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Was bestimmte den Kurs der arabischen Welt? Von nomadisch umherziehenden Stämmen bis zum Chaos des Arabischen Frühlings: Der renommierte Arabist Tim Makintosh-Smith verfolgt die Geschichte des Nahen Ostens in allen Einzelheiten. Der rasante Aufstieg des arabischen Reichs, sein Untergang und die folgende Fremdherrschaft durch Türken, Perser, Berber und Europäer, das Wiedererwachen einer gemeinsamen Identität: Sachkundig führt er durch die verschiedenen historischen Epochen und zeigt die heutigen Folgen auf. - Von der vorislamischen Zeit bis heute: die wechselvolle Geschichte der arabischen Kultur - Der Koran: Was das erste arabische Buch bewirkte - Weshalb existiert kein Zusammenschluss in Form einer arabischen Union? - Dualismus seit frühester Zeit: zwischen sesshafter und beduinischer Gesellschaft - Gibt es "die Araber" als eigenständige und klar abgegrenzte Gruppe überhaupt?Worte, Reime und Rhetorik: die verbindende Wirkung des Arabischen Die gemeinsame Sprache als verbindende Eigenschaft der Araber: Die Chronik der arabischen Welt ist weniger geprägt von den Taten berühmter Männer und Frauen. Es sind ihre Worte, die bis heute "den Gang der Geschichte vorantreiben". Was mit dem Koran begann, setzt sich bis zu den Parolen des Arabischen Frühlings fort. Diese kollektive Kraft des Wortes, die die arabisch sprechenden Länder trotz aller Konflikte verbindet, und die Personen, die sie zu nutzen wissen, stehen im Vordergrund dieses umfassenden Werks. Kenntnisreich folgt Tim Mackintosh-Smith den Spuren arabischer Völker durch drei Jahrtausende und präsentiert damit einen beeindruckenden Gesamtüberblick der arabischen Kultur und Geschichte.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Die englische Originalausgabe ist 2019 bei Yale University Press, New Haven und London unter dem Titel Arabs. A 3,000-Year History of Peoples, Tribes and Empires erschienen.
© 2019 by Tim Mackintosh-Smith
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
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wbg Theiss ist ein Imprint der wbg.
© der deutschen Ausgabe 2021 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt
Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.
Lektorat: Eva Berié, Berlin
Gestaltung und Satz: Arnold & Domnick, Leipzig
Einbandgestaltung: Jutta Schneider, Frankfurt/Main
Einbandabbildung: © Shutterstock
Karten im Buch: Peter Palm, Berlin
Christian Saßmannshausen hat Zeittafel, Bibliografie und Register mit übersetzt.
Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier
Printed in Europe
Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de
ISBN 978-3-8062-4175-4
Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:
eBook (PDF): 978-3-8062-4212-6
eBook (epub): 978-3-8062-4213-3
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Innentitel
Inhaltsverzeichnis
Informationen zum Buch
Informationen zum Autor
Impressum
Schaʿb: … Ansammlung oder Vereinigung; ebenso Trennung, Teilung oder Uneinigkeit … Nation, Volk, Rasse oder Menschheitsfamilie …
Edward William Lane, An Arabic-English Lexicon
Und wenn dein Herr es gewollt hätte, hätte Er alle Menschen zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Doch sie hören nicht auf, uneins zu sein.
Koran, Sure 11:118
Wir hatten also mehr als 1400 separate Stammes-„Regierungen“ in den beiden [hadramitischen] Staaten. Daneben existierten einige hundert autonome unbewaffnete Gemeinden … Insgesamt kam ich auf über 2000 einzelne „Regierungen“ im Hadramaut.
Harold Ingrams, Arabia and the Isles
Im Gedenken an einen vereinigten Jemen (1990–2014) sowie an Ali Husain Aschʿab (1998–2016) und alle anderen, die mit diesem Land gestorben sind.
Vorwort: Rad und Sanduhr
Einleitung: Die Stimme einen
AUFSTIEG: 900 V. CHR. – 600 N. CHR
1 Stimmen aus der Wüste: Früheste Araber
2 Völker und Stämme: Sabäer, Nabatäer und Nomaden
3 Weit und breit verstreut: Die Grammatik der Geschichte im Wandel
4 An der Schwelle zu wahrer Größe: Die Tage der Araber
REVOLUTION: 600–630
5 Offenbarung als Revolution: Mohammed und der Koran
6 Gott und Cäsar im Bunde: Der Staat von Medina
DOMINANZ: 630–900
7 Die Halbmondritter: Erschließungen
8 Das Königreich von Damaskus: Umayyadische Vorherrschaft
9 Das Weltreich von Bagdad: Abbasidische Souveränität
NIEDERGANG: 900–1350
10 Gegenkulturen, Gegenkalifen: Das Imperium zerfällt
11 Der Geist in der Flasche: Die Horden rücken näher
FINSTERNIS: 1350–1800
12 Meister des Monsuns: Araber im Indischen Ozean
WIEDERAUFSTIEG: 1800 BIS HEUTE
13 Erwachen: Die Wiederentdeckung der Identität
14 Zeit der Hoffnung: Nasserismus, Baathismus, Befreiung, Erdöl
15 Zeit der Ernüchterung: Autokraten, Islamokraten, Anarcharchen
Nachwort: Auf dem Bahnsteig der Geschichte
ANHANG
Anmerkung der Übersetzer
Zeittafel
Anmerkungen
Bibliografie
Register
Ich dachte weder, dass der Lauf der Zeit das Neue verschleißen, noch dass ein geeintes Volk durch Wechselfälle gespalten würde.
Dhū al-Rumma
Vor knapp 30 Jahren begann ich die Arbeit an meinem ersten Buch, einem geschichtlichen Abriss des Jemen, meinem damaligen Wohnort. Kurz zuvor, im Mai 1990, waren die zwei Teile des Landes wiedervereinigt worden – wenige Monate vor der deutschen Wiedervereinigung. Mauern stürzten ein, eiserne Vorhänge öffneten sich und inmitten der Wildnis löste man eine Grenzlinie auf. Im Jemen herrschte Optimismus. Zwar kam es 1994 zu einem erneuten Abspaltungsversuch und einem kurzen Krieg, in dessen Verlauf das ehemalige Regime im Süden beinahe so viele Scud-Raketen auf uns in Sanaa abfeuerte wie Saddam Hussein drei Jahre zuvor auf Israel, was unsere Herrscher im Norden damit beantworteten, dass sie eine Horde umherstreifender bärtiger Islamisten auf Aden hetzten, wo sie unter anderem die einzige Brauerei auf der Arabischen Halbinsel zerlegten. Doch der Jemen blieb vereinigt und es schien, als richte sich der Blick nun nach vorn.
Mein erstes Buch war eine Hommage an ein Land, das an seiner gemeinsamen Vergangenheit, seiner jahrtausendealten kulturellen Einheit festhielt. Zwischen den Zeilen war das Buch damit wohl auch eine Hommage an seine nun wiederhergestellte politische Einheit. Denn es war nicht das erste Mal im Laufe der Geschichte, dass der Jemen als geeinter Staat auftrat: Staatliche Einheit hatte es bereits in vorislamischer Zeit, dann vorübergehend im 14. und wieder kurzzeitig im 17. Jahrhundert gegeben. Vielen Jemeniten und auch mir schien (und scheint) die politische Einheit einer natürlichen Einheit zu entsprechen. Dieses Gefühl herrschte auch schon im 14. Jahrhundert: „Wäre der Jemen unter einem Herrscher geeint“, schrieb ein Berichterstatter in Ägypten, „könnte er an Bedeutung gewinnen und eine stärkere Stellung unter den herausragenden Völkern einnehmen.“1
Allerdings ist der Jemen über neun Zehntel seiner Geschichte nicht vereint gewesen – ganz im Gegenteil. Auch heute, während ich dies schreibe, ist das Land wieder im Zerfall begriffen – dasselbe gilt, wie es den Anschein hat, auch für den Irak und Libyen. Und für Syrien, dessen Zusammenhalt nur noch mit blanker Gewalt aufrechterhalten wird. Die Einheit Ägyptens ist dem Anschein nach gesichert, doch die Gesellschaft zerrissen. In diesen fünf Ländern lebt immerhin die Hälfte der Bevölkerung der arabischsprachigen Welt. Einem aktuellen Bericht der Vereinten Nationen zufolge sind in dieser Welt nur fünf Prozent der Weltbevölkerung beheimatet, sie verursacht jedoch 58 Prozent der Flüchtlinge weltweit und 68 Prozent aller „durch Kampfhandlungen bedingter Todesfälle“.2 Man könnte meinen, das einzige einigende Band zwischen Arabern sei ihre Unfähigkeit, friedlich miteinander auszukommen. Woher diese Uneinigkeit? Warum diese selbstzerstörerische Gewalt?
„Es liegt an der Abwesenheit von Demokratie und demokratischen Institutionen“, wird man im Westen (pragmatisch verkürzt) antworten. Klingt einleuchtend – allerdings haben die jüngsten Interventionen von außen, die angeblich auf die Stärkung von Demokratie abzielten, das Chaos wohl nur noch verstärkt. Und wenn es einmal freie und faire Wahlen gibt, gewinnen fast immer die Islamisten, mittels Militärputsch wird die Wahl für ungültig erklärt und der Westen verstummt wieder. Wenn es ums Geld geht, hat die Moral offenbar nichts mehr zu melden.
„Es liegt daran, dass der Islam nicht zu religiöser Einheit findet“, werden die Islamisten (wiederum verkürzt) antworten. Nur dass es sich bei dieser viel beschworenen Einheit des Islam von Anfang an um eine Schimäre gehandelt hat. Schließlich sind ab dem Jahr 40 der islamischen Zeitrechnung Kämpfe um Macht und Anerkennung überliefert und sie wurden keineswegs mit der Waffe des Wortes allein ausgefochten.
„Es liegt am Erbe des Imperialismus“, werden arabische Nationalisten (von denen es tatsächlich noch welche gibt) antworten. Nur dass in der postimperialen Epoche beinahe jeder Versuch, Einheit herzustellen, gescheitert ist, meist an innerarabischen Zwisten und Vorbehalten. In einer Analyse des arabisch-israelischen Krieges von 1948 schrieb ein arabischer Kommentator, dass „die Araber die Schlacht um Palästina hätten gewinnen können, wäre nicht etwas an ihnen selbst falsch und verkommen gewesen“.3 Dieses „Etwas“ bestand aus gegenseitigem Misstrauen, Argwohn und Angst. Aus dem bösen Blut, das sich durch die gesamte arabische Geschichte zieht.
Selbstverständlich haben Araber kein Monopol auf Uneinigkeit. Auch die europäische Landkarte etwa bestand bis in die Neuzeit aus einem schillernden Mosaik von Kleinstaaten. Die deutsche Wiedervereinigung von 1990 – die ja selbst Folge eines gegenläufigen Prozesses, des Zerfalls der Sowjetunion, war – stellte eine Einheit wieder her, die zuvor gerade einmal zwei Generationen gewährt hatte. Damals war Europa ein zentraler Schauplatz von Kriegen gewesen, die zum gewaltsamen Zerfall des Osmanischen Reiches und Österreich-Ungarns geführt und den etwas weniger gewaltsamen Zusammenbruch des Britischen Empire eingeleitet hatten – immerhin entstanden daraus die Vereinten Nationen und die Europäische Union (beides bekanntlich Bastionen des friedlichen Miteinanders). Die ganze Welt ist ein Schmelztiegel, in dem vorübergehend stabile Gebilde wieder zerfallen und neue geformt werden. Ohne diesen steten Wandel gäbe es keine Entwicklung. Vereinigung und Spaltung sind zwei Seiten derselben Medaille. So erklärt sich auch das erste diesem Buch vorangestellte Zitat aus Lanes Arabic-English Lexicon:
Schaʿb: … Ansammlung oder Vereinigung; ebenso Trennung, Teilung oder Uneinigkeit … Nation, Volk, Rasse oder Menschheitsfamilie …4
(Wie kann ein einziges Wort so viel Widersprüchliches bedeuten? Bei näherer Betrachtung wird es etwas klarer: schaʿb bedeutet neben „Volk“ und all den anderen aufgeführten Begriffen auch die Schädelnaht, also die Stelle, an der die beiden Schädelknochen aufeinandertreffen und sich teilen. Die Knochen selbst werden qabīlas genannt, was sich auch mit „Stämme“ übersetzen lässt. In der arabischen Sprache zeichnet der menschliche Schädel mit seinen „Völkern“ und „Stämmen“ demnach gleichsam ein Bild der Menschheit als Ganzes.)
Und doch: Ist es nicht so, dass die Araber in vieler Hinsicht einen Sonderfall darstellen? Das beginnt damit, dass wir sie – und sie sich selbst – einfach als „die“ Araber bezeichnen, so als seien sie eine eigenständige und klar abgegrenzte Gruppe mit eindeutigen Merkmalen. Angenommen, das stimmt – wie genau sehen diese Eigenschaften dann aus? Und woher rührt der Eindruck, dass diese Gruppe sich so leicht spalten lässt, so schnell in Aufruhr zu versetzen ist? Sollte es nicht zumindest so etwas wie eine Arabische Union oder gar Vereinigte Arabische Staaten geben? … Aber halt! Auch wenn es in den meisten Geschichtsbüchern unerwähnt bleibt: Es hat tatsächlich die Vereinigten Arabischen Staaten (VAS) gegeben. Sie bestanden aus einer Konföderation der Vereinigten Arabischen Republik (VAR) – einer politischen Union zwischen Ägypten und Syrien während der kurzen Blütezeit des Panarabismus – mit dem damaligen Königreich im Nordjemen. Diese Konföderation der drei Staaten hielt ganze 44 Monate, von 1958 bis 1961.
Nun ließe sich einwenden, politische Einheit sei nicht per se ein erstrebenswertes Gut. Aber ich glaube, zumindest in einem weiteren Sinn des Wortes – nämlich verstanden als Harmonie, Abwesenheit von Zwietracht, friedliche Koexistenz und Kooperation – sind Einheit und Zusammenhalt für die Menschheit besser als Zersplitterung und der Kampf gegeneinander. Es ist die einzige Hoffnung für uns auf diesem kleinen Planeten mit zu vielen Menschen und zu wenigen Ressourcen, insbesondere in dicht bevölkerten Ländern wie Syrien, Ägypten und Jemen. Es sei denn, wir ziehen es vor, uns gegenseitig umzubringen und noch einmal ganz von vorn anzufangen.
***
Historische Studien über Araber setzen für gewöhnlich mit dem Islam ein oder begnügen sich allenfalls mit knappen Vorbemerkungen über die Vorgeschichte. Sicherlich brachte der Islam eine bestimmte Gruppe von Menschen in einem großen Augenblick der Geschichte zusammen. Doch die Einheit, die dadurch entstand, war nur eine scheinbare, und hat nie wirklich Bestand gehabt. Traditionellen Berichten zufolge kamen die Stämme Arabiens im Jahr 630/631 zusammen, dem Jahr der Gesandtschaften, als Stammesvertreter den Propheten Mohammed aufsuchten, um ihm und dem von ihm gegründeten Staat die Treue zu schwören. Nur zwei Jahre später, nach Mohammeds Tod, waren die meisten dieser Stämme allerdings zu ihrer vormaligen Eigenständigkeit und ihren alten Zwistigkeiten zurückgekehrt. Die Risse zwischen ihnen ließen sich vorübergehend übertünchen, weil die aufsehenerregenden Eroberungen von Arabern außerhalb Arabiens einen wundersamen – um nicht zu sagen gottgegebenen – Korpsgeist unter ihnen entstehen ließen. Doch die unterschwelligen tribalen Verwerfungen vermochte auch das nicht zu heilen. Schon 300 Jahre später lebte die geeinte arabische Herrschaft nur noch in Erinnerungen fort, und in den folgenden rund 1000 Jahren standen die untereinander zerstrittenen Araber fast ausnahmslos unter der Herrschaft von Türken, Persern, Berbern, Europäern und anderen Völkern. Ihr eigenes Reich war ihnen wie durch Amputation abhandengekommen. Mit der Zeit klang der Schmerz ab, bestand in der Erinnerung jedoch als Phantomschmerz fort.
Das hat zur Folge, dass große Teile der zeitgenössischen Literatur zur politischen Geschichte der Araber sich ab etwa dem Jahr 900 n. Chr. unmerklich zu einer arabischen Kulturgeschichte wandeln, bevor sie sich der Geschichte anderer Völker zuwendet – dabei verschwanden Araber mitnichten von der Bildfläche. Ein Grund dafür ist das Wort „Araber“ selbst. Diese Benennung ist wie jedes Wort nicht identisch mit dem, was es bezeichnet, sondern eine Art Etikett. Etiketten sind nützlich, aber manchmal auch irreführend. Mit ihnen lassen sich alle möglichen Unterschiede verschleiern, Risse verdecken und sogar Lügen verbreiten. Mit der Zeit verblassen sie und werden überschrieben, sodass ihre ursprüngliche Bedeutung – falls es je eine einzige Bedeutung gab – in Vergessenheit gerät. Tatsächlich sind wir alle wie die Reisekoffer früherer Zeiten mit vielen Aufklebern versehen, voller geografischer, genetischer, sprachlicher und vieler anderer Bezeichnungen (so bin ich etwa Brite, Engländer, Schotte, Angelsachse, Kelte, Europäer, Indoeuropäer, Jemenit, Bewohner der Arabischen Halbinsel, Araber …) – auch wenn nur wenige andere Gruppen mit so vielen Etikettierungen versehen worden sein dürften wie das weitgereiste Volk der Araber. Doch auch an ihnen bleibt, wie an den meisten von uns, letzten Endes nur ein einziges Etikett haften. Je weiter es gefasst ist, umso haltbarer erweist es sich.
„Araber“ ist ein weit gefasstes Etikett, das sehr gut haftet (es ist nun schon beinahe 3000 Jahre in Umlauf) und doch aufs Glatteis führt. Zu unterschiedlichen Zeiten haben unterschiedliche Menschen sehr Unterschiedliches darunter verstanden. Es hat so viele Bedeutungsverschiebungen und Wandlungen erfahren, ist verblasst und hat immer wieder neue Konturen angenommen, dass es höchst irreführend wäre, von „den Arabern“ zu sprechen – weswegen im vorliegenden Buch auch darauf verzichtet wird. Der Begriff ist so schillernd wie der vielgestaltige Proteus – und der Versuch, ihn zu definieren, wäre ebenso aussichtslos wie das Unterfangen, die wahre Gestalt des Meeresgottes zu bestimmen. Dennoch lässt sich so viel festmachen: Das Wort bezeichnet, soweit wir in die Geschichte zurückblicken können, meist tribale Gruppen fernab sesshafter Gesellschaften. Diese Lebensform trifft aller Wahrscheinlichkeit nach auf Araber aus der Zeit vor dem Islam und mit Sicherheit auf Araber aus dem 2. Jahrtausend n. Chr. zu. Bei beiden Zeitspannen spricht vieles dafür, den Begriff wie einen kursiv zu setzenden Eigennamen zu behandeln und nicht als Bezeichnung für eine eigenständige Volksgruppe: als ʿarab, nicht als „Araber“. Es überrascht, dass jene randständigen, umherziehenden, zahlenmäßig unbedeutenden Stämme – die es nie zu einem Großbuchstaben, geschweige denn zu einer Großstadt gebracht haben – eine so identitätsstiftende Rolle gespielt haben. Denn gemeinhin beziehen Gesellschaften ihr Selbstverständnis aus der Abgrenzung zum Nomadischen, Unzivilisierten und Barbarischen, angefangen bei den griechischen Stadtstaaten im 5. Jahrhundert v. Chr. über das chinesische Reich bis hin zu den europäischen Kolonialmächten der jüngeren Zeit. Nur bei Arabern rührt sowohl ihr Name als auch ihre Sprache, das einzige ihnen allen gemeinsame Merkmal, aus dem Nomadentum und der Ungebundenheit schlechthin: aus den tribalen ʿarab.
Was wir heute als „Araber“ bezeichnen, ist ein ethnisches Konglomerat, das auf semitischsprachige nomadische oder halbnomadische ʿarab-Stämme einerseits, sesshafte Volksgruppen in Südarabien andererseits zurückgeht, die vermutlich einen gemeinsamen prähistorischen Ursprung im Fruchtbaren Halbmond in der nördlichen Region der Arabischen Halbinsel haben und im Laufe der Zeit unterschiedliche Sprachen und Lebensweisen ausprägten: Die Bewohner der Südhalbinsel entwickelten sich auf der Grundlage von Bewässerungssystemen und Landwirtschaft zu sesshaften Gesellschaften (oder haben sich auch mit vor ihnen dort ansässigen Völkern vermischt), während ʿarab als Weidewirtschaft betreibende Hirten auf der Suche nach Wasserstellen und Niederschlag umherzogen und auf Raubzüge gingen. Wechselseitige Interessen, sowohl kommerzieller als auch politischer Natur, brachten beide Gruppierungen in den Jahrhunderten vor der Entstehung des Islam enger zueinander. In der frühislamischen Zeit wurde der Zusammenhalt dieses Konglomerats, da man gemeinsam an der Errichtung eines Großreichs beteiligt war, vorübergehend noch enger – zugleich aber auch komplizierter, weil in dem Völkergemisch nun auch Menschen von außerhalb der Arabischen Halbinsel aufgingen. Im Laufe dieser langen Entwicklung wurden die ʿarab-Stämme jedenfalls zu einem Teil – oder vielmehr zum eigentlichen Herzstück – der im weitesten Sinn als Volksgruppe verstandenen Araber. Das sind sie, ungeachtet ihrer geringen Zahl, bis auf den heutigen Tag geblieben. Allerdings haben sie auch einen nicht unerheblichen Anteil daran, dass die arabische Geschichte voll innerer Widersprüche ist. Denn die Spannungen zwischen sesshaften und nichtsesshaften Elementen innerhalb des Konglomerats haben zwar viele positive Kräfte freigesetzt, aber auch für verheerende Instabilität gesorgt. In den folgenden Kapiteln werden wir diese positiven und negativen Entwicklungen näher untersuchen.
Das Zustandekommen und der Erhalt dieses Völkergemischs verdanken sich mehr als allem anderen einer besonderen Kraft: der arabischen Sprache – nicht der Alltagssprache, sondern dem reichen, merkwürdigen, subtilen, hypnotischen, märchenhaft verzaubernden, wahnwitzig schwierigen „Hoch“-Arabisch, das die tribalen Wahrsager und Dichter auf ihren Zungen trugen. Es hat über weite Strecken und womöglich von Anfang an die Ausbildung einer umspannenden arabischen Identität ermöglicht und beschleunigt. Ethnische Identität kommt ohne eine gemeinsame Sprache nicht aus. Sie ist der Versuch, die von Gott geschaffene babylonische Sprachverwirrung rückgängig zu machen, die zu unüberwindlichen Verständigungsschwierigkeiten geführt und die Menschheit auseinandergebracht hat. Arabern dient ihre Sprache nicht nur als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe, sondern sie macht sie vielmehr erst zu dem, was sie sind. „Es heißt“, so lautet ein Sprichwort, das bereits im 9. Jahrhundert n. Chr. altbekannt war, „dass göttliche Weisheit in Form dreier Körperteile vom Himmel auf die Erdenmenschen niederkam: dem Gehirn der Griechen, den Händen der Chinesen sowie der Zunge der Araber.“5
Auch daher spielen in der arabischen Geschichte anders als in der Geschichtsschreibung im Allgemeinen weniger die Taten großer Männer eine Rolle als wortgewaltige, sprachgewandte Männer (und einige Frauen) – Dichter, Prediger, Rhetoriker, Schriftsteller, allen voran der Verfasser (beziehungsweise für Muslime der Verkünder) des ersten auf Arabisch verfassten Buches, des Koran. Diese Personen und ihre Worte sind es, um die es in diesem Buch vor allem gehen wird. Denn ihnen ist es zu verdanken, dass Identität gestiftet, Einheit geschaffen und der Gang der Geschichte vorangetrieben wurde. Um zu überprüfen, inwiefern sie mit ihrer Sprache den Fortschritt der Geschichte befördert oder gehemmt haben, werden wir hin und wieder eine Zwischenbilanz ziehen. Denn noch ist es nicht vorbei mit den Fort- und Rückschritten. Aktuelle Ereignisse (nicht zuletzt der „Arabische Frühling“ und das Chaos, das auf ihn folgte) haben gezeigt, dass die Geschicke der arabischen Welt nach wie vor maßgeblich von der Sprache gelenkt werden – von Slogans, Gesängen, Propaganda, Lügen, Desinformation, dem von alters her faszinierenden Zauber von Schwarz und Weiß. Oder vielmehr: die Geschicke der arabischsprachigen Welt, der Arabosphäre. Denn auch heute ist die Sprache der Araber nicht nur einfach ihre Sprache, sondern das, was sie ausmacht. Es wäre daher präziser, nicht von „Arabern“ zu sprechen, sondern von „Arabisch sprechenden“ Menschen. Denn will man die Bevölkerung, die auf dem Gebiet zwischen der Straße von Gibraltar bis zur Straße von Hormus lebt, unter dem Begriff „Araber“ zusammenfassen, könnte man mit Fug und Recht auch alle Einwohner Nord- und Südamerikas, Australiens, Irlands und Großbritanniens ungeachtet ihrer Herkunft als „Engländer“ bezeichnen – oder vielmehr als „Angeln“, denn auch diese waren schließlich umherwandernde Stämme, deren Sprache als einziges Zeugnis eines längst untergegangenen Imperiums überdauert hat.
***
Um zu verstehen, woraus sich die arabische Identität speist – die ja bei aller Uneinigkeit und Differenz zwischen Arabern der Anlass dafür ist, dass sie das Traumgespinst von politischer Einheit wahrzumachen versuchen –, müssen wir darum auf ihre Sprache hören und weit in die Zeiten vor der Entstehung des Islam zurückgehen. Über die vorislamische Vergangenheit, die nur spärlich erforscht ist, wissen wir in der Regel wenig. Sie umfasst jedoch einen Zeitraum, der nach Quellenlage ebenso lang ist wie die Epoche seit dem schicksalhaften Beginn des Islam in Arabien. Die früheste bekannte Inschrift, in der Araber erwähnt sind, datiert auf das Jahr 853 v. Chr.6 Wir schreiben das Jahr 2017 n. Chr., als ich mit der Niederschrift dieses Manuskripts beginne. Zwischen dem Jahr 582 n.Chr., als nach islamischer Überlieferung zum ersten Mal prophetische Zeichen in Mohammed erkannt worden sein sollen, und dieser antiken Inschrift liegt damit exakt die gleiche Anzahl von Jahren wie zwischen dem Jahr 582 n. Chr. und heute.
Der Islam setzte mit einem Blitz ein, der uns die Sicht auf das, was davor war, nimmt. Seine enorme Strahlkraft erstreckte sich zudem über alle nachfolgenden Ereignisse und hat vieles davon in den Schatten getaucht. Um uns ein Gesamtbild von den historischen Ereignissen zu machen und dabei für ausgeglichene Lichtverhältnisse zu sorgen, müssen wir versuchen, den Blickwinkel zu erweitern: Denn die Ereignisse nach dem Beginn der islamischen Zeitrechnung machen nur die Hälfte des Bildes aus.
Was der Islam, und damit einhergehend das vermeintlich einheitliche arabische Narrativ, tatsächlich in Gang setzte, war die Entwicklung arabischer Kommunikationstechnik. Mit anderen Worten: Es bildeten sich neue Methoden im Umgang mit der Sprache und ihrer Kontrolle heraus und mit ihnen ein Identitätsgefühl. Während in der vorislamischen Zeit Literatur, Kultur, Geschichte und Identität überwiegend mündlich überliefert wurden, lösten die mit dem Islam aufkommenden Technologien so gut wie alle wichtigen Entwicklungen der arabischen Geschichte aus. Wir werden diese Technologien der Reihe nach genauer betrachten. Fürs Erste mag es reichen, eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie wichtig diese Technologien für unsere Untersuchung sind. Im frühen 7. Jahrhundert erscheint, vergleichsweise spät, das erste Buch arabischer Sprache – der Koran: Über Nacht (gemessen an den 3000 Jahren, mit denen wir uns hier beschäftigen) werden damit eine Sprache und die Menschen, die sie sprechen, zum ersten Mal sicht- und lesbar. Plötzlich sind sie präsent, schwarz auf weiß. Eine Vergangenheit haben sie bereits, jetzt betreten sie ihre historische Gegenwart mit einer Energie, die ihnen ein großes Reich bescheren wird.
Um das Jahr 700, als man kurzerhand die Amtssprachen Griechisch und Persisch zugunsten des Arabischen über Bord wirft, wird dieses Reich mit all seinen Bewohnern in rasender Geschwindigkeit arabisiert: Arabisch ist das neue Latein. Im 8. Jahrhundert hängt das arabische Papierhandwerk das im Pergamentzeitalter eingemummelte Europa meilenweit ab und ein Strom an Worten und Ideen bricht sich auf Arabisch Bahn. Sieben Jahrhunderte später holt Europa mit dem Buchdruck auf. Die arabische Kursivschrift funktioniert nicht wirklich mit beweglichen Lettern, arabischer Bleisatz wird in den eigenen Landen misstrauisch beäugt wie Dosenspaghetti in Italien. Als zu guter Letzt im 19. Jahrhundert dann doch arabische Buchpressen langsam ihre Arbeit aufnehmen, geht damit eine arabische Renaissance einher, die Nahda beziehungsweise das „Erwachen“. Hundert Jahre später verbreiten grenzüberschreitende Transistorradios einen neuen, mitreißenden panarabischen Nationalismus über den Äther. Eine Generation später finden arabische Schriftsetzer endlich ein Gegenmittel zum Fluch der Kursivschrift – Textverarbeitungsprogramme. Zur gleichen Zeit startet das Satellitenfernsehen, Worte fliegen immer weiter und schneller. Mit dem Aufkommen der sozialen Medien im 21. Jahrhundert kann sich dann eine ganz neue, subversive Sprache Gehör verschaffen – zumindest bis die Reaktionären Facebook ebenfalls für sich entdecken. Jetzt sind es die digitalen Dinosaurier, die alles daran setzen, die Medien und Gedanken unter ihre Gewalt zu bringen.
Über alldem sollten wir aber nicht vergessen, dass auch die vorislamische Hälfte der Geschichte ihre sozialen Medien und Wortführer hatte. Auch damals flogen bereits Worte, wenn auch die meisten mit dem Winde davon. Doch einige hat man eingefangen – auf Stein, im Gedächtnis – und mit etwas Anstrengung können wir sie immer noch hören.
***
Eine zeitgenössische Geschichte der arabischen Welt, die exakt in der Halbzeit einsetzt, also mit dem Beginn des Islam, stammt von dem berühmten Orientalisten Albert Hourani. Um seine Leser an die Vergangenheit heranzuführen, beginnt er seine Geschichte der arabischen Völker mit dem Porträt des großen arabischen Historikers Ibn Chaldūn aus dem 14. Jahrhundert n. Chr.7 Ibn Chaldūn hatte sich, der unablässigen Intrigen und Machtkämpfe müde geworden, die sein Leben über Jahrzehnte beherrscht hatten, nach Algerien in ein von Mauern geschütztes Dorf zurückgezogen, um sich dort in Ruhe seinen Studien zu widmen. Aufgrund eingehender Betrachtung der gesellschaftlichen Konflikte in seiner unmittelbaren Umgebung entwickelte er, mit „Worten und Ideen, die in meinem Kopf wie der Rahm in einem Butterfass aufsteigen“,8 wie er es ausdrückte (wie beneidenswert!), ein Modell für den Aufstieg und Fall von Dynastien. Demzufolge führt die ʿasabiyya – was wörtlich so viel wie „Zusammengehörigkeit“ bedeutet, aber häufig auch mit „Stammessolidarität“ übersetzt wird – unter Nomadenstämmen dazu, dass sie militärische Stärke erlangen, mit Gewalt die Herrschaft eines etablierten Staatsgebildes übernehmen und neue Dynastien begründen: Damit gelangen vormals randständige, frei umherziehende Stämme ins Zentrum und werden sesshaft. Im Laufe der Zeit allerdings – im Normalfall innerhalb von drei Generationen – zehrt das schöne Leben am Eifer einer Dynastie, woraufhin ein neues Herrschergeschlecht, das noch die nomadische Vitalität in sich trägt, an ihre Stelle tritt.
Hourani war Wissenschaftler, ein Mann der Bücher aus dem Umfeld des St. Antonyʼs College in Oxford. Mit seinem akademischen Blick sah er in Ibn Chaldūn den Repräsentanten eines Zeitalters und einer Kultur. Als ich beide Autoren in meinem Wohnturm im Jemen einer neuerlichen Lektüre unterzog, wurde mir etwas bewusst: Hier, mittendrin, von Mörsern und Raketen am Schlaf gehindert (mein dritter bewaffneter Konflikt), Tag und Nacht mit Parolen, Predigten und Gedichten – politischen, keinen poetischen – bombardiert, sah ich in Ibn Chaldūn in seinem stillen Kämmerlein in Algerien meinen Leidensgenossen. Während um uns herum Stämme und Dynastien sich bekriegen, Intrigen schmieden und immer wieder neue Machtkämpfe austragen, schöpfen wir beide unsere Geschichtsphilosophie aus der unmittelbaren Erfahrung. Setzte Hourani Ibn Chaldūn als literarisches Mittel ein, so finde ich mich unbeabsichtigt als dessen Wiedergänger wieder. Mit anderen Worten erlebe ich Geschichte in situ, an Ort und Stelle. Ihre Überreste liegen genau unter mir, denn der Turm, in dem ich wohne, steht auf den Ruinen des vorislamischen Sanaa – eine der großen Städte Sabas beziehungsweise Schebas –, auf den Ruinen des Palastes des abbasidischen Statthalters und Gott weiß von was noch. In situ also und in Echtzeit: Ich muss nur aus dem Fenster schauen, um zu sehen, woraus Geschichte gemacht wird. (Gerade eben ist eine Gruppe Kinder vorbeigezogen, die „Tod Amerika!“ skandierten, begleitet von Trommelschlägen und dem Geknatter von Feuerwerkskrachern und einer hoch in die Luft gehaltenen roten Kiste mit einem weiteren Märtyrer darin. Erbärmlich klein ist die Kiste.)
Die Geschichte unserer Zeit wird aus Stahl und Blei geschmiedet. Als ich neulich mit einer leeren Autobatterie liegen blieb und mir ein Autofahrer zu Hilfe kommen wollte, wir aber kein Überbrückungskabel hatten, kam uns beiden gleichzeitig dieselbe zündende Idee: Wir stoppten einen Wagen mit Stammeskriegern und liehen uns ihre AK47-Sturmgewehre aus, um die Batterien damit zu verbinden. Das Auto sprang beim ersten Versuch an. Fantastisch! „Also sind die Dinger doch für was gut“, sagte ich freudestrahlend, als ich die Waffen zurückgab. „Ja“, pflichtete mir einer der Stammeskrieger bei, „zum Töten.“
Was soll man dazu sagen? Man muss es möglichst auf die leichte Schulter nehmen. Zu sehen, wie das Land, das ich liebe, auseinanderfällt, gleicht, mit ansehen zu müssen, wie ein alter, geliebter Freund den Verstand verliert und langsam aber sicher Selbstmord begeht.
***
Meiner Meinung nach hat Ibn Chaldūns Modell, sein elegantes Paradigma, weiterhin Bestand. Wollen wir es jedoch auf drei Jahrtausende arabischer Geschichte anwenden, bedarf es einer gewissen Verfeinerung. Der zentrale Begriff bleibt ʿasabiyya, jene kollektive Kraft, die eine vorübergehende Einheit herbeiführt:
Sie bildet die Grundlage für
… erfolgreiche Raubzüge, Eroberungen oder, mutatis mutandis, Umstürze;
… infolge von Raubzug/Eroberung/Umsturz und dem daraus resultierenden Monopol auf Ressourcen (Kamele, Steuern, Erdöl und -gas) erlebt die Stammesgruppe einen florierenden Aufschwung;
… entweder reichen die Ressourcen für den stetig wachsenden Stamm nicht aus, und/oder die Anführer geraten über die Verteilung des Wohlstands in Streit, sodass die Einheit zerfasert.
Letztendlich wird sich eine neue ʿasabiyya herausbilden und der Vorgang wiederholt sich.
Wie Ibn Chaldūn bin ich der Meinung, dass der Wandel von Nomaden ausgeht. Ich würde sogar so weit gehen – so seltsam es auch klingen mag –, zu behaupten, dass sich das bis heute nicht geändert hat, obwohl es nur noch verschwindend wenige Araber gibt, die nomadisch leben. Die beiden von Ibn Chaldūn herausgearbeiteten Grundformen menschlicher Lebensweise trifft man aber noch heute an:
Erstens: hadarī oder „sesshaft“, politische Gemeinschaften, (relativ) statische Systeme, die sich durch hadāra auszeichnen, ein Begriff, der häufig mit „Zivilisation“ im Sinne einer Ansiedlung von Menschen, einer Stadt (lat. civitas, griech. pólis) übersetzt wird; zweitens: badawī oder „beduinische“, apolitische Gemeinschaften, dynamische Systeme, in denen Menschen außerhalb ziviler Gemeinwesen leben, und die auf der „Institution“ ghazw, was „Raubzug“ (oder „Eroberung“ oder „Umsturz“) bedeutet, beruhen.
Worauf ich hinaus möchte: Auch wenn Beduinen selbst vom Aussterben bedroht sind, so passen doch zahllose große Akteure und deren Vorgehen im arabischen Politikbetrieb in diese zweite, beduinische Kategorie. Beide Systeme, sesshafte Völker und beduinische Stämme, finden in einem berühmten Koranvers Erwähnung:
O ihr Menschen, Wir erschufen euch aus Mann und Frau und machten euch zu Völkern und Stämmen, auf dass ihr einander kennet.9
Dieser Dualismus, der nicht immer unbedingt auch einen Gegensatz darstellt, ist bereits in den ersten dokumentierten Quellen der arabischen Zeit belegt. Die erste Erwähnung eines Arabers stammt aus dem Jahr 853 v. Chr. und betrifft einen gewissen Gindibu („Heuschrecke“), einen arabischen Stammesführer, der im Besitz großer Kamelherden war, und vom assyrischen Staat als Zwischenhändler beauftragt wurde: ein Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen sesshafter und beduinischer Gesellschaft zu beiderseitigem Nutzen. Sehr viel später verdankt sich der Erfolg des Propheten Mohammed bei der Errichtung des ersten islamischen Staates unter anderem seinem Geschick, sesshafte und beduinische Elemente zu verbinden. In jüngster Zeit wiederum ist das beinahe vollständige Scheitern der gefeierten demokratischen Revolutionen von 2011 nicht zuletzt auf das Wiedererstarken des beduinischen Systems und seine Auflehnung gegen sesshafte Strukturen zurückzuführen. Bis zum Sommer 2014 galt der Jemen als Erfolgsstory des Arabischen Frühlings, also des Versuchs, eine stabile zivile Gesellschaft aufzubauen. Seither ist der Norden des Landes in einen bewaffneten Aufstand verwickelt, in dem eine alte, über tausendjährige Fehde wiederauflebt, ein Bürgerkrieg ist ausgebrochen, in dem die Nachbarstaaten (die in der Terminologie Ibn Chaldūns von Beduinen-Dynastien beherrscht werden) mitmischen. Geschichte, wie ich schon sagte, in Echtzeit. Kriege gehören zum Schlimmsten, was die Geschichte zu bieten hat, und Bürgerkriege zur übelsten Form des Krieges: Sie werden nicht nur innerhalb der Zivilgesellschaft, sondern gegen sie geführt. Ibn Chaldūn kannte in der Frage nach den Hauptschuldigen keine Zweifel: „Überall dort“, so schrieb er, „wo die Beduinen gesiegt haben, bricht die Zivilisation zusammen.“10
Natürlich ist es heutzutage nicht so, dass tatsächlich Nomaden auf Kamelen staatliche Institutionen aus den Angeln heben, demokratische Aufstände kapern oder Bürgerkriege entfachen. Dennoch scheint das zentrale nomadische Verhaltensmuster – der Raubzug, der ghazw – immer noch ziemlich lebendig zu sein. Vielleicht war deswegen das Bild von den kamelreitenden Regimeanhängern, die 2011 unter den auf dem Tahrir-Platz in Kairo Protestierenden Angst und Schrecken verbreiteten, so wirkmächtig. Andernorts entfalten die neuesten, mit großkalibrigen Maschinengewehren bestückten Toyota-Pickups dieselbe Wirkung.
Das Wort Raubzug ist natürlich mit allen möglichen negativen Assoziationen aufgeladen. Es trägt den Beigeschmack von Piraterie, Barbarei, vom Unzivilisierten im negativsten Sinne. Dabei sind Raubzüge durchaus ein bewährtes Mittel zur gerechteren Umverteilung von Vermögen. Die Art und Weise, wie diese Umverteilung umgesetzt wird, mag den ethischen Anschauungen mancher Menschen zuwiderlaufen, wobei sie bei nüchterner Betrachtung eigentlich rational sind: Du hast zu viel, ich habe zu wenig, also nehme ich mir, was du nicht brauchst.
Es ist wichtig, im Hinterkopf zu behalten, dass unterschiedliche Kulturen unterschiedliche Denkweisen haben. Auch Kannibalen haben, wie Kulturforscher von Michel de Montaigne bis Marshall Sahlins herausstellten, ihre eigenen rationalen Denkweisen.11 Im Wesentlichen sind die Menschen auf der ganzen Welt gleich, doch sind sie es auf unterschiedliche Weise.
Die arabische Geschichte zeichnet sich über weite Strecken durch die Koexistenz zweier unterschiedlicher Denkweisen aus. Sie ist geprägt von der scheinbaren Dichotomie zwischen Sesshaften und Beduinen, Völkern und Stämmen, vom ständigen Wechselspiel zwischen Streit und Umarmung, Liebe und Hass, Yin und Yang. Welche der beiden Denkweisen ist „typisch arabisch“? Diese Frage bringt das Problem der arabischen Identität auf den Punkt: Wie ich schon sagte, bezeichnet der Begriff „Araber“ im Wesentlichen tribale Gruppen, die abseits sesshafter Gemeinschaften und außerhalb ihrer zivilen Institutionen leben. In gewisser Weise sind Araber demnach umso weniger „arabisch“, je mehr sie sich in zivile Gesellschaften einfügen und je mehr sie infolgedessen von ihrem eigenen Ethos aufgeben. Im globalisierten Einerlei einer zunehmend urbanisierten Welt ist die Aussicht auf den dauerhaften Verlust eines wichtigen Aspekts der arabischen Identität äußerst schmerzhaft.
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Mit Völkern und Stämmen ist allerdings noch nicht alles über die arabische Geschichte gesagt. Treten wir einen Schritt zurück, um die Landkarte als Ganzes und im Wandel der Zeit zu erfassen, sehen wir sofort, dass sich der gerade geschilderte historische Kreislauf aus Zusammenschluss und Spaltung innerhalb riesiger Imperien abspielt – in Assyrien, Rom, Persien, Byzanz und im Osmanischen Reich, in Großbritannien und den Vereinigten Staaten von Amerika. Es ist nicht unbedingt ein Teufelskreis, aber ein Zahnrad mit Zähnen: Manchmal greifen Zähne und imperiale Interessen perfekt ineinander – wie im Falle der beiden Fruchtbaren Halbmonde (mehr dazu später) oder von Ägypten und Iran; manchmal verhaken sie sich. Jedes Mal aber entsteht dabei Reibung, Hitze oder ein Flächenbrand: Der Kreislauf ist eigentlich ein Feuerrad, das ebenso schöpferisch wie zerstörerisch die arabische Identität im Laufe von 3000 Jahren zum Schmelzen gebracht und neu geformt hat.
Im Verlauf unserer arabischen Erzählung werden wir jene scheinbar ewig wiederkehrende, häufig tragische Abfolge aus Einheit und Fragmentierung näher betrachten. Ebenso wie die Kraft, die das Feuer nährt, Revolutionen entfacht und charakteristischer für Araber ist als ihre im Laufe der Geschichte häufig wechselnden und immer wieder neuen Identitäten: die arabische Sprache. Sie spielt eine entscheidende Rolle in allen wichtigen, auf Informationstechnologie beruhenden historischen Entwicklungen im Laufe der arabischen Geschichte, angefangen bei der schriftlich festgehaltenen wörtlichen Offenbarung Gottes über die Textverarbeitung bis hin zur Bewusstseinsmanipulation durch die autoritären Regime der jüngeren Zeit. Wie ein roter Faden zieht sich die Sprache durch alle Versuche arabischer Möchtegernmachthaber, ʿasabiyya zu schaffen, „Zusammengehörigkeit“ oder Einmütigkeit, um die Stimme der Völker und Stämme „zu einen“, wie es auf Arabisch heißt.
Das vorliegende Buch ist eine Geschichte der Araber, nicht des Arabischen. Dennoch lässt sich kaum besser und facettenreicher analysieren, was es heißt, „Araber zu sein“, als wenn man diesen roten Faden verfolgt. Die Sprache ist das einzige Bindeglied, das ein dauerhaftes Band zwischen Arabern geknüpft, ihnen eine gemeinsame Identität gegeben und Einheit gestiftet hat. Selbst die Einheit, die der Islam brachte, basierte letzten Endes auf Worten. Die drei großen Elemente, die die Macht der europäischen Zivilisation begründet haben, sind laut Thomas Carlyle „Schießpulver, Buchdruck und die protestantische Religion“. Für Araber sind es Worte, Reime und Rhetorik.
Problematisch dabei ist, dass Worte sowohl entzweien als auch verbinden können. Eben das geschieht im Jemen, genauso wie in vielen anderen arabischen Ländern, weswegen der Traum von der arabischen Einheit auch weiterhin eine Schimäre bleiben wird. Warum das so ist und sich wie ein Leitmotiv durch die gesamten 3000 Jahre arabischer Geschichte zieht, ist das Thema dieses Buches.
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Ein letztes Wort in eigener Sache möchte ich noch vorausschicken, bevor wir uns den Stimmen der arabischen Welt zuwenden. Auf den folgenden Seiten werden nicht nur Menschen zu Wort kommen, sondern gelegentlich auch Objekte in Augenschein genommen. Man könnte auch von tangibilia sprechen, weil sie uns ermöglichen, in direkte Berührung mit der Geschichte zu kommen. In ihnen wird eine Zeit oder ein Zeitraum in verdichteter, metaphorischer Form anschaulich und Komplexes leichter verständlich. Manche dieser Objekte sind groß wie ein aus Ruinenresten zusammengefügtes Gebäude – eine Moschee, für deren Bau Steine aus heidnischen und christlichen Bauwerken verwendet wurden –, manche so klein wie eine in den englischen Midlands von König Offa geprägte arabische Münze. Einige geben Rätsel auf, wie ein Amulett mit Allah auf der einen und Krischna auf der anderen Seite, andere sind voller Ironie, wie der Colt, auf den der Name eines US-Präsidenten aus der Zeit des Kalten Krieges eingraviert ist. Es sind Objekte, die Jorge Luis Borges „Zahir“ genannt hat und damit einen alten arabischen Begriff neu prägte: ein eindringlicher, unvergesslicher Gegenstand, der je nach Ort und Zeit eine andere Gestalt annimmt.12
Weitere, literarischere Metaphern werden mir auf den folgenden Seiten einen nützlichen Dienst leisten. Eine davon ist das Feuerrad, ein aus der Mythologie und Literatur bekanntes Symbol für Leid – sowohl Ixion, der sich an der göttlichen Ordnung vergangen hat, als auch König Lear, der sein eigenes Königreich teilt, sind „gebunden / Auf einem Feuerrad“. Räder eignen sich natürlich grundsätzlich gut als Metapher in der Geschichtsschreibung: Sie bewegen sich linear vorwärts in der Zeit und drehen sich dabei zugleich im Kreis um sich selbst – ein Symbol für den Wandel und die Wiederkehr des immer Gleichen. Für die arabische Geschichte empfiehlt es sich jedoch, auch noch ein anderes Bild im Hinterkopf zu behalten.
In meinem ersten Buch schrieb ich, im Jemen sei die Vergangenheit allgegenwärtig. Mir war zu dem Zeitpunkt nicht bewusst, dass der Kolonialbeamte und Arabienreisende Harold Ingrams in seinem Jemenbuch fast wortgleich geschrieben hatte: „Es ist ein Land, in dem die Vergangenheit allgegenwärtig ist.“13
Obwohl ein Menschenalter und ein oder zwei Revolutionen zwischen unseren Aussagen liegen, war die Vergangenheit, über die wir beide schrieben, nicht nur ein und dieselbe, sondern auch gleichermaßen gegenwärtig. Das ist sie noch heute, eine Generation und ein paar Revolutionen später. Und nicht nur uns britischen Beobachtern kommt es so vor, als wolle die jemenitische Vergangenheit nicht vergehen. Auch der syrische Dichter und Literaturwissenschaftler Adonis bemerkt in seinem Werk Stillstand und Wandel, es sei in der arabischsprachigen Welt verbreitet, „das Vergangene allgegenwärtig zu halten“.14 Die Allgegenwart der Vergangenheit wiederum verleitete den scharfsinnigen Berichterstatter Jan Morris dazu, 1955 das Königreich Saudi-Arabien „eine altertümliche Autokratie“15 zu nennen – gerade einmal zwei Jahre nach dem Tod seines Gründungsautokraten.
Was sich daraus ergibt, ist eigentlich eine Binsenwahrheit: In einer Vergangenheit, die immerzu gegenwärtig bleibt, ist auch die Zukunft bereits enthalten, und zwar im doppelten Wortsinn: Sie besteht aus der Vergangenheit, wird aber auch von ihr begrenzt. Die positiven Folgen sind feste Verwurzelung, die negativen die geringe Offenheit für Neues. Dann wird die Vergangenheit zu einem Dämon, der uns die Luft abschnürt und den wir wie einen Untoten durchs Leben schleppen. Ein aktuelles Beispiel dafür sind die Ereignisse des Arabischen Frühlings, in denen sich die revolutionären Hoffnungen einer jungen Generation Bahn brachen – und beinahe überall von den reaktionären rückwärtsgewandten Kräften erstickt wurden.
Die arabische Geschichte zu ergründen, heißt folglich, dass man ab und an die lineare Chronologie verlassen muss, um einen Blick sowohl zurück als auch nach vorne zu werfen. Denn wie T. S. Eliot wusste:
Zeit Gegenwart und Zeit Vergangenheit
Sind vielleicht beide in Zeit Zukunft gegenwärtig,
Und Zeit Zukunft enthalten in Vergangenheit.16
Dass Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion nicht schön sortiert aufeinanderfolgen wie die Seiten eines Buches oder ein Jahr auf das andere, macht allen Historikern das Leben schwer, aber jemanden, der über arabische Geschichte schreibt, kann es zur Verzweiflung bringen. Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende können vergehen, bis Ursachen, Umstände oder Schwachstellen, die vor sich hin schlummern, plötzlich zutage treten und – wenn überhaupt – einer Lösung zugeführt werden können. Ein vielleicht extremes Beispiel dafür ist eine kleine Begebenheit, die sich Mitte des 20. Jahrhunderts ereignete, als ein Dorfscheich von den britischen Kolonialbehörden in Aden forderte, sie sollten für die Ausgrabung und Instandsetzung eines alten Brunnen aufkommen. Als Argument brachte der Scheich vor, der Brunnen sei von einem römischen Expeditionskorps im Jahre 26 v. Chr. zugeschüttet worden und die Römer seien wie die Briten schließlich auch „Franken“ – was Europäer bedeutet.17 Ein ernsteres Beispiel ist die seit 1400 Jahren regelmäßig zu blutigen Auseinandersetzungen führende Frage, wer im nachmohammedanischen Staat die legitime Macht innehat und in welcher Form sie weitergereicht wird. Daran wird deutlich, dass wir außer der Metapher des Rades, das unbeirrt der Zeitläufte entlangtrudelt, noch ein anderes Bild benötigen: eines, das für Wiederholung steht, aber auch für einen unbestimmten Ausgang.
Wie so oft hilft die Dichtung uns weiter. Der syrische Dichter Nizār Qabbānī beschrieb die allgegenwärtige arabische Vergangenheit als „die Sanduhr, die dich verschluckt,/ bei Nacht und bei Tag“.18
Die Vergangenheit ist dabei der Sand, der am Boden des Stundenglases liegt, bis es von den Ereignissen umgedreht wird. Qabbānī wusste, dass Geschichte nicht nur Zeit ist, die vergeht oder die wir uns vertreiben, sondern dass sie auch selbst aktiv werden kann, oft zu unserem Schaden. Die Geschichte gleicht einer Sanduhr, die die Zeit anzeigt, ohne sie zu messen – bis sie ein weiteres Mal umgedreht wird und sich zeigt, dass die Sandkörnchen Menschenleben waren oder vielmehr Tote. Denn wir Menschen sind sowohl der Treibsand wie auch dessen Opfer. Die Sandkörnchen lassen sich zählen: In meiner Wahlheimat hat der Krieg 6600 Opfer in der Zivilbevölkerung gefordert und mindestens 50 000 Kämpfer getötet, darunter viele beinahe noch Kinder. Schätzungsweise 85 000 Kinder und Kleinkinder sind still und leise verhungert, denn Krieg und Armut gehen Hand in Hand. Diese nackten Zahlen entnehme ich den Statistiken von UN, ACLED19 und Save the Children von 2018.
„Die Hauptfunktion eines höchsten Scheichs besteht darin, die Stimme aller zu einen.“
Paul Dresch, Tribes, Government and History in Yemen1
An einem Wintermorgen zu Beginn des Jahres 630 beobachtete ein Gefangener in Yathrib, einer Stadt auf der Arabischen Halbinsel, eine Gruppe Männer, die sich schon vor Sonnenaufgang im Hof vor seiner Zelle versammelt hatte. Im schwachen Schein der Lampen war nur wenig zu erkennen. Als jedoch ihr Anführer auftauchte – er musste es sein, denn das Geflüster riss plötzlich ab – und die Männer die Reihen schlossen, schwante dem Gefangenen, dass etwas Bedeutendes vor sich ging. Ein Gedanke, eisiger als das Morgengrauen, durchzuckte ihn: „Ich glaube, sie wollen mich töten …“
Gründe dafür hätten sie gehabt. Schließlich hatte der Gefangene mehrere Vergeltungsschläge gegen die Männer aus Yathrib angeführt, die seit einigen Jahren immer wieder reiche Handelskarawanen seiner Landsleute überfielen. Es hatte viele Tote gegeben und die Blutfehde dauerte an. Erst unlängst hatten Verbündete seines Stammes ein Abkommen, das dem Blutvergießen vorübergehend Einhalt gebieten sollte, gebrochen. Was die Männer aus Yathrib nun also im Schilde führten, war wirklich nicht absehbar: Der Gruppe gehörten Mitglieder unterschiedlicher Stämme an, die von einem sonderlichen, aber charismatischen Seher angeführt wurden, einem Cousin des Gefangenen, um genau zu sein – und er hatte keine Ahnung, was sie da trieben.
Was er beobachtete, war rätselhaft. Der Seher stand vor den aufgereihten Männern, stimmte seltsame Beschwörungsformeln an, beugte sich vornüber und warf sich dann zu Boden. Die Männer taten es ihm gleich. Etwas Ähnliches hatte der Gefangene bei einem Gottesdienst der Christen auf Handelsreisen nach Syrien beobachtet. Doch die Bewegungen dieser Männer waren so exakt aufeinander abgestimmt, geradezu militärisch gedrillt, dass sie sich wie ein einziger Körper bewegten. Während er ihnen zusah, murmelte der Gefangene einen Schwur auf den alten Hauptgott seines Stammes:
Bei Allah! Niemals bin ich solch einer Disziplin wie heute ansichtig geworden, bei keinen Menschen, nicht hie, noch da, noch sonst irgendwo … Nein, weder bei den edlen Persern noch bei den Byzantinern mit ihrem geflochtenen Haar!
Der Gefangene war kein anderer als Abū Sufyān, ein Clanführer aus Mekka.2 Sein sonderlicher Cousin wurde Mohammed gerufen, und die Männer, die Abū Sufyān zur Geisel genommen hatten, nannten sich seit einigen Jahren selbst „Muslime“.
Was Abū Sufyān derart in Erstaunen versetzte, war die Einheit unter den Männern aus Yathrib (oder Madīnat Rasūl Allah, „die Stadt des Gesandten Gottes“ – kurz: al-Madīna oder Medina – wie sie den Ort zu Ehren ihres Anführers seit Kurzem nannten). Diese Menschen unterschiedlicher Abstammung waren nicht nur nicht durch Blut geeint, sondern versuchten noch nicht einmal, diesen Anschein zu erwecken, wie es bei Stammesgruppierungen sonst üblich war. Einige von ihnen gehörten sogar zu seinem eigenen Stamm der Quraisch, der sich über die letzten fünf Generationen in unterschiedliche, konkurrierende Clans aufgespalten hatte. Die meisten Männer waren jedoch mit ihren Stämmen aus Südarabien, aus al-Yaman, „dem Süden“, einer bergigen Gegend mit Schluchten, Wäldern und Feldern, fern und fremd in seinen Sprachen und Bräuchen, eingewandert und schon lange in Yathrib sesshaft. Sogar einige jüdische Landsmänner befanden sich unter ihnen. In diesem Augenblick aber bewegte sich der bunt zusammengewürfelte Haufen, als seien sie alle eins. Mohammed war also gelungen, wovon alle arabischen Möchtegernführer schon immer geträumt hatten: Er hatte die „Stimme“ vieler unterschiedlicher Männer „geeint“ – er hatte Einmütigkeit hergestellt und alle Zwistigkeiten zum Verstummen gebracht.
Aus Abū Sufyāns Vergleich mit den Byzantinern und Persern lassen sich Rückschlüsse ziehen. Dem erfahrenen Kaufmann im Fernhandel waren die benachbarten Großreiche nicht fremd. Ihm war indes bewusst, dass in diesen Reichen aller selbstbekundeten inneren Einheit zum Trotz politische Unstimmigkeiten und sektiererische Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Gruppierungen an der Tagesordnung waren. Umso erstaunlicher war der Anblick der Szene, die sich vor seinen Augen, im Herzen der ewig zerstrittenen Arabischen Halbinsel, abspielte: ein mustergültiges Beispiel von Einheit – Einstimmigkeit, dem geeinten Wort –, das im Unterschied zu der lediglich vorgetäuschten Einigkeit der überheblichen imperialen Nachbarn tatsächlich überzeugend wirkte.
Es war zu schön, um von Dauer zu sein. Kaum 30 Jahre später hatte sich zwischen Abū Sufyāns Sohn und Mohammeds Schwiegersohn bereits ein blutiger Machtkampf entsponnen – um die Macht über Menschen und die Kontrolle von Steuereinnahmen in geradezu schwindelerregender Höhe. Dieser Konflikt hält bis heute an, nur sind die Summen, um die es geht, inzwischen tatsächlich ins Schwindelerregende gestiegen und die Begleitumstände unendlich viel komplexer geworden. Um das zu übertünchen, wird so getan, als handele es sich um konfessionellen Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten, aber in Wahrheit hat der Glauben damit wenig zu tun. Es geht immer noch um sehr irdische Macht: Macht über Ressourcen, Macht über Menschen, Macht über Macht.
Doch zurück zu Mohammed. Er hatte die beiden Schlüssel zur Pforte der Eintracht gefunden. Der erste Schlüssel war, wie die geschlossenen Reihen der Betenden verdeutlichen, die ungeteilte Treue gegenüber einem einzigen Gott. Trotz des christlich anmutenden Gebets mitsamt den Niederwerfungen hatte Mohammeds Gottheit nicht sehr viel gemein mit dem Gott der Byzantiner und Äthiopier, deren Gezänk über das Wesen dieses Gottes kein Ende nehmen wollte. Ebenso wenig glich Er dem Gott der Juden, wobei sich die Dinge auch in diese Richtung hätten entwickeln können. Doch war die große Mehrheit der Juden in Yathrib bei Mohammeds Ankunft in der Stadt nicht auf seine Avancen eingegangen. Daher nahm Er den Namen des kultischen Hochgotts von Mekka an, der Stadt, aus der Mohammed stammte, eine der letzten Bastionen des Polytheismus in einem überwiegend christianisierten und judaisierten Nahen Osten. Was Sein Wesen betraf – ein minimalistisches, aller Attribute entledigtes Wesen, über das kein Streit entbrennen konnte –, so war es wie die Gottheiten aus Wüstensteinen, die die Beduinen entlang ihrer Wanderrouten aufstellten, einfach und in sich gekehrt. Ein Gott, von dem man sich im Grunde kein Bild machen konnte, allenfalls im Spiegel Seiner Schöpfung und durch Sein an Seinen Propheten offenbartes Wort. In täglichen Gebeten bestärkte dieses Wort den durch die Gottheit gestifteten Bund. Und es knüpfte eine sehr viel umfassendere, tiefere Einheit, die nicht auf Verwandtschaft beruhte, sondern auf Frömmigkeit.
Der zweite Schlüssel war noch wichtiger, denn erst durch ihn konnte der erste funktionieren: Es war Mohammeds Gebrauch der Sprache – nicht der Alltagssprache, sondern des besonderen, orakelhaften, fast magischen Hocharabischen, das den traditionellen arabischen Sehern von Dämonen und vertrauten Geistern eingeflößt wurde. Mohammeds Worte hingegen wurden ihm von einem Engel eingegeben und kamen von dem abstrakten Gott, der ihn zu seinem „edlen Gesandten“3 erwählt hatte. Er hatte das Wort Gottes empfangen und vereinte die Worte der Menschen. Dennoch war ihm bewusst, dass die Einheit, die er stiftete, einmalig und dem Untergang geweiht war. Auch wenn er, was umstritten ist, nicht selbst vorhergesagt hat „Diese Gemeinde wird sich in 73 Konfessionen spalten“,4 so wusste er doch nur allzu gut aus seinem Koran, der Sammlung der von Gott herabgesandten und von ihm, Mohammed, verkündeten Rezitationen, dass Uneinigkeit eine Tatsache war:
Bei der Nacht, wenn sie bedeckt,
Beim Tag, wenn er erstrahlt,
Bei Ihm, der Mann und Frau erschuf,
Sage ich euch, euer Streben ist verschieden.5
Auch ein weiteres Dilemma konnte er nicht übersehen. Die orakelhafte, göttlich gewordene Botschaft aus seinem Munde war in erster Linie an die Menschen gerichtet, die am ehesten in der Lage waren, sie auch zu verstehen – seine auf der Halbinsel verstreut lebenden Landsleute, die des Hocharabischen der Seher und Dichter mächtig oder zumindest dafür empfänglich waren. Und das waren vor allem die in Stämmen lebenden Araber. Das mag banal erscheinen, doch im Koran selbst wird immer wieder darauf hingewiesen. Hier sei nur eine Stelle angeführt: „Wir haben ihn herabgesandt als einen arabischen Koran, damit ihr verstehen möget.“6
Doch ausgerechnet diese Menschen, die im Koran als Araber bezeichnet werden – diejenigen also, die am ehesten empfänglich für die Botschaft und ihren spirituellen Gewinn waren – beherzigten die Verkündigung am wenigsten:
Die aʿrāb sind in Unglauben und Heuchelei am Schlimmsten,
und neigen am Wenigsten dazu, die Vorschriften anzuerkennen,
die Allah auf seinen Gesandten herabgesandt hat.7
Göttliche Worte also, die auf taube Ohren stießen. Aber: „Unter den aʿrāb finden sich einige, die an Allah und an das Jüngste Gericht glauben.“8
Gewiss, mit der Pluralform aʿrāb (während ʿarab ein Kollektivum bezeichnet, dies nur als kleine Spitzfindigkeit am Rande) werden in der Regel ausschließlich die Stämme mit einem nomadischen Lebensstil bezeichnet, die in Mohammeds Welt der sesshaften Händler zu den Randgruppen zählten. Auf ihrem räuberischen Ethos jedoch beruhte die militärische Schlagkraft der neuen Gemeinschaft, mit der sie sich im Laufe der Zeit gegen die umliegenden altersschwachen Reiche durchzusetzen gedachte. Die Nomaden mit ihrem Raubinstinkt mussten also in die Gemeinschaft der Gläubigen einbezogen werden.
Dem ältesten Buch auf Arabisch, dem Koran, zufolge weist das Arabertum also zwei Facetten auf – die Zungenfertigkeit des Hocharabischen sowie das Ungestüm derjenigen, unter denen sich diese Sprache entwickelte. Araber können mithin begnadete Redner, aber auch Räuber sein. Blickt man auf die arabische Geschichte vor und nach Mohammed, klingt das überzeugend. Diese machtvolle Kombination aus Rhetorik und Raubzügen treibt den Kreislauf aus Zusammenschluss und Zersplitterung seit jeher und bis in unsere Gegenwart an.
Echte, anhaltende Einigkeit, das war Mohammed bewusst, war ohne absolute Gleichheit vor Gott unerreichbar. Denn um Teil einer größeren Einheit zu werden, mussten die einander bekämpfenden, aufsässigen Stämme und Clans in Arabien Macht abgeben. Keiner anderen Macht als der eines allmächtigen Gottes hätten sie sich unterwerfen können, ohne zugleich eine Niederlage oder Demütigung zu erleiden. Aber auch unter dem einen Gott hat sich das Prinzip der Gleichheit, eines der wichtigsten Fundamente des Islam, auf Erden nicht dauerhaft etablieren lassen. Und Einheit ebenso wenig: Sie schimmert als Fata Morgana am Horizont auf, während Anführer mit wortgewandter, überzeugender oder einfach nur sehr lauter Stimme vorübergehend alle Stimmen zeitweise einen und so einen bedrohlichen Gleichklang erzeugen, der sich dann unweigerlich im Getöse konkurrierender Stimmen verliert. Harmonie – der Zusammenklang vieler verschiedener Stimmen, die alle gleichberechtigt zu Wort kommen dürfen und das gleiche Recht haben, gehört zu werden – ist eine ausgesprochene Seltenheit.
Mit Mohammed, Abū Sufyān und dem Islam befinden wir uns unversehens mittendrin in der arabischen Geschichte. Dabei habe ich noch im Vorwort gesagt, die Zeit davor gerate zu oft aus dem Blick – so schnell kann es gehen. Es handelt sich allerdings auch um einen (wahrscheinlich den) „lichten Augenblick“ der arabischen Geschichte, wenn es so etwas überhaupt geben kann. Er wirft ein Licht auf das, was davor war und was folgen wird. Auch Medina liegt in der Mitte: Es hat eine Mittlerposition inne zwischen dem nomadischen Nord- und Ostarabien und dem sesshafteren Südarabien, zwischen ʿarab-Stämmen und südarabischen Völkern – den beiden Grundelementen, die sich zaghaft zu einem „arabischen“ Ganzen fügten. Dabei war Medina keineswegs das einzige Zentrum in Arabien. Und Mohammed war zwar der größte Stimmenvereiniger, aber nicht der erste. Der Blick zurück auf die Anfänge dieser langen Suche nach Einheit bedeutet daher auch, die arabische Geschichte zum Teil zu ent-islamisieren und den Scheinwerfer auf Menschen zu richten, statt uns von der prächtigen und Aufmerksamkeit erheischenden Kulisse des Islam ablenken zu lassen. Es bedeutet auch, die Geschichte des Islam – und der Araber selbst – zu re-arabisieren, den Islam also nicht nur als die Weltreligion zu sehen, die er heute ist, sondern auch als eine einheitsstiftende Nationalideologie mit dem arabischen Nationalhelden Mohammed.9
Noch etwas anderes wird beim Blick auf die Anfänge klar. In seiner umfangreichen, alten (aber weiterhin lesenswerten) History of the Arabs bezeichnet Philip Hitti die arabische Sprache als die „dritte Etappe in einer Reihe von Eroberungen“10 durch Araber, der die militärische Eroberung und der Eroberungszug des Islam vorausgegangen seien. Tatsächlich gehört die arabische Sprache aber an die erste Stelle, nur dass sie nicht von Arabern erobert wurde, sondern Letztgenannte von ihr erobert wurden. Ohne diesen Vorgang hätte es die militärische und die islamische Eroberung nie gegeben. Nicht einmal eine arabische Geschichte hätte ohne sie irgendwer zu Papier bringen können.
Al-Masʿūdī, einer der vorzüglichsten frühen arabischen Historiker, verglich die Aufgabe, die arabische Geschichte niederzuschreiben, einmal mit der Aufgabe, „eine Menge verstreut liegender Perlen aller möglichen Formen und Farben aufzuspüren, sie zu sortieren, aufzufädeln und in eine wunderschöne Halskette zu verwandeln“.11
Elfhundert Jahre später ist dieser Schatz an Edelsteinen um einiges angewachsen und um einiges bunter, die Aufgabe jedoch ist die gleiche geblieben. Die Chronologie gibt grob vor, in welcher Reihenfolge die Steine aneinandergereiht werden müssen; die endgültige Gestalt der Halskette hängt aber davon ab, wie der Historiker die verschiedenen Formen und Farben aneinanderfügt, und zu einem gewissen Grad auch vom Zeitgeschmack. Ob das fertige Schmuckstück die Zeiten überdauert, hängt auch von der Stärke des verwendeten Fadens ab. Mein Faden ist die arabische Sprache, das „wichtigste Merkmal dessen, was ‚Araber zu seinʼ bedeutet“.12 Auf den nächsten Seiten werden wir die 3000 Jahre kurz Revue passieren lassen, ehe wir die oft eigenartigen, glanzvollen und verwirrenden Ereignisse auffädeln. Der verborgene Faden ist die Sprache, das Wort: das Band, entlang dessen sich die arabische Einheit am häufigsten zusammengefunden hat.
In den drei Jahrtausenden überlieferter arabischer Geschichte hat die geeinte Stimme drei Wellen der Einheit ausgelöst. Die treibende Kraft hinter diesen drei Wellen der ʿasabiyya, der Stammessolidarität, um es in Ibn Chaldūns Worten zu sagen,13 war ʿarabiyya, die arabische Hochsprache. Diese Wellen beschreiben weit umfassendere Ereignisse als Ibn Chaldūns Modell der zyklischen Abfolge von Stämmen und Dynasten. Die erste Welle breitete sich im Jahrtausend vor dem Auftreten des Islam ganz allmählich aus – ein ethnisches Selbstverständnis bildete sich heraus. Die zweite glich einem Tsunami, der sich mit den arabischen Eroberungen des 7. und 8. Jahrhunderts und deren Folgen geografisch weit ausdehnte, der dann aber ebenso rasch, wie er entstanden war, zurückwich und dabei ein reiches, beständiges Sprachsediment hinterließ. Die dritte Welle war eine der Wiederentdeckung des ethnischen, kulturellen – und später des kultischen – Selbstverständnisses, getragen von zunächst noch vor sich hinschlummernden Kräften, die im 19. Jahrhundert von nationalistischen Bewegungen aus Europa geweckt wurden. Diese Welle umspült uns noch heute. Das vorliegende Buch ist entsprechend den drei Wellen in drei etwa gleich lange Abschnitte gegliedert, die drei unterschiedlich lange Epochen behandeln: „Aufstieg“ und „Revolution“ (900 v. Chr. bis 630 n. Chr.); „Dominanz“ und „Niedergang“ (630 bis 1350); „Finsternis“ und „Wiederaufstieg“ (1350 bis heute).
Die Anfänge der ersten Welle, des erwachenden Selbstverständnisses, liegen im Dunkeln und sind schwer zu datieren. Aber es spricht einiges dafür, dass mit der Domestizierung von Kamelen, die als Lasttiere eingesetzt wurden, eine zunehmende Mobilität in Gang kam und immer mehr Araber in Fernhandel und Transportwesen tätig wurden. Das machte es unabdingbar, eine Sprache herauszubilden, mit der sich Sprecher unterschiedlicher nordarabischer Dialekte verständigen konnten (die Bewohner Südarabiens und die Menschen des Nordens gehörten unterschiedlichen Sprachfamilien an, die zwar verwandt waren, aber eine Verständigung unmöglich machten – einander etwa so nah wie das Deutsche und das Italienische). Allmählich bildete sich außerdem, wahrscheinlich über einen langen Zeitraum hinweg und lange vor dem 5. Jahrhundert n. Chr., im Zentrum der Halbinsel eine „Hochform“ dieser vereinheitlichten Sprache des Nordens aus, die ʿarabiyya. Sie hatte nur äußerst geringe Ähnlichkeit mit der im Alltag gesprochenen Sprache und diente als „mystische Zunge“ zur „Wahrsagung und Rezitation von Dichtung“.14 Wer diese besondere Sprachform beherrschte – in erster Linie der schāʿir, dem ältesten Wortsinn nach ein Seher oder Schamane, später dann ein „Dichter“ –, vermochte Anhänger um sich zu scharen. Kam es zu Raubzügen, wurde dem schāʿir gar die Rolle zuteil, für die auch Walt Whitman einen Dichter geeignet hielt: „Die tödlichste Kriegswaffe … mit jedem Wort aus seinem Mund vermag er Blut zu vergießen.“15
Der plötzliche Einschlag des Islam hat so viel Staub aufgewirbelt, dass der Blick auf vieles, was davor geschah, getrübt ist. Dennoch wissen wir einiges aus der Zeit vor dem schlagartigen Auftritt der Araber auf der Weltbühne, angefangen bei ihrer ältesten, dokumentierten Erwähnung im Jahre 853 v. Chr. In weiten Teilen Arabiens lebten Menschen in nicht sesshaften, schnell spaltbaren und reizbaren Gruppen; denn Stammesgruppen, die in einer lebensfeindlichen Umwelt umherziehen, müssen sich aufteilen, um Aussicht zu haben, den Kampf ums Überleben zu gewinnen. Zur Messung der Zeit dienten die Namen der Vorfahren, nicht Denkmäler oder Annalen. Gegen Ende des 1. Jahrtausends v. Chr. nehmen die Ränder dieser heterogenen Gesellschaft (falls der Begriff hier schon angebracht ist) allmählich Kontur an, was vor allem ihren Kontakten mit den benachbarten Imperien zu verdanken ist – Rom, Persien und Südarabien, das fruchtbare Bergland an Ferse und Innenrist der Halbinsel, wo das Königreich Saba (das biblische Scheba) und dessen Nachfolger über eine überwiegend sesshafte Bevölkerung herrschten.
Großreiche sind im Unterschied zu horizontal organisierten Stämmen und Clans hierarchisch und pyramidenförmig aufgebaut, um Arbeitsabläufe und Herrschaft effektiv organisieren zu können. Mit der Anerkennung durch die Imperien bildeten sich allmählich auch unter Arabern Hierarchien heraus, so finden sich etwa Belege für Phylarchen (Stammesführer) und später „Könige der Araber“.
Das alte nomadische, unstete Leben nahm langsam – an den Rändern – sesshaftere Formen an: Arabische Könige herrschten in zwischen Wüste und urbar gemachtem Land gelegenen Zentren, die teils Feldlagern, teils Städten glichen. In den Gebieten Nord- und Zentralarabiens schien sich die Gesellschaft von außen nach innen zu festigen, wie Wachs in einer Gießform. Könige bedürfen aber nicht nur der Anerkennung durch ihre Nachbarn, sie sind auch auf die ihres eigenen Volkes angewiesen: Sie leben von Lobpreis und Propaganda, dem Handwerkszeug der Dichter (die damals noch nicht so hießen). In diesem Umfeld bildete sich die Hochsprache in ihrer eigenen, noch heute erhaltenen Form heraus. Diese Sprache hatte das Potenzial, eine tiefer empfundene Einheit zu stiften. Johann Gottfried Herder, einer der Vordenker des modernen europäischen Nationalbewusstseins, wusste um diese Macht der Poesie. „Ein Dichter“, schrieb er 1778, „ist der Schöpfer eines Volkes um sich: er giebt ihnen [sic] eine Welt zu sehen und hat ihre Seelen in seiner Hand, sie dahin zu führen.“16
In Europa war das zu Herders Zeiten neues Terrain. In manchen Teilen Frankreichs sorgte etwa „ein Tagesmarsch in jedwede Himmelsrichtung [dafür], dass man nicht mehr verstanden wird“.17 Das Ideal einer einheitlichen Nationalsprache lag also damals noch in weiter Ferne. Ganz anders in der arabischen Welt. Reynold Nicholson, einem ihrer besten Kenner, verdanken wir die Erkenntnis, dass es die Poesie war, die Araber „moralisch und geistig lange vor Mohammed zu einer Nation gemacht hatte“.18
Natürlich wurde die Sprache der Dichter im Alltag nirgends gesprochen. „Nationale Geschlossenheit“ war ein dichterisches, ein proklamiertes Ideal. So ist es immer gewesen.
Als im 6. Jahrhundert n. Chr. dieser Prozess der ethnischen Selbstfindung, räumlichen Sesshaftwerdung und geistigen Nationenbildung an Fahrt aufnahm, zogen die Mächte rund um Arabien in den Krieg: Römer (mittlerweile Byzantiner) gegen Perser und das äthiopische Kaiserreich von Aksum gegen das himyarische Südarabien. Als die imperiale Schale um sie herum Risse bekam, fiel auch die noch nicht gefestigte arabische Gesellschaft in sich zusammen. Ohne die Rückendeckung ihrer Partner verloren die arabischen Könige ihre Raison dʼÊtre, „die Araber“ ihren bestimmten Artikel, und Arabien wurde re-beduinisiert. Es entstand ein Durcheinander und Wettstreit vieler Stimmen, denn jeder Stamm hatte nicht nur seine eigenen Dichter, sondern außerdem – da immer mehr Sachverständige und Spezialisten auf dem Felde der Sprache hinzugekommen waren – seine eigenen chātibs (Redner) und kāhins (Wahrsager und Seher).
Das war der Nährboden aus Worten und Weissagungen, aus dem Mohammed erwuchs und von dem aus er die Redekunst auf neue, ungeahnte Höhen führte. Das Erstarken des Islam verdankt sich der Sprache: der mitreißenden Rezitation des dem alten, magischen Hocharabisch entsprungenen Koran, die den Hörern ein neues spirituelles Universum eröffnete, aber auch den Schlachtrufen und religiösen Formeln – allen voran die Beschwörung des allmächtigen alten mekkanischen Hochgotts: Allāhu akbar, Allah ist am größten.
Bei Ibn Chaldūn heißt es: Mohammed „versammelte die Araber im Wort des Islam“.19 Mohammeds Leistung besteht darin, die Aufgabe, die jedem hohen Scheich zufällt, in besonders vortrefflicher Weise erfüllt zu haben – die Stimme zu einen. Und damit ein Musterbeispiel geliefert zu haben, wie es gelingen kann, Worte zur raschen Verbreitung von Ideen einzusetzen und mit diesen wiederum eine Bewusstseinsänderung herbeizuführen. Vielleicht ist der Islam in der Menschheitsgeschichte sogar das Beispiel schlechthin dafür, dass man mit den Mitteln der Sprache – statt mit Körperkraft oder im darwinistischen Konkurrenzkampf ums Überleben – zu Macht kommen kann.20
