Arkadien und Cornetti - Barbara Horvatits-Ebner - E-Book

Arkadien und Cornetti E-Book

Barbara Horvatits-Ebner

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Beschreibung

Kurz vorm Burnout beschließt Barbara, sich eine berufliche Auszeit zu nehmen und sich einen lang gehegten Traum zu erfüllen: Italien auf Goethes Spuren zu bereisen. Die "Italienische Reise" des großen Dichters ist ihr Leitfaden, der sie vom Norden bis in den Süden des Landes und wieder zurück führt. Sie kommt dabei mit der Seele Italiens und mit sich selbst in Kontakt, zweifelt immer wieder und macht trotzdem weiter. Große und kleine Abenteuer füllen ihre acht Wochen, die sie im Bel Paese verbringt, aus - vom Vespafahren in Catania bis hin zu Gruselmomenten in Perugia. Auf ihrer Reise lernt sie Menschen kennen, die ihr zu Weggefährten und Freunden werden. Dazwischen zieht sie immer wieder Bilanz: die Parallelen zwischen Goethes Italienreise und ihrer sind manchmal erschreckend ähnlich!

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Seitenzahl: 416

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Barbara Horvatits-Ebner

Arkadien und CornettiEine Italienreise auf Goethes Spuren

Über die Autorin

Barbara Horvatits-Ebner lebt und arbeitet in Graz. Ihr Job als Psychologin erfüllt sie, trotzdem gilt ihre heimliche Leidenschaft dem Reisen und Schreiben. „Arkadien und Cornetti“ ist ihr erstes Werk, das in Buchform erschienen ist – ansonsten tobt sie sich mit Reiseberichten auf ihrem Reiseblog Reisepsycho.com aus.

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Über das Buch

Kurz vorm Burnout beschließt Barbara, sich eine berufliche Auszeit zu nehmen und sich einen lang gehegten Traum zu erfüllen: Italien auf Goethes Spuren zu bereisen. Die „Italienische Reise“ des großen Dichters ist ihr Leitfaden, der sie vom Norden bis in den Süden des Landes und wieder zurück führt. Sie kommt dabei mit der Seele Italiens und mit sich selbst in Kontakt, zweifelt immer wieder und macht trotzdem weiter. Große und kleine Abenteuer füllen ihre acht Wochen, die sie im Bel Paese verbringt, aus – vom Vespafahren in Catania bis hin zu Gruselmomenten in Perugia. Auf ihrer Reise lernt sie Menschen kennen, die ihr zu Weggefährten und Freunden werden. Dazwischen zieht sie immer wieder Bilanz: die Parallelen zwischen Goethes Italienreise und ihrer sind manchmal erschreckend ähnlich!

© 2020 Barbara Horvatits-Ebner

Fotos: Barbara Horvatits-Ebner

Lektorat: die leserei, Graz

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44,

22359 Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-347-12356-4

e-Book:

978-3-347-12357-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Über die Bücher

Planung, Vorbereitung und andere Katastrophen

Die Abreise

Etappe 1 – Von Sterzing nach Verona

Etappe 2 – Von Verona nach Venedig

Etappe 3 – Von Venedig nach Rom

Etappe 4 – Von Rom nach Neapel

Etappe 5 – Sizilien

Etappe 6 – Von Neapel nach Siena

Epilog

Danksagung

Für Harry

Vorwort

Ich suchte lange nach einem klugen Satz, mit dem ich dieses Buch beginnen kann. Erste Sätze sind immer so eine Sache: Man brütet ewig, findet dann etwas anderes zu tun, denkt mal wieder dran und wenn einem nichts Ordentliches einfällt, dann lässt man es eben wieder. So lange, bis das ganze Buch fertig, aber noch immer kein erster Satz geschrieben ist.

Als mir einfach keiner einfallen wollte, dachte ich mir: „Ach, was soll's!“ Irgendwie war es ja mit meiner Reise durch Italien genau so. Es kam mir schon vor Jahren einmal, als ich Goethes „Italienische Reise“ las, in den Sinn, diese Route auf seinen Spuren nachzureisen. Es war eine fixe Idee, das irgendwann zu machen. Vorstellungen und Bilder schwirrten durch meinen Kopf, aber irgendwie passte nichts. Wie sollte ich für dieses Vorhaben lange genug Urlaub bekommen? In drei Wochen wäre so etwas ja nicht machbar, zumindest nicht, wenn ich es ordentlich durchziehen will. Und in Etappen kam es für mich nicht infrage, das wäre nicht dasselbe. Woher das Geld nehmen? Die Reise irgendwann im Alter zu machen, war mir zu weit weg. Und so beschäftigte mich dieses Thema immer wieder einmal, ohne dass ich konkrete Pläne vorweisen konnte.

Bis der April 2017 kam. Es war der Monat, in dem ich nur ganz knapp einem Burnout entkam. Während meines Zwangskrankenstands wurde mir bewusst, wie blöd ich eigentlich die letzten Jahre war. Nur weil ich als fleißig gelten wollte, arbeitete ich immer an meinem Limit. Ich beschloss daher, mir eine Auszeit zu nehmen. Ab Oktober ein Jahr nicht arbeiten! Was mir zuvor als unvorstellbar erschienen war, wurde plötzlich zum erlösenden Lichtblick. Und es war der Moment, in dem die Überlegungen der italienischen Reise erneut aufkeimten. Obwohl ich plante, überlegte und nachts schon von nichts anderem mehr träumte, war ich gefühlt völlig unvorbereitet, als es dann so weit war.

Der Tag der Abreise war plötzlich da und ich musste mich ernsthaft damit auseinandersetzen, das Vorhaben durchzuziehen. Genau so erging mir beim ersten Satz – trotz langer Überlegungen traf mich der Beginn des Buches, der nun endlich geschrieben werden musste, aus heiterem Himmel. Weil ich nun aber weiß, dass es schon irgendwie geht, dass es gut ist, wie es ist, lasse ich es. Man kann manche Dinge sowieso nicht planen, nicht zu Ende denken. Den Stress, das alles perfekt sein MUSS, habe ich in Italien abgelegt. Daher gibt es auch keinen perfekten ersten Satz.

Bevor du nun aber auf meine zweimonatige Reise quer durch Italien auf Goethes Spuren mitkommst, sei vorgewarnt! Ich bin weder Historikerin noch Germanistin, noch habe ich Ansprüche darauf, eine zu sein. Dieses Buch ist meine Geschichte, keine literarische Reise, die Goethes Weg analysiert. Ich beschäftigte mich nicht damit, warum Goethe dieses und jenes gedacht haben könnte oder was mit den von ihm besuchten Gebäuden im Laufe der Zeit passiert ist. Es ist im Prinzip ganz einfach: Ich lese Goethe gern, ich liebe Italien. Mich faszinierte seine Reise, also wollte ich sie auch machen. Ich war neugierig zu erfahren, ob ich dieselben Erfahrungen wie er machen würde und was bei mir so gänzlich anders ankommen wird. Vor allem aber wollte ich wieder zu mir finden, meine Einstellung zu mir selbst ändern. Ich brauchte eine Herausforderung, die nichts mit Leistung zu tun hat, sondern mit einem Abenteuer. Daher geht es in diesem Buch meistens um mich und meine Erlebnisse. Wenn du Italien und aufregende Reisegeschichten gern magst, wird dir dieses Buch vermutlich gefallen. Wenn du dir eine hochtrabende Analyse von Goethes Reise erwartest, dann fragst du besser die Goethe-Experten deines Vertrauens. Ich bin einfach nur seine Reise nachgereist, mit ähnlichen Augen, aber ganz anderen Voraussetzungen.

Nun bleibt mir nichts anderes mehr übrig, als dir viel Spaß beim Lesen zu wünschen – mindestens ansatzweise so viel, wie ich beim Reisen und Schreiben hatte!

Über die Bücher

„Zu meiner Welterschaffung habe ich manches erobert, doch nichts ganz Neues und Unerwartetes. Auch habe ich viel geträumt von dem Modell, wovon ich so lange rede, woran ich so gern anschaulich machen möchte, was in meinem Inneren herumzieht, und was ich nicht jedem in der Natur vor Augen stellen kann.“

Diesen Satz schrieb Goethe zu Beginn seiner sehnsuchtsvollen Reise quer durch Italien – ein Abenteuer, zu dem er sich zur Besserung seines Wohlbefindens entschloss und das er uns verschriftlicht als wunderbares Buch hinterließ. Bevor ich nun meine eigene Geschichte erzähle, möchte ich noch ein paar Worte zur Originalvorlage meiner Reise erzählen und dazu, wie sehr dieses mich inspiriert hat.

Über Goethes Italienische Reise

Die Hintergrundinformationen zum Buch „Italienische Reise – Auch ich in Arkadien“ sind schnell erklärt: Goethe fühlte sich bei seiner Arbeit als Beamter uninspiriert und brach am 3. September 1786 von Karlsbad in Richtung Italien auf, um diesen unbefriedigenden Zustand zu ändern. Von dieser Reise wusste, bis auf einen Vertrauten, niemand und so zog er zweiundzwanzig Monate durch das schöne Land im Süden. Er selbst bezeichnete dieses Vorhaben als „Wiedergeburt“ für ihn selbst. Dabei führte ihn sein Weg über Südtirol, den Gardasee, Venedig und die Poebene über Bologna, Florenz und Perugia nach Rom, danach weiter nach Neapel und schließlich quer durch Sizilien. Von dort aus reiste er wieder nordwärts und besuchte dabei auch Siena, Modena und Mailand.

Sein Buch ist eigentlich eine Zusammenfassung seiner sehr persönlich geschriebenen Tagebücher und Briefe. Goethe sammelte viele Jahre später seine Berichte und gab das Buch unter dem Titel „Auch ich in Arkadien“ heraus, heute wird es aber unter dem Titel „Italienische Reise“ vertrieben. Bis zu seinem ersten Romaufenthalt verfasste er fast ausschließlich Tagebucheinträge, danach eigentlich nur mehr Briefe an Freunde und Kollegen. Leider bricht nach seinem zweiten Romaufenthalt die Dokumentation ab. Es ist zwar bekannt, wie er heimwärts reiste, aber es gibt keine Berichte mehr von ihm selbst darüber.

Auch wenn der Schluss fehlt: Das Buch, das er auf Basis seiner Schriften schrieb, hat es in sich. Er führte darin hunderte Seiten Italienerfahrungen und -eindrücke zusammen. Goethes „Italienische Reise“ versteht sich daher nicht als Reiseführer, sondern als Sammelwerk aus persönlichen Gedanken, künstlerischen, architektonischen und geologischen Beobachtungen sowie kulturellen Erfahrungen über die Reise hinweg. Es ist wunderbar chronologisch aufgebaut, sodass man mit Goethe beim Lesen auch „auf Reise“ gehen und feststellen kann, wie sehr er an sich selbst wuchs und wieder die Lust am Schreiben gewann.

In seinen Ausführungen zu den alten römischen und griechischen Bauten spürt man die Faszination, die Italien auf ihn ausübte. So viele Jahre erzählte ihm sein Vater von dem Land und nun sah er es mit eigenen Augen! Positive wie auch negative Erfahrungen formulierte er mal ausführlicher, mal kürzer, aber immer mit viel Erklärungswillen. Man spürt beim Lesen jeder einzelnen Seite: Goethe war von Italien begeistert und wollte dieses Land nicht nur bereisen – er wollte es verstehen und in sich aufnehmen.

Goethe als Inspiration

Eben diese Begeisterung schwappte auf mich über. So wie sich Goethe durch Italien wieder zum Schreiben inspirieren ließ, so inspirierte mich das Buch zum Nachreisen. Als großer Italien- und Goethefan fiel mir das Buch das erste Mal vor Jahren in die Hände; beim Lesen ertappte ich mich immer wieder beim Gedanken, Goethes Route eines Tages auch einmal genau so nachzureisen. Dass so viele interessante Städte und beeindruckende Denkmäler auf dieser Strecke liegen, reizte mich ebenso wie die Veränderung der Landschaft und der Menschen vom Norden bis in den Süden – das wollte ich auch erleben. Wie würde es sich wohl anfühlen, all das mit eigenen Augen und in der Gegenwart zu sehen? Wie spannend würde es werden, Goethes Eindrücke mit meinen zu vergleichen und zu schauen, was sich zu früher verändert hat? Der große Wunsch war geboren!

Als klar wurde, dass ich in meiner beruflichen Auszeit die Gelegenheit haben würde, diesen Wunsch wahr werden zu lassen, begann ich zu planen. Ich las das Buch noch einmal, legte Strecken- und Zeitplan fest und wunderte mich immer wieder über Goethes ungeplante Spontanität auf seiner Reise. Ich bekam zwischendurch schon ein schlechtes Gewissen, weil ich (vermeintlich) gut vorbereitet in dieses Abenteuer starten wollte.

Zug und Bus statt Postkutsche, Rucksack statt Holzkiste, vereinte demokratische Republik statt vereinzelte Königreiche, acht Wochen statt fast zwei Jahre. Die Unterschiede zwischen Goethes und meiner Reise würden groß sein. Es ging mir jedoch nicht darum, alles so zu machen wie er, sondern um meine eigenen großartigen Entdeckungen und meine persönliche Weiterentwicklung. Eine Reise ist eben immer individuell und kann gar nie die gleiche sein – schon gar nicht, wenn 232 Jahre dazwischen liegen.

Was Goethe tat, tat ich dann auch: ich schrieb – zum einen ein Reisetagebuch, zum anderen täglich auf Facebook und Instagram sowie wöchentlich auf meinem Blog. Anstatt zu malen wie Goethe, fotografierte ich. So besaß auch ich ein Sammelwerk aus Geschriebenem und Bildmaterial für später. Dass das Schreiben gut und notwendig war, verstand ich im Nachhinein besser als zuvor, denn auf einer solchen Reise gewinnt man so viele Eindrücke, die man nur sehr schwer alle auf einmal verarbeiten kann. Sind sie jedoch einmal niedergeschrieben, haben sie einen Platz und können später wieder abgerufen werden.

Aufmerksame Leser und Leserinnen erkennen am Titel natürlich sofort meine Anlehnung an Goethes „Auch ich in Arkadien“. Warum sich die „Cornetti“ im Titel befinden, wird dann mit dem Lesen dieses Buches klar. Die Zitate, die unter jedem Städtenamen stehen, sind ausnahmslos alle aus Goethes Buch. Ich war verblüfft, wie oft er mir aus der Seele sprach und wie treffend die meisten seiner Kommentare auch noch heute passen! Ich orientierte mich nicht nur bei der Reiseroute, sondern auch beim Aufbau dieses Buches an Goethes Werk. Aus diesem Grund behielt ich die Tagebuchform, die sich in Reiseziele untergliedert, bei. Du reist mit mir – nachdem du das Kapitel über die Reiseplanungsphase überstanden hast – also chronologisch vom Norden in den Süden und wieder retour.

So schließt sich der Kreis: von Goethes geschriebenen Worten zu einer großartigen Reise und wieder hin zu einem Buch. Ich bin Goethe einfach unglaublich dankbar für diesen Schatz, den er hinterließ. Er diente mir als Anstoß, mich auf mein bisher größtes Abenteuer zu begeben und darüber zu schreiben.

Dass später jemals an irgendeinem der besuchten Orte eine Steintafel hängen wird, auf der „Barbara Horvatits-Ebner war hier“ zu lesen ist, bezweifle ich stark. Meinem Buch wird auch nicht wie Goethes „Auch ich in Arkadien“ ein eigenes Museum in Rom gewidmet werden. Aber ich kann mit meinen Berichten vielleicht dazu beitragen, dass Italien abseits von Massentourismus und schnellem Sightseeing wieder so wahrgenommen wird, wie es eins Goethe tat: als ein unglaublich vielseitiges, historisch bedeutsames, kulturell faszinierendes und landschaftlich atemberaubendes Land mit irrsinnig liebenswerten Menschen.

„Nun denke ich ruhig zu euch hinüber; denn wenn irgend etwas für mich entscheidend war, so ist es diese Reise.“

Planung, Vorbereitung und andereKatastrophen

Das große Kopfzerbrechen

Oktober 2017. So eine große Reise muss gut vorbereitet sein. Bereits seit einem halben Jahr verbringe ich Stunden damit, alle Orte, die Goethe einst besuchte, herauszusuchen und zu markieren. Ich überlege, wie lange ich mit meinem geplanten Budget von dreitausend Euro unterwegs sein kann und wie ich die Etappen aufteilen werde.

Zunächst schwebt mir eine Dauer von sechs Wochen vor. Schon die Vorstellung, sechs Wochen lang allein quer durch Italien zu reisen, lässt mich ganz tief durchatmen, und ich brauche bereits im Vorfeld einiges an Mut, mich überhaupt an dieses Projekt heranzuwagen. Aber die Vorfreude ist größer als die Angst und es ist ja ohnehin immer so, dass ich Dinge, die ich mir einmal in den Kopf gesetzt habe, durchziehe. Ich bin nämlich ein Sturkopf von Kindesbeinen an und so hätte nicht mal ich selbst mir diese Reise wieder ausreden können.

Zum Glück bin ich aber nicht nur sehr dickköpfig, sondern auch realistisch. Mir ist klar, dass sechs Wochen eindeutig zu stressig wären und ich vermutlich keinen Spaß bei der Sache hätte. Es bleibt eigentlich nur eine Möglichkeit: um mindestens zwei Wochen zu verlängern. Ich rechne mir also durch, wie lange ich für jede Etappe brauchen will und wo ich wie viele Nächte schlafen werde. Für jede Etappe lasse ich ein bis zwei „Puffertage“, die ich dann recht kurzfristig noch verplanen kann. Die jetzige Route scheint mit dieser Länge perfekt aufgeteilt, was aber auch bedeutet, dass ich den geplanten Geldbetrag pro Tag runtersetzen muss und mich mit durchschnittlich fünfzig Euro pro Tag vermutlich an der Grenze des Möglichen bewegen werde, denn noch mehr Geld als die dreitausend Euro will (und kann) ich keinesfalls in die Hand nehmen. Ich verkaufte für die Erfüllung dieses Traums eigens mein Auto! An die gesetzte Bugdetgrenze will ich mich unbedingt halten, egal wie. Somit ist klar: fünfzig Euro pro Tag und nicht mehr! Dass das bei durchschnittlichen Übernachtungskosten von etwa dreißig Euro pro Nacht eine Herausforderung wird, ist mir klar. Aber ich wäre nicht ich, wenn ich solche Aufgaben nicht als einladende Challenge sehen würde, und beschließe, dem Plan – so wie er steht – eine Chance zu geben.

Jedenfalls ist die erste Planungsphase damit einmal fast abgeschlossen. Die Route, der Zeitplan und das Budget stehen fest. Bleibt nur mehr die Frage, wann ich meinen ausgeklügelten Plan realisieren will. „Irgendwann 2018“ ist nun eben nicht mehr exakt genug. Im Jänner oder Februar zu starten, kommt für mich nicht in Frage, da ich ein Wintermuffel bin und die Aussicht auf Schnee und kalten Wind in Südtirol und Oberitalien nicht wirklich verlockend ist. Kurz denke ich an den Sommer, aber diese Idee verwerfe ich dann aus zwei Gründen wieder: zum einen, weil es im Süden richtig heiß werden kann und ich dann vermutlich schwitzend mit Sack und Pack am Rücken diese Reise verteufeln würde; zum anderen, weil mein frischgebackener Ehemann Harry seinen Betriebsurlaub nicht für einen Besuch auf MEINER Reise aufwenden soll. Was wir im Sommer machen, soll eine gemeinsame Entscheidung sein und sich nicht nur an meinen Plänen orientieren. Also bleibt nur die Möglichkeit, irgendwann zwischen März und Juni unterwegs zu sein. Da es mir nicht sehr einfühlsam erscheint, an unserem ersten Hochzeitstag Ende Mai nicht zu Hause zu sein, kristallisiert sich Mitte März bis Mitte Mai als idealer Zeitraum heraus.

Eine lange Liste

Dezember 2017. Das Projekt ruhte die letzten Wochen ein wenig. Die Eckpfeiler stehen ja und zu Tode planen wollte ich mich nicht. Aber jetzt, etwa drei Monate vor Reisebeginn, mache ich mir Gedanken darüber, was ich für die Reise noch brauchen werde und was ich noch wissen sollte. So beginne ich damit, Infos über die Orte, die ich besuchen will, zusammenzutragen. Ich lese mich schon ein bisschen ein, viel bleibt aber nicht hängen. Es grenzt wahrscheinlich auch an Wahnsinn, sich Infos von über fünfundzwanzig Orten im Vorfeld merken zu wollen, oder? Pinterest sei Dank, dass ich mir die Artikel dort einfach abspeichern und unterwegs leicht darauf zugreifen kann. Natürlich führe ich mir auch Goethes Buch noch einmal zu Gemüte – diesmal aber als E-Book, in dem ich wichtige Stellen und relevante Punkte gleich markieren kann.

Viel aufreibender und schwieriger erweist sich die Recherche zu den notwendigen Utensilien, die ich unbedingt mitnehmen sollte. Ich lese Backpacker-Berichte und praktische Ratgeber, was zur Folge hat, dass meine Packliste immer länger und länger wird. In meinen Gedanken wird daher auch mein Rucksack, den ich noch nicht mal habe, immer schwerer. Für mich ist klar, dass mein zukünftiger Weggefährte keinesfalls mehr als fünfzig Liter fassen soll. Da ich mit 1,62 Metern doch einigermaßen kompakt geraten bin, sieht ein Sechzig-Liter-Rucksack an mir aus wie ein vollgestopfter Heukorb an einer alten Sennerin. Wäre dieser dann noch gefüllt, würde ich wohl rücklings umfallen und wie ein Käfer am Rücken um Hilfe schreien. Dieses Szenario will ich mir auf alle Fälle ersparen! Ich entscheide mich deshalb für ein etwas kleineres Modell. Dass die Suche nach dem „perfekten“ Rucksack aufgrund meiner hohen Ansprüche kein Zuckerschlecken ist, muss mein Mann ausbaden: Egal, wo wir einkaufen, habe ich das Bedürfnis, hunderte Rucksäcke anzuprobieren. Dabei gelten meine Sorgen hauptsächlich meinem Rücken, der in den Vorjahren sehr oft das tat, was er nicht sollte: weh. Schließlich finde ich dann doch das Gepäckstück meiner Vorstellungen und kann mich nun der Liste mit allen anderen Sachen widmen. Viele von diesen Dingen streiche ich wieder, weil sie mir sinnlos erscheinen, einiges habe ich bereits zu Hause und manches gebe ich zurück, weil es einfach nicht in den Rucksack passt.

Jänner 2018. Der Bekleidungseinkauf nach Weihnachten steht schon ganz im Zeichen der Reise, denn ich kaufe mir nur Sachen, die leicht, praktisch und schnell trocknend sind. Schuhe und Jacke unterziehe ich schon bei Kurztrips anfangs des Jahres einem Bestandstest, um mir wirklich sicher zu sein. Die größte Neuanschaffung, die ich extra für die Italienreise tätige, ist eine kleine Kamera. Mit ist nämlich klar, dass ich die große Spiegelreflexkamera keinesfalls mitschleppen kann – und so erstehe ich eine Profikompakte, klein und handlich, super leistungsstark und für meine Verhältnisse sauteuer.

Schließlich buche ich die Unterkünfte für die erste Etappe, den Zug für An- und Rückreise, die Fähre für die Überfahrt nach Sizilien und freue mich auf das immer näher kommende Abenteuer. Meine Vorfreude erleidet jedoch einen kurzen Dämpfer, denn bis kurz vor der Abreise finde ich partout keine günstigen Unterkünfte in Sterzing und Bozen. Ich sehe mich schon unnötig Geld in Drei-Sterne-Hotels liegen lassen, nachdem auch meine Anfragen für Couchsurfing erfolglos bleiben. Erst ganz kurzfristig ergeben sich dann doch zwei Übernachtungsmöglichkeiten, die ich über Airbnb finde. Eigentlich wollte ich diese Plattform meiden, aber was soll's. Es ist der Beginn von ganz vielen Momenten, in denen ich Prinzipien über Bord werfe.

Zweifel und Panik

Ein paar Wochen vor Aufbruch, mitten im Planungsendspurt, zweifle ich an der Art und Weise, wie ich das ganze Projekt angehe. Es stellt sich mir die Frage, ob Goethe seine Reise auch so genau plante. Nein, tat er natürlich nicht. Als Reiseführer dienten ihm nur die Erzählungen seines Vaters und zwei Bücher, die er bei sich trug: der „Volkmann“ und der „Winckelmann“. Den „Volkmann“, damals das Nonplusultra, was das Wissen über Italien abgelangte, zog er heran, um mehr über antike Bauwerke und verschiedene Orte heraus zu finden, der „Winckelmann“ fungierte als ausgiebige Quelle zu Sizilien. Mehr Wissensgrundlage hatte Goethe nicht und außer dem Vorhaben, Rom sehen zu wollen, gab es vermutlich keine genaue Route oder einen Zeitplan.

Heutzutage tut man sich relativ leicht: Im Internet steht (fast) alles, was man wissen muss und will. Ich kann so meine Unterkünfte und Züge bequem online im Vorhinein buchen und meine Kosten ziemlich gut abschätzen. So gesehen war die Reise für Goethe sicher ein größeres und unbekannteres Abenteuer als für mich. Abgesehen davon, dass ich einige der Orte auf der Route schon kenne, weiß ich auch ungefähr, was mich an denen, die mir noch unbekannt sind, erwartet. Goethe wusste das sicher nur ansatzweise und jede Station, die er auf der Karte absteckte, beinhaltete das große Geschenk des Neuen und Unbekannten. Ich muss mich schon mit weniger Ungewissheiten zufrieden geben. Das ist sicherlich der Preis, den meine Generation für die vielen verfügbaren Informationen bezahlt.

Ich muss aber gestehen, dass ich auch ohne den Duft des großen, unbekannten Abenteuers schon sehr aufgeregt bin. Denn es handelt sich um meine erste längere Reise (bisher waren drei Wochen am Stück das höchste der Gefühle) und vor allem die erste richtige Reise allein. Die Fragen, ob ich das wohl alles schaffen werde, ob es mir irgendwann zu viel werden könnte, ich das bisher unbekannte Gefühl des Heimwehs spüren werde und ob die Reise wirklich so großartig wird, wie ich sie mir ausmale, stelle ich mir beinahe jeden Tag. Ein paar Wochen Zeit habe ich ja noch für die Vorbereitung, aber ich spüre, dass es immer ernster wird und meine Pläne immer konkreter werden.

Auch mache ich mir Gedanken darüber, inwieweit ich meine Reise denn mit der von Goethe überhaupt vergleichen kann. Generell wäre ich ja gern wie Goethe mit der Postkutsche gefahren, aber erstens würde ich dann vermutlich fünfzig statt acht Wochen brauchen, und zweitens gibt es diese Möglichkeit gar nicht mehr. Ob das in Zeiten des Vintage-Booms eine Geschäftsidee wäre, wieder Reisen mit Kutschen anzubieten, so wie früher in guten (oder schlechten) alten Zeiten? Solche abstrusen Einfälle kommen mir in den letzten Wochen, bevor ich abreise.

Gerade als es dann tatsächlich ans Packen geht, kommt mir in den Sinn, dass ich bisher nie darüber nachgedacht habe, was Goethe eigentlich im Gepäck hatte. In seinem Buch gibt es nur vage Hinweise dahingehend und es ist mir nicht klar, ob er eher mit leichtem Gepäck reiste oder brav andere für sich schleppen ließ. Auch wie viel Geld er denn überhaupt bei sich hatte und wie er dieses sicher verstaute, ist angesichts meiner eigenen Versuche, das Geld im Rucksack zu verstecken, plötzlich relevant. Ich beschließe, immer möglichst wenig Bargeld bei mir zu haben, und dieses – genau wie auch Kredit- und Bankomatkarte – auf mehrere Täschchen aufzuteilen.

Je näher die Reise kommt, umso mehr Angst habe ich, einerseits vor dem langen Alleinsein, andererseits vor den Herausforderungen und den Hürden, die auf mich warten. Ständig geistern in meinem Kopf Fragen herum wie: „Wird mit den Zugverbindungen alles klappen? Finde ich überhaupt immer ein Zimmer? Was wenn nicht? Wird das Geld reichen? Wie bleiben ich und mein Hab und Gut auf dieser Reise unversehrt?“ Mich kurz vor der Reise mit Diebstahldelikten und Gewalt an Frauen unterwegs zu beschäftigen, trägt nicht wirklich zur Minderung meiner Ängste bei. Soll ich vorher vielleicht noch einen Selbstverteidigungskurs besuchen oder mir ein Pfefferspray besorgen? Ein Messer habe ich jedenfalls dabei. Ich mache mir also sehr viele Gedanken darüber, was alles schiefgehen könnte. Meine größte Angst ist aber jene vorm Alleinsein. Goethe war zwar anfangs auch allein unterwegs, hatte dann aber Reisebegleiter. Zudem hatte er keine Partnerin daheim, die er vermissen konnte. Ich weiß nicht, ob mich der Trennungsschmerz nicht unglaublich lähmen wird. „Was, wenn ich die schönen Dinge unterwegs gar nicht so genießen kann, weil ich nur traurig bin und vor Sehnsucht dahinvegetiere?“, spricht eine meist leise, aber diesmal ganz laute Stimme der Angst in meinem Kopf. Ich sonst so mutige Frau mache mir plötzlich um alles Mögliche Sorgen.

Zum Glück wird aber nicht nur die Planung, sondern auch diese Angst immer wieder von alltäglichen Sorgen und Pflichten unterbrochen. So kreisen meine Gedanken zwei Wochen vor Abfahrt eigentlich mehr um Alltags- anstatt um Reisethemen. Meine Steuererklärung sollte noch gemacht werden und auch ein Back-up meiner Daten am Laptop. Dabei wäre es eigentlich klug, nochmal bei Goethe im Buch nachzulesen, was er bis Verona so machte und mir die noch ausständigen Unterkünfte für die erste Woche zu buchen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mir die Zeit davonrennt.

Als ich mir dann doch Zeit dafür nehme, nochmal im Buch zu schmökern, frage ich mich, ob ich es überhaupt schaffen werde, die Details so differenziert wie Goethe wahrzunehmen. Er konnte über die Apfelbäume in Südtirol ja eine ganze Seite schreiben. Vielleicht lag es auch nur an seiner Sprachkunst, mit der er jedes Detail seiner Gedanken zum Ausdruck brachte. Eventuell habe ich genauso viele und gute Gedanken, kann sie aber nicht in der verspielten und eloquenten Art und Weise wie er zu Papier bringen. Ich nehme mir aber vor, mir auf Reisen um diese Feinheiten keine Gedanken zu machen, denn erstens würde ich einem sprachlichen Vergleich mit Goethe sowieso niemals standhalten und zweitens könnte es mir jeglichen Genussmoment verderben. Meine Worte müssen also genügen, auch wenn sie nicht so poetisch sind.

In der letzten Woche plagen mich wieder Zweifel und die wildesten Gedanken, zum Beispiel zum eigentlichen Zweck meines Vorhabens. Goethe meinte, seine Reise wäre eine Art Flucht gewesen. Seiner spontanen Abreise nach zu urteilen ist das auch sehr treffend. Doch was ist es bei mir? Der starke Wunsch nach einem Abenteuer, das Gefühl, sich einmal einen Traum erfüllen zu können, Trotzreaktion auf die eigenen Ängste vor dem Alleinreisen, Suche nach mir selbst? Vermutlich von allem ein bisschen.

Nicht wirklich einfacher macht die ganze Situation eine Diagnose meines Frauenarztes. Fünf Tage bevor es losgeht, entdeckt er bei einer Kontrolluntersuchung eine fünf Zentimeter große Zyste auf meinem Eierstock. Er schlägt zwar keine Panik, weil es prinzipiell nichts Gefährliches ist, aber will mich in vier Wochen zur Kontrolle wiedersehen. Das muss ich ihm leider absprechen, da ich ja nicht da sein werde. Also gibt er mir ein Ultraschallbild meiner ungewollten Reisebegleitung mit, um den italienischen Ärzten im Fall des Falles gleich zeigen zu können, was der Grund meines Aufsuchens ist. Er legt mir noch nahe, möglichst auf Yoga, rhythmische Sportgymnastik und andere Verrenkungen zu verzichten und bei Schmerzen sofort in ein Krankenhaus zu fahren, da ich sonst meinen Eierstock verlieren könnte. Das sind definitiv keine Nachrichten, die man vor einer großen Reise braucht!

Die allerschlimmste und bedrückendste Empfindung ist aber nicht die Angst um mich oder mein Gepäck, sondern die Traurigkeit über die Trennung auf Zeit von meinem Mann. Wenige Tage vor der Abreise will ich plötzlich nicht mehr wegfahren, weil er mir jetzt schon so fehlt! In jeder freien Minute schmiege ich mich an ihn, versuche, alles an Nähe und Liebe aufzunehmen, was geht – fast so, als könnte ich eine Batterie auf hundertfünfzig Prozent laden, um in der nächsten Zeit von den Reserven zu zehren. Die Vorstellung, so lange von Harry getrennt zu sein, zerreißt mir das Herz – und die Reise fühlt sich plötzlich nicht mehr richtig an.

Die Abreise

Der 16. März 2018, der Tag des Abschieds, ist gekommen und noch nie empfand ich ein so schmerzhaftes Stechen in der Brust. Es tut mir richtig weh, mir vorzustellen, Harry jetzt sechs Wochen – also bis zu seinem Besuch in Neapel – nicht umarmen und küssen zu können. In meinem Kopf macht sich eigentlich nur ein Satz breit: „Hast du dir bei diesem bescheuerten Plan eigentlich irgendwas gedacht?“

Doch es hilft nichts, mein Entschluss steht fest und zum Glück stärkt mir mein Mann auch den Rücken. So fährt er mich zum Bahnhof und begleitet mich zum Zug. Ihn durch die Fensterscheibe zu sehen, zerreißt mir fast das Herz. Ich laufe nochmal zur noch geöffneten Tür hin und bin ganz kurz davor, wieder auszusteigen und daheim zu bleiben. Der Grund, dass ich es doch nicht tue, sind seine Worte: „Komm, du machst das jetzt, hast eine wunderschöne Zeit und erlebst super Sachen!“, bestärkt er mich. So beschließe ich also doch im Zug zu bleiben, im Wissen, den wohl besten Mann auf der ganzen Welt geheiratet zu haben. Es wäre für ihn nämlich ein Kinderspiel gewesen, mich zum Bleiben zu überreden, aber er kennt mich: Ich hätte mich im Nachhinein unglaublich darüber geärgert, was für ein feiges Würstchen ich doch bin.

Nun sitze ich tatsächlich im Nachtzug nach Innsbruck und als er ganz langsam losrollt und wir uns ein letztes Mal zuwinken und Küsschen schicken, rollen mir Tränen über die Wangen. Würde ich mir nicht mit fünf weiteren Leuten das enge Abteil teilen, so hätte ich schon längst losgeheult. Dafür bin ich dann doch etwas zu stolz. So weine ich nur ganz leise in meinen Schal hinein und atme tief durch.

Mir wird in den nächsten Minuten ein Planungsfehler bewusst: Eine Fahrt mit dem Nachtzug am Freitag war keine gute Idee – ich sitze nämlich in einem vollen Zug. Auf meinen bisherigen Reisen nach Innsbruck buchte ich nie einen Liegewagen, da ich unter der Woche meist ein Sechserabteil für mich alleine hatte und mich ausbreiten konnte. Nun ist an gemütlichen Schlaf aber nicht zu denken. Es ist eng, stickig und immer, wenn es mal jemand im Abteil schafft, zu schlafen, demonstriert er oder sie das lauthals mit Schnarchen. Dazu kommt etwa alle halben Stunden ein Stopp, der mich immer wieder aus meinem ganz leichten Dämmerschlaf reißt. Ich muss an Goethe denken, der sich auf seinen Kutschenfahrten den Wagen auch oft mit anderen Fahrgästen teilte. Dennoch gehe ich jede Wette ein, dass er bei diesen Fahrten mehr Platz hatte als ich bei dieser Zugfahrt.

Zwischenstopp in Innsbruck

Um fünf Uhr Früh erreiche ich schließlich Innsbruck. Müde steige ich aus dem Zug und beschließe, erst einmal ordentlich zu frühstücken. Zum Glück hat der Bäcker im Bahnhof schon geöffnet und ich schlage dort eine gute Stunde tot, ehe ich mich auf einen Stadtspaziergang begebe.

Auch Goethe machte in Innsbruck einen kleinen Zwischenstopp und erzählte von einer Prozession an einem kirchlichen Festtag. Als ich so durch die Straßen schleiche, halb dunkel, halb dämmernd, kann auch ich Pilger beobachten. Ein Blick in die Gesichter der Partytiger verrät, dass diese jedoch nicht auf dem Weg zu einer Kirche, sondern vom Fortgehen nach Hause sind. Wenigstens bin ich nicht die einzige übermüdete Person hier. Bald bin ich aber vollkommen allein in den Straßen. Die Nachtschwärmer sind nun schon daheim und für die Einheimischen und Touristen ist es noch zu früh.

Innsbruck ist mir aufgrund meiner zahlreichen Fortbildungen hier gut bekannt, in der Innenstadt kenne ich jede Gasse. Trotzdem will ich mich genau dorthin begeben, um sie einmal richtig verlassen zu erleben. Es fühlt sich sehr anmutig und schön an, einmal in aller Ruhe durch die Maria-Theresien-Straße zu flanieren und das Goldene Dachl anzusehen, ohne angerempelt zu werden oder einem Fotografen im Weg zu stehen. Ich genieße den Frieden des Morgens. Dabei sinniere ich so vor mich hin, frage mich, wie und wo ich Goethe auf dieser Reise wohl begegnen werde, als ich plötzlich vor einem Schild stehe. Auf diesem ist in großen, gelben Buchstaben „Goethe-Stube“ zu lesen – in diesem Moment bin ich hellwach. Ich befinde mich beim Gasthaus Goldener Adler, in dem Goethe damals offenbar Rast machte. Eine große Steintafel verrät, dass sich hier schon viele berühmte Personen einfanden, darunter neben Goethe zum Beispiel der Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer oder Kaiser Joseph II. Lächelnd verstehe ich diesen Wink des Schicksals: Ich muss oder soll Goethe also nicht suchen, sondern er wird mir im richtigen Moment begegnen. Dieses Erlebnis macht mich so glücklich, dass der Trennungsschmerz von daheim und die überwältigende Müdigkeit für kurze Zeit vergessen sind und ich mit großer Vorfreude auf diese Reise blicke. Ich habe das Gefühl, dass es das Leben gut mit mir meint und ich mir keine Sorgen machen muss.

Zufrieden schlendere ich zurück in Richtung Bahnhof, mache dann aber noch einen kleinen Umweg über mir bis dato unbekannte Ecken und habe beim Zurückspazieren die Nordkette voll im Blickfeld. „Von Innsbruck herauf wird es immer schöner, da hilft kein Beschreiben“, schrieb Goethe. Ich kenne und mag die Nordkette und stimme ihm ungebrochen zu. Sie steht dort, majestätisch und schroff, und es scheint, als ob sie stets ein wachsames Auge auf die schöne Stadt am Inn hätte. Über die Schönheit der Berge mit mir selbst philosophierend, rollt mein Zug gegen neun Uhr langsam Richtung Südtirol los. Leider starte ich nicht im September wie Goethe und so sehe ich den Brenner nicht in der Art, wie er ihn im Buch beschrieb. Keine Spur von grünen Feldern oder Pflanzenvielfalt, sondern weit und breit nur Schnee. Ich finde die Landschaft, die da an mir vorbeizieht, ziemlich unspektakulär, vielleicht holt mich aber auch einfach nur die Müdigkeit ein.

Der Moment aber, als der Zug die Grenze zu Italien überquert, die Schilder nun zweisprachig werden und ich vom ÖBB-Zug in einen Südtiroler Wagen umsteige, ist besonders. Ich spüre, wie mein Herz einen kleinen Freudensprung macht, denn nun bin ich da: in meinem geliebten Italien.

Etappe 1 – Von Sterzing nach Verona

Sterzing

„Was ein wunderliches Wesen der Mensch ist, daß er dasjenige, was er mit Sicherheit und Bequemlichkeit in guter Gesellschaft genießen könnte, sich oft unbequem und gefährlich macht, bloß aus der Grille, die Welt und ihren Inhalt sich auf seine besondere Weise zuzueignen.“

„Sterzing – Vipiteno“ erklingt es aus dem Lautsprecher des Zuges. Meine erste Station ist dieses nette kleine Städtchen, das bekanntermaßen das nördlichste Italiens ist. Gespannt spaziere ich erst mal in die Altstadt und finde mich in der Neustadt, der Città Nuova wieder. Ein schönes Häuschen mit prächtig verziertem Erker folgt dem anderen. Am Ende der Straße wartet der Zwölferturm, das Wahrzeichen Sterzings. Ich passiere das Rathaus, in das ich einen kurzen Blick werfe. Hier befinden sich im Hof zwei interessante Steine, nämlich eine Kopie des Mithrassteins, der dem gleichnamigen persischen Sonnengott gewidmet ist, wie auch ein römischer Meilenstein aus dem Jahre 200 n. Chr.

Da ich bereits sehr erschöpft bin und keine Lust mehr habe, auf den Beinen zu bleiben, nehme ich auf einer Bank in der Heiligen-Geist-Kirche Platz. Dort bewundere ich die alten Fresken, die sich an Wand und Decke befinden. Ich sitze lange in der Kirche, bin aber bis auf eine kurze Unterbrechung stets allein. Obwohl mir die Ruhe gut tut und ich das Sitzen wirklich nötig habe, komme ich mir etwas schäbig vor. Schließlich bin ich überzeugte Atheistin, respektiere zwar den Glauben anderer Menschen, kann aber selbst so gar nichts damit anfangen. Ich sehe mir gerne Kirchen an, weil mich die Architektur und die Kunst dieser sehr interessiert, bete jedoch niemals, weil es für mich „da oben“ einfach nichts gibt. Nun benutze ich aber das Gotteshaus der Katholiken in Sterzing als Raststätte und obwohl ich den Gedanken verwerfe, mich in irgendeiner Weise schlecht fühlen zu müssen, mache ich mich bald wieder auf den Weg. Ich erhalte von meinem Vermieter nämlich die Nachricht, dass ich mein Zimmer schon früher beziehen kann. Was für ein Glück!

Ich setze also meinen Spaziergang durch die Altstadt fort, mit dem Wissen, dass ich meine Füße bald hochlagern werde können. Da Goethe sich nur etwa zwei Stunden in Sterzing aufhielt und der Stadt im Buch nur einen einzigen Satz gewidmet hat, der außerdem nicht äußerst erfreulich war, nämlich: „Als ich um neun Uhr nach Sterzing gelangte, gab manmir zu verstehen, daß man mich gleich wieder wegwünsche“, gehe ich davon aus, dass hier niemand etwas auf seinen Besuch gibt. Da habe ich mich aber getäuscht. An der in grellem gelb bemalten Mauer eines Gasthofs angebracht finde ich eine Tafel, die von seinem kurzen Aufenthalt berichtet. Wieder muss ich schmunzeln und blicke zuversichtlich auf die kommenden acht Wochen – Goethe scheint omnipräsent zu sein.

Gerade als ich dabei bin, den schnellsten Weg zur Pension zu googlen, spricht mich ein alter Herr an. Er geht mit Stock, hat ein zerfurchtes Gesicht und einen Hut auf. Damit sieht er aus wie ein Senner frisch von der Alm. Ich wäre ihm aufgrund meines großen lila Rucksacks aufgefallen, meint er, und fragt mich in schwer verständlichem Südtiroler Dialekt, ob ich auf der Durchreise wäre. Seine Einladung zum Kaffee will ich nicht ausschlagen. Wenn alte Leute so offen nach Gesellschaft fragen, hat das meist einen Grund. Als er mir erzählt, dass seine Frau pflegebedürftig im Bett liegt und die Kinder weit weg wohnen, bestätigt sich meine Vermutung. Er sucht ein wenig Ansprache. Wenngleich er etwas verwirrt wirkt und ich ihn trotz ausgeprägter Dialektkenntnisse nur schwer verstehe, so ist es doch eine herzliche Begegnung gleich zu Beginn meiner Reise.

Danach begebe ich mich dann aber wirklich zu meinen Gastgebern und beziehe mein Zimmer, das noch original aus den Sechzigerjahren stammt. Es ist jedoch sauber, somit ist mir der wenig reizvolle Retrolook, wie ich ihn aus Urgroßmutters Schlafzimmer kenne, egal. Ich falle todmüde ins Bett und schlafe traumlos etwa zwei Stunden.

Als ich wieder erwache, treibt es mich aber schon wieder hinaus. Die Burg, die ich von meinem Fenster aus erblicke, sieht, wie ich finde, recht spannend aus. Also marschiere ich los, komme an der Kirche Unsere liebe Frau im Moos vorbei, werfe einen Blick in dieses seltsam klingende Gotteshaus und spaziere weiter. Bald schon bemerke ich, dass die Burg Reifenstein, auf die mein Weg mich führen soll, doch weiter entfernt liegt, als es zunächst erschien. Entfernungen abzuschätzen war noch nie meine Stärke, doch ich lasse mich von meinem Vorhaben nicht abbringen. Ich setze einen Fuß vor den anderen und erreiche schließlich nach etwa einer Stunde die Burg. Leider ist sie versperrt und um diese Jahreszeit für Besucher noch nicht zugänglich, was nun doch ein wenig frustriert.

Die Holzbank neben dem Eingang kommt für meine müden Beine aber wie gerufen, also nehme ich Platz und lasse meinen Blick schweifen. Die Aussicht von dort auf Sterzing und das Eisacktal ist fantastisch. Meine Gedanken fokussieren sich gänzlich auf die Natur und das Wetter. Man merkt, dass es bald Frühling wird. Die Krokusse, die auf der Wiese blühen, sind ein untrügliches Zeichen für den Jahreszeitenwechsel. Obwohl auf den Bergspitzen rundherum noch Schnee liegt, regnet es in Sterzing bloß. Die Sonne versucht sich durch die dunkle Decke zu kämpfen, aber die Wolken treiben ein perfides Spiel mit ihr. Gerade die dickste und schwärzeste schiebt sich vor sie und plötzlich tut mir die Sonne, die sich ja nicht bewegen kann, leid. Ich horche noch ein wenig den zwitschernden Vögeln zu, schicke eine „Es geht mir gut, bin gut angekommen“-Nachricht an meine Familie und starte den langen Weg zurück.

Bereits sehr erschöpft und unter großen Hüftschmerzen erreiche ich den Supermarkt. Weil mir klar ist, dass ich heute keinen Schritt zusätzlich mehr gehen möchte, kaufe ich mir eine Jause zum Selbermachen fürs Zimmer, anstatt mich in einem Gasthaus verköstigen zu lassen. Dort wartet dann nur mehr die Dusche auf mich. Ich setze mich noch ein wenig an das alte Tischchen, übertrage die Fotos von der Kamera auf den Laptop, verschlinge mein Weckerl mit Käse und frage mich, ob Goethe wohl jemals so müde war wie ich in diesem Moment. Die fast dreißigtausend gemachten Schritte, die mein Handy anzeigt – also etwa achtzehn Kilometer – zwingen mich bereits um halb zehn Uhr ins Bett. So früh gehe ich sonst nur schlafen, wenn ich krank bin. Einer meiner letzten Gedanken vor dem Einschlafen ist, dass ich mir meine Kräfte besser einteilen sollte, wenn ich die Reise nicht schon nach einer Woche wegen eines akuten Erschöpfungssyndroms abbrechen will.

Brixen

Wieder in vollem Besitz meiner Kräfte erwache ich und mache mich bereits gegen acht Uhr auf den Weg nach Brixen. Kurz vorm Bahnhof treffe ich den alten Mann von gestern wieder, doch diesmal schlage ich die Einladung zum Kaffee aus – ich will unbedingt weiter. Am Bahnhof kämpfe ich noch mit dem Automaten, der mir partout kein Zugticket nach Brixen ausgeben will. So setze ich mich eben ohne ein solches in den Waggon. Die nette Schaffnerin erkennt meine Not, verkauft mir das Ticket direkt im Zug und erklärt mir freundlich, dass es für Züge, die nur innerhalb Südtirols fahren, einen eigenen, kleinen silbernen Automaten gibt. Den übersah ich offenbar in meiner Wut über das doofe Trenitalia-Gerät.

In Brixen hole ich mir gleich mal ein Frühstück am Domplatz. Auf die Cornetti – mit Vanillecreme gefüllte Blätterteighörnchen – habe ich mich schon so sehr gefreut. Ganz egal, was da sonst noch liegt in den Vitrinen der Cafés: Ein Cornetto ist und bleibt mein Lieblingsfrühstück. So sitze ich also mit meinem süßen Ding am Fenster des Cafés, blicke auf den Domplatz und erfreue mich am Anblick dieser hübsch herausgeputzten Stadt, ehe ich vollgetankt mit Energie hinauschlendere. Im Dom selbst ist gerade noch eine Messe zugange, da will ich gottlose Atheistin nicht stören, sondern sehe mir zuerst die Kirche des heiligen Michaels an. Hier hängen noch die Nebelschwaden vom Weihrauch in der Luft, denn offenbar fand auch hier erst vor Kurzem eine Sonntagsmesse statt. Die Bischofsstadt ist augenscheinlich beliebt bei Kirchengehern. Ich verziehe mich bald in den angrenzenden Kirchenhof. Dort erfreuen sich die kleinen Sperlinge am einkehrenden Frühling und posieren ganz frech auf einem Kreuz sitzend für ein Foto.

Ich schlendere durch die Gassen, bewundere die Häuser mit ihren Erkern, Arkaden und Verzierungen und gehe auch ein wenig am Fluss entlang durch den Park. Nachdem mich schon wieder die Müdigkeit einholt und mein Rucksack nach gut zwei Stunden Stadtspaziergang doch schon recht schwer auf meinen Schultern hängt, nehme ich auf einer Bank Platz – mal wieder. Halb interessiert, halb erschöpft beobachte ich die vorbeigehenden Menschen und lese dann ein wenig in Goethes „Italienische Reise". Als ich so dabei bin, mir passende Zitate und wichtige Eckpunkte zu markieren, fallen mir wieder einige Gemeinsamkeiten zwischen dem Dichter und mir auf: die Liebe zur Natur zum Beispiel, das Interesse an der Kunst und auch die Angewohnheit, andere Menschen zu beobachten und zu versuchen, sie zu verstehen. Ich erlaube mir aber zu denken, dass ich sicher weniger urteilend bin als Goethe, der an manchen Stellen im Buch ganz schön kategorisierend, verallgemeinernd und auch abfällig über seine Mitmenschen schreibt. Es liegt mir selbst fern, Menschen in eine Schublade stecken zu wollen oder so zu tun, als wisse ich, wie mein Gegenüber gestrickt ist, nur weil ich wenige Sätze mit ihm wechsle. Zwar habe ich als Psychologin etwas Gespür dafür, hinter die Fassade und hinter die Worte von jemanden zu blicke, aber eine Glaskugel besitze ich nicht. Dass ich trotzdem nicht vor Vorurteilen und schnellen Urteilen gefeit bin, ist mir aber auch bewusst. Dennoch will ich versuchen, eher zu beobachten als zu werten.

Eine ganz interessante Beobachtung betrifft zum Beispiel die Sprache. Hier in Südtirol mischen sich das Deutsche und das Italienische, teilweise wird auch noch Ladinisch gesprochen, das vermag ich aber nicht auszumachen. So kommt es, dass man einmal den starken Südtiroler Dialekt hört, während die nächste Person in rasantem Italienisch redet. Was mich sehr amüsiert, ist, dass die deutschsprachigen Südtiroler zustimmende Wörter häufig zweimal hintereinander sagen, zum Beispiel ,jojo“, „wohlwohl“ oder „guatguat“ Doppelt hält hier wohl besser.

Schließlich stelle ich fest, dass ich die vorbeispazierenden Leute jetzt genug observiert habe und begebe mich schweren Schrittes zum Bahnhof. Diesmal finde ich den passenden kleinen, silbernen Automaten für das Zugticket und kaufe mir eines nach Bozen. Während der kurzen Zugfahrt ärgere ich mich wieder über mich selbst, denn ich habe bereits jetzt am frühen Nachmittag schon wieder über zehntausend Schritte gemacht und bin erschöpft. Das mit der Einteilung der Kräfte muss ich wirklich noch lernen.

Bozen

„Mir ist jetzt nur um die sinnlichen Eindrücke zu tun, die kein Buch, kein Bild gibt. Die Sache ist, daß ich wieder Interesse an der Welt nehme, meinen Beobachtungsgeist versuche und prüfe, wie weit es mit meinen Wissenschaften und Kenntnissen geht.“

Nachdem ich in Brixen großes Interesse an den Eigentümlichkeiten lebender Menschen hatte, überkommt mich jetzt in Bozen der Wunsch, mein geschichtliches Wissen aufzufrischen und mir den wohl berühmtesten toten Südtiroler anzusehen: den Ötzi.

Bevor ich mich aber in das Archäologiemuseum begebe, das eigentlich nur aufgrund des Gletschermanns existiert, werde ich von meinem Airbnb-Gastgeber Stefano sehr herzlich willkommen geheißen. Er ist ein unglaublich höflicher und gebildeter Mann, mit dem man sich gerne unterhält. Obwohl Stefano ursprünglich italienischsprachig ist, spricht er in perfektem Deutsch und gibt mir viele Tipps für meinen bevorstehenden Aufenthalt in Neapel, da er selbst erst kürzlich dort war. Dieser positive Eindruck ist für mich eine große Erleichterung, denn bis zu dieser Reise vertrat ich das Prinzip, als Frau sicher nicht alleine in der Wohnung eines Mannes zu übernachten. Schon die Vorstellung bereitete mir Unbehagen – ich hatte einfach zu viel Negatives gehört. Mir bleibt auf dieser Reise aber nichts anderes übrig, als dieses Prinzip über Bord zu werfen, denn nicht immer gibt es Unterkünfte bei Frauen. Und nur wegen meiner – vermutlich unbegründeten – Bedenken ein teures Hotelzimmer zu buchen, lässt mein Kampfgeist nicht zu und meine Geldbörse ebenso wenig. Zum Glück kann ich meine Ängste und Zweifel gleich zu Beginn der Reise durch Stefanos herzliche und respektvolle Gastfreundschaft beruhigen und vergessen.

Nach einem netten Plausch ziehe ich los, um mit dem „Mann aus dem Eis“ Bekanntschaft zu schließen. Ich bin wirklich überrascht, dass man einer einzigen Leiche ein ganzes Museum widmen und dabei so vielseitige Einblicke in das Leben dieses Menschen geben kann. Natürlich ist die Mumie selbst das absolute Highlight des Museums und ich bin ganz entzückt, den Ötzi jetzt einmal mit eigenen Augen sehen zu dürfen (ja, meine makabere Seite freut sich da tatsächlich). Auch die vielen Informationen und Erzählungen rund um Ötzi – seine Entdeckung, Lebensweise, Kleidung, Nahrung und auch die Gegebenheiten der Zeit, in der er lebte – finde ich sehr aufschlussreich. In der vergangenen Stunde hier im Museum habe ich mehr über die Steinzeitmenschen gelernt als in meiner ganzen Schulzeit.

Beflügelt durch so viele neue Eindrücke will ich trotz schwerer Beine noch nicht zurück in die Wohnung. Ich gehe im Nieselregen noch ein wenig kreuz und quer durch die Altstadtgassen von Bozen und kann meinen Blick nicht mehr von den Häusern abwenden. Nicht nur die berühmten Laubengänge faszinieren mich, sondern auch die bunten Fassaden, die verzierten Erker und die unterschiedlichen Dachabschlüsse. Ich frage mich, wann man eigentlich aufhörte, so schöne Häuser zu bauen. Verglichen mit diesen hier waren die meisten Bauten der letzten achtzig Jahre schmucklose Quader.

Weil mir das überschaubare Zentrum von Bozen so gut gefällt, drehe ich dort am nächsten Morgen nochmal eine große Runde. Ich komme am Markt vorbei, der sich so passend in die schönen Gassen einfügt und wo bunte Blumen, leckere Knabbereien und deftige Würste und Käse feilgeboten werden. Einem kleinen Säckchen Pistazien kann ich dabei einfach nicht widerstehen. Danach schlendere ich weiter, ohne jeglichen Plan, aber mit vielen Eindrücken – wie etwa von den Fischbänken, an denen bunte Tafeln angebracht sind, auf denen in Deutsch und Italienisch witzige Sprüche geschrieben stehen. Mein Favorit ist ganz klar der hier: „Siehst du die Welt in grauen Farben, dann verschiebe den Elefanten“.

Als ich so durch Bozen flaniere, ist es auf einmal da: dieses absolute Glücksgefühl, dieses Kribbeln, wenn der Moment gerade einfach nur perfekt ist. So sitze ich dann am zentral gelegenen Waltherplatz, sehe den Magnolien beim Blühen zu und erfreue mich des Umstands, dass ich so schöne Eindrücke aufnehmen darf. Doch schon kurz darauf holt mich ein Funken schlechtes Gewissen ein. Ist es denn in Ordnung, so glücklich zu sein, nachdem ich vor ein paar Tagen noch traurig und ängstlich an der Reise gezweifelt habe? Ich bin getrennt von meinen Lieben daheim, allen voran von meinem Mann, den ich natürlich sehr vermisse. Aber ist es wirklich normal, trotz dieses langen Abschieds so zufrieden zu sein? Ich denke daran, was ich jetzt wohl anderen Menschen mit auf den Weg geben würde: Ich muss offensichtlich noch daran arbeiten, mir selbst zu erlauben, glücklich zu sein.

Trient

„Da fühlt man sich doch einmal in der Welt zu Hause und nicht wie geborgt oder im Exil. Ich lasse mir's gefallen, als wenn ich hier geboren und erzogen wäre.“

Kurz nach Mittag sitze ich schon wieder im Zug und verlasse die wunderschöne Stadt Bozen. Ein schier endloses Feld voller Obstbäume zieht an mir vorüber und ich muss an Goethe denken, dem das fruchtbare Land zwischen Bozen und Trient ebenfalls auffiel. Leider hält das sonnige Wetter vom Vormittag nicht an und ich erreiche die Stadt bei Nieselregen.

Eile, schnell die Unterkunft zu erreichen, habe ich aber keine. Ich stülpe meinem Rucksack seinen Regenschutz über, setze mir die Kapuze der Jacke auf und bestaune die fantastischen Häuser auf dem Platz vor dem Dom. Eine Figur sticht mir dabei sofort ins Auge: Neptun. Seine Statue an der Spitze des Brunnens mitten am Platz fasziniert mich auf seltsame Weise. Nicht nur, dass der Gott des Meeres sehr schön geformt ist – hier spricht mehr die Frau als die Kunstkennerin aus mir – sondern die Situation ist auch so passend. Ich blicke die Statue lange an und vernehme bei Neptun einen leisen Anflug von Selbstgefälligkeit. Es wirkt beinahe so, als fühle er sich im Regen, den er vielleicht sogar selbst heraufbeschwor, viel wohler als in der mediterranen Hitze. Bei einem Cappuccino in einer kleinen Bar abseits des Platzes muss ich ein wenig über mich selbst schmunzeln. Offenbar entwickle ich, wenn ich alleine bin, die phantasievollsten Gedanken. Mir wird bewusst, dass die Konzentration auf die visuellen Eindrücke, die seit Tagen auf mich einwirken, ihre Spuren hinterlassen – und zwar in der Art, dass ich ihnen Worte geben muss und Geschichten dazu konstruiere. Meine Fähigkeit, Geschehnisse und Fakten in Metaphern zu packen, erlebt hier offenbar eine neue Dimension.

Die Neugier treibt mich, gleich nachdem ich meinen Rucksack in der Unterkunft abgestellt habe, sofort wieder hinaus. Ich will unbedingt das Teufelshaus, das Goethe in seinem Buch beschreibt, sehen. Dieser Palazzo war damals laut seinen Angaben das einzige Haus von gutem Geschmack. Nun, wenn ich mir die vielen wunderschön bemalten Häuser am Domplatz und in den Straßen ringsum anschaue, bin ich anderer Meinung. Die einzige Entschuldigung, die ich dem deutschen Dichter gelten lasse ist, dass diese Palazzi damals noch nicht gebaut oder noch unbemalt waren.

Die Suche nach dem Palazzo Galasso,