Inhalt. Da Salz und Zucker mit Sicherheit ausschieden, tippte er auf Crystal Meth. Trotzdem steckte er sie vorsichtshalber ein, denn man wusste ja nie. Dann schob er den Schlagstock zusammen, klemmte ihn an seinen Gürtel und warf noch einen schnellen Blick in das Wohnzimmer. Wie er bereits erwartet hatte, flimmerte dort gerade die pseudodokumentarische Soap einer prolligen Millionärsfamilie über einen riesigen Flatscreen. Dazu hatte sich der Hausherr ganz standesgemäß Billigbier und Dosenravioli genehmigt, die er auch gleich aus dem Topf gegessen hatte. Und die ihm nun zum Verhängnis wurden.
Echte Männer erstickten an Steaks, Verlierer an labberiger Pasta.
Jonas lauschte eine ganze Weile in das Treppenhaus. Erst als er sich sicher war, dass er unbemerkt verschwinden konnte, öffnete er leise die Tür.
Und schloss sie sofort wieder.
Dann ging er seufzend zu Sophies Freund, dessen Atmung inzwischen in ein unregelmäßiges Gurgeln übergangen war, und drehte ihn mit einem kräftigen Ruck auf die Seite. Schließlich hatte der Typ niemanden auf dem Gewissen. Zumindest noch nicht. Wenn er ihn einfach an seiner eigenen Kotze ersticken ließ, dann war er im Grunde nicht viel besser als er. Der riesige Schwall halb verdauter Ravioli, der sich daraufhin auf den Fußboden ergoss, machte dies mehr als deutlich. Jetzt musste er nur noch unauffällig dafür sorgen, dass ihn auch jemand fand.
