Prof. Dr. Eni Becker lehrt Klinische Psychologie an der Radboud Univ. Nijmegen, Niederlande.
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Einführung
Angst ist ein Gefühl, das jeder von uns kennt – und doch würden die meisten von uns
gerne auf diese Bekanntschaft verzichten. Angststörungen sind die am häufigsten vorkommenden
psychischen Störungen. Die Betroffenen kämpfen oft viele Jahre, und manchmal vergeblich,
gegen ihre Ängste an. Der große Hilfsbedarf kommt auch in der hohen Zahl der Verschreibungen
von → Anxiolytika zum Ausdruck. Angststörungen werden häufig von Abhängigkeitsproblemen
und Depressionen begleitet und führen zu einem deutlichen Verlust an Lebensqualität.
Die Kosten für das Gesundheitssystem sind enorm, und das persönliche Leid ist immens.
Patienten würden oft alles dafür geben, um von ihren Ängsten befreit zu werden.
Doch könnten wir ohne Angst leben? Grundsätzlich ist Angst eine biologisch sinnvolle
Reaktion mit hohem Überlebenswert. Sie dient der Signalisierung und Vermeidung von
Gefahr. Nicht nur Menschen, sondern auch Tiere kennen Angst und zeigen dabei ganz
ähnliche körperliche Symptome wie Menschen. Eine so universale Emotion muss also einen
Nutzen haben. Ohne Angst würden wir wahrscheinlich nicht lange leben, schnell hätte
ein Auto uns erfasst oder anderes Unglück uns ereilt. Außerdem kann Angst der Motivation
dienen. So kann sie uns beispielsweise dazu bringen, vor Prüfungen das ausreichende
Pensum zu lernen.
Da Angst in so vielfältigen Situationen auftritt und sich hinter vielen verschiedenen
Masken verbergen kann, ist es häufig schwer, sie klar zu definieren. Es gibt eine
heftige wissenschaftliche Diskussion, ob der Begriff „Angst“ überhaupt sinnvoll ist
(z. B. Hallam, 1985). Obwohl jeder das Gefühl der Angst kennt, ist es dennoch schwierig,
sich zu einigen, was genau mit dem Begriff gemeint ist. Es besteht Übereinstimmung,
dass es sich bei Angst um eine unangenehme Emotion handelt, und dass sie mit erhöhter
Erregung einhergeht. Doch selbst hinter dieser, scheinbar allgemeingültigen Definition,
verbergen sich Widersprüche. Wenn Angst so unangenehm ist, warum sind dann Achterbahnen
oder Horrorfilme so beliebt? Und auch die erhöhte Erregung kommt nicht immer bei Angst
oder sogar bei Angststörungen vor. Doch wie äußert sich Angst? Gemeinhin wird sie
auf vier verschiedenen Ebenen beschrieben:
• subjektive Ebene: Gefühle, subjektives Empfinden,
• kognitive Ebene: Gedanken und kognitive Symptome,
• physiologische Ebene: körperliche Vorgänge, Hormonausschüttungen,
• motorische Ebene: motorisches Verhalten
Grundsätzlich müssen nicht auf allen vier Ebenen Veränderungen spürbar sein, um von
Angst sprechen zu können. Somit können auch nur Gedanken und Gefühle von Angst auftreten,
ohne dass es zu einer spürbar körperlichen Reaktion kommt oder gar zu motorischen
Verhalten. Oft gehen jedoch die Veränderungen auf den verschiedenen Ebenen miteinander
einher.
Angst als Vorbereitung auf Gefahren
Evolutionsgeschichtlich betrachtet bereitet Angst uns auf eine Gefahr vor, d. h. man
stellt sich auf Flucht oder Kampf ein. Die physiologischen Prozesse sollen eine schnelle
Reaktion ermöglichen, wie z. B. zu fliehen oder zu kämpfen. Bei Angst erhöht sich
der Herzschlag, die peripheren Blutgefäße verengen sich, der Blutdruck steigt. Die
Muskeln werden nun besonders gut mit Blut versorgt, um schnelles Laufen oder Kampf
zu ermöglichen. Die Atmung beschleunigt sich, so dass der Organismus ausreichend mit
Sauerstoff versorgt wird. Die Pupillen erweitern sich, um das Sehen zu verbessern.
All diese physiologischen Veränderungen dienen der kurzzeitigen Aktivierung des Organismus
in einer lebensbedrohlichen Situation.
In unserem heutigen Alltag aber sind wir solchen Situationen meistens nicht mehr ausgesetzt.
Statt mit einem Tiger kämpfen wir z. B. damit, eine Rede halten zu müssen. Hier hilft
uns die körperliche Reaktion auf Kampf oder Flucht nicht, im Gegenteil, sie kann hinderlich
werden. Dass wir schwitzen, unser Herz rast und uns die Hände zittern, stört unsere
Konzentration und verstärkt das Gefühl der Angst noch. Für manche ist dies der Beginn
des Teufelskreises der Angst. Die erlebte Angst ist nicht mehr funktional, und es
kann sich eine Angststörung entwickeln.
Angst als Motor des Denkens?
Was ist also in der heutigen Zeit der Nutzen der Angst? Die Meinungen gehen hier stark
auseinander: Viele denken, dass Angst uns schützt, andere argumentieren, dass unsere
Fähigkeit, uns anzupassen und für die Zukunft zu planen, gerade von der Angst erst
ermöglicht wird. Sie meinen, dass Angst die Wurzel des Menschseins an sich ist. Die
Rolle der Angst geht damit weit über einen Überlebensmechanismus hinaus. Ihr kommt
eine umfassende Aufgabe verbunden mit dem Denken zu. Diese Verbindung wurde in den
1980er Jahren aufgegriffen und plötzlich sehr aktuell. Mit den Kognitiven Therapien
wurden neue erfolgreiche Behandlungen für die Angststörungen gefunden. Gleichzeitig
brachte die kognitive Psychologie unser Verständnis für den Zusammenhang zwischen
Emotionen und Kognitionen vorwärts. Nie war diese Verbindung so fruchtbar wie im Bereich
der Angstforschung. Angst beinhaltet das Zusammenspiel von Aufmerksamkeit, Wahrnehmung,
Schlussfolgern und Gedächtnis auf einzigartige Weise. Viele dieser Prozesse finden
statt, ohne dass sie uns bewusst werden, aber beeinflussen unser Verhalten dennoch
stark.
Bezüglich der Behandlung der Angststörungen werden interessante und neue Ansätze entwickelt,
welche teilweise direkt aus der kognitiven Forschung entstanden sind. Diese neuen
Ideen führen dazu, dass sich unsere Sicht auf die Psychopathologie und die Therapie
verändert. Angst ist somit aus wissenschaftlicher Sicht eines der zentralen Forschungsgebiete
und aus gesellschaftlicher Sicht immer noch eines unserer größten Probleme.
Angst, Furcht und Ängstlichkeit
Die Definition der Angst fällt nicht leicht. Hinzu kommt, dass es eine verwirrende
Vielzahl von Begriffen gibt, die oft synonym verwendet werden, aber streng genommen
unterschieden werden müssen. Hierzu soll vor allem auf „Angst“ (→ anxiety), „Furcht“
(→ fear) und „Ängstlichkeit“ (→ trait anxiety) eingegangen werden.
Definition
Unter Angst wird ein Zustand verstanden, der mit einem negativen Gefühl der Anspannung
einhergeht und sich auf eine Bedrohung in der Zukunft richtet. Die Art der Bedrohung
bleibt aber im Allgemeinen eher vage. Der Begriff → Furcht dagegen ist reserviert für eine starke emotionale Reaktion auf eine wahrgenommene,
tatsächliche Bedrohung. Diese Bedrohung ist definierbar, wie z. B. eine giftige Schlange.
Furchtreaktionen sind meistens sehr intensiv, die physiologische Erregung sehr stark.
Furcht hat somit einen Fokus. Normalerweise bedeutet das auch, dass die Furchtreaktion
schnell auftritt, dann aber auch relativ schnell wieder abklingt, sobald die Bedrohung
vorbei ist. Bei Angst dagegen ist der Fokus sehr verschwommen. Dadurch dauert die
Angst auch viel länger an, ist aber weniger stark ausgeprägt in ihrer physiologischen
Reaktion. Angst wird eher im Zusammenhang mit einem Zustand der → Vigilanz gesehen,
einer ständigen Wachsamkeit, während Furcht mit einer Alarmreaktion einhergeht.
Neben der Unterscheidung zwischen Angst und Furcht besteht parallel auch noch die
Unterscheidung zwischen Angst und → Ängstlichkeit. Spätestens seit Spielberger (1966)
wird unterschieden zwischen Angst als Zustand („→ state anxiety“, Zustandsangst),
und Ängstlichkeit als relativ stabiler Bewertungs- und Verhaltensdisposition bzw.
als Persönlichkeitskonstrukt („→ trait anxiety“).
Definition
Aufgrund seiner Fragebogenstudien beschreibt Spielberger (1966) Zustandsangst als
die von einer Erregung des autonomen Nervensystems begleitete subjektive Wahrnehmung
von Gefühlen der Besorgnis und Spannung. → Ängstlichkeit wird dagegen als Prädisposition verstanden, die die Person veranlasst,
eine Vielzahl von Situationen als bedrohlich zu erleben, und dabei mit Zustandsangst
zu reagieren.
Die Abgrenzbarkeit der beiden Angstkonzepte ist durch eine große Anzahl von Untersuchungen
belegt. Theorien zu Zustandsangst und Ängstlichkeit (z. B. Freud, 1895, Eysenck, 1992,
Gray, 1971) sind ein wichtiger Bestandteil der Erforschung von Angst und Angststörungen.
Aber wie passt das nun zu den parallelen Konzepten der Angst und Furcht (abgesehen
davon, dass alle diese Begriffe sowohl umgangssprachlich
als auch in Lehrbüchern häufig ohne große Unterscheidung gebraucht werden)? Ängstlichkeit
ist eine Persönlichkeitseigenschaft und kann somit ein Leben lang andauern. Es ist
eine → Prädisposition, in den verschiedensten Situationen leichter mit Angst zu reagieren.
Angst hingegen ist das anhaltende Gefühl einer diffusen Gefahr. Furcht wiederum wird
durch eine identifizierbare Bedrohung ausgelöst. Die erwähnte Zustandsangst ist im
Allgemeinen das, was in einem bestimmten Moment an Angst vorhanden ist (ein typisches
Item im Fragebogen wäre: „Wie ängstlich fühlen Sie sich gerade?“). Zustandsangst ist
also immer auch abhängig von der Situation und kann somit Angst oder Furcht messen.
In diesem Buch liegt der Fokus mehr auf der Unterscheidung zwischen Angst und Furcht,
da diese besonders hilfreich ist, um die Angststörungen besser zu verstehen. Tabelle 1 zeigt, wie diese beiden Konzepte voneinander abgrenzt werden.
Tab. 1: Die Konzepte Angst und Furcht (Rachman, 2004)
Ähnlichkeiten zwischen Angst und Furcht:Erwartung von Gefahr oder etwas UnangenehmenAnspannungUnbehagen, Unruheerhöhte Erregungnegativer AffektzukunftsorientiertUnterschiede zwischen Angst und FurchtAngstFurchterwartete Gefahrakute GefahrQuelle der Bedrohung ist unklarfokussiert auf die Bedrohungundeutliche Beziehung zwischen Bedrohung und Furchtdeutliche Beziehung zwischen Bedrohung und Furchtnormalerweise andauerndnormalerweise episodischanhaltendwenn die Bedrohung vorbei ist, geht auch die Furcht vorbeiVigilanzAlarmreaktion
Hier zwei Fallbeschreibungen, um den Unterschied zu verdeutlichen:
Frau D. wacht morgens oft schon gegen 5.00 Uhr auf. Sofort hat sie das Gefühl, dass
etwas nicht stimmt, ihr ist unwohl, sie fühlt sich bedrückt. Sie überlegt, was der
Tag wohl bringen mag und ob es eine Ursache für ihre gedrückte Stimmung gibt. Eigentlich
ist es ein Tag wie jeder andere, und doch fühlt sich Frau D. ihm nicht wirklich gewachsen.
Sie beginnt, sich Sorgen zu machen: „Habe ich an alles gedacht? Was müssen die Kinder
heute tun? Hoffentlich geht bei denen in der Schule alles gut.“ Ein beunruhigender
Gedanke jagt den anderen, und Frau D. wird immer wacher, obwohl sie eigentlich noch
schlafen möchte. Sie beginnt nun, sich darüber zu sorgen, dass ihr Schlaf so schlecht
geworden ist, und versucht verzweifelt, mit dem Sorgen aufzuhören. Aber das will ihr
nicht gelingen, müde und voller Unruhe steht sie um 6.00 Uhr auf, um den Tag zu beginnen.
Frau H. sitzt im Flugzeug, als der Pilot durchgibt, dass sie auf eine Gewitterfront
zufliegen. Die Passagiere werden gebeten, sich anzuschnallen. Frau H. fliegt häufig
und ist nicht weiter beunruhigt. Plötzlich aber sackt das Flugzeug nach unten. Alles
fliegt in die Luft und scheint da für einen Moment wie schwerelos zu schweben. Auch
die Stewardessen, die dabei waren, Abfälle einzusammeln, hängen in der Luft. Frau
H.s Herz beginnt zu rasen, sie schwitzt, die Hände zittern. Sie hat große Angst, in
der Kabine sind Schreie zu hören, und auch die Stewardessen sind alles andere als
beruhigend. Frau H. atmet schnell, hält sich am Sitz fest und greift nach den Händen
ihrer Kinder. Hoffentlich geht alles gut. Der Pilot macht eine Durchsage, dass es
noch zehn Minuten ordentlich holpern wird, aber dass es dann ruhiger werden wird.
Als die Turbulenzen vorüber sind, beruhigt sich Frau H., das Herz wird wieder ruhiger,
sie atmet langsamer.
Obwohl diese beiden Fallbeschreibungen den Unterschied zwischen Angst und Furcht sehr
schön erklären, sind diese beiden Konzepte nicht immer einfach voneinander zu unterscheiden,
vor allem dann nicht, wenn man die → pathologische Angst betrachtet. Einer Panikattacke,
d. h. der ganz plötzlichen, extremen Furcht, folgt oft das vage Gefühl, dass etwas
nicht stimmt, die Vigilanz dafür, dass es wieder zu einer neuen Attacke kommen könnte.
Die Furchtreaktion lässt ein Gefühl
von Angst zurück, wie einen Nachgeschmack. Und obwohl eine Panikattacke genau das
ist, nämlich eine akute Furchtreaktion, wird sie oft ausgelöst, ohne dass ein eindeutiger
Reiz bestimmt werden kann. Die Angst scheint aus heiterem Himmel zu kommen. In der
Praxis mischen sich also Furcht und Angst häufiger. Bei beiden kann es auch zu → Vermeidungsverhalten
kommen, allerdings ist Vermeidung bei Furcht viel einfacher. Hier ist deutlich, wovor
die Furcht besteht. Bei diffusen Ängsten ist Vermeidung oft nicht möglich.
Angststörungen und Phobien
So wie die Angst eine wichtige und häufige Emotion ist, so sind Angststörungen besonders
häufig und weit verbreitet. Wann kann von einer Störung gesprochen werden?
Definition
Die bei → Angststörungen vorliegenden Ängste sind so stark, dass die Lebensqualität der Betroffenen
deutlich beeinträchtigt ist. Weiterhin ist die Angst unangemessen, da sie stärker
oder häufiger auftritt, als es unter den betreffenden Umständen notwendig oder sinnvoll
wäre. Somit sind die Angststörungen zum einen über den subjektiven Leidensdruck oder
die Einschränkung der Leistungsfähigkeit durch die Ängste definiert, zum anderen über
die Unangemessenheit der Angst, d. h. etwas wird gefürchtet, das objektiv nicht gefährlich
ist.
Grob lässt sich die Gruppe der Angststörungen in die → Generalisierte Angststörung
(GAS), die → Panikstörung und die Phobien unterteilen. Diese Einteilung ist parallel
zu der Einteilung von Angst und Furcht. Bei der Panikstörung stehen plötzliche Panikanfälle
im Zentrum des Störungsbildes, bei der GAS ständige Sorgen. Bei beiden handelt es
sich um sehr beeinträchtigende, psychische Störungen, die bei ca. 5 %–6 % der Bevölkerung
auftreten. Typischerweise beginnen die Störungen im frühen Erwachsenenalter, einer
Zeit, die besondere Anforderungen an die Betroffenen stellt und in der wichtige Entscheidungen
getroffen werden müssen. Die Phobien beginnen früher als die GAS und die Panikstörung.
Vor allem die → Spezifischen Phobien, die Furcht vor einem bestimmten Objekt, z. B.
einer Spinne, oder einer bestimmten Situation, z. B. Höhe, beginnen schon in der Kindheit.
In der Jugend tritt vermehrt
die → Sozialphobie auf, die Angst in sozialen Situationen, und als letztes die → Agoraphobie,
die vor allem die Panikstörung begleitet. Hier haen die Betroffen Angst vor Situationen,
in denen es plötzlich zu einem Panikanfall kommen könnte und keine Hilfe erreichbar
wäre.
Es gibt aber noch zwei andere Störungen, die zu den Angststörungen gerechnet werden.
Diese beiden können jedoch nicht ganz so einfach in das Shema einsortiert werden.
Es handelt sich hierbei um die → Zwangsstörungen die → Posttraumatische Belastungsstörung.
Die Posttraumatischen Belastungsstörung ist die einzige Angststörung, die per Definf
ein traumatisches Ereignis zurückgeht. Als Reaktion auf dieses treten Angst und Anspannung
zusammen mit erhöhter Wachsamkeit und Schreckhaftigkeit auf. Bei den Zwangsstörungen
leiden Panter einem inneren Drang bzw. Zwang, bestimmte Gedanken zu oder bestimmte
Handlungen auszuführen. Im Allgemeinen leisten sie Widerstand gegen diesen Drang,
was allerdings zu starker Angst oder auch Unbehagen führt. Den Patienten ist bewusst,
dass die immerenden Gedanken oder Handlungen unsinnig sind, trotzdem können icht damit
aufhören.
Eine Zusammenstellung klinischer Merkmale anhand derer Gemeinsamkeiten und Unterschiede
zwischen den wesentlichen Angststörungen den können gibt Tabelle 2.
Tab. 2: Klinische Merkmale der Angststörungen
1. Die zentralen Probleme betreffen einzelne, genau umschriebene Lebensbereiche bzw.
Situationen (spezifisch) vs. sie sind breit gestreut bzw. können sich über verschiedene
Themen hinweg ausbreiten (diffus)
2. Nur „spontane“ Angstanfälle (situative Angstanfälle treten bei jeder Angststörung
bei mindestens 85 % aller Patienten auf).
Abkürzungen: – =liegt nicht in nennenswertem Ausmaß vor, + =liegt in bedeutsamem Ausmaß
vor, ++ =liegt in sehr starkem Ausmaß vor.
Wie häufig treten Angststörungen auf
Angststörungen sind sehr häufige psychische Störungen. Die Angaben zur → Lebenszeitprävalenz
für die Gesamtgruppe der Angststörungen in der Allgemeinbevölkerung liegen zwischen
15,1 % in einer deutschen Studie (Meyer et al., 1998, 2000) und 24,9 % im amerikanischen
National Comorbidity Survey (Kessler et al., 1994). Das heißt, jeder Vierte wird einmal
in seinem Leben an einer Angststörung leiden. Auch bei Jugendlichen haben epidemiologische
Studien hohe Prävalenzraten von Angststörungen gefunden. So erfüllten 18,6 % der 12-
bis 17-jährigen Kinder und Jugendlichen die Kriterien irgendeiner Angststörung (Essau
et al., 1998). Frauen sind sehr viel häufiger von Angststörungen betroffen als Männer.
Angststörungen kommen selten alleine, oft sind sie → komorbid mit anderen Angststörungen,
mit depressiven Störungen, Alkoholmissbrauch und / oder Störungen der Aufmerksamkeit,
der Aktivität und des Sozialverhaltens. Die höchsten Komorbiditätsraten werden für
die depressiven Störungen gefunden. Im Allgemeinen zeigen Personen mit Angststörungen
ein erhöhtes Risiko für Beeinträchtigungen im sozialen Bereich, für Probleme im Rahmen
intimer Beziehungen und für finanzielle Abhängigkeit (Olatunji et al., 2007). Die
Zahlen zeigen, dass sehr viele Menschen von Angststörungen betroffen sind und ihr
Leben sehr beeinträchtigt wird. Nicht alle suchen Hilfe, und nur wenige bekommen eine
angemessene Behandlung. Dabei handelt es sich bei den Angststörungen um die Gruppe
psychischer Störungen, die am erfolgreichsten mit Psychotherapie behandelt werden
kann. Es ist von daher sehr wichtig, dass das Wissen, das wir über Angst, Angststörungen
und ihre Behandlung haben, die Praxis erreicht und umgesetzt wird.