Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Anil Tissera kehrt nach Jahren zurück in ihre Heimat Sri Lanka. Als Rechtsmedizinerin soll sie Beweise dafür liefern, dass in dem vom Bürgerkrieg zerrissenen Land nicht nur Rebellen Terror ausüben, sondern auch die Regierung. Es beginnt eine spannende Spurensuche, die ganz unterschiedliche Menschen zusammenführt. Sarath, der Archäologe, Ananda, der Künstler und Anil suchen jeder auf seine Weise nach der Wahrheit, der Liebe und nach der Ursache eines Verbrechens.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 389
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Anil Tissera kehrt nach Jahren zurück in ihre Heimat Sri Lanka. Als Rechtsmedizinerin soll sie Beweise dafür liefern, dass in dem vom Bürgerkrieg zerrissenen Land nicht nur Rebellen Terror ausüben, sondern auch die Regierung. Es beginnt eine spannende Spurensuche, die ganz unterschiedliche Menschen zusammenführt. Sarath, der Archäologe, Ananda, der Künstler und Anil suchen jeder auf seine Weise nach der Wahrheit, der Liebe und nach der Ursache eines Verbrechens.
Michael Ondaatje
Anils Geist
Roman
Aus dem Englischen von Melanie Walz
Carl Hanser Verlag
Auf der Suche nach Arbeit kam ich nach Bogala
Zweiundsiebzig Klafter tief fuhr ich in die Grube ein
Unsichtbar wie eine Fliege, von der Schachtöffnung aus nicht zu sehen
Erst wenn ich nach oben zurückkehre
Bin ich in Sicherheit …
Gesegnet seien die Stützbalken unten im Schacht
Gesegnet sei das Rettungsrad am Ausgang der Mine
Gesegnet sei die Kette am Rettungsrad …
Bergmannslied aus Sri Lanka
Von der Mitte der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts bis in die frühen neunziger Jahre befand sich Sri Lanka in einer Krise, an der im wesentlichen drei Gruppierungen beteiligt waren: die Regierung, die regierungsfeindlichen Aufständischen im Süden der Insel und die separatistischen Guerillas im Norden. Aufständische und Separatisten hatten der Regierung den Krieg erklärt. Wie man weiß, führte dies zuletzt dazu, daß legale und illegale regierungsnahe Einheiten eingesetzt wurden, um mit den Separatisten und Aufständischen kurzen Prozeß zu machen.
Anils Geist ist ein Roman, der in dieser politischen und historischen Zeitspanne spielt. Organisationen und Ereignisse, die Episoden dieses Buches ähneln, hat es zweifellos gegeben, doch die Figuren und die Handlung dieses Romans sind erfunden.
Der Krieg in Sri Lanka wird heute in anderer Form fortgesetzt.
M. O.
1999
Wenn das Team um 5.30 Uhr morgens zum Fundort kam, warteten bereits ein, zwei Verwandte. Und sie wichen den ganzen Tag nicht von der Stelle, während Anil und die anderen arbeiteten; sie lösten einander ab, so daß immer einer von ihnen da war, als wollten sie verhindern, daß das Beweismaterial abermals verlorenging. Diese Totenwache, die vor halberkennbaren Körpern gehalten wurde.
Nachts war der Ort mit Plastikplanen abgedeckt, die von Steinen und Eisenstücken beschwert wurden. Die Familien wußten, wann die Wissenschaftler ungefähr erscheinen würden; sie entfernten die Abdeckung und näherten sich den halbvergrabenen Knochen, bis sie in der Ferne das Winseln des Vierradantriebs vernahmen. Eines Morgens entdeckte Anil den Abdruck eines nackten Fußes im Lehm. Ein andermal ein Blütenblatt.
Sie kochten Tee für das forensische Team. In den schlimmsten Stunden der guatemaltekischen Hitze hielten sie Umhänge oder Bananenblätter hoch, um Schatten zu spenden.
Immer herrschte die zweischneidige Furcht, das in der Grube könne ihr Sohn sein oder könne es nicht sein — was erneutes Suchen bedeutete. Stellte sich heraus, daß der Leichnam der eines Fremden war, dann erhob die Familie sich nach wochenlangem Warten und ging. Sie würden sich zu anderen Ausgrabungsorten in den Bergen im Süden begeben. Ihr verlorener Sohn konnte sich überall befinden.
Einmal gingen Anil und das übrige Team in der Mittagspause zu einem nahen Fluß, um sich zu erfrischen. Bei der Rückkehr sahen sie eine Frau in der Grabstätte sitzen. Sie hockte im Schneidersitz wie beim Gebet, die Ellbogen im Schoß, und blickte zu den Überresten der zwei Leichen hinunter. Bei einer Entführung im Vorjahr hatte sie Mann und Bruder verloren. Jetzt sah es aus, als lägen die Männer des Nachmittags schlafend nebeneinander auf einer Matte. Einst war sie das weibliche Verbindungsglied zwischen ihnen gewesen, diejenige, die sie zusammenbrachte. Jeden Nachmittag kehrten sie vom Feld zurück und traten in die Hütte, aßen das Essen, das sie ihnen bereitet hatte, und schliefen eine Stunde lang. Jeden Nachmittag der Woche war sie ein Teil davon.
Keine Worte, die Anil kennt, können das Gesicht dieser Frau schildern, nicht einmal für sie selbst. Den Schmerz der Liebe aber in jener Schulter wird sie nie vergessen, daran erinnert sie sich noch heute. Die Frau erhob sich, als sie sie kommen hörte, und trat zurück, um ihnen Platz zum Arbeiten zu lassen.
Sie kam in den ersten Märztagen mit einem Flugzeug an, das vor Morgengrauen am Flughafen Katunayake landete. Seit sie die Westküste Indiens überquert hatten, waren sie mit der Dämmerung um die Wette geflogen, und nun traten die Passagiere im Dunkeln auf die geteerte Piste.
Als sie das Flughafengebäude verließ, war die Sonne aufgegangen. Im Westen hatte sie gelesen: Die Morgendämmerung bricht an wie Donner, und sie wußte, daß sie die einzige im Klassenzimmer gewesen war, die diese Wendung körperlich empfinden konnte. Obwohl es für sie nie unvermittelter Donner war. Es waren vor allem anderen die Geräusche von Hühnern und Karren und schüchternem Morgenregen oder das quietschende Zeitungspapier, mit dem ein Mann anderswo im Haus die Fenster putzte.
Sobald ihr Paß mit dem hellblauen UNO-Streifen abgestempelt war, näherte sich ein junger Beamter und ging neben ihr her. Sie mühte sich mit ihrem Gepäck ab, aber er bot keine Hilfe an.
»Wie lange waren Sie weg? Sie sind hier geboren, oder?«
»Fünfzehn Jahre.«
»Sprechen Sie noch Singhalesisch?«
»Ein bißchen. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, wenn ich unterwegs nicht rede. Ich habe Jet-lag. Ich will nur aus dem Fenster schauen. Vielleicht einen Toddy trinken, bevor es zu spät ist. Gibt es noch immer Gabriel’s Saloon mit den Kopfmassagen?«
»Ja, in Kollupitiya. Ich habe seinen Vater gekannt.«
»Mein Vater hat seinen Vater auch gekannt.«
Ohne ein einziges Gepäckstück anzurühren, sorgte er dafür, daß die Taschen in den Wagen geladen wurden. »Toddy!« sagte er lachend und führte seinen Gedankengang fort. »Als erstes nach fünfzehn Jahren. Die Heimkehr der verlorenen Tochter.«
»Ich bin keine verlorene Tochter.«
Eine Stunde später verabschiedete er sich mit einem energischen Händedruck an der Tür des kleinen Hauses, das man für sie gemietet hatte.
»Morgen ist ein Treffen mit Mr. Diyasena vorgesehen.«
»Danke.«
»Sie haben Freunde hier, oder?«
»Nicht wirklich.«
Anil war froh, allein zu sein. Über Colombo verstreut gab es Verwandte, aber sie hatte ihnen nichts von ihrer Rückkehr mitgeteilt. Sie förderte aus ihrer Handtasche eine Schlaftablette zutage, schaltete den Ventilator ein, suchte einen Sarong aus und kroch ins Bett. Die Ventilatoren hatten ihr am meisten gefehlt. Nachdem sie mit Achtzehn Sri Lanka verlassen hatte, bestand ihre einzige wirkliche Verbindung zu dem Land in dem neuen Sarong, den ihre Eltern ihr jedes Jahr zu Weihnachten schickten (und den sie pflichtschuldig trug), sowie in Zeitungsausschnitten von Schwimmwettbewerben. Anil war als Halbwüchsige eine begabte Schwimmerin gewesen, und darüber war ihre Familie nie hinweggekommen; das Talent klebte ihr lebenslang an. Normalerweise konnte man als Mitglied einer srilankischen Familie als renommierter Cricketspieler eine geschäftliche Karriere auf dem eigenen Können beim Werfen oder einem ehrenvoll gehaltenen Ball beim Royal-Thomian Match begründen. Anil hatte mit Sechzehn das Wettschwimmen über zwei Meilen gewonnen, das vom Mount Lavinia Hotel veranstaltet wurde.
Jedes Jahr rannten an die hundert Menschen ins Meer, schwammen bis zu einer eineinhalb Kilometer entfernten Boje und zurück zum Strand, woraufhin die schnellsten männlichen und weiblichen Teilnehmer etwa einen Tag lang die Helden der Sportseiten waren. Es gab ein Foto von Anil, wie sie an jenem Januarmorgen aus der Brandung kam, das der Observer mit der Überschrift »Sieg für Anil!« veröffentlicht hatte und das ihr Vater in seinem Büro aufbewahrte. Jedes entfernte Familienmitglied hatte es studiert (in Australien, Malaysia und England ebenso wie auf der Insel), weniger ihres Sieges als ihres eventuellen gegenwärtigen oder künftigen guten Aussehens wegen. War sie um die Hüften herum etwas zu mollig?
Der Fotograf hatte Anils erschöpftes Lächeln auf dem Bild festgehalten, ihren erhobenen rechten Arm, bevor sie die Gummibademütze abnahm, ein paar unscharfe Nachzügler (früher hatte sie gewußt, wer sie waren). Das Schwarzweißfoto war in der Familie zu lange als Schatz gehütet worden.
Sie schob das Laken zum Fuß des Bettes und lag so im verdunkelten Zimmer, daß sie die Luftwellen spürte. Die Vergangenheit band sie nicht mehr an die Insel. In den letzten fünfzehn Jahren hatte sie ihren frühen Ruhm gründlich vergessen. Sie hatte Dokumente und Berichte voller Tragödien gelesen, und sie hatte lange genug in der Fremde gelebt, um Sri Lanka mit einem Blick aus weiter Ferne zu betrachten. Hier aber hatte man es mit einer moralisch komplizierteren Welt zu tun. Die Straßen waren noch immer Straßen, die Bürger blieben Bürger. Sie kauften ein, wechselten den Arbeitsplatz, lachten. Und doch waren die düstersten griechischen Tragödien harmlos neben dem, was hier geschah. Köpfe auf Pfählen. Skelette, die man aus einer Grube mit Kakaorückständen in Matale ausgegraben hatte. An der Universität hatte Anil Zeilen von Archilochos übersetzt — In der Gastfreundschaft des Krieges überließen wir ihnen ihre Toten, auf daß sie sich unser erinnerten. Doch hier gab es keine solchen Gesten den Familien der Toten gegenüber, nicht einmal die Information, wer der Gegner war.
Höhle 14 war einst der schönste Ort innerhalb einer Reihe buddhistischer Höhlentempel in der Provinz Shanxi. Wenn man ihn betrat, sah es aus, als wären gewaltige Salzblöcke fortgeschafft worden. Das Panorama der Boddhisatvas — die vierundzwanzig Reinkarnationen — war mit Äxten und Sägen aus den Wänden herausgehauen, mit roten Rändern, als versinnbildlichten sie den Einschnitt der Wunde.
»Nichts hat Bestand«, sagte Palipana zu ihnen. »Es ist ein alter Traum. Kunst verbrennt, löst sich auf. Und mit der Ironie der Geschichte geliebt zu werden — das ist nicht viel.« Er sagte es in seiner ersten Vorlesung zu seinen Archäologiestudenten. Er hatte über Bücher und Kunst gesprochen, darüber, daß der »Einfluß des Gedankens« oft als einziges überlebt.
Es war der Schauplatz eines ausgemachten Verbrechens. Köpfe vom Körper getrennt. Abgebrochene Hände. Keiner der Körper blieb übrig — alle Statuen waren in den Jahren nach ihrer Entdeckung 1918 durch japanische Archäologen verschwunden; westliche Museen hatten sofort die Boddhisatvas aufgekauft. Drei Torsi in einem Museum in Kalifornien. Ein Kopf verlorengegangen in einem Fluß südlich der Wüste Sind, nahe den Pilgerrouten.
Das königliche Nachleben.
Am zweiten Morgen ihres Aufenthalts wurde Anil gebeten, sich mit Studenten der Forensik im Kynsey Road Hospital zu treffen. Das war nicht der Grund ihres Kommens, aber sie erklärte sich einverstanden. Mr. Diyasena, den von der Regierung ausgewählten Archäologen, der mit ihr zusammen die Menschenrechtsuntersuchung durchführen sollte, hatte sie noch nicht zu sehen bekommen. Er hatte ihr ausrichten lassen, daß er nicht in der Stadt sei und sich bei ihr melden werde, sobald er nach Colombo zurückkehrte.
Der erste Leichnam, der hereingebracht wurde, war noch nicht lange tot; der Mann war ermordet worden, nachdem sie gelandet war. Als ihr klar wurde, daß es während ihres frühabendlichen Spaziergangs über den Markt von Pettah geschehen war, mußte sie sich zusammenreißen, damit ihre Hände nicht zitterten. Die zwei Studenten sahen einander an. Normalerweise übersetzte sie den Zeitpunkt eines Todes nie in eigene Lebenszeit, aber sie war noch immer mit der Frage beschäftigt, wieviel Uhr es jetzt in London war, in Toronto, in San Diego. Fünfeinhalb Stunden.
»Ist das etwa Ihre erste Leiche?« fragte einer der beiden.
Sie schüttelte den Kopf. »Die Knochen beider Arme sind gebrochen.« Da lag es nun vor ihr.
Sie blickte zu den jungen Männern auf. Es waren Studenten in den unteren Semestern, jung genug, um schockiert zu sein. Das machte die Frische des Leichnams. Er war noch ein Mensch. Meistens wurden die Opfer politischer Morde erst viel später gefunden. Sie tauchte jeden einzelnen seiner Finger in ein Gefäß mit blauer Lösung, damit sie sie auf Schnitte und Abschürfungen untersuchen konnte.
»Etwa zwanzig Jahre alt. Seit zwölf Stunden tot. Stimmen Sie mir zu?«
»Ja.«
»Ja.«
Sie wirkten nervös, sogar verängstigt.
»Wie heißen Sie noch mal?«
Sie sagten es.
»Wichtig ist, daß man die ersten Eindrücke laut aufsagt. Und dann überlegt. Vergessen Sie nie, daß Sie sich irren können.« (Schlug sie etwa einen belehrenden Ton an?) »Wenn Sie sich beim erstenmal geirrt haben, fangen Sie noch einmal von vorne an. Vielleicht fällt Ihnen etwas auf, was Sie übersehen hatten … Wie konnten sie die Arme und Handgelenke brechen, ohne die Finger zu verletzen? Das ist merkwürdig. Man hebt die Hände, um sich zu schützen. Normalerweise werden die Finger verletzt.«
»Vielleicht hat er gebetet.«
Sie hielt inne und sah den an, der gesprochen hatte.
Der nächste Leichnam, der gebracht wurde, hatte Trümmerbrüche am Brustkorb, was hieß, daß er aus großer Höhe — mindestens hundertfünfzig Meter — gefallen war, bevor er mit dem Bauch auf die Wasseroberfläche aufgetroffen war. Am ganzen Körper platt gedrückt. Das hieß aus einem Hubschrauber.
Am nächsten Morgen erwachte sie früh in dem für sie gemieteten Haus am Ward Place und ging in den dunklen Garten, den Lauten der Kohavögel nach, die geschäftig ihr Revier verteidigten und Ansprachen hielten. Sie trank im Stehen ihren Tee. Dann ging sie zur Hauptstraße, während leiser Regen einsetzte. Als ein dreirädriges Taxi neben ihr hielt, stieg sie ein. Das Taxi sauste los, quetschte sich in jede mögliche Lücke im dichten Verkehr. Sie hielt die Haltegurte fest umklammert; von den offenen Seiten des Wagens klatschte der Regen an ihre Knöchel. Im bajaj war es kühler als in einem klimatisierten Wagen, und ihr gefiel das kehlige Entengeschnatter der Hupen dieser Gefährte.
In diesen ersten Tagen in Colombo kam es ihr vor, als wäre sie bei Wetterumstürzen immer allein. Das Gefühl des Regens auf ihrem Hemd, der Geruch des naß werdenden Staubs. Wolken öffneten sich plötzlich, und die Stadt verwandelte sich in ein geselliges Dorf voller Leute, die den Regen begrüßten und sich laut verständigten. Oder sie nahmen den Regen zurückhaltender zur Kenntnis, falls es nur ein Schauer war.
Vor Jahren hatten ihre Eltern zu einem Abendessen eingeladen. Sie hatten den langen Tisch im verdorrten, ausgetrockneten Garten gedeckt. Es war Ende Mai, doch die Trockenheit hatte angehalten, und kein Monsun war in Sicht. Und plötzlich, gegen Ende des Essens, setzte der Regen ein. Anil erwachte in ihrem Zimmer, weil sie die Veränderung in der Luft spürte, lief zum Fenster und sah hinaus. Die Gäste rannten im prasselnden Regen hin und her und trugen antike Stühle ins Haus. Aber ihr Vater und die Frau neben ihm blieben draußen sitzen, um die neue Jahreszeit zu begrüßen, während um sie herum Erde zu Schlamm wurde. Fünf Minuten, zehn Minuten lang saßen sie da und unterhielten sich, um sicherzugehen, wie Anil dachte, daß es sich nicht lediglich um einen vorübergehenden Regenguß handelte, um sicherzugehen, daß es weiterregnen würde.
Hupen wie Entengeschnatter.
Der Regen fegte durch Colombo, als ihr bajaj auf dem Weg zur Archäologischen Behörde eine Abkürzung nahm. In den kleinen Läden wurden vereinzelt Lichter angezündet. Sie lehnte sich vor. »Zigaretten, bitte.« Sie beschrieben eine Kurve zum Gehsteig und hielten an, und der Fahrer rief etwas zu einem Laden hinüber. Ein Mann kam mit drei Sorten Zigaretten in den Regen hinaus, und sie wählte das Päckchen Gold Leaf und zahlte. Sie fuhren weiter.
Plötzlich war Anil froh, daß sie zurückgekehrt war, verschüttete Kindheitsgefühle wieder empfand. Als die Menschenrechtskommission in Genf einen forensischen Pathologen gesucht hatte, der bereit war, nach Sri Lanka zu gehen, hatte sie sich nur halbherzig beworben. Weil sie auf der Insel geboren war, hatte sie nicht erwartet, daß man sie nahm, obwohl sie inzwischen einen britischen Paß besaß. Außerdem schien es nicht allzu wahrscheinlich, daß ein Menschenrechtsexperte überhaupt ins Land gelassen wurde. Seit Jahren waren Beschwerden von Amnesty International und anderen Bürgerrechtsbewegungen in die Schweiz geschickt worden, wo sie wie Gletscher ruhten. Präsident Katugala sagte, er wisse nichts von irgendwelchen organisierten Gemetzeln auf der Insel. Unter dem Druck des Westens und um die dortigen Handelspartner zu beruhigen, fand sich die Regierung jedoch schließlich zu dem Angebot bereit, einheimische Behördenvertreter mit ausländischen Beratern gemeinsam einzusetzen, und Anil Tissera war die Forensikerin der Genfer Organisation, die in Colombo mit einem Archäologen zusammengeführt werden sollte. Das Projekt war auf sieben Wochen veranschlagt. In der Menschenrechtskommission versprach sich niemand viel davon.
Als sie die Archäologische Behörde betrat, hörte sie seine Stimme.
»Oh — Sie sind die Schwimmerin!« Ein breitschultriger Mann Ende Vierzig kam mit ausgestreckter Hand lässig näher. Sie hoffte, daß es nicht Mr. Sarath Diyasena war, aber er war es.
»Das ist lange her.«
»Trotzdem. Nein … vielleicht habe ich Sie in Mount Lavinia gesehen.«
»Tatsächlich?«
»Ich bin in St. Thomas zur Schule gegangen. Ebendort. Natürlich bin ich ein paar Jahre älter als Sie.«
»Mr. Diyasena … können wir das Thema Schwimmen auf sich beruhen lassen? Die Zeit ist seither nicht stehengeblieben, oder?«
»Richtig«, sagte er in einem gedehnten Singsang, der ihr vertraut werden sollte als unverkennbare Eigenart mit dem Ziel, Zeit zu gewinnen. Es erinnerte sie an das asiatische Nicken, dessen beinahe kreisförmige Bewegung auch ein Nein bedeuten konnte. Sarath Diyasenas wiederholtes »Richtig« war ein förmliches, unschlüssiges Einlenken höflichkeitshalber, das keineswegs ausschloß, daß das letzte Wort noch nicht gesprochen war.
Sie lächelte ihn an, um darüber hinwegzugehen, daß es ihnen gelungen war, schon im ersten Wortaustausch aneinanderzugeraten. »Ich freue mich wirklich, Sie kennenzulernen. Ich habe verschiedene Aufsätze von Ihnen gelesen.«
»Ich weiß, daß ich für Sie das falsche Gebiet habe. Aber wenigstens kenne ich die meisten Fundorte …«
»Meinen Sie, wir können ein Frühstück bekommen?« fragte sie auf dem Weg zu seinem Wagen.
»Sind Sie verheiratet? Familie?«
»Weder verheiratet noch Schwimmerin.«
»Richtig.«
»Inzwischen kommen die Leichen jede Woche zum Vorschein. Der Terror erreichte 88 und 89 seinen Höhepunkt, aber er fing lange vorher an. Alle Seiten mordeten und versteckten die Beweise ihres Tuns. Alle Seiten. Es ist ein nichterklärter Krieg, und keine Partei will es sich mit den ausländischen Mächten verderben. Das Ergebnis sind Geheimbanden und Todesschwadronen. Nicht wie in Mittelamerika. Es war nicht nur die Regierung, die gemordet hat. Es gab und gibt noch immer drei feindliche Lager — eins im Norden, zwei im Süden —, die mit Waffen, Propaganda, Angst, raffinierter Reklame und Zensur operieren. Die moderne Waffen aus dem Westen einführen, aber auch Waffen selber herstellen. Und vor ein paar Jahren begannen Leute einfach zu verschwinden. Oder es wurden Tote gefunden, die man nicht identifizieren konnte, weil sie verbrannt worden waren. Schuld zuzuweisen ist aussichtslos. Und niemand weiß, wer die Opfer sind. Ich bin nur Archäologe. Der Zusammenschluß, den Ihr Ausschuß und die Regierung sich da ausgedacht haben, war nicht meine Idee — eine Rechtsmedizinerin und ein Archäologe, das ist ein abstruses Team, wenn Sie mich fragen. Das, womit wir hier zu tun haben, sind in der Mehrzahl der Fälle inoffizielle Hinrichtungen. Von den Aufständischen durchgeführt oder von der Regierung oder von den separatistischen Guerillas. Morde, die von allen Seiten begangen werden.«
»Ich könnte nicht sagen, wer am schlimmsten ist. Die Berichte sind grauenvoll.«
Er bestellte neuen Tee und sah auf das Essen, das serviert wurde. Sie hatte ausdrücklich Quark mit Jagrezucker bestellt. Als sie gegessen hatten, sagte er: »Kommen Sie, ich bringe Sie zum Schiff. Ich zeige Ihnen unseren Arbeitsplatz …«
Die Oronsay war in den alten Tagen der Orientlinie ein Passagierkreuzer gewesen, mittlerweile aber aller brauchbaren Maschinenteile und der Luxusausstattung entblößt. Sie hatte einst zwischen Asien und England verkehrt — von Colombo nach Port Said, dann glitt sie durch die engen Tiefen des Suezkanals, und von dort fuhr sie weiter bis zu den Tilbury Docks. In den siebziger Jahren verkehrte sie nur noch auf lokalen Routen. Die Räume der Touristenklasse wurden für einen Frachtraum herausgerissen. Bis auf vereinzelte Ausnahmen wie arbeits- und abenteuerlustige Neffen von Aktionären der Schiffahrtslinie hatten Tee, Süßwasser, Kautschukerzeugnisse und Reis anspruchsvolle Passagiere abgelöst. Die Oronsay blieb ein Schiff des Orients, ein Schiff, das die Hitze Asiens ertragen konnte und in dessen Frachtraum noch immer die Gerüche von Salzwasser, Rost und Öl und der Duft von Tee hingen.
Die letzten drei Jahre hatte die Oronsay ohne Unterbrechung an einem unbenutzen Kai am Nordende des Hafens von Colombo vor Anker gelegen. Das imposante Schiff war mit dem Land weitgehend eins geworden und wurde vom Kynsey Road Hospital als Lager und Werkstatt benutzt. Ein Teilbereich des umgewandelten Luxusliners war Sarath und Anil zugewiesen worden, denn die Krankenhäuser in Colombo hatten nicht genug Kapazität.
Sie verließen Reclamation Street und gingen die Laufplanke hoch.
Sie zündete ein Streichholz an; im dunklen Frachtraum bündelte sich das Licht und züngelte an ihrem Arm hoch. Sie sah den »schützenden« Baumwollstreifen um ihr linkes Handgelenk, bevor das Streichholz erlosch. In dem Monat, seit das raksha bandhana ihr während der pirith-Zeremonie einer Freundin angelegt worden war, hatte es seine rosa Farbe verloren. Wenn sie im Labor Gummihandschuhe anzog, wirkte der Stoff darunter noch blasser, wie in Eis eingeschlossen.
Neben ihr schaltete Sarath eine Taschenlampe ein, die er im Lichtschein ihres Streichholzes entdeckt hatte, und beide gingen hinter der Speiche zuckenden Lichts auf die Metallwand zu. Als sie sie erreichten, schlug er mit der flachen Hand fest dagegen, und sie hörten Bewegungen im Nebenraum, Ratten, die wegliefen. Er schlug nochmals an die Wand, und nochmals wiederholten sich die Geräusche. Anil murmelte: »Wie der Mann und die Frau, die aus dem Bett springen, als seine Frau nach Hause kommt …«, dann hielt sie inne. Sie kannte ihn nicht gut genug, um sich Witzeleien über die Institution der Ehe zu erlauben. Sie war im Begriff gewesen, hinzuzufügen: Schatz, ich bin wieder da.
Schatz, ich bin wieder da, sagte sie, wenn sie neben einer Leiche niederkauerte, um den Zeitpunkt des Todes zu bestimmen. Die Worte klangen je nach ihrer Stimmung sarkastisch oder zärtlich, wurden meist geflüstert, während sie die Hand ausstreckte und ihre Handfläche einen Millimeter über der Leiche hielt, um die Körperwärme zu spüren. Die Körperwärme, nicht mehr seine, nicht mehr ihre.
»Schlagen Sie noch mal hin«, forderte sie ihn auf.
»Ich nehme den Splitthammer.« Diesmal hallte das metallene Dröhnen im Dunkel, und als es erstarb, trat Stille ein.
»Schließen Sie die Augen«, sagte er. »Ich mache eine Schwefellampe an.« Doch Anil hatte nachts in Steinbrüchen unter schwefliger Helligkeit gearbeitet, in Kellern, die darin nackt erschienen waren. Das poröse Licht enthüllte einen großen Raum, die Überreste einer zusammengebrochenen Bartheke in der Ecke, hinter der sie später einen Lüster finden sollte. Hier würden sich der Lagerraum und das Labor befinden, klaustrophobisch anmutend, nach Lysol riechend.
Sie sah, daß Sarath bereits begonnen hatte, den Raum zu nutzen, um archäologische Funde unterzubringen. Überall befanden sich Stein- und Knochensplitter, in durchsichtige Plastikfolien verpackt, und festverschnürte Kisten. Na ja, sie war nicht hergekommen, um im Mittelalter herumzustöbern.
Er sagte etwas, was sie nicht hören konnte, während er Kisten aufsperrte und die Ausbeute einer vor kurzem erfolgten Grabung hervorholte.
» … großenteils sechstes Jahrhundert. Wir vermuten, daß es eine heilige Grabstätte für Mönche in der Nähe von Bandarawela war.«
»Wurden Skelette gefunden?«
»Bisher drei. Und versteinerte Holzgefäße aus der gleichen Zeit. Alles paßt ins gleiche Zeitschema.«
Sie zog ihre Handschuhe an und hob einen alten Knochen hoch, um sein Gewicht zu schätzen. Die Datierung schien zu stimmen.
»Die Skelette waren in Blätter und dann in Stoff gewickelt«, erklärte er. »Dann wurden Steine auf sie gelegt, die später durch die Rippenbögen in den Brustkorb gerutscht sind.«
Jahre nach der Bestattung eines Leichnams kam es zu leichten Veränderungen der Graboberfläche. Dann fiel der Stein in den Hohlraum, den das verwesende Fleisch hinterlassen hatte, als zeigte er das Entschwinden eines Geistes an. Es war eine Zeremonie der Natur, die Anil immer wieder berührend fand. Als Kind war sie einmal in Kuttapitiya auf das flache Grab eines eben erst beerdigten Huhns getreten, und durch ihr Gewicht war die Luft im Körper des toten Tiers zum Schnabel hinaus entwichen — ein unterdrücktes Quaken war ertönt, und sie war entsetzt zurückgesprungen, zutiefst verstört, und hatte die Erde weggescharrt, voller Furcht, das Tier blinzeln zu sehen. Aber es war tot, Sand in den Augen. Noch heute verfolgte Anil das Geschehen dieses Nachmittags. Sie hatte das Huhn wieder begraben und sich rückwärts gehend vom Grab entfernt.
Jetzt nahm sie ein Knochenstück von dem Haufen und rieb daran. »Stammt das von der gleichen Fundstätte? Sieht nicht nach sechstem Jahrhundert aus.«
»Das ganze Material stammt aus den Grabstätten der Mönche in der archäologischen Schutzzone. Kein Unbefugter hat Zutritt.«
»Aber dieser Knochen kann nicht aus der Zeit sein.«
Er hatte in seinem Tun innegehalten und beobachtete sie.
»Es ist ein Sperrgebiet, das von der Regierung überwacht wird. Die Skelette waren in den natürlichen Einbuchtungen der Höhlen von Bandarawela begraben. Ganze Skelette und einzelne Knochen. Wenig wahrscheinlich, dort etwas aus einer anderen Epoche zu finden.«
»Können wir hinfahren?«
»Ich denke schon. Ich will versuchen, eine Genehmigung zu bekommen.«
Sie kletterten auf das Schiffsdeck zurück, in Sonnenlicht und Lärm. Sie hörten Motorboote im Hauptkanal des Hafens von Colombo, Megafone, die laut über die verkehrsreichen Wasserstraßen plärrten.
An ihrem ersten freien Wochenende lieh sich Anil ein Auto und fuhr zu einem kleinen Dorf nicht weit hinter Rajagiriya. Sie parkte neben einem hinter Bäumen verborgenen Grundstück, das so klein war, daß Anil kaum glauben konnte, daß dort ein Haus stand. Große gefleckte Krotonblätter ergossen sich in den Hof. Es schien niemand dazusein.
Am Tag nach ihrer Ankunft hatte Anil einen Brief geschickt, aber keine Antwort erhalten. Sie wußte folglich nicht, ob die Fahrt möglicherweise vergebens war, ob das Schweigen Zustimmung bedeutete oder ob die Adresse nicht mehr stimmte. Sie klopfte; dann sah sie durch die Gitterstäbe des Fensters und drehte sich rasch um, als sie jemanden auf die Veranda kommen hörte. Anil erkannte die winzige bejahrte Frau fast nicht wieder. Sie standen einander gegenüber; Anil trat vor, um die Frau zu umarmen. In diesem Augenblick kam eine junge Frau aus dem Haus und beobachtete sie, ohne zu lächeln. Anil war sich des strengen Blicks bewußt, der die rührende Szene verfolgte.
Als Anil sich zurücklehnte, weinte die alte Frau, streckte die Hände aus und fuhr ihr übers Haar. Anil hielt sie an den Armen. Zwischen ihnen gab es eine verlorene Sprache. Sie küßte Lalitha auf beide Wangen, wobei sie sich zu ihr hinunterbeugen mußte, weil sie so klein und zerbrechlich war. Als sie sie losließ, wirkte die alte Frau wie gestrandet, und die junge Frau — wer war sie? — trat vor, führte sie zu einem Stuhl und ging. Anil saß neben Lalitha und hielt schweigend ihre Hand; es zog ihr das Herz zusammen. Auf dem Tisch neben ihnen stand eine große gerahmte Fotografie; Lalitha ergriff sie und reichte sie Anil. Lalitha als Fünfzigjährige, ihr Nichtsnutz von einem Ehemann und ihre Tochter mit zwei Säuglingen auf dem Arm. Mit dem Finger deutete sie auf einen der Säuglinge und dann ins dunkle Hausinnere. Die junge Frau war also ihre Enkelin.
Die junge Frau brachte ein Tablett mit gezuckerten Keksen und Tee, und dann redete sie in Tamil auf Lalitha ein. Anil konnte gesprochenem Tamil nur sehr ungefähr folgen und reimte sich den Inhalt hauptsächlich aus der Sprechweise zusammen. Sie hatte einmal etwas zu einem Fremden gesagt, der ihren Worten mit verständnislosem Blick begegnet war, und man hatte ihr erklärt, daß der Zuhörer sie wegen mangelnder Betonung nicht verstanden hatte. Er hatte nicht gewußt, ob es sich um eine Frage, eine Feststellung oder eine Aufforderung handelte. Lalitha redete im Flüsterton; es schien ihr peinlich zu sein, daß sie Tamil sprach. Die Enkelin, die Anil nach dem Händeschütteln zur Begrüßung kaum eines Blicks würdigte, sprach mit lauter Stimme. Dann sah sie Anil an und sagte auf englisch: »Meine Großmutter will, daß ich Sie beide fotografiere. Zur Erinnerung an Ihren Besuch.«
Sie ging wieder ins Haus, kehrte mit einer Nikon zurück und wies die beiden an, näher zusammenzurücken. Sie sagte wieder etwas auf tamil und machte ein Foto, bevor Anil sich zurechtgesetzt hatte. Ein Foto schien zu genügen. An Selbstvertrauen mangelte es ihr offenbar nicht.
»Wohnen Sie hier?« fragte Anil.
»Nein. Das ist das Haus meines Bruders. Ich arbeite in den Flüchtlingslagern oben im Norden. Ich versuche, jedes zweite Wochenende herzukommen, damit er und seine Frau wegfahren können. Wie alt waren Sie, als Sie meine Großmutter das letztemal gesehen haben?«
»Ich war achtzehn. Seitdem bin ich weggewesen.«
»Leben Ihre Eltern hier?«
»Sie sind tot. Und mein Bruder ist fortgegangen. Nur die Freunde meines Vaters sind noch da.«
»Dann gibt es niemanden mehr, den Sie kennen?«
»Nur Lalitha. In gewisser Weise hat sie mich aufgezogen.« Anil hätte gern mehr gesagt, gesagt, daß Lalitha ihr als einzige konkrete Dinge beigebracht hatte.
»Sie hat uns alle aufgezogen«, sagte die Enkelin.
»Und Ihr Bruder, was —«
»Er ist ein ziemlich bekannter Popsänger!«
»Und Sie arbeiten in den Lagern …«
»Seit vier Jahren.«
Als sie sich zu Lalitha zurückwandten, sahen sie, daß sie eingeschlafen war.
Sie betrat das Kynsey Road Hospital und fand sich in der Eingangshalle mitten in Gehämmer und Stimmenlärm wieder. Die Zementböden wurden herausgerissen und durch Fliesen ersetzt. Studenten und Lehrkräfte eilten an ihr vorbei. Niemand schien es zu stören, daß dieser Lärm für Patienten, die hergebracht wurden, um verbunden zu werden oder stabilisierende Medikamente zu erhalten, erschreckend oder ermüdend sein könnte. Noch schlimmer war die Stimme Dr. Pereras, des Oberarztes, der Ärzte und Assistenzärzte anbrüllte und als Drecksäue beschimpfte, weil sie nicht für Sauberkeit sorgten. Das Gebrüll war ein solcher Dauerzustand, daß es von den meisten, die hier arbeiteten, offenbar nicht mehr zur Kenntnis genommen wurde.
Er war ein kleiner dünner Mann und hatte wahrscheinlich nur einen einzigen Verbündeten im ganzen Haus, eine junge Pathologin, die ihn in Unkenntnis seines Rufes einmal um Hilfe gebeten und so aus der Fassung gebracht hatte, daß er freundlich zu ihr war. Seine übrigen Kollegen im Haus distanzierten sich von ihm mittels einer Flut anonymer Wandzettel und Anschläge. (Ein Anschlag verkündete, er werde in Glasgow wegen Mordes gesucht.) Perera verteidigte sich mit dem Argument, seine Mitarbeiter seien undiszipliniert, faul, dumm, unsauber und uneinsichtig. Nur wenn er sich in der Öffentlichkeit äußerte, brachte er intelligente und differenzierte Gedanken zur Politik und zu ihrem Zusammenhang mit forensischer Pathologie vor. Sein sanftmütigerer Zwillingsbruder schien dann mit ihm den Platz getauscht zu haben.
Anil hatte an ihrem zweiten Abend einen seiner Vorträge gehört und sich darüber gewundert, daß jemand mit solchen Ansichten einen so hohen Posten bekleidete. Doch jetzt im Krankenhaus, wo sie das Labor benutzen wollte, lernte sie den losgelassenen bissigen Hund kennen, der seine zweite Natur war. Sie stand mit offenem Mund da, während die erschöpften Ärzte, Angestellten, Arbeiter und herumlaufenden Patienten einen weiten Bogen um Perera machten und einen Kordon zwischen sich und diesem Zerberus schufen.
Ein junger Mann kam auf sie zu.
»Sie sind Anil Tissera, oder?«
»Richtig.«
»Sie haben das Stipendium für Amerika bekommen.«
Sie schwieg. Die fremdländische Berühmtheit wurde belagert.
»Können Sie einen kurzen Vortrag, dreißig Minuten, über Vergiftungen und Schlangenbisse halten?«
Sie wußten höchstwahrscheinlich genausoviel über Schlangenbisse wie sie, und sie war davon überzeugt, daß dieses Thema nicht zufällig gewählt worden war, sondern um das Gefälle zwischen der im Ausland Ausgebildeten und den Hiesigen zu nivellieren.
»Ja, einverstanden. Wann?«
»Heute abend?« sagte der junge Mann.
Sie nickte. »Sagen Sie mir in der Lunchpause, wo.« Das sagte sie, als sie einen Bogen um Perera beschrieb.
»He, Sie!«
Sie wandte sich um und sah den berüchtigten Oberarzt an.
»Sind Sie die Neue? Tissera?«
»Ja, Sir. Ich habe Ihren Vortrag vorgestern gehört. Es tut mir leid, daß ich —«
»Ihr Vater war … warten Sie … stimmt’s?«
»Was …«
»Ihr Vater war Nelson K. Tissera?«
»Ja.«
»Ich habe im Spittel’s Hospital mit ihm gearbeitet.«
»Ja …«
»Sehen Sie sich diese padayas an! Sehen Sie nur diesen Abfall auf den Gängen! Das soll ein Krankenhaus sein? Diese verdammten Schweine, die reinste Latrine hier. Haben Sie gerade zu tun?«
Sie hatte zu tun, obwohl es nichts Unaufschiebbares war. Sie wollte sich unbedingt mit Dr. Perera unterhalten und Erinnerungen über ihren Vater austauschen, aber wenn er entkoffeiniert, ruhig und allein war, nicht mitten in einem Tobsuchtsanfall. »Ich habe leider einen Termin mit einem Regierungsbeamten, Sir. Aber ich bin noch eine Weile in Colombo. Ich hoffe, wir werden uns sehen.«
»Sie kleiden sich westlich, wie ich sehe.«
»Aus Gewohnheit.«
»Sie sind die Schwimmerin, stimmt’s?«
Sie entfernte sich unter übertriebenem Nicken.
Sarath las ihre Postkarte mit der Schrift auf dem Kopf, als er ihr am Schreibtisch gegenübersaß. Unbewußte Neugier. Er war verwitterte Keilschrifttexte auf Stein gewohnt. Selbst im schattigen Licht der Archäologischen Behörde fiel ihm die Entzifferung nicht schwer.
Das vorherrschende Geräusch in der Behörde war gemessenes Schreibmaschinengeklapper. Anil hatte den Schreibtisch neben dem Kopierer bekommen, um den herum ständig Wehklagen ertönten, weil er nie richtig funktionierte.
»Gopal«, sagte Sarath in etwas lauterem Ton, und einer seiner Assistenten kam zum Schreibtisch.
»Zweimal Tee. Mit Bullenmilch.«
»Yessir.«
Anil lachte.
»Heute ist Mittwoch. Ihre Malariatablette.«
»Schon genommen.« Sarath’ Fürsorglichkeit überraschte sie.
Der Tee wurde gebracht, bereits mit Kondensmilch angereichert. Anil nahm ihre Tasse in die Hand und beschloß, es zu wagen.
»Auf das Wohlergehen der Lakaien. Auf eine ruhmselige Regierung. Auf alle politischen Ansichten, die von ihrer eigenen Armee unterstützt werden.«
»Sie reden wie ein Journalist aus dem Ausland.«
»Diese Tatsachen kann ich nicht ignorieren.«
Er setzte seine Tasse ab. »Hören Sie, ich bin weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Falls Sie das wissen wollen. Wie Sie sagen, jeder hat seine eigene Armee.«
Sie hob die Postkarte hoch und ließ sie zwischen ihren Daumen rotieren. »Entschuldigung. Ich bin müde. Den ganzen Vormittag habe ich Berichte im Büro der Bürgerrechtsbewegung durchgesehen. Nicht sehr ermutigend. Sollen wir heute abend essen gehen?«
»Ich kann nicht.«
Sie wartete auf eine Erklärung, aber mehr sagte er nicht. Nur sein Blick schoß zu einer Landkarte an der Wand, zum Bild des Vogels auf ihrer Postkarte. Während er weiter mit seinem Bleistift gegen den Tisch klopfte.
»Woher kommt dieser Vogel?«
»Oh … nirgendwoher.« Auch sie konnte das Visier herunterlassen.
Eine Stunde später liefen sie durch den Regen, und als sie den Wagen erreichten, waren sie völlig durchnäßt. Er fuhr sie zum Ward Place und wartete mit laufendem Motor unter dem Säulenvordach, während sie ihre Sachen auf dem Rücksitz zusammensuchte. »Bis morgen«, sagte sie und schloß die Wagentür.
Im Haus entleerte Anil ihre Tasche auf dem Tisch, um die Postkarte zu finden. Die Botschaft, die ihre Freundin Leaf aus Arizona geschickt hatte, noch einmal zu lesen, verschaffte ihr Erleichterung. Eine Verbindung zum Westen. Sie ging in die Küche, in Gedanken abermals mit Sarath beschäftigt. Sie arbeitete seit Tagen mit ihm zusammen und konnte sich noch immer keinen Reim auf ihn machen. Er war ein hohes Tier in der regierungsabhängigen Archäologischen Behörde, und sie fragte sich, wie regierungsnah er selbst sein mochte. War er Auge und Ohr der Regierung, dafür zuständig, ihr bei der Menschenrechtsuntersuchung zu helfen und sie zugleich zu überwachen? Und für wen arbeitete sie, wenn es sich so verhielt?
Forensische Untersuchungen im Verlauf politischer Krisen waren, wie sie sehr wohl wußte, berüchtigt für ihre dreidimensionalen Schachzüge und heimlich getroffenen Vereinbarungen und frisierten Verlautbarungen »zum Wohle der Nation«. Im Kongo war eine Menschenrechtsbewegung zu weit gegangen, und ihre Daten waren über Nacht verschwunden, ihre Unterlagen verbrannt. Als wäre eine Stadt aus der Vergangenheit ein weiteres Mal verschüttet worden. Der Untersuchungskommission, in der Anil eine bescheidene Funktion als koordinierende Assistentin innehatte, blieb nichts anderes übrig, als das nächste Flugzeug zu besteigen und nach Hause zu fliegen. Soviel zum internationalen Einfluß der Genfer Behörde. Die großspurigen Abkürzungen auf den Briefköpfen und über den Portalen der europäischen Büros hatten an den Krisenherden nichts zu sagen. Wenn man von einer Regierung aufgefordert wurde, das Land zu verlassen, ging man. Man nahm nichts mit. Keinen Kasten mit Dias, keinen Meter Film. Während am Flughafen ihre Kleidung gefilzt worden war, hatte sie halbnackt auf einem Hocker gesessen.
Eine Postkarte von Leaf. Ein amerikanischer Vogel. Sie holte ein paar Koteletts und ein Bier aus dem Kühlschrank. Sie würde ein Buch lesen, eine Dusche nehmen. Später konnte sie zum Galle Face Green fahren und in einem der neueren Hotels etwas trinken und den betrunkenen Mitgliedern einer englischen Cricketmannschaft auf Tournee beim Karaokesingen zusehen.
War der Partner, den man ihr zugewiesen hatte, in diesem Krieg neutral? War er nur ein Archäologe, der seine Arbeit liebte? Am Tag zuvor hatte er ihr auf einer Fahrt in die Umgegend ein paar Tempel gezeigt, und als sie an einigen seiner Studenten vorbeikamen, die auf einem Ausgrabungsgebiet arbeiteten, hatte er sich ihnen fröhlich beigesellt und war schon bald damit beschäftigt, Glimmersplitter zu sammeln und den Studenten zu erklären, wo sie am ehesten Eisenstücke im Boden finden konnten, als wäre er von Natur aus mit der Gabe versehen, Dinge zu finden. Fast alles, was Sarath erfahren wollte, war mit dem Erdboden verbunden. Sie hatte ihn im Verdacht, daß er die soziale Welt um ihn herum für nebensächlich hielt. Sein größter Wunsch sei es, hatte er ihr erzählt, eines Tages ein Buch über eine Stadt im Süden der Insel zu schreiben, die es nicht mehr gab. Keine einzige Mauer war stehengeblieben, aber er wollte die Geschichte dieses Ortes erzählen. Sie würde sich aus diesem dunklen Handel mit der Erde ergeben, aus seinem Wissen um die Chroniken dieser Gegend — ihre mittelalterlichen Handelswege, ihre Existenz als bevorzugte Monsunstadt eines bestimmten Königs, wie es Gedichte erzählten, die das Alltagsleben der Stadt feierten. Er hatte einige Zeilen eines dieser Gedichte zitiert, die ihm sein Lehrer beigebracht hatte, ein Mann namens Palipana.
Das war Sarath in seinen lebendigsten Momenten, beinahe enthusiastisch, wie eines Abends nach einem Krebsessen in Mount Lavinia. Er stand vor der Brandung und beschrieb die Umrisse der Stadt mit den Händen, entwarf sie in der dunklen Luft. Durch die imaginären Linien, die er beschrieben hatte, konnte sie das Meer sehen, sein Wogen und Rollen, wie Sarath’ unvermittelte Erregung, die sich auf sie übertrug.
Im ganzen Zug waren Polizeibeamte. Der Mann stieg mit einem Vogelkäfig in der Hand ein, der einen Hirtenvogel enthielt. Er ging mit flüchtigen Blicken auf die anderen Passagiere durch die Waggons. Es war kein Sitzplatz frei; er setzte sich auf den Boden. Er trug einen Sarong, Sandalen, ein T-Shirt mit Galle-Road-Aufdruck. Es war ein langsamer Zug, der sich durch Felspässe mühte und plötzlich in weite Landschaften vorstieß. Der Mann wußte, daß etwa eine Meile vor Kurunegala ein Tunnel kam, in dessen klaustrophobische Finsternis der Zug einbiegen mußte. Ein paar Fenster würden offenstehen — man benötigte die frische Luft, obwohl der Lärm unerträglich war. Sobald der Tunnel durchquert wäre und man wieder ins Sonnenlicht gelangte, würde man sich schon zum Aussteigen bereit machen.
Er stand auf, als der Zug in die Dunkelheit einfuhr. Ein paar Augenblicke lang gab es das schwache, trübe Licht der Glühbirnen, bevor sie flackernd erloschen. Er hörte den Vogel sprechen. Drei Minuten Dunkelheit.
Der Mann bewegte sich schnell zu der Stelle, wo, wie er sich erinnerte, der Regierungsbeamte saß, gleich neben dem Gang. Im Dunkeln riß er ihn an den Haaren zu sich her, schlang ihm die Kette um den Hals und begann ihn zu erdrosseln. Er zählte schweigend die Sekunden in der Dunkelheit. Als das Gewicht des Mannes gegen ihn fiel, traute er ihm noch immer nicht und ließ die Kette nicht los.
Er hatte noch eine Minute Zeit. Er stand auf und zog den Mann hoch. Er hielt ihn aufrecht in den Armen und bugsierte ihn zum nächsten offenen Fenster. Für eine Sekunde gingen die gelben Lichter flackernd an. Er hätte ein Bild aus dem Traum von jemandem sein können.
Er hob den Mann hoch und schob ihn durch die Fensteröffnung. Der Fahrtwind drückte Kopf und Schultern in den Zug zurück. Er schob ihn weiter nach draußen und ließ ihn los, und der Mann verschwand im Getöse des Tunnels.
Als Anil mit einer Gruppe von Forensikern in Guatemala arbeitete, flog sie nach Miami, um sich mit Cullis zu treffen. Sie kam erschöpft an, mit angespanntem Gesicht und ausgezehrtem Körper. Ruhr, Hepatitis, Denguefieber machten die Runde. Ihr Team aß in den Dörfern, in denen sie Leichen exhumierten; sie mußten essen, was man ihnen anbot, denn für sie zu kochen war die einzige Möglichkeit der Dorfbewohner, sich zu beteiligen. »Man betet um Bohnen«, murmelte sie, während sie die Arbeitskleidung auszog, in der sie abgeflogen war, um den letzten Flug nicht zu verpassen, und sich im Hotel zum erstenmal seit Monaten in die Badewanne legte. »Ceviche läßt man liegen. Wenn man es essen muß, kotzt man es so schnell wie möglich heimlich wieder aus.« Sie aalte sich im Mirakel eines Schaumbads und bedachte ihn mit einem müden Lächeln, froh, zu ihm gekommen zu sein. Er kannte diesen erschöpften und konzentrierten Blick, die schleppende, undeutliche Stimme, mit der sie ihre Geschichten erzählte.
»Ich habe selber noch nie vorher gegraben. Ich arbeite normalerweise nur im Labor. Aber wir haben draußen exhumiert. Manuel hat mir eine Bürste und ein Paar Stäbchen in die Hand gedrückt und gesagt, ich soll den Boden aufgraben und wegbürsten. Am ersten Tag haben wir fünf Skelette gefunden.«
Er saß auf dem Wannenrand und betrachtete sie, die Augen geschlossen, der Welt fern. Sie hatte sich die Haare kurz schneiden lassen. Sie war abgemagert. Er konnte sehen, daß sie sich noch mehr in ihre Arbeit verliebt hatte. Erschöpft, aber auch belebt davon.
Sie beugte sich vor und zog den Stöpsel heraus, und dann legte sie sich wieder zurück, um zu spüren, wie das Wasser um sie herum sank. Dann stand sie auf den Kacheln, und ihr Körper hielt passiv still, während er das Badetuch an ihre dunklen Schultern preßte.
»Ich weiß die Namen diverser Knochen im menschlichen Skelett auf spanisch«, prahlte sie. »Ich kann ein bißchen Spanisch — der hier heißt omóplato. Schulterblatt. Maxilar superior ist der Oberkiefer. Occipucio heißt das Hinterhauptbein.« Sie sprach undeutlich, als sei sie betäubt und versuche rückwärts zu zählen. »Die Leute, die an solchen Fundorten arbeiten, sind eine bunte Mischung. Starpathologen aus den USA, die nicht mal zum Salzstreuer greifen können, ohne unterwegs einer Frau an den Busen zu grapschen. Und Manuel. Er ist von dort und genießt folglich weniger Schutz als wir anderen. Er hat mal zu mir gesagt: Wenn ich lange gegraben habe und müde bin und nicht mehr kann, dann denke ich daran, daß ich der in dem Grab sein könnte. Ich würde nicht wollen, daß der Ausgräber aufhört … Daran denke ich immer, wenn ich Schluß machen will. Ich schlafe im Stehen ein, Cullis. Ich kann nicht mal mehr reden. Lies mir was vor.«
»Ich habe etwas über norwegische Schlangen geschrieben.«
»Nein.«
»Lieber ein Gedicht?«
»Ja. Jederzeit.«
Doch Anil war bereits eingeschlafen, mit einem Lächeln auf dem Gesicht.
Cúbito. Omóplato. Occipucio. Cullis schrieb die drei Namen in sein Notizbuch; er saß am Tisch am anderen Ende des Zimmers. Sie lag im weißen Leinen der Bettwäsche verborgen. Ihre Hand bewegte sich unablässig, als bürste sie Erde weg.
Sie erwachte gegen sieben Uhr morgens im dunklen, heißen Zimmer und glitt nackt von dem großen Bett, in dem Cullis noch träumte. Das Labor fehlte ihr schon jetzt. Ihr fehlte die Anspannung, die sie durchfuhr, wenn die Lichter über den Aluminiumtischen eingeschaltet wurden.
Mit seinen bestickten Kissen und seinen Teppichböden hatte das Schlafzimmer in Miami die Atmosphäre einer Boutique. Anil trat ins Badezimmer und wusch sich das Gesicht, ließ sich etwas kaltes Wasser über die Haare laufen, war hellwach. Sie stellte sich unter die Dusche und drehte sie an, überlegte es sich aber nach einer Minute anders, weil sie einen Einfall hatte. Ohne sich vorher abzutrocknen, zog sie den Reißverschluß ihrer Reisetasche auf und entnahm ihr die große, veraltete Videokamera, die sie nach Miami mitgebracht hatte, um ein neues Mikrofon einbauen zu lassen. Es war eine aus zweiter Hand erstandene Fernsehkamera, die das forensische Team benutzte, ein Relikt aus den frühen achtziger Jahren. Sie arbeitete an Fundorten damit und hatte sich mit ihrem Gewicht und ihren Schwächen abgefunden. Sie steckte eine Kassette ein und hievte die Kamera auf ihre feuchte Schulter. Schaltete sie ein.
Sie begann mit einer Aufnahme des Zimmers, dann ging sie ins Badezimmer zurück und filmte sich kurz dabei, wie sie dem Spiegel zuwinkte. Eine Großaufnahme vom Stoff der Handtücher, eine Großaufnahme vom Wasser, das noch immer aus dem Duschkopf lief. Sie stellte sich aufs Bett und nahm Cullis’ schlafenden Kopf auf, seinen linken Arm, der dahin ausgestreckt war, wo sie die ganze Nacht neben ihm gelegen hatte. Ihr Kissen. Wieder Cullis, sein Mund, seine schönen Rippen, jetzt zurück vom Bett auf Bodenniveau, ohne zu wackeln, bis zu seinen Knöcheln. Ging dann rückwärts und nahm ihre Kleider auf dem Boden auf, danach den Tisch mit seinem Notizbuch. Großaufnahme des Geschriebenen.
Sie nahm die Kassette aus dem Gerät und begrub sie unter der Kleidung in seinem Koffer. Die Kamera packte sie in ihre Tasche zurück, und dann legte sie sich wieder neben ihn ins Bett.
Sie lagen im Sonnenlicht im Bett. »Ich kann mir deine Kindheit nicht vorstellen«, sagte er. »Du bist für mich ganz fremd. Colombo. Geht es dort gemächlich zu?«
»Drinnen ja. Draußen herrscht Hektik.«
»Du fährst nicht hin.«
»Nein.«
»Ein Freund von mir war in Singapur. Klimatisiert, wo man steht und geht! Er sagte, es sei, wie wenn man eine Woche bei Selfridges eingesperrt wäre.«
»Ich vermute, die Leute in Colombo hätten nichts dagegen, bei Selfridges eingesperrt zu sein.«
Ihr gemeinsames Leben war am besten in diesen kurzen ruhigen Zeiträumen, wenn sie sich nach dem Liebesakt im Dunkeln schläfrig unterhielten. Für ihn war sie wach und amüsant und schön, für sie war er verheiratet, immer interessant, ununterbrochen in der Defensive. Zwei von drei Dingen waren nicht gut.
Einmal waren sie sich in Montreal begegnet. Anil besuchte dort eine Tagung, und Cullis hatte sie in der Hotelhalle angesprochen.
»Ich verzieh mich«, hatte sie gesagt. »Es reicht jetzt!«
»Gehst du mit mir essen.«
»Ich habe schon etwas vor. Ich will den Abend mit Freunden verbringen. Komm doch mit. Wir haben tagelang über Papierbergen gebrütet. Ich kann dir das schlechteste Essen von Montreal versprechen, wenn du mit mir kommst.«
Sie fuhren durch Vororte.
»Sprichst du Französisch?« fragte er.
»Nein. Nur Englisch. Ich kann ein bißchen Singhalesisch schreiben.«
»Ist das dein kultureller Hintergrund?«
Ein namenloser Platz erschien neben der Schnellstraße, und sie parkte unter dem blinkenden Lichtschein eines Bowlerama. »Hier wohne ich«, sagte sie. »Im Westen.«
