Armenien und Europa. Eine Anklageschrift - Johannes Lepsius - E-Book

Armenien und Europa. Eine Anklageschrift E-Book

Johannes Lepsius

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Beschreibung

In "Armenien und Europa. Eine Anklageschrift" liefert Johannes Lepsius eine eindringliche Analyse der politischen und sozialen Verhältnisse Armeniens im frühen 20. Jahrhundert. Das Werk ist sowohl eine scharfsinnige Kritik der europäischen Mächte als auch ein leidenschaftlicher Appell für die Rechte des armenischen Volkes. Lepsius' literarischer Stil ist präzise und überzeugend, geprägt von einem tiefen Verständnis für die geopolitischen Dynamiken seiner Zeit. Seine Argumentation fußt auf fundierten historischen Recherchen und persönlichen Beobachtungen, die das Buch zu einer bedeutenden Quelle für das Verständnis der armenischen Frage machen. Johannes Lepsius (1858–1926) war ein deutscher Theologe, Historiker und Menschenrechtler, der sich zeitlebens für die Belange der unterdrückten Völker einsetzte. Durch seinen Aufenthalt in der osmanischen Türkei während des Ersten Weltkriegs wurde Lepsius Zeuge der systematischen Verfolgung der Armenier. Diese persönlichen Erfahrungen sowie sein Einsatz für Menschenrechte und Gerechtigkeit prägen maßgeblich die Schriften des Autors und verleihen ihnen eine besondere Authentizität. Dieses Buch ist nicht nur eine historische Dokumentation, sondern auch ein zeitloser Appell an die Menschlichkeit. Es ist für alle empfohlen, die sich für die Themen Menschenrechte, Genozid und die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft interessieren. Lepsius' Arbeit ist ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, dass die Stimme der Schwachen gehört werden muss.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Johannes Lepsius

Armenien und Europa. Eine Anklageschrift

Eine Analyse des Völkermords im Schatten des Osmanischen Reichs: Politik, Gesellschaft und die Suche nach Gerechtigkeit
Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2024
EAN 8596547848097

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
I
Die Wahrheit über Armenien
1. Trockene Zahlen
2. Etwas für starke Nerven
3. Religionsfreiheit im türkischen Reich
4. Die Inszenierung der Massacres
5. Die türkische Lügenfabrik
6. Wer ist der Schuldige?
7. Die Verantwortlichkeit der Großmächte
8. Satyrspiel
9. Hungersnot
10. Was soll daraus werden?
II
Blutbäder
III
Armenien vor den Massacres
IV
Eine Liste von Schandthaten
V
Der Botschafter-Bericht
VI
Statistik
Nachwort
Anhang. Kundgebungen

Vorwort

Inhaltsverzeichnis
Vorwort.

Eine Reise durch Anatolien und Syrien führte mich im Mai dieses Jahres auch durch zwei der Provinzen, die in den vorhergehenden Monaten durch die armenischen Unruhen und Blutbäder betroffen waren. Auf einem mehrwöchentlichen Ritt durch das immer noch unsichere Land drängte sich mir im Verkehr mit der türkischen Land- und Stadtbevölkerung in Bezug auf die Beurteilung der „armenischen Frage“ mehr und mehr eine Ueberzeugung auf, die mit der in Deutschland, auch von der Presse, fast allgemein vertretenen Anschauung im Widerspruch steht. Auf der ganzen Reise durch Anatolien bin ich keinem Muhammedaner begegnet, der nicht in seinem Urteil über die Ereignisse der letzten Monate von der selbstverständlichen Voraussetzung ausging, daß die Niedermetzelung und Ausplünderung des armenischen Volkes von der Regierung angeordnet sei und dem Willen des Sultans entspreche. Die türkische Landbevölkerung sprach überdies ganz offen aus: die Mollahs hätten in den Moscheen gesagt, daß der Scheikh ül Islam, das geistliche Oberhaupt der muhammedanischen Welt, die Ausrottung der Armenier befohlen habe. Da die Behörden, wenigstens in den Städten, von vornherein nur eine begrenzte Frist von mehreren Stunden oder Tagen für die Massacres und die Plünderung frei gegeben und dann Einhalt geboten hatten, war der türkischen Bevölkerung bei der ganzen Sache nur das Eine nicht klar, warum man überhaupt noch einen Armenier am Leben gelassen habe. Infolgedessen hatte sich unter dem Volke eine merkwürdige Legende gebildet. Es wurde uns allen Ernstes erzählt, der deutsche Kaiser habe nach dem Ausbruch der Massacres an den Sultan geschrieben, es sei jetzt genug, er möge nun Einhalt gebieten, und daraufhin habe der Sultan befohlen, das Morden einzustellen.

Die Ueberzeugungen, welche ich aus der Reise gewonnen, veranlaßen mich, schon im Orient soviel als möglich Material über den Ursprung und Verlauf der Blutbäder zu sammeln, eine Arbeit, die ich nach meiner Heimkehr fortsetzte, um meine eigenen Anschauungen an möglichst zahlreichen Berichten von Augenzeugen zu prüfen. Ich bemerke, um jedem Mißtrauen zu begegnen – die zur Krankhaftigkeit ausgeartete Anglophobie unserer Presse nötigt, dies zu sagen – daß das in der Darstellung dieses Buches verarbeitete Material bis auf die beiden Berichte von G. H. Fitzmaurice (II) und E. I. Dillon (III) weder aus englischen noch auch, mit vereinzelten Ausnahmen, aus armenischen Quellen herrührt. Es leben in allen Landesteilen der Türkei Ausländer jeder Nationalität, – auch die Deutschen sind nicht unbeträchtlich vertreten – die als Augenzeugen des Geschehenen die zuverlässigsten Berichte geben konnten. Selbstverständlich sind auch die englischen Konsularberichte, die in den Blaubüchern (Turkey, Nr. 1 part I und II, September 1895, Turkey, Nr. 1 und 2, Februar 1896, Nr. 3, Mai 1896) jedermann zugänglich sind, eine reiche und zuverlässige Quelle der Belehrung über die Zustände in Armenien. Vor allem aber besitzen wir in dem Bericht der Botschafter der 6 Großmächte (Teil V dieser Schrift) über „die Ereignisse des Jahres 1893 in Kleinasien“, welcher mit einer Kollektiv-Note vom 4. Februar 1896 dem Sultan überreicht wurde, ein Dokument von unanfechtbarer Zuverlässigkeit. Dieser Bericht, welcher geeignet gewesen wäre, schon längst das öffentliche Urteil über Ursprung und Charakter der Blutbäder in Armenien zu klären, ist, trotzdem derselbe seit dem Februar des Jahres im englischen Blaubuch publiziert vorliegt (Turkey, No. 2, Februar 1896, S. 298–338), von der deutschen Presse so gut wie gar nicht berücksichtigt worden. Es ist auch von Wert, darauf hinzuweisen, daß England, Amerika und Frankreich schon längst eine überaus gründliche Litteratur über die armenische Frage besitzen, die Deutschland vollständig abgeht. Ich führe an: L. I. Dillon, The condition of Armenia. Contemporary Review, Aug. 1895 – Derselbe, Armenia, an Appeal. Cont. Rev., Jan. 1896. – Fr. D. Greene, The Armenian Crisis in Turkey, New York-London, März 1895. – Derselbe, The Rule of the Turk, New York-London, März 1895. – Rev. Malcolm MacColl, Englands Responsibility towards Armenia, London, Jan. 1896. – P. Fr. Charmetant, Martyrologe Armenien, März 1896. – G. Godet, Les Souffrances de 1’Arménie, Neuchatel 1896. – G. Clemenceau, Les Massacres d’Arménie, Paris, Juli 1896. Die unter der Ueberschrift: „Die Wahrheit über Armenien“ zusammengefaßten Artikel erschienen im August d. J. im „Reichsboten“.

Ich kann zuletzt nur noch den Wunsch aussprechen, daß das in dieser Schrift gebotene Thatsachen-Material von den Lesern dazu benutzt werden möge, ihr Urteil über die armenische Frage nachzuprüfen. Dann wird der einzige Zweck, den ich bei Abfassung dieses Buches im Auge hatte, erreicht sein, der kein anderer war, als dazu mitzuwirken, daß die öffentliche Meinung in Deutschland nicht mehr so unempfindlich wie bisher den Leiden der Christenheit des Morgenlandes gegenüberstehen möge.

Friesdorf bei Wippra, August 1896.

J. L.

Die Wahrheit über Armenien

I

Inhaltsverzeichnis
I.
Die Wahrheit über Armenien.
1. Trockene Zahlen.

Es ist notwendig, daß die Wahrheit über Armenien endlich an den Tag kommt. Seit dreiviertel Jahren wird die deutsche Presse mit Nachrichten überschwemmt aus einer Quelle, die nicht nur durch Einseitigkeit des Urteils getrübt ist, sondern wie wir nachweisen werden, durch die unerhörtesten Fälschungen den Zweck verfolgt hat, Europa zu täuschen. Es ist daher kein Wunder, daß bisher in Deutschland Thatsachen über den Ursprung, den Verlauf und die Folgen der Massenabschlachtung, Ausplünderung und Zwangskonvertierung eines großen christlichen Volkes so gut wie gar nicht bekannt geworden sind, während dafür gesorgt wurde, daß in der deutschen Presse, mit vereinzelten Ausnahmen, die Schuld der „rebellischen“ Armenier, als der Anstifter alles Unheils, in bengalische Beleuchtung gesetzt wurde.

Als am 26. Januar 1895 die türkische Kommission zur Untersuchung des Massacres von Sassun (Herbst 1894) in Musch ihre zweite Sitzung hielt, machten die ihr zur Seite gestellten Delegierten der englischen, französischen und russischen Konsulate den für europäische Begriffe von Justiz selbstverständlichen Vorschlag, zunächst nur die Thatsache des Massacres, in welchem unter Beteiligung türkischen Militärs 27 christliche Dörfer zerstört und Tausende von Christen umgebracht sein sollten, festzustellen und sodann erst an die Untersuchung der Schuldfrage zu gehen. Die türkische Kommission jedoch, welche die Thatsache eines Massacres a priori in Abrede stellte und nach einem vorher publizierten Communiqué der Pforte nur die Aufgabe hatte, „die verbrecherischen Handlungen armenischer Briganten zu untersuchen“, lehnte diesen Vorschlag rundweg ab, tagte vom 24. Januar bis zum 21. Juli in Musch, fünf bis zehn Stunden vom Schauplatz des Massacres entfernt und begnügte sich in weiser Beschränkung damit, unter Zurückweisung der von den Delegierten präsentierten christlicher Zeugen, in hundert und acht Sitzungen türkische Zeugen, die zuvor über die Aussagen instruiert waren, zu verhören und auf solche Weise die Schuld der „armenischen Briganten“ zu erhärten. Zeugen, die etwas Gegenteiliges aussagten, büßten ihre Unvorsichtigkeit mit sofortiger Ueberführung ins Gefängnis. Die Konsular-Delegierten verzichteten endlich darauf, dieser Farce noch weiter zu assistieren, begaben sich in das Sassungebiet und stellten auf eigene Faust die genugsam bekannten entsetzlichen Thatsachen und die Schuldlosigkeit der friedlichen armenischen Bevölkerung fest.

Wir sind im Begriff, in die Untersuchung nicht eines, sondern hunderter von Massacres, die seit Oktober vorigen Jahres ununterbrochen bis zu diesem Tage in Armenien stattgefunden, einzutreten. Wir ziehen es aber vor, nicht das löbliche Beispiel der türkischen Kommission zu befolgen, sondern uns europäischer Gepflogenheit anzuschließen. Wir begeben uns daher zuerst auf den Boden der Thatsachen und werden in die quaestio juris erst eintreten, wenn unsern Leser in der Lage sind, sich über die quaestio facti ein Urteil zu bilden. Also die Thatsachen.

Nach monatelangem Drängen der christlichen Großmächte, insbesondere Englands, Frankreichs und Rußlands, die seit siebzehn Jahren den armenischen Provinzen versprochenen Reformen endlich in Ausführung zu bringen, entschloß sich der Sultan im Herbst vorigen Jahres, seinen Widerstand gegen den vereinten Druck der Mächte aufzugeben und den ihm von den Mächten aufoktroyierten Reformplan für die sechs armenischen Provinzen Erzerum, Bitlis, Wan, Mamuret-ul-Aziz (Charput), Diarbekir und Sivas anzunehmen. Um die drohende Sprache Englands zu beschwichtigen, gab der Sultan überdies in einem Schreiben an Lord Salisbury sein Wort darauf, daß die Reformen buchstäblich und unverzüglich ausgeführt werden würden.

Am 30. September 1895 wünschten die Armenier der Hauptstadt Konstantinopel dem Drängen der Mächte auf Einlösung der Versprechungen des Berliner Vertrages dadurch Nachdruck zu geben, daß sie dem Großvezier eine Petition überreichten, in der die Klagen und Forderungen des armenischen Volkes niedergelegt waren. Ein Zug von 2000 Armeniern bewegte sich durch die Straßen von Stambul auf die Hohe Pforte zu. Die Polizei war beauftragt, die Uebergabe der Petition zu verhindern, und die Behörden hatten dafür gesorgt, daß durch eine ungewöhnliche Zahl von mit Stöcken bewaffneten Softas und Türken eine Gegendemonstration arrangiert wurde. Es kam zu einer Schlägerei, Schüsse wurden gewechselt und die Polizei jagte die Armenier auseinander. Etliche, vom Pöbel niedergeworfen, wurden von Gendarmen erschossen, Arrestanten im Polizeigebäude mit Bajonetten erstochen und armenische Khans in der Nacht erstürmt. 500 Armenier wurden nachträglich arretiert, und eine allgemeine Panik trieb die armenische Bevölkerung in die Zufluchtsstätte ihrer Kirchen.

Dieses unheilvolle Ereignis war das Signal für Hunderte von Massacres, die Schlag auf Schlag, mit Trompetengeschmetter eingeleitet und beschlossen, in allen sechs Provinzen, die mit Reformen beglückt werden sollten und über diese hinaus in weiteren vier Provinzen die christliche Bevölkerung aufs furchtbarste dezimierten und die Ueberlebenden dem Hungertode oder der zwangsweisen Apostasie überlieferten. Ueber die fruchtbarsten Provinzen des osmanischen Reiches, über ein Land von der Ausdehnung Deutschlands ergoß sich ein Strom von Blut und Verwüstung, bestimmt, ein ganzes christliches Volk in seinem Strudel zu begraben.

Das statistische Material des folgenden Berichtes, das noch nicht einmal auf absolute Vollständigkeit Anspruch erheben kann, ist in erster Linie dem Botschafterbericht entnommen, welchen die sechs Großmächte am 4. Februar 1896 Sr. Majestät dem Sultan zur Kenntnisnahme unterbreiteten, und wurde vervollständigt durch eine große Zahl uns vorliegender Berichte europäischer Augenzeugen, Konsuln, Reisender, Kaufleute u. s. w.

Blutbäder im Vilajet Trapezunt.

8. Oktober. Nachdem bereits am 4. und 5. Oktober 3000 bewaffnete Muhammedaner aus der Stadt und den Dörfern das Christenviertel der Stadt Trapezunt überfallen hatten, wurde am 8. Oktober ein Blutbad veranstaltet, bei dem ca. 600 Armenier getötet wurden. Die Zahl der gefallenen Muhammedaner beträgt 20. Das Massacre wurde mittags mit einem Trompetensignal begonnen und um 3 Uhr mit einem Trompetensignal beschlossen. Der Bazar und das armenische Viertel wurden geplündert. Verlust ca. 4 Millionen Mark. Die Konsuln stellten fest, „daß keinerlei Provokation von seiten der Armenier vorlag“, während klare Beweise vorhanden sind, daß unter der Konnivenz der Behörden die Sache von den Muhammedanern, die über Tag bedeutende Waffeneinkäufe im Bazar machten und sich eines Waffendepots zu bemächtigen suchten, vorbereitet war. Die Plünderung wurde bis zum Abend von den Behörden geduldet. In Trapezunt und Umgegend allein beträgt die Zahl der Notleidenden, die aller Subsistenzmittel beraubt sind, 3–4000.

In den Landbezirken von Trapezunt, von Gumusch-Hane (25. und 26. Oktober), Samsun (7. Dezember) und Aghdja-Guney (14. und 15. Dezember) wurden, soweit bekannt, 34 Dörfer zerstört und ca. 2100 Christen ermordet.

Blutbäder im Vilajet Erzerum.

Nach ganz offenkundigen Vorbereitungen von seiten der muhammedanischen Bevölkerung, die trotz der Bemühungen der Konsuln von den Behörden nicht gehindert wurden, überfiel am 30. Oktober der bewaffnete Pöbel unter Beteiligung der Offiziere und Soldaten, wie von den Konsuln festgestellt worden ist, das armenische Viertel und den Bazar der Stadt Erzerum. 1500 Läden und einige Hundert Häuser wurden geplündert. In der Stadt und Umgegend wurden während des Massacres 1200 Christen und 12 Türken getötet. Die Behörden schritten nicht ein, bis die Läden vollständig geplündert und ihre Besitzer ermordet waren. Das Massacre und die Plünderung wurde in der Nacht fortgesetzt, in den isolierten Quartieren auch in der nächsten Nacht.

Im Distrikt Terdjan wurden 40 Dörfer geplündert und zerstört und zahllose Christen umgebracht. Im Distrikt Passen wurden 14 Dörfer geplündert und 140 Armenier getötet, im Distrikt Ova 23 Dörfer zerstört und geplündert, im Distrikt Kighi 9 Dörfer geplündert. Ueberall zahlreiche Tote.

In der Stadt Erzingjan wurden bei dem Massacre am 21. Oktober 700 Christen getötet, 400 verwundet, während gleichzeitig 7 Türken auf dem Platze blieben.

In der Stadt Baiburt wurden am 27. Oktober alle armenischen Männer bis auf zwanzig entweder getötet oder eingekerkert. Die Zahl der Toten erreicht 1060. In der Umgegend von Baiburt wurden 165 Dörfer vollständig geplündert und zerstört.

In Narzahan wurden 100, in Ksanta 400, in Bajazid 500 Armenier getötet; die Türken hatten nirgends Verluste an Menschenleben.

In Baiburt, um wenigstens etwas ins Detail zu gehen, wurden 14 Frauen mit ihren Säuglingen verbrannt, 100 Frauen zerstückelt, und 50 junge Frauen töteten sich selbst, um der Schande zu entgehen.

Darauf, daß bei allen Massacres zahllose Frauen und Mädchen geschändet wurden, wollen wir hier nicht näher eingehen, da wir aus dieses Kapitel noch zurückkommen werden. Einige Dörfer sind verschont geblieben, nachdem sie hohe Lösegelder bis zu 120 türk. Pfd. (2400 M.) gezahlt hatten. Im übrigen wurden alle armenischen Dörfer der Provinz entweder geplündert oder zerstört. Die Behörden ließen überall die Meuterer gewähren. Das Militär beteiligte sich an den Massacres und der Plünderung, und allerorten wurden die Ueberlebenden gezwungen, en masse den Islam anzunehmen.

Blutbäder im Vilajet Bitlis.

Am 25. Oktober greifen beim Verlassen der Moschee die Türken die Armenier an und zwar, wie der Botschafter-Bericht feststellt, ohne irgend eine Provokation von seiten der letzteren. Das Massacre begann und wurde beschlossen mit einem Hornsignal. Die Zahl der Toten betrug 900; nach den Angaben der türkischen Behörden sind dabei 39 Muhammedaner umgekommen.

In den Distrikten von Sassun, Talori, Musch, Seert, Yerum, Chirvan, Guzel Dere, Seghjerd, Gindj und Djabagh Fagur wurden zahllose Dörfer, nicht nur von Armeniern, sondern auch von Syrern, Chaldäern und Jakobiten bewohnt, durch bewaffnete muhammedanische Banden geplündert und die Einwohner massacriert. Die Verantwortlichkeit für die Massacres trifft die Behörden.

Blutbäder im Vilajet Wan.

In 25 Distrikten wurden 543 Dörfer, über die uns umfangreiche Listen mit Namen der Dörfer und Zahl der zerstörten Häuser, Kirchen und Klöster vorliegen, vollständig ausgeplündert und zum großen Teil zerstört. Im Vilajet Wan zählen die Getöteten im Unterschied von anderen Vilajets nur nach Hunderten, dank dessen, daß dort überwiegend Kurden und nicht Türken die Werkzeuge der Vernichtung waren, welche gegen den Wunsch der Behörden nur plünderten, während die letzteren (und das gilt für alle Provinzen) mehr aufs Morden bedacht waren. Das Versäumnis wurde in den neuesten großen Massacres nachgeholt. Bei diesen wurden nach dem neuesten Bericht in der Frankfurter Zeitung vom 15. August (siehe Nr. II.) in den Tagen vom 14. bis 22. Juni dieses Jahres in Wan selbst über 1000 umgebracht. In den Landdistrikten werden die Erschlagenen auf mindestens 20000 berechnet.

Die Zahl der Hilfsbedürftigen, die ohne Unterstützung dem Hungertode verfallen, betrug im Mai in der Stadt Wan 13000, in den Landdistrikten 70000. Wir bemerken noch beiläufig, daß im Vilajet Wan und zwei Distrikten von Bitlis 236 Kirchen und 53 Klöster geplündert und zum großen Teil völlig zerstört wurden, während 245 Dörfer zwangsweise zum Islam bekehrt und 116 Kirchen in Moscheen verwandelt wurden. Die uns vorliegenden Listen mit Namen sämtlicher Dörfer und Kirchen erstrecken sich aber nicht einmal auf alle Distrikte des Vilajets. Daß sich an den Plünderungen im Vilajet die neugeschaffenen Hamidijeh-Regimenter (irreguläre kurdische Reiterei) in erster Linie beteiligten, braucht kaum erwähnt zu werden.

Blutbäder im Vilajet Mamuret-ul-Aziz.

In Charput griffen am 10. und 11. November, ohne irgend welche Provokation von seiten der friedlichen Armenier, die Türken das armenische Quartier an und töteten die Einwohner. Durch den Botschafter-Bericht wird die Beteiligung der Offiziere und Soldaten an der Plünderung festgestellt, aber auch an dem Massacre selbst beteiligte sich das Militär mit Gewehrsalven und Kanonenschüssen. Eine Granate platzte in einem der Häuser der protestantischen Mission, der ihr ganzes Eigentum, sechs Missionshäuser und Schulen, zerstört wurde. Bei dem Massacre in Charput wurden 900 Armenier getötet, während nach dem Bericht des Vali von Erzerum nur 12 Muhammedaner dabei umkamen. Die Zahl der Verwundeten ist eine enorme. Die Kurden behaupten, wie der Botschafter-Bericht feststellt, im Einvernehmen mit den Behörden gehandelt zu haben.

Mehr als 60 Dörfer in der Umgegend von Charput wurden verwüstet. Die Zahl der Verluste an Menschenleben ist, da die christliche Bevölkerung in dieser Gegend sehr zahlreich ist, unberechenbar. Eine Karawane von 200 Armeniern, die von Adana nach ihrer Heimat Charput zurückgeschickt war, wurde von Kurden angegriffen, welche 193 davon töteten, die sie eskortierenden Gendarmen, statt sie zu schützen, nahmen an der Plünderung teil. In den 60 Dörfern um Charput existiert keine christliche Kirche und Schule mehr. Nur ein christlicher Priester ist übrig geblieben, alle übrigen sind getötet oder konvertiert. In Charput selbst wurden 200 Familien gezwungen, den Islam anzunehmen.

In Arabkir warfen sich die Kurden und Türken bewaffnet auf die Christen und plünderten die Stadt. Nach den Konsularberichten dauerte das Plündern und Brandstiften zehn Tage. Ungefähr 3700 Häuser und 500 Läden wurden ausgeleert und 4000 Armenier getötet. An Muhammedanern kamen nach der offiziellen türkischen Statistik 60 um. Nach Beendigung der Brandstiftungen stellte die Polizei „Nachforschungen an, und alle Männer, die dem Massacre entronnen waren, wurden ins Gefängnis geworfen“ (Botschafterbericht).

Die Not der überlebenden Frauen und Kinder ist eine entsetzliche. Die Behörden teilten „einige Tage lang“ Brot aus, dann hörte die Hilfe auf.

Die Stadt Eghin wurde verschont, nachdem sie 1500 türk. Pfd. (ca. 30000 M.) Lösegeld bezahlt hatte. Das Versäumte wurde in dem Massacre des Septembers 1896, über das noch nähere Nachrichten fehlen, nachgeholt.

In der Stadt Malatia griffen am 4. November die bewaffneten Kurden und Türken das Quartier der Christen an, die schon seit einer Panik am 29. Oktober ihre Häuser nicht verlassen hatten. „24 Stunden lang läßt der Mutessarif (Gouverneur) den Massacres und der Plünderung freien Lauf“, auch dann schützte er nur die in ihre Kirche geflüchteten katholischen Armenier; das Massacre unter den gregorianischen Armeniern dagegen wird ohne Einschreiten der Behörden sechs Tage lang fortgesetzt, bis 5000 Armenier, worunter viele Frauen und Kinder, ermordet und alle (ca. 1000) armenischen Häuser niedergebrannt waren.

In allen Landdistrikten des Vilajets wurden die Dörfer geplündert und ungezählte Armenier umgebracht. Eine uns vorliegende Liste giebt Nachricht von 176 zerstörten Dörfern und Städten des Vilajets, in denen 7542 Häuser zerstört und 512 Läden geplündert wurden. Die Gesamtzahl der im Vilajet getöteten Christen wird, soweit Nachrichten vorhanden sind, auf 15845 berechnet. Die Zahl der Notleidenden, die ohne Unterstützung dem furchtbarsten Elende und zum größten Teil dem Hungertode preisgegeben sind, wird nicht zu hoch auf 100000 veranschlagt. Bis März dieses Jahres wurden von europäischen Hilfskomitees 60000 Personen mit Lebensmitteln versorgt, 11000 türk. Pfd. (220000 M.) wurden bis zum März verteilt. Mindestens 100000 türk. Pfd. sind bis zum Winter erforderlich, um die gänzlich ausgeplünderte Bevölkerung am Leben zu erhalten. Es erübrigt noch zu sagen, daß in diesem Vilajet der größte Teil der überlebenden Bevölkerung, um von weiteren Massacres verschont zu bleiben, den Islam annehmen mußte.

Blutbäder im Vilajet Diarbekir.

„Die Kurden kommen am Morgen des 1. November vom Lande in die Stadt, plündern vereint mit den Muhammedanern den Bazar, zünden ihn an und ermorden alsdann die Christen aller Konfessionen. Die Soldaten, die Zaptiehs und die Kurden vereinigen sich, um auf die Christen zu schießen. Die Metzelei dauert drei Tage, obwohl der Vali (Generalgouverneur) vor dem Massacre dem französischen Konsul erklärte, daß er für die Ruhe einstehe.“ (Botschafterbericht.) Die Behauptung, daß die Christen das Massacre provoziert hätten, wurde von den Konsuln als falsch erwiesen, dagegen die sorgfältige Vorbereitung des Massacres vonseiten der Muhammedaner festgestellt. Sogar das Konsulatsgebäude wurde fünfmal, aber erfolglos, von den Kurden angegriffen. Um die Ordnung wieder herzustellen, entwaffnete der Vali die Christen und ließ die Muhammedaner in Waffen. In Diarbekir selbst wurden 2000 Christen getötet, 1701 Häuser geplündert und 2448 Läden verbrannt. Der materielle Verlust wird auf 2 Millionen türk. Pfd. (40 Millionen Mark) veranschlagt. Alle umliegenden Distrikte wurden von den Kurden verwüstet, die Zahl derer, welche ihre Familien dezimiert und ihre Dörfer zerstört sahen, wird auf 30000 geschätzt. Außer den nachweislich Ermordeten sind weitere 1000 Christen der Stadt und 1000 Dorfbewohner, die in der Stadt arbeiteten, verschwunden. 119 Dörfer des Sandjak wurden geplündert und angezündet. Dasselbe Schicksal betraf die übrigen Distrikte des Vilajets. Im Distrikt Severek allein wurden 176 Dörfer zerstört. Im Kloster Magapayetzotz wurden 300 Flüchtlinge erschlagen. In den Distrikten Selivan, Hyne und der Nachbarschaft 105 Kirchen geplündert und in Moscheen verwandelt, wie überhaupt im ganzen Vilajet die überlebende Bevölkerung der gregorianischen Dörfer und auch eines griechisch-orthodoxen zwangsweise konvertiert wurden; auch das große armenisch-katholische Dorf Telarmen wurde vollkommen ausgeplündert. Die Stadt Mardin, obwohl in großer Gefahr, blieb bis jetzt verschont. Unter den Notleidenden brach die Cholera aus.

Blutbäder im Vilajet Sivas.

Im Vilajet Sivas durchstreifen seit Anfang November bewaffnete Kurdenbanden das Land und sengen und brennen vereint mit den Muhammedanern. „Der Vali kann von der Pforte nicht die Autorisation zu wirksamen Maßregeln erlangen.“ (Botschafter-Bericht.) Das Massacre in der Stadt Sivas beginnt am 12. November mittags und dauert 3 Stunden, wird aber am 14. fortgesetzt. Alle den Armeniern gehörenden Läden sind ausgeplündert und der Kleinhandel vernichtet. Die Zahl der Opfer erreicht 2000. Am Abend des Massacres riefen die Muezzins von der Höhe der Minarets den Segen Allahs auf die Metzelei herab. Im Umkreis von 10 Kilometer um die Stadt sind alle armenischen Dörfer verwüstet. – Die Stadt Gurun wird am 12. November von 2000 Kurden oder, wie man behauptet, verkleideten Redifs (Reserven) belagert, nach 4tägigem Widerstand genommen und in einen Schutthaufen verwandelt. Tausend armenische Häuser wurden verbrannt; Zahl der Opfer über 2000. „Am 28. November, also 14 Tage nach dem Massacre, lagen noch 1200 Leichen unbeerdigt auf den Straßen.“ (Botschafter-Bericht.) Daß 150 Frauen und junge Mädchen von den Kurden weggeschleppt wurden, gehört zu dem Zubehör aller Massacres. 5075 Personen entbehren in Gurun des täglichen Brotes.

In Schabin-Kara-Hissar-Scharki fanden vom 27. bis 29. Oktober Massacres und Plünderungen statt. Am 1. November wurden 2000 Personen, zum großen Teil Frauen und Kinder, die sich in die armenische Kirche geflüchtet hatten, getötet. Die Zahl der Opfer übersteigt in der Umgegend der Stadt mehr als 3000. An 30 Dörfer wurden geplündert und 40–50 Prozent der Bevölkerung wurden getötet. An Städten sind weiter zu nennen Amasia mit 1000 Toten (alle Läden und Geschäfte geplündert), Marsivan, 500 Tote (400 Häuser und Läden geplündert), Vezir-Keupru, 200 Tote (300 Häuser geplündert), Zileh, 200 Tote (300 Häuser und 200 Läden geplündert). Alle Landdistrikte des Vilajets wurden verwüstet, die Ueberlebenden en masse gezwungen, den Islam anzunehmen, z.B. in Gasma 655 Personen. Die Zahl der Notleidenden im Vilajet wird nach zuverlässigen Nachrichten auf 180000 geschätzt. Es ist keine Rede davon, daß von den Hilfskomitees die Not bewältigt werden kann.

Die vorhergehenden 6 Vilajets waren diejenigen, für die der Sultan vor den Massacres die Durchführung der Reformen mit seinem Ehrenwort versprochen hatte. Die Massacres haben aber auch auf die benachbarten Vilajets von Aleppo, Adana und Angora übergegriffen. Im Vilajet Jsmidt, gegenüber von Konstantinopel, hat schon am 3. Oktober ein Massacre unter der armenischen Bevölkerung von Ak-Hissar stattgefunden (50 Tote, Schaden im Wert von 15000 türk. Pfd. [300000 Mark]).

Blutbäder im Vilajet Aleppo.

Das Vilajet Aleppo gehört infolge der Massenmorde von Aintab, Ursa, Biredjik, Marasch u.a. Städten zu denen, die die größten Verluste an Menschenleben erlitten haben. Wir registrieren nur nach der Zahl der Opfer: Biredjik, 96 Tote; Killis, 216 Tote; El-Oghlu, 250 Tote; Albistan, 300 Tote; Yenidje-Kale, 600 Tote; Aintab, 1000 Tote; Marasch, 1390 Tote; Urfa mit 10 000 ermordeten Christen. Zeitun ist die einzige Stadt auf dem ganzen Gebiet der armenischen Massacres, die den ganzen Winter hindurch einen verzweifelten und endlich sieggekrönten Widerstand leistete. 20000 Menschen hatten sich in die Stadt geflüchtet, und eine ungeheure Zahl türkischer Truppen, die nach und nach herangezogen wurden, vermochten sie nicht einzunehmen. Endlich intervenierten die europäischen Konsuln, und die Armenier von Zeitun erhielten Amnestie. Gleichwohl starben während der Belagerung, in den Kämpfen um die Stadt und vor Hunger 6000 Menschen, ungerechnet Hunderte, die in den Bergen umkamen. Eine besondere Schandthat wird noch von den Truppen berichtet, die eine flüchtende Karawane von 4000 Armeniern zwischen Zeitun und Marasch umzingelten und 3720 Männer, Frauen und Kinder erschlugen.

In Ursa, Biredjik, Severek und Adiaman sind nach den Feststellungen der Konsuln 5900 Personen zwangsweise zum Islam konvertiert worden. In Biredjik giebt es keine Christen mehr. Die Zahl der Notleidenden, welche von den europäischen Hilfskomitees vor dem Hungertode bewahrt werden müssen, beträgt in diesem Vilajet 47000. Von den Landdistrikten ist jedoch noch verhältnismäßig wenig bekannt. Der Hergang bei den Massacres ist überall der gleiche, entweder werden die Christen ahnungslos von bewaffneten Banden unter Mitwirkung des Militärs überfallen oder auf die perfideste Weise von den Behörden aller Waffen und jedes Schutzes beraubt und dann wie eine Herde Schafe abgeschlachtet. Die Schritte der Konsuln, welche den Massacres Vorbeugen wollen, scheitern an dem Widerstand der Regierungsbehörden. Die Soldaten, Redifs und Hamidichs nehmen auch nach dem Botschafter-Bericht an den Massacres und Plünderungen den lebhaftesten Anteil und werden von ihren Offizieren bei den Angriffen auf die Christen geführt.

Blutbäder im Vilarjet Adana.

Im Vilajet Adana blieben infolge der Anwesenheit amerikanischer und französischer Kriegsschiffe die Städte Mersina, Tarsus und Adana von Massacres verschont. Zwar waren solche dreimal angesagt, doch wagte der Vali infolge des persönlichen Einschreitens der Kommandeure der Schiffe nicht, die Erlaubnis zum Ausbruch derselben zu erteilen. Dagegen wurden die Landdistrikte von Adana mit 20 geplünderten Dörfern und Gehöften und Pajas mit 16 Dörfern und 1809 zerstörten Häusern und Gehöften um so gründlicher verwüstet. Der Vali machte eine Rundreise durch das Vilajet, und sobald er die Dörfer verlassen, fanden die Plünderungen statt. Gleichwohl versicherte er dem Kommandanten des französischen Kreuzers „Le Linois“, daß im Vilajet nirgends die Ordnung gestört sei. Ueberall wurden die Christen entwaffnet, während die Muhammedaner ihre Waffen behalten durften. Die materiellen Verluste im Distrikt Pajas werden auf 50000 türk. Pfd. (1000000 M.) berechnet. Im Taurus wurden viele (engl.) Quadratmeilen Weinberge von den Muhammedaner ausgerodet. Die Zahl der Notleidenden, darunter 7000 Flüchtling aus andern Distrikten, wird auf 17000 angegeben.

Blutbäder im Vilajet Angora.

Im Vilajet Angora fand am 30. November ohne irgendwelche Provokation von seiten der Armenier ein großes Massacre statt, bei dem 1000 Armenier erschlagen und 600 verwundet wurden 200 Läden des Bazars wurden völlig ausgeplündert; auch auf das Frauenbad wurde ein Angriff unternommen. In Yuzgat, Tschorur und Hadji-Köi fanden Massacres statt, in Yuzgat wurden alle Einwohner, in Hadji-Köi 90 ermordet. 45 Dörfer des Vilajets wurden geplündert. Die Dörfer Ekrek mit 800 Häusern und Mundjursun mit 1000 Häusern wurden nach Ermordung aller Einwohner von Erdboden vertilgt. Irgend eine ernstliche Ueberwachung der sengenden und brennenden Tscherkessen von seiten der Behörden wurde nicht aus geübt, im Gegenteil, ihre Anwesenheit geduldet. Von 12 mobilisierte Bataillonen meutern 8 und die Soldaten desertieren. Ein höhere Offizier der Garnison in Cäsarca erklärte, daß, wenn die Behörde ihm nicht hindernd entgegen getreten wären, er im Augenblick den Aufstand erstickt und das Massacre verhindert haben würde. Ein anderer bedauerte das spätere Einschreiten der Behörden und erklärt, daß wenn man sie nicht gehindert hätte, sie die Armenier bis auf den letzten Mann ausgerottet haben würden. Die in allen Vilajets nach gewiesene Teilnahme des Militärs unter dem Kommando auch der höchsten Chargen wirft das grellste Licht auf den Ursprung der Massacre umsomehr, da die Konsularberichte aus allen Vilajets feststellen, daß von seiten der Armenier keinerlei Provokationen, geschweige denn Revolten und revolutionäre Erhebungen stattgefunde haben. Nur in Zeitun liegt ein besonderer Fall vor, der näher geprüft aber auch das Verhalten der Armenier entschuldigt.

Das Facit unserer statistischen Aufstellung, die ausschließlich auf verbürgten Quellen ruht und noch keineswegs einen endgiltigen Abschluß gestattet, da aus zahlreichen Landdistrikten im Innern ziffernmäßige Angaben fehlen, ist folgendes: In den Massacres erschlagen etwa 88000. Städte und Dörfer verwüstet: etwa 2500. Kirchen und Klöster zerstört: 645. Zwangsweise zum Islam bekehrt: 559 Dörfer, mit allen überlebenden Einwohnern und hunderte von Familien in den Städten. In Moscheen verwandelte Kirchen: 328. Zahl der Notleidenden: etwa 546000. Diese Zahlen bezeichnen nur den Umfang unserer statistischen Informationen, nicht den der Thatsachen selbst, die sich also bei weitem schrecklicher herausstellen werden.

Mit Hinzurechnung all der Tausende, die in den noch nicht registrierten Dörfern erschlagen, an ihren Wunden erlegen, auf der Flucht verschollen, an Hunger gestorben sind, Seuchen erlagen und unter dem Schnee des Winters in den Bergen begraben wurden, wird man die Zahl der Opfer der armenischen Massacres mit 100000 noch zu niedrig berechnen.

2. Etwas für starke Nerven.

Unser erster Bericht konnte der Hauptsache nach nur eine statistische Uebersicht bringen. Zahlen sind trocken. Das Auge des Lesers gleitet über etliche 100 oder 1000 von Toten, über etliche 10000 oder 100000 von Notleidenden leicht hinweg, und eine Null mehr oder weniger macht für die Empfindungsbilanz wenig aus. Darum ist es notwendig, den Stoff zu beleben und wenigstens an einigen Beispielen zu zeigen, wie sich trockene Zahlen in brutaler Wirklichkeit ausnehmen. Es mag uns vielleicht jemand zürnen, daß wir Dinge ans Licht ziehen, vor denen sich das Auge lieber verschließt, und selbst vor der Schilderung des Gräßlichsten nicht zurückschrecken, aber das Opfer, das wir der Gemütsruhe der Leser zumuten, ist doch nur eine gelinde Nervenerschütterung, während die Hekatomben von Blut, Qual, Geschrei und Thränen, von denen wir eine der Wirklichkeit mehr entsprechende Vorstellung erwecken möchten, bis an die äußersten Grenzen menschlicher Leidensfähigkeit von Hunderttausenden durchgekostet wurden. Wäre es freilich so, wie man aus manchen Auslassungen unserer offiziösen Presse schließen müßte, daß diese himmelschreienden Schandthaten und Massenmorde nichts anderes sind als nichtsnutzige Phantasieprodukte englischer Diplomaten und Zeitungsschreiber, ausgeheckt, einzig zu dem Zwecke, um von Zeit zu Zeit „Europa mit einer neuen Auflage armenischer Greuel zu regulieren“, so würde auch unsere Darstellung nur der Beweis eines ebenso bösartigen Charakters sein, wie er bei englischen Staatsmännern und Publizisten vorausgesetzt wird. Sind aber die Dinge auch abgesehen davon, welchen Nutzen oder Schaden sie in den Berechnungen der hohen und niedrigen Politik verursachen, zunächst nichts anderes als wahr, so ist doch wohl anzunehmen, daß das Recht der besseren Ueberzeugung auf der Seite derer ist, die die Wahrheit sagen und nicht auf der Seite derer, die die Wahrheit verschweigen.

Wir bitten unsere Leser bei der folgenden Darstellung im Auge zu behalten, daß die armenischen Massacres, denen 100000 schuldlose Menschen zum Opfer fielen, an einem friedlichen und wehrlosen Volke verübt wurden, denn alles, was von Revolten, revolutionären Anschlägen oder auch nur Provokationen von seiten der Armenier gegen die türkische Regierung oder Bevölkerung in unseren Zeitungen zu lesen war, den einzigen Fall von Zeitun ausgenommen, so weit es das armenische Volk und nicht einige unruhige Köpfe in London, Paris, Athen oder Konstantinopel betrifft, es sei gleich rund herausgesagt, ist von A bis Z erlogen. Wir werden darauf noch zurückkommen. Vor der Hand genügt es, das unbestochene Urteil des Botschafter-Berichtes zum Zeugen aufzurufen. Wem die Thatsachen unbekannt sind, der mag sich durch Zahlen belehren lassen. Oder wie wollte man sonst erklären, daß neben den Hunderten und Tausenden von abgeschlachteten Armeniern in dem Bericht der Botschafter die Toten der Muhammedaner nur mit ganz kleinen Zahlen figurieren? Die letzteren sind noch dazu der offiziellen türkischen Statistik, die gewiß keinen Muhammedaner zu wenig zählen wird, entnommen. Wir brauchen nur diese Zahlen türkischer Herkunft mit den durch unsere Informationen vervollständigten Verlusten der Armenier zu confrontieren und können die weiteren Schlüsse vorläufig dem Nachdenken unserer Leser überlassen.

Muhamedaner † Armenier † Trapezunt 20 800 Erzerum 12 900 Erzingjan 7 1000 Bitlis 39 900 Charput 12 900 Arabkir 60 4000 Sivas (10) 1400 Aintab 50 1000

In der That sehr merkwürdig, daß, als die Schafe eines Tages die Wölfe überfielen, solche Herden von Schafen umkamen und nur eine so geringe Zahl von Wölfen von den reißenden Schafen zerrissen wurde. Die Sache bedarf offenbar noch der Aufklärung.

Doch nun zu den Massacres. Es ist keine Frage, die Abschlachtung der Armenier war für die Türken ein Fest. Mit Trompetensignalen begonnen, mit Prozessionen beschlossen, unter dem Gebet der Mollahs, die von der Höhe der Minarets den Segen Allahs auf das Gemetzel herabriefen, vollzog sich das Ganze in bewunderungswürdiger Ordnung nach dem zuvor vereinbarten Festprogramm. In brüderlicher Einmütigkeit mit dem Militär, den Redifs (Reserven), den Zaptiehs (Gendarmen) und den neugeschaffenen kurdischen Irregulären, die als Hamidieh-Regimenter nach dem Namen des regierenden Sultans genannt wurden, begab sich der von den Behörden mit Waffen ausgerüstete Pöbel ans festliche Geschäft des Mordens. Die Stimmung war die beste. Die türkischen Frauen mit ihrem Zilghit, dem kreischenden Kehllaut ihrer Kriegsrufe, ermunterten ihre Braven und übertönten das Geschrei der Opfer mit dem Gebrüll ihrer Hochzeitslieder. Ein wilder, menschenfresserischer Humor bemächtigte sich des edlen Pöbels. Und warum auch nicht? Wenn hier ein Offizier ermutigte: „Nieder mit den Armeniern, das ist der Wille des Sultans!“ wenn dort ein Vali ermahnte: „Seid rührig, laßt nicht ab zu töten, zu plündern und zu beten für den Sultan!“ warum sollten sie innehalten mit Beten und warum abstehen vom Morden? Lag doch der Lohn der Frömmigkeit vor ihren Augen: die aufgestapelten Waren in den Magazinen armenischer Kaufleute und sämtliche Habe in ihren Häusern, so viel sich nur erraffen und hinwegschleppen ließ. War doch überdies völlige Straflosigkeit jeglicher Schandthat ihnen sicher, und von der sorglichen Regierung für ihre getreuen Unterthanen alle nur wünschenswerten Maßregeln getroffen, um das Geschäft des Mordens bei allem Blutvergießen so ungefährlich als nur möglich für alle Beteiligten zu machen, so ungefährlich, wie das Abstechen der Hammel im Schlachthaus.

In keiner Weise war die Phantasie des mutigen Pöbels und der tapferen Soldaten durch eine Sorge um das eigene Leben in Anspruch genommen. Schrankenlos konnten sie sich dem Waffentanz der Massacres und den darauf folgenden Orgien der Schändung hingeben.

Das eintönige Geschäft, Hunderte von waffen- und wehrlosen Armeniern aus ihren Häusern und Schlupfwinkeln zu zerren, Mann für Mann zu köpfen, zu erstechen, zu erdrosseln, zu erhenken, mit Knütteln, Aexten und Eisenstangen zu erschlagen, ermüdete bald. Der joviale Pöbel verlangte nach Abwechselung. Das einfache Totschlagen war zu langweilig – man mußte die Sache unterhaltender machen. Wie wäre es, ein Feuer anzuzünden und die Verwundeten drin zu braten, etliche an Pfählen die Köpfe nach unten aufzuhängen, andere mit Nägeln zu spicken oder ihrer fünfzig zusammenzubinden und in das Menschenknäuel hinein zu schießen. Wozu hat ein Armenier soviel Glieder, als dazu, daß man sie einzeln abhackt und ihm die blutigen Stümpfe in den Mund stopft. Das Ausstechen der Augen, das Abschneiden der Nasen und Ohren wird zur Spezialität ausgebildet. Besonders Priester, die sich weigern, zum Islam überzutreten, verdienen kein besseres Schicksal. Soll ich die Liste der Armen, die so ums Leben kamen, herzählen? Sie steht zur Verfügung.

Aber das alles sind noch einfache Methoden, die den Ruhm der Neuigkeit nicht in Anspruch nehmen können. Hier ist Petroleum und Kerosin! Zwar wurde es von der Behörde nur geliefert, um Häuser damit zu verbrennen und Vorräte von Lebensmitteln und Getreide zu verderben. Aber sie wird nicht zürnen, wenn man einen nützlicheren Gebrauch davon macht. Seht diesen Mann, ein Photograph, Mardiros sein Name, welch einen stattlichen Bart er hat! Gießet Petroleum hinein und zündet ihn an! Schleppt Christen zusammen, gießt Kerosin drüber her, und wenn sie brennen, werft andere in den Qualm, damit sie drin ersticken! Welch üppiges Haar hat diese Frau! Man schütte Pulver hinein – die Regierung hat noch mehr! und sengt ihr den Kopf ab. Ja, Uebung macht den Meister! Da ist ein Effendi, Abdullah sein Name; im Kloster zu Kaghtzorhayatz läßt er einen jungen Mann und eine junge Frau auf einander legen und bringt das Kunststück fertig, beider Köpfe mit einem Schwertstreich abzuschlagen. Es geht aber auch ohne Eisen und ohne Feuer. Der Kurdenscheikh Djevher von Gabars beweist es, läßt zwei Brüder mit Stricken binden und mit Pfählen auf den Boden spießen. Wetteifer spornt die Trägen, und Ehrgeiz fängt an, die Köpfe zu zählen, die eine Hand erschlug. Jener Bäcker in Kesserik, der schon 97 Armenier umgebracht, wofür ihre abgeschnittenen Nasen und Ohren den Beweis erbringen, erklärt, nicht eher ruhen zu wollen, als bis er das Hundert vollgemacht. Doch er findet einen Meister in dem Hadji Begos von Tadem, der das Hundert schon überschritten und als Trophäe seiner Heldenthaten eine Frau in vier Stücke zerschneiden und die auf Pfähle gespießten Teile öffentlich zur Schau stellen läßt. Der Schlächter in Aintab, der sechs Armenierköpfe auf seine Bratspieße steckt, wird noch übertrumpft von den Türken zu Subaschigulp, die die Armenier wie die Hammel schlachten und rings an den Fleischerhaken aufhängen. Der Pöbel von Trapezunt aber bringt Humor in die Sache. Der armenische Schlächter Adam und sein Sohn werden erschossen, in Stücke geschnitten, die Glieder einzeln aufgespießt und den Passanten feilgeboten: „Wer kauft, einen Arm, ein Bein, Füße, Köpfe, billig zu haben, kauft!“

Doch die Unschuld sollte geschont werden. Die Kinder laßt am Leben! „Nur vom siebenten Jahr ab, hat der Sultan befohlen, die Christen zu töten!“ Aber wer hört auf die Stimme der Besonneneren! Was soll die unnütze Brut, die in Angst und Verwirrung von in entsetzlicher Hast geflüchteten Eltern zurückgelassen, die in den einsamen Bergschluchten der Umgegend von Musch herumirren oder nackt, frierend und bettelnd in den Städten wie Rudel von Straßenhunden herumlungern! Die Muhammedaner eines großen Dorfes bei Marasch ersparten einem einjährigen Kind dieses traurige Schicksal und warfen es ins Feuer. In Baiburt waren sie barmherzig genug, gleich die Säuglinge mit den Müttern in 14 Häusern zu verbrennen. Der reiche Ohannes Avakian von Trapezunt bietet dem stürmenden Pöbel alle seine Habe, wenn sie sein und der Seinen Leben schonen. Seinen dreijährigen Knaben hält er im Arm. Doch die Habe entgeht den Wüterichen nicht, erst den Knaben tot, damit sie an den Alten können! und ermordet werden beide vor den Augen der Mutter und Geschwister. Kinder auf dem Schoß der Mütter zu erwürgen, ficht einen tapferen Türken nicht an, und Fangball mit einem Kleinen spielen und ihn vor den Augen der Mutter von einem Bajonett aufs andre zu werfen, scheint den Soldaten von Bitlis ein heiteres Kriegsspiel. Auf der verstümmelten Leiche des Vaters, dem man zuvor ein Stück Fleisch nach dem andern aus dem Leibe gehackt und Essig in die Wunden gegossen, noch seinen Knaben mit blutigem Spielzeug zu erschlagen, erfreute den Pöbel von Erzerum.

Wenn auch in allen Massacres Dutzende von Frauen und Kindern umkamen, wenn auch in Ksanta und Lessonk hundert Frauen zerstückelt wurden, wenn auch unter den Opfern zu Bitlis sich die fünf- bis zwölfjährigen Knaben der Pfarrschule von Surp Serkias befanden, so muß man doch den Türken die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß von den Spitzen der Behörden solche Greuel nicht immer gewollt wurden. Und wenn aus einer ganzen Reihe von Dörfern und Städten berichtet wird, daß man selbst die Kinder im Mutterleib nicht schonte, ihnen gewaltsam zu einem frühzeitigen Dasein verhalf, sie zerstückte und in die Brunnen warf oder in Kreuzform zerschnitten im Schoße ihrer Mütter wieder begrub, so ist dies freilich nur der entmenschten Grausamkeit einzelner Ungeheuer zuzuschreiben. Auch daß unter den 450 Leichen, die man auf den Friedhof zu Sivas begrub, alle Frauenleiber aufgeschlitzt waren, geht weit über die Instruktionen hinaus, die dem Pöbel zuteil wurden. Im übrigen aber wurden von den Behörden der Mordlust der Massen keinerlei Schranken gesetzt, und wo die zu bewältigende Aufgabe die Kräfte des Pöbels überstieg, half das schnell requirierte Militär gar bald zum erwünschten Erfolg. Thörichte Scharen von flüchtenden Männern, Frauen und Kindern glaubten oft genug, daß Kirchen ein Schutz seien, und daß man ihr Leben im Heiligtume schonen würde. Doch da nun einmal Hunderte von Kirchen und Klöstern in Schutt und Asche gelegt werden mußten, wenn man mit dem verhaßten Christentum aufräumen wollte, wie konnte man auf die Bagatelle Rücksicht nehmen, daß sich Männer, Frauen und Kinder zu Hunderten in dieselben geflüchtet hatten. Was hinderte auch, die Thüren der Kirche zu Ressuan zu erbrechen und alle Flüchtlinge drin zu ermorden. Warum flohen 300 Armenier in das Kloster Maghapajetzwotz, wenn nicht, um mit der Brüderschaft umgebracht zu werden? Und wenn in Indises (Distrikt Luh-Schehri), in Haburs und Bussu (Distrikt Charput) die Kirchen den Christen über den Köpfen eingesteckt wurden, wer will den Pöbel tadeln, wenn das Militär dabei mit gutem Beispiel voranging? In Schabin Kara-Hissar nahm man auf die heilige Stätte mehr Rücksicht und mordete die 2000 in die Kirche geflüchteten Männer, Frauen und Kinder wenigstens draußen vor der Thür. Die Schandsäule aber, die sich zum ewigen Gedächtnis der Islam in dem Massacre von Urfa errichtet hat, mag der Leser in Teil II mit eigenen Augen bestaunen.

Ein schrankenloser Spielraum für die mordluslige Phantasie des Pöbels eröffnete sich aufs neue, als es sich darum handelte, was mit den Leichen der Tausenden von Erschlagenen anzufangen sei. Daß hier kein Schamgefühl, kein Schrecken vor der Majestät des Todes jedem schändlichen Beginnen in den Weg trat, braucht nicht gesagt zu werden. Doch verdient es in den Annalen der Geschichte verzeichnet zu werden, daß in allen Städten und Dörfern die Christenleichen nackt ausgezogen, aufs scheußlichste entstellt und cynisch verstümmelt in Bergen auf den Straßen, auf Misthaufen, in den Brunnen oder Senkgruben aufgeschüttet lagen, bis man die Esel und Juden requirierte, um die Leichen wie das Aas gefallener Tiere vor die Stadt zu schaffen. Niemand vermochte unter den aufgetürmten und verstümmelten Massen von Menschenfleisch die Seinen wiederzuerkennen. Wo man es nicht vorzog, die Leichen für den Fraß der Hunde liegen zu lassen oder mit dem beliebten Petroleum ein Autodafé zu veranstalten, war bald eine Grube ausgeworfen und die Masse von Kadavern hineingescharrt.

Doch Männern von Bedeutung wurden besondere Funerarien zuteil. Dem Priester Mattheos zu Busseyid wurde sein abgeschlagenes Haupt zwischen die Schenkel gelegt, und die jungen Türken des Ortes amüsierten sich, seinen Leichnam mit Ruten zu züchtigen. – Dem Priester Der-Harudiun zu Diarbekir und seinem Kollegen an der Kirche zu Alipunar, sowie zehn andern Priestern des Distrikts von Tadem wurde die Ehre zuteil, daß man ihren Leichen die Haut abzog. Dem Abt Sahag, Prior des Klosters Surp-Katsch im Distrikt Kizan, wurde mit seinem jungen Adlatus ein besonderes Denkmal errichtet, indem man ihre abgezogene Haut mit Stroh ausstopfte und an den Bäumen aufhing. Der Phantasie eines Nero ist es würdig, wenn die Türken von Arabkir die abgeschlagenen Köpfe der Armenier an langen Stangen aufreihten; und der Gendarmerie-Kommandant von Baiburt, der am 26. Oktober den Frauen des Dorfes Ksanta unter dem Versprechen, ihre Männer zu schützen, Geld und Schmucksachen im Wert von 500 türk. Pfd. abnahm und sich dann nach etlichen Tagen eines anderen besann, sämtliche Frauen und Kinder desselben Dorfes auf einem Felde versammelte und unbarmherzig abschlachten ließ, hätte es wohl verdient zum Chef der Leibgarde des Tamerlan ernannt zu werden.

Die Einwohner von zwölf Dörfern im Norden und Westen von Marasch hatten sich beim Beginn der Unruhen nach dem Flecken Turnus geflüchtet in der Absicht, von dort in die Berge von Zeitun zu fliehen. Etwa 4000 Personen waren so beisammen, als sie sich eines Morgens plötzlich von Soldaten umringt sahen. Ein furchtbares Morden begann, aus dem nur 380 Frauen und Kinder übrig blieben, die nach dem blutigen Werk auf einen Haufen gesammelt, von den Soldaten zwei Tagereisen lang wie eine Herde von Schafen nach Marasch getrieben wurden. Warum sie nicht auch umbringen? Der Ruhm der Barmherzigkeit, die die Unschuld beschützt, sollte der Regierung des Sultans gesichert bleiben. Daß freilich bei diesem Viehtreiben in der Winterkälte des Dezember das arme Volk im Schnee der Berge waten, die verschmachtenden Kinder von den Müttern am Wegesrand liegen gelassen werden mußten, weil zum Rasten und Stehenbleiben keine Zeit war, thut solchem Liebeswerk keinen Eintrag. O wäre man barmherzig gewesen und hätte sie alle erschlagen, denn welche Freude kann eine Mutter noch am Leben haben, die erzählte, daß, als sie ihre beiden Kinder nicht mehr tragen konnte, sie glücklich war, beide auf eins der Tiere zu setzen, das den Soldaten gehörte. Als sie aber an einen Fluß kamen, warfen die Unmenschen die Kleinen ins Wasser.

Ist nicht genug des Bluts und der Thränen geflossen? Wann endlich wird der Schmerzensschrei eines gemarterten Volkes das Ohr der Christenheit erreichen? Und was sagen jene christlichen Großmächte dazu, die seit 18 Jahren ihre schirmende Hand über Armenien halten und papierene Reformen „im Namen des Allmächtigen“ einem geknechteten Volk verbrieft und versiegelt haben?

Doch genug davon, denn noch ein Blatt will beschrieben sein, beschrieben mit Schande, Blut und Thränen. „Die Männer schlagt tot! Ihr Eigentum, ihre Frauen und Mädchen sind unser!“ Das war die Losung in Cäsarea, mit der die Soldaten den bewaffneten Pöbel zu Mord, Plünderung und Schändung aufriefen. Und diese Losung ist befolgt worden in jeder der Hunderte von Städten und Tausende von Dörfern, über die sich der Greuel der Verwüstung ergoß. Schon vor den Massacres hatten die Soldaten die Schamlosigkeit, christliche Mütter aufzufordern, ihnen ihre Töchter zu reservieren, denn bald, sagten sie, würden alle Christenmädchen im Lande ihr eigen sein.

Die Zahl von 85000 Erschlagenen können wir nachrechnen, soweit unsere Informationen reichen, und die Totenliste ist entfernt noch nicht abgeschlossen. Aber wer zählt die Hekatomben von Schändungen und Entehrungen, zählt die Thränen der Tausende und Abertausende, die in die Berge geschleppt, in die Harems verkauft, auf dem Sklavenmarkt feilgeboten oder nach Befriedigung der Lüste in irgend einem Winkel erschlagen und verscharrt wurden?

Soll ich einen Begriff geben von dem Maß von Schande und Entwürdigung, dem Tausende von Mädchen und Frauen auch heute noch tagtäglich preisgegeben sind?

Jener Schurke, Hadji Begos, der sich rühmte, ein Hundert von Armeniern mit eigener Hand umgebracht zu haben, er brachte es auch fertig, ein Christenmädchen nackt auszuziehen und, von allem entblößt, durch die Straßen der Stadt zu jagen. Der Pöbel von Cäsarea, der 30 Häuser von Armeniern mit ihren Insassen verbrannte, nahm auch teil an dem saubern Geschäft, das Frauenbad der Stadt zur Stunde des Bades zu stürmen. Und welchen Empfang fanden die dreißig Frauen von Koschmat, die völlig entkleidet über die Berge irrten, bis sie nach Shinag gerieten, und den Soldaten der Kaserne in die Hände fielen? Doch das ist nichts Besonderes. Kein Massacre, ohne daß nicht dem Morden der Männer das Schänden der Frauen und Mädchen auf dem Fuße folgte; keine Plünderung, ohne daß Frauen und Mädchen feilgeboten, weggeschleppt, gegen Pferde und Esel als Tauschware verhandelt, oder auf den Sklavenmarkt gebracht wurden. Keine Einquartierung zum Schutz (?) oder Mord der Bewohner in ein Dorf gesandt, ohne daß nicht Christenmädchen von den Aghas oder Offizieren nächteweis an die Zaptiehs und Soldaten verteilt wurden.

In den eigenen Häusern nicht sicher, unter den Augen der Männer, die man an die Thürpfosten bindet, geschändet, oder, auch des ohnmächtigsten Schutzes beraubt, von Haus zu Haus gejagt, bis sie der Entehrung anheimfallen, das ist das Schicksal eurer Schwestern in Armenien, ihr Frauen von Deutschland! Welche wollt ihr mehr beklagen, die verwitwet oder verwaist, in irgend einer Ecke ihrer zertrümmerten Häuser, nur notdürftig bekleidet, auf Lumpen kauern, zitternd vor jedem Schritt eines Mannes, der Türke oder Kurde, des Weges kommt, ins Haus eindringt, um sie vor den Augen ihrer Kinder und Geschwister zu schänden, oder jene andern, die, vielleicht durch Gestalt oder Schönheit ausgezeichnet, das Wohlgefallen eines türkischen Agha fanden, unter Geschrei und Thränen in seinen Harem geschleppt wurden und mit ihrer Ehre zugleich ihren Christenglauben opfern mußten.

Begreift man nun wohl, was in Armenien Hunderte von Frauen in den freiwilligen Tod trieb? Was jene fünfzig Frauen von Lessonk und Ksanta bewog, sich in die Brunnen zu stürzen oder in die Abgründe zu springen? Welche Schrecken die Seele jener vornehmen Armenierin erfüllte, die mit einer Schar von Frauen, Kindern und wenigen Männern von Uzun Oba (25 Meilen östlich von Charput) weggeschleppt wurde und am Ufer des Euphrat angelangt, ihren Gefährtinnen zurief, nach dem Flusse stürzte und in die Wellen sprang? Beweis genug, daß Schande schlimmer ist als Tod, wenn 55 Frauen und Kinder ihr folgten und ihren Tod in den Wellen fanden.

Oder giebt es ein menschliches Herz, das einem alten, unglücklichen Vater sein namenloses Weh nicht nachempfinden könnte, wie es sich in einem Brief an einen Sohn in der Fremde also ausspricht: „O, ich wage es dir nicht zu sagen ... Sie kamen und drohten mich zu töten, wenn ich ihnen deine Schwester nicht ausliefern würde. Alles hatten sie schon fortgeschleppt: Decken, Betten, Kleider, Lebensmittel und selbst das Brennmaterial, als sie wiederkamen, um auch noch unsere Tochter zu fordern. Ich widerstand ihnen, bereit zum äußersten. Aber, als sie den Säbel an meiner Kehle und meinen Tod vor Augen sah, da warf sie sich selbst den Türken zu Füßen und schrie: Schont meinen Vater, hier bin ich!

Und sie haben sie weggeschleppt.“

Daß aber die Roheit der kurdischen Horden und der Cynismus des städtischen Pöbels durch die Schandthaten der Offiziere und Soldaten weit in den Schatten gestellt wurde, das soll den Bewunderern türkischer Armeeorganisationen und den Lobrednern muhammedanischer Gesittung nicht vorenthalten bleiben. Mich ekelt zwar, meine Feder in diesen Pfuhl von Schande einzutauchen, aber wessen die Wächter der Ordnung und des Gesetzes im Lande der „armenischen Reformen“ fähig sind, das muß doch festgenagelt werden!

Der folgende kurze Bericht wird durch zwei von einander unabhängige Zeugnisse, die vor mir liegen, verbürgt: „In dem Dorfe Husseyinik (Vilajet Charput) versammelten ungefähr 600 Soldaten (und wo Soldaten sind, sind auch Offiziere) eine gleiche Zahl von ungefähr 600 armenischer Frauen und junger Mädchen im Militär-Depot und nachdem sie ihre gemeinen Lüste öffentlich an denselben befriedigt hatten, schlachteten sie die unglücklichen Opfer ihrer scheußlichen Notzüchtigungen ab.“

Sollte dieses Blut nicht gen Himmel schreien? Sollte das Jammergeschrei dieser Frauen und Mädchen nicht das Ohr des Allmächtigen erreichen, wenn auch das der Mächtigen dieser Erde taub bleibt? So wahr ein Gott im Himmel lebt, es wird’s thun!

3. Religionsfreiheit im türkischen Reich.

Im türkischen Reich besteht auf Grund der Verträge Religionsfreiheit. Nach dem Krimkriege versprach der Sultan Abdul Medschid feierlich, das Los seiner christlichen Unterthanen verbessern zu wollen und auf Grund des Hatti-Humajums vom 18. Februar 1856 wurde die Pforte in das Konzert der europäischen Großmächte aufgenommen. Um die allen Unterthanen versprochene Religionsfreiheit unter die Garantie der Mächte zu stellen, wurde folgender Erlaß der Hohen Pforte in den Pariser Friedensvertrag vom 30. März 1856 aufgenommen: „Alle Formen der Religion sollen in meinen Landen offen und unbeeinträchtigt gestattet und soll kein Unterthan meines Reiches in der Ausübung seines Glaubens behindert werden. Niemand soll gezwungen werden, seinem Glauben zu entsagen.“

Die so gewährleistete Religionsfreiheit wurde im Artikel 62 des Berliner Vertrages durch die Bevollmächtigten des jetzt noch regierenden Sultan Abdul Hamid II. aufs neue bestätigt: „Da die Hohe Pforte ihre Bereitwilligkeit ausgesprochen hat, den Grundsatz der religiösen Freiheit aufrecht zu erhalten und demselben die weiteste Ausdehnung zu geben, so nehmen die Vertragsmächte Kenntnis von dieser freiwilligen Erklärung. ... Alle sollen zugelassen werden ohne Unterschied der Religion, vor Gericht Zeugnis abzulegen, die äußerliche und öffentliche Ausübung aller Religionen soll gänzlich frei sein, und der hierarchischen Einrichtung der verschiedenen Religions-Genossenschaften oder ihren Beziehungen mit ihren geistlichen Oberhäuptern sollen keine Hindernisse bereitet werden. Geistliche, Pilger und Mönche aller Nationalitäten, die in der europäischen oder asiatischen Türkei reisen, sollen dieselben Rechte, Vorteile und Privilegien genießen. Das Recht offiziellen Schutzes wird den diplomatischen und konsularen Agenten der Mächte in der Türkei gewährt, nicht weniger in Beziehung auf die oben erwähnten Personen mit ihren religiösen und wohlthätigen Anstalten als auch andere in den heiligen Stätten und anderswo.“

Eine angesehene deutsche Tageszeitung, „Die Post“ schrieb im vorigen Jahre bei Gelegenheit der Erörterungen über das Massacre in Sassun: „In Ermangelung sonstiger Gründe für eine europäische Intervention hat für die englische und amerikanische Presse die christliche Religion der Armenier herhalten müssen. Ja Gladstone hat sich gelegentlich jener Komödie des Empfanges der Deputation von Sassun nicht gescheut, von den „um ihres Christenglaubens willen verfolgten Armeniern“ zu reden. Das ist eine handgreifliche Unwahrheit. Welchen Grund hätte wohl die Pforte haben können, eine Religionsverfolgung plötzlich ins Werk zu setzen, nachdem sie sich Jahrhunderte lang um die Religion der Armenier nicht gekümmert hatte? Ueberhaupt hat nie (!) eine eigentliche Christenverfolgung im türkischen Reiche stattgefunden. Es wäre auch das Unklügste, was die Pforte thun könnte, die mannigfachen Schwierigkeiten ihrer Lage durch eine Verfolgung des Christentums zu vergrößern. Jedem, der auch nur ein wenig die Geschichte der Türkei studiert hat. wird bekannt sein, daß von ihr im Prinzip – einzelne Uebergriffe kommen dafür nicht in Betracht – die weitestgehende religiöse Duldung geübt wird, was bei der Menge der Religionen, Konfessionen und Sekten in dem weiten Reich ein Gebot der Selbsterhaltung ist.“

Es verlohnt sich, diese prägnante Fassung einer weitverbreiteten, durch keine Sachkenntnis behinderten Anschauung wiederzugeben, da derselbe Faden ja noch täglich in unserer deutschen Presse gesponnen wird. Wir verzichten, darauf einzugehen, zu welchen Zuständen „die weitestgehende religiöse Duldung“ im türkischen Reich seit Jahrhunderten in Uebereinstimmung mit dem Religionsgesetz der Muhammedaner geführt hat, und wir überlassen es allen Kennern der Religions- und Missionsgeschichte des Orients, sowie der jetzigen religiösen Zustände in der Türkei ihre Kenntnisse und Erfahrungen mit den apodiktischen Behauptungen obiger Ausführungen in Einklang zu bringen. Wir beschränken uns auf Armenien, und da müssen wir in der That zustimmen, daß es das Unklügste nicht nur wäre, sondern war, was die Pforte thun konnte, als sie eine Verfolgung des Christentums in Szene setzte. Denn die christlichen Unterthanen Sr. Majestät des Sultans machen numerisch ein volles Drittel und, gewogen, nicht gezählt, an Intelligenz, Bildung, wirtschaftlicher Tüchtigkeit und moralischer Energie zwei Dritteile der Gesamtbevölkerung des türkischen Reiches aus. Es ist einem Publizisten, der die Bewegungen der Weltgeschichte nur in einem oberflächlichen Kausalnexus politischer Tagesereignisse zu sehen gewohnt ist, und die religiösen und sittlichen Mächte nicht nur als Imponderabilien, sondern als quantité négligeable zu behandeln gewohnt ist, nicht zu verargen, wenn er nichts davon weiß, daß die Zersetzung des osmanischen Reiches und die „mannigfachen Schwierigkeiten ihrer Lage“ auf allen Punkten auf den Gegensatz des Islam und des Christentums und auf die Thatsache zurückzuführen ist, daß das Religionsgesetz des Islam, welches in den letzten Jahrzehnten mehr denn je die Richtschnur der ottomanischen Politik war, eine bürgerliche Gleichberechtigung der muhammedanischen und christlichen Unterthanen nicht gestattet, und daß alle dahin gehenden Zugeständnisse der Pforte nur „im Prinzip“, d.h. auf dem Papier gewährt werden können. Vielleicht könnte das Studium der Schriften Moltkes in dieser Beziehung auch heute noch gute Dienste leisten.

Was sind denn die armenischen Massacres? Ein Rassenkampf? Nein. – Denn Jahrhunderte lang sind die Türken wohl oder übel mit ihren armenischen Unterthanen ausgekommen. Eine nationale Erhebung? Nein. – Denn das armenische Volk in Armenien weiß nichts und will nichts wissen von der politischen Propaganda einiger Schwärmer, die in London, Paris oder Konstantinopel revolutionäre Klubs bilden und politische Pamphlete herausgeben. Eine Christenverfolgung? Nicht ohne weiteres. – Denn es lag keine unmittelbare Veranlassung vor. Doch was sind die armenischen Greuel? Ohne Frage: ihrem Ursprunge nach ein rein politisches Ereignis; genauer gesagt eine administrative Maßregel. Aber die Thatsachen beweisen es, daß bei dem Charakter des muhammedanischen Volkes, der auch in den politischen Leidenschaften nur religiösen Motiven zugänglich ist, diese administrative Maßregel die Form einer Christenverfolgung von riesigem Maßstabe annehmen mußte und angenommen hat. Soll uns etwa wegen des politischen Ursprungs dieser Religionsverfolgung verboten sein, „von den um ihres Christenglaubens willen verfolgten Armeniern zu reden?“ Dann hat es nie in der Welt Religionsverfolgungen gegeben, denn alle ohne Ausnahme standen mit politischen Bewegungen in Wechselwirkung, und selbst der Tod Christi wäre nichts als ein politisches Ereignis, weil politische Motive bei seiner Verurteilung den Ausschlag gaben.

Vielleicht genügen aber die folgenden, von der deutschen Presse bisher überhaupt nicht gewürdigten Thatsachen, die ganze armenische Frage in ein anderes Licht zu rücken.

Schon der Botschafter-Bericht konnte konstatieren, daß in etwa 20 Städten und Dörfern, darunter die großen Städte Bitlis, Charput, Eghin, Malatia, Cäsarea und Urfa, Massenübertritte der Christen zum Islam stattfanden, und daß überall die Androhung neuer Massacres der Beweggrund für diese Konversionen war. Der ungeheure Umfang aber der Zwangsbekehrungen, denen auf dem ganzen Gebiete der Massacres die Ueberlebenden in Hunderten von Städten und Dörfern unterlegen sind und noch täglich unterliegen, kann erst jetzt, nachdem wir aus allen Gebieten Berichte vor uns haben, annähernd festgestellt werden. Die Zahl derer, welche in den letzten zehn Monaten unter dem Terrorismus des muhammedanischen Pöbels, unter den Aufreizungen des moslemischen Klerus, unter der offenen oder versteckten Beihilfe der Regierungs-Behörden zwangsweise konvertiert worden sind, wird das erste Hunderttausend schon überschritten haben und wird das zweite Hunderttausend erreichen, wenn durch die ohnmächtige Politik der christlichen Großmächte der muhammedanische Fanatismus noch weiter so gezüchtet wird wie bisher. Uns liegen Listen vor mit 646 Dörfern, in denen die überlebenden Einwohner mit Feuer und Schwert zum Islam bekehrt wurden, mit 568 Kirchen und 77 Klöstern, die völlig ausgeplündert, demoliert oder dem Erdboden gleichgemacht wurden, mit 328 christlichen Kirchen, die in Moscheen verwandelt wurden, mit 21 protestantischen Predigern und 170 gregorianischen Priestern, die um ihrer Weigerung willen, den Islam anzunehmen, oft nach den unerhörtesten Torturen ermordet wurden. Wir wiederholen aber, daß diese Zahlen nur dem Umfang unserer Informationen, aber noch entfernt nicht dem Umfange der Thatsachen selbst entsprechen. Ist dies eine Christenverfolgung oder nicht? Oder will man noch mehr Beweise für „die weitestgehende religiöse Duldung im türkischen Reich?“

Große Zahlen werden eindrücklicher, wenn man sie in kleine zerlegt. In dem Vilajet Erzerum haben etwa 15000 Christen unter Androhung des Todes den Islam angenommen. In dem Vilajet Charput wird die Zahl der Zwangsbekehrungen auf ca. 15000, in dem Wan auf 10000 berechnet. In den etwa 60 christlichen Dörfern des Bezirks von Charput dient keine christliche Kirche, keine Schule mehr ihrer Bestimmung, und von allen Priestern dieser Dörfer, die entweder Märtyrer oder Apostaten geworden, ist noch ein einziger übrig für die Seelsorge der Handvoll Christen, die noch in der Gegend zerstreut sein mögen.

In der ganzen Umgegend von Baiburt ist die Religion des Kreuzes völlig verschwunden, und in den abgelegenen Gebirgsdörfern obiger Distrikte geht das Bekehren unter gezückten Schwertern und schrecklichsten Drohungen neuer Massacres beständig fort. Mit feierlichen Massen-Beschneidungen coram publico findet diese schändliche Propaganda ihren unwiderruflichen Abschluß. Aus allen Vilajets wird von allen Seiten her berichtet: 20, 40, 60 Dörfer unter Androhung des Todes konvertiert, Kirchen und Klöster zerstört, Priester und Mönche ermordet. In allen noch stehen gebliebenen Kirchen thronen die Mollahs auf den Kanzeln und lehren die Neubekehrten die Vorschriften der muhammedanischen Religion. Von den Türmen sind die Glocken heruntergeschafft, und die Muezzin rufen die „Gläubigen“ zum Gebet. In den Provinzen Sivas, Bitlis, Wan und Diarbekir zählen die konvertierten Dörfer zu Hunderten: der Distrikt Eghin mit 40 Dörfern, der Paludistrikt mit 43 Dörfern, die Distrikte von Selivan, Bescherik, Zerigan und Paravan mit 105 Dörfern, der Distrikt von Diarbekir mit 106, der von Bitlis mit 119 und der Distrikt von Wan gar mit 176 Dörfern. „Islam oder Tod!“ war die Losung für alles, was die ersten Massacres überlebte. Im ganzen Vilajet Diarbekir dient nur noch eine christliche Kirche ihrer Bestimmung, die Sergius-Kirche in Diarbekir selbst. In den vier Städten Urfa, Biredjik, Severek und Adiaman allein sind nach den Ermittelungen des Vizekonsuls Fitzmaurice 5900 Christen zwangsweise konvertiert worden, in Biredjik, das 240 christliche Familien hatte, giebt es keinen Christen mehr.

Daß überall die Kirchen aufs schändlichste entweiht, die heiligen Geräte besudelt, die Bilder zerschnitten oder mit Kot bedeckt, das heilige Oel und Sakrament unter die Füße getreten, die Kreuze heruntergerissen, die Evangelienbücher und Bibeln angespieen, in tausend Stücke zerrissen, in den Straßenkot oder Abort geworfen wurden, ist nur die Staffage zu dem Schauspiel des Vandalismus.

Die bei den Zwangsbekehrungen angewandte Methode war überall die gleiche. Nur der Zeitpunkt war dem Belieben der führenden Männer, Beamten, Offiziere, türkischen Aghas und Effendis oder der Willkür des muhammedanischen Pöbels anheimgegeben. In einigen Städten und Dörfern wurde schon vor dem Ausbruch der Massacres die Wahl gestellt, durch Uebertritt zum Islam das drohende Verhängnis abzuwenden. So in Urfa, wo die Armenier im Falle der Bereitwilligkeit zum Uebertritt aufgefordert wurden, weiße Fahnen auf ihren Dächern aufzuhissen; so in anderen Orten, wo das aufheben des Armes oder eines Fingers als Zeichen der Unterwerfung unter den Islam angeboten wurde und vom Tode errettete. Oft genug waren auch solche Angebote eine Täuschung und wohlhabende und einflußreiche Armenier wurden auch im Falle der Bekehrung nicht geschont. In vielen Fällen fanden die Zwangs-Konversionen schon während der Massacres statt, in den meisten waren sie das unvermeidliche Nachspiel der Massenmorde.

Bei der Androhung nur des Todes hatte es selten sein Bewenden, die Bajonette wurden auf die Brust, die Schwerter an die Kehlen gesetzt: wo dies nichts half, wurden Torturen hinzugefügt. Insbesondere Priester und Prediger, welche sich weigerten, ihren Glauben abzuschwören, mußten die unausdenklichsten Folterqualen erdulden, ehe man ihnen den Gnadenstoß gab. Der Priester Der-Hagop von Charput wurde wahnsinnig, als er, bis aufs Hemd entkleidet, die Schwerter von fünfzig Soldaten auf sich gezückt sah. Was mit ihm machen? Da die Mollahs erklärten, daß der Uebertritt eines Verrückten zum Islam nicht gestattet sei, warf man ihn einstweilen wegen Renitenz ins Gefängnis.