Assassinenblut - Hailey Winter - E-Book

Assassinenblut E-Book

Hailey Winter

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Beschreibung

Der Widerstand erkämpft erste Erfolge, doch Jorïna lässt sich hiervon nicht aufhalten. Ihre Pläne, den gesamten Adel Azariels bis in die niedersten Verzweigungen auszumerzen, bringen Maynara und ihre Verbündeten in Zugzwang. Ein Attentat auf die Königin scheint die einzige Möglichkeit zu sein, den Massenmord zu verhindern. Dessen Scheitern oder Gelingen birgt allerdings unkalkulierbare Risiken und Gefahren. Die Schlacht in den Hallen Izmariths fordert herbe Verluste. Dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit drohen den inneren Kern des Widerstands auseinanderzureißen. Entscheidungen, die das Schicksal Azariels bestimmen werden. Band 4 entführt in ein abwechslungsreiches, actiongeladenes und emotionales Abenteuer.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Impressum

 

Kuneli Verlag, Forstweg 8, 63165 Mühlheim am Main

Copyright © 2024 Kuneli Verlag UG (haftungsbeschränkt)

Alle Rechte vorbehalten.

 

1. Auflage (November 2024)

Coverdesign: Kuneli Verlag

Unter der Verwendung von Bildmaterial von Shutterstock.com

ISBN Epub: 978-3-948194-30-7

www.kuneli-verlag.de

Die Autorin

Hailey Winter ist das Pseudonym der Thriller-Autorin Saskia Berwein. Geboren 1981, aufgewachsen in der Nähe von Frankfurt am Main, folgt sie bereits seit ihrer Jugend dem Altmeister des Horrors Stephen King, der sie einst zum Lesen und schließlich zum Schreiben brachte. Es entstanden zahlreiche Kurzgeschichten, Novellen und Romane, beheimatet in der (dunklen) Phantastik.

Mehr über die Autorin und ihre Werke:

www.hailey-winter.de

www.saskia-berwein.de

www.facebook.com/saskiaberweinhaileywinter

www.instagram.com/saskiaberwein_haileywinter

Ihre Werke im Kuneli Verlag

Ein Fall für Leitner und Grohmann (Saskia Berwein)

Todeszeichen

Herzenskälte

Seelenweh

Wundmal

Zornesbrand

Feindeshand

Hoher Einsatz

Weltenfeuer (Hailey Winter)

Königsmord

Fluchtwege

Waffenbrüder

Assassinenblut

Kriegsschrei

Einzelbände (Saskia Berwein)

Im Angesicht der Stille

Weltenfeuer

 

Band 4

Assassinenblut

 

 

Hailey Winter

 

 

 

Kuneli Verlag

 

1

»Werden wir es bis zum Anbruch der Dunkelheit schaffen oder müssen wir eine weitere Rast einlegen?«, fragte Gæybriel. Er richtete seine Frage an niemand bestimmten, obwohl er wusste, dass Æyda die Einzige war, die ihm eine Antwort geben konnte.

Æyda sah nicht ein, warum sie ihm antworten sollte, zuckte daher nur die Schultern und trieb ihr Pferd an, so dass sie sich wieder an die Spitze der Gruppe setzte. Sie waren dem Ende ihrer Reise in den Norden schon sehr nahegekommen und es war möglich, dass sie tatsächlich heute Abend noch ihr Ziel erreichten, doch sicher war sie sich nicht.

Sie waren vom Weltentor aus in den Dunkelwald aufgebrochen, wo Skonar von Maynara schon fast stürmisch begrüßt worden war. Nicht nur den Reisenden hatte es überrascht, als die Prinzessin ihm um den Hals gefallen war und ihn erleichtert umarmt hatte. Es war eine Situation gewesen, die Skonar leicht hätte nutzen können, um endlich Klarheit zwischen ihm und Maynara zu schaffen, aber er hatte sich wie immer zurückgehalten.

Adunai war zwischenzeitlich um einige Baumhäuser erweitert worden, da Sarakin und Nayra einige neue Verbündete geschickt hatten, die noch viel zu unerfahren waren, um sie mit nach Izmarith zu nehmen oder deren Fähigkeiten nicht unbedingt dem direkten Kampf dienlich waren. So gehörten inzwischen unter anderem eine Heilerin, ein Trankmischer, ein Barde mit schwach ausgeprägten magischen Fähigkeiten und eine Schneiderin zum Widerstand.

Außerdem war das Dorf um ein paar Frauen mit Kindern angewachsen, für die es keinen sicheren Zufluchtsort gegeben hatte, nachdem ihre Männer sich dem Widerstand angeschlossen hatten. Den meisten von ihnen war bereits eine Aufgabe zugeteilt worden und sie würden mit der Zeit genügend Wissen und Erfahrung sammeln, um zum Gemeinschaftsleben in Adunai beizutragen.

Insgesamt lebten jetzt über zweihundert Lebewesen im Dorf. Die Arbeiten zum Schaffen von neuem Wohnraum waren noch immer in vollem Gange, denn Sarakin, Nayra und Bordar hatten bei den ehemaligen Gardisten großen Erfolg, auch wenn sie viele von ihnen nicht mehr in ihrer alten Heimat angetroffen hatten.

Die Vorbereitungen für ihren Aufbruch gen Norden waren schon vollständig abgeschlossen gewesen, als Æyda, Fenrik, Ariane, Skonar und Gæybriel eingetroffen waren. Sie hatten sich nur eine kurze Ruhepause gegönnt, ihre Kleidung gewechselt, etwas gegessen und ihre Satteltaschen gepackt. Sie ritten in drei Gruppen und mieden die großen Straßen.

Æyda, Gæybriel und Ariane führten die erste Gruppe an. Mit ihnen ritten einige Gesetzlose, deren Ausbildung inzwischen weit genug fortgeschritten war, um sie in den Kampf zu schicken. Sie führten den Schwebetransporter mit sich, den Gæybriel per Fernbedienung lenkte. Sie hatten das Gefährt so gut getarnt, dass es bei den seltenen Begegnungen mit anderen Reisenden keinen Verdacht weckte. Über die Voldera hielten sie mit der zweiten und dritten Gruppe Kontakt, mit denen weitere Verbündete ritten, die über Ausbildung und Bewaffnung verfügten.

Im Norden warteten eine Gruppe ehemaliger Gardisten und ein Teil der früheren Leibgarde Kiarans auf ihre Ankunft. Einem Freund Nayras war es gelungen, Kontakt mit Æyowin aufzunehmen, der Tochter des Hochadeligen, der für den Angriff auf den Vertriebenentreck verurteilt und hingerichtet worden war. Im Gegensatz zu ihrer Verwandtschaft hatte sie jeden Anspruch auf ihren Adelstitel und ihr Erbe aufgegeben und war in den Untergrund gegangen, bevor sich Jorïna ihrer hatte entledigen können. Mitsamt den Männern und Frauen, die einst ihrem Vater Treue geschworen hatten, hatte sie sich dem Widerstand angeschlossen.

Insgesamt hatten sie für ihren Angriff eine schlagkräftige Truppe versammelt. Sie waren trotzdem zu wenige, um gegen mehr als doppelt so viele Soldaten einen Sieg davontragen zu können, wobei die Soldaten noch ihr geringstes Problem waren. Ob sie gegen Vadiras Bestien irgendetwas ausrichten können und ob Gæybriels Waffen dabei eine Hilfe sein würden, musste sich erst noch herausstellen.

Sie erreichten die Kuppe einer weitläufigen Anhöhe und Æyda zügelte ihr Pferd. Vor ihnen lag eine weite Ebene, die von sanft verschneiten Hügeln eingeschlossen war. In der Mitte der Senke war die Kontur mehrerer Gebäude zu erkennen, die aus der Entfernung vollkommen verlassen aussahen.

»Ist das unser Ziel?«, fragte Ariane, nachdem sie ihr Pferd neben Æyda zum Halten gebracht hatte. Sie kniff die Augen zusammen und versuchte irgendetwas zu erkennen. Eisiger Wind blies ihnen Schneeflocken entgegen und brannte in ihren Augen.

Æyda nickte. »Ein verlassenes und längst vergessenes Gut. Pferdezucht oder etwas in der Art. Einer von Nayras engsten Vertrauten hat uns diesen Ort als Basis empfohlen.«

Ariane schüttelte leicht den Kopf. »Ich kann nicht einschätzen, wie weit es noch ist.«

Die Alvarūn warf einen Blick in den grauen Himmel. »Wenn wir uns beeilen, müssten wir es bis zum Einbruch der Dunkelheit schaffen, was einer weiteren Rast unter freiem Himmel vorzuziehen wäre. Es wird heute Nacht einen Kälteeinbruch geben.«

Ariane fragte sich, woher sie das wusste, doch Æyda hatte bereits mehr als einmal ein besonders gutes Gespür für das Wetter und seine Wechsel bewiesen. Sie nickte nur, um ihr Einverständnis zu bekunden.

Sie tauschten sich noch einmal über einen Voldera mit den anderen beiden Gruppen aus, die etwas weiter östlich und westlich reisten, beide weniger als eine Stunde zu Pferd von ihnen entfernt. Dann ritten sie das seichte Gefälle hinunter auf das Gut zu. Es verging eine weitere Stunde, bis sie die einzelnen Gebäude besser erkennen konnten. Eine halbe Stunde später verrieten erste Lichter, dass das Gut nicht verlassen war. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit passierten sie die verrosteten und verrotteten Überreste eines Zauns und ritten auf das Gutsgelände.

Æyda hatte ihr Kommen angekündigt, trotzdem lag der Hof, der durch die halbrunde Anordnung der Gebäude begrenzt war, verlassen dar. Ariane war sicher, dass außerhalb des Geländes trotz der Kälte Wachen postiert waren, die sich ihnen nicht zu erkennen gegeben hatten.

Zu beiden Seiten des Hofs lagen zweistöckige Gebäude, die wie Stallungen, Scheunen und Gesindehäuser aussahen. Nur in zweien brannte gedämpftes Licht. Gegenüber vom Eingang stand ein großes, aus Stein erbautes Herrenhaus, das zwar mit Sicherheit schon bessere Zeiten erlebt hatte, aber noch weit vom Verfall entfernt war. Das flackernde Licht von Kaminfeuern und Lampen fiel durch einige Fenster und der gedämpfte Lärm von Unterhaltungen und Musik drang nach draußen.

Als sie ihre Pferde stoppten und sich in der zunehmenden Dunkelheit umsahen, trat eine einzelne Gestalt aus den Schatten der rechts gelegenen Stallungen auf sie zu. Wie es die Wetterverhältnisse verlangten dick in Kleidung aus Leder und Fellen eingemummt. Æyda kannte den Mann nicht, doch das Langschwert, das er an der Hüfte trug, wies ihn als ehemaligen Gardisten aus.

Er nickte ihr zu und öffnete schweigend das Tor, das in die dämmrig beleuchteten Stallungen führte. Überraschend warme Luft schlug ihnen entgegen. Sie stiegen von den Pferden und führten sie in den Stall hinein. Ein Großteil der Boxen war bereits besetzt. Zwei junge Männer verteilten gerade Heu und Gemüse an die Tiere.

Der ehemalige Gardist zog den Schal aus seinem Gesicht, der ihm draußen als Schutz vor der eisigen Kälte gedient hatte. Er wandte sich direkt an Æyda. »Überlasst uns die Pferde.« Er warf mit gerunzelter Stirn einen fragenden Blick auf den getarnten Schwebetransporter, den Gæybriel in eine freie Nische zwischen Strohballen gelenkt hatte.

»Bewacht diese Kisten ebenso gut wie die Pferde«, wies Æyda ihn an. Vermutlich erwartete er eine Erklärung, doch es war Sarakins Angelegenheit, die Männer und Frauen der Garde zu instruieren. »Rührt sie nicht an.«

Der Gardist schien mit ihrer Anweisung nicht zufrieden, nickte aber. »Ihr werdet im Herrenhaus erwartet.«

Sie verließen angeführt von der jungen Alvarūn den Stall und überquerten den Hof. Eine breite Steintreppe führte zu der hölzernen Doppeltür hinauf, in die ein Familienwappen aus inzwischen ermattetem Metall eingelassen war. Sie war schwer und die Scharniere quietschten, als Æyda die rechte Türhälfte nach innen aufschob.

Dahinter lag ein kleiner Empfangsaal, dem anzusehen war, dass das Gut bis vor kurzem noch verlassen gewesen war. Die Wände waren völlig kahl. Die Stellen, an denen vor Jahrzehnten Bilder oder Wandteppiche gehangen haben mussten, hoben sich sichtbar ab. Auf den Stufen der zu beiden Seiten nach oben zu einer Empore führenden Treppen erinnerten nur Halterungen daran, dass sie einmal mit Teppich ausgelegt gewesen waren. In den Leuchtern und einem Lüster brannten frische Kerzen, aber das Metall war angelaufen und hing voller Spinnweben. Alles war mit einer feinen Schicht Staub überzogen, in denen die Wege der neuen Bewohner zu erkennen waren. Ein paar ältere Abdrücke deuteten darauf hin, dass ein paar kleinere Tiere bereits früher den Weg ins Haus gefunden hatten.

Trotzdem war es angenehm warm und der Duft von frisch zubereitetem Essen überdeckte den alten, angestaubten und moderigen Geruch. Gegenüber dem Eingang lag eine weitere Tür, hinter der Unterhaltungen, Gelächter und Tellergeklapper zu hören war. Vermutlich lag ein größerer Saal dahinter, der seiner ehemaligen Funktion entsprechend als Gemeinschafts- und Speisesaal eingerichtet worden war.

Am Fuß der linken Treppe stand Sarakin und begrüßte sie mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln. Er nickte Skonar zu und sein Blick blieb kurz an Ariane hängen, doch sonst zeigte er keine Reaktion auf die aus Gæybriels Welt Zurückgekehrten. Er deutete auf die Tür zum Speisesaal. »Ihr seid rechtzeitig zum Abendessen gekommen. Ich nehme an, ihr könnt eine Stärkung vertragen.«

Das war stark untertrieben. Sie hatten die Strecke vom Dunkelwald bis in den Norden in Rekordzeit zurückgelegt, zu Lasten von ausreichendem Schlaf und frisch zubereitetem Essen. Die zunehmend kälter und feindlicher werdenden Witterungsbedingungen hatten ihr Übriges getan.

Sie folgten ihm in den Speisesaal. Auch hier war offensichtlich, dass das zivilisierte Leben noch nicht lange wieder Einzug gehalten hatte. In einem großen Kamin am Ende des Raums brannte ein Feuer, vier längliche Tische mit Bänken standen in der Mitte, die Wände waren von kleineren Tischen und Stühlen gesäumt.

Um die hundertfünfzig Personen verschiedenen Alters saßen in dem Saal und machten sich über das Essen her. Die Stimmung war gelöst, Unterhaltungen und Gelächter verschmolzen zu einer beeindruckenden Geräuschkulisse. Fünf Alvarūn hatten sich zusammengefunden, um gemeinsam zu musizieren. Es war spürbar, dass viele dieser Männer und Frauen etwas miteinander verband. Die meisten mussten ehemalige Gardisten oder Mitglieder der früheren Leibgarde des Hochadeligen Kiaran sein. Es befanden sich auch einige Leute darunter, die unverkennbar zur Zunft der Abenteurer angehörten, die sich aber problemlos in die Gesellschaft einfügten.

Zur rechten Seite befand sich ein durch eine niedrige Mauer abgeteilter Raum, in dem über Feuerstellen drei große Kessel hingen und auf Rosten große Stücke Fleisch brieten. Dahinter führte eine große Tür, durch die gerade in diesem Moment zwei Frauen mit einem großen Korb mit frisch gebackenem Brot kamen, vermutlich direkt in die dahinter liegende Küche.

Nachdem die Gesetzlosen mit Ausnahme von Gæybriel in Richtung Kessel davon geschlendert waren, lächelte Æyda Sarakin zu. »Du hast dir ganz schön Mühe gegeben.«

Er schüttelte den Kopf. »Damit hatte ich nichts zu tun. Es ist Nayras Verdienst. Sie hat das alles organisiert. Ich habe nicht die geringste Ahnung davon, wie man so viele Leute versorgen soll.«

»Und er hat sich vermutlich nicht einmal Gedanken darüber gemacht.« Eine Frau, die sichtlich schon ein höheres Alter erreicht hatte, trat lächelnd auf sie zu. »Wenn ich nicht gewesen wäre, hätte er die Bande vermutlich mit Reiseproviant abgespeist und hätte sie bei dieser Kälte unter freiem Himmel schlafen lassen.«

Sarakins Lächeln fiel nicht ganz so offen aus. Er übernahm die Vorstellung von Ariane und Gæybriel. Nayra musterte die beiden Menschen interessiert, doch auch nicht allzu aufdringlich. Dann verabschiedete sie sich auch schon wieder von ihnen und verschwand in der Küche.

Nachdem sie sich mit dem reichhaltigen Angebot an Speisen und Getränken versorgt hatten, setzten sie sich an einen Tisch in einer ruhigen Nische. Die Minuten vergingen schweigend, während Æyda, Ariane und Gæybriel ihre erste richtige Mahlzeit seit Tagen zu sich nahmen.

Ariane erwartete, dass Sarakin sofort auf ihren Ausflug in Gæybriels Welt und ihre Verspätung zu sprechen kommen würde, doch er schnitt das Thema nicht an. Es gab auch sonst nicht besonders viele Neuigkeiten auszutauschen, da die Voldera ihnen gute Dienste bei der Weitergabe von Informationen geleistet hatten.

»Wie hat Skonar auf die Neuigkeit über die Gilde reagiert?«, fragte Sarakin schließlich.

Ihnen war einen Tag nach ihrem Aufbruch aus dem Dunkelwald die Nachricht zugekommen, dass das Gildenhaus der Reisenden von der königlichen Armee angegriffen und zerstört worden war. Es war noch nicht endgültig geklärt, ob die Soldaten Gefangene gemacht hatten, doch es schien wahrscheinlich, dass alle Reisenden getötet worden waren.

Dieses Mal hatte sich Jorïna nicht mehr die Mühe gemacht, ihre Verantwortung zu verbergen. Sie hatte lediglich mitteilen lassen, dass sich die Gilde der Reisenden dem Hochverrat schuldig gemacht hatte und deshalb entsprechende Maßnahmen ergriffen worden waren. Die für Azariel notwendigen Kontakte zu anderen Welten würden trotz allem zukünftig ohne Probleme gepflegt werden. Über das Wie schwieg sie sich aus.

»Besser als erwartet«, antwortete Æyda. »Er war geschockt, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass es ihn besonders mitgenommen hat.« Sie zuckte die Schultern.

Sarakin war überrascht. »Skonar ist in der Gilde aufgewachsen …«

»Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass er sich von der Gilde schon distanziert hatte«, meinte Ariane. »Er sagte etwas in der Art, dass er inzwischen erkannt hätte, dass er nicht mehr zu ihnen gehört. Er hatte mit der Gilde bereits abgeschlossen.«

Sarakin schüttelte verwundert den Kopf. Die Gilde war für Skonar seit seiner Kindheit sein Leben, seine Bestimmung und seine Familie gleichermaßen gewesen. Er hatte damit gerechnet, dass den Magier die Nachricht schwer treffen würde, doch er hatte sich geirrt. Wann hatte sich der junge Alvarūn so entschieden von seinem alten Leben abgewandt?

Wenig später trafen auch die anderen beiden Gruppen aus dem Dunkelwald ein. Maynaras Eintreffen sorgte für ein kurzzeitiges Verstummen der Unterhaltungen und mit nur wenigen Ausnahmen wurde sie einige Sekunden lang angestarrt. Die Reaktion zeigte, dass die Männer und Frauen inzwischen die Wahrheit über die Prinzessin kannten, nur vermutlich noch nicht allzu lange und einige wohl doch Zweifel gehabt hatten. Maynara war die Aufmerksamkeit sichtlich unangenehm und sie war sich nicht sicher, wie sie sich verhalten sollte. Sie beließ es schließlich bei einem Lächeln. Mehr hatten die Männer und Frauen offensichtlich auch nicht von ihr erwartet.

Während sich die Gesetzlosen unter die Leute mischten, setzten sich Maynara, Skonar und Darlana zu Sarakin und den anderen an den Tisch. Sie tauschten sich nur kurz über den letzten Abschnitt der Reise aus und besprachen nach dem Essen noch kurz die Pläne für den nächsten Tag.

Eldred wollte die zum Gut gehörende Schmiede in Betrieb nehmen. Er wollte die aus Gæybriels Welt stammenden Projektile mit einer hauchdünnen Schicht Ador überziehen, die den Gebrauch der Munition nicht einschränkte. Ein paar Versuche würde er vermutlich brauchen, doch er war der Überzeugung, dass es zu schaffen war. Ariane würde testen, ob die Munition mit den halbautomatischen Pistolen von der Erde kompatibel war. Außerdem wollte sie gemeinsam mit Gæybriel eine Möglichkeit finden, die Betäubungsmunition mit Blut zu füllen. Der Gesetzlose würde sich mit Sarakin zusammensetzen müssen, um ihm die Funktionsweise und die jeweiligen Einsatzmöglichkeiten der mitgebrachten Waffen und des Equipments zu erklären. Danach würden sie gemeinsam mit Skonar und anderen Personen zusammen einen Angriffsplan für Izmarith ausarbeiten.

Als die Stimmung im Raum durch den Fluss von Wein bereits stark angeheitert war und der gemütliche Teil des Abends begann, entschied Maynara, sich zurückzuziehen. Skonar und Ariane folgten ihrem Beispiel, während Darlana, Gæybriel und Æyda sich einen Platz an den anderen Tischen für die anbrechende Nacht suchten.

Sarakin brachte Maynara, Skonar und Ariane in die oberen Stockwerke, wo sich früher die Zimmer der Gutsherren und deren Familie befunden haben mussten. Für Maynara und Skonar waren die beiden am Ende des Flurs gelegenen Räume hergerichtet worden. Glücklicherweise hatten die Vorbesitzer einiges an Möblierung und Bettzeug zurückgelassen, so dass sie einigermaßen komfortabel übernachten konnten.

Ariane fragte sich bereits, warum Sarakin zuerst die beiden zu ihren Zimmern gebracht hatte, als er den Flur hinunter und wieder auf sie zu kam. Er warf ihr nur einen kurzen Blick zu, als er an ihr vorbei ging. »Ich möchte dich unter vier Augen sprechen«, sagte er leise, was ihre unausgesprochene Frage beantwortete.

Sie folgte ihm in einen Seitenflur und in einen größeren Raum, der so kahl und verstaubt wie die Eingangshalle war. Ein Feuer brannte in einem alten Ofen und spendete das einzige Licht. Eiskristalle hatten sich an den Fenstern gebildet und nur ein silbriger Schimmer zeigte, wo sich die beiden Monde hinter der grauen Wolkendecke verbargen. Ein großer Tisch dominierte das Zimmer, um den angelaufene Metallstühle herumstanden. Als Kissen dienten zusammengefaltete, steife Laken.

Sarakin setzte sich nahe dem Ofen auf die Tischkante. Das Feuer konnte noch nicht lange brennen, denn es war verhältnismäßig kühl. Er beobachtete sie schweigend. Es schien fast so, als ob er etwas sagen wollte, es jedoch einfach nicht fertigbrachte, die Worte auszusprechen.

Ariane blieb stehen und erwiderte seinen Blick. Sie wandte sich zuerst ab. Aus irgendeinem Grund ertrug sie es nicht, ihm in die Augen zu sehen. Schon der Blickwechsel bei ihrer Ankunft hatte ausgereicht, um in ihrer Magengegend ein seltsames und schon beinahe schmerzhaftes Gefühl entstehen zu lassen. Sie wollte sich nicht eingestehen, dass sie froh war, ihn wieder zu sehen und ihn in gewisser Weise sogar vermisst hatte. Für diese Art von Gefühlen war kein Platz zwischen ihnen. Es war nicht der richtige Zeitpunkt und nicht der richtige Ort. »Worüber wolltest du mit mir sprechen?«, fragte sie mit leicht barschem Unterton, den sie nicht beabsichtigt hatte.

Es schien vielmehr dieser Tonfall als ihre Worte zu sein, die ihn dazu brachten, endlich etwas zu sagen. »Über eure Erlebnisse in Gæybriels Welt. Ich will wissen, was passiert ist und warum ihr nicht rechtzeitig zurückgekehrt seid.«

Ariane verbarg ihre Verwunderung nicht. Sie hatte sich die ganze Zeit über gefragt, warum er bisher nicht ein Wort darüber verloren hatte. »Wieso fragst du mich das hier? Allein? Du hättest vorhin die Gelegenheit gehabt, mit uns allen zu sprechen.«

»Mit Skonar habe ich mich schon ausgetauscht. Er hat mir eine Nachricht über die Voldera zukommen lassen. Allerdings seid ihr offenbar getrennt worden, weshalb er mir nicht alles erzählen konnte. Außerdem kann ich nicht erwarten, von ihm auf bestimmte Fragen ehrliche Antworten zu erhalten«, erwiderte Sarakin ruhig.

Sie sah ihn mit gerunzelter Stirn an. Welche Fragen sollte Skonar ihm nicht ehrlich beantworten? Doch dann erinnerte sie sich wieder daran, wie der Reisende Æydas Fragen nach dem Grund für ihre Verspätung ausgewichen war. »Du willst darauf hinaus, dass es Gæybriels Schuld war, habe ich recht?«

Sarakin nickte. »Das ist meine Vermutung. Doch Skonar weicht meinen Fragen diesbezüglich aus. Es würde mich zumindest wundern, wenn es nicht Gæybriels Verschulden war, dass euer Auftrag von den vorgesehenen Plänen … etwas abgewichen ist.«

Ariane seufzte. Sie wusste, dass Gæybriel und der ehemalige Kommandant der Garde alles andere als Freunde waren und sie konnte sich vorstellen, wie Sarakin reagieren würde, wenn er die Wahrheit erfuhr. Er würde sich in seiner Meinung über den Gesetzlosen bestätigt fühlen und Gæybriel das auch spüren lassen. »Es gibt viele Gründe, warum wir in Schwierigkeiten geraten sind«, erwiderte sie.

»Aber Gæybriel hat gelogen, als er behauptet hat, dass es eine leichte Aufgabe wäre, diese Waffen zu besorgen«, beharrte Sarakin. Seiner Stimme war anzumerken, dass er wütend auf Gæybriel war, sich aber bemühte, seine Wut vor ihr zu verbergen.

Ariane fragte sich, was der Auslöser für diesen doch eher unbegründeten Zorn war. Nur die Vermutung, dass Gæybriel sich ein wenig verschätzt hatte, um es milde auszudrücken? »Sarakin, es ist doch vollkommen unerheblich, ob es Gæybriels Verschulden war oder nicht. Das Ergebnis zählt. Wir haben die Waffen und die Ausrüstung und sind heil wieder zurückgekehrt.«

»Es ist ganz und gar nicht unerheblich«, erwiderte er bestimmt. »Ich erwarte eine ehrliche Antwort auf meine Frage.«

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Sie hatte kein Verständnis dafür, dass Sarakin sie jetzt derart anging. »Wozu? Was soll das bringen? Glaubst du, es nutzt irgendjemandem, wenn ich jetzt sage, dass Gæybriel einen Fehler gemacht hat und sich eure Fronten noch weiter verhärten? Ich glaube nicht, dass es unserer Organisation in irgendeiner Form dienlich ist, wenn ich dir jetzt die Munition dafür liefere, eure Feindschaft noch zu vertiefen. Es reicht schon, wenn sich Æyda und Gæybriel ständig bekriegen.«

Sarakins Kiefer mahlten unruhig aufeinander. Er nickte langsam. »Ich habe also recht.«

»Das habe ich nicht gesagt!«

»Hör auf, Gæybriel in Schutz zu nehmen!«, brauste Sarakin wütend auf.

»Das tue ich nicht!« Ariane schüttelte verständnislos den Kopf. Was war eigentlich mit ihm los? »Kannst du mir vielleicht erklären, warum du so versessen darauf bist, Gæybriel oder überhaupt irgendjemandem die alleinige Verantwortung für ein paar Schwierigkeiten zuzuschieben?«

Sarakin stieß ein schon beinahe verächtliches Schnauben aus. »Ein paar Schwierigkeiten …«

Ariane versuchte vergeblich, ihren aufwallenden Zorn unter Kontrolle zu bringen. »Vielleicht hatten wir auch ein paar mehr Probleme und möglicherweise hängt das ein oder andere mit Gæybriel zusammen. Das gibt dir aber noch lange nicht das Recht, mich so anzufahren!«

Er erwiderte einen Moment lang noch immer wütend ihren Blick, dann wandte er sich ab und starrte ins Feuer. »Es tut mir leid … Du kannst nichts dafür.«

Arianes Zorn verrauchte nur langsam, doch sie bemühte sich um einen ruhigen Tonfall. »Was ist überhaupt los? Warum beißt du dich so an Gæybriel fest?«

Sarakin antwortete nicht sofort. Als er endlich etwas sagte, sah er sie nicht an. »Als ihr nicht zurückgekehrt seid, war Maynara halb krank vor Sorge. Immerhin mussten wir vom schlimmsten Fall ausgehen, nachdem Gæybriel versichert hatte, die Angelegenheit wäre vergleichbar mit einem Spaziergang. Skonar hat mir genug geschrieben, um mir eine Vorstellung davon zu geben, was ihr alles durchgemacht habt, und du wirst mir wohl kaum widersprechen, wenn ich sage, dass das alles andere als ein paar geringfügige Schwierigkeiten waren.«

Endlich sah er zu ihr auf. »Das Ganze war vermeidbar. Er hat euch unnötig und leichtsinnig in Gefahr gebracht und euch Risiken ausgesetzt, die er vorher durchaus kannte, uns aber verschwiegen hat. Glaubst du, ich hätte dieser Aktion zugestimmt, wenn er die Wahrheit gesagt hätte? Skonar und du, ihr hättet mit Leichtigkeit in dieser anderen Welt sterben können. Er hat eure Leben ohne die geringste Überlegung riskiert. Ist das deine Vorstellung von einem Verhalten, das unserer Organisation in irgendeiner Weise zugutekommt? Wie glaubst du, hätte Maynara reagiert, wenn sie Skonar und dich verloren hätte, die wohl im Moment wichtigsten Personen in ihrem Leben? Sie liebt Skonar, du bedeutest ihr viel. Es hätte sie vollkommen aus der Bahn geworfen und alles zunichtemachen können. Zumindest hätte ihre Trauer sie für die nächste Zeit gelähmt.«

Ariane seufzte. Sie konnte nicht abstreiten, dass Sarakin recht hatte. Gæybriel war vorzuwerfen, dass er ihnen einiges verschwiegen und es sich zu einfach gemacht hatte. Letzteres war aber wohl seiner Art geschuldet, zu entscheiden und zu handeln, bevor er über die möglichen Folgen nachdachte. Seine Reaktion auf Stalmanshafen hatte zumindest deutlich gezeigt, dass er keinen Gedanken daran verschwendet hatte, dass seine eingelagerten Waffen und seine Ausrüstung nicht mehr an Ort und Stelle sein könnten.

Doch diese ganzen Punkte aufzuwärmen und sie Gæybriel zum Vorwurf zu machen, brachte sie jetzt nun mal kein Stück weiter. Sie hatten für die Zukunft gelernt, was von Gæybriels Aussagen zu halten war. Sich dessen bewusst zu sein, war das Einzige, was jetzt noch Sinn machte. »Ich verstehe, dass du wütend bist, Sarakin, und ich kann deine Gedanken nachvollziehen. Aber hast du schon einmal daran gedacht, warum er diese ganzen Risiken eingegangen ist? Er hat genauso sein Leben riskiert, obwohl er sich den Gefahren bewusst war.«

Sarakins Lächeln wirkte traurig. »Ich hoffe, du willst mir jetzt nicht sagen, dass ich über Gæybriels ach so edle Absichten alles andere vergessen soll? Tust du das etwa?«

Sie wusste nicht, worauf er hinauswollte. »Für mich zählt nur, dass wir haben, was wir wollten. Und dass uns nichts weiter zugestoßen ist.«

»Ist das so?«, fragte Sarakin und beobachtete sie genau.

»Ja.«

Er nickte langsam. »Skonar hat mir etwas anderes erzählt. Er sprach von Verletzungen, die noch in der anderen Welt geheilt wurden. Ernste Verwundungen, die leicht zum Tod hätten führen können.« Sarakin zögerte kurz. »Er sagte, du habest einen Schädelbruch erlitten …«

Ariane war überrascht, dass Skonar in dieser Hinsicht so detaillierte Informationen weitergegeben hatte, sich aber trotzdem geweigert hatte, Sarakins Fragen in Bezug auf Gæybriels Verantwortung zu beantworten. »Ich gebe zu, es gab ein paar Verletzungen. Von dem Schädelbruch weiß ich nichts, aber es wird wohl stimmen. Ich hatte das Gefühl, dass die beiden Herren mir irgendetwas verschwiegen haben.« Sie zuckte die Schultern. »Aber ich bin nicht gestorben, genauso wenig wie Skonar. Alle unsere Verletzungen sind geheilt. Es geht uns gut.«

Sarakin zögerte sichtlich. Er konnte vor ihr nicht verbergen, dass es noch etwas gab, das ihn beschäftigte. Er wagte es aber aus irgendeinem Grund nicht, es offen anzusprechen.

Sie sah ihn mit gerunzelter Stirn an. »Das war nicht alles?«

»Skonar erwähnte noch etwas …« Er wich ihrem Blick aus.

»Was?«, hakte Ariane nach. Sie hatte noch nie erlebt, dass Sarakin derart ins Stocken geriet.

»Skonar hat mir anvertraut, dass die eine Frau, in deren Gewalt Gæybriel und du euch befunden habt – die von dieser einen Organisation, keine Ahnung mehr, wie er sie nannte – angedeutet beziehungsweise unmissverständlich gesagt hat, dass …« Sarakin verstummte und zögerte erneut. Er musste sich zwingen, sie weiterhin anzusehen. »Sie hat gesagt, dass sie dich habe vergewaltigen lassen …«

Ariane wusste im ersten Moment nicht, was sie darauf antworten oder wie sie reagieren sollte. Sie war überrascht, denn sie hatte an diese Episode nicht mehr gedacht, geschweige denn daran, dass Skonar und Gæybriel aus Orendis’ Aussage Rückschlüsse hatten ziehen können. Warum hatte Skonar das ausgerechnet Sarakin anvertraut, obwohl er gar nicht wissen konnte, ob es stimmte? Allerdings hatte Orendis’ Bemerkung auch wenig Platz für Spekulationen gelassen. Sie schüttelte sanft den Kopf. »Sie haben es versucht, aber dazu ist es nicht gekommen«, erwiderte sie schließlich.

Sarakin sah ihr direkt in die Augen, bevor er nickte. Er erkannte, dass sie die Wahrheit sagte. »Ich bin erleichtert, das zu hören.«

Jetzt war es an Ariane zu zögern. Sie fragte sich, weshalb er derart empfindlich reagierte. Mord und Totschlag ließen ihn normalerweise kalt, doch sexuelle Übergriffe schienen für ihn eine andere Bedeutung zu haben. »Hast du deshalb so getobt? Weil du glaubtest, durch Gæybriels Verschulden wäre mir etwas Derartiges zugestoßen?«

»Nicht nur deshalb«, räumte Sarakin nach kurzem Schweigen ein. »Aber ich hätte ihm sein verdammtes Genick gebrochen, wenn …« Er unterbrach sich und schüttelte über seinen neuerlich aufflammenden Zorn den Kopf. »Vergiss es einfach. Ich habe überreagiert. Gæybriel schafft es auch schon ohne jeden Anlass, mich in Rage zu versetzen.«

Ariane lächelte, auch wenn sie sich ein wenig dazu zwingen musste. »Das ist seine ganz spezielle Begabung, andere auf sich wütend zu machen.«

Sarakin seufzte zustimmend und nickte.

Sie beobachtete ihn einen Moment lang schweigend. »Wirst du die Angelegenheit auf sich beruhen lassen?«

»Scheint so. Auch wenn das alles nicht gerade dazu beigetragen hat, mein Vertrauen in Gæybriel zu stärken.«

Ariane nickte langsam. »Das erwartet auch niemand.«

Sarakin erwiderte ihren Blick eine Sekunde lang, dann rutschte er von der Tischkante. »Du siehst aus, als könntest du ein paar Stunden Schlaf vertragen«, meinte er und ging Richtung Tür.

Ariane sah ihm einen kurzen Moment lang nach, ohne sich von der Stelle zu rühren. Sie ließ Teile ihres Gesprächs noch einmal Revue passieren und fragte sich, welche seiner Gedanken er für sich behalten und welche Wahrheiten er nicht ausgesprochen hatte.

Sie wusste nicht, was sie von seinem Verhalten halten sollte. Auf der einen Seite schien Skonars und ihre Rückkehr ihn vollkommen unberührt zu lassen, doch dieser merkwürdige Gefühlsausbruch eben bewies das Gegenteil. Er hatte gesagt, Maynara sei halb krank vor Sorge um sie gewesen und wäre aus der Bahn geworfen worden, wenn sie verschollen geblieben wären.

Doch was war mit ihm?

2

Obwohl Ariane müde und erschöpft war, gelang es ihr nicht, einzuschlafen. Sie wälzte sich in dem nahe bei dem kleinen Ofen stehenden Bett von einer Seite auf die andere. Selbst nachdem Darlana und noch später Æyda, mit denen sie sich das Zimmer teilte, heraufgekommen und längst eingeschlafen waren, lag sie noch immer wach.

Ihre Gedanken kreisten um ein einziges Thema, von dem sie sich nicht loszureißen vermochte: Sarakin. Sie war verwirrt. Über ihre Reaktionen und ihre Gefühle ihm gegenüber, genauso wie sie sein Verhalten nicht einzuordnen wusste. Es hatte sie im Nachhinein nicht wirklich überrascht, dass sie die Nacht miteinander verbracht hatten. Viele Faktoren hatten eine Rolle gespielt: die Natur des Fests, Sarakins unmissverständliches Angebot und ihr eigenes Verlangen, das bereits zuvor geweckt worden war.

Damals war ihre Beziehung zueinander noch vollkommen normal gewesen. Sie mochten und respektierten sich und hatten auf einer rein platonischen Ebene miteinander verkehrt. Er hatte sie gewollt und sie ihn, es hatte Zeit und Gelegenheit gegeben. Sie war davon ausgegangen, dass sie beide damit umgehen konnten und zumindest oberflächlich traf dies auch zu. Danach hatte sich vieles zwischen ihnen verändert. Sie konnte weder diese Veränderung bewerten noch verstand sie die Gründe, die zu ihrem merkwürdigen Verhalten, ihren Reaktionen und ihren Gefühlen geführt hatten.

Ariane war sich bereits frühzeitig bewusst geworden, dass sie Sarakin noch immer begehrte. Sie brauchte nur an diese eine Nacht zurückzudenken und ihre Libido meldete sich mit einem sanften Schauer erneut zu Wort. Ohne Zögern würde sie sich ihm ein weiteres Mal hingeben, wenn sich die Gelegenheit dazu bieten würde. Doch verband sie mit Sarakin tatsächlich nur Freundschaft gepaart mit Verlangen?

Ihre Begegnung bei ihrer Ankunft hatten Zweifel in ihr geweckt. Wieso hatte ein einziger Blick seinerseits genügt, um sie aus der Fassung zu bringen? Wohin sollte sie die Gefühle einordnen, die ihr Wiedersehen in ihr ausgelöst hatte? Wie tief reichte die Freude darüber, ihn unversehrt und am Leben zu sehen? Hatte sie ihn tatsächlich vermisst?

Nein, beantwortete sie diese Fragen schließlich entschieden. Sie maß ihren eigenen Empfindungen nur zu viel Bedeutung zu. Was nicht weiter verwunderlich war, wenn sie bedachte, was sie in den letzten Wochen und Monaten durchgemacht hatte.

Es hatte sie enttäuscht, dass Sarakin bei ihrer Rückkehr ihr und Skonar gegenüber distanziert und kühl geblieben war, aber nicht verletzt. Sie hätte wenigstens irgendeine Art von Gefühlsregung erwartet, wenigstens Freude oder Erleichterung, doch er war einfach zur Tagesordnung übergegangen.

Das war das Problem mit Sarakin. Sie glaubte nicht, dass er so vollkommen unbeteiligt und unberührt von seiner Umgebung war, wie er zumeist vorgab. Seine Reaktionen während ihres Gesprächs hatten dies bestätigt. Er war verschlossen, vermied es, seine Gefühle offen zu zeigen und war deshalb für sie und andere undurchschaubar. Aus diesem Grund wirkte er häufig so distanziert und gefühllos, obwohl möglicherweise das Gegenteil der Fall war. Er ließ nicht einmal zu, dass Personen, die ihm in irgendeiner Art und Weise nahestanden, einen Blick hinter seine undurchdringliche Fassade warfen.

Genau das machte die Intensität jener Momente aus, wenn er für wenige Augenblicke die Masken fallen ließ und einen, wenn vielleicht auch unfreiwilligen Blick in sein Innerstes gewährte. Wie an diesem Abend.

Ariane hatte den Eindruck gewonnen, dass Sarakin ihr gegenüber nicht hatte zugeben wollen, dass er sich Sorgen um Skonar und sie gemacht hatte. Es hätte nicht nur Maynara, sondern auch ihn getroffen, wenn sie in Gæybriels Welt verschollen geblieben wären, davon war sie überzeugt. Sein Zorn fokussierte sich mehr darauf, dass Gæybriel sie in Gefahr gebracht, als dass der Gesetzlose ihren Auftrag gefährdet hatte. Seine Wut auf Gæybriel zu konzentrieren war seine Art und Weise, seine Gefühle zu verarbeiten, obwohl es sicherlich einfachere Wege gegeben hätte.

Seine so plötzlich aufwallenden, heftigen Reaktionen hatten für sie eine weitaus bedeutungsvollere Wirkung gehabt, als sie tatsächlich bargen. Auch wenn sie den Gedanken nicht an sich hatte heranlassen wollen, hatte sie sich doch gefragt, ob er möglicherweise derart reagiert hatte, weil er etwas für sie empfand. Gefühle, die über Freundschaft hinausgingen. Im Nachhinein und in Ruhe betrachtet, war sie sich im Klaren darüber, dass sie von seinem Verhalten zu falschen Interpretationen verleitet worden war. Sie war von diesem kurzen, intensiven Blick in seine Gefühlswelt überrascht worden. Aber im Grunde hatte sie nicht mehr gesehen als Besorgnis, die viel zu lange unterdrückt worden war und sich ein Ventil gesucht hatte.

Zwischen ihnen existierten lediglich platonische Gefühle. Und Verlangen und Begierde, zumindest ihrerseits. Wenn sie an einige wenige Situationen zurückdachte, war es durchaus möglich, dass Sarakin durchaus ähnlich empfand. Vielleicht interpretierte sie die einen oder anderen Signale falsch, doch ihr Gefühl sagte ihr, dass er sich dieser kurzen elektrisierenden Augenblicke zwischen ihnen bewusst war.

Ariane war ihre unausgesprochene Vereinbarung noch in Erinnerung. Nur diese eine Nacht. Doch wer sollte sie daran hindern, eine Abmachung aufzukündigen, die sie selbst geschlossen hatten? Warum sollten sie ihrem Verlangen kein zweites Mal nachgeben, wenn es das war, was sie beide wollten? Ihre Beziehung zueinander war geklärt und was ihrer Freundschaft beim ersten Mal nicht geschadet hatte, würde es wohl kaum beim zweiten Mal tun.

Ihr kam wieder die Situation im Baumhaus in den Sinn, kurz bevor sie mit Gæybriel und Skonar in die Nivero-Galaxie aufgebrochen war. Als sie das Gefühl gehabt hatte, dass sie eine Gelegenheit verpasst hatte. Eben genau einer jener Augenblicke, aus denen wohl mehr geworden wäre, wenn nur einer von ihnen den ersten Schritt gemacht hätte.

Beim nächsten Mal würde sie einen solchen Moment nicht einfach verstreichen lassen. Sie wusste, was sie wollte. Wenigstens würde sie in Sarakins Gegenwart wieder klar denken können, wenn ihr unbefriedigtes Verlangen nicht mehr dazu führte, dass ihre Gefühle und ihr Urteilsvermögen verrücktspielten.

Vielleicht war Sarakin, was ihre Vereinbarung anging, konsequenter als sie. Doch auch seine Konsequenz war auf Dauer nicht unerschütterlich.

3

Ariane wurde am nächsten Morgen von keinem besonders sanften Stoß in die Rippen geweckt. Ein qualvolles Stöhnen entrang sich ihrer Kehle und sie drehte sich auf die andere Seite. Es war unangenehm hell im Zimmer und als sie in das durch das Fenster hereinfallende Tageslicht blinzelte, wurde ihr bewusst, dass der Morgen bereits weiter fortgeschritten war.

»Steh auf!« Kein besonders freundlicher Tonfall und ein neuerlicher Stoß. »Du wirst gebraucht.«

Sie drehte den Kopf und sah Æyda neben ihrem Bett stehen. Die junge Alvarūn verschränkte gerade die Arme vor der Brust und sah mit einem Blick auf sie herunter, der alles andere als freundlich war. Ihre Zähne mahlten unruhig aufeinander und nur schwierig zu kontrollierende Wut war deutlich in ihren Augen zu lesen.

Ariane entschied, lieber nicht nach dem Grund für ihre schlechte Laune zu fragen. Sie schlug die Decke zurück, setzte sich auf und unterdrückte ein herzhaftes Gähnen.

»Du warst doch wirklich früh genug im Bett.« Æyda schüttelte verständnislos den Kopf. »Gæybriel verlangt nach dir.« Sie spie seinen Namen wie etwas Ungenießbares aus, was keinen Zweifel daran ließ, dass er der Grund für ihre miese Stimmung war. Vermutlich waren die beiden mal wieder aneinandergeraten.

Ariane ließ die ihr in den Sinn kommende Bemerkung unausgesprochen. Ihr war das leichte Zittern von Æydas Händen nicht entgangen und sie wollte sich lieber nicht zur Zielscheibe für deren unterdrückte Aggressionen machen.

»Du findest ihn im rechten Seitenflur, dritte Tür links.« Ohne ein weiteres Wort verließ die Alvarūn das Zimmer und warf die Tür geräuschvoll hinter sich zu.

Ariane streckte sich und versuchte erfolglos, die bleierne Müdigkeit zu vertreiben, die schwer auf ihrem Körper lastete. Sie rückte notdürftig ihre Kleidung zurecht und fuhr sich kurz mit den Fingern durch die Haare, bevor sie das Zimmer verließ. Der Raum, den Æyda ihr genannt hatte, war derselbe, in dem sie am Abend zuvor mit Sarakin gesprochen hatte.

Gæybriel saß am Tisch, auf dem eine ganze Reihe medizinischer Instrumente und Apparaturen verstreut lagen. Außerdem standen mehrere Fläschchen mit farblosen Flüssigkeiten und eine halbrunde Metallschale auf der Tischplatte, die etwa einen halben Liter fassen musste, und in der silbriges, bereits getrocknetes Blut klebte.

Gæybriel sah auf, als er die Tür hörte, und sein resignierter Gesichtsausdruck hellte sich auf. »Ah, schön, dass du kommst.«

Ihre Antwort bestand aus einem unverständlichen Grummeln. Ariane ließ sich auf den Stuhl ihm gegenüber fallen und ließ ihren Blick über die Tischplatte schweifen. Das Chaos auf dem Tisch sah so aus, als hätte er den Inhalt irgendeiner Kiste mit medizinischem Equipment ausgeleert und ohne irgendein erkennbares System verteilt. »Worum geht es?«, rang sie sich doch noch zu einem kompletten Satz durch.

Gæybriel seufzte und setzte wieder einen resignierten Gesichtsausdruck auf. »Ich habe versucht, das Blut von Alvarūn für die Betäubungsgeschosse zu verwerten. Leider unmöglich, da es viel zu schnell gerinnt. Die gerinnungshemmenden Mittel bewirken nichts.« Er zuckte die Schultern. »Um es kurz zu machen: Wir beide werden unser Blut spenden müssen.«

Ariane sah ihn wenig begeistert an. »Muss das am frühen Morgen sein?«, stöhnte sie leise.

Gæybriels Lächeln beinhaltete wenig Mitleid. »Es ist bereits fast Mittag und es gibt viel zu tun.«

Sie nickte, auch wenn ihre Zustimmung sich auf nichts Bestimmtes bezog. »Und wie soll das ablaufen? Ich hoffe, du hast nicht vor, dich als Krankenschwester zu versuchen und mir mit irgendwelchen Nadeln zu Leibe zu rücken. Da schneide ich mir lieber die Pulsadern auf.«

»Du hast doch nicht etwa Angst vor Injektionen?« Gæybriel grinste.

Ariane warf ihm einen vernichtenden Blick zu. »Wenn Laien an meine Adern heranwollen, dann schon.«

Er grinste noch immer. »Ich kann dich beruhigen. Es ist nicht so schlimm, wie du denkst. Die Pistolen für Injektionen und zur Blutentnahme sind in gewisser Weise intelligent und die Schmerzentwicklung hält sich auch in Grenzen. Ich bin sogar so nett, mit gutem Beispiel voranzugehen.«

Ariane sah ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue an. »Was wohl nicht häufig vorkommt, oder wie soll ich dieses selbstlose Verhalten sonst deuten?«, fragte sie sarkastisch.

Gæybriel kommentierte ihre Bemerkung nur mit einem weiteren breiten Grinsen. »So ungefähr.« Er nahm eine der Apparaturen vom Tisch, die Ähnlichkeit mit einer Injektionspistole aufwies. Aus einem durchsichtigen Beutel entnahm er einen in Plastik eingeschweißten Aufsatz, den er nach Entfernung der Verpackung auf den Lauf schraubte. Danach füllte er in einen gläsernen Behälter, der nicht mehr als hundert Milliliter fassen konnte, den durchsichtigen Inhalt eines Fläschchens.

»Was ist das?«, wollte Ariane wissen.

»Gerinnungshemmendes Mittel.« Er verschloss das Behältnis und brachte es an der Pistole an.

»Meinst du nicht, dass dieses Zeug Auswirkungen auf die Wirksamkeit gegen die Suvara haben könnte?«

Gæybriel zuckte die Schultern und drückte zwei Knöpfe auf der Oberseite der Injektionspistole. Eine dunkelblaue LED leuchtete auf. »Wir werden es herausfinden.« Er führte die Pistole an seine linke Armbeuge heran und ließ die Spitze des Laufs über seine Haut wandern.

Ariane sah mit gerunzelter Stirn zu und fragte sich, worin die Intelligenz dieses Geräts bestehen sollte.

Obwohl Gæybriel nicht zu ihr aufgesehen hatte, beantwortete er ihre unausgesprochene Frage. »In diesen Geräten ist ein Scanner integriert, der brauchbare Blutgefäße aufspürt und den bestmöglichen Punkt für eine Injektion oder Blutentnahme bestimmt.« Die Injektionspistole gab einen langgezogenen hohen Ton von sich. »Ist eigentlich nicht die bevorzugte Methode zur Entnahme von größeren Blutmengen«, sagte Gæybriel, bevor er den Knopf drückte, auf dem sein Zeigefinger bereits die ganze Zeit über geruht hatte.

Am Lauf wurden vier kurze metallische Vorrichtungen ausgefahren, die sich auf Gæybriels Haut setzten und sich festzusaugen schienen. Er zuckte nur kurz zusammen, als das leise Geräusch von durchstochener Haut erklang. Kurz darauf begann sich das Gefäß mit dunkelrotem Blut zu füllen, das sich mit dem Gerinnungshemmer vermischte. Als das Gefäß komplett gefüllt war, lösten sich automatisch die Stabilisatoren und Gæybriel zog die Pistole zurück. An der Stelle, wo er gestochen worden war, war nur eine minimale Irritation zu sehen, die einem flüchtigen Blick verborgen bleiben würde.

Gæybriel löste das Gefäß, schüttelte es, um die Mischung mit dem gerinnungshemmenden Stoff zu verbessern und blickte einen Moment lang kritisch und dann selbstzufrieden auf das Gemisch. Er lächelte Ariane an. »Du bist dran.«

Nachdem sie ihrer Verpflichtung zum Aderlass nachgekommen war, zog sich Ariane in eine kleinere Scheune zurück, die bis auf ein paar halb verrostete Futtertröge leer stand. Sie hatte die Kiste mit den beiden Pistolen und die Munition mitgenommen, ihre Sigs steckten in dem taktischen Holster, das sie zum ersten Mal seit dem Verlassen ihrer Welt trug. Nachdem sie sich an das Schwert auf ihrem Rücken gewöhnt hatte, war das Gewicht der beiden Pistolen schon beinahe unangenehm.

Sie öffnete die Kiste und nahm die beiden Pistolen mitsamt der Schaumstoffunterlage heraus. Sie begutachtete eine Patrone nochmals genau im Tageslicht, doch wieder konnte sie keine nennenswerten Unterschiede feststellen. Auch wenn ein praktischer Test nicht ganz ungefährlich war, blieb ihr trotzdem keine andere Möglichkeit, um herauszufinden, ob sie tatsächlich mit ihren Pistolen kompatibel waren.

Zumindest beim Laden des Magazins ergaben sich keinerlei Probleme, doch das war noch der harmlose Teil. Die Verwendung der fremden Patronen konnte beim Abfeuern zu allen möglichen unerwarteten Reaktionen führen. Im schlimmsten Fall würde das fremde Geschoss eine schon fast explosionsartige Zerstörung ihrer Pistole bewirken, was zu mehr oder weniger ernsten Verletzungen führen konnte.

Die Wände der Scheune waren zum Großteil aus massivem Stein gemauert, der eine Kugel ohne Schwierigkeiten abfangen würde. Als sie das Magazin einrasten ließ und die Waffe hob, spürte sie deutlich ein unangenehmes Gefühl im Magen: ein Schwanken zwischen Gewissheit und Ungewissheit, die Mischung aus Angst und gespannter Erwartung.

Es kostete sie Überwindung, den Abzug zu betätigen. Der Schuss knallte und hallte an den Wänden wider. Sie zuckte zusammen, obwohl nichts Ungewöhnliches geschah. Das Projektil schlug mit einem dumpfen Geräusch in die Steinwand ein und Steinsplitter spritzten in alle Richtungen davon.

Einen Moment lang stand sie regungslos da, dann senkte sie die Waffe und entspannte sich ein wenig. Die Patronen aus Gæybriels Welt schienen tatsächlich mit den Pistolen von der Erde kompatibel, doch noch musste sie einen Zufall ausschließen. Dieses Mal hob sie die Pistole entschlossener und feuerte das gesamte Magazin auf die Wand leer. Feiner Steinstaub begann sich in der Luft zu verteilen.

Mit einem zufriedenen Lächeln senkte sie die Waffe und schob sie in das Holster zurück. Jetzt musste Eldred es nur noch schaffen, die Patronen mit einer hauchdünnen Schicht Ador zu überziehen, die auf die Funktionsweise der Waffen keinen Einfluss hatte. Das würde ihr zumindest einen kleinen Vorteil gegenüber Alvarūn verschaffen.

Ariane hörte Schritte hinter sich und drehte sich um.

Sarakin hatte die Scheune betreten und kam auf sie zu. »War dein Experiment erfolgreich?«

Sie antwortete mit einem Nicken und ging neben der Kiste in die Hocke. Sie hatte drei leere Betäubungsgeschosse mitgenommen, um sie ebenfalls zu testen und drückte sie in das leere Magazin der Pistole. »Wie geht es bei den anderen voran?«

»Gæybriel und Darlana füllen die Betäubungsgeschosse mit Blut. Eldred ist mit ersten Versuchen beschäftigt. Mit der Munition für diese Multifunktionsgewehre gibt es aber Probleme. Nayra und Skonar arbeiten gemeinsam an einer Lösung für in Glas eingeschlossenes Licht, bisher aber ohne nennenswerten Erfolg.« Er zuckte die Schultern. Es war zu erwarten gewesen, dass sie auf dieses magische Hilfsmittel würden verzichten müssen.

»Hat Nayra irgendeine Idee, was die Krieger Caldirs betrifft?«, fragte sie im Aufstehen.

»Nein. Ihre magischen Fähigkeiten sind hauptsächlich allgemeiner Natur und nur sehr schwach ausgeprägt. Sie hat zwar ein breit gefächertes Wissen, auch von Skonar vollkommen fremden Gebieten, aber bisher ist ihr nichts eingefallen, das uns weiterhelfen könnte.« Er sah ihr dabei zu, wie sie erneut Stellung bezog, zielte und feuerte. Bei jedem Schuss zuckte er unwillkürlich zusammen.

Ariane musste lächeln, als sie seinen misstrauischen Blick sah. Es war das erste Mal, dass Sarakin Zeuge des Einsatzes dieser Art von Waffen wurde. Für ihn mussten sie wie Hexerei wirken. »Sieht ganz so aus, als hätten wir vier funktionsfähige Pistolen, die wir mit etwas Glück gegen die Soldaten und die Suvara benutzen können.«

Er nickte nur. Sein zweifelnder Blick folgte der Pistole, die sie jetzt ungeladen in das Holster zurückschob. Gæybriel hatte ihm an diesem Morgen bereits in einem Crash-Kurs die Funktionsweisen einiger Waffen erklärt und wie sie sie möglicherweise einsetzen konnten. Trotzdem waren es vollkommen fremde Objekte für ihn, denen er offensichtlich nicht traute.

Sie beobachtete ihn eine weitere Sekunde lang, bevor sie sagte: »Ich brauche im Grunde nur ein Paar, wir haben also zwei Pistolen übrig. Wenn du willst, kann ich dir beibringen, wie man damit umgeht.«

Sarakin schüttelte sofort den Kopf. »Ich denke nicht.«

»Wieso nicht?«, fragte sie lächelnd. »Dann würde ich endlich einmal dir etwas beibringen können, nicht umgekehrt.«

Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch dann überlegte er es sich offensichtlich anders. »Ich bleibe meinem Schwert treu«, erwiderte er mit einem sanften Heben der Mundwinkel. »Trotzdem weiß ich dein Angebot zu schätzen.«

Ariane warf ihm einen Blick zu, der ihre plötzlich aufwallende Enttäuschung nicht völlig verbergen konnte. »Wie du willst.«

»Es wäre natürlich von Vorteil, wenn außer dir und Gæybriel noch andere mit diesen Waffen umgehen könnten. Zwar werden wir für diese Lehrstunden vor Izmarith keine Zeit mehr haben, aber danach könntest du jemand anderen im Umgang mit den Pistolen unterrichten. Darlana oder Æyda zum Beispiel«, schlug Sarakin vor.

»Den beiden bin ich aber nichts schuldig«, erwiderte sie.

»Du weißt, dass du mir nichts schuldig bist.«

Sie trat auf ihn zu. »So habe ich das auch nicht gemeint. Eher im Sinne von revanchieren.« Ariane blieb keinen Meter von ihm entfernt stehen.

Er reagierte mit einem Lächeln und der Andeutung eines Nickens. »Es geht dir also nur darum, mich zu quälen.«

Ariane legte den Kopf schräg und sah zu ihm auf. »Möglicherweise. Wenn es um die Rückzahlung dieser Art von Torturen geht, stehst du zumindest ganz oben auf meiner Liste.«

Sein Lächeln verbreiterte sich zu einem leichten Grinsen. »Nicht alle Stufen deiner Ausbildung waren nur Schikanen.«

Sie wandte kurz den Blick ab, tat so, als müsste sie darüber nachdenken. Dann sah sie wieder zu ihm auf und blieb an seinen Augen hängen. »Da muss ich dir wohl zustimmen. Doch gerade deshalb wärst du meine erste Wahl.«

Sarakin sah sie abschätzend an, lächelte aber noch immer. Ariane konnte ihm ansehen, dass er eine Ahnung hatte, wohin dieses Gespräch führte. Doch er änderte nicht die Richtung. »Du widersprichst dir selbst«, kommentierte er sanft.

»Nein. Ich ziehe dich Æyda und Darlana vor, weil ich mich, was die Schikanen angeht, gerne an dir rächen würde.« Sie zögerte nur einen kurzen Moment lang, bevor sie sich ihm noch ein kleines Stück weit näherte, doch nur wenige Zentimeter. »Und ich bevorzuge dich, weil ein sehr willkommenes Finale am Ende der Ausbildung stehen könnte.«

»Du begehrst eine weitere Auseinandersetzung?«

Sie wussten beide, was er meinte.

Ihre Stimme senkte sich zu einem Flüstern herab. »Begehre und verlange sie … Und sie würde mir mehr Freude und Befriedigung bereiten, als dich wochenlang zu quälen.«

»Dafür würdest du dir mehrere Wochen Ärger aufhalsen?«, entgegnete Sarakin leise und mit einem ungewöhnlichen Beben in der Stimme.

»Vielleicht sogar nur deshalb …« Ariane konnte ihr Verlangen nach ihm körperlich spüren. In Sarakins Augen war deutlich zu lesen, dass es ihm nicht anders erging, doch auch eine Spur von Zweifel und hart erkämpfter Beherrschung lagen in seinem Blick. Er schien eben in diesem Augenblick einen inneren Kampf auszutragen. Einen Kampf, den er verlieren würde, wenn sie nur noch einen Schritt auf ihn zumachte und ihn spüren ließ, wie sehr sie ihn begehrte.

Dazu kam es nicht. Noch bevor sie die letzten Zentimeter Distanz zwischen ihnen überwinden konnte, wurden sie von einem Räuspern unterbrochen. Wie zwei Kinder, die bei etwas Verbotenem erwischt worden waren, machten beide fast gleichzeitig einen Schritt zurück und wandten sich voneinander ab.

Ariane drehte sich zu der Alvarūn um, die in der offenen Tür der Scheune stand und sie beide mit einem leicht amüsierten Ausdruck in den Augen musterte. Sie war der Frau noch nie zuvor begegnet. Ihre hellgrauen Haare waren nur noch von wenigen braunen Strähnen durchzogen und das Alter hatte erste Falten in ihre Haut gegraben. Ariane schätzte sie auf etwa sechshundert Jahre, trotzdem ließ ihr Körperbau auf einen gepflegten Umgang und Training schließen.

Die Frau nickte Sarakin mit einem neutralen Lächeln zu, gerade so, als wäre ihr die mehr oder weniger eindeutige Situation entgangen, in die sie hineingeplatzt war. Er erwiderte stumm ihren Gruß, auch wenn er leicht benommen wirkte. Anschließend wandte sich die Alvarūn mit einem offenen Lächeln Ariane zu. »Wenn ich mich nicht irre, müsstest du Ariane sein, nicht wahr?«

Sie nickte stumm und spürte, wie ihr unter dem Blick der anderen das Blut in die Wangen schoss. Wie schaffte es Sarakin nur, in dieser Situation so vollkommen ruhig und fast unbeteiligt zu bleiben? Was hätte sie in diesem Moment für seine Selbstbeherrschung gegeben. Was auch immer die Alvarūn zuvor mitbekommen hatte, ihre Reaktion würde keine Zweifel mehr lassen.

Die alte Alvarūn warf dem ehemaligen Kommandanten der Garde einen kurzen Seitenblick zu. Sie schien irgendeine Reaktion von ihm zu erwarten, doch er reagierte nicht. Es schien fast so, als hätte er bis jetzt ihr plötzliches Auftauchen noch gar nicht realisiert oder wäre in Gedanken mit etwas völlig anderem beschäftigt.

»Ich bin Mariell«, stellte sich die ehemalige Ausbilderin der Garde selbst vor. »Vermutlich hast du schon von mir gehört und wir können auf die ausführliche Version einer Vorstellung verzichten.«

Zuerst bekam sie wieder nur ein stummes Nicken zustande. Ariane musste sich zusammenreißen, um endlich etwas zu sagen. »Ja, ich weiß, wer Ihr seid.«

Mariell lächelte noch immer. »Auf eine förmliche Anrede lege ich keinen Wert.« Sie legte den Kopf leicht schräg. »Ich bin im Auftrag von Prinzessin Maynara hier. Sie ist auf der Suche nach dir und sagte, es sei wichtig.«

Die freundliche und lockere Art Mariells half Ariane, ihre Fassung zurückzugewinnen. »Hat sie angedeutet, worum es geht?«

Mariell zuckte die Schultern und deutete ein Kopfschütteln an.

»Ich bin unterwegs.« Ariane nickte ihr zu und sammelte die Kiste mit den Pistolen und der Munition ein. Als sie sich wieder aus der Hocke erhob, befand sich Mariell bereits auf dem Weg zum Herrenhaus. Sie hatte nicht einmal gehört, wie sie die Scheune verlassen hatte.

Sarakin stand noch immer an derselben Stelle und beobachtete sie schweigend. Die zuvor zwischen ihnen herrschende Atmosphäre war durch Mariells plötzliches Auftauchen zerstört, doch ihr entging das sanfte Zucken seiner Mundwinkel nicht. Er wirkte auf seltsame Art und Weise verunsichert.

Ariane schenkte ihm nur ein kurzes neutrales Nicken, bevor sie an ihm vorbei nach draußen ging. Sie spürte seinen Blick im Rücken, als sie Mariell in Richtung Herrenhaus folgte, und es kostete sie ihre ganze Beherrschung, sich nicht nach ihm umzudrehen. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. Irgendwie stimmte es sie zufrieden, dass sie seine sonst perfekte Selbstbeherrschung so leicht ins Wanken gebracht hatte.

Wenn sie sich zu ihm umgedreht hätte, hätte sie gesehen, dass er ebenfalls lächelte, wenn auch nicht so zufrieden wie sie. Sarakin blickte ihr nach, hin- und hergerissen zwischen den unterschiedlichsten Gefühlen. Er bekam nur langsam wieder den Kopf frei. Ariane hatte es mit Leichtigkeit geschafft, einige seiner selbst aufgestellten Regeln gefährlich ins Wanken zu bringen. Wusste sie, was sie tat, was sie wollte? Offensichtlich schon.

Die viel wichtigere Frage war allerdings: Sollte er sich darauf einlassen?

4

Am Abend stand fest, dass Eldred noch einen weiteren Tag benötigen würde, um die Arbeiten an den Projektilen abzuschließen. Er hatte inzwischen ein erfolgreiches Verfahren entwickelt, um die Munition des Scharfschützengewehrs und der halbautomatischen Pistolen mit Ador zu überziehen. Die Multifunktionsgewehre versagten mit der modifizierten Munition ihren Dienst. Noch waren nicht alle Betäubungsgeschosse mit Blut gefüllt.

Nach dem Abendessen trafen Sarakin, Maynara, Gæybriel, Skonar, Mariell, Æyda, Ariane und zwei ehemalige Gardisten zusammen, um einen Plan für ihren Angriff auf Izmarith und den Diebstahl von Ador auszuarbeiten. Die halbe Nacht diskutierten sie verschiedene Möglichkeiten, Gæybriel zeigte mögliche Optionen auf, die ihnen durch die Waffen und die Ausrüstung aus seiner Welt offenstanden.

Als die grobe Planung stand, gingen sie in den frühen Morgenstunden auseinander. Den Feinschliff erhielten ihre Pläne in der nächsten Besprechung, die sich über den späten Morgen und die Mittagsstunden hinzog. Danach informierten sie ihre Verbündeten, die an dem Angriff auf Izmarith beteiligt sein würden und wiesen ihnen entsprechend Aufgaben zu.

Sarakin, Æyda, Ariane, Skonar und Gæybriel würden die Vorhut bilden und durch den geheimen Eingang in den Bergen durch die Tunnel bis nach Izmarith vordringen. Aike, der Trankmischer, der inzwischen zum Widerstand gehörte, hatte mit Nayra zusammen genügend von dem Gebräu hergestellt, das sie vor den Baruk verbergen würde. Sie würden sich gefahrlos durch die Minen bewegen können.

Sie würden die aktuelle Lage in Izmarith erkunden und dementsprechend ihre weitere Vorgehensweise abstimmen. Die Kommunikatoren hatten sie in Gæybriels Welt verloren, als die Gwenifer getroffen worden war. Skonar und Nayra hatten deshalb die letzten beiden Tage miteinander trainiert, um sich auf magischem Weg verständigen zu können. Um einen Kampf würden sie nicht herumkommen, doch die Aufklärung würde ihnen helfen, ihren Angriff besser zu koordinieren und den aktuellen Umständen in Izmarith schon im Vorfeld anzupassen.

Ariane traf sich nach der Besprechung auf seine Bitte hin mit Gæybriel in der Eingangshalle des Herrenhauses. Er hatte das Scharfschützengewehr geschultert und ein selbst für ihre Begriffe futuristisches Fernglas hing um seinen Hals.

Schweigend verließen sie das Gutsgelände und stiegen den sanft ansteigenden Hügel hinauf, bis sie gut einen Kilometer zwischen sich und die Gebäude gebracht hatten. Es war bereits früher Abend und besonders kalt. Den halben Tag über hatte es geschneit und eine dünne Schneedecke hatte die Landschaft in ein gleichmäßiges Weiß getaucht.

Gæybriel blieb stehen und sah sich um, bevor er das Fernglas an die Augen hob. Als er ein paar Einstellungen vornahm, war ein leises, kaum wahrnehmbares Surren zu hören. Er senkte es wieder, ließ den Gewehrgurt von seiner Schulter gleiten und hielt Ariane das Gewehr auffordernd hin.

»Wieso machst du nicht den Anfang? Du kannst mit dieser Waffe mit Sicherheit besser umgehen als ich.« Sie sah ihn überrascht und mit gerunzelter Stirn an.

Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Kleine Atemwolken stiegen auf, als er antwortete: »Ich habe es schon ausprobiert, aber ich bin nicht ruhig genug dafür. Meine Trefferquote tendiert trotz der ganzen Assistenzsysteme gegen Null.«

Ariane zögerte kurz. Sie war davon ausgegangen, dass Gæybriel eine derartige Waffe mitgenommen hatte, weil er damit umgehen konnte, doch offensichtlich war das nicht der Fall. Unbestimmter Widerwillen regte sich in ihr, dennoch nahm sie das Gewehr entgegen.

Gæybriel erklärte ihr kurz die Handhabung. Sie unterschied sich kaum von dem eines Scharfschützengewehrs von der Erde, wenn man von der Unterstützung durch hochentwickelte Technik absah, die einen einigermaßen versierten Schützen dennoch nicht ersetzen konnte. Er deutete auf das von ihrer Position aus gesehen links gelegene Gesindehaus. »Etwa fünfzig Meter weiter, in der Nähe des Zauns, habe ich eine improvisierte Zielscheibe aufgestellt.«

Ariane konnte die Zielscheibe mit bloßem Auge nicht erkennen. Sie zögerte einen weiteren Moment, bevor sie sich im Schnee in Position brachte und das Gewehr anlegte. Als sie durch das Zielfernrohr blickte, und die Gebäude nah und scharf vor ihr auftauchten, zuckte sie unwillkürlich zusammen.

Einen kurzen Moment lang befand sie sich an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Es war lange her, dass sie eine solche Waffe in Händen gehalten hatte. Ihr Körper hatte noch lange nicht vergessen, wie es sich angefühlt hatte und reagierte instinktiv. Ihr Herzschlag beruhigte sich, die Geräusche um sie herum wurden ausgeblendet und es senkte sich eine unnatürliche Stille über ihre Umgebung.

Sie ging auf die Suche nach der Zielscheibe und fand sie. Der Druck auf einen der Knöpfe stellte das Ziel im Sucher scharf. Gæybriel hatte eine dünne verbogene Metallplatte umfunktioniert, die vermutlich einmal zu einem Tisch gehört hatte, und hatte einen roten Punkt mit wenigen Zentimetern Durchmesser darauf gemalt.

Ariane wartete aus reiner Gewohnheit, obwohl sie es nicht mit einem lebenden Objekt zu tun hatte. Der Abzug war leichtgängig, hatte aber mehr Spielraum als die der Multifunktionsgewehre der Zob. Ein sanfter, kaum wahrnehmbarer Ruck durchlief das Gewehr. Der Schuss war lautlos, nur ein kurzes Sirren erklang. Noch durch den Sucher konnte sie sehen, wie das Geschoss die Metallplatte erreichte und innerhalb des roten Punkts durchschlug.

Sie senkte das Gewehr und sah zu Gæybriel auf, der neben ihr stand und in diesem Moment das Fernglas senkte. Erstaunen und Anerkennung lagen in seinem Blick. »Du tust das nicht zum ersten Mal«, meinte er schließlich fragend.

Ariane schüttelte den Kopf.

»Wie und wann hast du das gelernt? Du warst in deiner Welt beim Militär, nicht wahr?«, wollte Gæybriel wissen.

Sie stieß ein kurzes Lachen aus, das in ihren Ohren nervös klang. Sie wusste nicht, was sie auf diese Frage antworten sollte. »Ja und Nein. Belassen wir es dabei.«

Gæybriel nickte langsam, ließ das Thema dennoch nicht fallen. »Gab es viel Krieg in deiner Welt? Ich weiß immer noch nicht, wo du überhaupt herkommst.«

Sie überlegte kurz. Es gab keinen Grund, warum sie aus ihrer Herkunft noch länger ein Geheimnis machen sollte. »Die Welt, aus der ich stamme, wird Erde genannt. Es ist nicht mehr als ein von Menschen bewohnter Planet in einem Sonnensystem.« Als sie seinen fragenden Blick sah, zuckte sie die Schultern. Es war sinnlos zu versuchen, ihm ihre Welt zu erklären.

»Und wieso hast du den Umgang mit einem Scharfschützengewehr gelernt?«, hakte Gæybriel nach.

Zuerst war sie versucht, ihm nicht zu antworten, während sie sich darauf konzentrierte, die an die Oberfläche drängenden Erinnerungen im dunklen Abyss zu halten. »Hunderte Länder, Hunderte Regierungen, Hunderte verschiedene Interessen. Jede Menge Krieg.«

Gæybriel konnte seine Neugier nur schwer in Schach halten, doch glücklicherweise ließ er es dabei bewenden.

Ariane probierte die unterschiedlichen Einstellungen des Gewehrs, veränderte die Sichtweite und schwenkte im Gelände umher, um sich mit den verschiedenen unterstützenden Funktionen vertraut zu machen. Sie entdeckte nicht mehr als verschneite Hügel und ein paar Tierspuren im Schnee. Sie kehrte schließlich zum Gutsgelände zurück, um die unterschiedlichen Zoomfunktionen zu testen.

Dabei kamen zwei Personen in ihr Blickfeld, die sich am Rande des Geländes aufhielten. Obwohl sie der Kälte entsprechend dick angezogen waren, konnte sie durch das Fernzielrohr Nayra und Sarakin erkennen, die sich unterhielten. Vielmehr sah es wie eine heftige Diskussion, wenn nicht sogar nach einem Streit aus.

Sie sah kurz auf. Obwohl sie sich auf den richtigen Punkt konzentrierte, konnte sie mit bloßem Auge nur zwei dunkle Schatten erkennen, die sich vom Schnee abhoben. Sie blickte wieder durch den Sucher und beobachtete die beiden einen Moment lang. Worum mochte es bei dem Streit gehen? Nayra war um einiges ruhiger und gefasster als Sarakin, der wütend und eindeutig ablehnend auf das reagierte, was auch immer die ältere Frau sagte.

Schließlich resignierte er, recht schnell, wie sie fand, auch wenn sie natürlich nicht wusste, wie lange die beiden nun schon miteinander stritten. Sarakin entfernte sich schließlich und ließ Nayra zurück, die ihm schon fast wehmütig nachsah.

Ariane senkte das Gewehr und blickte einen Moment lang nachdenklich auf die entfernten Gebäude hinunter. Sie hatte inzwischen erfahren, dass Nayra die Geliebte des Königs gewesen war, ein Geheimnis, das Sarakin jahrzehntelang bewahrt hatte. Trotzdem hatte sie die Beziehung zwischen Nayra und Sarakin noch immer nicht durchschaut. Irgendetwas schien zwischen ihnen zu stehen, etwas Unausgesprochenes, von dem nur sie beide wussten. War es bei diesem Streit darum gegangen?

Gæybriel riss sie aus ihren Gedanken. »Es wird bald dunkel. Wir sollten zurückgehen. Du solltest das Gewehr morgen mitnehmen, vielleicht können wir es in Izmarith gebrauchen.«

Ariane erhob sich, schulterte das Gewehr und klopfte sich den Schnee von der Jacke und der Hose. »Ja, das ist eine gute Idee …« Ihr versagte beinahe die Stimme.

Ihre Beobachtung hatte sie kurzzeitig von den wach gerüttelten Erinnerungen abgelenkt, die dafür jetzt umso heftiger an den Barrieren kratzten. Gæybriels Fragen hatten einen unangenehmen Teil ihrer Vergangenheit an die Oberfläche zurückgeholt, der nicht spurlos an ihr vorüberziehen würde. Sie spürte, dass ihre Dämonen hinterrücks und erfolgreich eine Bresche in ihre Abwehr geschlagen hatten.

Der Gesetzlose beobachtete sie mit einem Blick, der verriet, dass ihm ihre veränderte Stimmung nicht entging. Für ihn musste offensichtlich sein, dass ihre Reaktion mit dem Gewehr zu tun hatte. Ariane wandte sich von ihm ab und riss sich zusammen. Sie war dankbar, dass er seine Neugier im Zaum hielt. In ihrem Inneren zog in diesen Momenten ein Sturm auf, der von weiteren Fragen nur angeheizt werden würde.

Sie kehrten schweigend auf das Gut zurück. Ariane brachte das Gewehr in ihr Zimmer, wo sie es an ihre bereits gepackten Satteltaschen lehnte und noch hundert Schuss Munition von Gæybriel entgegennahm. Fünfzig Patronen waren mit Ador überzogen. Er gab ihr außerdem noch zwei mit Klettverschlüssen zu befestigende Manschetten, in denen sie jeweils zehn der Projektile griffbereit verstauen und die sie je nach Wunsch an Armen oder Beinen befestigen konnte.

Außerdem ließ sie sich eine zweite Taschenlampe von ihm aushändigen, die UV-Licht erzeugte. Sie würde sie mit Klebeband so am Gewehrlauf befestigen, dass sie sie ohne Schwierigkeiten jederzeit an- und ausschalten konnte. Eine ähnliche Vorrichtung hatte sie bereits an einer ihrer Pistolen installiert. Ob künstliches Sonnenlicht gegen die Suvara etwas ausrichten konnte, würde sich erst noch herausstellen müssen.

Schon am nächsten Morgen würden sie als Mitglieder der Vorhut gen Norden aufbrechen. Dieses Mal würden sie auf die beschwerliche Reise besser vorbereitet sein. Sarakin war überzeugt, einen sicheren Weg durch die Minen zu kennen. Trotzdem fühlte sie sich bei dem Gedanken an die Reise über den Pass und anschließend durch die Tunnel nach Izmarith in ständiger Gegenwart der Baruk nicht sonderlich wohl.

Gemeinsam mit Gæybriel ging sie in den Speisesaal hinunter und setzte sich zu den anderen an den Tisch in der Nische. Die Gespräche schienen ihre morgige Abreise und den bevorstehenden Angriff auf Izmarith absichtlich zu meiden. Sarakin wirkte ungewöhnlich still und in sich gekehrt. Ariane fragte sich, ob seine Stimmung mit dem Streit mit Nayra zu tun hatte, den sie beobachtet hatte. Die Gesellschaft löste sich langsam auf, nachdem sie vereinbart hatten, am Vormittag aufzubrechen und sich nach dem Frühstück bei den Stallungen zu treffen.

Æyda und Darlana mischten sich wie jeden Abend unter die anderen Widerständler. Ariane hätte früh zu Bett gehen und sich vor dem Aufbruch in den hohen Norden noch etwas ausschlafen können, fand aber keine Ruhe. Nachdem sie nochmals den Inhalt ihrer Satteltaschen überprüft hatte, verließ sie deshalb das Zimmer und streifte ohne bestimmtes Ziel durch die oberen Stockwerke.

Die Korridore lagen verlassen dar und es war kühl in den Fluren. Die wenigsten Türen waren verschlossen, was trotzdem nicht bedeuten musste, dass noch niemand zu Bett gegangen war. Durch die offenen Türen konnte sie die behelfsmäßig eingerichteten, leeren Lager derjenigen sehen, für die es kein Bett mehr gegeben hatte.

Im oberen Stockwerk war es noch kälter als im Rest des Hauses. Hier oben waren bisher keine Quartiere eingerichtet worden, da das ganze Geschoss in große Räume aufgeteilt war, die nur schwer und mit hohem Verbrauch an Verbrennungsmaterial zu heizen waren. Die Türen, die rechts und links zum Korridor lagen, führten in Gesellschaftsräume, die weitestgehend leer standen. Die zurückgelassenen Möbel gaben Aufschluss darüber, dass die Zimmer allein den Damen und Herren der Familie vorbehalten gewesen sein mussten.

Am Ende des Flurs lag ein Salon, einer der wenigen Räume, in denen es einen gemauerten Kamin gab. Da durch die großen dünnen und schlecht isolierten Fenster viel zu viel Wärme entwich, kam eine Beheizung dieses Raums noch nicht in Frage. Dafür bot der Salon eine fantastische Aussicht über die gesamte Ebene und die umliegenden Hügel. Hier war man sicher ungestört und konnte einsam seinen Gedanken nachhängen. Man durfte nur nicht die Kälte scheuen. Es war genau die Art Zimmer, die sie jetzt brauchte.

Gerade in dem Moment, als sie die Tür öffnete, fiel ihr der sanfte Geruch nach verbranntem Holz und der dämmrig, flackernde Lichtschein auf, der durch die Ritze zwischen Tür und Boden nach draußen gefallen war. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass jemand anderes hier Zuflucht in der Einsamkeit gesucht haben könnte, doch es gab kein Zurück mehr.

Im Kamin brannte leise prasselnd ein Feuer, das flackernde Schatten auf die kahlen Wände warf. Das breite Sofa, ein alter Sessel und ein rostiger Beistelltisch, die einzigen noch vorhandenen Möbelstücke, waren nahe an den Kamin gerückt worden. Auf dem Tisch stand eine große Glaskaraffe, die fast noch komplett mit Rotwein gefüllt war.

Sarakin lag auf dem Sofa, den Kopf auf eine zusammengelegte Decke gebettet. Er hatte reglos ins Feuer gestarrt. Das Geräusch der sich öffnenden Tür ließ ihn den Kopf drehen. Schweigend sah er sie an, zeigte aber ansonsten keine Reaktion auf ihr Erscheinen. Es war offensichtlich, dass er sich hierher zurückgezogen hatte, um allein zu sein. Ariane zögerte nur kurz, bevor sie ihm einen entschuldigenden Blick zuwarf und die Tür zu schließen begann.

»Du kannst bleiben, wenn du willst.« Sarakins Stimme klang seltsam entfernt.

Ariane erwiderte seinen Blick, der mehr als nur nachdenklich wirkte. Eine ihr nur allzu bekannte Dunkelheit lag in seinen Augen. »Bist du sicher? Du wolltest allein sein …«

Sarakin nickte. »Du doch auch.«

Sie zögerte einen weiteren Moment, bevor sie ins Zimmer trat und die Tür hinter sich schloss. Als sie sich neben Sarakin in den Sessel setzte, hatte er sich bereits wieder dem Feuer zugewandt und nippte an einem aus Holz geschnitzten Becher. Ariane konnte seine Stimmung nicht richtig fassen und sie fragte sich, was diese seltsame Nachdenklichkeit ausgelöst hatte.

Sarakin beachtete sie nicht und schien ihrem Blick absichtlich auszuweichen, als er sich nachschenkte und ihr lediglich mit einer Geste von dem Wein anbot.