Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Am Anfang waren sie immer zu dritt und wuchsen auf wie Geschwister: Anna, deren Mutter bei der Geburt gestorben ist, Claire, die von Annas Vater in Obhut genommen wird, da auch sie ihre Mutter verloren hat, und Cooper, der ganz allein ist - Waisen sind sie alle. Doch dann verliebt sich Anna in Cooper, und als ihr Vater sie ertappt, schlägt er den Ziehsohn halbtot. Da trennen sich ihre Wege. Cooper wird Profipokerspieler, Anna zieht in den Süden Frankreichs, nur Claire bleibt in der Gegend. Eine Geschichte von Spielern, Waisen und Künstlern, von einer kleinen Gemeinschaft von Außenseitern, die in völlig verschiedenen Welten leben - und davon, dass es in der Liebe, im Leben und in der Familie keine Unschuld geben kann.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 381
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Am Anfang waren sie immer zu dritt und wuchsen auf wie Geschwister: Anna, deren Mutter bei der Geburt gestorben ist, Claire, die von Annas Vater in Obhut genommen wird, da auch sie ihre Mutter verloren hat, und Cooper, der ganz allein ist — Waisen sind sie alle. Doch dann verliebt sich Anna in Cooper, und als ihr Vater sie ertappt, schlägt er den Ziehsohn halbtot. Da trennen sich ihre Wege. Cooper wird Profipokerspieler, Anna zieht in den Süden Frankreichs, nur Claire bleibt in der Gegend. Eine Geschichte von Spielern, Waisen und Künstlern, von einer kleinen Gemeinschaft von Außenseitern, die in völlig verschiedenen Welten leben — und davon, dass es in der Liebe, im Leben und in der Familie keine Unschuld geben kann.
Michael Ondaatje
Divisadero
Aus dem Englischen von Melanie Walz
Carl Hanser Verlag
Für John und Beverly
und in liebender Erinnerung an Creon Corea, für uns »Egilly«
Wenn ich dann in Deinen Armen liege, fragst Du mich manchmal, welchen historischen Augenblick ich gerne erleben würde. Und ich sage: Die Woche von Colettes Tod in Paris … den 3. August 1954. In wenigen Tagen wird man bei ihrem Staatsbegräbnis tausend Lilien auf ihr Grab legen, und ich will dort sein, die Allee nasser Linden entlanggehen, bis ich unter dem Fenster ihrer Wohnung im ersten Stock des Palais-Royal stehe. Die Geschichte von Menschen wie ihr weitet mir das Herz. Diese Schriftstellerin sagte, ihre einzige Tugend sei der Selbstzweifel. (Wenige Tage vor ihrem Tod soll Jean Genet Colette besucht haben, ohne etwas zu stehlen. Ah, der Edelmut des großen Diebes …)
Wir haben die Kunst, sagt Nietzsche, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen. Die nackte Wahrheit eines Ereignisses endet nie, und Coops Geschichte und das Terrain des Lebens meiner Schwester sind für mich endlos. Wenn spät nach Mitternacht das Telefon klingelt und ich abnehme, sind sie jedesmal das unverhofft Mögliche, und ich warte auf seine Stimme oder auf den tiefen Atemzug, bevor Claire ihren Namen sagt.
Denn ich habe mich von derjenigen abgesondert, die ich bei ihnen war, die ich einst war. Als ich Anna hieß.
Erster Teil
Neben der Hütte unseres Großvaters, oben auf dem Berggrat, gegenüber einem Abhang mit Roßkastanien, sitzt Claire auf ihrem Pferd, in eine dicke Decke gehüllt. Sie hat im Freien übernachtet, hat Feuer gemacht im Kamin der kleinen Hütte, die unser Großvater vor einer Generation erbaute und in der er lebte wie ein Einsiedler oder wie ein Tier, als er in dieses Land kam. Er war ein selbstgenügsamer Hagestolz, dem zuletzt alles Land gehörte, so weit der Blick reichte. Mit Vierzig heiratete er ohne großen Enthusiasmus und bekam einen Sohn, dem er diese Farm an der Petaluma Road hinterließ.
Claire reitet langsam den Berggrat zwischen den zwei Tälern voller Morgennebel entlang. Zu ihrer Linken liegt die Küste, zu ihrer Rechten der Weg nach Sacramento und zu den Städten im Flußdelta wie Rio Vista mit seinen vom Goldrausch übriggebliebenen Bewohnern.
Sie hält das Pferd dazu an, durch das Weiß und an enggedrängten Bäumen entlang hinunterzugehen. Seit zwanzig Minuten riecht sie Rauch, und bevor sie Glen Ellen erreicht, sieht sie, daß die Bar der Ortschaft in Flammen steht — der örtliche Brandstifter hat früh zugeschlagen, solange mit Kundschaft noch nicht zu rechnen ist. Ohne abzusteigen, sieht sie aus der Ferne zu. Territorial, das Pferd, läßt sich fast nie zum zweitenmal besteigen, höchstens einmal am Tag kann man es überrumpeln. Reiterin und Pferd vertrauen einander nicht so recht, obwohl dieses Pferd der engste Verbündete meiner Schwester Claire ist. Sie greift zu unfairen Mitteln, um es am Aufbäumen und Ausschlagen zu hindern; sie schleppt Plastiktüten voller Wasser an, das sie ihm über den Hals gießt, so daß das Tier die Flüssigkeit für sein Blut hält und sich einen Augenblick lang ruhig verhält. Zu Pferde ist Claire ihr Hinken nicht anzusehen, sondern sie gebietet über das Universum, eine Kentaurin. Eines Tages wird sie einen Kentaur finden und ihn heiraten.
Es dauert eine Stunde, bis das Feuer erlöscht. Die Glen Ellen Bar war schon immer Schauplatz von Schlägereien; auch jetzt sieht Claire vereinzelt Handgreiflichkeiten, vielleicht zu Ehren der Lokalität. Sie leitet ihr Pferd an dem glatten roten Stamm eines Erdbeerbaums entlang und ißt die Früchte, dann reitet sie an dem Feuer vorbei in die Stadt. Als sie vorbeikommt, hört sie die letzten Balken unter Donnergrollen einstürzen und lenkt ihr Pferd weg.
Auf dem Rückweg kommt sie an Weinbergen vorbei, in denen urzeitlich wirkende Heißluftgebläse warme Luft zirkulieren lassen, um die Reben vor Frost zu schützen. Zehn Jahre früher, in ihrer Kindheit, hatten Eimer mit Brennstoff die ganze Nacht gequalmt, um die Luft zu erwärmen.
Meistens kommen wir morgens in die dunkle Küche und schneiden uns schweigend dicke Scheiben Käse ab. Mein Vater trinkt eine Tasse Rotwein. Dann gehen wir zum Stall. Coop ist schon dort, recht das schmutzige Stroh zusammen, und dann melken wir die Kühe, den Kopf an ihre Flanken gelehnt. Ein Vater, seine zwei elfjährigen Töchter und der Knecht Coop, ein paar Jahre älter als wir. Niemand hat bisher gesprochen, man hört nur die Geräusche der Eimer und der Gatter, die geöffnet werden.
Damals sprach Coop selten, in einem leise gemurmelten Monolog, als wäre die Sprache ihm nicht vertraut. Letztlich versicherte er sich dessen, was er sah — des Lichts im Stall, der Stelle, wo er über den Zaun klettern konnte, welches Huhn er von den anderen wegscheuchen, einfangen und unter den Arm stecken sollte. Claire und ich hörten zu, wenn sich die Gelegenheit bot. Damals war Coop ein offenherziger Mensch. Wir begriffen, daß seine Schweigsamkeit nicht aus einem Wunsch nach Alleinsein herrührte, sondern aus Unsicherheit gegenüber den Wörtern. Gewandt war er in der Welt materieller Dinge, in der er uns beschützte. Aber in der Welt der Sprache war er unser Schüler.
Damals waren wir Schwestern weitgehend uns selbst überlassen. Unser Vater hatte uns ohne Hilfe aufgezogen und hatte zuviel zu tun, um Verwicklungen zu erahnen. Er war zufrieden, wenn wir unseren Teil der Arbeit auf dem Hof verrichteten, und fuhr schnell aus der Haut, wenn er uns nicht finden konnte. Seit dem Tod unserer Mutter war Coop derjenige, der uns zuhörte, wenn wir jammerten oder schimpften, und er war immer für uns da, wenn wir ihn brauchten. Unser Vater tat so, als wäre Coop gar nicht vorhanden. Er wollte einen Farmer aus ihm machen, weiter nichts. Doch Coop las Bücher über Goldsucher und Goldminen im Nordosten Kaliforniens, über die Leute, die am linken Ufer einer Flußbiegung alles gewagt und ein Vermögen gefunden hatten. Im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert war er zwar hundert Jahre zu spät dran, aber er wußte, daß es noch immer Goldvorkommen gab, in Flüssen, unter dem Gras der Prärie und in den Sierras mit ihren Nadelwäldern.
Auf einem Regalbrett in der Garderobe unserer Farm stieß ich auf ein Buch oder eher eine Broschüre mit schmalem weißen Rücken: Gespräche mit Kaliforniern: Frauen von früher und von heute. Da die meisten dieser Frauen nicht schreiben konnten, hatten Archivare aus Berkeley mit Tonbandgeräten diese Lebensläufe und das Spezifische der Vergangenheit aufgezeichnet. Die Aufnahmen reichten vom Anfang des neunzehnten Jahrhunderts bis in unsere Tage, von »Doña Eulalias Bericht« bis zu »Lydia Mendes’ Bericht«. Lydia Mendes war unsere Mutter. Hier entdeckten wir die Frau, die in der Woche gestorben war, in der Claire und ich geboren waren. Nur Coop, der seit seiner Kindheit auf der Farm arbeitete, hatte sie gekannt. Für Claire und mich war sie ein Gerücht, ein Gespenst, das unser Vater nur selten erwähnte, jemand, der für ein paar Absätze in diesem Buch interviewt worden war, begleitet von einem unscharfen Schwarzweißfoto.
Alle Menschen in diesem Buch kennzeichnete eine Demut, das Gefühl, daß die Geschichte um sie herum war, nicht in ihnen. »Wir stammen aus der Central Plain im Nordosten von Los Angeles, wo mein Vater in den Asphaltsteinbrüchen arbeitete. Ich habe mit Achtzehn geheiratet, und bei unserer Hochzeit haben wir immer wieder zu La Voquilla und El Grullo getanzt — mein Mann sagte, die Geiger und Gitarristen seien die besten weit und breit gewesen. Neben dem großen Felsblock auf der Weide war das Büffet auf Böcken angerichtet. Der Vater meines Mannes war dreißig Jahre zuvor in San Francisco gelandet, und man hat mir erzählt, daß er am selben Tag mit dem Dampfer nach Petaluma fuhr und dann dieses Haus baute. Als ich ankam, gab es an die tausend Legehennen. Aber mein Mann wollte keine fremden Arbeiter auf unserer Farm, und deshalb hielten wir nur Milchvieh und bauten Getreide an — die Hühner wurden von Füchsen geholt, und es war zuviel Arbeit, ständig auf sie aufzupassen. In den Bergen gab es auch Luchse und Kojoten, Klapperschlangen zwischen den Mammutbäumen, und einmal habe ich einen Puma gesehen. Aber die teuflischste Plage waren die Disteln. Wir taten alles, um sie auszurotten, aber die Nachbarn machten es nicht richtig, und ihr Distelsamen flog auf unser Land.
Etwas weiter an der Petaluma Road wohnte ein Mann mit einer Herde von hundert Ziegen, ein freundlicher Mann. Manchmal haben seine Ziegen unsere Wiesen und Felder abgeweidet — seine Ziegen waren eine besondere kleine Rasse, die Disteln fressen und verdauen kann, ihr Magen läßt von den Samen einfach nichts übrig. Eine Kuh kann das nicht. Eine Kuh frißt Disteln, und die Samen kommen einfach wieder raus. Wenn man Disteln verabscheute, mußte man diesen Mann lieben … Auf der Farm neben unserer kam es zu einer schrecklichen Gewalttat. Die Coopers wurden von einem Tagelöhner umgebracht, mit einem Holzscheit totgeschlagen. Zuerst wußte niemand, wer so etwas getan haben konnte, doch ihr Sohn hatte sich tagelang in dem Zwischenraum unter dem Fußboden versteckt. Er war vier Jahre alt, und als er herauskroch, sagte er, wer es getan hatte. Wir nahmen den Jungen auf, er wohnte und arbeitete bei uns.«
Das ist das ganze Bild unserer Mutter, das wir besitzen. Was sie sonst gedacht und erwogen haben mag, verharrt in einer unwiderruflichen Ferne. Sie hatte fast nur von Geschehnissen gesprochen, die ihr widerfuhren, und so wußten wir nur von ihrer Zuneigung zu dem Ziegenhirten, ihrer kurzen Freude am Tanzen, den Einzelheiten der Bluttat auf der Nachbarsfarm, die Coop zu uns gebracht hatte. Man erfährt nichts über ihre Vergnügungen oder ihre Intelligenz oder ihr Mitgefühl — Dinge, die für unseren Vater Leitsterne gewesen sein müssen. Nur diese zwei Seiten über eine »Kalifornierin«, die mit dreiundzwanzig Jahren im Kindbett sterben sollte.
Was sich folglich nicht in dem schmalen weißen Buch findet, ist das seltsame Verhalten unseres Vaters in dem von ihrem Tod ausgelösten Chaos, als er inoffiziell ein zweites Kind im selben Krankenhaus adoptierte, die Tochter einer Mutter, die ebenfalls im Kindbett gestorben war, und beide Kinder mit nach Hause nahm und das angenommene Kind, Claire, aufzog, als wäre es sein eigenes. So kam es, daß es zwei Töchter gab, Anna und Claire, in derselben Woche geboren. Alle hielten beide für seine Töchter. Das war, wozu Lydia Mendes’ Tod unseren Vater anstiftete. Die tote Mutter des zweiten Mädchens hatte keine Verwandten, war vielleicht ganz allein gewesen; das mochte ihn ermutigt haben. Es war ein kleines Landkrankenhaus am Stadtrand von Santa Rosa, und um es unverblümt zu sagen, schuldeten sie ihm eine Frau, waren sie ihm etwas schuldig.
Hin und wieder nahm unser Vater uns in die Arme wie jeder andere Vater, aber nur, wenn man ihn in dem Niemandsland zwischen Müdigkeit und Einschlafen erwischte, wenn er sich selbst nicht in der Hand zu haben schien. Ich schmiegte mich dann an ihn auf dem alten Sofa mit der Überdecke und lag wie ein Hündchen in seinen Armen und ahmte seine Erschöpfung nach, die von zuviel Sonne herrühren mochte oder von zu schwerer Arbeit.
Auch Claire war manchmal da, wenn sie nicht lieber allein war oder wenn es stürmte. Aber ich wollte nur mein Gesicht an seinem karierten Hemd vergraben und mich schlafend stellen. Als wäre das Einatmen des Geruchs eines Erwachsenen etwas Sündhaftes und zugleich Herrliches und ganz sicherlich etwas, was einem zustand. Tagsüber wäre an so etwas nicht zu denken gewesen, er hätte uns weggeschoben. Er war kein moderner Vater, war mit einigen wenigen männlichen Regeln aufgewachsen und hatte keine Frau mehr, die seine Überzeugungen beurteilt oder in Frage gestellt hätte. Man mußte ihn daher in seinem Dämmerzustand überraschen, wenn er auf der karierten Sofadecke die Kontrolle abgegeben hatte und seine Töchter in beiden Armen an sich gedrückt hielt. Ich betrachtete dann das Zucken unter seinen Lidern, das Zittern unter der Haut, das seine Müdigkeit verriet, als zöge ihn ein Seil mitten im Fluß davon. Und dann schlief auch ich ein, sank in die Schicht, die ihm am nächsten war. Ich finde, ein Vater, der einem das erlaubt, sollte einen bis an das Ende aller Tage beschützen.
Mehr als ein Jahrhundert vor uns hatte im Oktober 1849 eine Gruppe Männer ein paar hundert Meilen nördlich von hier kampiert. An einer Stelle, die sie Badger Hill nannten, errichteten sie Hütten und begannen nach Gold zu suchen. Zwanzig Männer standen knietief im eiskalten Flußwasser und siebten es, und fast hätten sie klein beigegeben, als die Winterstürme über sie herfielen. Doch innerhalb von sechs Monaten hatte sich an dem Ort, der später Grass Valley heißen würde, goldgeädertes Quarzgestein gefunden. Hundert baufällige Hotels wuchsen aus dem Boden, und kuriose Namen für Minen sprenkelten die unablässig neugedruckten Landkarten — Wassersuppe, Delirium tremens, Theaterdonner, Teufelsdreck, Friedhof, Einzelgänger, Fette Hölle, Non Plus Ultra, Silbergabel, Schaukelpferd, Sultana. Männer verirrten sich ohne Proviant in den Bergen und wurden aus Not zum Jäger, erlegten mit Gewehr und Pistole Wildvögel, Rinder, Bären. Revolverhelden kamen. Metzgerläden wurden eröffnet. Dampfschiffe fuhren landeinwärts bis zur entferntesten schiffbaren Stelle, bis zum Feather River. Eine vielköpfige Zivilisation hielt Einzug. Spieler, Wasserspekulanten, Prostituierte, Tagebuchführende, Kaffeetrinker, Whiskyhändler, Dichter, heldenhafte Hunde, Versandhauskatalogbräute, Frauen, die sich in Jungen verliebten, denen das Glück zum Greifen nahe kam, alte Männer, die ihr Gold verschluckten, um es bei der Rückfahrt zur Küste zu verstecken, Ballonfahrer, Mystiker, Lola Montez, Opernsängerinnen — gute, schlechte, solche, die sich durch das Territorium vögelten. Arbeiter sprengten steile Schluchten und den Boden unter den eigenen Füßen weg. Unter der Stadt Iowa Hill befanden sich mehr als dreitausend Kilometer Tunnel. Sonora brannte ab. Weaverville brannte ab. Shasta und Columbia brannten ab. Wurden wieder aufgebaut und brannten wieder ab und wurden wieder aufgebaut. Sacramento ging unter.
Hundert Jahre später, zur Zeit von Coops Besessenheit, gab es noch immer fünftausend hauptberufliche Goldsucher an den Ufern des Yuba und des Russian River. Sie machten die alten Städte in den Sierras ausfindig, nach Geliebten und Hunden und Romanfiguren auf Namen getauft, die eine Zeitkapsel des Hungers und der Sehnsucht nach einem neuen Leben waren. Non Plus Ultra! An jedem winzigen Punkt der Karte hatte sich etwas ereignet. An diesem Flußufer hatten zwei Brüder einander erschlagen, als sie darüber stritten, welchen Weg sie einschlagen sollten. Auf jener Lichtung war vor hundert Jahren eine Frau gegen ein Grundstück getauscht worden. Es war, als lauerte hinter jeder Wegbiegung ein Balzac-Roman.
Inzwischen kamen Goldsucher mit silbernen Airstream-Wohnmobilen und benzinbetriebenen Baggern, mit denen sie alle Reste vom Grund der Flüsse aufsaugten. Hundert Jahre Überschwemmungen und Stürme hatten das Gold in seinen prähistorischen Lagern gelockert und in die Flüsse eingespeist. Goldgräber in Froschmannanzügen »filzten« die Flüsse und schwammen in der Dunkelheit unter Wasser, riesige Lichtgefäße in der Hand, als befände sich dort das Grab eines großen und ungeliebten Heiligen.
Alles, was mit dem Gold zu tun hatte, widersprach Coops Leben auf unserer Farm. Er muß noch immer das Gefühl gehabt haben, von nirgendwo zu kommen; nie hatten wir ein Wort über den entsetzlichen Mord an seinen Eltern verloren. Ihm war eine Rolle zugewiesen worden, die mit den Gepflogenheiten und Pflichten des Farmlebens eng verbunden war; inzwischen konnte er mit geschlossenen Augen zu der Hütte unseres Großvaters auf dem Bergkamm reiten und dem Geräusch des Windes in einem Baum so unfehlbar entnehmen, wo er sich aufhielt und in welche Richtung er blickte, als befände er sich in einem verläßlichen, von Menschenhand gebauten Raum. Unser Land war von Steinen und Geröll befreit, die Bretter der Tischplatte waren so sauber wie ein Blatt Papier, die Zauntore zugesperrt und aufgesperrt, zugesperrt und aufgesperrt. Doch das Gold war für Coop Euphorie und Glückstreffer, unberechenbar und launisch, Aufschneidergeprahle mit Morden, vertauschter Persönlichkeit und Liebesgeschichten. Er trampte die zwei Stunden bis zu der Straße von Colfax nach Iowa Hill und beobachtete die Männer, die mit ihrem Goldgräberwerkzeug in der nördlichen Gabelung des Russian River arbeiteten. Er war siebzehn, als er sich spontan für ein Taschengeld und das Versprechen einer Beteiligung zum Bedienen der Anaconda-Schläuche verdingte. Am Ende der Woche kam er mit einer Rückenprellung nach Hause zurück. Vor uns Mädchen, seinem neugierigen Publikum, schwieg er sich darüber aus, wo er gewesen war. Wo immer er gewesen war, soviel begriffen wir, war er zu einem anderen geworden, hatte er an etwas Gefährlichem teilgehabt.
Er war von der Plattform im Wasser gesprungen, den Anaconda-Schlauch in den Armen, und zum Grund des Flusses gesunken. Im nächsten Augenblick waren die Generatoren angesprungen, und sein Körper war hin und her gebeutelt worden, als er den widerspenstigen Schlauch unter Felsbrocken zu richten versuchte, um dort verborgenes Gold zu finden. Sobald das Vakuum aussetzte, das den Schlauch an das Geröll saugte, peitschte er aus dem Wasser empor und trug Coop mit sich hinauf, bis Coop auf die harte Wasseroberfläche aufschlug und wieder untertauchte mit dem Glas und dem Leder und dem Eisen des Taucherhelms, der ihm schmerzhaft im Genick hing, während das dünne Luftröhrchen im Inneren des Helms unbeholfen und ungewiß und, wie er wußte, unzuverlässig in seinen Mund führte.
Coop saß mit uns in der kleinen, dunklen Küche unserer Farm und versuchte uns davon zu erzählen, doch es war zu schwierig, uns auch nur annähernd zu schildern, wie absurd und gefährlich gewesen war, was er sich zugemutet hatte. Folglich erfuhren wir nie, was geschehen war. Ich weiß noch, daß wir dasaßen und riefen: »Coops verlorene Woche, Coops verlorene Woche. Wo ist er gewesen? Wen hat er gesehen? Wer war die Frau, die ihn so geschafft hat?«
Die sanft gewellten Hügel unserer Farm waren im winterlichen Dauerregen grün und in Sommer und Herbst braungedörrt. Auf dem Nachhauseweg von Nicasio in nördliche Richtung fuhren wir bis zum Gipfel der Hügel hinauf und bogen dann steil nach rechts auf den engen unbefestigten Weg ab, der eine Viertelmeile bergabwärts führte, bevor man die Ställe unserer Farm erreichte; der Wagen holperte über Hemmschwellen aus Gummi von Traktorenreifen, mit Bolzen an den Boden genagelt. Später, wenn Claire und ich von Partys in Glen Ellen zurückkamen, im Halbschlaf und mit voller Blase, verwünschten wir diese Hemmschwellen. Wir mußten im Dunkeln am Fuß des Hügels anhalten. »Ich bin dran«, sagte ich und stieg in meinem neuen Baumwollkleid und den engen Schuhen aus, um die allzu zutraulichen, hellwachen Maultiere von dem Weg zu verscheuchen, damit wir weiterfahren konnten.
Als Schwestern spiegelten wir einander, wetteiferten miteinander, und Coop war unser beider Idol. Als er zum jungen Mann wurde, entdeckten wir, daß er andere Leben hatte, wenn er ab und zu in die Stadt verschwand, wo er sich in Billardsalons und Tanzdielen herumtrieb, und gerade noch rechtzeitig zurückkam, um Claire zum Klavierunterricht nach Nicasio zu fahren. Sie betrachtete seine sehnigen braunen Hände, beobachtete, wie er die Kupplung bediente, wie er in Kurven fuhr, als führte er sie beide durch Wasser, und mit einer Handbewegung wieder dem geraden Straßenverlauf folgte. Sie bewunderte Coop, der sich immer so lässig und unaufgeregt verhielt. Als er sie ein Jahr später abholte, rutschte er auf den Beifahrersitz und warf ihr die Autoschlüssel zu, nahm ein Taschenbuch aus dem Handschuhfach und fing an zu lesen, während sie hektisch und hilflos den mit einemmal schwerfälligen Wagen mühsam — ihr war, als schrie sie — die kurvenreiche Straße zum Berggipfel hinaufsteuerte, bevor er bergab zur Farm schnurrte. Coop blickte kein einziges Mal auf, sagte kein Wort, sah höchstens im Seitenspiegel einem Maultier ins Gesicht, das sie fast gestreift hätten. Von da an fuhr Claire allein zum Klavierunterricht, und Coop fehlte ihr. Coop, der nonchalant einen Heuballen schulterte und zur Scheune ging, während er sich mit der freien Hand eine Zigarette anzündete.
Manchmal fuhren wir den Hügel mit ausgeschalteten Scheinwerfern in völliger Finsternis hinunter. Oder Claire und ich kletterten aus unserem Schlafzimmerfenster auf den Rand des Dachs und legten uns auf dem großen flachen, noch vom Tage warmen Felsen auf den Rücken. Wir redeten und sangen in die Nacht. Wir zählten die Sekunden zwischen Meteoritenschauern, die horizontal über das Firmament huschten. Wir sahen die Scharen von Rotdrosseln, die immer auf den Telefondrähten hockten und laut zwitscherten, bevor ein Sturm losging. Wenn der Donner Haus und Pferdeställe erschütterte, sah ich in den Sekunden gleißenden Lichts Claire im Bett gegenüber kerzengerade sitzen wie einen jungen Jagdhund, fast ohne zu atmen, sich bekreuzigend. Es gab Tage, an denen Claire auf ihrem Pferd verschwand und ich in ein Buch verschwand. Doch damals teilten wir noch alles. Die Bar in Nicasio, die Druid’s Hall, das Sebastiani-Kino in Sonoma, dessen Leinwand sich wie die Oberfläche des Petaluma-Stausees mit jedem Lichtstrahl veränderte. Im Februar gab es eine purpurviolette Blume, die Götterblume hieß. Es gab die Weidengerten, die Coop abschnitt, um mein gebrochenes Handgelenk zu schienen, bevor er mich ins Krankenhaus brachte. Ich war vierzehn. Er war achtzehn. Alles ist biographisch, sagt Lucien Freud. Was wir machen, warum es gemacht wird, wie wir einen Hund zeichnen, wer uns anzieht, warum wir nicht vergessen können. Alles ist Collage, sogar die Genetik. Andere sind verborgen in uns gegenwärtig, sogar jene, die wir kaum gekannt haben. Wir enthalten sie für den Rest unseres Lebens bei jeder Grenze, die wir überschreiten.
Wer war Coop wirklich? Wir haben nie erfahren, wie seine Eltern gewesen waren. Wir wußten nie genau, was er von unserer Familie hielt, die ihn aufgenommen und ihm ein anderes Leben zugeteilt hatte. Er war der gefährdete Erbe einer Mordtat. Als Teenager war er scheu, verlangte nicht mehr, als man ihm gab. Im Morgengrauen kam er aus einem der Schuppen wie eine Bauernhofkatze, dehnte und streckte sich, als hätte er tagelang geschlafen, obwohl er in Wahrheit erst drei oder vier Stunden zuvor von einem Billardsalon in San Francisco zurückgekommen war, die sechzig Meilen in der Dunkelheit als Anhalter gefahren war. Schon damals fragte ich mich, wie er in einer künftigen Welt überleben oder leben sollte. Wir beobachteten ihn, wenn er im Selbstgespräch überlegte, während er einen Traktor auseinandernahm oder den Kühler eines Schrottautos an einen 58er Buick schweißte. Alles war eine Collage.
Es gibt ein Album mit Fotos, die unser Vater von Claire und mir gemacht hat, ein Fotoalbum, das in Zeitsprüngen unser Aufwachsen dokumentiert, von unserem ersten ahnungslosen Posieren bis zu wilden oder koketten Blicken, als die wahrere Landschaft unserer Gesichter sich zu enthüllen begann. Zwischen Weihnachten und Neujahr — das Foto wurde immer zu dieser Zeit aufgenommen — scheuchte man uns an einem Spätnachmittag auf die Weide neben den Felsen (wo unsere Mutter begraben war) und bannte uns auf ein Schwarzweißfoto. Unser Vater bestand auf anständiger Kleidung, obwohl in späteren Jahren Claire in zerrissenen Jeans erschien oder ich eine entblößte Schulter zeigte, was eine zwanzigminütige Debatte auslöste. Er fand so etwas nicht komisch. Das jährliche Ereignis war ihm ein Bedürfnis, als wäre es ein sorgfältig gedeckter Tisch, der die Vergangenheit erhellen konnte.
Wir studierten uns auf diesem sich entwickelnden Porträt. Es machte uns zu heimlichen Konkurrentinnen. Man wurde schöner oder verschlossener, befangener oder zügelloser. Unsere Posen enthüllten und verrieten uns. Zum Beispiel senkte Claire in einem Jahr ihr Gesicht, um eine Narbe zu verbergen. Obwohl wir fast unzertrennlich gewesen waren, strebten wir auseinander, stimmten uns insgeheim auf unser eigenes Bild von uns ab. Und dann gab es das letzte Foto, als wir beide sechzehn waren, auf dem unsere Gesichter schutzlos den Betrachter anblicken, wie von den Scheinwerfern eines herannahenden Wagens erfaßt. Ein Bild, das ich ein Jahr später aus dem Album reißen würde.
Claire erinnert sich, daß sie pfeifend in den Pferdestall gegangen war und nach einem Zügel greifen wollte, als sie hörte, wie im Dunkeln ein Eimer umgetreten wurde. Niemand ließ im Stall einen Eimer herumstehen; das Geräusch bedeutete, daß entweder jemand im Stall war oder daß ein Pferd sich losgerissen hatte. Sie trat mit unsicheren Schritten vor, die Zügel noch in der Hand. Sie rief nicht. Sie gelangte zu dem Gang zwischen den Boxen, spähte hinein und sah mich in der dunklen Stille des Stalls reglos auf dem Boden liegen. Und als sie zu mir ging, raste das Pferd schnaubend aus der Dunkelheit und rammte sie, warf sie zu Boden.
In unser beider Erinnerung ist der Weg zu diesem Geschehen lückenhaft. Wir sind uns nur dessen gewahr, daß etwas Schwerwiegendes geschehen sein mußte. Claire erinnert sich daran, daß sie pfeifend in den Stall getreten war, doch mit dem, was dann geschah, was wir zusammenzusetzen versucht haben, ist sie noch immer zu nahe an dem erinnerten Beweismaterial, so als könnte sie nur Farbkörner in Nahaufnahme sehen. Claire hatte einen Augenblick lang den Blick auf mich geheftet, die ich bereits von dem tobenden Pferd zu Boden getreten worden war, und dann war das Pferd aus der Dunkelheit gerast und hatte sie angefallen, und sie hatte das Bewußtsein verloren. Oder sie war in einen ähnlichen Zustand geraten wie ich, halbwach auf dem Zementboden, außerstande, sich zu rühren, während um uns herum alles grell und wie in einem Alptraum war, Hufe, die gegen den Boden knallten — mir war, als sähe ich den Lärm wie Funken und Flammen. Das Tier muß vor Panik und Klaustrophobie halb wahnsinnig gewesen sein; es raste den Gang entlang, hin und zurück, rutschte auf Stroh und Zement aus, krachte gegen Holzwände, rannte durch den Stall, machte an dem unpassierbaren Ausgang wieder kehrt, in Todesangst. War sie, war ich unterdessen bei Bewußtsein oder bewußtlos? Oder weilten wir in einer Geisterwelt, ohne recht zu wissen, ob wir tot waren oder lebendig?
Als Claire wieder die Augen öffnete, hatte ich mich offenbar in zwei Meter Entfernung aufgesetzt und starrte sie an, ohne mich zu regen. Ich fühlte mich außerstande aufzustehen und hatte nur eine nebulöse Vorstellung davon, was eigentlich passiert war. Um uns herum lagen lose Bretter verstreut. Niemand hatte Ausschau nach uns gehalten. Es war Abendessenszeit, wie ich dem Licht entnahm, das auf die schmutzigen Fensterscheiben fiel.
Territorial lautete der schöne Name, den Claire dem Pferd gegeben hatte. Ich starrte sie weiter an. Später sagte ich ihr, das viele Blut an ihrer Wange sei der Grund gewesen, und sie sagte, nur ihre Hände hätten weh getan. Wir waren beide fünfzehn; schließlich kam Coop in den Stall und hockte sich zu mir und nannte mich »Claire«. Und Claire war verwirrt und wußte für einen Augenblick nicht, wer sie war. Aber sie war Claire, und unter dem linken Auge war ein Schnitt, der zu einer dünnen Narbe wie eine fast getrocknete Träne werden würde, aus dem all dieses Blut gequollen war, als wäre dieser feine Schnitt etwas wie ein Spalt unter einer Tür gewesen, durch den Lärm und Licht dringen konnten.
Etwas geschah an jenem frühen Abend mit uns beiden in diesem Stall, in der Verwirrung. Es war, als wären wir unvermittelt in die weite, ungewisse Welt der Erwachsenen gelangt und als müßten wir von nun an deutlich unterscheidbar Anna und Claire sein. Es wurde wichtig, nicht als »Schwester von« zu gelten oder, schlimmer noch, mit ihr verwechselt zu werden. Von da an bemühten wir uns, Coop in unser Leben einzubeziehen. In den folgenden Monaten versetzten wir uns oft in den »Zwischenfall« zurück, um uns darüber zu unterhalten. Von da an gab es eine Grenze zwischen uns, etwas, was wir auf der Reihe von Fotos, die uns weiterhin Arm in Arm zeigten, nie erreicht hatten. Das Album hat Claire vermutlich immer noch, auf einem ihrer Bücherborde. Wenn sie es betrachtet, kann sie vielleicht genauer analysieren, wie wir beide uns voneinander weg entwickelt haben. In dem Jahr, als Claire ihre Haare kurz schnitt und unnahbarer wurde, in dem Jahr, als ich aus aufgerissenen, verstörten Augen schaute, alles in meinem Inneren ein Geheimnis.
Warum war Coop nie auf einem dieser Fotos meines Vaters zu sehen? Es gab vereinzelte Fotos von Coop, aber Stoff und Licht schienen auf diesen Bildern wichtiger zu sein. Und es gab schemenhafte Spiegelbilder Coops in einer Fensterscheibe oder seinen Schatten im Gras, an der Flanke eines Tiers. Gegen wie viele Dinge kann man sein Bild werfen?
Jedenfalls hatte Coop uns an jenem Abend im Stall gefunden und uns miteinander verwechselt, war Coop zuletzt zu mir gekommen, hatte mich in die Arme genommen und hochgehoben und gesagt: »Claire, mein Gott, Claire«, und ich hatte gedacht: Dann bin ich nicht Anna, dann muß Anna die da drüben sein.
Coop begann in der Hütte unseres Großvaters zu wohnen. Von dort oben auf dem Berggrat konnte er auf Färbereichen und Roßkastanien sehen, wo sich jeden Morgen ungefähr eine Stunde lang ein Gletscher aus Nebel zeigte, als hätte er sich im Gewirr der Äste verfangen. Er war jetzt neunzehn, lebte in gewollter Einsamkeit. Er reparierte und renovierte die Hütte ganz allein. Er badete in dem kalten Wasser eines Bergsees. Abends schlich er an dem Farmhaus vorbei und landete in Nicasio oder Glen Ellen, wo er Musik hörte. Manchmal aß er mit den anderen, stand plötzlich auf, noch ein Stück Brot in der Hand, und fort war er — unangekündigt verschwunden. Die Schwestern wußten inzwischen, daß ihre Tage mit Coop gezählt waren. Er war höflich und unbeherrscht, an den meisten Abenden unterwegs. Wenn er zurückkam, schaltete er den Motor oben auf dem Berg aus und ließ den Wagen hinunterrollen, damit ihn niemand hörte; dann ging er im Dunkeln die halbe Meile zu seiner Hütte hinauf.
Nur wenn die Mädchen unbedingt Musik hören wollten, begleitete er sie in die Stadt. Zum Tanzen in Nicasio trugen Claire und Anna ihre Kleider aus San Rafael und erörterten und bewerteten die Männer in der Bar, als zählte Coop, der neben ihnen saß, zu einer anderen Spezies. Er hielt Distanz zu ihnen, lachte leise in sich hinein, wortkarg. Wer ist Coop eigentlich? fragten sie sich. Als sie einmal Rancho Nicasio aufsuchten, eine Stunde nachdem er verschwunden war, sahen sie ihn mitten in dem Getümmel auf der kleinen Tanzfläche. Frauen wurden von seinen braunen Armen herumgewirbelt und aufgefangen. Er war kein guter, eigentlich sogar ein ziemlich schlechter Tänzer, doch Mädchen schmiegten ihr Gesicht an seinen Hals, ihre hübschen Absätze neben seinen Stiefeln voller Kuhmist. »Na ja, er ist eben ein Cowboy«, befand Anna. Sie wollten den Zauberbann nicht brechen und verschwanden, bevor er sie in der Menge ausmachen konnte.
Da er der Ältere war, blieb er der emotionale Vermittler und Übersetzer zwischen ihnen und ihrem Vater, als hätte man ihm die mäßigende Rolle übergeben, die einer Mutter zugekommen wäre. Es paßte nicht zu seinem Temperament, und vielleicht hatte der Wunsch, sich alledem zu entziehen, ihn dazu bewegt, in die Hütte des Großvaters in einer Dreiviertelmeile Entfernung zu ziehen. Um sie wieder aufzubauen, brauchte er Geld, das er mit zusätzlicher Arbeit verdiente. Vor Jahren hatte seine erste Tätigkeit auf der Farm darin bestanden, dem Vater zu helfen, den Wasserturm zu errichten, der jetzt wie ein Ausguck über den Wiesen thronte. Das graue Gebäude war auf seinen skelettartigen Stützen langsam gewachsen, und noch bevor es vollendet war, hatte Coop sich oft auf dem schrägen Dach ausgestreckt und den Blick zu den benachbarten Hügeln schweifen lassen, als wiesen sie einen Weg hinaus. Jetzt, zehn Jahre später, war im dunklen Inneren des Reservoirs ein Leck entstanden.
In dem Augenblick, als Coop die Falltür öffnete und hinuntersah, überkam ihn Panik. Vielleicht war ja eine Schlange oder gar eine Leiche in dem dunklen Wasser. Er blieb einen letzten Augenblick im Sonnenlicht stehen, zog die Leiter hoch, auf der er das überstehende Dach erklettert hatte, und senkte sie dann in das Wasser. Dann zog er sich aus, befestigte einen schmalen Hammer an dem Gürtel um seine Taille und stieg in den Wassertank.
Um die Handgelenke hatte er sich Gummiringe geschlungen, in denen bleistiftförmige Rotholzsplitter steckten. Er war zu Abdon-Bauholz in Petaluma geschickt worden. Alte Männer mit Girlanden von Sägespänen an den Armen hatten ihm auf seine Frage nach Mr. Abdon höflich erklärt, daß Abdon der Schutzheilige der Küfer sei. Coop hatte gedacht, sobald er erst das Leck entdeckt hätte, könnte er von der Außenseite trockene Keile in den Wasserturm hämmern, doch diese Männer, die Weinfässer bauten und ausbesserten, schlugen ihm vor, spitze Pfeile aus Rotholz oder Zedernholz zu verwenden und sie von innen in die Löcher zu treiben, damit sie im Wasser aufquellen konnten. Rotholz, erklärten sie ihm, sei länger als hundert Jahre haltbar, selbst wenn es auf dem Grund eines Flusses gelegen habe.
Er stieß sich von der Leiter ab und schwamm in die Dunkelheit, bis er eine Wand erreichte. Das Leck würde weder unten im Wasser sein noch oben, wo das Holz trocken war, sondern irgendwo nahe der Wasseroberfläche, wo Naß und Trocken sich begegneten. Holz verrottete an Übergangsstellen; dort war seine Schwachstelle. Coop trat Wasser, seine Finger berührten die glitschige Wand. Er mußte das Leck ertasten; sehen konnte er es nicht. Das konnte Stunden oder sogar Tage in der lähmenden Kälte und Windstille des Wassertanks dauern. Selbst als seine Finger die Initialen spürten, die er vor Jahren in das Holz geschnitzt hatte, besänftigte ihn das nicht. Es schien von einem Schicksal zu künden. Wie oft in seinem Leben würden er oder diese Familie den Tank reparieren müssen? Sie hatten sich selbst ein Gefängnis gebaut.
Bibbernd stieg er aus dem Tank, zog Hose und Hemd an und genoß die Wonne des Sonnenlichts. Er sah Anna und Claire, die aus dem Fenster im ersten Stock des Farmhauses winkten. Als ihm warm war, stieg er wieder ins Wasser.
Wie nichtig wir doch sind. In unserer Jugend denken wir, wir seien der Mittelpunkt des Universums, doch wir reagieren lediglich, schlagen zufällig diesen Weg ein oder jenen, wir überleben oder gedeihen durch den Zufall des Loses, fast ohne Wahlmöglichkeit oder eigenen Willen. Hätte Coop Jahre später zurückblicken können, hätte er unter Umständen versuchen können, einzelne Aspekte von seinem oder Claires oder Annas Charakter zu erkennen oder zu erwägen, doch als er damals im Licht der Nachmittagssonne zurückwinkte, waren sie austauschbar, ein gelbes und ein grünes Hemd, und er hätte nicht sagen können, welche von beiden welche Farbe trug. Und als er wieder in der Finsternis des Wassertanks war, gab es nur im Rückblick das Bild der beiden, deren Identität und winkende Arme der Ast eines Baums halb verdeckte.
Wieder tasteten seine Finger das Holz nach Indizien der Zersetzung ab, nach einem kleinen Riß, während er im Wasser schwamm. Metall war Coop lieber, der Geruch von Metall, Öl in einem Kurbelgehäuse, Rost an einer Kette, alle Erscheinungsformen und Gemütslagen metallenen Lebens. Ein Auto zu neuem Leben zu erwecken bedeutete die Möglichkeit eines anderen Lebens, während diese Familie fast nie die Farm verließ. Der Vater hatte sich vor Jahren einmal die paar Meilen bis über die Grenze nach Nevada gewagt, und davon sprach er heute noch wie von einer törichten und unnötigen, wenn nicht gar tollkühnen Tat. Aber Coop liebte die Gefahr und sah gefährlichen Situationen gelassen entgegen. In dieses Leben hatte ihn ein Nachbar eingeführt, dessen Ehefrau wenige Monate darauf im Wochenbett gestorben war. Er wußte, daß Glück und Zufall alles in ihrer Hand hielten.
Er hatte fast den ganzen Wassertank abgesucht, als er die lecke Stelle entdeckte. Er stieß ein theatralisches, gekünsteltes Lachen aus und genoß das Echo, und dann ließ er sich vom Wasser tragen, wie er es bei Fröschen am Flußufer gesehen hatte. Er fügte das Rotholzstück ein und hämmerte es unter Wasser fest. Neben dem ersten Loch entdeckte er ein zweites, das er ebenfalls füllte, und dann schwamm er zu der Leiter. Oben auf dem Dach des Tanks konnte ihn selbst die Sonne nicht mehr wärmen. Er ging ins Haus, zog sich aus, wickelte sich in eine Decke und ging wieder hinaus.
Coop beendete die Reparatur der Hütte und setzte ein großes Fenster ein, aus dem er auf die Bäume sehen konnte. Dann machte er sich an die Veranda. Jeden Morgen ab sieben Uhr konnten die anderen das Echo seines Hammers hören, das im Tal widerhallte. Er hatte jede Hilfe abgelehnt, und das einzige Lebewesen, das ihm in diesen Monaten des Bauens Gesellschaft leistete, war die Katze Alturas, die überall herumstreunte und sich nie in Sichtweite eines Menschen ein Plätzchen suchte. Ab und zu spazierte sie gravitätisch den schmalen, von Menschenhand angelegten Weg auf der Hügelkuppe entlang, doch weiter setzte sie den Fuß nicht in die Welt der Menschen. Doch jedesmal wenn Coop von seiner Schreinerarbeit aufblickte, sah er Alturas, die ihn beobachtete, halb hinter dem Hügelkamm verborgen, und sogleich zog die Katze den Kopf ein und verschwand. Niemand hatte sie je schlafen sehen, niemand wußte, wovon sie sich ernährte. Doch als im Winter darauf der große Sturm die Gegend verwüstete, wäre niemand auf die Idee gekommen, daß Alturas etwas zugestoßen sein könnte.
Coop verwendete Wellblech für die Außenwände; das Holz sparte er für den Verandaboden auf. Er hatte Zementpfeiler gegossen, auf denen die Veranda drei Meter über dem Abhang in die Luft hinausragte. Er ließ sich Zeit beim Annageln der Bretter, ließ sich von einem Falken oder seinem Schatten ebenso leicht ablenken wie vom Nebel, der wie der morgendliche Nebelgletscher durch die Bäume am Abhang kroch. Er kam sich nicht einsam vor, doch was einige Tage später geschah, mag Folge dessen gewesen sein, daß er wochenlang niemanden zu sehen bekommen hatte. Er hungerte nach etwas so Fundamentalem wie einem gemeinsamen Lachen oder einer Berührung.
War das, was geschah, ein Vergehen oder etwas Natürliches? Man lebt so lange im Schmelztiegel einer Familie und beginnt an dem zu hängen, was man als Knabe oder Mädchen vor Augen hatte, daß fast logisch oder erklärbar wird, was auf der Veranda geschah, in der Stille, in der kein Hämmern zu hören war, einer Stille, als gäbe es kein anderes Leben ringsum.
Keiner von beiden tat den ersten Schritt. Es war, als triebe beide ein Herzschlag an. Anna — die wie ein Junge, wie ein junger Hund herumgetollt war, deren gebrochenes Handgelenk Coop mit Weidengerten geschient hatte, bevor er sie nach Petaluma zu einem Knochenklempner brachte, die ihre Schwester dazu herausforderte, mit verbundenen Augen über den Highway am Stausee zu gehen (»Ich geb dir Geld dafür, Claire«), und es selbst tat, als Claire sich weigerte, Anna, die so unablässig und konzentriert las, daß sie immer die Stirn runzelte, als sähe sie eine Fliege an ihrer Nasenspitze —, Anna machte sich eines Tages auf den Weg zu Coops Hütte, den in Serpentinen verlaufenden Pfad am östlichen Berggrat hinauf, den die Kühe und bisweilen Alturas benutzten. Sie kam an dem Baum vorbei, von dessen unteren Ästen der Pestizidbeutel hing, unter dem sich das Vieh sammelte, um den Fliegen- und Moskitoschwärmen zu entgehen, und durchquerte das kreisförmige Gehege. Sie nahm an, daß Coop mit seinem Mittagessen fertig war. Es war fast zwei Uhr. Sie schloß das zweite Gatter des Geheges, und als sie die Kette um den Pfosten legte und das Schloß zuschnappen ließ, setzte plötzlich ein Regenguß ein, der alles, was sie am Leib trug, verwandelte. Alles fühlte sich schwer an, war dunkler geworden. Nach wenigen Minuten hörte der Regen auf.
Coop saß am Rand der Veranda und blickte zu den unzähligen Bäumen des Hügels gegenüber, als wäre ihm der kurze Regenschauer gar nicht aufgefallen. Kein Knarren war zu hören, als sie das frische Holz betrat. Wind fegte über die Veranda. Er sah sich um, und sie trat in sein Blickfeld. Das Licht nach dem Regen ließ sein Gesicht zu einem Schatten werden.
»Du bist naß«, sagte sie.
»Tatsächlich …«
Sein beiläufiger Tonfall, der nicht beendete Satz, als ließe er sie im Stich.
Ein Vogel würde in fünf Minuten durch die Luft bis zum Farmhaus zurückgleiten, dachte sie. Er würde sich natürlich nicht so zielstrebig bewegen, er würde Wellen und Bögen beschreiben, Umwege vorziehen, von der Erdoberfläche beeinflußt. Sie hatte fünfundzwanzig Minuten für den Aufstieg gebraucht. Ein Wagen konnte die Strecke in vier Minuten zurücklegen. Ein gemächlich trabendes Pferd in zehn Minuten. Doch in diesem Augenblick wirkte das Farmhaus dort unten wie eine Stadt, die man erst nach tagelanger Reise erreichte. Als sie dorthin zurückblickte, war ihr, als schirmten hundert Täler voll Nacht und Nebel Coop und sie von den anderen ab.
»Mach Feuer, Coop, bitte!«
»Es ist warmer Regen«, sagte er leise vor sich hin, dann lauter: »Es ist warmer Regen.«
»Mach für mich ein Feuer. Für meine Kleider. Sie sind naß.«
»Komm her. Ich helfe dir.«
Das Baumwollkleid war wie Seetang, als er es ihr auszog, und fast erschreckte es ihn zu sehen, daß es sich auf einmal ablöste. Mit brennendem Gesicht senkte sie den Blick auf ihre weiße Haut in dem grauen Licht, Regensprenkel auf ihrem schmächtigen Körper. »Ich bin dran«, sagte sie.
Es war still bis auf das Wasser, das aus dem Hahn an einer Kette herunterrann. Alles andere war still. Wolken, unsichtbare schüchterne Hügel. Sie sah sich selbst und Coop in dieser Pause, in der die Sonne vor dem Regen herauskam. »Froschregen« nannte ihr Vater dieses Wetter.
Später hatte sie in der Erinnerung, in der Unvergeßlichkeit dieses Tages den Eindruck, überall gleichzeitig gewesen zu sein. Mit Claire am Ofen in dem Farmhaus, als sie sagte: »Oh, ich bin in den Regen gekommen.« Und Claire, die ihr helfen wollte, das Kleid (schon wieder!) auszuziehen. »Nein, ist schon in Ordnung, ich ziehe es selbst aus.« Oder sie beobachtete aus dem Schutz der grünen, gewölbten Bäume jenseits der Schlucht ihrer beider schutzlose Körper auf der Veranda. Anna und Coop, während die Sonne nach dem kurzen Regenschauer herauskam, so daß Schatten auf sie fielen, als seine Finger sich über ihrem Bauch auf und ab bewegten, als ließe er sie gedankenverloren oder nachdenklich durch einen Fluß gleiten. Sie betrachtete seinen dunklen Arm, sein wirres Haar im Sonnenlicht, drehte den Kopf und sah die feuchte, noch brennende selbstgerollte Zigarette, die er auf den Rand der Veranda gelegt hatte.
Ihr war, als wäre das nicht mehr Coop neben ihr, auf ihr, der Mann, dessen Hände ihre Schultern so schmerzhaft gegen das Holz drückten, daß sie ihn abzuschütteln versuchte. »Anna«, sagte er schließlich, als steckte ihm das nackte Wort in der Kehle, einem Eingeständnis gleich. Dann lockerte sich der Druck seiner Handflächen, die sie auf die Veranda preßten, und seine Brust lag auf ihr, und sie konnte ihn im Wechsel von Licht und Schatten nicht mehr sehen, nur seine Haare vor ihren Augen und ihrem Gesicht.
Sie lagen auf der Seite, sahen einander an. »Froschregen«, sagte er in Erinnerung an die vertraute Wendung, die er in ihrer Familie gehört hatte; Anna aber wollte sie nicht hören, wollte von nichts wissen, was familiäre Verbundenheit bezeugte, wollte Wortlosigkeit. Als würde … als würde, wenn sie kein Wort sagten, all das Körperliche gar nicht existieren, wäre nicht greifbar vorhanden.
*
Manchmal kam sie zu der Hütte hinauf und sah ihm nur bei der Arbeit zu. Sie bot an, mit ihm zusammen Bretter festzunageln, doch das wollte er nicht. Manchmal brachte sie ein Buch aus der Leihbücherei mit und saß lesend im Schatten des Wellblechdachvorsprungs, bis sie sein Sägen und Hämmern nicht mehr hörte und in einem anderen Land war, im Italien des Leoparden, im Frankreich der Musketiere. An manchen Tagen berührten sie einander kaum, versuchten sich mit Worten aus ihrem Begehren zu befreien, und an anderen Tagen brachte sie ihr Buch mit, ohne daß gelesen, ohne daß gesprochen wurde in der nackten Hütte ohne Farben. Eines Nachmittags brachte sie ein altes Grammophon mit, das sie im Farmhaus zusammen mit ein paar 78er Schallplatten gefunden hatte. Sie kurbelten es an wie einen alten Ford und tanzten zu Begin the Beguine, kurbelten wieder und tanzten wieder. Die Musik führte sie in eine andere Zeit, fern von dieser Familie, von diesem Ort.
Anna saß auf der Veranda, sein schwarzes T-Shirt an ihren Bauch geschmiegt, und beobachtete ihn. Sie beugte sich vor, öffnete ihren kleinen Rucksack und entfaltete die buddhistischen Fahnen, die sie über einen Versandhauskatalog bestellt hatte. Sie zog sein T-Shirt an und blickte zu den Stützstreben unter dem Dachvorsprung. »Kannst du mir helfen, Coop? Ich muß da oben hin. Wir können das an die Regenrinne über der Tür nageln.« Hammer und Nagel hatte sie schon in der Hand. Er ging in die Hocke, damit sie auf seinen Schultern sitzen konnte. »Time for the heart and the mind«, sang sie. »You need to be wind blessed!« Er spürte ihre Feuchtigkeit im Nacken, als sie sich aufrichtete und das eine Ende des Fahnenstreifens festnagelte, so daß die restliche Spirale schwerelos im Wind flatterte.
»Es sind fünf Fahnen«, sagte sie, »Gelb heißt Wasser, Grün Erde, Rot Feuer — vor der müssen wir uns hüten —, Weiß heißt Luft, und Blau heißt Weltraum, endloser Raum oder Geist. Coop, ich weiß mir keinen Rat.« Sie saß aufgerichtet auf seinen Schultern und blickte in die Luft.
»Meinst du, Claire weiß es?«
»Claire spricht jeden Abend mit mir, und ich sage kein Wort über dich, und sie fragt sich sicher, warum.«
»Dann weiß sie es.«
