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Psychopharmaka im Faktencheck - ein Buch, das Fragen stellt, die niemand sonst stellt Warum nehmen psychische Erkrankungen seit Jahrzehnten zu - trotz immer breiterer Anwendung von Psychopharmaka? Der preisgekrönte Journalist Robert Whitaker geht dieser Frage nach und liefert eine umfassende, investigative Analyse der Evidenzlage. Die englische Originalausgabe wurde mit dem IRE Book Award für investigativen Journalismus ausgezeichnet. Whitaker zeichnet die Geschichte der modernen Psychopharmakotherapie nach und zeigt detailliert, wie Medikamente gegen Schizophrenie, bipolare Störungen, Angststörungen, Depression und ADHS entwickelt, eingesetzt und bewertet wurden. Dabei arbeitet er kritisch heraus: - dass für viele gängige Substanzen nie ein nachgewiesener Wirkmechanismus bestätigt werden konnte, - dass Studien oft so ausgewertet oder präsentiert wurden, dass sie überzogene Wirksamkeit suggerieren, - und dass Placebos in vielen Fällen vergleichbare oder langfristig sogar bessere Ergebnisse erzielen. Das Buch lädt dazu ein, unser Verständnis psychiatrischer Versorgung zu hinterfragen - faktenbasiert, differenziert und wissenschaftlich fundiert. Die deutsche Ausgabe entstand im Rahmen eines universitären Projekts unter Federführung von Hanna Christiansen, Robert Kumsta, Jürgen Margraf und Silvia Schneider. Übersetzung des Werkes: Studentisches Übersetzungsteam der Universität Marburg.
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Seitenzahl: 725
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Robert Whitaker ist amerikanischer Journalist und Autor. Seine Zeitungs- und Zeitschriftenartikel über Menschen mit psychischen Störungen und die Pharmaindustrie wurden mit mehreren nationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der George Polk Award für medizinische Artikel und der National Association of Science Writers Award für den besten Zeitschriftenartikel. Eine von ihm mitverfasste Serie für den Boston Globe über den Missbrauch von Menschen mit psychischen Störungen in der Forschung kam 1998 ins Finale des Pulitzer-Preises.
Verantwortlich für die deutsche Ausgabe:
Prof. Dr. Hanna Christiansen, Professorin für Klinische Psychologie des Kindes- und Jugendalters an der Philipps-Universität Marburg; Leiterin der Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie-Ambulanz Marburg (KJ-PAM) sowie des Kinder- und Jugendlichen-Instituts für Psychotherapie-Ausbildung Marburg (KJ-IPAM).
Prof. Dr. Robert Kumsta, Professor für Biologische Psychologie, Universität Luxemburg.
Prof. Dr. Jürgen Margraf, Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie und Ko-Direktor des Forschungs- und Behandlungszentrums für psychische Gesundheit (FBZ) an der Ruhr-Universität Bochum.
Prof. Dr. Silvia Schneider, Professorin für Klinische Kinder- und Jugendlichenpsychologie und Ko-Direktorin des Forschungs- und Behandlungszentrums für psychische Gesundheit (FBZ) an der Ruhr-Universität Bochum.
Übersetzung: Studentisches Übersetzungsteam der Universität Marburg.
Robert Whitaker
Verantwortlich für die deutsche Ausgabe: Prof. Dr. Hanna Christiansen Prof. Dr. Robert Kumsta Prof. Dr. Jürgen Margraf Prof. Dr. Silvia Schneider
Verlag W. Kohlhammer
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Pharmakologische Daten, d. h. u. a. Angaben von Medikamenten, ihren Dosierungen und Applikationen, verändern sich fortlaufend durch klinische Erfahrung, pharmakologische Forschung und Änderung von Produktionsverfahren. Verlag und Autoren haben große Sorgfalt darauf gelegt, dass alle in diesem Buch gemachten Angaben dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Da jedoch die Medizin als Wissenschaft ständig im Fluss ist, da menschliche Irrtümer und Druckfehler nie völlig auszuschließen sind, können Verlag und Autoren hierfür jedoch keine Gewähr und Haftung übernehmen. Jeder Benutzer ist daher dringend angehalten, die gemachten Angaben, insbesondere in Hinsicht auf Arzneimittelnamen, enthaltene Wirkstoffe, spezifische Anwendungsbereiche und Dosierungen anhand des Medikamentenbeipackzettels und der entsprechenden Fachinformationen zu überprüfen und in eigener Verantwortung im Bereich der Patientenversorgung zu handeln. Aufgrund der Auswahl häufig angewendeter Arzneimittel besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.
Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.
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Die amerikanische Originalausgabe erschien 2010 bei Broadway Books, an imprint of the Crown Publishing Group, a division of Random House, Inc., www.crownpublishing.com, unter dem Titel »Anatomy of an Epidemic – Magic Bullets, Psychiatric Drugs, and the Astonishing Rise of Mental Illness in America« von Robert Whitaker
Alle Rechte vorbehalten.
Copyright © 2010 by Robert Whitaker
Übersetzt vom studentischen Übersetzungsteam der Universität Marburg
Vorwort: Hanna Christiansen
Kap. 1: Anna Westenfelder
Kap. 2: Julia Dörbaum
Kap. 3: Rozana Nazarko
Kap. 4: Maria Stumpe
Kap. 5: Hanna Christiansen
Kap. 6: Janina Petri, Julie Lauscher
Kap. 7: Laura-Marie Wallenfels
Kap. 8: Kaja Frank
Kap. 9: Pius Kern, Carlotta Kessens
Kap. 10: Victoria Hercher, Bettina Salger, Xia Ying Lin
Kap. 11: Katja Weißmann, Yuqi Zhao
Kap. 12: Victoria Hercher, Bettina Salger, Xia Ying Lin
Kap. 13: Catarina Draguhn, Nico Dülfer
Kap. 14: Alina Kick, Elisa Gelberg, Emily Heuer
Kap. 15: Catarina Draguhn, Nico Dülfer
Kap. 16: Anna Müller, Leon Kraus, Yannik Tauber
Epilog: Rozana Nazarko (Epilog)
Aktualisierter Stand der Forschung (2010–2023): Hanna Christiansen
1. Auflage 2026
Alle Rechte vorbehalten.
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Heßbrühlstr. 69, 70565 Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-043232-1
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-043233-8
epub: ISBN 978-3-17-043234-5
Für Lindsay
Mögest du noch einmal ›Seasons of Love‹ singen
und von Freude erfüllt sein.
Psychische Störungen gehören heute weltweit zu den drängendsten Herausforderungen der öffentlichen Gesundheit (Hughes et al., 2021; Robert Koch Institut, 2020). In Anatomie einer Epidemie zeichnet Robert Whitaker die Entwicklung psychischer Störungen seit der Einführung moderner Psychopharmaka in den 1950er Jahren nach und wirft dabei einen kritischen Blick auf ein medizinisches Paradigma, das zentrale Fragen offenlässt. Ausgangspunkt seiner Analyse ist ein paradoxer Befund: Trotz des flächendeckenden und langjährigen Einsatzes psychotroper Medikamente nehmen psychische Erkrankungen in westlichen Gesellschaften nicht ab. Im Gegenteil, die Zahl der Betroffenen steigt stetig, ebenso wie der Anteil jener, die infolge psychischer Leiden dauerhaft aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Diese Entwicklung wirft grundlegende Fragen an unser Verständnis von Behandlung und Versorgung auf (Margraf, 2019; Margraf und Schneider, 2016).
Whitakers Buch ist eine sorgfältige Spurensuche, die an einem empfindlichen Nerv des Gesundheitssystems ansetzt. Demnach führt der dominante Fokus auf medikamentöse Behandlungen keineswegs zu nachhaltiger Genesung, sondern in einer Vielzahl von Fällen scheint gerade der langjährige Einsatz von Psychopharmaka mit einem chronischen Verlauf psychischer Störungen einherzugehen oder diesen zu befördern. Damit stellt Whitaker die weitverbreitete Auffassung infrage, dass etwa schwere Depressionen, Psychosen oder auch Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) primär pharmakologisch zu behandeln seien. Stattdessen fordert er eine grundlegende Neuorientierung im Verständnis von Ursachen, Prävention und nachhaltigen Therapien psychischer Erkrankungen.
Ein solches Umdenken beginnt sinnvollerweise dort, wo viele psychische Störungen ihren Ursprung haben – in der Kindheit und Jugend. Studien zeigen, dass rund die Hälfte aller psychischen Erkrankungen vor dem 15. Lebensjahr und etwa drei Viertel vor dem 25. Lebensjahr beginnen (Kessler et al., 2005; Uhlhaas et al., 2023; Solmi et al., 2022; McGrath et al., 2023). Besonders belastende Erfahrungen in der Kindheit, wie Gewalt, Vernachlässigung oder familiäre Konflikte, erhöhen nachweislich das Risiko für spätere psychische und körperliche Erkrankungen (Daníelsdóttir et al., 2024; Kessler et al. 2010; Hughes et al., 2017). Dabei zeigt sich ein klarer Dosis-Wirkung-Zusammenhang: Je mehr solcher belastenden Erfahrungen ein Kind macht, desto wahrscheinlicher sind langfristige gesundheitliche Folgen (Felitti et al., 1998; Merrick et al., 2017; Robert Koch Institut, 2020).
Doch nicht nur individuell traumatische Erfahrungen wirken sich aus, auch strukturelle Bedingungen hinterlassen Spuren. Soziale Ungleichheit, Armut, prekäre Lebensverhältnisse, geringe Bildung, das Aufwachsen in benachteiligten Stadtteilen oder Erfahrungen sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung erhöhen ebenfalls das Risiko psychischer Erkrankungen (Kirkbride et al., 2024). Solche Belastungen wirken dabei häufig über Generationsgrenzen hinweg. Elterliche Überforderung und kindliche psychische Symptome verstärken sich wechselseitig, es entstehen intergenerationale Teufelskreise. Eltern, die unter wirtschaftlichem oder emotionalem Druck stehen, berichten häufiger von psychischen Auffälligkeiten ihrer Kinder, umgekehrt erschwert das Verhalten belasteter Kinder den Familienalltag, so dass ein sich selbst verstärkendes System entsteht (Ziese, Krause, & Vogelsang, 2020; Neuperdt et al., 2024).
Dabei vernachlässigt der aktuelle Umgang mit diesen Risiken wirksame Schutzfaktoren, allen voran Selbstregulationsfähigkeiten. Emotionssteuerung, Impulskontrolle, Frustrationstoleranz sind entscheidend für psychische Stabilität, Bildungschancen und soziale Integration (Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, 2024). Besonders im Vorschulalter entwickeln sich diese Fähigkeiten dynamisch und sind durch gezielte Förderung beeinflussbar (Montroy et al., 2016). Kinder mit gut ausgebildeter Selbstregulation zeigen nicht nur seltener Verhaltensauffälligkeiten, sondern profitieren langfristig von besseren psychosozialen Verläufen und stabilerer psychischer Gesundheit (Robson et al., 2020; Savina, 2021; Rademacher et al., 2022).
Wer psychische Gesundheit nachhaltig fördern will, sollte deshalb früh ansetzen und gezielt auf Risiko- und Schutzfaktoren eingehen. Als zentral sind zu nennen:
Früherkennung und Prävention: Durch den Einsatz moderner Diagnostik und computergestützter Verfahren können Risikofaktoren frühzeitig erkannt, Resilienz gestärkt und präzise Präventionsstrategien entwickelt werden, insbesondere für Kinder und Jugendliche in belastenden Lebenslagen.
Innovative, individualisierte Interventionen: Die Verbindung bewährter Behandlungsformen wie Psychotherapie mit neuen Ansätzen, darunter digitale Echtzeitinterventionen, Neurofeedback und neuromodulatorische Verfahren ist anzustreben. Ziel ist es, Therapieformen flexibel an individuelle Bedarfe anzupassen.
Psychische Gesundheit in Lebenswelten: Eine Verbesserung der psychischen Gesundheit sollte in den realen Lebenswelten der Menschen und nicht nur im Labor erzielt werden. In groß angelegten Studien müssten urbane Stressoren, soziale Dynamiken und gesellschaftliche Entwicklungen untersucht werden, um gezielt auf die psychischen Belastungen realer Lebensumfelder reagieren zu können, etwa durch Förderung von Inklusion und Teilhabe sowie die Bekämpfung von Stigmatisierung (Popp et al., 2025).
Daneben lässt sich von konsequent partizipativen Forschungsansätzen profitieren. Menschen, die psychische Störungen selbst erlebt haben, sollten systematisch in alle Phasen der Forschung eingebunden werden, von der Studienplanung über die Durchführung bis zur Evaluation (Lipinski et al., 2024). Der Fokus wäre dabei nicht nur auf Erwachsene zu richten, sondern auch betroffene Kinder, Jugendliche und ihre Familien wären aktiv zu beteiligen und würden so eine Stimme erhalten (Totzeck et al., 2024; Bartnick et al., 2024; Bartnick et al., 2025). Solch eine trialogische Forschungskultur trüge dazu bei, dass die Ergebnisse den tatsächlichen Bedürfnissen der Betroffenen entsprechen, schneller in die Versorgung gelangen (YMH-INF et al., 2025) und messbare Resultate liefern, die für Betroffene und ihre Angehörigen relevant sind (Roe et al., 2022).
Das Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) setzt eine solche Forschungsstrategie beispielsweise bereits um (Meyer-Lindenberg et al., 2023). Als nationales Forschungszentrum bündelt es Expertise mit dem Ziel, psychische Gesundheit auf Grundlage exzellenter Wissenschaft und neuester Forschungsergebnisse systematisch zu stärken.
Internationale Studien zeigen, dass sich frühe und gezielte Interventionen nicht nur aus individueller, sondern auch aus volkswirtschaftlicher Perspektive lohnen (Hughes et al., 2021). Psychische Störungen verursachen in Deutschland jährlich wirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe (Christiansen et al., 2025; Hughes et al., 2021). Präventive Maßnahmen können diese Last erheblich senken und gleichzeitig Leid lindern. Die Forschung ist eindeutig: Bis zu 30 % aller psychischen Störungen wären vermeidbar, wenn belastende Kindheitserfahrungen ausblieben (Kessler et al., 2010; Heckman und Masterov, 2007).
Robert Whitakers Buch liefert daher u. E. wertvolle Impulse für eine längst überfällige gesellschaftliche Debatte. Es stellt unbequeme Fragen und fordert dazu auf, scheinbar alternativlose Annahmen zu überdenken. Aktuelle Forschungsanstrengungen zeigen, dass wir bereits heute über das Wissen und die Werkzeuge verfügen, psychische Gesundheit mechanismen- und evidenzbasiert zu fördern. Für die Menschen von heute und für kommende Generationen gilt es nun, dieses Wissen systematisch anzuwenden und flächendeckend zu implementieren. Wir hoffen, dass dieses nun auch auf Deutsch vorliegende Buch mit dazu beiträgt, dieses Ziel zu erreichen.
Hanna Christiansen, Robert Kumsta, Jürgen Margraf, Silvia Schneider
Bartnick, Christina; Christiansen, Hanna; Schneider, Silvia (2024): Giving children a voice: Concept development and foundation of the first Children’s council »mental health« in Germany. In:
JCPP advances
4 (4), e12293. DOI: 10.1002/jcv2.12293.
Bartnick, Christina; van der Meer, Anna Swantje; Dort, Martina; Christiansen, Hanna; Schneider, Silvia (2025): Patient and Public Involvement (PPI) mit Kindern, Jugendlichen und Eltern im DZPG. In:
Kindheit und Entwicklung
34 (1), S. 13–22. DOI: 10.1026/0942-5403/a000473.
Christiansen, Hanna; Kumsta, Robert; Brettschneider, Christian; Schneider, Silvia (2025): Deutsches Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) und Deutsches Zentrum für Kinder- und Jugendgesundheit (DZKJ). In:
Kindheit und Entwicklung
34 (1), S. 1–4. DOI: 10.1026/0942-5403/a000475.
Daníelsdóttir, Hilda Björk; Aspelund, Thor; Shen, Qing; Halldorsdottir, Thorhildur; Jakobsdóttir, Jóhanna; Song, Huan et al. (2024): Adverse Childhood Experiences and Adult Mental Health Outcomes. In:
JAMA psychiatry
81 (6), S. 586–594. DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2024.0039.
Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina (2024): Förderung der Selbstregulationskompetenzen von Kindern und Jugendlichen in Kindertageseinrichtungen und Schulen. Unter Mitarbeit von MyCoRe Community.
Felitti, V. J.; Anda, R. F.; Nordenberg, D.; Williamson, D. F.; Spitz, A. M.; Edwards, V. et al. (1998): Relationship of childhood abuse and household dysfunction to many of the leading causes of death in adults. The Adverse Childhood Experiences (ACE) Study. In:
American journal of preventive medicine
14 (4), S. 245–258. DOI: 10.1016/s0749-3797(98)00017-8.
Heckman, James J.; Masterov, Dimitriy V. (2007): The Productivity Argument for Investing in Young Children. In:
Rev Agricultural Economics
29 (3), S. 446–493. DOI: 10.1111/j.1467-9353.2007.00359.x.
Hughes, Karen; Bellis, Mark A.; Hardcastle, Katherine A.; Sethi, Dinesh; Butchart, Alexander; Mikton, Christopher et al. (2017): The effect of multiple adverse childhood experiences on health: a systematic review and meta-analysis. In:
The Lancet. Public health
2 (8), e356-e366. DOI: 10.1016/S2468-2667(17)30118-4.
Hughes, Karen; Ford, Kat; Bellis, Mark A.; Glendinning, Freya; Harrison, Emma; Passmore, Jonathon (2021): Health and financial costs of adverse childhood experiences in 28 European countries: a systematic review and meta-analysis. In:
The Lancet. Public health
6 (11), e848-e857. DOI: 10.1016/S2468-2667(21)00232-2.
Kessler, Ronald C.; Berglund, Patricia; Demler, Olga; Jin, Robert; Merikangas, Kathleen R.; Walters, Ellen E. (2005): Lifetime prevalence and age-of-onset distributions of DSM-IV disorders in the National Comorbidity Survey Replication. In:
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World psychiatry: official journal of the World Psychiatric Association (WPA)
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Lipinski, Silke; Sünkel, Ulrike; Totzeck, Christina; Dresler, Thomas; Baskow, Irina; Bea, Myriam et al. (2024): Patient and Public Involvement am Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit: Erreichtes und Herausforderungen. In:
Der Nervenarzt
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Meyer-Lindenberg, Andreas; Falkai, Peter; Fallgatter, Andreas J.; Hannig, Rüdiger; Lipinski, Silke; Schneider, Silvia et al. (2023): The future German Center for Mental Health (Deutsches Zentrum für Psychische Gesundheit): a model for the co-creation of a national translational research structure. In:
Nat. Mental Health
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Neuperdt, Laura; Beyer, Ann-Kristin; Junker, Stephan; Mauz, Elvira; Hölling, Heike; Schlack, Robert (2024): Elterliches Belastungserleben, Unaufmerksamkeits-/Hyperaktivitätssymptome und elternberichtete ADHS bei Kindern und Jugendlichen: Ergebnisse aus der KiGGS-Studie. In:
Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz
67 (4), S. 429–438. DOI: 10.1007/s00103-024-03859-9.
Popp, Lukka; Voigt, Babett; Julich, Anna; König, Hans-Helmut; Brettschneider, Christian; Kulisch, Leonard Konstantin et al. (2025): Urban Mental Health: Förderung der psychischen Gesundheit von jungen Menschen in der Stadt. In:
Kindheit und Entwicklung
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Rademacher, Annika; Goagoses, Naska; Schmidt, Sören; Zumbach, Jelena; Koglin, Ute (2022): Preschoolers’ Profiles of Self-regulation, Social-emotional and Behavior Skills and Its Prediction for a Successful Behavior Adaptation during the Transitional Period from Preschool to Elementary School. In:
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Molecular psychiatry
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Uhlhaas, Peter J.; Davey, Christopher G.; Mehta, Urvakhsh Meherwan; Shah, Jai; Torous, John; Allen, Nicholas B. et al. (2023): Towards a youth mental health paradigm: a perspective and roadmap. In:
Molecular psychiatry
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YMH-INF, Konsortium der; Christiansen, Hanna; Dort, Martina; van der Meer, Anna Swantje; Strelow, Anna Enrica; Oschwald, Alina et al. (2025): Verbesserung der psychischen Gesundheit im Kindes- und Jugendalter. In:
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, zuletzt geprüft am 30.06.2025.
Psychopharmaka sind ein zentraler Bestandteil in der medizinischen Behandlung psychischer Erkrankungen. Das spiegelt sich sowohl in Behandlungsleitlinien als auch in Verschreibungszahlen wider. Laut Arzneiverordnungs-Report wurden in Deutschland alleine im Jahr 2023 2,6 Milliarden Tagesdosen Psychopharmaka verschrieben (Seifert, Bleich, Seifert, 2025). Die Anzahl an Verordnungen stieg dabei weiter an, bei Antidepressiva um mehr als 30 % und bei Antipsychotika um 12 % im Vergleich zu 2014 sowie bei Medikamenten zur Behandlung von ADHS um 19 % im Vergleich zu 2022. Gleichzeitig diskutieren Wissenschaft und Öffentlichkeit den Einsatz von Psychopharmaka immer wieder kontrovers: Wie beeinflussen Psychopharmaka die Lebensrealität von Betroffenen? Wie wirksam sind Psychopharmaka in der Behandlung psychischer Erkrankungen? Mit welchen kurz- und langfristigen Nebenwirkungen geht die Einnahme dieser Medikamente einher?
Als prominente kritische Stimme in dieser Debatte gilt der US-amerikanische Journalist und Autor Robert Whitaker. Bereits 2001 machte Whitaker in seinem Buch Mad in America aus historischer und aktueller Perspektive auf problematische Praktiken in der Psychiatrie aufmerksam, deren wissenschaftliche Grundlage nicht ausreichend sei. Gemeinsam mit Kolleg:innen gründete Whitaker im Jahr 2012 die gleichnamige Non-Profit Organisation Mad in America. Deren Ziel ist es, Psychiatrie und Psychiatrieforschung transparenter zu gestalten, Alternativen zur konventionellen Psychiatrie aufzuzeigen und eine humanere, evidenzbasierte psychiatrische Versorgung zu fördern. Dazu veröffentlicht die Organisation unter anderem kritische Forschungsanalysen, Interviews mit Expert:innen und Erfahrungsberichte.
Im Jahr 2010 legte Whitaker mit dem Buch Anatomy of an Epidemic nach. Darin hinterfragt Whitaker die biomedizinische Ausrichtung der Psychiatrie und den exzessiven Einsatz von Medikamenten, die mit erheblichen langfristigen Risiken einhergehen. In der internationalen Presse erhielt Whitaker dafür viel Aufmerksamkeit und wurde mit dem Investigative Reporters and Editors (IRE) Award für das beste investigativ-journalistische Buch des Jahres 2010 ausgezeichnet. Anatomy of an Epidemic befeuerte eine polarisierte Debatte über die pharmakologische Behandlung von psychischen Erkrankungen und deren wissenschaftliche Fundierung. In Deutschland blieb dieser Impuls in einer breiteren Öffentlichkeit jedoch aus, da eine Übersetzung ins Deutsche fehlte. Die vorliegende Ausgabe soll diese Lücke schließen und damit die aktuelle Debatte um Psychopharmaka im deutschsprachigen Raum bereichern.
Trotz der hohen Relevanz von Psychopharmaka in der Gesundheitsversorgung erhält das Thema im Studium der Psychologie bislang wenig Aufmerksamkeit. Auch in der Ausbildung von Psychotherapeut:innen nach alter Approbationsordnung spielte Pharmakotherapie eine geringfügige Rolle. Erst mit dem neuen Psychotherapeutengesetz und der Reform der Approbationsordnung wurde die Auseinandersetzung mit Psychopharmaka fester verankert und findet seither Eingang in die neuen Masterstudiengänge Klinische Psychologie und Psychotherapie. Dennoch kommt eine kritische Betrachtung auch in der reformierten Ausbildung bislang zu kurz.
Vor diesem Hintergrund konnten wir uns durch die Übersetzung von Anatomy of an Epidemic in einer Lehrveranstaltung im Wintersemester 2022/2023 vertiefend mit Psychopharmaka auseinandersetzen. Wir gewannen Einblicke, wie sich das biomedizinische Verständnis psychischer Erkrankungen und der Einsatz von Medikamenten in ihrer Behandlung historisch entwickelt haben. Besonders aufschlussreich war es für uns, die langfristigen Verläufe und Nebenwirkungen psychopharmakologischer Therapien zu betrachten. Dabei waren die in vielen Kapiteln enthaltenen authentischen Erfahrungsberichte wertvoll, um die Lebensrealität von Betroffenen besser verstehen zu können. Gleichzeitig beleuchteten wir die Argumentation des Autors kritisch, prüften Whitakers Auswahl und Interpretation der herangezogenen wissenschaftlichen Studien und beschäftigten uns ergänzend mit aktuellerer Forschungsliteratur. Trotz mancher Einwände wurde dabei deutlich, wie wichtig es ist, die Rolle von Psychopharmaka offen, differenziert und evidenzbasiert zu diskutieren. Damit kann das Buch das Psychologiestudium und die Ausbildung angehender Psychotherapeut:innen ergänzen und Impulse für eine kritisch-reflektierte Auseinandersetzung geben.
Dieses Projekt bedeutet für uns weit mehr als eine gelungene Übersetzung. Es war eine intensive Lernerfahrung, die uns für unsere weitere wissenschaftliche und praktische Tätigkeit nachhaltig prägt. Wir bedanken uns herzlich bei Prof. Dr. Hanna Christiansen, die dieses außergewöhnliche Seminar gestaltet und begleitet hat. Wir danken Prof. Dr. Robert Kumsta, Prof. Dr. Jürgen Margraf und Prof. Dr. Silvia Schneider sowie dem Kohlhammer Verlag für ihre Unterstützung im Veröffentlichungsprozess.
Wir hoffen, dass dieses Buch zu kritischem Nachdenken und lebendigem Austausch über die Zukunft der Psychiatrie und Psychotherapie beiträgt.
Emily Heuer & Pius Kern
Für die Studierenden des Seminars im Wintersemester 2022/23 an der Philipps-Universität Marburg
Seifert, J., Bleich, S., Seifert, R. (2025). Depression, Angststörungen, bipolare Störung, Schizophrenie, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. In: Ludwig, W.-D., Mühlbauer, B., Seifert, R. (Hg.)
Arzneiverordnungs-Report 2024
. Springer, Berlin, Heidelberg.
https://doi.org/10.1007/978-3-662-70594-0_22
Geleitwort zur deutschen Ausgabe
Geleitwort der Studierenden
Vorwort
I
Die Epidemie
1
Eine moderne Plage
2
Anekdotisches
II
Die Wissenschaft der Psychopharmaka
3
Die Wurzeln einer Epidemie
4
Die Zauberkugeln der Psychiatrie
5
Die Jagd nach chemischen Ungleichgewichten
III
Ergebnisse
6
Ein aufgedecktes Paradox
7
Die Benzo-Falle
8
Eine episodische Erkrankung wird chronisch
9
Der Bipolar-Boom
10
Erklärungsversuche
11
Die Epidemie weitet sich auf Kinder aus
12
Die Kinder leiden
IV
Erläuterung einer Wahnvorstellung
13
Das Aufkommen einer Ideologie
14
Die erzählte und die nicht erzählte Geschichte
15
Gewinnmaximierung
V
Lösungen
16
Blaupausen für eine Reform
Epilog
VI
Anhang
Aktualisierter Stand der Forschung (2010–2023)
Danksagungen
Anmerkungen
Stichwortverzeichnis
Anatomy of an Epidemic: Magic Bullets, Psychiatric Drugs and the Astonishing Rise of Mental Illness in America (dt.: Anatomie einer Epidmie. Wenn Psychopharmaka krank machen) erschien erstmals 2010 und erwarb sich rasch den Ruf, ein »umstrittenes« Buch zu sein. Sein Gegenstand sind die langfristigen Auswirkungen von Psychopharmaka. Es präsentiert eine Wissenschaftsgeschichte, die die Psychiatrie herausfordert, unser derzeitiges medikamentenbasiertes Behandlungsparadigma zu überdenken.
Auch wenn das Buch in vielen Kreisen immer noch als umstritten gilt, setzt sich in der Medizin zunehmend die Erkenntnis durch, dass der gesellschaftliche Einsatz von Psychopharmaka grundlegend überdacht werden muss.
2010 herrschte in den meisten Teilen der Welt noch der allgemeine Glaube an das »Krankheitsmodell« der Psychiatrie vor. Man ging davon aus, dass Antipsychotika, Antidepressiva und andere Psychopharmaka »chemische Ungleichgewichte« im Gehirn beheben und somit ähnlich wie »Insulin gegen Diabetes« wirken. Dieses Verständnis bedeutete einen großen Fortschritt in der psychiatrischen Versorgung: Die Moleküle, welche Psychosen, Depressionen und andere schwere psychische Störungen verursachen, waren entdeckt worden und die Psychiatrie verfügte nun über Medikamente, die diese chemischen Botenstoffe im Gehirn wieder auf ein angemessenes Niveau bringen konnten. Angesichts der Komplexität des menschlichen Gehirns bedeutete diese Erzählung den vielleicht größten medizinischen Fortschritt der Geschichte – wenn sie denn wahr wäre.
Da dieser Glaube in der Öffentlichkeit fest verankert war, wurde Anatomie einer Epidemie von vielen als ein Werk der Ketzerei angesehen. Dieses Buch berichtet im Wesentlichen von einem gescheiterten Versorgungsparadigma. Mit der zunehmenden Bekanntheit dieser Forschungsergebnisse wurden Stimmen lauter, die einen radikalen Wandel in der Psychiatrie forderten. Solche Forderungen kamen auch von der Weltgesundheitsorganisation und dem Büro des Sonderberichterstatters der Vereinten Nationen für Gesundheit. Die nun vorliegende deutsche Übersetzung von Anatomy of an Epidemic bietet die Gelegenheit, kurz zu schildern, wie das Buch dazu beitrug, eine Veränderung einzuleiten.
Im Vorwort der ersten Auflage hatte ich erläutert, wie ich dazu kam, dieses Buch zu schreiben. Ich denke, dass diese Geschichte auch für das deutsche Publikum interessant ist. Als Journalist, der vorwiegend über medizinische Themen schrieb, hatte ich ein konventionelles Verständnis der Psychiatrie und ihrer Behandlungsvorzüge. Ich fing erst an, diese konventionelle Sichtweise zu hinterfragen, als ich mich intensiver mit der Forschungsliteratur befasste.
Nach vielen Jahren als Zeitungsreporter nahm ich 1994 die Stelle als Direktor für Publikationen an der Harvard Medical School an. Zu dieser Zeit wurde viel über die Notwendigkeit diskutiert, dass Ärzt:innen1 »evidenzbasiert« praktizieren sollten. Die Begründung dafür war, dass Ärzt:innen, wie jede Medizingeschichte zeigen kann, sich leicht über die Vorzüge ihrer Therapien täuschen können. Ich hatte damals kein besonderes Interesse an der Psychiatrie, aber die Lektion, die ich aus dieser Diskussion mitnahm, war folgende: Konventionelle Überzeugungen in der Medizin in Frage zu stellen und dies durch eine gründliche Überprüfung der Beweise zu tun, war ein legitimes und hilfreiches wissenschaftliches Unterfangen.
Dann verließ ich diese Stelle, um den Verlag CenterWatch mitzugründen, der über wirtschaftliche Aspekte der klinischen Prüfung neuer Medikamente berichtete. Unsere Leser:innen kamen aus Pharmaunternehmen, medizinischen Fakultäten, privaten Arztpraxen und von der Wall Street und wir schrieben über diese Unternehmen meist in einer industriefreundlichen Art und Weise. Wir betrachteten klinische Studien als Teil eines Prozesses, der verbesserte medizinische Behandlungen auf den Markt brachte, und wir berichteten über die finanziellen Aspekte dieser wachsenden Industrie. Dann, Anfang 1998, stieß ich auf eine Geschichte, die vom Missbrauch psychiatrischer Patient:innen in Forschungseinrichtungen berichtete, zu dem auch klinische Versuche mit antipsychotischen Medikamenten gehörten. Noch während ich Mitinhaber von CenterWatch war, schrieb ich gelegentlich freiberuflich Artikel für Zeitschriften und Zeitungen. In diesem Herbst war ich Mitverfasser einer Serie zu diesem Thema für den Boston Globe.
Dolores Kong, Reporterin des Boston Globe, und ich haben uns auf verschiedene Arten von »Missbrauch« konzentriert. Wir untersuchten vom National Institute of Mental Health (NIMH) finanzierte Studien, bei denen Patient:innen mit Schizophrenie ein Medikament verabreicht wurde, das ihre Symptome verschlimmern sollte (die Studien untersuchten die Biologie der Psychose). Wir untersuchten die Todesfälle, die während der Erprobung der neuen atypischen Antipsychotika aufgetreten waren, aber in den veröffentlichten Berichten über die Studien nicht erwähnt wurden. Schließlich berichteten wir über Studien, bei denen Patient:innen mit Schizophrenie ihre antipsychotischen Medikamente absetzten, was wir für unethisch hielten.
Unsere Argumentation war einfach: Antipsychotika beheben ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn. Menschen, bei denen Schizophrenie diagnostiziert wurde, litten demnach unter einem hyperaktiven Dopaminsystem und Antipsychotika normalisierten die Dopaminübertragung im Gehirn, indem sie die Dopaminrezeptoren im Gehirn teilweise blockierten. Ich wusste schon seit einiger Zeit, dass dies »wahr« war, da ich bei der Albany Times Union über medizinische Themen berichtete. Es war also eindeutig missbräuchlich, dass psychiatrisch Forschende Studien zum Entzug von Medikamenten durchführten, in denen sie sorgfältig den Prozentsatz der Patient:innen mit Schizophrenie zählten, die daraufhin wieder krank wurden und erneut ins Krankenhaus eingewiesen werden mussten. Würde jemand jemals eine Studie durchführen, bei der Diabetiker:innen das Insulin entzogen wird, um zu sehen, wie schnell sie wieder krank werden?
Das war der Bezugsrahmen der Entzugsstudien in unserer Serie und das wäre das Ende meines Schreibens über die Psychiatrie gewesen, wäre da nicht nach Veröffentlichung dieser Serie eine ungelöste Frage zurückgeblieben, eine Frage, die mich quälte. Während ich die Artikelserie schrieb, stieß ich auf zwei Forschungsergebnisse, die einfach keinen Sinn ergaben. Das erste stammte von Forschenden der Harvard Medical School, die 1994 bekannt gaben, dass sich die Behandlungsergebnisse für Patient:innen mit Schizophrenie in den Vereinigten Staaten von Amerika in den letzten zwei Jahrzehnten verschlechtert hatten und nun nicht besser waren als ein Jahrhundert zuvor. Die zweite Studie stammte von der Weltgesundheitsorganisation, die zweimal festgestellt hatte, dass die Behandlungsergebnisse bei Schizophrenie in »Entwicklungsländern« wie Indien und Nigeria viel besser waren als in den USA und anderen reichen Ländern. Ich habe verschiedene Expert:innen zu den WHO-Ergebnissen befragt und sie meinten, dass die schlechten Ergebnisse in den Vereinigten Staaten auf die Sozialpolitik und kulturelle Werte zurückzuführen seien. In den armen Ländern würden die Familien Erkrankte mit Schizophrenie eher unterstützen. Obwohl dies plausibel erschien, war es keine ganz zufriedenstellende Erklärung. Nachdem die Serie im Boston Globe erschienen war, ging ich zurück an den Schreibtisch und las alle wissenschaftlichen Artikel, die sich auf die WHO-Studie zu den Schizophrenie-Ergebnissen bezogen. Dabei stieß ich auf eine verblüffende Tatsache: In den Entwicklungsländern nahmen nur 16 % der Patient:innen regelmäßig antipsychotische Medikamente ein.
Ich kann mich noch gut an meine Verwirrung erinnern, als ich diese Statistik sah. Ich hatte gerade eine Serie mitgeschrieben, in der es unter anderem darum ging, wie unethisch es ist, Patient:innen mit Schizophrenie ihre antipsychotische Medikation zu entziehen. Und dann gab es eine Studie der Weltgesundheitsorganisation, die anscheinend einen Zusammenhang zwischen guten Behandlungsergebnissen und dem Verzicht auf eine kontinuierliche Einnahme der Medikamente gefunden hatte. Um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, schrieb ich mein erstes Buch, Mad in America – eine Geschichte der Behandlung schwer psychisch Erkrankter in meinem Land.
Danach schrieb ich zwei Sachbücher über Themen, die nichts mit der Psychiatrie zu tun hatten. Anschließend kehrte ich aber zu dem Thema zurück, um der Frage nachzugehen: Wie wirken sich Psychopharmaka langfristig auf Menschen aus? Diese Frage lag auf der Hand und doch fehlte die Antwort darauf in den gesellschaftlichen Diskussionen über die Vorzüge von Psychopharmaka.
Anatomie einer Epidemie stellt zwar verbreitete Gewissheiten in Frage, dies aber auf konventionelle Art und Weise. Bei meiner Untersuchung der langfristigen Auswirkungen von Psychopharmaka versuchte ich, relevante Beweise zu erbringen. Was zeigen sie? Diese Frage erforderte eine gründliche Sichtung der Forschungsliteratur. Welche Langzeitergebnisse wurden vor der Einführung von »Psychopharmaka« für eine wichtige Diagnosekategorie berichtet? Konnten Kliniker:innen nach der Einführung der Medikamente eine Veränderung des Langzeitverlaufs feststellen? Was haben längerfristige Studien über den veränderten Verlauf ergeben? Welche Gruppe hatte in den Langzeitstudien, in denen die Ergebnisse von Patient:innen mit und ohne Medikamenteneinnahme verglichen wurden, höhere Heilungsraten? Fügten sich all diese Daten zu einem konsistenten, kohärenten Bild zusammen?
Kurz gesagt, ich habe eine Geschichte der Wissenschaft erzählt, basierend auf der vom National Institute of Mental Health und den Forschungsinstituten anderer Länder finanzierten Forschung. Die Herausforderung für die derzeitigen Praktiken der Psychiatrie kommt demnach aus ihrer eigenen Forschung über die langfristigen Auswirkungen von Psychopharmaka.
Wie zu erwarten war, löste dieses Buch bei denjenigen, die die gängigen Überzeugungen und Praktiken verteidigen, massive Kritik aus, nach dem Motto: »Tötet den Boten!« Kurz nach der Veröffentlichung der ersten Auflage des Buches hörte ich jedoch von einer kleinen Anzahl Psychiater:innen und Kliniker:innen, die die Auswirkungen der Forschung und die von mir gezogenen Schlussfolgerungen diskutieren wollten. Ich habe sie über das Internet miteinander in Kontakt gebracht und schließlich wurde aus diesem ersten Samenkorn eine Konferenz, die im Februar 2011 in Portland, Oregon, stattfand. Dort diskutierte eine bunte Mischung aus Psychiater:innen, Kliniker:innen, Familienmitgliedern und Gleichgesinnten über die in Anatomie einer Epidemie aufgeworfenen Fragen und teilte sich in Workshops auf, die von Psychiater:innen geleitet wurden und die die Literatur zu den langfristigen Ergebnissen bei Schizophrenie und Depression untersuchten. Beide Workshops kamen zu dem Schluss, dass es in der Tat gute Gründe für die Psychiatrie gibt, die Verschreibungspraxis zu überdenken, wenn die Langzeitergebnisse berücksichtigt werden.
Aus dieser Konferenz wiederum ging eine gemeinnützige Organisation hervor, die Foundation for Excellence in Mental Health Care. Die Stiftung sammelte Gelder, um die weitere Erforschung von Langzeitergebnissen und des »optimalen« Einsatzes von Psychopharmaka zu fördern. Sie unterstützte auch Bemühungen, Alternativen zu medikamentenzentrierten Behandlungsansätzen zu entwickeln.
Seitdem habe ich viele Vorträge über die in diesem Buch vorgestellten Ergebnisse gehalten und auf diesen Foren, zu denen auch Besuche an medizinischen Fakultäten gehörten, wurde deutlich, dass in der Gesellschaft ein wachsendes Interesse daran besteht, die psychiatrische Versorgung zu überdenken. Dieses Interesse habe ich auch bei meinen Vorträgen in Kanada, Europa und Südamerika festgestellt. Viele Menschen spüren, dass mit unserem medikamentenbasierten Behandlungsparadigma etwas nicht stimmt. Je mehr wir diese Medikamente einsetzen, desto mehr scheint die Belastung durch psychische Erkrankungen in unserer Gesellschaft zuzunehmen. Warum ist das so?
Dieses Buch wurde inzwischen in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt, was mir die Gelegenheit gab, die Forschungsergebnisse zu aktualisieren (s. Kapitel Aktualisierter Stand der Forschung (2010–2023)). Die neuen Studien ergänzen die im Text präsentierten Beweise auf eindrucksvolle Weise. Und hier ist die Überraschung dieser Forschungsaktualisierung: Gedanken, die 2010, als Anatomy of an Epidemic zum ersten Mal veröffentlicht wurde, als ketzerisch galten, werden jetzt in den etablierten Forschungskreisen diskutiert – und sogar begrüßt.
Das ist das Wesen der Wissenschaft: Stell eine unverschämte Frage und du bist auf dem Weg zu einer sachdienlichen Antwort.
Jacob Bronowski (1973)1
Dies ist die Geschichte eines medizinischen Rätsels. Es handelt sich um ein höchst merkwürdiges Rätsel und gleichzeitig eines, das wir als Gesellschaft dringend lösen müssen, denn es erzählt von einer verborgenen Epidemie, die das Leben von Millionen von Amerikaner:innen beeinträchtigt, einschließlich einer rasch wachsenden Anzahl an Kindern. Die Epidemie ist in den letzten fünf Jahrzehnten in Umfang und Ausmaß gewachsen und führt heute dazu, dass täglich 850 Erwachsene und 250 Kinder als krank aus dem Verkehr gezogen werden. Und diese erschreckenden Zahlen lassen das wahre Ausmaß dieser modernen Plage nur erahnen, denn es handelt sich dabei nur um eine Zählung derjenigen, die so schwer erkrankt sind, dass ihre Familien oder Betreuer:innen seit Neuestem berechtigt sind, staatliche Unterstützungsleistungen für sie bei der Bundesregierung geltend zu machen.
Nun, hier ist das Rätsel.
Als Gesellschaft haben wir begriffen, dass die Psychiatrie in den letzten 50 Jahren große Fortschritte bei der Behandlung psychischer Störungen gemacht hat. Wissenschaftler:innen sind dabei, die biologischen Ursachen psychischer Störungen zu entdecken und Pharmaunternehmen haben eine Reihe wirksamer Medikamente für diese Erkrankungen entwickelt. Diese Geschichte wurde in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern erzählt und der Beweis dafür, dass wir als Gesellschaft daran glauben, zeigt sich in unserem Kauf- und Konsumverhalten. 2007 haben wir in den USA 25 Milliarden Dollar für Antidepressiva und Antipsychotika ausgegeben. Um diese Summe ins rechte Licht zu rücken: Das ist mehr als das Bruttoinlandsprodukt von Kamerun, einem Land mit 18 Millionen Einwohner:innen2.
1999 fasste der US-Surgeon General (Direktor des öffentlichen Gesundheitsdienstes) David Satcher diese Geschichte des wissenschaftlichen Fortschritts in einem 458-seitigen Bericht mit dem Titel MentalHealth zusammen. Die moderne Ära der Psychiatrie, erklärte er, habe 1954 begonnen. Bis dahin gab es in der Psychiatrie keine Behandlungen, die »verhindern konnten, dass Patient:innen chronisch krank wurden«. Doch dann sei Thorazine eingeführt worden. Dies sei das erste Medikament gewesen, das als spezifisches Gegenmittel für eine psychische Störung wirkte – es war ein antipsychotisches Medikament – und habe eine psychopharmakologische Revolution ausgelöst. Schon bald seien Antidepressiva und Mittel gegen Angstzustände entdeckt worden und infolgedessen verfügten wir heute über »eine Vielzahl von Behandlungen mit gut dokumentierter Wirksamkeit für eine Reihe von klar definierten psychischen Störungen und Verhaltensstörungen, die über die gesamte Lebensspanne hinweg auftreten«, schrieb Satcher3. Die Einführung von Prozac und anderen Psychopharmaka »zweiter Generation«, fügte der Direktor hinzu, sei durch Fortschritte in den Neurowissenschaften und in der Molekularbiologie vorangetrieben worden und ein Quantensprung in der Behandlung psychischer Störungen.4
Medizinstudierende in psychiatrischer Weiterbildung erfahren diese Geschichte in ihren Lehrbüchern und die Öffentlichkeit liest darüber in populären Berichten über das Fachgebiet. Thorazine, schrieb Edward Shorter, Professor an der Universität Toronto, in seinem 1997 erschienenen Buch A History OfPsychiatry, »leitete eine Revolution in der Psychiatrie ein, die vergleichbar mit der Einführung des Penicillins in der Allgemeinmedizin ist«.5 Dies war der Beginn der »Ära der Psychopharmakologie«, so dass wir heute wissenschaftlich sicher annehmen können, dass die Medikamente der psychiatrischen Hausapotheke nützlich sind. »Wir verfügen über sehr wirksame und sichere Behandlungen für ein breites Spektrum psychiatrischer Störungen«, teilte Richard Friedman, Direktor der Klinik für Psychopharmakologie am Weill Cornell Medical College, den Leser:innen der New York Times am 19. Juni 2007 mit.6 Drei Tage später schloss sich der Boston Globe in einem Leitartikel mit dem Titel »When Kids Need Meds« dieser Meinung an: »Die Entwicklung wirksamer Medikamente hat die Behandlung psychischer Störungen revolutioniert«.7
Psychiater:innen aus allen Ländern der Welt wissen das ebenfalls. Auf der 161. Jahrestagung der American Psychiatric Association (APA), die im Mai 2008 in Washington, D. C., stattfand, kam fast die Hälfte der 20.000 anwesenden Psychiater:innen aus dem Ausland. Die Gänge waren gefüllt mit Gesprächen über Schizophrenie, bipolare Störungen, Panikstörungen, Depressionen, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen und eine Vielzahl anderer Erkrankungen, die im Diagnostischen und Statistischen Manual psychischer Störungen (DSM) der APA beschrieben sind. Im Verlauf der fünf Tage wurde in der Mehrzahl der Vorträge, Workshops und Symposien über die Fortschritte auf diesem Gebiet berichtet. »Wir haben in Bezug auf das Verständnis psychiatrischer Störungen einen großen Schritt nach vorn gemacht und unser Wissen erweitert sich ständig«, sagte APA-Präsidentin Carolyn Robinowitz in ihrer Eröffnungsrede. »Unsere Arbeit rettet und verbessert so viele Leben«.8
Aber hier liegt das Problem. In Anbetracht dieses großen Versorgungsfortschritts wäre zu erwarten gewesen, dass die Anzahl an Personen mit psychischen Erkrankungen in den USA in den letzten 50 Jahren zurückgehe. Wir hätten auch erwarten können, dass die Anzahl psychisch erkrankter Personen seit der Einführung von Prozac und anderen Psychopharmaka zweiter Generation seit 1988 zurückgeht. Wir sollten einen zweistufigen Rückgang der Invaliditätsraten sehen. Stattdessen ist die Anzahl psychisch Erkrankter in den USA im Zuge der pharmakologischen Revolution sprunghaft angestiegen. Seit der Einführung von Prozac und anderer Psychopharmaka zweiter Generation hat sich dieser Anstieg sogar noch beschleunigt. Am meisten jedoch beunruhigt die Tatsache, dass sich diese neuzeitliche Plage nun auch auf die Kinder ausweitet.
Die Zahlen zu gesundheitlichen Behinderungen führen wiederum zu einer noch drängenderen Frage. Warum leiden heute so viele Amerikaner:innen, auch wenn sie nicht durch psychische Störungen erwerbsunfähig geworden sind, dennoch unter chronischen psychischen Erkrankungen wie wiederkehrenden Depressionen, bipolaren Symptomen und lähmenden Ängsten? Warum sind psychische Störungen zu einem immer größeren Gesundheitsproblem in den USA geworden, obwohl es wirksame Behandlungsmöglichkeiten für diese Störungen gibt?
Nun, ich verspreche, dass dies nicht nur ein Buch über Statistiken sein wird. Wir wollen mit diesem Buch ein Rätsel lösen. Es führt uns zu einer wissenschaftlichen und geschichtlichen Erkundung und schließlich zu einer Geschichte mit vielen überraschenden Wendungen. Unser Rätsel basiert auf eingehenden Analysen der staatlichen Statistiken, so dass wir zunächst die Zahl der Erwerbsunfähigen aufgrund psychischer Erkrankungen der letzten 50 Jahren prüfen werden, um sicherzugehen, dass wir es tatsächlich mit einer Epidemie zu tun haben.
1955 wurden aufgrund einer psychischen Störung beeinträchtigte Menschen in erster Linie in staatlichen und regionalen psychiatrischen Kliniken versorgt. Heutzutage erhalten sie in der Regel entweder ein Supplemental Security Income (SSI; vergleichbar einer staatlichen Sozialhilfe für Bedürftige mit Behinderung oder im Alter) oder eine Social Security Disability Insurance (SSDI; vergleichbar einer staatlichen Erwerbsunfähigkeitsrente). Viele leben in Wohnheimen oder in anderen subventionierten Wohnformen. Beide statistischen Angaben (SSI und SSDI) geben einen groben Überblick zur Anzahl von Menschen, die aufgrund einer psychischen Störung staatlich unterstützt werden.
1955 waren 566.000 Menschen in psychiatrischen Staats- oder Bezirkskliniken untergebracht. Allerdings hatten nur 355.000 die Diagnose einer psychischen Störung; die anderen litten an Alkoholismus, syphilisbedingter Demenz, Alzheimer und geistigen Beeinträchtigungen – eine Bevölkerungsgruppe, die bei der Aufzählung psychisch Erkrankter heute nicht mehr auftauchen würde.9 Somit war 1955 eine:r von 468 Amerikaner:innen aufgrund einer psychischen Störung in einem Krankenhaus untergebracht. 1987 waren es 1,25 Millionen Menschen, d. h. eine:r von 184 Amerikaner:innen, der oder die aufgrund einer psychischen Beeinträchtigung eine SSI- oder SSDI-Leistung erhielten.
Tab. 1.1: Hospitalisierte psychisch Erkrankte 1955. Obwohl 1955 insgesamt 558.922 Patient:innen in staatlichen psychiatrischen Landeskliniken untergebracht waren, litten nur 355.000 von ihnen an einer psychischen Störung. Die anderen 200.000 waren ältere Patient:innen, die an Demenz, Syphilis im Endstadium, Alkoholismus, geistiger Beeinträchtigung und verschiedenen neurologischen Syndromen litten. Quelle: Silverman, C., The Epidemiology of Depression (1968): 139.
Ersteinweisungen
Stationäre Patient:innen
Psychotische Störungen
Schizophrenie
Manisch-depressiv
Andere
28.482
9.679
1.387
267.603
50.937
14.734
Psychoneurose (Angst)
6.549
5.425
Persönlichkeitsstörungen
8.730
9.739
Alle anderen
6.497
6.966
Nun ließe sich einwenden, dass dies ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen sei. Im Jahr 1955 könnte die gesellschaftliche Tabuisierung psychischer Störungen zu einer Zurückhaltung bei der Inanspruchnahme einer Behandlung und folglich zu niedrigen Hospitalisierungsraten geführt haben. Ebenfalls wäre möglich, dass eine Person 1955 kränker sein musste, um in ein Krankenhaus eingewiesen zu werden und eine SSI- oder SSDI-Leistung zu erhalten als 1987, und deshalb die Erwerbsunfähigkeitsrate von 1987 so viel höher ist. Es ließe sich aber auch anders argumentieren. Die Angaben der SSI- und SSDI-Leistungen geben nur Aufschluss über psychisch Erkrankte unter 65 Jahren, während 1955 in den psychiatrischen Kliniken mehr ältere Patient:innen mit Schizophrenie untergebracht wurden. Außerdem gab es 1987 mehr psychisch Kranke, die obdachlos waren oder im Gefängnis saßen als 1955. Diese Bevölkerungsgruppen wurden in den Berechnungen nicht erfasst. Der Vergleich ist nicht perfekt, aber er ist der beste, den wir haben, um den Anteil der Menschen mit Behinderung zwischen 1955 und 1987 zu vergleichen.
Zum Glück vergleichen wir seit 1987 Äpfel mit Äpfeln, also ausschließlich SSI- und SSDI-Statistiken. Die Food and Drug Administration (FDA; Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde) genehmigte Prozac im Jahr 1987 und in den folgenden zwei Jahrzehnten stieg die Zahl der psychisch erkrankten Personen nach SSI- und SSDI-Statistiken auf 3,97 Millionen.10 Im Jahr 2007 lag die Erwerbsunfähigkeitsrate bei einer:m von 76 Amerikaner:innen. Das ist doppelt so hoch wie 1987 und die sechsfache Rate von 1955. Der Vergleich von Äpfeln mit Äpfeln zeigt, dass hier etwas nicht stimmt.
Wenn wir die Daten noch genauer anschauen, stoßen wir auf ein zweites Rätsel. Im Jahr 1955 litten nicht viele Menschen an schweren Depressionen oder bipolaren Störungen. In den staatlichen psychiatrischen Landeskliniken waren insgesamt nur 50.937 Menschen mit der Diagnose einer affektiven Störung untergebracht.11 Doch in den 1990er Jahren tauchten immer mehr Menschen mit Depressionen und bipolaren Störungen in den SSI- und SSDI-Statistiken auf und heute erhalten schätzungsweise 1,4 Millionen Menschen im Alter von 18 bis 64 Jahren staatliche Zahlungen aufgrund von Behinderungen durch affektive Störungen.12 Und dieser Trend beschleunigt sich: Laut dem Bericht des US-amerikanischen Rechnungshofs (General Accountability Office; GAO) von 2008 wurden bei 46 % der jungen Erwachsenen (18 bis 26 Jahren), die 2006 eine SSI- oder SSDI-Leistung aufgrund psychischer Störungen erhielten, affektive Störungen diagnostiziert (und weitere 8 % waren aufgrund einer »Angststörung« entsprechend beeinträchtigt).13
Diese Epidemie psychischer Störungen hat sich auch auf unsere Kinder ausgeweitet. 1987 erhielten 16.200 Kinder unter 18 Jahren eine SSI-Leistung aufgrund schwerer psychischer Störungen. Diese Kinder machten 5,5 % der 293.000 Kinder auf den SSI-Listen aus – psychische Erkrankungen waren zu diesem Zeitpunkt nicht die Hauptursache für Behinderungen bei Kindern in den USA. Doch seit 1990 stieg die Zahl psychisch kranker Kinder dramatisch an und Ende 2007 erhielten 561.569 Kinder SSI-Leistungen. Innerhalb von 20 Jahren hatte sich die Zahl psychisch kranker Kinder verfünfunddreißigfacht. Psychische Störungen sind heute die häufigste Ursache für Behinderungen im Kindesalter und auf diese Gruppe entfiel 2007 die Hälfte der SSI-Leistungen an Kinder.14
Diese rätselhafte Kinder-Epidemie zeigt sich besonders deutlich in den SSI-Statistiken von 1996 bis 2007. Während sich die Zahl der Kinder mit einer psychischen Störung in diesem Zeitraum mehr als verdoppelte, ging die Anzahl Kinder, die aus allen anderen Gründen – Krebs, geistige Beeinträchtigungen usw. – SSI-Leistungen erhielten, von 728.110 auf 559.448 zurück. Die nationale Ärzt:innenschaft machte offenbar Fortschritte bei der Behandlung all dieser anderen Krankheiten, nicht aber bei psychischen Störungen.
Abb. 1.1: SSI- und SSDI-Empfänger:innen unter 65 Jahren, 1987–2007. Beeinträchtigungen aufgrund psychischer Störungen in der Prozac-Ära. Eine:r von sechs SSDI-Empfänger:innen erhält ebenfalls SSI-Leistungen. Die Gesamtzahl der Empfänger:innen ist somit geringer als die Summe der SSI- und SSDI-Zahlen. Quelle: Social Security Administration Reports, 1987–2007.
Das Rätsel lässt sich nun präzise darlegen. Einerseits wissen wir, dass Psychopharmaka vielen Menschen helfen können. Wir wissen, dass viele Menschen mit diesen Medikamenten gut stabilisiert werden und persönlich bezeugen, dass die Medikamente ihnen zu einem normalen Leben verholfen haben. Wie Satcher in seinem Bericht von 1999 feststellte, belegt die wissenschaftliche Literatur, dass psychiatrische Medikamente zumindest kurzfristig »wirksam« sind. Psychiater:innen und andere Ärzt:innen, die diese Medikamente verschreiben, bestätigen diese Tatsache und viele Eltern von Kindern, die Psychopharmaka einnehmen, schwören ebenfalls auf diese Medikamente. All dies führt zu einem starken Konsens: Psychopharmaka wirken und helfen den Menschen, ein relativ normales Leben zu führen. Und doch stehen wir andererseits gleichzeitig vor diesen beunruhigenden Tatsachen: Die Anzahl psychisch kranker Menschen ist seit 1955 drastisch gestiegen und in den letzten beiden Jahrzehnten, als die Verschreibung von Psychopharmaka explodierte, ist die Anzahl Erwachsener und Kinder, die aufgrund einer psychischen Störung behindert sind, in atemberaubendem Tempo gestiegen. Dies führt uns zu einer offensichtlichen Frage, auch wenn sie ketzerisch ist: Könnte unser medikamentengestütztes Behandlungsparadigma auf unvorhersehbare Weise diese moderne Epidemie anheizen?
Ich hoffe, dass Anatomie einer Epidemie zur Untersuchung dieser Frage beiträgt. Es liegt auf der Hand, wonach wir suchen müssen, wenn wir dieses Rätsel lösen wollen. Wir müssen die Wissenschaftsgeschichte der letzten 55 Jahre rekonstruieren, aus der die Forschung hervorgeht, die alle Aspekte unseres Rätsels erklären kann. Die Geschichte muss zeigen, warum die Zahl psychisch Kranker dramatisch zugenommen hat. Sie muss erklären, warum affektive Störungen heute so viel häufiger sind als noch vor 50 Jahren und sie muss erklären, warum so viele Kinder heute von schweren psychischen Störungen betroffen sind. Und wenn wir dieser Geschichte nachgehen, können wir erklären, was verborgen und unbekannt geblieben ist.
Es liegt auch auf der Hand, was hier auf dem Spiel steht. Die Zahl der Erwerbsunfähigen lässt nur erahnen, welchen außerordentlichen Tribut psychische Störungen in unserer Gesellschaft fordern. Das GAO kam im Juni 2008 zu dem Schluss, dass heutzutage eine:r von 16 jungen Erwachsenen in den Vereinigten Staaten »schwer psychisch krank« ist. Noch nie hat eine Gesellschaft eine solche Epidemie psychischer Störungen bei ihren jungen Erwachsenen erlebt und diejenigen, die in diesem jungen Alter SSI- und SSDI-Leistungen erhalten, werden wahrscheinlich den Rest ihres Lebens Invaliditätszahlungen bekommen. Ein 20-Jähriger, der SSI- oder SSDI-Leistungen bezieht, wird in den nächsten 40 Jahren mehr als eine Million Dollar an Leistungen erhalten. Das sind Kosten, die sich unsere Gesellschaft nicht leisten kann, sollte diese Epidemie sich weiter ausbreiten.
Es gibt noch einen anderen, subtileren Aspekt dieser Epidemie. In den letzten 25 Jahren hat die Psychiatrie unsere Gesellschaft tiefgreifend umgestaltet. Mit ihrem Diagnostischen und Statistischen Manual psychischer Störungen (DSM) zieht die Psychiatrie eine Grenze zwischen dem, was »normal« ist, und dem, was »nicht normal« ist. Unser gesellschaftliches Verständnis des menschlichen Verstands, das sich in der Vergangenheit aus einer Vielzahl von Quellen (berühmte literarische Werke, wissenschaftliche Untersuchungen, philosophische und religiöse Schriften) speiste, wird nun durch das DSM gefiltert. Tatsächlich haben die Geschichten, die die Psychiatrie über »chemische Ungleichgewichte« im Gehirn erzählt, unser Verständnis davon, wie der menschliche Verstand funktioniert, umgestaltet und unsere Vorstellungen vom freien Willen in Frage gestellt. Sind wir wirklich die Gefangenen unserer Neurotransmitter? Vor allem aber sind unsere Kinder die ersten in der Geschichte der Menschheit, die unter dem ständigen Schatten einer »mentalen Krankheit« aufwachsen. Vor nicht allzu langer Zeit bestand der Schulhof aus Faulenzern, Klassenclowns, Rabauken, Strebern, Schüchternen, Lieblingen von Lehrkräften und jeder Menge anderer erkennbarer Typen, die alle mehr oder weniger normal waren. Niemand wusste wirklich, was er:sie als Erwachsene:r von diesen Kindern zu erwarten hatte. Das war ein Teil der herrlichen Ungewissheit des Lebens – der Faulenzer aus der fünften Klasse konnte beim 20-jährigen Klassentreffen als wohlhabender Unternehmer auftauchen, das schüchterne Mädchen als erfolgreiche Schauspielerin. Doch heute bevölkern Kinder, bei denen psychische Störungen diagnostiziert wurden – vor allem ADHS, Depressionen und bipolare Erkrankungen – den Schulhof. Diesen Kindern wurde gesagt, dass mit ihrem Gehirn etwas nicht stimmt und dass sie möglicherweise für den Rest ihres Lebens psychiatrische Medikamente einnehmen werden müssen, so wie ein:e »Diabetiker:in Insulin nimmt«. Dieses medizinische Diktum erteilt allen Kindern auf dem Spielplatz eine Lektion über die menschliche Natur und diese Lektion unterscheidet sich radikal von dem, was den Kindern früher beigebracht wurde.
Bei dieser Untersuchung geht es also um Folgendes: Wenn die herkömmliche Geschichte stimmt und die Psychiatrie tatsächlich große Fortschritte bei der Identifikation biologischer Ursachen psychischer Störungen und der Entwicklung wirksamer Behandlungen für diese Krankheiten gemacht hat, dann können wir zu dem Schluss kommen, dass die Umgestaltung unserer Gesellschaft durch die Psychiatrie zum Guten geführt hat. So schlimm die Epidemie psychischer Erkrankungen mit schwerwiegenden Beeinträchtigungen auch sein mag, so kann man doch davon ausgehen, dass ohne diese Fortschritte in der Psychiatrie die Situation noch viel schlimmer wäre. Die wissenschaftliche Literatur wird zeigen, dass Millionen von Kindern und Erwachsenen durch psychiatrische Medikamente geholfen wird und diese ihr Leben bereichern und erfüllen, wie die APA-Präsidentin Carolyn Robinowitz in ihrer Rede auf dem APA-Kongress 2008 sagte. Aber wenn wir eine andere Geschichte aufdecken – eine Geschichte, die zeigt, dass die biologischen Ursachen psychischer Störungen noch nicht ausreichend erforscht sind und dass Psychopharmaka in Wirklichkeit die Epidemie psychischer Störungen anheizen – was dann? Dann werden wir eine Geschichte dokumentieren, die von einer Gesellschaft erzählt, die auf schreckliche Weise in die Irre geführt und, man könnte sogar sagen, betrogen wurde.
Und falls dies der Fall ist, werden wir uns im letzten Teil dieses Buches damit beschäftigen, was wir als Gesellschaft tun können, um eine andere Zukunft zu gestalten.
Wenn wir das Streben nach Wissen schätzen, müssen wir so frei sein, dieser Suche zu folgen, wohin sie uns auch führen mag.
Adlai Stevenson (1952)1
Das McLean-Hospital in Belmont, Massachusetts, ist eine der ältesten Psychiatrien in den Vereinigten Staaten. Es wurde 1817 gegründet, als die Moraltherapie durch die Quäker verbreitet wurde. Diese waren der Meinung, dass ein Zufluchtsort für psychisch Erkrankte in einer idyllischen Umgebung geschaffen werden sollte. Noch heute wirkt der McLean-Campus mit seinen schönen Backsteingebäuden und schattigen Wiesen wie eine Oase. An einem Abend im August 2008, an dem ich an einer der Sitzungen der Depression and Bipolar Support Alliance (DBSA) teilnahm, wurde dieses Gefühl der Ruhe durch das Wetter noch verstärkt. Es war einer der schönsten Abende dieses Sommers und als ich mich der Cafeteria näherte, in der das Treffen stattfinden sollte, rechnete ich mit nur wenigen Teilnehmer:innen. Es war einfach ein zu schöner Abend, um sich drinnen aufzuhalten. Das Treffen war für Menschen aus der örtlichen Kommune und sie mussten ihre Häuser und Wohnungen dafür verlassen. Da sich die Gruppe in McLean außerdem fünfmal pro Woche traf – für ein Nachmittagstreffen jeden Montag, Donnerstag, Freitag und Samstag sowie ein Abendtreffen jeden Mittwoch – nahm ich an, dass die meisten dieses Treffen auslassen würden.
Ich lag falsch.
Etwa 100 Menschen waren in der Cafeteria versammelt, eine Szene, die in gewisser Weise Zeugnis der Epidemie psychischer Erkrankungen war, die in den letzten 20 Jahren in unserem Land ausgebrochen ist. Die Depression and Bipolar Support Alliance (DBSA) wurde 1985 gegründet (ursprünglich unter dem Namen Depressive and Manic Depressive Association). Die Gruppe im McLean wurde kurz darauf ins Leben gerufen. Heute hat die Organisation fast 1.000 Gruppen im ganzen Land. Es gibt allein sieben solcher Gruppen im Großraum Boston und die meisten – wie die Gruppe, die sich im McLean trifft – bieten Menschen die Möglichkeit, sich mehrmals pro Woche auszutauschen. Die DBSA entwickelte sich im Gleichschritt mit der Epidemie.
Die erste Stunde des Treffens war einem Vortrag über »Flotationstherapie« gewidmet. Auf den ersten Blick war das Publikum nicht wirklich als Patient:innengruppe identifizierbar – zumindest nicht für einen Außenstehenden wie mich. Die Anwesenden unterschieden sich sehr in ihrem Alter, die Jüngsten waren in ihren späten Teenagerjahren und die Ältesten in ihren Sechzigern. Die Frauen waren in der Überzahl – dieses Geschlechtergefälle war zu erwarten, da Frauen häufiger von Depressionen betroffen sind. Die meisten der Zuhörenden waren weiß, vielleicht weil Belmont eine wohlhabende Stadt ist. Vielleicht war das einzig verräterische Zeichen dafür, dass es sich um ein Treffen für Menschen mit psychischen Erkrankungen handelte, dass einige von ihnen übergewichtig waren. Personen, bei denen eine bipolare Störung diagnostiziert wurde, wird meist ein atypisches Antipsychotikum wie Zyprexa verschrieben und diese Medikamente führen häufig zu Gewichtszunahme.
Nach dem Vortrag zählte Steve Lappen, einer der Leiter der DBSA in Boston, die verschiedenen Gruppen auf, die sich nun treffen würden. Es gab eine für »Neuankömmlinge«, eine andere für »Familie und Freunde«, eine dritte für »junge Erwachsene«, eine vierte zur »Erhaltung der Stabilität« und so weiter bis zur letzten der acht Möglichkeiten, einer »Beobachtungsgruppe«, die Steve für mich organisiert hatte.
Es waren neun Personen in unserer Gruppe (außer mir) und zur Einführung sprach jede:r kurz darüber, wie es ihm oder ihr in letzter Zeit ergangen war. »Ich habe eine schwere Zeit hinter mir«, war eine gängige Mitteilung – und jede:r berichtete kurz von seiner oder ihrer jeweiligen Diagnose. Der Mann zu meiner Rechten war ein ehemaliger leitender Angestellter, der seinen Job aufgrund seiner wiederkehrenden Depressionen verloren hatte. Solche Lebensgeschichten waren überall im Raum zu hören. Eine jüngere Frau erzählte von einer problematischen Ehe mit einem chinesischen Mann, der aufgrund seiner kulturellen Herkunft nicht gern über psychische Krankheiten sprechen wollte. Nach ihr sprach ein ehemaliger Staatsanwalt darüber, dass er vor zwei Jahren seine Frau verloren hatte und seitdem »nicht mehr weiß, wer ich bin.« Eine Frau, außerordentliche Professorin an einem College der Gegend, erzählte, wie schwierig ihre Arbeit im Moment sei; und eine Krankenschwester, die kürzlich wegen Depressionen ins McLean-Krankenhaus eingeliefert worden war, berichtete, was sie hergebracht hatte: der Stress durch die Pflege ihres kranken Vaters, durch ihren Job und aufgrund einer jahrelangen Beziehung mit einem »gewalttätigen Ehemann«.
Der einzige heitere Moment in dieser Vorstellungsrunde kam von dem ältesten Mitglied der Gruppe. Ihm ging es in letzter Zeit ziemlich gut und seine Erklärung für sein relatives Glück war eine, die George Costanza aus der Sitcom Seinfeld zu schätzen gewusst hätte: »Normalerweise ist der Sommer eine schwierige Zeit für mich, weil alle so glücklich scheinen. Aber mit all dem Regen, den wir hatten, war das diesen Sommer nicht so sehr der Fall«, sagte er.
Im Laufe der nächsten Stunde wechselte das Gespräch von einem Thema zum anderen. Es gab eine Diskussion über das Stigma, dem psychisch Erkrankte in unserer Gesellschaft, insbesondere am Arbeitsplatz, ausgesetzt sind und auch darüber, wie Familie und Freunde nach einer gewissen Zeit ihre Empathie verlieren. Dies war der Hauptgrund, warum viele in der Gruppe gekommen waren – sie empfanden das gegenseitige Verständnis als hilfreich. Das Thema Medikamente kam auf, zu dem sich sowohl die Meinungen als auch die Erfahrungen unterschieden. Der ehemalige Manager, der immer noch regelmäßig an Depressionen litt, sagte, dass seine Medikamente »Wunder« bewirkten und dass seine größte Angst sei, dass sie »aufhören würden zu wirken«. Andere berichteten, sie hätten ein Medikament nach dem anderen ausprobiert, bevor eines eine gewisse Linderung gebracht hätte. Steve Lappen sagte, Medikamente hätten bei ihm nie geholfen, während Dennis Hagler, der andere DBSA-Leiter der Gruppe (und ebenfalls einverstanden, namentlich genannt zu werden), sagte, dass eine hohe Dosis eines Antidepressivums sein Leben grundlegend verändert habe. Die Krankenschwester berichtete, dass sie während ihres letzten Krankenhausaufenthalts sehr schlecht auf Antidepressiva angesprochen habe.
»Ich hatte eine allergische Reaktion auf fünf verschiedene Medikamente«, sagte sie. »Ich versuche es jetzt mit einem der neuen Atypika [Antipsychotika]. Ich hoffe, dass das funktioniert.«
Nach den Gruppensitzungen versammelten sich die Teilnehmenden in der Cafeteria in Zweier- und Dreiergrüppchen und tauschten Smalltalk aus. Das war ein angenehmer Moment; es herrschte ein Gefühl der sozialen Wärme. Es war deutlich, dass der Abend die Stimmung bei vielen gehoben hatte. Alles war so gewöhnlich, dass es auch der Abschluss einer Elternbeiratssitzung oder einer Kirchenveranstaltung hätte sein können, und als ich zum Auto ging, war es diese Alltäglichkeit, die mir am meisten auffiel. In der Beobachtungsgruppe waren ein Geschäftsmann, ein Ingenieur, ein Historiker, ein Anwalt, eine Hochschulprofessorin, ein Sozialarbeiter und eine Krankenschwester (die beiden anderen in der Gruppe hatten nicht über ihren Beruf gesprochen). Doch soweit ich das einschätzen konnte, war nur die College-Professorin derzeit berufstätig. Und das war das Rätsel: Die Leute in der Gruppe waren alle gut gebildet und nahmen alle Psychopharmaka ein und dennoch waren viele von anhaltenden Depressionen und bipolaren Symptomen so geplagt, dass sie nicht arbeiten konnten.
Zuvor hatte Steve mir erzählt, dass etwa die Hälfte der DBSA-Mitglieder entweder eine SSI- oder SSDI-Leistung erhielten, weil sie in den Augen der Regierung durch ihre psychische Krankheit erwerbsunfähig seien. Dieser Patient:innentyp sorgte in den letzten 15 Jahren für den Anstieg der SSI- und SSDI-Erwerbsunfähigkeit. Zugleich wuchs die DBSA in dieser Zeit zur größten Organisation für psychisch Kranke im ganzen Land heran. Die Psychiatrie hat drei Klassen von Medikamenten zur Behandlung von affektiven Störungen – Antidepressiva, Stimmungsstabilisatoren und atypische Antipsychotika –, trotzdem, aus welchen Gründen auch immer, taucht eine immer größere Anzahl Menschen bei den DBSA-Treffen im ganzen Land auf und erzählt von ihren anhaltenden Problemen mit Depression, Manie oder beidem.
Persönliche Geschichten von Patient:innen, bei denen eine Krankheit diagnostiziert wurde, sind als »Fallstudien« bekannt. Diese anekdotischen Berichte können zwar einen Einblick in eine Krankheit und deren Behandlung geben, beweisen aber nicht, dass eine Behandlung funktioniert. Das können nur wissenschaftliche Studien, die Ergebnisse im Ganzen betrachten und selbst dann ist das Bild, das sich daraus ergibt, oft sehr ungenau. Der Grund dafür, dass anekdotische Berichte einen solchen Beweis nicht liefern können, ist, dass Menschen sehr unterschiedlich auf medizinische Behandlungen reagieren können und das gilt insbesondere für den Bereich der Psychiatrie. Sie werden Menschen finden, die beteuern, wie sehr ihnen psychiatrische Medikamente geholfen haben, Sie finden aber auch Menschen, die erzählen, wie Medikamente ihr Leben ruiniert haben; und es gibt Menschen – und das ist, meiner Erfahrung nach, die Mehrheit – die nicht wissen, was sie darüber denken sollen. Sie können sich nicht recht entscheiden, ob die Medikamente ihnen geholfen haben oder nicht. Trotzdem, wenn wir uns daran machen, das Rätsel einer modernen Epidemie erwerbsunfähig machender psychischer Erkrankungen in den Vereinigten Staaten von Amerika zu lösen, können uns anekdotische Berichte helfen, um Fragen zu identifizieren, die wir dann auf Basis der wissenschaftlichen Literatur beantworten wollen.
Hier sind vier solcher Lebensgeschichten.
Ich lernte Cathy Levin 2004 kennen, nicht allzu lange nachdem ich mein erstes Buch über Psychiatrie, Mad in America, veröffentlicht hatte. Ich bewunderte sofort ihre kämpferische Art. Der letzte Teil von Mad in America untersucht, ob antipsychotische Medikamente den langfristigen Verlauf einer Schizophrenie auch verschlimmern können (ein Thema, das in Kapitel 6 dieses Buches behandelt wird) und Cathy wandte sich in gewisser Weise gegen diese Argumentation. Obwohl bei ihr ursprünglich (1978) eine bipolare Störung diagnostiziert wurde, wurde die Diagnose später in »schizoaffektiv« geändert. Sie war ihrer eigenen Einschätzung nach durch ein atypisches Antipsychotikum »gerettet« worden: Risperdal. Die Geschichte, die ich in Mad inAmerica erzählt hatte, bedrohte ihre persönlichen Erfahrungen und sie rief mich mehrmals an, um mir darzulegen, wie hilfreich dieses Medikament für sie gewesen sei.
Cathy wurde 1960 in einem Vorort von Boston geboren und wuchs in einer Welt auf, die sie als »männerdominiert« erinnert. Ihr Vater, ein Professor an einem College im Raum Boston, war ein Veteran des Zweiten Weltkriegs und ihre Mutter, die Hausfrau war, sah in solchen Männern das »Rückgrat der sozialen Gesellschaft«. Ihre beiden älteren Brüder, so erinnert sie sich, »tyrannisierten sie« und bei mehr als einer Gelegenheit, als sie noch sehr jung war, wurde sie von mehreren Jungen aus ihrer Nachbarschaft belästigt. »Ich weinte ständig, als ich ein Kind war«, sagt sie. Oft gab sie vor, krank zu sein, um nicht in die Schule gehen zu müssen und zog es vor, ihre Tage Bücher lesend allein in ihrem Zimmer zu verbringen.
Obwohl sie in der Highschool akademisch gut abschnitt, war sie »ein schwieriger Teenager, feindselig, wütend, zurückgezogen«. Während ihres zweiten Jahres im College, in Earlham in Richmond, Indiana, verschlimmerten sich ihre Probleme. Sie begann, mit den jungen Männern des Footballteams zu feiern, begierig, wie sie sagt, »Sex zu haben«, aber gleichzeitig besorgt darüber, ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. »Ich war verwirrt darüber, mit einem Mann zusammen zu sein. Ich ging auf zu viele Partys und konnte mich nicht mehr auf mein Studium konzentrieren. Ich fing an, das College zu schwänzen.«
