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Der Künstler Modigliani (1884-1920) fand wenig Glück in seinem Geburtsland Italien und nur Kummer in seiner Wahlheimat Frankreich. Aus dieser Traurigkeit heraus schuf er ein individuelles und außergewöhnliches Werk, das Einflüsse afrikanischer Kunst, des Kubismus und vieler betrunkener Nächte in Montparnasse in sich trägt. Mit ihrer tiefen Sinnlichkeit und der fast aggressiven Nacktheit scheinen seine weiblichen Akte und deren geheimnisvollen Gesichter die Gesamtheit Modiglianis Leidens und Nichtanerkennung auszudrücken. Modigliani starb bereits im Alter von 36 Jahren. Dieses Buch enthält Bilder, die damals große Skandale verursachten, heutzutage aber fast harmlos wirken.
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Seitenzahl: 99
Veröffentlichungsjahr: 2019
FRANCES ALEXANDER
JANE ROGOYSKA
Autors: Jane Rogoyska und Frances Alexander
Übersetzung: Martin Goch
©Confidential Concepts, Worldwide, USA
©Parkstone Press USA, New York
©Image Barwww.image-bar.com
ISBN:978-1-64461-852-3
Soweit nicht anders vermerkt, gehört das Copyright der Arbeiten den jeweiligen Fotografen. Trotz intensiver Nachforschungen war es aber nicht in jedem Fall möglich, die Eigentumsrechte festzustellen. Gegebenenfalls bitten wir umBenachrichtigung.
Inhalt
Sein Leben
Von der Tradition zur Moderne. Eine Neuinterpretation der klassischen Werke
Entdeckung neuer Kunstformen
Akt und Moral
Eine unbewusste Befreiung
Die Kunst der Nahaufnahme
Emotionales Engagement. Ein Prozess der Entpersonalisierung
Streben nach Ästhetik
Sein Werk
Biographie
Index der Arbeien
Amedeo Modigliani wurde 1884 in Livorno (Italien) geboren und starb im Alter von 35 Jahren in Paris. Der Sohn einer Französin und eines Italieners wurde im jüdischen Glauben erzogen und wuchs so inmitten dreier Kulturen auf. Modigliani war ein leidenschaftlicher und charmanter Mann, der in seinem Leben zahlreiche Liebesbeziehungen einging. Die einzigartige visionäre Kraft des Künstlers speiste sich aus drei Quellen: Neben seiner Aufgeschlossenheit gegenüber seinem italienischen und klassischen Erbe zeigteer Verständnis für französischen Stil und französisches Feingefühl–besonders für die dichte künstlerische Atmosphäre im Paris des ausgehenden 19. Jahrhunderts–und ein von der jüdischen Tradition inspiriertes intellektuelles Problembewusstsein. Im Gegensatz zu anderen Avantgardisten malte Modigliani vor allem Porträts, die er in seinem ganz eigenen, melancholischen Stil verfremdete und in die Länge zog, sowie Akte von erhabener Schönheit und fremdartigerErotik.
Im Jahre 1906 zog es Modigliani nach Paris, dem Zentrum der künstlerischen Innovation und des internationalen Kunsthandels. Dort war er häufig zu Gast in den Cafés und Galerien von Montmartre und Montparnasse, wo sich die unterschiedlichsten Künstlergruppen trafen. Schon bald schloss er Freundschaft mit dem neo-impressionistischen Maler (und Alkoholiker) Maurice Utrillo (1883-1955) und dem deutschen Maler Ludwig Meidner (1844- 1966), der Modigliani als den „letzten, wahren Bohemien“beschrieb (Doris Krystof,Modigliani). Seine Mutter schickte ihm zwar das Geld, das sie entbehren konnte, doch musste Modigliani häufig seine Unterkunft wechseln und bisweilen sogar seine Arbeiten zurücklassen, wenn er sich Hals über Kopf davonmachte, weil er die Miete nicht bezahlen konnte. Fernande Olivier (1881-1973), die erste Freundin Pablo Picassos in Paris, beschreibt in ihrem BuchPicasso und seine Freundeeines der Quartiere Modiglianis:
„Ein Podest auf vier Füßen in einer Ecke des R aumes. Ein kleiner und rostiger Ofen,auf dem eine Waschschüssel aus Terrakot ta stand; d aneben l agen auf einem weißen Holztisch ein Handtuch und ein Stück Seife. In einer anderen Ecke diente eine schwarz angestrichene, schmale und schäbige Kiste als Sofa. Ein Korbstuhl, Staf feleien, Leinwände in allen Größen, auf dem Boden verstreute Farbtuben, Pinsel, Behälter für Terpentinöl, ein Gefäßmit Salpetersäure (für R adierungen) und keine Vorhänge.“
Modigliani war eine der prominenten Figuren im Bateau-Lavoir, dem berühmten Gebäude, in dem vieleKünstler, wie beispielsweise Picasso, ihre Ateliers hatten. Seinen Namen verdankt es wohl dem Bohemien und Schriftsteller Max Jacob (1876-1944), einem Freund Modiglianis und Picassos. Es war zu dieser Zeit im Bateau-Lavoir, als PicassoLes Demoiselles d’Avignonmalte, die radikale und den Beginn des Kubismus markierende Darstellung einer Gruppe von Prostituierten. Auch andere Künstler trieben im Bateau- Lavoir die Entwicklung des Kubismus voran, darunter die Maler Georges Braque (1882- 1963), Jean Metzinger (1883-1956), Marie Laurencin (1885-1956), Louis Marcoussis (1883- 1941) und die Bildhauer Juan Gris (1887-1927), Jacques Lipchitz (1891-1973) und Henri Laurens (1885-1954). Die lebhaften Farben und der freie Stil des Fauvismus erfreuten sich zu jener Zeit großer Beliebtheit und Modigliani lernte die Fauvisten des Bateau-Lavoir kennen, darunter AndréDerain (1880-1954), Maurice de Vlaminck (1876-1958), den expressionistischen Bildhauer Manolo (Manuel Martinez Hugué, 1876-1945) sowie Chaim Soutine (1893-1943), Moïse Kisling (1891-1953) und Marc Chagall(1887-1985).
In seinen Porträts hat Modigliani viele jener Künstler festgehalten. Neben Max Jacob fühlten sich auch andere Schriftsteller zu dieser Gemeinschaft hingezogen, darunter der Dichter und Kunstkritiker (und Liebhaber von Marie Laurencin) Guillaume Apollinaire (1880-1918), der Surrealist Alfred Jarry (1873-1907), der Schriftsteller, Philosoph und Fotograf Jean Cocteau (1889-1963)–mit ihm verband Modigliani ein zwiespältiges Verhältnis–und AndréSalmon (1881-1969), der später einen für die Bühne bearbeiteten Roman über das unkonventionelle Leben Modiglianis schrieb. Auch die amerikanische Schriftstellerin und Kunstsammlerin Gertrude Stein (1874-1946) und ihr Bruder Leo zählten zu den regelmäßigen Besuchern im Bateau-Lavoir.
Von seinen Freunden „Modi“genannt, zweifellos ein Wortspiel mit dem Begriff „peintre maudit“(verfluchter Maler), war er selbst davon überzeugt, dass sich die Bedürfnisse und Wünsche des Künstlers von denen gewöhnlicher Menschen unterschieden. Daraus leitete er ab, dass auch sein Leben anders beurteilt werden sollte–eine Theorie, auf die ihn die Lektüre von Autoren wie Friedrich Nietzsche (1844-1900), Charles Baudelaire (1821-67) und Gabriele d´Annunzio (1863-1938) brachte. Modigliani hatte zahllose Affären, trank reichlich und nahm Drogen. Von Zeit zu Zeit kehrte er jedoch nach Italien zurück, um seine Familie zu besuchen und um sich zu erholen. In seiner Kindheit hatte Modigliani unter einer Rippenfellentzündung und Typhus gelitten, Krankheiten, von denen er sich nie wieder vollständig erholte. Verschärft wurde sein bedenklicher Gesundheitszustand durch den ständigen Geldmangel und sein unstetes und zügelloses Leben. Als er an Tuberkulose starb, war seine junge Verlobte Jeanne Hébuterne gerade mit dem zweiten gemeinsamen Kind schwanger. Doch ohne ihn erschien ihr das Leben unerträglich und sie nahm sich am Morgen nach seinem Tode das Leben.
1.Modigliani bei seiner Ankunft in Paris im Jahre 1906.Fotografie, Archiv Billy Klüver.
2.Die Jüdin, 1908.Öl auf Leinwand, 55x46cm.Privatsammlung, Paris.
3.Kopf einer jungen Frau, 1908. Öl auf Leinwand. Privatsammlung.
4.Studie füreine Kar yatide, um 1913. Tinte und Bleistift. Privatsammlung.
5.Studienblatt mit afrikanischer Plastik und Kar yatide, um 1912/13.Bleistift, 26,5x20,5cm. Mr. und Mrs. James W. Alsdorf, Chicago.
Modiglianis erster Lehrer, Guglielmo Micheli (gest. 1926), war ein Anhängerder Macchiaioli- Schule der italienischen Impressionisten. Bei ihm lernte der Schüler die Natur zu beobachten und die Beobachtung als reine Empfindung zu begreifen. Er besuchte Kurse, in denen er Objekte der belebten Umwelt in traditioneller Weise zeichnete und vertiefte sich in die italienische Kunstgeschichte. Schon früh interessierte er sich für Aktstudien und das klassische Konzept der idealen Schönheit. In den Jahren 1900 und 1901 besuchte er Neapel, Capri, Amalfi und Rom, kehrte über Florenz und Venedig zurück und studierte auf dieser Reise viele Meisterwerke der Renaissance im Original. Großen Eindruck machten auf ihn die Künstler des 13. Jahrhunderts (trecento), vor allem Simone Martini (etwa 1284-1344) mit seinen feinen Kompositionen und Farben. Martinis von zarter Traurigkeit durchflutete, lang gestreckte und schlangenförmige Figuren waren die Vorläufer der gewundenen Formen und der Leuchtkraft, die das Werk Sandro Botticellis (etwa 1445-1510) auszeichnen. Von beiden Künstlern ließsich Modiglianistark beeinflussen. Er übernahm für seinenStehenden Akt (Venus)von 1917 und für seineRothaarige junge Frau im Hemd(1918) die Pose der Venus in BotticellisDie Geburt der Venus(1482) und variierte diese Pose spiegelverkehrt für seinenSitzenden Akt mitHalskette(1917).
Auch die Skulpturen Tino di Camainos (etwa 1285-1337) mit ihrer Mischung aus Schwere und Unkörperlichkeit, der typisch schrägen Haltung des Kopfes und den ausdruckslosen Mandelaugen beflügelten die Vorstellungskraft Modiglianis. Seine verwundenen Kompositionen und überdehnten Figuren wurden mit denen der Manieristen der Renaissance verglichen, besonders mit Parmigianino (1503-1540) und El Greco (1541-1614). Modiglianis nicht-naturalistische Verwendung von Farbe und Raum lässt deutliche Parallelen zum Werk von Jacopo da Pontormo (1494-1557) erkennen. Für seine Aktreihen übernahm Modigliani den Aufbau vieler berühmter Akte der Hochrenaissance, darunter solche von Giorgione (etwa 1477- 1510), Tizian (etwa 1488-1576), Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780-1867) undVelázquez(1599-1660), vermied aber deren Romantisierung und kunstvoll dekorativen Charakter. Darüber hinaus war Modigliani auch mit den Arbeiten von Francisco de Goya (1746-1828) und Edouard Manet (1832-1883) vertraut–Künstler, die Kontroversen entfacht hatten, weil sie weibliche Akte realistisch malten und damit die künstlerische Konvention brachen, nach der Akte in mythologische, allegorische oder historische Szenen einzuordnen seien.
6.MadamePompadour,1905.Detail. Öl auf Leinwand, 61,1x50,2cm.Art Institute of Chicago.
7.Kopf, 1911-1912.Kalkstein, 50x19x19cm. Privatsammlung.
8.Kopf, 1911-1912.Kalkstein, 71,1x16,5x23,5cm.Philadelphia Museum of Art, Philadelphia.
9.Kopf, 1912.Musée National d’Art Moderne, Paris.
10.Kopf, circa 1915.Kalkstein, 56,2x12,7x37,4cm.Museum of ModernArt, New York.
Antike Kunstformen, andere Kulturen und der Kubismus beeinflussten Modigliani schließlich derart, dass sein eigenes Schaffen immer weniger von der Kunst der Vergangenheit geprägt wurde. Afrikanische Skulpturen und antike griechische Figuren der Kykladenkultur waren im Paris der Jahrhundertwende überaus populär. Picasso importierte zahlreiche afrikanische Masken und Skulpturen; die Kombination aus ihrer einfachen, abstrakten Gestaltung und dem Einsatz einer Vielzahl von Perspektiven inspirierte den Kubismus unmittelbar.
Modigliani war tief davon beeindruckt, wie afrikanische Bildhauer aus massiven Materialien abstrakte und gleichzeitig ansprechende Plastiken herstellten, die dekorativ waren und dennoch ohne unwesentliche Detailsauskamen. Ein Beleg für sein Interesse an diesen Arbeiten ist das Studienblatt mit afrikanischer Plastik und Karyatide (um 1912/13). Er schuf eine Reihe von afrikanisch inspirierten Steinhäuptern (etwa 1911-1914), die er „Säulen der Zärtlichkeit“nannte und die später Bestandteil eines „Tempels der Schönheit“werden sollten.
Durch seinen Freund, den rumänischen Bildhauer Constantin Brancusi (1876-1957), kam Modigliani erstmals mit antiken Figuren der Kykladenkultur in Berührung, die ihn zusammen mit dessenArbeiten zu seinen Karyatiden inspirierten. Sein Interesse galt nämlich der Darstellung solider Stabilität, und die Karyatiden boten sich als Motiv an, weil sie als Lasten tragende Strukturen mächtig und graziös zugleich sein mussten. Gleichwohl enthüllendie Details in seinen Karyatiden sein modernes Bewusstsein für Sexualität und spiegeln den Wunsch wider, ein Gefühl für die sinnliche Weiblichkeit der Figuren zuvermitteln.
Die Pose der Karyatide (um 1914), mit ihren hinter dem Kopf verschränkten Armenwird indes häufig mit Schlaf assoziiert und nimmt die Pose desSchl afenden Aktes mit geöf f neten Ar men (Akt in Rot)von 1917 vorweg. Die Karyatide ist zwar schlank, doch ihr Bauch und die massiven Schenkel reflektieren die fülligen, runden Arme und den Kopf. In ihrer Pose klingt der in der Renaissance häufig verwendete Kontrapost an und zeigt auch Modiglianis Gefühl für die Geschmeidigkeit ihres Körpers und die Sinnlichkeit ihrer Rundungen. Noch üppiger sind die Kurven der Karyatiden in Rosa (1913-14), beidenen der Künstler verschwenderisch mit leuchtenden Farben arbeitete. Ihre Darstellung beruht im Wesentlichen auf einer Komposition von Kreisen, die in hohem Maße geometrisch wirken. Es war diese kubistische Denkart, als Weiterentwicklung der Ideen Cézannes, die Modigliani dazu veranlasste, seine Karyatiden zu solchen geometrischen Formen zu stilisieren. Trotz ihrer Sinnlichkeit wirken die ausgewogenen Kreise und Kurven dieser Figuren weniger naturalistisch als vielmehr sorgfältig arrangiert.
Ihre Kurven sind erste Anzeichen für die schwingenden Linien und den geometrischen Ansatz, die sich in späteren Akten Modiglianis wie etwaLiegender Aktwiederfinden.
Beim Zeichnen der Karyatiden konnte Modigliani das dekorative Potenzial verschiedener Posituren sehr viel besser ausschöpfen, als es ihm mit Plastiken möglich gewesen wäre. Die erhobenen Arme der Karyatide (1911/12) verleihen ihr die stilisierte Positureiner Balletttänzerin.
Sie ist schlanker als die meisten Karyatiden Modiglianis und auch ihre Körperformen–von ihren vollen, runden Brüsten und den geschwungenen Linien ihrer Hü
