Die Anatomiestunde - Philip Roth - E-Book

Die Anatomiestunde E-Book

Philip Roth

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Beschreibung

Durch die Erwartungen der Kritik und durch die Animosität der Familie gerät Zuckerman in eine Krise: körperliche Schmerzen und Selbstzweifel zersetzen seine Schaffenskraft. Als Ausweg versucht er, das Leben der öffentlichen Bekenntnisse hinter sich zu lassen und durch ein Medizinstudium den Menschen wieder nahezukommen.

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Hanser E-Book

Philip Roth

Die Anatomiestunde

Aus dem Amerikanischenvon Gertrud Baruch

Carl Hanser Verlag

Titel der Originalausgabe:

The Anatomy Lesson

Farrar, Straus & Giroux, New York 1983

© 1983 by Philip Roth

ISBN 978-3-446-25133-5

Alle Rechte vorbehalten

© 1986/2015 Carl Hanser Verlag München Wien

Umschlag: © Peter-Andreas Hassiepen

Satz: Fotosatz Otto Gutfreund, Darmstadt

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Für Richard Stern

Die richtige Diagnose bei Schmerzzuständen wird vor allem dadurch erschwert, daß die Symptome oft in einiger Entfernung vom Krankheitsherd auftreten.

James Cyrian: Textbook ofOrthopaedic Medicine

I Der Kragen

Jeder Kranke verlangt nach seiner Mutter. Wenn sie nicht da ist, muß er sich mit anderen Frauen begnügen. Bei Zuckerman waren es vier andere Frauen. Noch nie hatte er so viele Frauen – und so viele Ärzte – auf einmal gehabt, noch nie so viel Wodka getrunken, so wenig gearbeitet und sich in einem so verzweifelten Zustand befunden. Gleichwohl schien er keine ernstzunehmende Krankheit zu haben. Nur Schmerzen, im Nacken, in den Armen und in den Schultern – Schmerzen, die es beschwerlich für ihn machten, weiter als bis zur nächsten oder übernächsten Straßenkreuzung zu gehen oder längere Zeit stehenzubleiben. Allein schon einen Nacken und Arme und Schultern zu haben, war so, als müßte er jemand anderen mit sich herumschleppen. Zehn Minuten unterwegs, um Lebensmittel einzukaufen, und schon mußte er schleunigst nach Hause, um sich hinzulegen. Und jedesmal konnte er bloß eine einzige, leichte Einkaufstüte heimtragen, die er noch dazu auf beide Arme nehmen und an sich drücken mußte – wie ein Achtzigjähriger. Die Tüte mit gestrecktem Arm zu tragen, machte die Schmerzen nur noch schlimmer. Es war qualvoll, sich nach vorn zu beugen und das Bett zu machen. Es war qualvoll, am Herd zu stehen und mit nichts Schwererem als einem Pfannenwender in der Hand zu warten, bis ein Ei fertiggebraten war. Er konnte kein Fenster aufmachen, bei dem man ein bißchen Kraft anwenden mußte. Also öffneten die Frauen die Fenster für ihn. Machten seine Fenster auf, brieten ihm sein Ei, machten sein Bett, kauften sein Essen ein und trugen ihm mühelos und mannhaft die vollen Tüten nach Hause. Eine einzige Frau hätte alles Nötige in ein, zwei Stunden pro Tag erledigen können, aber Zuckerman hatte keine Frau mehr. So kam es, daß er vier hatte.

Um auf einem Stuhl sitzen und lesen zu können, trug er einen orthopädischen Kragen, ein schwammartiges, rautenförmiges Gebilde in einer gerippten weißen Hülle, das er sich umbinden mußte. damit die Halswirbel sich nicht verschoben und er den Kopf nicht ungestützt hin und her bewegte. Durch den Stützkragen und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit sollte der stechende Schmerz gelindert werden, der sich vom linken Ohr zum Nacken zog und sich unterhalb des Schulterblattes verästelte wie eine verkehrt herum gehaltene Menora. Manchmal half der Kragen, manchmal nicht, aber allein schon, ihn zu tragen, war genauso zum Verrücktwerden wie die Schmerzen selbst. Zuckerman konnte sich dann bloß noch auf sich selber und den Kragen konzentrieren.

Er hatte sich ein Buch aus seiner Collegezeit vorgenommen: The Oxford Book of Seventeenth Century Verse. Auf dem Vorsatzblatt, über seinem mit blauer Tinte eingetragenen Namen und dem Datum, stand in der Handschrift, die er 1949 gehabt hatte, ein Aperçu des Studienanfängers: »Metaphysischen Dichtern fällt der Schritt vom Lächerlichen zum Erhabenen leicht.« Zum ersten Mal seit vierundzwanzig Jahren nahm er sich die Gedichte von George Herbert vor. Er hatte das Buch aus dem Regal geholt, um das Gedicht Der Kragen zu lesen und darin vielleicht etwas zu finden, was es ihm erleichtern würde, seinen eigenen Kragen zu tragen. Das galt ja allgemein als eine Funktion großer Literatur: Leiden zu lindern mittels der Schilderung unseres gemeinsamen Schicksals. Wie Zuckerman jetzt erfahren mußte, konnten körperliche Schmerzen den Menschen schrecklich primitiv machen, falls sie nicht durch regelmäßige Dosen philosophischen Denkens bekämpft wurden. Vielleicht konnte er bei Herbert ein paar nützliche Hinweise entdecken.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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