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Diese kleine Geschichte der Welt zwischen 1000 v. Chr. und 300 n. Chr. löst sich souverän aus der eurozentrischen Perspektive. Der amerikanische Althistoriker Stanley M. Burstein weitet den Blick auf eine Antike vom Atlantik bis zum Pazifik. Nach einer Phase der Regionalisierung entstanden im gemäßigten Afro-Eurasien wenige Großreiche – Rom, das sassanidische Persien, das Jin-Reich in China, das Römische Reich – die mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung beherrschten. Diese Imperien waren nicht voneinander isoliert. Ein ausgedehntes Netz von Handelsrouten verband sie mit Südost- und Zentralasien sowie mit Afrika südlich der Sahara und machte diese Periode zur ersten globalen Ära der Welt. Auch die neuen, auf Büchern basierenden Religionen – Zoroastrismus, Buddhismus, Christentum, Manichäismus – breiteten sich über diese Wege aus und stellten damit die Weichen für das nächste Jahrtausend. Burstein legt mit diesem klug komponierten, kompakten Band die erste Globalgeschichte Afro-Eurasiens in der Antike vor.
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Seitenzahl: 276
Veröffentlichungsjahr: 2022
Stanley M. Burstein (*1941) ist em. Professor für Alte Geschichte an der California State University in Los Angeles und einer der bedeutendsten Althistoriker seiner Generation. Mehrere seiner Bücher sind Standardwerke für das Studium in den USA. Seine Universität hat ihn mehrfach ausgezeichnet, so mit dem »Outstanding Professor Award«, dem »Distinguished Professor Award« und dem »Excellence Award«. Das vorliegende Buch bietet die Summe seiner Erfahrungen in der Erforschung der antiken Globalgeschichte.
Die englische Originalausgabe ist 2017 bei Oxford University Press (Great Clarendon Street Oxford OX2 6DP, England) unter dem Titel The World from 1000 BCE to 300 CE erschienen.
© 2017 by Oxford University Press
Autorisierte Übersetzung der englischen Ausgabe
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
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wbg THEISS ist ein Imprint der wbg.
© der deutschen Ausgabe 2022 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt
Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.
Gestaltung und Satz: Arnold & Domnick, Leipzig
Umschlagmotive: Ptolemäische Weltkarte basierend auf Beschreibungen und Koordinaten von Claudius Ptolemäus, Holzstich mit späterer Kolorierung, 1545; akg-imagesUmschlaggestaltung: www.martinveicht.de
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ISBN 978-3-8062-4448-9
Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:
eBook (PDF): ISBN 978-3-8062-4454-0
eBook (epub): ISBN 978-3-8062-4455-7
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Innentitel
Inhaltsverzeichnis
Informationen zum Buch
Informationen zum Autor
Impressum
Vorwort
Einführung
1Die neue Welt des frühen 1. Jahrtausends v. Chr.
ca. 12. bis 11. Jahrhundert v. Chr.
2Die frühe Eisenzeit
ca. 10. bis 7. Jahrhundert v. Chr.
3Ost trifft West: Der Aufstieg von Persien
ca. 6. bis 5. Jahrhundert v. Chr.
4Die neue Welt der makedonischen Königreiche
ca. 4. bis 2. Jahrhundert v. Chr.
5Der Aufstieg der Peripherien: Rom und China
ca. 3. bis 2. Jahrhundert v. Chr.
6Eine neue Ordnung in Afro-Eurasien
ca. 2. Jahrhundert v. Chr. bis 2. Jahrhundert n. Chr.
7Krise und Erholung
3. Jahrhundert n. Chr.
Anhang
Zeittafel
Weiterführende Literatur
Übersetzungen der Quellenzitate
Frei zugängliche Internet-Ressourcen
Nachweise
Register
Für meine Lehrer, die mir gezeigt haben, wie man es macht.
Einem bekannten Klischee zufolge steht, wer Geschichte schreibt, auf den Schultern der Vorgänger. Das gilt besonders für das Schreiben dieses Buches, welches das Ergebnis von mehr als einem halben Jahrhundert Studieren, Lehren und Schreiben zur Alten Geschichte ist. Praktisch jeder Satz spiegelt diese Erfahrung wider. Besonderen Dank schulde ich jedoch jenen Personen, die großzügig ihre Zeit geopfert haben, um mein Manuskript zu lesen und zu kommentieren. Dazu gehören Ping Yao und Choi Chatterjee, meine Kollegen an der California State University, außerdem Frank L. Holt von der University of Houston und Caleb Finch von der University of Southern California sowie D. Brendan Nagle und Robert W. Strayer von der University of Southern California bzw. der State University of New York at Brockport. Schließlich möchte ich auch Nancy Toff, Alexandra Dauler, Elda Granata und ihren Mitarbeitern bei Oxford University Press sowie den Herausgebern der New Oxford World History, Bonnie Smith und Anand Yang, für ihre Ermutigung und Unterstützung danken.
Dass das Buch auf Deutsch erscheint, wird einer Initiative von Kai Brodersen, Universität Erfurt, und Raimund Schulz, Universität Bielefeld, sowie im Verlag der wbg in Darmstadt dem Engagement von Daniel Zimmermann verdankt. Kai Brodersen danke ich zudem für die Übersetzung und für die Bearbeitung: Er hat auch die Quellenzitate überprüft, nötigenfalls korrigiert und, wo immer möglich, publizierten deutschen Übertragungen entnommen, die im Anhang zusammengestellt sind und ein Weiterlesen ermöglichen.
Los Angeles, im Dezember 2021
Stanley M. Burstein
In einer markanten Passage der Kephalaia, einer Sammlung von Aussagen des religiösen Führers Mani aus dem 3. Jahrhundert n. Chr., die irgendwann nach der Mitte jenes Jahrhunderts zusammengestellt wurde, behauptet Mani:
Vier große Königreiche gibt es in der Welt. Das erste ist das Königreich des Landes Babylon und das der Persis. Das zweite ist das Königreich der Römer. Das dritte ist das Königreich der Aksumiten. Das vierte ist das Königreich von Silis (China). Diese vier großen Königreiche befinden sich auf der Welt. Nicht gibt es etwas, was sie übertrifft.
Mani, Kephalaia 77, übers. Schmidt 1940, 188–189; vgl. Gardner 1995, 197
Mani beschreibt damit das Ergebnis eines revolutionären Wandels im politischen und kulturellen Leben Afro-Eurasiens. Im Jahr 1000 v. Chr. strukturierten zahlreiche regionale Staaten, sowohl kleine als auch große, das Leben der östlichen Hemisphäre. Bis 300 n. Chr. wurden sie jedoch weitgehend durch eine kleine Anzahl großer Reiche ersetzt, die kulturelle Traditionen bewahrten, welche auf kanonischen Texten beruhten; die jeweilige Kerngruppe autoritativer Werke bildete die Grundlage der Elitenbildung. Diese bemerkenswerte Transformation ist das Thema dieses Buches.
Die in diesem Buch dargestellte Geschichte beginnt kurz vor 1000 v. Chr. mit dem Zusammenbruch der regionalen Reiche, die den Nahen und Mittleren Osten und Ostasien während des 2. Jahrtausends v. Chr. beherrscht hatten, und mit dem Beginn einer Periode des intensiven Regionalismus, weit verbreiteter Bevölkerungsbewegungen und nahezu ständiger Kriege in ganz Afro-Eurasien. Fast gleichzeitig ermöglichte die Schaffung der ersten effektiven Reiterei der Welt durch die Nomaden der zentralasiatischen Steppe eine neue Form von Reich, nämlich Stammesbündnisse, die von charismatischen Führern geleitet wurden und riesige Territorien abdeckten. Die Interaktion zwischen den Imperien der Steppen und denen der gemäßigten Zonen war einer der Hauptantreiber der politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungen in Afro-Eurasien bis zur Entstehung der von Mani beschriebenen politischen Ordnung um 300 n. Chr. In diesem Prozess verschwand der Regionalismus, der das frühe 1. Jahrtausend v. Chr. charakterisiert hatte. An seiner statt herrschte vom Atlantik bis zum Pazifik eine Handvoll großer Reiche – Rom, das sasanidische Persien und das Jin-Reich in China – über mehr als die Hälfte der Bevölkerung Afro-Eurasiens.
Trotz ihrer individuellen Eigenheiten waren diese Reiche in ihren Grundstrukturen bemerkenswert ähnlich. Wirtschaftlich beruhten sie alle auf der Landwirtschaft, unterstützt durch umfangreiche Münzsysteme, Eisentechnologie und umfassende interne Verkehrssysteme: Straßen und Seewege im römischen Westen, Straßen in Persien und Straßen und Kanäle in China. Gesellschaftlich waren die Reiche deutlich komplexer als ihre Vorgänger im 2. Jahrtausend v. Chr. Sie waren gekennzeichnet durch eine zunehmende Urbanisierung, durch die Verbreitung neuer gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Rollen, einschließlich professioneller Schriftsteller und Künstler sowie Philosophen und Wissenschaftler, durch eine begrenzte Befreiung von traditionellen Geschlechterrollen für eine Handvoll Frauen aus der Oberschicht – etwa die chinesische Historikerin Ban Zhao – und durch eine wachsende Bedeutung verschiedener Formen abhängiger und unfreier Arbeit. Staatlich gesehen waren alle Imperien autokratische Monarchien, deren Herrscher behaupteten, durch göttliches Recht zu regieren. Tatsächlich aber ruhte ihre Autorität auf der Unterstützung stehender Armeen und umfangreicher Bürokratien, die von Beamten besetzt waren, deren Ausbildung auf den jeweiligen kanonischen Texten beruhte.
Diese Imperien waren nicht voneinander isoliert. In den ersten Jahrhunderten n. Chr. machten die zunehmenden Verbindungen zwischen diesen Reichen diese Periode zur ersten globalen Ära der Welt. Handelsbeziehungen sowohl auf dem Landweg – etwa die zentralasiatischen Seidenstraßen – als auch auf dem Seeweg durch das Südchinesische Meer und den Indischen Ozean verbanden die großen afro-eurasischen Reiche miteinander und mit kleineren Staaten im südöstlichen und südlichen Teil Asiens, im südlichen Arabien, im Nordosten und Osten Afrikas sowie in der Sahara und der Sahelzone, also dem Gürtel aus trockenem Grasland unmittelbar südlich der Sahara. Dies hatte erhebliche kulturelle Auswirkungen: Asiatische Lebensmittel wie Zimt, Huhn, Pfeffer und Reis wurden zu Grundnahrungsmitteln im Nahen Osten und im Mittelmeerraum, Bananen aus Indonesien begannen das Leben bis weit ins Innere Afrikas zu verändern und mediterrane Glas- und Keramikwaren sowie Wein waren zunehmend in ganz Nordostafrika, Südarabien und Süd- und Südostasien begehrt.
Auch die Religionen folgten den Handelsrouten. Der Buddhismus etwa verbreitete sich von seiner indischen Heimat aus nach Norden, durch Zentralasien bis nach China und nach Süden und Osten bis nach Sri Lanka und Südostasien und traf dabei auf westliche religiöse Traditionen – Christen, Gnostiker und Zoroastrier – und deren künstlerische Formen. Aus dieser Begegnung entstanden sowohl eine neue Religion, der Manichäismus, der im Mittelalter eine lange Zukunft haben sollte, als auch neue Kunstrichungen wie die Gandhara-Schule, die griechisch-römische Formen als Vorbild für die figürliche Darstellung Buddhas in ganz Zentral- und Ostasien verwendete.
Gemeinsame Feinde und gemeinsame Probleme führten auch zu gemeinsamen Lösungen in ganz Afro-Eurasien. So führte etwa die Bedrohung, welche die Nomaden der eurasischen Steppe für die neuen Reiche in der gesamten Periode darstellten, zu einer ähnlichen Politik: eine Diplomatie des »teile und herrsche«, die Verwendung von Barrieren, um die Bewegung der Nomaden zu kontrollieren, und wachsendes Vertrauen auf Elite-Reitereieinheiten, um Nomadenüberfälle abzuwehren. Um ihre unterschiedlichen Bevölkerungen angesichts der Bedrohung durch die Steppennomaden zu vereinen, übernahmen die beiden exponiertesten Reiche, Rom und Persien, gleichzeitig das Modell der offiziellen Kirchen, die auf staatlich anerkannten Schriftkanons oder religiösen Lehren beruhten. Der erste sich zeigende Beleg dafür ist der Zoroastrismus im Persien des 3. Jahrhunderts n. Chr., ein Jahrhundert später dann das Christentum im Römischen Reich und bei seinen armenischen und aksumitischen Nachbarn. Trotz der vielen Krisen in der Mitte des 1. Jahrtausends n. Chr. blieben jedoch die Verbindungen bestehen, die während der 1300 in diesem Buch behandelten Jahre hergestellt wurden, und bildeten die Grundlage des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens in einem großen Teil von Afro-Eurasien für das nächste Jahrtausend.
Die in diesem Buch behandelten Regionen bilden das, was griechische und römische Geographen die Oikumene, die bewohnte Welt, nannten. Dieselben Gelehrten erwogen jedoch auch, dass es neben der von ihnen und ihren Nachbarn bewohnten Oikumene noch andere gab, und sie hatten natürlich Recht. Bis ins frühe 4. Jahrhundert n. Chr. gab es immer noch große Regionen der Welt, die von diesen Entwicklungen kaum erfasst wurden oder völlig unberührt waren. Die wichtigsten unter diesen Regionen waren Afrika südlich der Sahara, die Amerikas und Ozeanien. Obwohl das Ausmaß ihrer Trennung vom Kern Afro-Eurasiens variierte, hatten sie alle eines gemeinsam: Sie gingen unabhängige Wege zu einer komplexen Gesellschaft.
Am nächsten zum Kern von Afro-Eurasien lag das subsaharische Afrika, wo während des 1. Jahrtausends v. Chr. und des 1. Jahrtausends n. Chr. eisenverarbeitende, gemischt-landwirtschaftliche Gesellschaften immer häufiger wurden. Städte, die Zentren des Handels waren, erschienen auch im Binnendelta des Niger-Flusses in Afrika. Es überrascht nicht, dass die Trennung der Zivilisationen des des subsaharischen Afrikas von denen des übrigen Afro-Eurasiens gegen Ende des 1. Jahrtausends v. Chr. mit der Ausweitung des Handels im Indischen Ozean auf die ostafrikanische Küste und der Öffnung der transsaharischen Handelsrouten in den ersten Jahrhunderten n. Chr. aufzubrechen begann. Die vollständige Integration von Afrika südlich der Sahara in die größere Welt von Afro-Eurasien sollte jedoch erst im späten 1. Jahrtausend n. Chr. und mit der Ausbreitung der neuen Zivilisation des Islam in die Sahelzone erfolgen.
Im Gegensatz dazu sollte die zivilisatorische Trennung der Amerikas von Afro-Eurasien mehr als ein weiteres Jahrtausend andauern. Trotz dieser Trennung verlief die Entwicklung in den Amerikas jedoch in vielerlei Hinsicht parallel zu der in Afro-Eurasien: Klimaverschlechterung und übermäßiger menschlicher Raubbau rotteten einen Großteil der Megafauna (Großtiere) der westlichen Hemisphäre nach dem Ende der Eiszeit vor etwas mehr als 10 000 Jahren aus, was die Ureinwohner der Amerikas dazu veranlasste, sich zunehmend auf andere Nahrungsquellen und schließlich auf die Landwirtschaft zu verlassen. Um 300 n. Chr. blühten sowohl in Nord- als auch in Südamerika bedeutende Königreiche auf, die sich durch weitreichende gesellschaftliche und religiöse Hierarchien auszeichneten; dazu gehörten die Olmeken und Maya in Meso-Amerika (von Mittelmexiko bis nach Mittelamerika) und die Moche an der Küste Perus. Komplexe Netzwerke von Handelsrouten verbanden diese Königreiche und brachten ihnen für religiöse und gesellschaftliche Rituale benötigte Luxusgüter wie Jade, Federn und Kakao und verbreiteten ihren Einfluss nach Norden in Richtung Südwesten und nach Osten in Richtung des Amazonasbeckens. Die daraus resultierenden kulturellen Traditionen sollten bis zu den spanischen Eroberungen des 16. Jahrhunderts andauern, welche die Trennung von Afro-Eurasien gewaltsam und katastrophal beendeten.
Die Trennung von den Zivilisationen Afro-Eurasiens sollte am längsten in Ozeanien im Südpazifik andauern. Siedler dieser Region waren die Vorfahren der heutigen Polynesier. Diese Völker zogen in die Inselwelt des Pazifischen Ozeans, wahrscheinlich aus einer Heimat irgendwo in Südostasien, und brachten eine auf Gartenbau beruhende Kultur mit, die man in der Archäologie als Lapita benennt, sowie eine bemerkenswerte Segeltechnologie, die auf einem Auslegerkanu beruht. In der Spätantike hatten sie Taiwan, die Philippinen und die anderen vorgelagerten Inseln Ostasiens besetzt und begonnen, in den Pazifik zu expandieren, wobei sie bis nach Samoa, Fidschi und Tonga vordrangen. Als europäische Seefahrer im 18. und 19. Jahrhundert n. Chr. vielfach auf sie stießen und begannen, ihre Kulturen zu stören, hatte ihre Expansion praktisch jede bewohnbare Insel und Inselgruppe im Pazifik erreicht, von Neuseeland im Süden bis zu den Osterinseln im Westen.
In einer Passage, die den Entdeckern und Kartographen im Europa der Renaissance wohlbekannt war, sagte der römische Philosoph und Dramatiker Seneca im 1. Jahrhundert n. Chr. voraus, dass eines Tages die ganze Welt bekannt werden würde:
Kommen werden in späteren Zeiten Jahrhunderte, / in welchen Oceanus die Fesseln der Elemente / lockern und ein ungeheures Land sich ausbreiten / und Tethys neue Erdkreise bloßlegen / und unter den Ländern nicht mehr Thule das Äußerste sein wird.
Seneca, Medea 375–379, übers. Thomann 1961, 267
Tethys war im griechischen Mythos die Tochter der Erde und die Schwester und Frau des Oceanus und die Mutter der Flüsse und der Meeresnymphen; Thule war das nördlichste Land, das den Griechen und Römern bekannt war, und ist vielleicht mit Skandinavien oder Island zu identifizieren. Erst mit den Reisen von Columbus und seinen Nachfolgern im 15. und 16. Jahrhundert n. Chr. sollte sich Senecas Prophezeiung erfüllen und die Globalisierung auf die gesamte Welt ausdehnen. Bis dahin blieben die Grenzen der bekannten Welt weitgehend so, wie sie im Jahr 300 n. Chr. waren, und es war für die Menschen in ganz Afro-Eurasien möglich, die Geographie des alexandrinischen Gelehrten Claudius Ptolemaios aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. zu konsultieren, sofern Kopien verfügbar waren, um eine maßgebliche Zusammenfassung des aktuellen Standes des geographischen Wissens zu erhalten.
ca. 12. bis 11. Jahrhundert v. Chr.
Irgendwann in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts v. Chr. schrieben ägyptische Handwerker auf die Wände eines Totentempels im ägyptischen Theben einen anschaulichen Bericht über Katastrophen, welche die Königreiche des östlichen Mittelmeerraums heimsuchten.
Die Fremdländer vollzogen alle zusammen die Trennung von ihren Inseln. Es zogen fort und verstreut sind im Kampfgewühl die Länder auf einen Schlag. Nicht hielt irgendein Land vor ihren Armeen stand; (und die Länder) von Hatti, Kode, Karchemish, Arzawa und Alashiya an waren (nun) entwurzelt auf (einen Schlag).
Inschrift des Ramses III., übers. Noort 1994, 56
Als Ramses III. anordnete, dass dieser Text in seinen Totentempel eingemeißelt werden sollte, wusste er nicht, dass diese Ereignisse den Beginn einer wahren »Krise der alten Ordnung« markieren sollten, welche die Welt zerstören würde, die er und seine Zeitgenossen kannten. In den nächsten zwei Jahrhunderten kam es in ganz Afro-Eurasien zu ähnlichen Umwälzungen. Diese beendeten fast ein halbes Jahrtausend, in dem eine Reihe regionaler Reiche und Königreiche eine prekäre Stabilität über einen Großteil des riesigen Territoriums vom Atlantik bis zum Pazifik aufrechterhalten hatten.
Über die Art und die Ursachen der Krise herrscht in der Forschung keine Einigkeit. Zahlreiche Werke, die Jahrhunderte später geschrieben wurden, darunter Homers Ilias und Odyssee und das große indische Epos Mahabharata, geben vor, Ereignisse aus dieser Zeit zu schildern. Es ist jedoch schwierig, in diesen Werken die Fakten über das späte 2. Jahrtausend v. Chr. von der Fiktion zu trennen. So ist es verständlich, dass Ramses III. den Aspekt der Krise aufgriff, der für seine Zeitgenossen am offensichtlichsten war, um sie zu erklären: die Barbarenwanderung. In den Reliefs, die seine Inschrift begleiten, stellten Ramses’ Künstler ganze Völker in Bewegung dar. Armeen von Kriegern werden gezeigt, begleitet von ihren Familien auf Wagen und ihren Herden. Ramses war nicht der Einzige, der Migrationen als Erklärung für die Veränderungen heranzog, die seine Welt umgestalteten. Auch die alten Griechen erzählten Geschichten über ein Zeitalter der Migrationen nach dem Trojanischen Krieg, ebenso wie die Autoren der Rig-Veda in Indien und die chinesischen Historiker am anderen Ende von Afro-Eurasien.
Die Migrationen waren nicht die Ursache, sondern ein Symptom der Krise. Die zugrunde liegenden Ursachen, die gleichzeitig in ganz Afro-Eurasien Königreiche und Imperien destabilisierten und die Völker an ihrer Peripherie dazu brachten, eine neue Heimat zu suchen, variierten wahrscheinlich von Region zu Region, aber ein übergreifender Faktor zieht immer mehr Aufmerksamkeit auf sich: der Klimawandel (s. bereits Carpenter 1968). Immer mehr Belege deuten darauf hin, dass Afro-Eurasien im späten 2. Jahrtausend v. Chr. in eine Periode erneuter globaler Erwärmung eintrat, die zu einer scharfen Verschiebung der südlichen Grenze der kontinentalen Regengürtel vom Breitengrad der Sahara bis nördlich des Mittelmeers nach Norden führte. Das Ergebnis waren kontinentweite Dürreperioden, welche die Zivilisationen Westasiens mit schweren Hungersnöten heimsuchten und ihre politischen und wirtschaftlichen Systeme untergruben.
Gleichzeitig trieb weiter im Osten das trockene Klima in Zentralasien die Hirtenvölker, deren Bevölkerung unter den günstigeren Bedingungen in der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. gewachsen war, dazu, neues Weideland für ihre Tiere in den Territorien der landwirtschaftlich geprägten Staaten zu suchen, die an die Steppen grenzten. Infolgedessen hatten sich zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. die politischen Bedingungen in ganz Afro-Eurasien radikal verändert. Während ähnliche Entwicklungen in der gesamten Region stattfanden, waren die Veränderungen in Westasien und Nordostafrika am dramatischsten.
Abb. 1: Der Angriff der Seevölker auf Ägypten 1186 v. Chr. ist in Reliefs am Totentempel von Ramses III. in Theben dargestellt. Die Szene zeigt kämpfende Krieger in einer Seeschlacht gegen Stämme des Mittelmeers.
Ein Blick auf die politische Karte Westasiens und Nordostafrikas im späten 2. Jahrtausend v. Chr. zeigt eine Fülle kleiner und mittelgroßer Königreiche, Stadtstaaten und halbnomadischer Hirtenvölker, die sich vom Mittelmeer bis tief in den Iran hinein erstreckten. Obwohl sich die Allianzen zwischen diesen Staaten ständig änderten und Kriege an der Tagesordnung waren, erfreute sich die Region als Ganzes fast drei Jahrhunderte lang einer prekären, aber dennoch realen Stabilität und Wohlstands, dank der politischen Ordnung, die von fünf großen Königreichen geschaffen wurde: den Hethitern, Ägypten, Assyrien, Babylon und Elam.
Antike Schiffswracks wie das in Ulu Burun in der Südtürkei entdeckte zeigen, dass diese Königreiche auch Teil komplexer Handelsnetze waren, die Luxusgüter wie Lapislazuli aus Afghanistan, Nilpferd- und Elefantenelfenbein, Straußeneier und Ebenholz aus Ägypten und Nubien sowie Parfüm aus der Ägäis und wichtige Metalle wie Gold aus Ägypten, Kupfer aus Zypern und Silber und Zinn aus Anatolien transportierten. Es war diese riesige und komplexe politische und wirtschaftliche Ordnung, die sich im 12. und 11. Jahrhundert v. Chr. auflöste.
Die ersten Anzeichen der Krise erschienen im frühen 12. Jahrhundert v. Chr., als die beiden größten Staaten – das Hethitische Reich im Norden und das Ägyptische Reich im Süden – angegriffen wurden. Am stärksten betroffen war das Hethiter-Reich. Als Nachfahren von Menschen, die indoeuropäische Sprachen nutzten, waren die Hethiter über ein Jahrtausend zuvor nach Anatolien gekommen. Mehr als zwei Jahrhunderte lang hatten sie von ihrer Hauptstadt Hattusa (in der Nähe des heutigen Ankara) aus ein mächtiges Reich regiert, das den größten Teil der heutigen Türkei und Syriens umfasste. Zwar war das Reich riesig, doch war es nur lose organisiert und bestand aus einer Vielzahl von regionalen Königreichen, Stadtstaaten und Stammesvölkern. Diese wurden durch ein komplexes System von Vasallenverträgen zusammengehalten, die ihre Verpflichtungen gegenüber dem hethitischen Großkönig festlegten.
Die volle Natur der Bedrohung der Hethiter ist unbekannt, obwohl wahrscheinlich mehrere Faktoren zusammenkamen, um die Situation zu verschlimmern. Wie bereits erwähnt, schienen aus der Ferne barbarische Invasionen die Wurzel des Problems zu sein, und tatsächlich war die Reichshauptstadt Hattusa im Laufe der Jahrhunderte wiederholt von einem Volk namens Kaskas angegriffen worden, das in den Bergen Nordanatoliens lebte. Die hethitischen Quellen erwähnen aber auch Konflikte um die königliche Nachfolge und eine Hungersnot, welche die Regierung durch den Import von Getreide aus Syrien verzweifelt zu lindern versuchte.
Andere Faktoren, etwa Aufstände ihrer Untertanen, könnten ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Sicher ist, dass irgendwann im frühen 12. Jahrhundert v. Chr. während der Herrschaft von Suppiluliama II., dem letzten bekannten hethitischen Großkönig, die Hauptstadt Hattusa niedergebrannt und verlassen wurde. Das Reich brach zusammen und hinterließ in der heutigen Südtürkei und im nördlichen Syrien eine disparate Ansammlung von Kleinkönigreichen und Stadtstaaten, deren Herrscher behaupteten, den Mantel der großen Könige des Hethitischen Reiches geerbt zu haben.
Das Schicksal Ägyptens war ähnlich, aber weniger extrem. Wie die Hethiter hatten auch die Pharaonen des ägyptischen Neuen Reiches in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. ein riesiges Reich errichtet, das sich auf seinem Höhepunkt von Palästina südwärts durch Ägypten über etwa 1500 km vom Mittelmeer bis zum vierten Katarakt des Nils und westwärts über viele 100 km nach Libyen erstreckte. Ebenso wie die Hethiter erlebte Ägypten in diesen Jahrhunderten wiederholte Konflikte um die königliche Nachfolge, Hungersnöte und fremde Invasionen. Wiederum wie bei den Hethitern erreichten diese Probleme einen Höhepunkt im frühen 12. Jahrhundert v. Chr., als Ägypten während der Herrschaft von Ramses III. drei große Angriffe durch Koalitionen ausländischer Invasoren erlitt: einen aus dem Osten durch wandernde Stämme, die man als »Seevölker« bezeichnet, und zwei aus dem Westen, angeführt von den Libyern in Allianz mit verschiedenen Seefahrern.
Im Gegensatz zu den großen Königen der Hethiter gelang es Ramses III. jedoch, die Invasoren zurückzuschlagen. Seine Siege beendeten die Krise nicht, aber sie erkauften dem ägyptischen Reich ein weiteres Jahrhundert der Existenz. Am Ende des Neuen Reiches im Jahre 1069 v. Chr. hatte Ägypten seine imperialen Territorien außerhalb des ägyptischen Heimatlandes verloren. Ironischerweise war der entscheidende Schlag selbstverschuldet: ein Bürgerkrieg, der durch den Versuch von Panehsy, dem Statthalter von Nubien, verursacht wurde, die Kontrolle über Oberägypten zu übernehmen. Obwohl Panehsy nach erbitterten Kämpfen nach Nubien zurückgetrieben wurde, verlor Ägypten sein riesiges nubisches Reich und damit auch den Zugang zu den Luxusprodukten und zum Gold, die Ägyptens Reichtum im 2. Jahrtausend v. Chr. legendär gemacht hatten.
Dennoch überlebte Ägypten, aber nur als sehr geschwächte Regionalmacht. Ein ägyptischer Botschafter namens Wenamun erfuhr, wie tief der Fall Ägyptens seit den glorreichen Tagen des Neuen Reiches drei Jahrhunderte zuvor war, als er versuchte, in Byblos Zedernholz für den Amun-Tempel in Theben zu bekommen. Seine Bitte wurde vom örtlichen Herrscher verächtlich mit der Bemerkung abgewiesen:
Bin ich etwa dein Vasall? Oder bin ich etwa der Vasall dessen, der dich gesandt hat?
Reiseerzählung des Wenamun 2,12–13, übers. Blumenthal 1984, 34; vgl. Moers 1995, 917
Wie die Natur verabscheut auch die Politik ein Vakuum. Das Verschwinden der ägyptischen und hethitischen Reiche ermutigte ihre östlichen Nachbarn Assyrien und Elam, davon zu träumen, sie zu ersetzen. Assyrien war das erste Reich, das sich bewegte. Nachdem es für einen Großteil des 2. Jahrtausends v. Chr. nur ein unbedeutendes regionales Königreich gewesen war, dessen Territorium sich auf die Stadt Assur im nördlichen Mesopotamien beschränkte, war es ihm im 14. Jahrhundert v. Chr. gelungen, sich trotz Protesten von Babylon und den Hethitern in die Reihen der großen Königreiche zu drängen. Während der nächsten 200 Jahre bauten ehrgeizige assyrische Könige wie Tukulti-Ninurta I. im 13. Jahrhundert v. Chr. und Tiglath-Pileser I. ein Jahrhundert später ein Reich auf, das schließlich Syrien, einen Großteil des südlichen und östlichen Anatoliens und sogar ihren ehemaligen Oberherrn Babylon einschloss. Der Triumph Assyriens war jedoch nur von kurzer Dauer. Invasionen von aramäischen Nomaden aus ihrer Heimat im östlichen Syrien destabilisierten ganz Mesopotamien, bis das Assyrische Reich im frühen 11. Jahrhundert v. Chr. unterging.
Während Assyrien im Norden und Westen besetzt war, bestritt Elam, das bereits den größten Teil des südwestlichen Irans zu einem mächtigen Königreich vereinigt hatte, die assyrische Vorherrschaft in Südmesopotamien. In der Mitte des 12. Jahrhunderts v. Chr. erhob der elamitische König Schutruk-Nahunte Anspruch auf den Thron von Babylon, und als sein Ansinnen zurückgewiesen wurde, eroberte und plünderte er Babylon. Er brachte zahlreiche historische Denkmäler in seine Hauptstadt Susa zurück, darunter die Stele mit dem Gesetzbuch des Hammurabi, die französische Archäologen Anfang des 20. Jahrhunderts dort finden sollten. Die Vormachtstellung Elams erwies sich jedoch als ebenso kurzlebig wie die von Assyrien. Bevor die Elamiten ihren Einfluss im südlichen Mesopotamien festigen konnten, verloren sie die Kontrolle über Babylon an einen rebellischen König namens Nebukadnezar I., dem es gelang, Susa zu plündern und das immer noch fragile elamitische Königreich zu destabilisieren, das irgendwann im frühen 11. Jahrhundert v. Chr. zerfiel.
Das Ergebnis von fast anderthalb Jahrhunderten politischer und militärischer Umwälzungen war eine Situation, die nahezu beispiellos war. Keines der großen Reiche und Großkönigreiche, die den Rahmen für das politische und wirtschaftliche Leben in Westasien gebildet hatten, war zu Beginn des 11. Jahrhunderts v. Chr. noch vorhanden. Die nächsten drei Jahrhunderte waren eine Periode des revolutionären Wandels, deren Geschichte zu schreiben freilich schwierig ist. Schriftliche Quellen im alten Nahen Osten wurden in Perioden politischer und militärischer Expansion produziert, so dass mit dem Zusammenbruch der bronzezeitlichen Reiche auch die uns zugänglichen Textquellen verschwanden. Dasselbe gilt für die archäologischen Zeugnisse, da sowohl Monumentalbau und Kunst als auch der Fernhandel mit Luxusgütern und Metallen aus demselben Grund stark zurückgingen.
Angesichts des Ausmaßes der Veränderungen in der späten Bronzezeit ist es verständlich, dass Zeitgenossen wie Ramses III., der ägyptische Autor der Reiseerzählung des Wenamun und babylonische Autoren von – mit Hiob vergleichbaren – Meditationen über den Platz des Bösen in der Welt und insbesondere von den chaotischen Zuständen der neuen Zeit beeindruckt waren und verzweifelt feststellten:
Unter den Menschen der Welt hielt ich (Um-)Schau, da waren widersprechend die Zeichen: Gott hält nicht versperrt dem Teufel den Pfad.
Babylonische Theodizee 23,243–244, übers. Landsberger 1936, 65
Aus dieser Sicht waren Jahrhunderte der politischen Ordnung, des Wohlstands und stabiler moralischer Werte fast über Nacht durch politische Unordnung, radikale gesellschaftliche Veränderungen und weit verbreitete Armut ersetzt worden. Aus der Perspektive der ehemaligen Untertanen und der Völker jenseits ihrer Grenzen hätte die Situation jedoch ganz anders ausgesehen. So schwierig die Bedingungen auch gewesen sein mögen, der Zusammenbruch der Großmächte eröffnete ihnen eine einzigartige Zeit der Möglichkeiten. Diese dauerte weniger als drei Jahrhunderte, bis das Wiederaufleben Assyriens im 9. Jahrhundert v. Chr. den größten Teil des alten Nahen Ostens erneut der Herrschaft einer imperialen Macht unterwarf. Während jener kurzen, aber außergewöhnlichen Periode bildeten sich jedoch neue Völker und Staaten, darunter die Phönizier, Hebräer, Nubier, Perser und Griechen, die eine grundlegende Rolle in den Ereignissen des folgenden Jahrtausends spielen sollten.
Die weitreichendsten Veränderungen gab es in Anatolien, wo der Zusammenbruch des Hethitischen Reiches seinen bisherigen Untertanen die Möglichkeit eröffnete, ihren Platz an der Sonne zu suchen. Am erfolgreichsten waren die Phryger – möglicherweise Einwanderer aus Südosteuropa –, die ein Königreich errichteten, das den größten Teil des ehemaligen hethitischen Kernlandes in Zentral- und Westanatolien umfasste, das sie von ihrer Hauptstadt Gordion (heute Yassıhüyük, 80 km vor Ankara) aus regierten. Anderswo in West- und Südanatolien und Nordsyrien entstand aus dem Zerfall ehemaliger hethitischer Provinzen eine schwindelerregende Vielfalt an größeren und kleineren Königreichen, Stammesbündnissen und Stadtstaaten. Gleichzeitig ermöglichte der Niedergang von Assyrien und Babylon südöstlich von Anatolien den aramäischen Nomaden, aus der syrischen Heimat auszuwandern und eine Reihe von Kleinkönigreichen in ganz Nordsyrien und Mesopotamien zu gründen, während die Zersplitterung des elamitischen Königreichs es verschiedenen indoeuropäischen Völkern ermöglichte, sich zu etablieren, einschließlich der Meder und Perser, die aus Zentralasien in den Iran eingedrungen waren.
Weniger Probleme bereitet es, die Auswirkungen des Zerfalls des Ägyptischen Reiches auf die Völker Südwestasiens und Nordostafrikas zu verfolgen. Im Gegensatz zur Situation in Anatolien und Mesopotamien sind die Quellen relativ reichhaltig und spiegeln sowohl ägyptische als auch nicht-ägyptische Perspektiven auf den Prozess wider. Ironischerweise ist aber genau dies das Problem, denn für einen großen Teil der Geschichte des frühen 1. Jahrtausends v. Chr. ist man auf eine einzige nicht-ägyptische Quelle angewiesen, deren Zuverlässigkeit umstritten ist: die Bibel.
Auf den ersten Blick ist dies seltsam, da die historischen Bücher der Bibel von Josua bis zum Zweiten Buch der Könige in für die altorientalische Geschichte einzigartiger Weise eine detaillierte und umfassende Darstellung der Ereignisse in Syrien-Palästina vom 12. bis zum frühen 6. Jahrhundert v. Chr. zu bieten scheinen. Fast zwei Jahrhunderte wissenschaftlicher Untersuchungen haben jedoch ernsthafte Fragen zur Genauigkeit eines Großteils dieser Darstellung aufgeworfen. Die Probleme sind vierfacher Art. Erstens verließen sich die Autoren der biblischen Erzählung auf verlorene Quellen von ungewissem Charakter und Zuverlässigkeit für ihre Darstellung von Ereignissen, die ein halbes Jahrtausend vor ihrer Abfassung in der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. stattfanden. Zweitens fehlen archäologische Bestätigungen für wichtige Aspekte der biblischen Geschichte, wie etwa die hebräische Eroberung von Judäa und das Großreich von David und Salomon. Drittens sind viele Details der Erzählung, etwa die zahlreichen Reden und Dialoge, eindeutig fiktiv. Viertens ist die Interpretation der Ereignisse in der biblischen Erzählung ernsthaft anachronistisch, da sie die religiösen Vorstellungen der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. widerspiegelt, nicht der Zeit von dessen Beginn.
Man hat daher gelernt, bei der Verwendung der biblischen Darstellung von Ereignissen in der frühen Eisenzeit Vorsicht walten zu lassen und zu akzeptieren, dass einige der bekanntesten Geschichten der Bibel, einschließlich vieler Details der hebräischen Eroberung von Judäa und der Herrschaft von David und Salomon, möglicherweise nicht historisch sind. Dennoch ergibt sich, wenn die biblischen Erzählungen im Licht ägyptischer und assyrischer Texte und archäologischer Belege interpretiert werden, ein relativ klares Bild der Bedingungen in Syrien-Palästina zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. Es fällt auf, dass der ägyptische Einfluss in Syrien-Palästina, abgesehen von seltenen Einfällen wie dem Feldzug des Pharaos Scheschonq I. im späten 10. Jahrhundert v. Chr., vollständig verschwunden war, wodurch Ägyptens ehemalige kanaanitische Untertanen befreit wurden.
Während des Neuen Reiches hatte Ägyptens Reich in Kanaan aus einer Reihe von Stadtstaaten und Kleinkönigreichen bestanden, die von Klientelkönigen regiert und durch Festungen und Garnisonen an strategischen Punkten verstärkt wurden. Mit dem Zusammenbruch des Ägyptischen Reiches erlangten all diese Staaten ihre Unabhängigkeit zurück. Von allen ehemaligen asiatischen Untertanen Ägyptens waren es jedoch die Hafenstädte, welche die Küste zwischen Tyros im Süden (heute Sur im Libanon) und Arados (Aruad vor der Küste Syriens) im Norden also die von den Griechen später Phönizien genannte Region innehatten, die aus der Krise der späten Bronzezeit mit dem geringsten Schaden hervorgingen und die kanaanitischen Traditionen bis ins 1. Jahrtausend v. Chr. fortführten.
Die Erfahrung der fünf weiter südlich gelegenen Städte im heutigen Israel von Aschdod bis Gaza war weniger glücklich. Archäologische Belege zeigen einen radikalen Wandel in ihrer materiellen Kultur zu Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr., zur gleichen Zeit, als die Bibel sie als nicht von Kanaanitern, sondern von einem neuen Volk, den Philistern, beherrscht darstellt. Deren Identität ist unklar, aber meist identifiziert man sie mit den Peleset, einer der verschiedenen Gruppen von Räubern, welche die Ägypter als »Seevölker« bezeichneten, und man betrachtet sie als Einwanderer aus der Ägäis aufgrund der engen Beziehung zwischen verschiedenen Aspekten der materiellen Kultur der Philister-Städte und der späten mykenischen Kultur, insbesondere ihrer Architektur und der reichlich vorhandenen bemalten Keramik.
Währenddessen entstanden im Inneren des heutigen Israels und Jordaniens unter dem Druck der Philister-Städte neue Staaten, die versuchten, ihren Einfluss ins Landesinnere auszudehnen, um die arabischen und mesopotamischen Handelswege zu schützen, von denen ihr Wohlstand abhing. Im 10. Jahrhundert v. Chr. hatten sich die beiden Königreiche Israel und Juda um die Städte Samaria und Jerusalem im israelischen Hügelland gebildet, während jenseits des Jordans das Königreich Moab entstanden war. Komplizierter waren jedoch die Auswirkungen auf Ägypten selbst und seine Nachbarn in Nordostafrika.
Ägypten ging aus dem Zusammenbruch seines Reiches verarmt, geteilt und zum ersten Mal seit über einem halben Jahrtausend als einer Fremdherrschaft unterstehend hervor. Die Pharaonen des späten Neuen Reiches hatten die Ansiedlung von Libyern in Ägypten und die Rekrutierung von Libyern in die ägyptische Armee gefördert. Die Zunahme ihrer Zahl führte jedoch zu einem Ende des Machtgleichgewichts in Ägypten zu Ungunsten der einheimischen ägyptischen Bevölkerung. Im 10. Jahrhundert v. Chr. dominierten vielmehr Libyer die ägyptische Armee und besetzten die höchsten Positionen in der Regierung. Schließlich bestieg im Jahr 945 v. Chr. ein libyscher Häuptling namens Scheschonq den Thron, gründete die 22. Dynastie und eröffnete eine Periode von mehr als zwei Jahrhunderten libyscher Herrschaft in Ägypten.
Obwohl libysche Häuptlinge in Ägypten als Pharaonen anerkannt wurden, widersetzten sie sich der vollständigen Integration in die ägyptische Gesellschaft, was sich darin zeigte, dass sie ihre nicht-ägyptischen Namen und Stammestitel beibehielten, Entscheidungen bevorzugt den Orakeln zur Genehmigung vorlegten und, was am wichtigsten war, Regierungsämter mit befreundeten Verwandten besetzten, die bald vererbbar wurden. Schwindende königliche Macht und zunehmende politische Zersplitterung waren die unvermeidlichen Folgen, bis im späten 8. Jahrhundert v. Chr. Ägypten in mindestens zehn separate politische Einheiten aufgeteilt war, von denen vier von libyschen Häuptlingen regiert wurden, die freilich jeweils den Anspruch erhoben, Pharao zu sein.
Wie in Syrien-Palästina schuf ein geteiltes und geschwächtes Ägypten auch in Nubien Möglichkeiten für seine ehemaligen Untertanen. Ägypten hatte sein nubisches Reich während des Neuen Reiches regiert, indem es sich auf lokale Führer im zentralen Sudan verließ, die in das System kooptiert worden waren. Das Ende der ägyptischen Herrschaft machte sie frei, ihre eigenen Ziele zu verfolgen. Auch wenn die Details verloren sind, haben US-amerikanische Ausgrabungen des königlichen Friedhofs in el-Kurru in der Nähe des vierten Katarakts des Nils die allmähliche Umwandlung einer Reihe regionaler Häuptlinge in Könige dokumentiert, die das gesamte obere Niltal im ägyptischen Stil regierten. Der Prozess begann im frühen 9. Jahrhundert v. Chr. mit Bestattungen in großen Hügelgräbern (Tumulus-Gräbern) im nubischen Stil und endete im späten 8. Jahrhundert v. Chr. mit Bestattungen im ägyptischen Stil in Pyramiden.
