7,49 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 7,49 €
Maynaras Vater, der König Azariels, wird vergiftet. Obwohl sie unschuldig ist, deuten alle Hinweise auf die Prinzessin als Initiatorin des Attentats. Nur knapp gelingt ihr die Flucht aus den Kerkern, die sie in eine andere Welt führt: Die Verbotene Zone, auch Erde genannt. Glücklicherweise trifft sie dort auf Ariane, einen Menschen, dem sie notgedrungen ihr Leben anvertraut. Eingeholt von ihrer Vergangenheit gerät deren Leben gerade völlig aus den Fugen. Dank der seltsamen jungen Frau sitzen ihr nun nicht nur ihre eigenen Verfolger, sondern auch noch ein mächtiger Dunkelmagier und dessen Kreaturen im Nacken. Eine abenteuerliche Flucht quer durch Deutschland beginnt, mit ungewissem Ausgang ... Der Auftakt zu einem fünf Bände umspannenden, epischen Abenteuer: Königsmord vereint High mit Urban Fantasy - der Kampf um Azariel beginnt in Kiel.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
Hailey Winter
Königsmord
Die Autorin
Hailey Winter ist das Pseudonym der Thriller-Autorin Saskia Berwein. Geboren 1981, aufgewachsen in der Nähe von Frankfurt am Main, folgt sie bereits seit ihrer Jugend dem Altmeister des Horrors Stephen King, der sie einst zum Lesen und schließlich zum Schreiben brachte. Es entstanden zahlreiche Kurzgeschichten, Novellen und Romane, überwiegend beheimatet in der (dunklen) Phantastik. Nach ihrem Durchbruch im Spannungssegment erblicken nun auch diese Werke das Licht der Welt.
Mehr Infos:
www.hailey-winter.de
www.facebook.com/saskiaberweinhaileywinter
www.instagram.com/saskiaberwein_haileywinter
Hailey Winter
Königsmord
Weltenfeuer
Band 1
Fantasy-Epos
Kuneli Verlag
Originalausgabe Juni 2024
Kuneli Verlag, Forstweg 8, 63165 Mühlheim am Main
Copyright © 2024 Kuneli Verlag UG (haftungsbeschränkt)
Alle Rechte vorbehalten.
1. Auflage (Juni 2024)
Redaktion: Christoph Möbius, Janine Pavel-Hamp
Cover & Satz: Kuneli Verlag, 63165 Mühlheim am Main
Unter der Verwendung von Bildmaterial von Shutterstock.com
ISBN 978-3-948194-27-7
www.kuneli-verlag.de
1
Nur wenige Wolken zogen über den Himmel. Die beiden Monde spendeten gemeinsam mit Myriaden von Sternen düsteres Licht. Jenseits der Palastmauern lag friedlich Narima, die Hauptstadt des Reiches und der Alvarūn. Immer mehr Lichter in den Fenstern erloschen, so dass die Häuser und Hütten nur noch schemenhaft zu erkennen waren. In weniger als einer Stunde würden sich nur noch die Wachposten der Garde und die Gasthäuser von der Dunkelheit abheben.
Maynara genoss den warmen Wind, der durch ihre Kleider und ihre Haare fuhr. Die Ranken, die seit Jahrhunderten an den Türmen des Palastes emporwuchsen, raschelten leise. Die mit Dornen besetzten Gewächse wurden nur zurückgeschnitten, wenn sie Fenster und Türen zu überwuchern drohten und umrahmten den Balkon. Die dreifarbigen Blüten leuchteten sanft und erzeugten auf den Mauern ein unvergleichliches Licht- und Farbenspiel.
Es war eine stille und von der Natur beherrschte Nacht. Das Konzert der Grillen wurde vom Wind aus den Palastgärten bis zu Maynara hinaufgetragen. Ab und zu sah sie schemenhaft in der Dunkelheit einen Nachtfalter oder einen kleinen Vogel am Schloss vorbeiziehen. Die Stadt selbst lag ruhig und schon beinahe lautlos da.
Maynara stand gerne noch Stunden nach Sonnenuntergang auf dem Balkon und blickte auf die Stadt und die sich bis zum Horizont erstreckenden Wiesen hinab. Die Welt um sie herum schien eine tiefe Ruhe auszustrahlen, die ein Gefühl von Frieden in ihr erzeugte. Doch heute Nacht konnte sie die erhoffte Ruhe nicht finden.
Ihr Vater, König und amtierender Herrscher von Azariel, hatte noch spät nach ihrer Schwester geschickt. Sie hatte ihren Vater das letzte Mal so ernst und in sich gekehrt gesehen, als ein über Monate hinweg wütendes Feuer fast die gesamten Felder und Ernten im Südwesten zerstört hatte. Das lag allerdings bereits Jahrzehnte zurück und ihr war nichts zu Ohren gekommen, das ihren Vater erneut so sehr belasten konnte.
Sie grübelte bereits seit über einer Stunde, fand aber keine Erklärung für seine Stimmung. Auch fand Maynara keinen Grund dafür, warum er seine Sorgen nur mit ihrer älteren Schwester teilen sollte.
Ihre Schwester Jorïna würde nach dem Ableben ihres Vaters den Thron besteigen. War es eine Angelegenheit, die damit zu tun hatte? Ihr Vater erreichte bald sein siebenhundertvierzigstes Lebensjahr. Spürte er, dass er nicht mehr lange zu leben hatte? War die Zeit gekommen, Jorïna einen Teil der Verantwortung und erpflichtungen zu übertragen?
Maynara liebte ihre Schwester nicht. Misstrauen und Hass verbanden sie und Jorïna seit ihrer Kindheit. Ihrer Schwester fehlte es an Ehre, Stärke und den meisten anderen Eigenschaften, die einen Herrscher der Alvarūn ausmachen sollten. Sie war sich im Klaren darüber, dass ihr nach der Machtübernahme ihrer Schwester schwere Zeiten bevorstehen würden, denn selbst Verwandtschaft bedeutete ihrer Schwester nichts.
Maynara spürte eine Träne auf der Wange, als sie an ihre Mutter zurückdachte. Es war nunmehr dreißig Jahre her, dass man sie des Verrats beschuldigt und überführt hatte. Die Beweise waren erdrückend gewesen, aber weder Maynara noch ihr Vater hatten den Anschuldigungen geglaubt. Nur Jorïna hatte ihre Mutter für schuldig befunden und war eine treibende Kraft in dem Verfahren gewesen.
Ihr Vater war an die Gesetze des Reiches gebunden und die Jahrhunderte alten Schriften kannten nur eine Strafe für Verrat. Nur im Falle von Zweifeln konnte der König die Strafe mildern oder den Beschuldigten freisprechen. Ihr Vater hatte damals unzählige Untersuchungen und Nachforschungen eingeleitet, da er der Überzeugung gewesen war, dass sich die notwendigen Zweifel finden würden.
Doch nachdem die Garde selbst nach mehreren Wochen intensiver Prüfungen keinen einzigen brauchbaren Gegenbeweis gefunden hatte, war ihr Vater vom Hochadel und auch von einigen seiner Berater unter Druck gesetzt worden. Jorïna hatte sich auf deren Seite geschlagen und ihm immer wieder vorgehalten, wie belastend die Beweise gegen ihre Mutter waren. Letztlich war ihm kein anderer Ausweg mehr geblieben und er hatte das Todesurteil unterzeichnet.
Maynara wischte die Träne fort und sah auf die silbrig schimmernde Flüssigkeit hinab, die über ihr Handgelenk rann. Noch heute war sie fest davon überzeugt, dass irgendjemand die Intrige gegen ihre Mutter gesponnen hatte, um sie aus dem Weg zu räumen. Wer auch immer dahinter steckte, derjenige hatte Erfolg gehabt.
Welche Rolle Jorïna dabei gespielt hatte, hatte Maynara nie in Erfahrung bringen können. Obwohl sie sich immer wieder in Erinnerung rief, dass ihre Abneigung gegen ihre Schwester sie zu voreiligen Schlüssen trieb, war sie noch immer davon überzeugt, dass Jorïna an den Vorfällen nicht unschuldig war.
Die Gründe blieben ihr allerdings nach wie vor verschlossen, denn vom Tod ihrer Mutter hatte Jorïna in keiner Weise profitiert und die beiden Frauen hatten immer ein sehr gutes Verhältnis zueinander gehabt. Trotzdem gab es nichts, das Maynara diese Zweifel überwinden oder vergessen machen lassen konnte.
Jorïna war sich dessen ebenfalls bewusst.
2
Sie hatte sich Zeit gelassen, nachdem ihr Vater sie hatte rufen lassen. Jorïna hatte einige Vorbereitungen treffen müssen und hatte genügend Zeit darauf verwendet, sich zurecht zu machen. Das Rot ihres Kleides passte zu dem blassen Grün ihrer Augen und sie hatte passenden, aber nicht zu aufdringlichen Silberschmuck angelegt.
Zufrieden bemerkte sie die Blicke, die ihr die beiden Gardisten nachwarfen, die den Zugang zu den Gemächern ihres Vaters bewachten. Sie war sich ihrer weiblichen Vorzüge und ihrer Wirkung auf Männer nur allzu bewusst, die nicht zuletzt durch die bekannte Tatsache genährt wurde, dass sie noch ohne feste Bindung war. Selbstverständlich wäre eine ernsthafte Beziehung mit einem Nichtadeligen für sie niemals in Frage gekommen – nicht zuletzt, weil derartige Verbindungen verpönt und verboten waren – doch bedeutungslosen Verhältnissen war sie bekanntermaßen nicht abgeneigt.
Sie beobachtete den Tanz der von ihren Ohrringen reflektierten Flammen auf der Steinmauer. Ihr matt schimmerndes Haar hatte sie absichtlich so zurückgekämmt, dass ihre spitzen Ohren, die eine ganze Reihe kleiner Silberringe zierten, gut sichtbar waren. Obwohl es hier im Zentrum der Alvarūn dafür keinen Grund gab, solange Angehörige anderer Völker nicht zugegen waren – was ohnehin nur sehr selten der Fall war – unterstrich sie so ihre Zugehörigkeit zu ihrem Volk. Eine Angewohnheit aus längst vergangenen Zeiten, die einst hauptsächlich dazu gedient hatte, Alvarūn von Elfen zu unterscheiden.
Es gab sehr viele und bedeutende Unterschiede zwischen Elfen und Alvarūn. Nur ihre äußere Erscheinung war beinahe ebenbildlich mit Ausnahme der Ohren. Beide Völker wiesen die charakteristische Spitze auf, nur war sie bei den Alvarūn deutlich nach hinten und bei den Elfen nach oben geneigt. Es war die einzige, sichere Möglichkeit, die beiden Rassen äußerlich voneinander zu unterscheiden.
Die meisten anderen Völker konnten nicht zwischen Elfen und Alvarūn trennen. Diejenigen, die auch die nicht äußerlichen Unterschiede kannten, sahen Elfen in den meisten Fällen als die höher gestellte Rasse an. Viele Alvarūn versuchten deshalb in anderen Welten als Elfen durchzugehen und hielten ihre Ohren entsprechend bedeckt.
Jorïna sah darin schon beinahe Verrat an ihrem Volk. Elfen und Alvarūn waren in so vielerlei Hinsicht verschieden, dass ein Vergleich einfach nur töricht war. Beide Völker hielten nichts von den Behauptungen so genannter Gelehrter, die die Ansicht vertraten, dass sie demselben Ursprung entstammten. Elfen und Alvarūn kamen nicht miteinander aus, was weniger an einer natürlichen Abneigung als vielmehr an dem beiderseitig gelebten Überlegenheitsgefühl gegenüber dem anderen Volk lag.
Der dunkelrote Saum ihres Kleides bauschte sich hinter ihr, als Jorïna das Schreibzimmer ihres Vaters betrat. Sie passierte die Wachen, die die Tür flankierten und schritt auf den großen Schreibtisch zu, hinter dem ihr Vater saß. Die Fenster waren weit geöffnet und ließen die lauwarme Luft und den Duft der in Blüte stehenden Gärten herein.
Sie hatte den Eindruck, dass seit ihrer letzten Audienz in seinem Schreibzimmer die Anzahl der Fackeln und Kerzen noch zugenommen hatte. Das Licht, das flackernde Schatten auf die Mauern warf, tat in ihren jungen Augen schon beinahe weh. Doch bis sie vor dem ausladenden Holzschreibtisch stehen blieb, hatte sie sich auf das Licht eingestellt und empfand es nicht mehr als ganz so unangenehm.
Jorïna nahm sich einige Augenblicke, um ihren Vater zu mustern.
Der alte Alvarūn war keine stolze Erscheinung mehr. Er lag mehr in seinem schweren, mit Leder bezogenen Sessel, als dass er saß. Sein weißes Haar reichte ihm im Sitzen bis zum Po und lag teilweise über die Sessellehne drapiert. Es hatte seinen natürlichen Schimmer bereits verloren und reflektierte kaum noch Licht. Die einst wunderschöne Masse seines Haares begann bereits durchsichtig zu werden, wie es bei sehr alten Alvarūn der Fall war.
Im krassen Gegensatz dazu standen seine blauen Augen. Sie blickten ihr noch immer klar und lebendig entgegen, auch wenn der natürliche Verfall seines Körpers schon deutlich zu sehen war. Dass sein Verstand offenbar noch nicht unter dem hohen Alter litt, war eine Tatsache, die Jorïna nicht gefiel.
»Du hast mich rufen lassen, Vater?« Sie nahm keine besondere Haltung ein. In den letzten Jahren war ihr Respekt vor dem Regenten ihres Volkes und ihrem Vater beharrlich gesunken und er unternahm schon längere Zeit keine Versuche mehr, diesen fehlenden Respekt einzufordern.
Ihr Vater winkte den Wachen mit einer Anmut, die mit seiner gebrechlichen Gestalt nicht im Einklang stand. Er machte äußerlich einen alten und kranken Eindruck, aber sein Geist arbeitete uneingeschränkt und er hatte noch immer mehr Bewegungsspielraum als andere Männer seines Alters.
Die Gardisten kamen dem unausgesprochenen Befehl nach. Sie verließen das Schreibzimmer und schlossen die beiden schweren Türflügel hinter sich.
Obwohl der Sommer noch andauerte, brannte ein Feuer im Kamin und es war unangenehm warm. Das Licht der Fackeln und Kerzen furchte die Schatten im Gesicht des Königs tiefer, als Jorïna sie jemals zuvor wahrgenommen hatte. Alvarūn wurden sehr alt und in gewisser Weise trugen sie einen Hauch von Unsterblichkeit in sich. Trotzdem war ihre Lebenskraft nicht unendlich, die Lebenserwartung lag bei etwa achthundert Jahren. Spätestens in den letzten fünfzig Jahren ihres Lebens wurden auch sie mit allen sichtbaren und unsichtbaren Begleiterscheinungen des Alters geschlagen.
Rechts vom Schreibtisch, in einer ausladenden Turmnische, war eine gemütliche Sitzecke eingerichtet. In den Halbschatten zwischen dem Tisch und den mit dunkelgrünem Stoff bezogenen Sesseln stand regungslos Koronir. Er war noch jung und seit Jahrzehnten der persönliche und treue Diener des Königs. Er war der einzige, dessen Anwesenheit ihr Vater bei privaten Unterredungen duldete. Koronir verbeugte sich knapp, als Jorïna zu ihm herübersah und sich ihre Blicke für den Bruchteil einer Sekunde trafen.
»Jorïna, meine Tochter.« Dem König fiel es inzwischen schwer zu sprechen und seine Worte richtig zu betonen. Seine Lungen waren bereits angegriffen. Der Tod näherte sich stetig in kleinen Schritten. »Du weißt, dass ich heute Nachmittag den Schreiber habe rufen lassen. Ich habe die Verfügungen für den Fall meines Todes festgelegt.«
Jorïna konnte nicht verhindern, dass sich ihr gesamter Körper sofort versteifte. Sie war sich nicht sicher, ob ihr Vater ihre Reaktion wahrnahm und wie er sie deutete. Seit mehreren Jahren hatte sie auf diesen Moment gewartet und insgeheim auch gefürchtet. Würden sich ihre Wünsche bald erfüllen? Oder würden all ihre Befürchtungen Gestalt annehmen?
»Fühlst du dich schon so schwach?« Sie heuchelte Mitgefühl und Sorge. Jeder konnte leicht sehen, dass es mit ihrem Vater langsam zu Ende ging. Was sie betraf, so konnte sein Tod nicht früh genug kommen. Endlich würde sie die lang ersehnte Macht in Händen halten …
Falls er sich nicht anders entschieden hatte.
»Sprechen wir nicht davon. Wir wissen beide, wie es um meine Gesundheit steht.« Der König machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ich habe lange darüber nachgedacht, wie es nach meinem Tod weiter gehen soll. Gewisse Entscheidungen sind nicht einfach zu fällen, denn sie können niemals mehr rückgängig gemacht werden. Du weißt, wie sehr mir das Wohl unseres Volkes am Herzen liegt.«
Jorïna nickte, ohne die Verachtung zu zeigen, die sie für die genannte Eigenschaft ihres Vaters hegte. Ihm ging es immer nur um das Wohl des Volks, ob es nun der Adel oder der einfache Pöbel war. Selbst die eingewanderten Angehörigen fremder Rassen – auch wenn er selbst innerlich auf viele von ihnen herabschauen musste – zählte er zu seinem Volk und ließ ihnen jede mögliche Unterstützung zukommen.
Sicherlich war es wichtig, dass das Volk halbwegs zufrieden war, jedenfalls die Schichten, von deren Einfluss und Mittel die eigene Herrschaft bedingt abhing. Aber sie verstand noch immer nicht, warum ihr Vater so vieles auf sich genommen und so viel anderes hingenommen hatte, nur damit sein Volk glücklich und zufrieden war.
Als sie noch ein Kind gewesen war, hatte er mehr als einmal versucht, es ihr zu erklären. Seiner Ansicht nach konnte er selbst nur glücklich und zufrieden existieren, wenn es jedem Lebewesen in seinem Reich ohne besondere und unzumutbare Einschränkungen gut ging.
Jorïna teilte diese Ansicht nicht, aber genau das musste sie ihrem Vater vermitteln. Sie war aufgrund der Erbfolge zwar Thronerbin, aber sie traute ihrem Vater einige törichte Entscheidungen zu, wenn er zu der Überzeugung gelangte, dass sie keine würdige Nachfolgerin war. Sie hatte in den letzten Jahren die meisten ihrer wahren Gedanken für sich behalten und ihrem Vater das Gesicht gezeigt, das er sehen wollte. »Ich werde alle Aufgaben, die Ihr mir stellt, jeden Wunsch, den Ihr mir nennt, so treu und korrekt ausführen, wie es mir möglich ist.« Sie verneigte sich leicht, als sie diesen schon so oft gesprochenen Eid wiederholte.
Ihr Vater beobachtete sie genau, studierte jeden Zug ihres Gesichts und sah ihr einige Zeit lang in die Augen. Er schien durch sie hindurchzusehen, als wären ihre Augen offene Türen für ihn. Sie schrak innerlich zusammen, als sich sein Blick überraschend verhärtete und auf seinem Gesicht ein Ausdruck grimmiger Entschlossenheit erschien. »Genau daran habe ich Zweifel, Jorïna.«
Stumm blickte sie ihren Vater einen Moment lang an. Obwohl sie tief in ihrem Innern diese Begegnung und den sich jetzt abzeichnenden Verlauf erahnt und gefürchtet hatte, war ihre Überraschung nicht gespielt. Auch wenn sie nicht über seine Worte an sich überrascht war, sondern darüber, dass ihr Schauspiel nichts gebracht und er ihre Fassade durchschaut hatte. »Wie meinst du das?«
»Wie ich es sagte, Jorïna. Ich habe dich lange beobachtet, jeden deiner Schritte und Wege verfolgt. Du bist meine Erbin, meine älteste Tochter. Wenn ich sterbe, fällt dir alle Verantwortung zu. Die Macht, über unser Reich und unser Volk zu herrschen. Bei meinen Beobachtungen habe ich aber festgestellt, dass du nicht die Eigenschaften besitzt, die eine gute Königin auszeichnen. Das hat sich schon sehr früh in deiner Entwicklung gezeigt. Ich dachte noch vor einiger Zeit, dass ich dich formen, auf dich einwirken und dich zu einer guten Königin heranziehen könnte. Doch all meine Bemühungen sind gescheitert. Ich konnte keine Veränderungen erzielen. Du bist ungeeignet, Königin unseres Volkes zu sein. Du wärst eine Herrscherin und eine Tyrannin, aber keine Königin. Es tut mir sehr leid und sehr weh, dass ich meine älteste Tochter nicht zu dem machen kann, was sie sein sollte. Aber meine Entscheidung steht fest und ich weiß, dass es das Beste ist, das ich für mein Volk tun kann. Ich werde dir den Thron nicht vermachen.«
Jorïna starrte auf ihren Vater herab. Sie spürte, wie Wut ihre Kehle zuzuschnüren drohte und sie musste einige Kraft aufbringen, um ihre Reaktion nicht nach außen sichtbar werden zu lassen. Sie hatte immerhin schon lange geargwöhnt, dass ihr Vater ihr den Thron versagen könnte. Trotzdem war es etwas anderes, es aus seinem Mund zu hören.
»Und … was hast du beschlossen?« Diese Frage war vollkommen überflüssig, trotzdem musste Jorïna die Antwort von ihrem Vater ausgesprochen hören. Es gab nur eine andere Möglichkeit, es sei denn, der alte Narr hatte beschlossen, dem Volk das Reich zu überlassen und die Monarchie für beendet zu erklären.
»Maynara wird eine bessere und würdigere Regentin sein, als ich es selbst je war.« Der König musterte seine Tochter eindringlich. »Jorïna … ich hoffe, du wirst mir verzeihen. Eines Tages wirst du vielleicht verstehen, warum ich mich so entschieden habe. Außerdem liegt mir sehr viel daran, dass du deine Schwester unterstützen wirst, und dieses Versprechen werde ich als Eid von dir fordern. Aber noch nicht heute Nacht.«
Jorïna atmete tief durch. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie diese Mitteilung so hart und tief treffen würde. Dennoch schaffte sie es, einigermaßen ruhig zu bleiben. Die Gedanken an ihre Pläne, die sie für diesen Fall bereits vor längerer Zeit geschmiedet hatte, beruhigten sie.
Sie würde nichts verlieren und sie würde auch den Thron nicht an ihre Schwester abtreten. Doch es war noch zu früh, ihre Karten offen auf den Tisch zu legen. Für einige Momente musste sie ihre Rolle noch spielen. »Ich muss das erst einmal verkraften. Auch wenn ich deine Entscheidung verstehe und sie akzeptiere … Es ist etwas anderes, damit zu rechnen, aber es zu erfahren …«
Der König nickte. »Ich weiß, meine Tochter. Doch diese Wunden werden heilen und ich hoffe, dass du mir an meinem Grab verzeihen wirst.« Der alte Alvarūn erhob sich, wobei er sich auf der Tischplatte abstützen musste. Jeder Schritt schien eine schwere Belastung für ihn zu sein, während er zu der Sitzecke hinüber ging. »Lass uns gemeinsam etwas trinken und in Ruhe alles besprechen.«
Jorïnas Gesichtsausdruck erstarrte zu Eis, kaum dass ihr Vater sich von ihr abgewandt hatte. Alter Narr! Er war so dünn und zerbrechlich, so alt und krank! Sie bemitleidete ihn sogar etwas, doch im Tod würde er weniger leiden als jetzt zu Lebzeiten. Eigentlich beging sie einen Akt der Barmherzigkeit und keinen Mord.
Sie verspürte keinerlei Zweifel. Entschlossen nickte sie dem Diener ihres Vaters zu.
Koronir gab in keiner Weise zu erkennen, ob er ihr Zeichen gesehen hatte. Pflichtbewusst wie immer eilte er zu seinem König, stützte ihn bei den letzten Metern und half ihm, sich zu setzen.
Jorïna schenkte ihm ein schon beinahe frohes Lächeln, das aber sofort verblasste, als sie sich ihrem Vater gegenüber niederließ. Sie strich sanft über den seidigen, dunkelgrünen Stoff des Sessels, während sie dabei zusah, wie Koronir die Gewänder ihres Vaters zurecht zupfte und sein Haar sanft glattstrich, nachdem er es über die Lehne der Ottomane gelegt hatte.
»Schenk uns Wein ein, Koronir.« Ihr Vater gebrauchte gegenüber seinen Bediensteten nur selten einen Befehlston. Er richtete in den meisten Fällen Bitten an seine Diener. In Jorïnas Augen ein weiterer Fehler, ein Zeichen von Schwäche.
Koronir trat an einen aus Metall gefertigten Tisch, auf dem eine ganze Reihe Flaschen verschiedener Größe und Beschaffenheit stand. Ihr Vater bevorzugte einen roten, aus Trauben gekelterten Wein, den ein Händler aus einer der weiter entfernt liegenden Kolonien einführte.
Abgesehen von den Gebirgsketten im Norden und dem Gebirge, das die Bucht von Iriel umgab, war Azariel ein flaches, hauptsächlich mit Wiesen und Wäldern bewachsenes Land. Es gab in den südlichen Gebieten sanfte Hügel, aber keine nennenswerten Erhebungen oder Berge, die zum Anbau von Reben geeignet gewesen wären. Der gemeine Wein, der in Azariel hergestellt wurde, wurde aus verschiedenen Beerensorten gekeltert und kam bei noch so guter Qualität nicht an den aus Trauben hergestellten Wein heran. Es war eine der wenigen, teuren Annehmlichkeiten, die sich ihr Vater gönnte.
Koronir kehrte mit der nur noch halbvollen Weinflasche und zwei kristallenen Kelchen an den Tisch zurück. Er schenkte Vater und Tochter von der dunkelroten Flüssigkeit ein. Als er Jorïna den Kelch mit dem Wein reichte, genügte sein Blick, um ihr mitzuteilen, dass er sich an ihre Anweisungen gehalten hatte. Sie antwortete ihm mit einem knappen Nicken. Er zog sich wieder in die Schatten zurück, als der König ihm mit einem Wink die Erlaubnis dazu gab.
Nachdenklich drehte Jorïna ihren Kelch in den Händen, während ihr Vater hörbar den Duft des Weines einatmete. »Ein wunderbares Getränk. Wenn die Händler nur nicht so viel dafür verlangen würden!« Er bemerkte keinerlei Unterschied. Entweder hatte Koronir das Silber, das sie ihm für Besorgungen gegeben hatte, gut angelegt oder der bei den Alvarūn sonst sehr gut ausgeprägte Geruchssinn hatte bereits unter seinem Alter gelitten.
Genüsslich nahm der König einen großzügigen Schluck und sah dann wieder Jorïna an. »Ich bin sehr froh, dass du meine Entscheidung akzeptierst«, wiederholte er.
Jorïnas Lippen formten ein diabolisches Lächeln. Es entging ihrem Vater nicht und befriedigt nahm sie sein kurzes Zusammenzucken zur Kenntnis. »Eigentlich akzeptiere ich sie nur, weil ich weiß, dass sie nicht von Bestand sein wird. Gerade in diesem Moment habe ich die von dir vorgesehene Zukunft umgeschrieben.«
Der König blickte seine Tochter verständnislos an. »Wie …?« Er schwieg und blickte auf die rote Flüssigkeit, die er soeben zu sich genommen hatte und auf den unberührten Kelch in Jorïnas Händen. Als der alte Alvarūn in seinen Körper hinein hörte, schloss sich eine eisige Faust um sein Herz. Gift!
Er spürte bereits die Veränderungen. Ein seltsames Unwohlsein, das sich immer schneller durch seine Eingeweide und in seine Knochen fraß. Er starrte seine Tochter ungläubig an. Sie hatte ihn verraten und ermorden lassen! Sein eigenes Fleisch und Blut! Er wollte sie fragen, warum sie das getan hatte, wieso es so weit hatte kommen müssen. Doch als er sprechen wollte, bemerkte er, dass seine Zunge taub und lahm war. Er war unfähig, auch nur ein Wort zu sagen.
Schweißperlen liefen seine Stirn hinab, als er sich schwerfällig und unter größten Anstrengungen zu Koronir umdrehte. Sein Leibdiener, dem er so viel Vertrauen geschenkt hatte, stand reglos im Halbdunkel und sah ihn direkt an. In seinem Blick lag nur Entschlossenheit, keinerlei Mitgefühl oder Überraschung. Von ihm konnte er keine Hilfe erwarten und er würde weder nach den Wachen noch nach einem Heiler rufen.
Nur wenige Augenblicke später brach der alte Alvarūn tot zusammen. Der Kristallkelch rutsche ihm aus der Hand und zerschellte auf dem Steinfußboden. Sein Körper fiel langsam zur Seite und kam auf den Polstern der Ottomane zum Liegen.
Jorïna erhob sich langsam und sah auf ihren Vater herab, nachdem sie das noch volle Weinglas abgestellt hatte. Seltsamerweise verspürte sie nichts weiter als grimmige Genugtuung, keinerlei Trauer oder Reue. Er war zwar ihr Vater gewesen, doch sie hatte sich bereits vor langer Zeit geschworen, dass sie ihre Pläne von nichts und niemandem vereiteln lassen würde. Sie musterte Koronir und war erleichtert und auch zufrieden, dass sie in seinem Gesicht und seinen Augen keinerlei Zweifel entdecken konnte.
»Wo hast du die Phiole?«, fragte sie ihn, woraufhin er aus einer in seinem Gewand eingenähten Tasche ein kleines, aus Tuch gefaltetes Päckchen zog. Darauf bedacht, den Inhalt nicht zu berühren, wickelte er es auf. Es enthielt eine kleine, mit einem Korken verschlossene Phiole, in der sich nur noch wenige Tropfen einer durchsichtigen Flüssigkeit befanden.
Es gab nur wenig, was einen Alvarūn vor dem natürlichen Ablauf seiner Lebensspanne – abgesehen von Krankheiten und Gewalt – umbringen konnte. Einige ausgewählte Gifte gehörten dazu und nur eines davon war durchsichtig und farblos. Koronir hatte mit Kriag, dem Gift der Siduro-Raupen, eine sehr gute Wahl getroffen.
»Du hast alles vorbereitet?«
Koronir nickte. »Ich habe dafür Sorge getragen, dass die entsprechenden Spuren vorhanden sind.«
Jorïna war zufrieden. »Kümmere dich darum, dass die Phiole an den für sie bestimmten Platz kommt. Alles andere verläuft nach Plan.« Sie musste lächeln, als ihr bewusst wurde, wie gut die Handlungen ihres Vaters vorauszusehen gewesen waren. Alle Details konnten bestehen bleiben.
Koronir wickelte die Phiole wieder ein und ließ sie in der Tasche seines Gewandes verschwinden.
Jorïna kniete neben dem verstorbenen König nieder. Sie war froh, dass selbst in dieser Situation niemand Tränen oder tiefe Trauer von ihr erwarten würde, da sie derartige Gefühle niemals offen zeigte. Es wäre ihr auch äußerst schwergefallen, solche Gefühlsregungen in diesem Moment des ersten Triumphs zur Schau zu stellen.
Koronir ging in gemäßigtem Schritt zu der großen Tür des Schreibzimmers und atmete noch einmal tief durch, bevor er mit beiden Händen die Türen aufstieß. Vollkommen verzweifelt und mit schriller Stimme schrie er nach einem Heiler und jagte den beiden Wachen vor der Tür mehr als nur einen Schrecken ein.
3
Maynara hatte aufgrund des milden Wetters beschlossen, auf dem Balkon zu übernachten. Eine Entscheidung, die ihre Leibdienerin in Aufregung versetzt hätte, da sich ein solches Verhalten nicht für eine Prinzessin geziemte. Sonst waren die Alvarūn eigentlich sehr offen, was die Lebensart und das Verhalten von Frauen anging, aber am Hof galten trotz allem strenge Verhaltensregeln, allen voran für die Kinder des Königs.
Ihr war es seit ihrer Kindheit zwar leichtgefallen, sich in die meisten Bestimmungen einzuleben, doch sie konnte nicht umhin, immer wieder irgendwelche Vorgaben und Regeln zu brechen. Auch wenn sie darauf achtete, nichts zu tun, was dem Ruf des Königshauses in irgendeiner Weise hätte schaden können.
Sie hatte gerade die schweren Decken und Kissen nach draußen getragen und damit begonnen, ihr unkonventionelles Bett zu richten, als jemand energisch gegen die Tür ihrer Gemächer hämmerte. Unwillkürlich zuckte sie zusammen, als sie den seltsamen Tonfall in der Stimme ihrer Leibdienerin bemerkte.
»Prinzessin Maynara! Öffnet bitte die Tür! Es ist etwas passiert …« Selbst durch die massive Tür hindurch konnte sie hören, dass Hanyas Stimme versagte.
Sie verließ den Balkon und betrat ihr Schlafzimmer, von einer starken, inneren Unruhe erfasst. Es war etwas passiert und die Stimme ihrer Dienerin sagte genug, um zu wissen, dass es etwas Schlimmes war. Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihr, dass es etwas mit der Audienz Jorïnas bei ihrem Vater zu tun haben musste.
Schnell zog sie sich einen blauen, mit Silberfäden bestickten Mantel über und schlüpfte in die aus weichem Fell gefertigten Pantoffeln. Als sie die Tür öffnete, erschrak sie beim Anblick ihrer Dienerin. Sie kannte Hanya als gewissenhafte und strenge Frau. Nie hatte sie es sich gestattet, ihre Gefühle in Anwesenheit eines Mitglieds der königlichen Familie zu zeigen. Sie jetzt vollkommen aufgelöst und mit tränenüberströmtem Gesicht zu sehen, versetzte Maynara einen Schock. Die weißblonden Haare der älteren Frau waren völlig zerzaust und ihre silbergrauen Augen waren dunkelgrau unterlaufen. Maynara war im ersten Moment unfähig zu sprechen, als ihr bewusst wurde, dass etwas außergewöhnlich Schlimmes passiert sein musste, wenn Hanya so sehr aus der Fassung geriet.
»Ich …« Hanya versuchte, soweit die Kontrolle wiederzuerlangen, dass ihre Worte zwischen ihren Schluchzern zu verstehen waren. »Euer Vater … Der König ist tot.«
Maynara starrte ihre Dienerin fassungslos an und versuchte zu verstehen, was sie gerade gesagt hatte. Ihr Vater war tot? Eigentlich hätte sie wenigstens etwas darauf vorbereitet sein müssen, denn es war ihr nicht verborgen geblieben, dass er in den letzten Wochen immer älter und schwächer geworden war. Trotzdem traf sie die Nachricht wie ein Schlag in die Magengrube.
»Es tut mir so leid, Prinzessin.« Sie konnte spüren, dass Hanya nach Worten des Trostes suchte, doch in ihrer eigenen Trauer war die Frau nicht fähig, ihr irgendeine Art von Trost zu spenden.
Sie nahm Hanya in die Arme und drückte den Körper der anderen Alvarūn fest an sich. Ihre eigenen Tränen benetzten ihre Wangen und befleckten den hellen Mantel der Frau, die sich ihrerseits an sie klammerte, um Halt zu suchen.
Einige Momente vergingen, während die beiden Frauen aneinander festhielten und ihre Trauer teilten, bis Maynara sich vorsichtig löste. »Ist er noch im Schreibzimmer?« Sie wusste, wo er gestorben sein musste, denn sie glaubte nicht, dass die Unterredung zwischen ihm und ihrer Schwester schon beendet gewesen war. Was bedeutete, dass er in Jorïnas Gegenwart gestorben sein musste.
Hanya nickte nur und trat einen Schritt zurück. Sie wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht, aber es quollen sofort wieder neue hervor und bildeten silbrig glänzende Striemen auf ihrer blassen Haut.
Maynara verlangte es einiges ab, ihre eigenen Tränen zu unterbinden und sich nicht noch einmal von ihrer Trauer überwältigen zu lassen. Ihr Vater war gestorben und mit ihm der König des Reichs. Es gab viele Pflichten, die ihr in den ersten Stunden nach seinem Tod zufallen würden, auch wenn sie nicht die Thronerbin war. Zahlreiche Vorbereitungen mussten getroffen werden. Ihr Vater musste beigesetzt und Jorïna vom Hochadel gekrönt werden. Auch wenn es ihr mehr als eigenartig erschien, in dieser Situation an all das zu denken.
Sie machte sich auf den Weg in den Flügel des Schlosses, in dem das Schreibzimmer ihres Vaters lag. Hanya folgte ihr unaufgefordert durch die vertrauten Gänge und die bekannten Treppen.
Bereits im Zugang zu den Gemächern ihres Vaters standen Gardisten in dunkelroten Uniformen Wache. Nur die wenigsten Gesichter waren so starr und ausdruckslos wie sonst. Ihr Vater war beim Volk sowie bei seinen Bediensteten ein beliebter Herrscher gewesen.
Im Schreibzimmer ihres Vaters herrschte betretene Stille. Weitere Gardisten hatten an den Wänden Stellung bezogen. Um die Sitzgruppe herum scharrten sich Bedienstete, die Maynara den Weg sofort frei machten.
Der König lag in einer seltsamen Stellung auf der Ottomane, seine Haare ein einziges, unordentliches Knäuel. Neben ihm kniete die erfahrene Heilerin Rassia und untersuchte den Leichnam. Seit sich Maynara zurückerinnern konnte war die Alvarūn due Heilerin der königlichen Familie und gleichzeitig Herrin über eine Reihe anderer Heiler, die die Armee, die Garde und die Dienerschaft am Hof versorgten.
Sie trug ihre rotblonden Haare kurz geschoren, was außer Kriegern nur sehr wenige Frauen der Alvarūn taten. Ihre schmale, schlanke Gestalt hatte sie unter einer dunkelgrünen Robe verborgen, die ihre Kleidung während ihrer Arbeit vor Schmutz, Blut und Flecken schützte. Sie musste aus irgendeinem Grund in dieser Nacht dienstlich zu tun gehabt haben, denn normalerweise trug sie diesen weiten, aus grobem Stoff gefertigten Überzug nicht, wenn sie sich um die königliche Familie kümmerte.
Neben ihr stand ein junger Auszubildender, der ebenfalls in eine dunkelgrüne Robe gekleidet war. Gerade der Kindheit entwachsen, assistierte ihr der junge Mann so gewissenhaft wie jeder erfahrene Assistent, mit dem Maynara je zu tun gehabt hatte. Rassia hatte zwei weitere junge Alvarūn bei sich, die beide mit Kerzenleuchtern in den Händen dastanden und auf Anweisung der Heilerin das Licht neu arrangierten. Sie trugen ärmliche Kleidung, nur eine Brosche mit einem Symbol wies darauf hin, dass sie zu der Heilerin gehörten.
Auf einem der Sessel saß Jorïna mit versteinerter Miene, aus der ihre Gefühle nicht herauszulesen waren. Irgendwie bezweifelte Maynara, dass ihre Schwester um ihren Vater trauerte, obwohl ihre Leibdienerin hinter ihr stand und ihr tröstend eine Hand auf die Schulter gelegt hatte.
Das erinnerte sie daran, dass sie Koronir, den Leibdiener ihres Vaters, noch nirgendwo gesehen hatte. Sie schaute sich nochmals um und entdeckte ihn schließlich bei den Gardisten nahe der Tür. Maynara hatte ihn zuvor nicht dort gesehen, aber vermutlich hatte sie ihn aufgrund ihrer eigenen Verfassung nicht bemerkt. Ihm war seine Erschütterung deutlich anzusehen. Er nahm noch nicht einmal zur Kenntnis, dass sie ihn musterte.
Rassia zog eine Mappe aus dunklem und fleckigem Leder aus ihrer Tasche, die neben ihr auf dem Boden stand. Sie wickelte das Leder auseinander. In die Innenseite waren kleine Fächer eingenäht, in denen Flakons mit verschiedenen Flüssigkeiten steckten. Sie wählte einen Flakon aus, der mit einer hellblauen Flüssigkeit gefüllt war und griff zu einem der ebenfalls in der Ledermappe verstauten, dünnen Glasröhrchen.
Die Heilerin tauchte das Ende des Röhrchens in die Flüssigkeit, nachdem sie den kleinen Behälter geöffnet hatte. Sie legte ihre Lippen über das andere Ende und saugte vorsichtig die Luft ein, so dass eine geringe Menge der hellblauen Flüssigkeit in das Röhrchen gesogen wurde. Rassia beugte sich vor und ließ die Flüssigkeit auf die Stelle tropfen, wo das Weinglas des Königs zerschellt war und sich ein dunkler, noch immer feuchter Fleck auf dem Boden gebildet hatte.
Es dauerte nur einen kurzen Moment, bis der Wein dort ein schillerndes Gelb annahm, wo er sich mit Rassias Flüssigkeit vermischt hatte. Der junge Auszubildende sog zischend die Luft ein.
Niemand der Umstehenden wusste, was das zu bedeuten hatte und alle sahen die Heilerin gespannt an. Rassia erhob sich und streckte sich kurz, um die vom langen Knien verspannte Muskulatur zu lockern. Ihr Blick ruhte auf Jorïna und schweifte kurz zu dem noch vollen Weinglas. »Habt Ihr etwas davon gekostet?«
Jorïna schüttelte stumm den Kopf und verfolgte, wie die Heilerin dieselbe Prozedur bei dem gefüllten Kelch und schließlich der Weinkaraffe wiederholte. Auch hier verfärbte sich der Wein bei Berührung mit der hellblauen Flüssigkeit zu einem ungesunden Gelb.
Rassia sah Maynara an und wandte sich dann wieder Jorïna zu. »Euer Vater ist nicht auf natürliche Art und Weise gestorben. Der Wein ist mit Kriag vergiftet worden.«
Unter den Gardisten erhob sich leises Gemurmel. Maynara sah auf die gelb schillernde Flüssigkeit in dem noch vollen Kelch hinunter, einen eisigen Klumpen in ihrer Magengegend. Ihr Vater war ermordet worden. Im Beisein ihrer Schwester hatte er vergifteten Wein getrunken – von dem sie nicht einmal gekostet hatte.
Ein schrecklicher Verdacht keimte in ihr auf. Hatte Jorïna ihren Vater vergiftet, weil sie das Warten nicht mehr ausgehalten hatte? Hatte ihre Machtgier sie so weit getrieben? Sie musterte das noch immer starre Gesicht ihrer Schwester und versuchte in ihren blassgrünen Augen zu lesen. Wer sonst hätte einen Grund für eine solche Tat gehabt?
Jorïna sah zu ihr auf und bemerkte ihren forschenden Blick. Sie wusste genau, was ihre Schwester dachte, und war gespannt, ob sie es vor Rassia und den Gardisten und Bediensteten wagen würde, ihre Gedanken und Anschuldigungen laut auszusprechen.
Doch Maynara zog es vor, zu schweigen. Wenn Jorïna tatsächlich für den Mord an ihrem Vater verantwortlich sein sollte, würde sie alle möglichen Beweise vernichtet haben. Vielleicht würde eine anschließende Untersuchung Jorïna überführen, wenn sie es tatsächlich gewesen war. Nicht nur sie würde erkennen, dass die Umstände und die Anwesenheit ihrer Schwester nicht unbedingt für sie sprachen.
Unwillkürlich streifte ihr Blick Sarakin, den Kommandanten der königlichen Garde, der die notwendigen Nachforschungen leiten würde. Er sah noch immer reglos auf den gelb verfärbten Fleck auf dem Boden hinab. Er wirkte so distanziert und unbewegt wie immer, nur die vor seiner Brust verschränkten Arme verrieten seine Anspannung.
Erst als Jorïna ihn direkt ansprach, hob er den Kopf. Nur für den Bruchteil einer Sekunde begegnete Maynara dem unergründlichen Blick seiner tiefblauen Augen, unter dem viele Leute innerlich zurückzuckten. Maynaras Schwester gehörte nicht dazu.
»Ich will, dass das gesamte Schloss durchsucht wird! Von den Zinnen bis in die tiefsten Keller! Ich übertrage Euch die Suche nach jedem Hinweis, der zum Mörder meines Vaters führt!« Jorïna übernahm automatisch das Kommando, obwohl sie erst nach der Krönung das recht hatte, über alles und jeden so zu verfügen, wie es ihr beliebte. Doch niemand zweifelte daran, dass Jorïna innerhalb der nächsten Wochen gekrönt werden würde, so wie es die Thronfolge vorsah.
Sarakin deutete eine knappe Verbeugung an und bedeutete einigen Gardisten mit einer knappen Handbewegung, ihm zu folgen. Die dunkelrot uniformierten Wachen folgten ihrem Kommandanten hinaus, um die Durchsuchung des Schlosses zu organisieren und durchzuführen.
Rassia begann damit, ihre Sachen zusammen zu packen. »Ich werde mich um den Leichnam kümmern, wenn Eure Hoheit damit einverstanden ist?«
Jorïna nickte. »Er soll im Thronsaal aufgebahrt werden.«
Die Heilerin winkte zwei ihrer jungen Helfer herbei. In der Aufregung hatte Maynara gar nicht bemerkt, dass sie eine Trage dabeihatten. Vorsichtig hoben sie die Leiche ihres Vaters mit Hilfe des Auszubildenden auf die aus Metall gefertigte und mit Leinen bezogene Konstruktion. Sie trugen den toten König hinaus und Rassia folgte den Trägern mit ihrem Schüler und dem Rest ihrer Helfer.
Jorïna schickte die übrig gebliebenen Gardisten mit ihnen hinaus.
Eine unangenehme Stille folgte, während sich die beiden Schwestern schweigend ansahen. Die Nervosität von Hanya und Jorïnas Leibdienerin stieg, denn beide befürchteten eine ernsthafte Konfrontation zwischen den Geschwistern.
Koronir war es schließlich, der als erster sprach. »Ich denke, es wäre von Vorteil, den Schreiber rufen zu lassen. Er war noch heute Morgen bei Eurem Vater und hat für ihn etwas niedergeschrieben. Der König hat es ihm zur Verwahrung mitgegeben. Es waren Verfügungen für den Fall seines Todes, glaube ich.«
Maynara sah ihre Schwester durchdringend an. Noch ein Zufall, der in ihren Augen dafür sprach, dass Jorïna etwas mit dem Mord zu tun haben musste. Wenn ihr Vater tatsächlich heute Morgen sein Testament niedergeschrieben hatte, hatte sie wirklich keine Zeit vergeudet, um ihre Hände nach dem Thron auszustrecken. »Hast du davon gewusst?«
»Nein«, antwortete Jorïna sofort. »Woher hätte ich davon wissen sollen?«
»Worüber habt ihr heute Abend gesprochen?«, verlangte Maynara von ihrer Schwester zu wissen. »Ging es um dieses Schriftstück?«
Ihre Schwester zuckte nur mit den Schultern. »Ich habe es nicht mehr erfahren. Er starb sehr schnell.« Sie musterte Maynara mit einem Ausdruck, den diese nicht zu deuten wusste. »Du glaubst, ich hätte etwas mit diesem Mord zu tun, nicht wahr? Du hältst mich für so dumm?«
»Nein, Jorïna. Aber ich traue dir zu, es getan zu haben und ich halte dich für klug genug, deine Spuren zu verwischen.«
Jorïna seufzte vernehmlich. »Das sollte ich wohl als Kompliment auffassen. Bei all unseren Differenzen, Schwester, sollten wir uns darüber unterhalten, wie es weitergehen soll. Die nächsten Tage werden einige Aufgaben für uns beide bereithalten. Kann ich mich darauf verlassen, dass du meiner Bitte folgen und dich mit mir in der Bibliothek treffen wirst oder muss ich einen Befehl daraus machen?«
Sie hätte ihre Schwester gerne gefragt, was sie tatsächlich mit ihr in der Abgeschiedenheit der Bibliothek zu besprechen hatte. Es würde ihr sicherlich nicht nur um das Klären der Notwendigkeiten wie die Benachrichtigung des Hochadels und die Beerdigung gehen. Es war geschickt von ihr, ihre Drohungen nicht im Beisein ihrer Diener zu erneuern.
»Ich werde da sein«, entgegnete Maynara knapp und verließ das Schreibzimmer.
Kaum waren die Schritte von Maynara und Hanya verhallt, stahl sich ein befriedigtes Lächeln auf Jorïnas Lippen. Auch Koronir entspannte sich sichtlich.
»Hast du meinen Befehl ausgeführt?«, fragte Jorïna und bedachte Koronir mit einem fragenden Blick.
»Selbstverständlich. Gut verborgen, aber nicht so, dass Sarakins Leute sie nicht finden könnten.«
»Gewöhnlich ist auf die Gründlichkeit der Garde Verlass. Sehr schön.« Jorïna nickte zufrieden und streckte die Hand fordernd mit der Handfläche nach oben aus. Ihre Dienerin verstand und zauberte unter ihrem Mantel einen kleinen Beutel hervor. Die in ihm enthaltenen Münzen klirrten, als sie den Beutel in die Hand ihrer Herrin legte.
Koronir trat vor und griff nach dem Beutel, doch Jorïna entzog ihre Hand seiner Reichweite. »Du solltest mir noch einmal deine Treue schwören, jetzt, da ich beinahe Königin bin.« Obwohl er sie im Stehen um mehr als einen Kopf überragte, war ihre arrogante Haltung gebieterisch und ließ keinen Zweifel daran, wer Herrscher und wer Diener war.
Folgsam fiel Koronir vor ihr auf ein Knie und senkte den Blick. »Ich schwöre Euch, meiner Herrin und meiner Königin, ewige Treue bis in den Tod. Ich werde Euch ehren, jeden Eurer Befehle ausführen, ohne jemals Widerspruch zu erheben, und Euch immer zur Seite stehen. Ich akzeptiere jede erdenkliche Strafe, die Ihr mir auferlegt, sollte ich diesen Schwur jemals brechen.« Seine Haare fielen ihm in unordentlichen, zweifarbigen Strähnen ins Gesicht. Es war eine Mischung aus braun und dunklem blond und nur schwer zu bändigen.
Jorïna ergriff sein Kinn und zwang ihn dazu, zu ihr aufzusehen. Sie sah in seine Augen, die wie grüner Kristall schimmerten und versuchte zu ergründen, wie ehrlich er es meinte. Käufliche Verbündete waren immer ein Risiko, doch sie hatte nicht vor, sich von ihm an der Nase herumführen zu lassen. Ihr Vorteil war seine Angst vor dem Tod. »Wenn du es jemals wagen solltest, mich so schändlich zu verraten, wie du es mit meinem Vater getan hast, schwöre ich, dass ich dich langsam und qualvoll sterben lassen werde. Ich rate dir, mir niemals einen Grund für einen auch noch so geringen Zweifel an deiner Loyalität zu geben. Hast du das verstanden?«
Der Diener nickte heftig, Furcht verschleierte seinen Blick. Jorïna drückte ihm den Beutel mit den Münzen in die Hand. »Für deine Bemühungen. Und jetzt geh zu Kamar und sage ihm, dass er sich um den Schreiber kümmern soll. Verstanden?«
Sie ließ ihn los und Koronir beeilte sich, aufzustehen und einen Schritt zurückzuweichen. Er wog den Beutel mit den Münzen in der Hand und hob fragend die Augenbrauen. »Wie viel muss ich dem Magier zahlen?«
»Nichts.«
Koronir fragte sich, wie sie den Magier auf ihre Seite gezogen und ihn in ihre Intrigen eingespannt hatte, wenn sie ihn nicht bezahlte. Doch er entschied, dass ihn die Allianz zwischen den beiden nichts anging und machte sich auf den Weg.
4
Erst als Koronir das Schreibzimmer hinter sich gelassen hatte und sich an den Abstieg in die untersten Gewölbe des Schlosses machte, beschlich ihn ein beklemmendes Gefühl der Angst. Er war noch nie in die untersten Keller des Schlosses vorgedrungen und dafür gab es nur einen Grund: Kamar, der Magier des königlichen Hofes.
Kamar war ein unheimlicher und dunkler Geselle, verschlossen und undurchsichtig. Er kam selten aus seinen Gemächern herauf, die tief unten in der Erde lagen, auch wenn es Leute gab, die behaupteten, es gäbe einen uralten Geheimgang nach draußen in die Stadt, den der Magier benutzte und deshalb nie beim Verlassen des Schlosses gesehen wurde.
Koronir hätte es nicht überrascht, wenn an diesem Gerücht etwas dran gewesen wäre, immerhin gab es genügend alte Gänge und Tunnel unter dem Schloss. Teilweise waren sie verschlossen und versiegelt, seit Jahrhunderten unbenutzt und er glaubte, dass niemand genau wusste, wo auch nur die Hälfte dieser Schächte hinführte.
Er verstand nicht, wie Kamar es in der ewigen Dunkelheit und Einsamkeit aushielt. Die Gänge, die zu seinen Gemächern führten, waren unbeleuchtet und niemand wagte sich überhaupt freiwillig in seine Nähe. Es gab Gerüchte von unmenschlichen Lauten, Rauch- und Nebelschwaden, von seltsamen Gerüchen und dem Gestank nach Tod. Niemand wusste genau, womit Kamar sich eigentlich die Zeit vertrieb.
Sein Verhalten und sein Leben lagen wie alles andere im Dunkeln. Koronir wusste nur, dass er von einem Urahn Jorïnas an den Hof berufen worden war. Kamar musste alt sein, eigentlich älter als Alvarūn jemals wurden, und trotzdem war er um keinen Tag gealtert, seitdem Koronir ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Warum alle anderen Herrscher und auch Jorïnas Vater an Kamar als Hofmagier festgehalten hatten, war ein Geheimnis, das sich ihm wahrscheinlich nie ergründen würde.
Es gab mehrere Ebenen von Kellern unter dem Schloss und Koronir stieg drei davon über die Haupttreppe hinunter. Ein eigenes Geheimnis der Schlossgewölbe war die frische Luft, die durch fast alle Räume zog und den Abstieg in die Dunkelheit erträglicher machte.
Die vierte Ebene wurde seit Jahren nicht mehr benutzt. Die zahlreichen, schweren Metalltüren waren verschlossen und die an den Wänden befestigten Halterungen für Fackeln waren leer. Koronir hatte eine Fackel aus dem dritten Kellergeschoss mitgebracht und das flackernde Licht warf seltsame Schatten auf den roh bearbeiteten Felsen, durch den sich helle Quarzadern zogen.
Vor einigen Jahrtausenden hatten die Könige der Alvarūn noch mit harter und ungerechter Hand über ihr Volk geherrscht. Es waren dunkle Zeitalter gewesen und in den unteren Ebenen sollten sich nicht nur Kerker, sondern auch Folterkammern befunden haben. Koronir fröstelte, als er an die Darstellungen dachte, die in einigen alten Folianten in der Schlossbibliothek zu finden waren. Er hielt es für wahrscheinlich, dass mit Jorïnas Herrschaft erneut solche Zeiten anbrechen würden.
Er war zwar kein Freund der weichherzigen und gerechten Art seines alten Königs, aber er verabscheute jede Art von Folter. Ein wenig quälen, um an Informationen heranzukommen, das schon, aber er war der Meinung, dass man seinen Feinden einen möglichst schnellen Tod geben sollte. Doch selbst wenn Jorïna diese unterirdischen Kammern wieder mit dem Leid vergangener Zeiten füllen sollte, würde er zu ihr halten. Das Silber, mit dem sie ihn lockte, reichte aus, um ihn blind, stumm und taub zu machen.
Er hastete den Gang hinunter und ignorierte die Verzweigungen, die in noch unergründlichere Finsternis führten. Schnell erreichte er die am Ende des Ganges gelegene Tür und stemmte sie auf. Eine weitere Wendeltreppe mit ausgetretenen und besonders engen Stufen führte noch weiter hinab. Koronir spürte deutlich, wie sein Herz schnell gegen seine Rippen schlug.
Warum hatte er nur solche Angst vor dem Magier? Es war doch nie von wahrhaftig geschehenen Gräueltaten oder sonstigen Details erzählt worden. Niemand hatte je behauptet, dass Kamar ihm ein Leid zugefügt hätte. Und immerhin war er, Koronir, ein Gesandter der Königin, der ihm einen Auftrag überbringen sollte. Der Magier hatte keinerlei Grund, ihm ein Haar zu krümmen. Wobei ihm einfiel, dass er Kamar zuerst vom Tod des alten Königs unterrichten musste, da der Magier unmöglich davon erfahren haben konnte.
Doch er schaffte es nicht, sein Herz zu beruhigen, bevor er die ausgetretenen Stufen hinunterstieg. Die Treppe schien sich endlos in die Tiefe zu winden und um ihn herum war es totenstill. Die einzigen Geräusche, die ihn begleiteten, waren sein rasselnder Atem und das Knistern der Fackel. Nur einmal glaubte er, in weiter Ferne das Rauschen von Wasser zu hören, entschied aber schließlich einige Stufen später, dass es sich um eine Sinnestäuschung gehandelt haben musste.
Endlich erreichte er das Ende der Treppe, an dem sich ein hoher Raum im Felsen auftat. Der Boden war hier seltsamerweise vollkommen glattgeschliffen, so wie es nur im Schloss selbst der Fall war. Am Ende des Raumes war aus dem Gestein ein spitzer Torbogen herausgearbeitet worden, in dessen Zentrum die Tür zu Kamars Gemächern lag. Runen und andere magische Zeichen waren in den Torbogen gemeißelt worden und Koronir fragte sich, ob der steinerne Bogen mit echten Zaubern belegt war.
Koronir zögerte erneut und wäre am liebsten umgekehrt. Er sollte nicht hier unten so tief unter der Erde sein, mit nichts als einer verdammten Fackel, um die Schatten zu vertreiben und allein. Allein mit einem Magier, einem Hexer, vor dem er schon als Kind Angst gehabt hatte.
Es wäre nicht seine erste Begegnung mit Kamar. Der Magier war nur sehr selten nach oben zum König gerufen worden, und es waren immer jede Menge anderer Diener und Gardisten und der König selbst mit im Raum gewesen. Aber noch nie war er dem Magier von Angesicht zu Angesicht gegenübergetreten, hatte noch nie auch nur ein Wort mit ihm gewechselt.
Es half nichts. Er konnte jetzt nicht einfach umkehren und Jorïna darum bitten, jemand anderen zu schicken. Ihnen lief die Zeit davon, denn sollte der Schreiber vom Tod des Königs erfahren, konnte er das Testament verkünden, bevor sie etwas dagegen unternommen hatten. Das würde alle Pläne Jorïnas durchkreuzen, wenn nicht sogar den gesamten Komplott auffliegen lassen. Noch dazu kam, dass er der festen Überzeugung war, dass Jorïna ihn aus dem Weg räumen würde, sollte er ihr seine lächerliche Angst vor Kamar eingestehen. Sie konnte keine Schwächlinge unter ihren Verbündeten gebrauchen.
Koronir trat vor und wollte an die rostige Metalltür klopfen, als sie knirschend nach innen aufschwang. Er kniff die Augen zusammen, denn in dem Raum hinter der Tür brannten Hunderte Kerzen und spendeten eine Helligkeit, an die sich seine Augen erst einmal gewöhnen mussten. Nach einigen Sekunden konnte er endlich wieder normal sehen.
Der Raum hinter der Tür war nicht anders eingerichtet als viele andere Quartiere im Schloss. Der Boden war auch hier glattgeschliffen und in der Mitte lag ein abgewetzter und verblichener Teppich. Auf der rechten Seite stand ein Tisch mit zwei Stühlen, auf den Regalen darüber lagerten Lebensmittel und Geschirr. Links von ihm konnte Koronir durch einen Spalt zwischen zwei dunkelblauen Vorhängen hindurch ein ungemachtes Bett erkennen. Wahrscheinlich lagen hinter dem Vorhang auch die Waschmöglichkeiten verborgen.
Es gab nichts Besonderes an diesem Wohnraum. Ungewöhnlich waren lediglich die Kerzen, die überall in den zahlreichen Felsnischen aufgestellt waren, da Quartiere normalerweise nur von einem oder zwei Leuchtern an der Decke erhellt wurden. Und die schwere Metalltür, die in die Laboratorien und Beschwörungsräume des Magiers führen musste. Bei diesem Gedanken spürte Koronir einen eisigen Schauer sein Rückgrat entlang wandern.
Vor der eisernern Tür stand Kamar in ein einfaches, dunkelgraues Gewand gehüllt und beobachtete seinen Besucher. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, das nicht zeigte, wie sehr er sich über Koronir amüsierte. Kleiner, lächerlicher Diener! Seine Angst war für ihn schon beinahe greifbar und er hätte sie selbst dann bemerkt, wenn die Körperhaltung und der Ausdruck in seinen Augen nicht schon für sich gesprochen hätten.
Kamar genoss die Angst seines Gegenübers noch einen kurzen Augenblick. Als er seine Stimme erhob, zuckte Koronir zurück. Er wagte es nicht einmal, auch nur einen Fuß in das Quartier des Magiers zu setzen. »Du bist etwas blass um die Nasenspitze. Ich wusste, dass du deinen König nicht ohne irgendein Gefühl von Schuld ermorden kannst.«
»Schuldgefühle?«, fragte Koronir lahm, bis er begriff, dass ihm seine Angst ins Gesicht geschrieben stehen musste. Er konnte nicht zugeben, wie sehr er den Mann vor ihm fürchtete. »Nein, nicht wirklich. Es war aber das erste Mal, dass ich jemandem etwas angetan habe und mir ist schon etwas mulmig zumute.« Woher wusste der Magier überhaupt, dass der König tot war? Beinahe wäre ihm die Frage sogar über die Lippen gekommen, aber die Antwort würde wahrscheinlich schlicht und einfach Magie lauten.
Das Lächeln des Magiers wurde noch etwas breiter, doch er sagte nichts zu Koronirs kleinen Lügen und Ängsten. »Wenn Jorïna dich hier heruntergeschickt hat, geht es sicherlich um den Schreiber.«
Wieder überraschte Kamar den Diener mit seinem Wissen. Als ob der Magier von hier unten alle Vorgänge im Schloss belauschen konnte oder ihm geradewegs sein Wissen und sein Anliegen entriss, während er ihm hier gegenüberstand. Beides waren keine Vorstellungen, die seiner ohnehin schon labilen Gemütsverfassung zuträglich waren. Er spürte deutlich, wie sein ganzer Körper sich darauf einstellte, Hals über Kopf zu fliehen. Seine Antwort blieb ihm in der Kehle stecken und er nickte nur.
»Richte Jorïna aus, dass ich mich unverzüglich um die Angelegenheit kümmern werde. Sie braucht sich keine Sorgen zu machen. Alles wird zu ihrer vollsten Zufriedenheit verlaufen.«
Das hörte sich beinahe wie eine Prophezeiung an und wieder spürte Koronir ein Frösteln in sich aufsteigen. Verdammter Magier! »Ich werde es ihr ausrichten.«
»Du folgst mir in einer halben Stunde und wirst den Schreiber über den Tod des Königs informieren und ihn zur Verlesung des Testaments ins Schloss rufen.«
»Ich werde tun, was Ihr verlangt.« Mit diesen Worten machte Koronir auf dem Absatz kehrt und floh die Wendeltreppe hinauf.
5
Jalino schreckte aus einem nicht besonders tiefen Schlaf hoch, als er das Quietschen seiner Haustür vernahm. Im ersten Moment war er orientierungslos, bemerkte aber schließlich, dass er in seinem Sessel über der Lektüre eines Buches eingenickt war. Schuld war allein der Wein, den er von seinem König geschenkt bekommen hatte. Er hatte nicht von dem guten Tropfen lassen können und hatte mehr als die Hälfte der Flasche geleert.
Die Kerzen waren fast heruntergebrannt. Die Fenster waren immer noch offen und der Wind ließ die Flammen flackern und das Wachs schneller schmelzen. Von einem der Ständer war das Wachs sogar auf den Boden getropft, weil die Flammen es nicht so schnell hatten verzehren können, wie sie es verflüssigt hatten. Verdammt!
Er erinnerte sich wieder an das Quietschen der Tür. Jalino war der festen Überzeugung, seine Haustür abgeschlossen zu haben, aber offensichtlich täuschte ihn sein Gedächtnis. Trotzdem war es eine Unverschämtheit, in sein Haus einzudringen, ohne zu klopfen oder eingeladen worden zu sein. Vielleicht hatte sein später Besucher aber auch geklopft und er hatte es nicht gehört?
Mit einem Seufzen erhob er sich und griff zu einem der Kerzenständer. Wahrscheinlich war es wieder nur Falina. Die alte Frau litt in letzter Zeit immer mehr unter Angstzuständen, traute sich aber nicht, einen Heiler aufzusuchen. Warum ausgerechnet er es immer wieder schaffte, sie so weit zu beruhigen, dass sie wenigstens zwei Nächte lang durchschlafen konnte, war wohl Schicksal. Er hatte deswegen schon häufiger die halbe Nacht lang keinen Schlaf gefunden.
Jalino lief ins untere Stockwerk und betrat die kleine Vorhalle. Er fand den Raum jedoch leer und verlassen vor. Normalerweise wartete Falina hier auf ihn und sie gingen dann gemeinsam hinauf. Vielleicht hatte er sich getäuscht und das Quietschen war lediglich in seinem Traum zu hören gewesen, auch wenn er sich nicht mehr daran erinnern konnte, geträumt zu haben.
Er wollte die Haustür überprüfen und erschrak, als er feststellte, dass sie nur angelehnt war. Also musste Falina doch irgendwo hier sein, auch wenn sie normalerweise seine Arbeitsräume nicht betrat. »Falina?« Er erhielt keine Antwort und in seinem Magen bildete sich ein eisiger Klumpen. War er vielleicht ausgeraubt worden? War der Dieb vielleicht sogar noch hier?
Es gab im königlichen Stadtviertel nicht viel diebisches Gesindel und die meisten waren trickreiche Betrüger oder flinke Taschendiebe. Dass in Häuser eingebrochen wurde, kam eigentlich kaum vor. Welche Beute sollte ein Dieb auch schon in dem Haus eines Schreibers erwarten? Die wichtigsten Dokumente wurden gut verschlossen aufbewahrt. Er hatte durch seine Dienste für die Königsfamilie zwar einiges an Silber verdient, aber eigentlich sollte jedem halbwegs intelligenten Schurken klar sein, dass er nicht besonders viel davon in seinem Haus lagerte.
Trotzdem war nicht von der Hand zu weisen, dass irgendjemand sein Heim betreten haben musste. Wenn er die Haustür schon nicht abgeschlossen hatte, richtig geschlossen hatte er sie auf jeden Fall. Immerhin war er nüchtern nach Hause gekommen und kein Wind oder Sturm konnte den Verschluss dieser speziell angefertigten Tür einfach aufdrücken.
Doch was sollte er tun? Wenn der Eindringling tatsächlich noch im Haus sein sollte, wäre es am besten, nach draußen zu gehen und den nächstbesten Gardisten zu alarmieren. Er würde sich allerdings ziemlich lächerlich machen, wenn es doch Falina sein sollte, die irgendwo im Erdgeschoss seines Hauses herumlief oder vielleicht überhaupt keine Spur eines Einbruchs zu finden war. Die Geschichte würde mit einem deutlichen Hinweis auf seinen Alkoholkonsum am nächsten Morgen die Runde machen.
Jalino entschied, selbst nachzusehen. Es war viel wahrscheinlicher, dass Falina aus irgendeinem Grund nicht in der Vorhalle gewartet hatte oder überhaupt niemand da war, als dass er tatsächlich auf einen Dieb treffen würde. Und selbst wenn wäre es äußerst ungewöhnlich, wenn der Halunke ihn angreifen würde, anstatt einfach zu fliehen.
Trotzdem war Vorsicht geboten. Der Schreiber ging zurück zur Treppe und öffnete an der dritten Treppenstufe ein kleines Geheimfach. Es gab einige solcher Verstecke in Jalinos Haus, in denen er Silber, teure Gegenstände und auch Waffen verborgen hielt. Er war kein ausgebildeter Kämpfer und konnte lediglich einigermaßen mit Dolchen und leichten Kurzschwertern umgehen.
Er nahm den einfachen, gekrümmten Dolch aus der Vertiefung und verschloss das Geheimfach wieder. Bevor er seine Arbeitsräume betrat, löschte er bis auf eine einzige alle Kerzen, so dass er zwar noch etwas Licht hatte, aber nicht seine Position oder sein Erscheinen sofort mit aller Helligkeit preisgab.
Jalino öffnete die Tür zu dem Zimmer, in dem er Kunden zu empfangen pflegte, wenn er sie nicht in ihrem Zuhause aufsuchte. Der Raum lag in völliger Dunkelheit und der Schreiber sog prüfend die Luft ein, doch er roch nichts Ungewöhnliches. Niemand hatte in diesem Zimmer vor kurzem eine Flamme gelöscht, um sich zu verbergen. Es gab zwar auch magische Kristalle, die Licht erzeugen konnten, aber die normalen Diebe und Räuber verfügten nicht über die notwendigen Fähigkeiten, mit so einem Gegenstand umzugehen.
Das Licht der Kerze reichte gerade dazu aus, schemenhaft die Einrichtung aus der Dunkelheit hervorzuheben. Nichts schien irgendwie verändert und in der schummrigen Beleuchtung erkannte er auch nichts, was auf einen Einbruch hinwies. Auch ohne Licht hätte er um die Möbelstücke herum manövrieren können, ohne dagegen zu stoßen. Leisen Schrittes erreichte er eine weitere Tür.
Sie führte in das eigentliche Schreibzimmer, wo er ungestört Übersetzungen vornehmen und Texte ordentlich niederschreiben konnte, manchmal bis tief in die Nacht hinein. Die Tür war nur angelehnt und er öffnete sie langsam, damit die Scharniere nicht quietschten. Schon vor Wochen hatte er sie ölen wollen und jetzt verfluchte er sich im Stillen für seine Faulheit.
Die Kerzen in seinem Schreibzimmer brannten und warfen harte, zuckende Schatten an die Wände. Jalino blieb reglos stehen, als er den Besucher erblickte, der hinter dem Schreibpult saß und ihn mit einem sanften Lächeln begrüßte. Er hatte mit vielem gerechnet, aber der Mann, der in sein Haus eingedrungen war, sprengte seine Vorstellungskraft.
Kamar, der Magier des königlichen Hofes, saß gelassen in dem schweren, mit Leder bezogenen Sessel. Er hatte die Kapuze des grauen Umhangs zurückgeschlagen, die ihn auf seinem Weg hierher vor unliebsamen Blicken geschützt hatte. Der Magier war unter Hunderten, wenn nicht Tausenden von Männern zu erkennen.
Blauschwarzes Haar wallte in wilden Locken über seine Schultern, nur einige Strähnen waren zu sauberen Zöpfen geflochten. In die Zöpfe waren mehrere Ringe eingearbeitet, in die Runen eingraviert waren, und in einige der Schmuckstücke waren Splitter von Edelsteinen eingefasst. Kamar trug auf der Stirn und jeder Schläfe eine Tätowierung, ebenfalls magische Zeichen, deren Bedeutung Jalino nicht kannte. Die Augen des Magiers waren von einem satten und intensiven Grün.
Es gab einige Alvarūn mit mehr oder weniger ausgebildeten, magischen Fähigkeiten und sie alle trugen die einzigartigen Gemeinsamkeiten der magischen Linie. Die Haare waren von einem seltenen Blauschwarz, manchmal so intensiv, dass sich dunkelblaue Strähnen von sonst tiefem Schwarz abhoben. Das Grün der Augen war so durchdringend, dass es oftmals unnatürlich wirkte.
Das auffälligste Merkmal war jedoch die Färbung der Haut. Alle Alvarūn hatten gewöhnlich eine lebendige, gesunde Hautfarbe, die Sonnen- und Mondlicht sanft reflektierte. Nicht so diejenigen, die der magischen Linie angehörten. Ihre Haut war hell, manchmal sogar fast elfenbeinfarben oder weiß. Elfisch. Böse Zungen behaupteten, die Alvarūn wären überhaupt nur durch eine Kreuzung mit einem magischen Elfen zur Magie gekommen.
Jalino blickte den Magier schweigend an und fragte sich, was er hier zu suchen hatte. Dann sah er, dass eine lederne Mappe vor Kamar auf dem Tisch lag. Der Umschlag, in dem er diese Mappe aufbewahrt hatte und den er erst an diesem Mittag verschlossen hatte, lag mit gebrochenem Siegel daneben. Es war das Testament des Königs.
Er blickte an Kamar vorbei in einen seiner Aufbewahrungsräume, in denen sich Bücher, Folianten und Dokumente bis unter die Decke stapelten. Der Magier hatte das Geheimfach im Boden gefunden und geöffnet. Jalino erkannte keine Anzeichen für Gewalteinwirkung, aber das hatte ein Magier von Kamars Schlag sicherlich auch nicht nötig. Schlösser jeder Art zu öffnen, solange sie nicht magisch gesichert waren, musste zu seinen leichteren Übungen gehören.
»Was hat das zu bedeuten?«, verlangte Jalino zu wissen. Der Klumpen in seiner Magengegend war noch größer geworden und schien eisige Kälte in seine Gedärme und seine Knochen auszusenden. Er wusste, was der König an diesem Mittag für den Fall seines Todes verfügt hatte. Es gab nur wenige Gründe und Szenarien, die ausgerechnet Kamar wegen dieser Verfügung hierher zu ihm geführt haben konnten.
»Die Königin hat mich wegen dem Testament ihres Vaters geschickt.« Kamar ließ die Worte eine Zeit lang wirken. Er sah Erkenntnis in den Augen des Schreibers aufflackern. Dann deutete er auf die Ledermappe hinunter. »Das hier ist nicht das, was sie haben möchte.«
»Ihr sprecht von Jorïna«, entgegnete Jalino und spürte, wie sich sein Puls beschleunigte. Er hatte keinen Zweifel daran, dass Kamar hier war, um von ihm zu verlangen, das Testament auf Jorïna umzuschreiben. Es konnte kein Zufall sein, dass der König ausgerechnet in dieser Nacht verstorben war. Fieberhaft dachte er darüber nach, wie er sich verhalten sollte. Zur Flucht blieb ihm nur wenig Zeit. Der Magier musste ahnen, dass er sich nicht freiwillig dazu bereit erklären würde und wählte wahrscheinlich gerade in diesem Moment den Zauber aus, den er verwenden wollte, um ihn gefügig zu machen.
Jalino reagierte impulsiv, sprang nach vorne und hieb mit dem Dolch in Kamars Richtung, während er nach der Ledermappe mit dem Testament griff. Vielleicht konnte er die Konzentration des Magiers lange genug durchbrechen, um mit dem letzten Willen des Königs auf die Straße hinauszufliehen. Er verfehlte Kamar, trotzdem gelang es ihm, die Mappe an sich zu reißen. Er hastete auf die Tür zu, doch bevor er sie erreichen konnte, flog sie so heftig ins Schloss, dass die Wände leicht erzitterten und Staub von der Decke rieselte. Leise ertönte das Knirschen von Metall, als der Mechanismus in Gang gesetzt wurde, der die Tür verriegelte.
Mit rasendem Herzen blieb er stehen und drehte sich zu Kamar um. Der Magier hatte sich erhoben und lächelte noch immer. Er schien nicht einmal erbost über den Fluchtversuch zu sein. Jalino erkannte, dass Kamar schlicht und einfach wusste, dass es für ihn kein Entkommen gab. Auch die Tür zu seinen Lagerräumen war verschlossen worden und es gab in diesem Zimmer kein Fenster. Er saß in der Falle.
