Amerikanisches Idyll - Philip Roth - E-Book

Amerikanisches Idyll E-Book

Philip Roth

3,9
10,99 €

oder
Beschreibung

Newark, New Jersey: Seymour Levov, Leiter einer weltberühmten Handschuhfabrik, lebt zufrieden mit seiner Frau Dawn und seiner Tochter Merry. Als die verwöhnte Merry in den Untergrund gerät und sich an einem Bombenanschlag beteiligt, bei dem ein Mensch getötet wird, bricht die Idylle zusammen. In großartigen, unvergeßlichen Szenen beschreibt Roth, wie sich der amerikanische Traum vom erfolgreichen, glücklichen Leben jäh in einen Alptraum verwandelt. Der Roman wurde mit dem Pulitzer-Preis 1998 ausgezeichnet.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 802

Bewertungen
3,9 (28 Bewertungen)
10
8
7
3
0


Sammlungen



Hanser E-Book

Philip Roth

Amerikanisches Idyll

Aus dem Amerikanischen von Werner Schmitz

Carl Hanser Verlag

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel:

American Pastoral

Houghton Mifflin, Boston, New York

© Philip Roth 1997

ISBN 978-3-446-25125-0

Alle Rechte der deutschen Ausgabe:

© 1998/2015 Carl Hanser Verlag München Wien

Satz: Fotosatz Reinhard Amann, Aichstetten

Unser gesamtes lieferbares Programm und viele andere Informationen finden Sie unter www.hanser-literaturverlage.de

Erfahren Sie mehr über uns und unsere Autoren auf www.facebook.com/HanserLiteraturverlage oder folgen Sie uns auf Twitter: www.twitter.com/hanserliteratur

Datenkonvertierung E-Book: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Für J.G.

Träume, wenn der Tag vorbei,

Träume werden manchmal wahr,

Nichts ist so schlimm, wie es scheint,

Also träume, träume, träume.

Johnny Mercer, aus »Dream«,

einem beliebten Song der 40er Jahre

das seltene Eintreten des Erwarteten …

William Carlos Williams,

aus »At Kenneth Burke’s Place«, 1946

IErinnerungen an das Paradies

1

Der Schwede. Das war in den Kriegsjahren, als ich noch zur Grundschule ging, in unserem Viertel in Newark ein magischer Name, auch für Erwachsene, die nur eine Generation von dem alten Prince-Street-Ghetto entfernt und noch nicht so lupenrein amerikanisiert waren, daß sie vor den Leistungen eines High-School-Sportlers auf die Knie gefallen wären. Der Name war magisch; ebenso das ungewöhnliche Gesicht. Keiner der wenigen eher hellhäutigen Schüler an unserer vorwiegend von Juden besuchten staatlichen High-School besaß auch nur entfernt so etwas wie die steinerne Wikingermaske dieses blauäugigen Blonden mit dem forschen Kinn, der als Seymour Irving Levov in unseren Stamm geboren war.

Der Schwede glänzte als Außenstürmer im Football, als Center im Basketball und als First Baseman im Baseball. Nur das Basketballteam taugte wirklich etwas – es gewann zweimal die Stadtmeisterschaft, mit ihm als König der Korbschützen –, aber zur Glanzzeit des Schweden interessierte sich kaum jemand aus der Schülerschaft für das Schicksal unserer Sportler, zumal die älteren nicht, die, selbst meist mit wenig Bildung und vielen Bürden befrachtet, wissenschaftliche Leistungen höher schätzten als alles andere. Körperliche Aggressivität, auch wenn sie sich hinter Mannschaftstrikots und offiziellen Regeln versteckte und sich nicht ausgesprochen gegen Juden richtete, war in unserer Gemeinschaft keine traditionelle Quelle des Vergnügens – höhere Schulabschlüsse schon. Gleichwohl, der Schwede versetzte unser Viertel in einen Wahn über sich selbst und die Welt, in den Wahn von Sportfans überall: fast wie die Nichtjuden (wie sie sich Nichtjuden vorstellten) konnten unsere Familien den eigentlichen Gang der Ereignisse vergessen und eine sportliche Leistung zum Stützpunkt ihrer Hoffnungen machen. Vor allem konnten sie den Krieg vergessen.

Die Erhebung des Schweden Levov zum Haushalts-Apollo der Juden von Weequahic läßt sich, denke ich, am besten durch den Krieg gegen die Deutschen und Japaner und die Ängste erklären, die dieser schürte. Solange der Schwede auf dem Spielfeld unschlagbar war, bot die sinnlose Oberfläche des Lebens denen, die in Furcht davor lebten, ihre Söhne, ihre Brüder oder Ehemänner nie mehr wiederzusehen, einen bizarren, trügerischen Halt – freudig gingen sie in schwedischer Unschuld auf.

Und wie berührte ihn das selbst – diese Verherrlichung, dies Lobpreisen jedes Hakenwurfs, den er versenkte, jedes Passes, den er im Sprung erwischte, jedes Line Drives, den er an der Leftfield-Linie abfing und zu einem Double verwandelte? Hat ihn das zu einem so stoischen, kaltblütigen Jungen werden lassen? Oder war seine so reif anmutende Gesetztheit die äußerliche Manifestation eines mühsamen inneren Ringens um Zügelung des Narzißmus, den eine ganze Gemeinschaft ihm mit ihrer Liebe aufdrängte? Die Cheerleader hatten einen eigenen Schlachtruf für den Schweden. Im Gegensatz zu anderen Schlachtrufen, mit denen die gesamte Mannschaft angefeuert oder die Zuschauer aufgepeitscht werden sollten, galt diese zu rhythmischem Stampfen vorgebrachte Huldigung dem Schweden allein, es war unverhohlene und unverfälschte Begeisterung über sein perfektes Spiel. Der Schlachtruf brachte die Basketballhalle jedesmal zum Beben, wenn er sich einen Rebound holte oder einen Punkt erzielte, brauste bei Footballspielen jedesmal durch unsere Kurve des City-Stadions, wenn er ein Yard Raumgewinn schaffte oder einen Paß abfing. Selbst bei den spärlich besuchten Baseballspielen bei uns im Irvington-Park-Stadion, wo es keine Cheerleader gab, die gespannt an den Seitenlinien knieten, hörte man ihn als schwächlichen Chor von der Handvoll Unentwegter aus Weequahic auf der hölzernen Tribüne, und zwar nicht nur, wenn der Schwede das Schlagmal betrat, sondern auch dann, wenn ihm bloß etwas so Alltägliches wie ein Putout am First Base gelang. Der Schlachtruf bestand aus acht Silben, drei davon sein Name, und das Ganze ging Bah bah bah! Bah bah bah … bah-bah! Wobei sich das Tempo, besonders bei Footballspielen, mit jeder Wiederholung steigerte, bis, auf dem Höhepunkt frenetischer Anhimmelung, die zehn stämmigen kleinen Cheerleader ekstatisch röckeschwingend Räder schlugen und mit ihren orangefarbenen Turnschlüpfern vor unseren staunenden Augen ein wahres Feuerwerk entfesselten … und nicht dir oder mir, sondern dem wundervollen Schweden zuliebe. »Schwed Levov! Reimt sich mit … ›The Love‹!… Schwed Levov! Reimt sich mit … ›The Love‹!«

Ja, wohin er auch blickte, die Menschen liebten ihn. Die Bonbonverkäufer, denen wir Jungen auf die Nerven gingen, nannten uns andere »He-ihr-nein!« oder »Laß-das-Kleiner!«; ihn aber nannten sie respektvoll »Schwede«. Eltern lächelten und sagten gütig »Seymour« zu ihm. Die schnatternden Mädchen, denen er auf der Straße begegnete, fielen affektiert in Ohnmacht, und die Mutigsten kreischten ihm nach: »Komm zurück, komm zurück, Levov, mein Geliebter!« Und er ließ es geschehen, schritt im Besitz all dieser Liebe durchs Viertel und gab sich den Anschein, als ließe ihn das alles kalt. Im Gegensatz zu den Tagträumen, denen wir anderen uns über die erhebende Wirkung hingaben, die eine derart absolute, unkritische, abgöttische Glorifizierung auf uns selber hätte, sah es so aus, als ob die Liebe, die man dem Schweden aufdrängte, ihm jedes Empfindungsvermögen rauben würde. Dieser von so vielen Menschen als Symbol der Hoffnung vereinnahmte Junge – als Verkörperung der Kraft, der Entschlossenheit, der heldenmütigen Tapferkeit, mit deren Hilfe unsere High-School-Soldaten unversehrt wieder aus Midway, Salerno, Cherbourg, den Salomoninseln, den Aleuten oder Tarawa nach Hause zurückkehren würden – schien über kein bißchen Geist oder Ironie zu verfügen, das sein goldenes Talent zur Pflichterfüllung hätte beeinträchtigen können.

Aber Geist und Ironie sind einem Jungen wie dem Schweden eher hinderlich, Ironie zumal ist ein menschlicher Trost und fehl am Platz, wenn man als Gott durchs Leben schreitet. Entweder gab es einen ganzen Teil seiner Persönlichkeit, der von ihm unterdrückt wurde oder noch gar nicht erwacht war, oder aber, wahrscheinlicher, es gab gar nichts dergleichen. Seine Reserviertheit, seine scheinbare Passivität als begehrtes Objekt all dieser nichtsexuellen Liebe, ließ ihn, wenn nicht als göttlich, so doch als deutlich aus dem bodenständigeren Menschsein so ziemlich aller anderen an der Schule herausgehoben erscheinen. Er war gefesselt an die Geschichte, ein Werkzeug der Geschichte, verehrt mit einer Leidenschaft, zu der es vielleicht nie gekommen wäre, hätte er – indem er gegen Barringer siebenundzwanzig Punkte machte – den Basketballrekord von Weequahic an irgendeinem anderen Tag als ausgerechnet dem überaus traurigen Tag im Jahre 1943 gebrochen, an dem achtundfünfzig Flying Fortresses von Kampfflugzeugen der deutschen Luftwaffe abgeschossen wurden, zwei der Flak zum Opfer fielen und fünf weitere abstürzten, nachdem sie auf dem Rückweg von der Bombardierung Deutschlands die englische Küste überquert hatten.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!