Der Fotograf - Tagebuch eines Killers - J.S. Ranket - E-Book

Der Fotograf - Tagebuch eines Killers E-Book

J.S. Ranket

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Beschreibung

Jacob Walker ist nicht nur ein begnadeter Fotograf, sondern auch ein eiskalter Killer, der sich gleich mit mehreren Problemen herumschlagen muss. Seine pubertierende Tochter wird langsam flügge, während es ihre liebestolle Schulkameradin auf ihn abgesehen hat. Da ist es natürlich kein Wunder, dass er seiner nervenden Ex am liebsten ein Kugel in den Schädel jagen würde. Doch als scheinbar zufällig eine junge Frau in seinem Atelier auftaucht, um ihn zu einem Shooting zu überreden, geht der Ärger erst richtig los. Die mysteriöse Schönheit hat offensichtlich in ein Wespennest gestochen, um das sie besser einen großen Bogen gemacht hätte. Jetzt steht sie auf der Abschussliste und damit auch jeder, der mit ihr zusammen ist. Auf der Suche nach den Auftraggebern schlittern die beiden von einem haarsträubenden Abenteuer in das nächste, bis sie schließlich über einen längst abgeschlossenen Mordfall stolpern.

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J.S. Ranket

Der Fotograf - Tagebuch eines Killers

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Anmerkung des Autors und Danksagung

Impressum neobooks

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Sorgfältig stopfte Bill Chandler die Plastikfolie in die äußerste Ecke des luxuriösen Fahrstuhls. Wenn die Malerfirma, die im dritten Stock gerade den Flur renovierte, mit ihren Farbkübeln auf dem dicken Teppich irgendwelche Spuren hinterlassen würde, dann wäre ihm ein kräftiger Anschiss sicher. Denn hier im noblen Kensington verstanden die Leute in dieser Hinsicht keinen Spaß. Und schon gar nicht mit dem Hausmeister. Wahrscheinlich würde sein Boss ihm die Reinigungskosten von seinem Gehalt abziehen. Und zwar ohne auch nur einmal mit der Wimper zu zucken.

Vorsichtshalber befestigte Chandler die Folie noch mit einem breiten Streifen Klebeband, bevor er die Lichtschranke der Tür wieder freigab. Sicher hatten schon einige Bewohner des Appartementhauses ungeduldig auf die Bedienknöpfe gehämmert und warteten mit scharrenden Füßen, dass die Kabine endlich nach oben fuhr. So wie dieser dämliche Musiklehrer, der mit mäßigem Erfolg versuchte, den Kindern überbezahlter Banker und Anwälten das Klavierspielen beizubringen.

Das Geklimper, das trotz des schallisolierten Musikzimmers manchmal zu vernehmen war, verursachte bei längerem Zuhören bestimmt Ohrenkrebs. Denn anders konnte er sich die verkniffenen Gesichter der kleinen Mädchen und Jungen, die der seltsame Kerl fürsorglich bis in die Lobby brachte, nicht erklären. Wahrscheinlich wurden sie von ihren statussüchtigen Eltern mit der Aussicht auf das neueste iPhone dazu genötigt, ein Instrument zu erlernen.

Dass der Blüthner-Flügel dabei meist überhaupt nicht angetastet wurde, konnte Chandler natürlich nicht wissen. Genauso wenig wie die Tatsache, dass die angehenden Pianisten mit perfiden Drohungen eingeschüchtert wurden, über die Vorgänge im Musikzimmer den Mund zu halten.

In dem Moment, in dem sich die Tür des Aufzugs schloss, entdeckte Chandler tatsächlich noch eine Stelle, die nicht von der Folie bedeckt wurde. Todesmutig sprang er in die Kabine, aber die Zeit bis zum erneuten Schließen reichte nicht aus. Hektisch versuchte er mit seinem Teppichmesser, den Kampf gegen das widerspenstige Klebeband zu gewinnen, denn die Mieter der teuren oberen Etagen wurden nur sehr ungern von der arbeitenden Bevölkerung belästigt. Doch zum Glück schaffte er es gerade noch rechtzeitig.

Blöderweise stieg ausgerechnet jetzt dieser arrogante Schnösel von Musiklehrer zu. Aber offensichtlich hatte der einen guten Tag. Er übersah mit einem süffisanten Grinsen, dass sich Chandler mit seinem Ärmel erleichtert den Schweiß von der Stirn wischte. Nur als er die blitzende Klinge in seiner Hand entdeckte, hob er erstaunt die Augenbrauen.

„Sie wollen mich doch nicht etwa umbringen, oder?“, stieß er mit gespieltem Entsetzen hervor. Dann ließ er sich zu einer übertriebenen Geste hinreißen und klopfte dem Hausmeister freundschaftlich auf die Schulter.

Doch da hatte sich schon etwas in seinen Oberschenkel gebohrt. Exakt an der Stelle, an der eine fingerdicke Ader verlief, die das Bein mit Blut versorgte. Nur hatte er absolut keine Ahnung, was das gewesen sein könnte. Denn dazu ging alles viel zu schnell. Mit schwindenden Kräften versuchte er, die sprudelnde Quelle zu stoppen, aber der warme Strom rann ihm einfach durch die Finger. Da hätte er genauso gut versuchen können, ein Schwimmbad mit einem Schnapsglas auszuschöpfen.

Und was machte dieser blöde Hausmeister? Er stand einfach nur da und glotzte dämlich. Statt Hilfe zu rufen, war er lediglich darauf bedacht, dass er seine Schuhe nicht besudelte.

Nur hieß er überhaupt nicht Chandler. Und er war auch kein Hausmeister.

-2-

Jacob Walker hatte es sehr eilig, an diesem eisigen Dezembertag nach Hause zu kommen. Bei einem Streifzug über den monatlichen Trödelmarkt in Bexley im Süden Londons hatte er vor knapp zwei Monaten eine Lomo erstanden und sofort das Potential der kleinen Kamera erkannt. Während seine Klassenkammeraden bereits eifrig digitale Bilder schossen, überredete er seine Eltern, ihm im Keller ihres kleinen Häuschens ein Fotolabor einzurichten. So war er nicht auf die immer kostspieligere Entwicklung angewiesen und konnte auch gleichzeitig ein bisschen herumexperimentieren. Das nötige Zeug dazu hatte er sich in einem Kurs, der an seiner Schule angeboten wurde, angeeignet und war von Anfang an von der Langsamkeit fasziniert, mit der ihm das Papier sein Geheimnis offenbarte. Mit Autofokus und automatischer Belichtung konnte schließlich jeder Idiot gute Bilder schießen.

Zumindest wenn man einen Blick für das richtige Motiv hatte.

Noch sehr genau erinnerte er sich an Erins große Augen, als er ihr einen seiner ersten Schnappschüsse präsentierte. Und an den Kuss, den sie ihm anschließend auf die Lippen hauchte. Sie hatte sich damals ein bisschen verschämt zur Seite gedreht, bevor er den Auslöser drücken konnte. Doch das Ergebnis ließ sie anschließend nur sprachlos staunen, denn aus dem Bild der stupsnasigen jungen Frau war ein künstlerisches Meisterwerk geworden. Dass die kleine Kamera bei vielen Fotoenthusiasten gerade wegen ihrer Unschärfe und der Schatten so beliebt war, verschwieg er vorsichtshalber. Schließlich wollte er noch öfter von ihr geküsst werden.

Kurz nachdem Walker in seine Straße eingebogen war, entdeckte er Zach O’Brian. Der glatzköpfige Hooligan stand vor Mrs. Bradburys Haus und schien mit seinem punkigen Outfit irgendwo in den Achtzigern steckengeblieben zu sein. In Springerstiefeln und abgewetzter Lederjacke lief heutzutage ja wirklich niemand mehr herum. Außerdem sollte er sich einmal dringend um einen Zahnarzttermin kümmern. Dass man ausgeschlagene Zähne auch ersetzen konnte, hatte ihm offensichtlich noch niemand gesagt. Aber wenn man keinem Streit aus dem Weg ging, dann gehörte so etwas wahrscheinlich zum guten Ton.

Ohne sich von O’Brians martialischem Aussehen beeindrucken zu lassen, steuerte Walker direkt auf ihn zu. Immer wieder hatte ihm sein Vater eingebläut, niemals Angst zu zeigen. Auch wenn man die Hosen voll hatte. Sonst wurde man sehr schnell zum Opfer, auf dem dann alle nur allzu gern herumhackten. Außerdem spielte O’Brian in einer ganz anderen Liga. Dass der Glatzkopf sich mit einem Oberschüler anlegte, war schon ziemlich unwahrscheinlich. Trotzdem versuchte er, ihm hin und wieder einen Arschtritt zu verpassen. Was von Walker wiederum mit einem trotzigen Stinkefinger beantwortet wurde.

Erst als er ein wenig näher kam, bemerkte er die Leine in O’Brians Händen. Offensichtlich ließ er Churchill, seinen Bullterrier, einfach in Mrs. Bradburys Vorgarten pinkeln. Schon öfter war er deswegen mit der alten Dame aneinandergeraten und betrachtete es wahrscheinlich als Sport, von dort wegzukommen, bevor sie ihn mit dem Nudelholz verfolgen konnte. Zwar war der junge Walker auch nicht unbedingt ein Waisenknabe, doch wie man einer so netten Lady das Leben so schwer machen konnte, war ihm ein Rätsel. Zumal sie die leckersten Scones im ganzen Viertel backte und ihm, als er noch jünger war, auch ab und zu ein paar zugesteckt hatte.

Aber leider war der Super-GAU bereits eingetreten. O’Brians hässlicher Köter hatte auf dem vereisten Rasen einen Haufen hinterlassen, der einem Bären alle Ehre gemacht hätte. Zu allem Überfluss flog gerade in diesem Moment die Tür auf. Mrs. Bradbury stapfte nudelholzbewaffnet auf den Unhold zu und wollte ihn schon zur Rede stellen, als der sich mit einem dämlichen Grinsen bückte. Völlig ungeniert griff O’Brian in den stinkenden Haufen und verschmierte eine Handvoll der tierischen Exkremente auf ihrer blütenweißen Schürze.

Vor Schreck ließ Mrs. Bradbury ihre provisorische Waffe fallen. Dann taumelte sie nach hinten und stolperte über ein paar vertrocknete Blumenkübel. Von einer Sekunde auf die andere wurde ihr Gesicht aschfahl und sie blickte hilfesuchend auf Walker. Dabei rasselte ihr Atem wie eine alte Dampfmaschine, während sie mit unkontrollierten Bewegungen die Hundescheiße noch weiter auf ihrer Schürze verteilte.

Leider war Walker so gelähmt, dass er nur mit offenem Mund zurückstarren konnte. Und selbst O’Brian schien das alles zu viel zu werden. Er zog seinen knurrenden Köter an der Leine von der alten Dame fort und machte sich dann einfach aus dem Staub.

Zum Glück hatte eine Nachbarin den Vorfall beobachtet. Sie stürmte wild gestikulierend über die Straße und kreischte dabei irgendetwas in ihr Handy. Die nächste Viertelstunde lief dabei für Walker ab wie ein Film, den er als unbeteiligter Zuschauer beobachtete. Heulende Sirenen kamen näher, ein Rettungswagen stoppte mit quietschenden Reifen, eine Trage klapperte und ein Gerät piepte.

Aber erst als die Sanitäter mit Mrs. Bradbury verschwunden waren, konnte sich Walker aus seiner Erstarrung lösen. Irgendjemand musste dem Arschloch endlich einmal eine Lektion erteilen.

Und er wusste auch ganz genau, wer das sein würde.

-3-

Mit verquollenen Augen starrte O’Brian auf die Schneeflocken, die träge an seinem Fenster vorbeizogen. Wenn sein Hund nicht pinkeln müsste, dann würde er am liebsten den ganzen Tag im Bett bleiben. Vielleicht sollte er aber auch einfach beim nächsten Besäufnis nicht ständig abwechselnd Wodka und Scotch in sich hineinschütten. Oder Mickey, seinen Kumpel, ein bisschen eher hinauswerfen.

Seinem brummenden Schädel würde das auf jeden Fall guttun.

Mühsam stemmte er sich nach oben. Churchill, der das wohl als Zeichen auffasste, dass es gleich losging, wedelte aufgeregt mit seinem Stummelschwanz, während sein Herrchen zur Salzsäule erstarrte.

Irgendjemand hatte doch tatsächlich über die niedrige Mauer, die seinen handtuchgroßen Garten von der Straße trennte, eine Arsenal-Flagge gehängt. Dabei wusste doch jeder im Viertel, dass O’Brian Anhänger der Tottenham Hotspurs, also den Erzrivalen, war. Der Blödmann, der das verbockt hatte, könnte sich auf jeden Fall schon einmal von seinen Schneidezähnen verabschieden.

Das hieß, wenn er ihn erwischte.

Aber vielleicht hing der Lebensmüde auch noch da draußen herum und wollte nur seine Reaktion beobachten. O’Brian schlüpfte in seine warme Sweatjacke, griff sich den Baseballschläger, den er für solche Zwecke im Flur deponiert hatte, und öffnete betont langsam die Tür. Natürlich hielt Churchill überhaupt nichts von dieser Taktik seines Herrchens. Er stürmte einfach nach draußen und verschwand mit lautem Gekläffe durch das unverschlossene Gartentor.

Vorsichtig spähte O’Brian seinem Bullterrier hinterher, doch die Straße war praktisch leergefegt. Nur der Wind blies den Schnee zu kleinen Häufchen zusammen. Vielleicht würde die kalte Luft ja auch bei seinen Kopfschmerzen helfen.

Doch kaum hatte er einen Fuß vor die Tür gesetzt, da wurde ihm buchstäblich der Boden weggerissen. Die kleine Treppe, die eigentlich durch das Vordach geschützt sein sollte, hatte sich auf wundersame Weise in eine Eisbahn verwandelt. O’Brian vollführte einen lautlosen Stepptanz, bevor er mit dem Hinterkopf auf die letzte Stufe knallte. Die wirbelnden Flocken über ihm verschmolzen zu einem weißen Strudel, der ihn langsam davontrug.

Eigentlich müsste ihm eiskalt sein, doch O’Brian spürte nichts. Absolut nichts. Auf seinen Augenbrauen hatten sich in der Zwischenzeit kleine Schneewehen gebildet, die mit jeder Minute weiter und weiter wuchsen. Aber er schaffte es einfach nicht, sie wegzuwischen, denn irgendwie schienen ihm seine Arme nicht mehr zu gehorchen. Genauso wenig wie seine Beine. Spätestens jetzt musste selbst dem größten medizinischen Laien klar werden, dass er ein ernsthaftes Problem hatte. Doch der Adrenalinschub blieb aus. O’Brian konnte natürlich nicht wissen, dass durch den kleinen Unfall auch sein Rückenmark verletzt worden war. Und das brachte die sensible Regulation seines Hormonsystems ebenfalls völlig durcheinander.

Aber offensichtlich hatte er Glück im Unglück, denn direkt vor ihm schälte sich plötzlich ein bekanntes Gesicht aus den wirbelnden Flocken.

„Hey Jacob, du kleiner Pisser“, keuchte er mit einem schiefen Grinsen. „Bitte ruf einen Krankenwagen! Du wirst doch deinen alten Kumpel Zach nicht einfach so hier liegenlassen.“

Nur schien der Junge ihn nicht wirklich zu verstehen. Er beugte sich nach vorn und brachte sein Ohr ganz nah an seinen Mund. Mit Sicherheit hatte der schlaksige Kerl in der Schule einen Erste-Hilfe-Lehrgang besucht und überlegte jetzt, ob er ihm auf der Brust herumhämmern oder in die stabile Seitenlage drehen sollte.

Doch als Walker ihm stattdessen den Kiefer auseinanderdrückte, begann sein Kopf zu glühen wie eine Kanonenkugel, die in einem Schmelzofen lag. In Sekundenbruchteilen bildeten sich auf seiner Stirn riesige Schweißperlen, die ihm sofort in die Augen rannen. So konnte O’Brian auch nicht sehen, dass der junge Mann mit seiner anderen Hand einen großen Schneeball formte.

Erst als er die Kälte in seinem Rachen spürte, wurde ihm klar, dass er nur noch wenige Augenblicke zu leben hatte. Seine Lunge kämpfte verzweifelt gegen den eisigen Pfropfen, der immer tiefer und tiefer in seinen Rachen gestopft wurde. Doch sie schaffte es einfach nicht, auch nur ein Quäntchen Luft einzusaugen. Dazu steckte der Schnee einfach schon viel zu tief in seinem Hals. Außerdem wurden die Flocken vor seinen Augen auch immer größer und größer. Bis sie so groß wie sein eigenes Bett waren.

O’Brian musste sich einfach nur hineinfallen lassen.

Fasziniert beobachtete Walker den sterbenden Körper. Auch wenn Mrs. Bradbury noch einmal mit dem Leben davongekommen war, würde sie wohl nie wieder ihre leckeren Scones backen. Die Ärzte hatten der alten Dame zwar erfolgreich einen Verschluss an einem Herzkranzgefäß entfernt, aber in ihrem Alter würde es wohl noch eine ganze Weile dauern, bis sie wieder auf die Beine kam.

Eigenartigerweise empfand Walker für O’Brian gar nichts und er fragte sich schon, ob irgendetwas mit ihm nicht stimmte. Doch wer Schwächere aus reiner Boshaftigkeit peinigte, der sollte nicht bloß ein paar Sozialstunden aufgebrummt bekommen. Und wer gebrechlichen Rentnern das letzte Ersparte aus der Tasche zog, dem durfte auch nicht nur mit dem Finger gedroht werden. In dieser Beziehung war er ganz bei den Rechtssätzen des Alten Testaments. In dem ging es nämlich vorrangig um Vergeltung und nicht um Schadensausgleich. Schließlich hatten die Geprellten nichts davon, wenn ihr Geld weg und bei dem Täter kein Penny mehr zu holen war.

Noch sehr genau erinnerte sich Walker an die Illustrationen in der zerfledderten Bibel, die er vor Jahren auf dem Dachboden seiner Eltern gefunden hatte. Auf denen kämpfte das Gute mit Feuer und Schwert gegen das Böse und es sah nicht so aus, als ob die Erzengel dabei Gefangene machten.

Aus diesem Grund kam ihm damals auch die alte Rattenfalle gerade recht. Mit jagendem Puls versteckte er sie in der Schultasche von Gus, dessen Lieblingsbeschäftigung es war, seinem Klassenkamaden Dylan ein Bein zu stellen. Der schmächtige Junge hatte irgendein Problem mit seinem Fuß und humpelte deshalb ein bisschen.

Was Gus’ Gemeinheiten umso gemeiner machte.

Blöderweise konnte Walker es körperlich nicht mit ihm aufnehmen, denn der pfannkuchengesichtige Sitzenbleiber war fast einen Kopf größer als er und boxte seine Widersacher ohne Vorwarnung einfach in den Magen. Doch nachdem ihm die Falle zwei Finger zerquetscht hatte, würde er das wohl für immer bleiben lassen.

Leider manövrierte man sich mit solchen Aktionen heutzutage sehr schnell ins Abseits. Jedenfalls so lange, bis der nächsten Großmutter das Konto leergeräumt oder ein besonders sensibles Opfer in eine Depression gemobbt wurde.

Natürlich plante Walker alles stets so, dass er damit durchkam. Wenn der Schnee durch O’Brians Körperwärme geschmolzen war, dann sah es wie ein ganz normaler Unfall aus. Schließlich war der perfekte Mord der, der nicht als solcher erkannt wurde.

Das pflegte jedenfalls Sherlock Holmes zu seinem Freund Dr. Watson zu sagen.

-4-

Seit über einer Stunde hockte Walker nun schon in dem alten Fabrikgelände neben einem kleinen Tümpel und wartete auf das perfekte Licht. Im dichten Gras des Ufers tummelten sich kurz vor Sonnenuntergang immer Libellen und vollführten mit ihren regenbogenfarbenen Flügeln die tollsten Manöver. Er hatte sich inzwischen eine Spiegelreflexkamera zugelegt, mit der er den bunten Reigen festhalten wollte. Normalerweise hingen die meisten seiner Freunde um diese Zeit mit ein paar Bier vor dem Scottish Arms herum und versuchten mit ihren frisierten Mopeds, die Mädchen zu beeindrucken. Aber Walker war durch seine ruhige Art ein bisschen zum Außenseiter geworden. Zumal er auf der Suche nach einem ausgefallenen Motiv am liebsten durch marode Hinterhöfe kroch.

Oder sich eben neben einem stinkenden Tümpel auf die Lauer legte.

Allerdings machte ihn das für viele seiner Mitschülerinnen derart interessant, dass er schon wieder irgendwie cool war. Doch er hatte immer nur Augen für Erin. Noch sehr genau erinnerte er sich, wie sie ihm den ersten Blowjob seines Lebens beschert und mädchenhaft gekichert hatte, weil alles buchstäblich daneben ging. Dass sie anschließend seiner Zunge mit ihrem Finger den richtigen Weg weisen musste, fand sie auch überhaupt nicht schlimm.

Nach einer halben Ewigkeit hatte Walker schließlich seine Bilder im Kasten. Im Gegensatz zu unbewegten Motiven, konnte er bei Tieren die Aufnahmen nicht komponieren, sondern musste auf den richtigen Moment warten. Und das dauerte eben. Doch jetzt konnte er sich endlich auf den Heimweg machen. Vielleicht schaute er auch noch einmal bei Erin vorbei. Wenn er an ihre weiche Lippen dachte, musste er sich schon mächtig zusammenreißen, um sich keinen herunterzuholen. So wie vorhin, an dem kleinen Teich.

Gerade als Walker sich durch dichtes Gestrüpp zurück zu seinem Moped kämpfte, hörte er Stimmen. Eine klang wie die von einem Bär, der beim Winterschlaf gestört worden war, und die andere gehörte eindeutig einer Frau. Die beiden schienen ernsthafte Probleme zu haben, denn es wurde immer lauter.

„Wenn du zu blöd zum Ficken bist, dann zeige ich dir nochmal wie es geht“, röhrte der Bär.

Walker war sofort klar, was hier vor sich ging. Hinter vorgehaltener Hand wurde nämlich gemunkelt, dass in den Wohnwagen, die in der alten Industriebrache abgestellt waren, ganz spezielle Dienstleistungen angeboten wurden.

Die Frauenstimme kreischte in einer Sprache, die Walker nicht kannte, doch sie schien mit dem, was der Bär mit ihr vorhatte, nicht einverstanden zu sein. Und genau deshalb schlich er vorsichtig näher.

Als Walker bessere Sicht hatte, entpuppte sich der Bär als ein muskelbepackter Schläger. Die andere Stimme gehörte einer zierlichen Asiatin, die von ihm vor sich her geschubst wurde. Direkt auf einen der Wohnwagen zu.

Instinktiv wollte Walker ihr schon zu Hilfe eilen. Doch auch wenn er knapp fünfzig Liegestütze am Stück und fast doppelt so viele Sit-ups schaffte, konnte er es natürlich nicht mit dem aufgepumpten Typ aufnehmen. Mit Sicherheit hatte der mehr als nur einen gemeinen Trick auf Lager. Wenn er nicht sogar eine Waffe besaß.

Und die Polizei zu rufen, würde auch nicht viel bringen. Bevor die hier waren, wäre ohnehin alles vorbei. Selbst wenn sie Schlimmeres verhindern könnten, wäre ihnen anschließend die junge Frau keine große Hilfe. Wer gegen solche Leute aussagte, der verschwand meist für immer von der Bildfläche oder wurde irgendwo am Ufer der Themse angeschwemmt.

Ohnmächtig musste Walker mit ansehen, wie sie der Kerl die letzten Meter zu dem Wohnwagen schleifte und dann förmlich hineinprügelte. Erst als die beiden im Inneren verschwunden waren, traute er sich aus seiner Deckung und huschte im Schutz der einbrechenden Dunkelheit näher.

Die Geräusche, die zu ihm nach außen drangen, klangen so, als ob eine Herde Rinder über eine Holzbrücke trampelte. Bis sie von einem rhythmischen Quietschen abgelöst wurden. Für Walker gehörte nicht viel Fantasie dazu, um sich vorzustellen, was der Kerl gerade mit ihr da trieb. Trotzdem spähte er vorsichtig durch das Fenster.

Abgesehen von einem kleinen Kühlschrank mit aufgesetzten Herdplatten, gab es in dem Raum lediglich ein Bett, eine Couch und den obligatorischen Fernseher. Und natürlich eine Nische, in der sich ein Mini-Badezimmer befand. Der Einrichtung nach war das die Unterkunft des Wachhundes, oder vielleicht auch Zuhälters, der die junge Frau gerade brutal vergewaltigte.

Er hatte mit seiner Pranke ihre Handgelenke gepackt und drückte sie in die Kissen, während er ihr mit der anderen den Mund zuhielt. Wie ihr zierlicher Unterleib seinen riesigen Schwanz aufnehmen konnte, war Walker ein Rätsel. Selbst einem anatomischen Laien mussten bei diesem Anblick die Haare zu Berge stehen.

Aber das Schlimmste war, dass sie ihn durch die vergilbten Gardinen hindurch unentwegt anstarrte. Natürlich konnte sie ihn nicht sehen, aber ihm kam es so vor, als würde sie ihm direkt in die Augen blicken.

Schweißgebadet rutschte Walker nach unten und presste sich seine Hand auf den Mund, um nicht kotzen zu müssen. Zum Glück hatte der Kerl schon nach wenigen Minuten genug, sodass wenigstens das dämliche Gequietsche aufhörte. Und nach ein paar weiteren Minuten stolperte die junge Frau heraus und verschwand schluchzend in der Dunkelheit.

Wenn Walker gewusst hätte, was er heute mit ansehen müsste, dann hätte er lieber mit seinen Freunden ein paar Bierchen geleert. Aber vielleicht war es auch ein Wink des Schicksals, dass gerade er zu einem heimlichen Zuschauer geworden war. So konnte er nämlich verhindern, dass sich das Ganze wiederholte.

Und zwar endgültig.

Doch vorher musste er noch eine Comedy-Show über sich ergehen lassen. Der Muskelprotz hatte für die Stromversorgung wahrscheinlich irgendeine Leitung angezapft und ließ sich jetzt von gehirnerweichenden Sprüchen berieseln. Dass Walker bei seinen Foto-Touren nie sein Smartphone mitnahm, weil er nicht abgelenkt werden wollte, hielt er in diesem Moment für einen weiteren Fingerzeig von oben. Sollte irgendjemand auf die völlig abwegige Idee kommen, die Log-ins dieser Funkzelle zu überprüfen, dann wär er jedenfalls fein raus.

Trotzdem hätte sich Walker am liebsten selbst geohrfeigt. Vermutlich hätte er die Vergewaltigung verhindern können, indem er einfach nur aufgetaucht wäre und gefragt hätte, was hier los sei. Vielleicht hätte er sich dadurch aber auch eine blutige Nase geholt. Oder einen gebrochenen Unterkiefer. Aber er hätte es auf jeden Fall versuchen müssen!

Jetzt musste ihm nur noch etwas einfallen, womit er sein Vorhaben in die Tat umsetzen konnte. Aber hatte er nicht vorhin, als es noch heller war, nur wenige Schritte entfernt einen Benzinkanister gesehen?

Langsam wie eine Schnecke kroch Walker vorwärts, bis er mit den Fingern gegen den Behälter stieß. Allerdings war der, bis auf etwas abgebröselten Rost, völlig leer. Und das hätte er sich auch denken können. Bestimmt lag er schon seit einer Ewigkeit hier herum. Aber vielleicht fand er ja irgendetwas anderes, mit dem er den Wagen abfackeln konnte. Nur war das in der Dunkelheit gar nicht so einfach. Erst recht, wenn er die Aufmerksamkeit des Schlägers nicht auf sich ziehen wollte.

Zufälligerweise besaßen die Nachbarn seiner Eltern ein Wohnmobil, mit dem sie in den Sommermonaten die Strände in Englands Süden unsicher machten. So wusste Walker, dass ein solches Gefährt in der Regel über eine Propangas-Anlage verfügte, mit der ein Boiler und sogar der Kühlschrank betrieben werden konnten. Und wenn er noch mehr Glück hatte, dann waren diese Tanks nicht vollständig leer.

Schon nach kurzer Suche fand er die Klappe mit den Stahlflaschen und öffnete sie übervorsichtig. Schließlich wollte er den Kerl nicht auf sich aufmerksam machen. Auch wenn der noch immer irgendwelchen Mist schaute, durfte er kein Risiko eingehen.

Entgegen seiner Befürchtungen konnte Walker die Verschraubung der Schläuche recht schnell lösen. Die plötzliche Kälte des entweichenden Gases signalisierte ihm, dass einem heißen Abgang des Idioten nichts mehr im Weg stand.

Bis plötzlich die Tür aufflog.

Und als der Schläger in dem hellen Rechteck auftauchte, setzte für einen Moment sein Herzschlag aus. Doch dem Schwanken nach zu urteilen, schien er nicht mehr ganz nüchtern zu sein. Und obendrein ein dringendes Bedürfnis zu haben. Sein warmer Strahl prasselte nur eine Armlänge entfernt in den Staub und Walker wich automatisch ein bisschen zurück, um nicht von den Spritzern getroffen zu werden. Dann schwankte der Kerl wieder hinein, knallte die Tür hinter sich zu und löschte das Licht.

Walker wartete, bis er hörte, dass der Kerl ins Bett plumpste, und zog sich dann langsam in das Gestrüpp am Rand des Platzes zurück. Trotzdem dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis er sich endlich traute. In der Zwischenzeit hatte er krampfhaft Berechnungen angestellt, wann genau das Gas die kritische Konzentration erreichen würde. Und ob der Funke des Lichtschalters ausreichte, es zu entzünden. Doch so richtig wusste er es nicht.

Trotzdem war es einen Versuch wert.

Selbst wenn das Ding nicht in die Luft flog, konnte er sich im Schutz der Dunkelheit ganz bequem davon machen. Denn dass der besoffene Typ ihn verfolgte, war ziemlich unwahrscheinlich. Walker beugte sich nach unten und griff nach einem großen Stein. Dann schleuderte er ihn entschlossen in Richtung des Wohnwagens.

Einen Wimpernschlag nachdem das Licht anging, brach die Hölle los. Es schien, als würde ein glühender Mund die Flammen aufsaugen und sie danach in einer gewaltigen Fontäne in den Himmel spucken. Die brennenden Trümmer flogen Walker um die Ohren wie ein außer Kontrolle geratenes Feuerwerk, während er fluchtartig den Rückzug antrat. Selbst als er auf seinem Moped zurück in Richtung Bexley raste, tauchte das Feuer die Nacht noch in ein gespenstiges Rot. Wenn die Feuerwehrleute mit ihren schweren Stiefeln auch die letzten Spuren kaputtgetrampelt hatten, würde keiner auf die Idee kommen, dass hier jemand nachgeholfen hatte.

-5-

„Da kommt dieser Vollidiot“, stellte Erin fest, nachdem sie sich ein kaltes St. Peter’s geöffnet hatte. Anschließend deutete sie mit dem Kopf auf das orangefarbene Motocross-Bike, das auf dem schmalen Feldweg ein paar hundert Yards entfernt an ihnen vorbeischoss.

Die junge Frau hatte es sich im saftigen Gras einer kleinen Anhöhe gemütlich gemacht und genoss zusammen mit Walker den lauen Frühlingsabend. Eigentlich wäre er lieber ins Scottish Arms gegangen, doch auf dem Hügel war es eigentlich auch nicht schlecht. Hier im Süden von Bexley war London fast noch ländlich. Mit Pferdekoppeln, Country Clubs und einem ausgedehnten Waldgebiet, in dem sich Robin Hood und seine Mannen sicher eine ganze Weile verstecken könnten.

Vor einigen Wochen hatte sich Walker immer wieder anhören müssen, wie Sean Russell, ein ehemals preisgekrönter Jockey, junge Mädchen begrapschte. Anfangs fiel es den angehenden Reiterinnen wahrscheinlich nicht einmal auf, was der freundliche Lehrer da trieb. Schließlich konnte es ja durchaus einmal passieren, dass seine Hand zufällig zwischen ihre Beine rutschte, wenn er ihnen beim Aufsteigen half. Erst als Erin, die mit der Arbeit auf dem Gestüt ihre Studenteneinkünfte aufbesserte, ihn in einer leeren Pferdebox mit heruntergelassenen Hosen und einer völlig verängstigten Dreizehnjährigen erwischte, flog die Sache auf.

Dachte Erin jedenfalls.

Denn sie hatte nicht mit seinem Onkel gerechnet, dem der Reitstall gehörte. Und der sie, statt seinem Neffen, an die Luft setzte. In den Tagen danach hatten die beiden nichts anderes zu tun, als die Sache zu vertuschen und die Kleine unter Druck zu setzen. Da halfen auch Erins eindringliche Apelle nichts, den Vorfall anzuzeigen. Am Ende war sie dann auch noch die Dumme, der mit einer Verleumdungsklage gedroht wurde.

„Der Arsch hat gewartet, bis ein bisschen Gras über die Sache gewachsen ist, und will es mir jetzt wahrscheinlich heimzahlen“, fuhr sie mit einem abschätzigen Lächeln fort. „Aber da hat er sich gewaltig geschnitten.“

„Wie, heimzahlen?“, wollte Walker logischerweise wissen.

„Na ja …“, druckste Erin herum, „… er stand gestern im Supermarkt hinter mir an der Kasse und hat ganz leise ‚Das wirst du büßen, du blöde Fotze‘ gezischt.“

„Ohhh …“, antwortete Walker alarmiert.

In ihrem Bemühen, das Mädchen nicht noch mehr zu belasten, hatte sie ihm das Versprechen abgerungen, sich herauszuhalten. Offensichtlich nahm sie an, dass er Russell lediglich eine blutige Nase verpassen wollte und nicht an eine endgültigere Lösung dachte.

Aber das hatte sich jetzt natürlich erledigt.

Walker nahm Erin gedankenverloren das St. Peter’s aus der Hand und trank einen großen Schluck. Dann musterte er mit einem verzogenen Gesicht das Etikett.

„Wieso trinkst du denn alkoholfreies?“, stieß er überrascht hervor.

Erin riss das Bier wieder an sich und lächelte hintergründig.

„Ja warum wohl?“

Es dauerte ein paar Sekunden, ehe Walker es kapierte.

„Nein …?!“, hauchte er aufgeregt. Jetzt war ihm auch klar, warum sie nicht in ihr Lieblings-Pub gegangen waren, sondern sie ihn mit einem Picknickkorb auf die Wiese gelockt hatte.

„Doooch …“, kicherte Erin.

„Das … das … darf doch nicht wahr sein“, stotterte Walker mit einem dämlichen Grinsen. „Wir kriegen ein Baby!“

Er stürzte sich auf sie und einen Augenblick später kullerten beide mit wildem Gekreische den kleinen Abhang hinab.

„Also genau genommen bekomme ja ich das Baby“, stellte Erin fest, nachdem sie unten angekommen und atemlos auf dem Rücken gelandet waren. „Und ich glaube, es wird ein wunderschönes Mädchen.“

„Hmmm …“, murmelte Walker, während er mit einem nicht ganz unbeschwerten Lächeln die Schäfchenwolken beobachtete, die der Südwind in Richtung Themse wehte. Denn sein analytischer Verstand sagte ihm sofort, dass das alles andere als einfach werden würde.

Aus seiner ehemaligen Klassenkameradin war eine sehr attraktive, aber sprunghafte, Dauerstudentin geworden, die sich schon einmal in solche Studiengänge wie Freiraummanagement und Esoterik einschrieb. Logisch, dass ihr da ihre Eltern nach ein paar Jahren den Geldhahn zugedreht hatten.

Und er hielt sich mit seinem Job als Fotograf auch nur mehr schlecht als recht über Wasser. Seitdem Smartphones nach und nach zu Multitalenten mutiert waren, glaubte jeder er könne gute Bilder machen. Aber die Dinger waren lediglich mit Elektronik vollgestopft. Ohne ein gutes Auge für das richtige Motiv füllte man bloß die Festplatten mit Müll, den sich niemand mehr ansah. Wenn man einen Schimpansen vor eine Computertastatur setzte, kam irgendwann sicher auch einmal ein vollständiges Wort heraus. Deshalb hatte er auch sein letztes Geld in eine alte Fabrikruine in den Docklands investiert, die er nach und nach zu einem Atelier für hochwertige Werbefotografie umbauen wollte. Allerdings würde das mit einem Baby wahrscheinlich so lange dauern, bis die Herrin vom See das Schwert von König Artus endlich wieder herausgerückt hatte.

Also praktisch eine halbe Ewigkeit.

Aber Walker war ein Arbeitstier und irgendwie würden sie es schon schaffen. Jetzt musste er sich erst einmal um den Blödmann kümmern, der die Mutter seines ungeborenen Kindes bedrohte.

-6-

Wutentbrannt schleuderte Sean Russell die Mistgabel in einen Stapel Strohballen, sodass Betsy, eine englische Vollblutdame, in der Nachbarbox erschrocken wieherte. Nachdem er die dämliche Kuh im Supermarkt getroffen hatte, war natürlich alles wieder hochgekocht. Warum musste sie sich auch in Sachen einmischen, die sie nichts angingen?

Denn selbstverständlich hatte es Ärger gegeben.

Nur weil sein Onkel um den guten Ruf des Gestüts besorgt war, hatte er mitgespielt. Nicht etwa wegen der vielen Preise, die er für ihn gewonnen hatte. Was konnte Russell denn schon dafür, wenn die jungen Dinger in den engen Reithosen so geil aussahen. Vielleicht sollte er der Verräterin einfach einen kleinen Besuch abstatten und sie richtig in den Arsch ficken. Aber erst nachdem er ihr mit einer Peitsche gründlich den Hintern verdroschen hatte.

Um ihren Fotografenfreund machte sich Russell dabei die wenigsten Sorgen. Auf ihn wirkte er immer wie einer dieser weichgespülten Jungs aus Chelsea, die zwar gut aussahen, aber schon bei einer simplen Ohrfeige flennend zusammenbrachen. Er selbst dagegen war zäh und hart im Nehmen. Selbst wenn er, wie alle Jockeys, nicht einmal sechzig Kilo auf die Waage brachte.

Russell riss die Mistgabel aus dem Ballen und stach anschließend noch so oft zu, bis er sich genug abreagiert hatte. Den Rest würde er auf dem abendlichen Heimweg mit seiner Motocross-Maschine erledigen. Es gab für ihn nichts Schöneres, als auf seiner KTM durch die Nacht zu jagen.

Fast andächtig fuhr Russell wenig später in seine martialisch wirkenden Handschuhe und klappte das Visier nach unten, dann trat er mit aller Kraft den Kickstarter durch. Zum Glück verfügte sein Bike noch über diese Methode, denn auf einen Knopf drücken konnte schließlich jedes Kind. Aber die Kurbelwelle aus eigener Kraft in Gang zu setzen, hatte etwas Brachiales an sich.

Kurz darauf schoss er vom Hof.

Russell wählte einen Weg über die Wiesen, den er eigentlich immer fuhr. Denn hier konnte er sich so richtig austoben. Er kannte jedes Schlagloch und jede Kurve mit Vornamen und musste nur bei einer kleinen Brücke aufpassen. Sie führte unter einer stillgelegten Bahnstrecke hindurch und der Weg verlief im Zickzack, sodass man ihn nicht einsehen konnte. Auch wenn zu dieser Zeit praktisch keine Sau unterwegs war, sorgte die Stelle trotzdem für jede Menge Nervenkitzel.

Die Scheinwerfer der KTM fraßen sich in die Dunkelheit. Nur ab und zu musste Russell einem Igel ausweichen, der mit seinen kurzen Beinchen nicht schnell genug das Weite suchen konnte. Oder einem Hasen, der es mit einem beeindrucken Sprint gerade noch in das hohe Gras des Seitengrabens schaffte. Dann kam die Brücke in Sicht. Er legte sich ein wenig nach rechts, um auf dem Schotter gut hindurchdriften zu können, doch plötzlich raste von der anderen Seite ein zweites Motorrad direkt auf ihn zu.

Geistesgegenwärtig riss er seine Maschine herum und brachte sie so in ein unkontrollierbares Trudeln. Blöderweise versuchte der andere Biker dasselbe. Mit blockierenden Bremsen vollführten die beiden einen äußerst seltsamen Tanz, bis sie völlig synchron gegen den Brückenpfeiler krachten.

Russell spürte, wie sämtliche Knochen in seinem Leib brachen. In seinen Ohren hörte es sich so an, als würde jemand leere Obststiegen zertreten. Seine Lunge flatterte wie ein kaputter Luftballon, während sein Herz das Blut ins Leere pumpte. Das Letzte, was er sah, waren die unnatürlich großen Poren des Betons, an dem sein zerschmetterter Körper klebte. Dann färbte sich sein Visier dunkelrot und er rutschte mit einem schmatzenden Geräusch zu Boden.

Nach dem ohrenbetäubenden Knall wirkte die anschließende Stille fast gespenstig.

Walker zog in aller Seelenruhe das Panzertape, mit dem er die riesige Spiegelfolie unter die Brücke gespannt hatte, von den Pfeilern und wickelte alles sorgfältig zusammen. Dann suchte er im Schein einer starken Taschenlampe das ganze Gelände nach verräterischen Überbleibseln ab. Es wäre doch jammerschade, wenn ein Polizist durch ein Schnipselchen des Hightech-Materials misstrauisch werden würde. Doch als der Strahl der Lampe auf sein Opfer traf, musste er ein leichtes Schmunzeln unterdrücken. Auf dem harten Beton konnte man deutlich Russells verschmierte Silhouette erkennen. Fast so, als hätte jemand eine blutgetränkte Stoffpuppe dagegen geschleudert. Wenn man keine vernünftigen Motorradklamotten trug, dann durfte man sich nicht wundern, wenn von einem nur ein bizarres Muster übrigblieb. Genauso wie in einem dieser blöden Zeichentrickfilme.

Es war schon erstaunlich, was man mit einer akribischen Planung alles erreichen konnte. Wenn erst einmal alle Unwägbarkeiten bedacht waren und man einen Plan B in der Hinterhand hatte, dann konnte man sich ganz entspannt zurücklehnen.

Und die Show genießen!

-7-

„Hey Schätzchen“, säuselte Erins Gesicht auf dem Handydisplay ihrer Tochter, „wie geht’s dir?“

„Gut, Mom“, antwortete Emily gelangweilt, bevor sie ein wenig von ihrer eiskalten Coke schlürfte. „Dad schießt jetzt Pornos und wir können uns vor Kohle kaum retten.“

Walker fiel vor Schreck sein Käse-Sandwich auf den gefliesten Küchenboden. Dann tippte er sich demonstrativ an die Stirn. Doch insgeheim musste er grinsen. Auch wenn seine Tochter so hübsch wie ihre Mutter war, hatte sie diesen Humor eindeutig von ihm.

Und Gott sei Dank noch mehr essentielle Charaktereigenschaften.

Nach Emilys Geburt lief im Prinzip alles schief, was nur schief laufen konnte. Erin ging weiter studieren, während Walker sich nicht zu schade war, auch den dämlichsten Auftrag anzunehmen. Wie zum Beispiel Portraits von aufgestylten Chihuahuas samt ihren durchgeknallten Frauchen zu machen. Oder einem zweifelhaften Club zu einem Hochglanzauftritt im Netz zu verhelfen.

Im Streit ums Geld argumentierte Erin immer wieder, dass sie mit einem Abschluss, in was auch immer, viel mehr zum Haushaltseinkommen beitragen könne. Nur wann das denn endlich sein würde, ließ sie offen. Zum Glück sprangen ihre Eltern trotzdem immer wieder ein und halfen so, das größte Chaos abzuwenden.

Irgendwann überraschte sie ihn dann mit der frohen Botschaft, dass sie sich erst selbst finden müsse, bevor sie als Mutter Verantwortung für Emily übernehmen könne. Zu diesem Zweck wollte sie für eine Weile einem zwielichtigen Rastafari-Guru nach Caye Caulker, einer mikroskopisch kleinen Insel in der Karibik, folgen. Zufälligerweise hielt der gerade einige pseudowissenschaftliche Kurse an Erins Universität. Walker konnte sich sehr gut vorstellen, wie Dutzende Studentinnen seine entgeistigten Botschaften aufsaugten und sie danach in cannabisvernebelten Dachwohnungen diskutierten. Im Prinzip konnte man den Kanzler der Hochschule, der so etwas zuließ, nur bei Wasser und Brot in den Tower werfen.

Doch Walkers Wut auf den Idioten und Emilys noch idiotischere Mutter verflog recht schnell, nachdem er den schicksalhaften Brief der Stadtverwaltung erhalten hatte. Das alte Fabrikgebäude in den Docklands, in das er investiert hatte, sollte in eine Art Künstlerquartier umgestaltet werden. Mit Werkstätten, Ateliers und Geschäften, einschließlich dem ganzen gastronomischen Drumherum. Praktisch von einen Tag auf den anderen war Walker Besitzer eines der begehrtesten Filetstücke südlich der Themse.

Und hatte dadurch natürlich absolut keine Geldprobleme mehr.

„Er schießt Pornos?!“, stieß Erin erschrocken auf der anderen Seite des Ozeans hervor.

Offensichtlich war sie immer noch auf der Suche nach sich selbst und wahrscheinlich auch auf der, nach ihrem Verstand.

„Nein, Mom“, antwortete Emily altklug, „das war ein Scherz.“

„Gott sei Dank“, gab sie erleichtert zurück. „In dieser Beziehung bist du wie dein Vater.“ Dann holte sie tief Luft. So als müsste sie für die nächste Frage genügend Kraft sammeln. „Wann kommst du mich denn einmal besuchen?“

Walker verdrehte im Hintergrund genervt die Augen. Eigentlich reichte es aus, wenn sie über das Internet chatteten und Erin in unregelmäßigen Abständen nach London kam. Gegen ihre Vorträge über vegane Ernährung, allumfassende Liebe und der Gleichheit aller Menschen, die sie dabei den Leuten unter anderem auch an der Speakers Corner im Hyde Park hielt, war im Prinzip nichts einzuwenden. Auch wenn sie wegen ihrer Dreadlocks und den nackten Füßen von vielen belächelt wurde.

„Ich gehe erst seit diesem Semester auf die Vanbrugh und muss mich noch an das Lerntempo gewöhnen“, zog sie sich gekonnt aus der Affäre. Anschließend lächelte sie honigsüß in die Kamera ihres Smartphones. „Aber jetzt zeige ich dir erstmal mein neues Zimmer“, fuhr sie fort, bevor sie sich aus dem Staub machte.

Es war eben nicht bei allen Teenagern Hopfen und Malz verloren, stellte Walker befriedigt fest. Aber die Vanbrugh Academy verlangte ihren Schülern tatsächlich einiges ab. Dafür standen den Absolventen danach sämtliche Türen offen. Die von Oxford und Cambridge eingeschlossen. Außerdem waren sie erst vor Kurzem nach Greenwich gezogen. Nachdem Walker das Untergeschoss seiner Fabrikhalle an einen Restaurator antiker Möbel vermietet hatte, hatte er Nägel mit Köpfen gemacht. Auch wenn der ganz große berufliche Durchbruch noch nicht ganz geschafft war, residierten sie jetzt in einem schicken Häuschen mit Garten an der Grenze zu Lewisham.

Ein paar Minuten nachdem es sich Walker vor dem Fernseher gemütlich gemacht hatte, tauchte Emily wieder auf.

„Manchmal frage ich mich wirklich, wer von uns beiden das Kind ist“, seufzte sie theatralisch. Dann griff sie sich eine unverschämt große Portion Chips aus der Schüssel, die Walker für das Spiel von Manchester gegen Liverpool bereitgestellt hatte, und stopfte sie sich in den Mund. „Aber so ein oder zwei Wochen Karibik könnte ich mir schon ganz gut vorstellen“, fuhr sie fort, nachdem sie die fettigen Kohlenhydrate hinuntergeschluckt hatte.

„Wenn du in mindestens fünfzig Prozent deiner Fächer bis zum Ende des Schuljahres ein A hast und sonst nur B, dann spendiere ich dir ein Ticket“, bot Walker an. „Und bei fünfundsiebzig Prozent A lege ich noch ein großzügiges Taschengeld drauf.“

„Das ist Erpressung!“, stellte Emily trotzig fest.

„Nein, das nennt man Motivation“, konterte Walker.

„Sklaventreiber …“, murmelte sie, während sie in Richtung ihres Zimmers davontrottete.

Im Großen und Ganzen konnte sich Walker eigentlich nicht beschweren, allerdings glaubte er, dass seine Tochter ihr Potential nicht vollständig ausschöpfte. Aber bevor er gründlicher darüber nachdenken konnte, klingelte es. Allerdings wollte der junge Mann, der vor der Tür stand, nicht zu ihm.

„Guten Abend, Mister Walker“, grüßte er freundlich. „Mein Name ist Josh Graham und ich möchte zu Emily.“

Walker musterte ihn von oben bis unten. Graham trug stylische Klamotten, die mit Sicherheit aus der Regent Street stammten und mit denen er ein bisschen Eindruck schinden wollte. Vom Typ her war er der Traum aller Schwiegermütter, doch er wirkte auf Walker eher wie der Wolf im Schafspelz. Natürlich war das nicht weiter schlimm. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich seine wählerische Tochter einem Milchgesicht an den Hals warf.

Auch wenn ihre Mutter das getan hatte.

Erst nachdem er während des Trubels um die alte Fabrikhalle vergaß, sich zu rasieren, stellte er fest, dass er mit einem gepflegten Kinnbärtchen gar nicht schlecht aussah.

„Und woher genau kennen Sie meine Tochter?“, forschte Walker weiter. „Für einen Klassenkameraden scheinen Sie mir ein wenig alt zu sein.“

„Ähhh … ja, das stimmt“, bestätigte Graham, „ich bin ein Jahr älter als sie, gehe aber ebenfalls auf die Vanbrugh.“

Walker nickte zufrieden. Die Schüler an Emilys Schule stammten in der Regel aus der oberen Mittelschicht. Deshalb gab er auch ohne weiteren Kommentar die Tür frei und deutete einladend auf die Treppe.

„Sie ist oben“, forderte er ihn zum Eintreten auf.

Trotzdem konnte er es sich nicht verkneifen, demonstrativ auf die Uhr zu sehen, als der junge Mann an ihm vorbeiging.

-8-

Am nächsten Tag kam Walker erst recht spät in sein Atelier. Nachdem Manchester haushoch gegen Liverpool verloren hatte, konnte er sich erst nach einem großzügigen Single Malt ins Bett begeben. Und da seine Tochter schon seit Langem immer mehr Zeit zum Schminken benötigte, bestand ihr Frühstück in der Regel aus einem Latte Macchiato to go.

Also war ausschlafen angesagt.

Er quetschte seinen Range Rover neben einen knallroten Mini und stieg aus. Die Planer des Künstlerquartiers hatten die historischen Backsteinfassaden erhalten, sodass man glauben konnte, man befände sich noch im viktorianischen Zeitalter. Mit Dampfmaschinen, Gaslaternen und Polizisten, die lediglich mit einem Gummiknüppel bewaffnet waren.

Wenn da die Ladesäulen für die E-Autos nicht wären.

Gerade als Walker den restaurierten Lastenaufzug betreten wollte, hört er Schritte hinter sich.