Waffenbrüder - Hailey Winter - E-Book

Waffenbrüder E-Book

Hailey Winter

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Beschreibung

Die Minen Izmariths und Edenhoal hüten eines von Jorïnas dunkeltsten Geheimnissen. Um eine Chance gegen die finsteren Verbündeten der Königin zu haben, beschließt der Widerstand, Waffen und Ausrüstung aus Gæybriels Welt einzusetzen. Ariane und Skonar begleiten den Gesetzlosen in die Nivero-Galaxie, um diese zu besorgen. Allerdings gestaltet sich der angekündigte Spaziergang keineswegs als solcher, denn nicht nur die Zentrale Ordnungsbehörde der menschlichen Regierung hat mit Gæybriel noch eine Rechnung offen. Wenn Schwerter und Magie versagen: Nach dem eisigen Nordgebirge und einer mysteriösen Insel unternimmt der dritte Band einen Abstecher in eine technisch hochentwickelte SciFi-Galaxis mit Cyberpunk-Einfluss.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Hailey Winter

Waffenbrüder

Die Autorin

Hailey Winter ist das Pseudonym der Thriller-Autorin Saskia Berwein. Geboren 1981, aufgewachsen in der Nähe von Frankfurt am Main, folgt sie bereits seit ihrer Jugend dem Altmeister des Horrors Stephen King, der sie einst zum Lesen und schließlich zum Schreiben brachte. Es entstanden zahlreiche Kurzgeschichten, Novellen und Romane, überwiegend beheimatet in der (dunklen) Phantastik. Nach ihrem Durchbruch im Spannungssegment erblicken nun auch diese Werke das Licht der Welt.

Mehr Infos:

www.hailey-winter.de

www.facebook.com/saskiaberweinhaileywinter

www.instagram.com/saskiaberwein_haileywinter

Hailey Winter

Waffenbrüder

Weltenfeuer

Band 3

Fantasy-Epos

Kuneli Verlag

Originalausgabe August 2024

Kuneli Verlag, Forstweg 8, 63165 Mühlheim am Main

Copyright © 2024 Kuneli Verlag UG (haftungsbeschränkt)

Alle Rechte vorbehalten.

1. Auflage (August 2024)

Redaktion: Christoph Möbius, Janine Pavel-Hamp

Cover & Satz: Kuneli Verlag, 63165 Mühlheim am Main

Unter der Verwendung von Bildmaterial von Shutterstock.com

ISBN 978-3-948194-29-1

www.kuneli-verlag.de

1

Jorïna saß gelangweilt hinter dem Schreibtisch und spielte nervös mit den Beeren auf dem vor ihr stehenden Silberteller. Sie hatte vergeblich versucht, Schlaf zu finden, es war ihr aber nicht gelungen. Warum sie sich in das Schreibzimmer zurückgezogen hatte, wo an der Wand zu ihrer Rechten noch immer bleiche Vierecke an die Porträts ihrer Familie erinnerten, war ihr selbst ein Rätsel, ebenso wenig wie sie verstand, welche Laune sie dazu getrieben hatte, Beeren und Kuchen zu verlangen. Nichts davon hatte sie angerührt.

Jeder Versuch der Zerstreuung war fehlgeschlagen. Sie hatte erfolglos versucht, in einem Buch zu lesen, mit ihrer Leibdienerin Karten zu spielen, sich von ihr vorlesen zu lassen. Die Harfenspielerin hatte sie nach dem Viertel einer Stunde wieder fortgeschickt. Balors unangekündigtes Auftauchen vor wenigen Momenten hatte sie nur noch ruheloser werden lassen.

Niemand hatte bei ihr oder ihm Meldung gemacht, dennoch war er erschienen. Seine Erklärung, er habe das dringliche Gefühl gehabt, ins Schreibzimmer zu kommen, hatte sie verwirrt, ihre Anspannung aber noch verstärkt. Denn auch Balor war nervös, offenbar weil er sich sein eigenes Verhalten nicht erklären konnte. Weder ihm noch Jorïna behagte die Vorstellung, dass Kamar seine Rückkehr auf magischem Weg beim Heerführer angekündigt hatte.

Es wäre eine weitere Fähigkeit ihres Verbündeten, von der sie bisher nicht einmal geahnt hatte. Sie würde ihn dazu anhalten müssen, die Protokolle am Hof einzuhalten und weder mit ihr noch mit Balor oder anderen wichtigen Verbündeten magischen Schindluder zu treiben. Auch wenn der Gedanke, wie lächerlich sich ein Mann von Balors Größe und Statur machte, derartige Verwirrung und den Anflug von Furcht zu zeigen, sie wenigstens ein wenig ablenkte.

Jorïna und Balor fuhren gleichermaßen zusammen, als sich die Tür öffnete und der Dunkelmagier eintrat. Sie fragte sich, wie es ihm gelungen war, unbemerkt von der königlichen Leibwache bis hierher zu gelangen, doch ihre Neugier ließ sie diesen Umstand beinahe augenblicklich vergessen. Dass Kamars Gesichtsausdruck derart neutral war, dass sie ihm nicht einmal entnehmen konnte, in welcher Stimmung er war, nährte ihre Ungeduld. Kamar trat gelassen vor den Schreibtisch und schien nicht wahrzunehmen, dass Balor einen Schritt vor ihm zurückwich, um nicht direkt in seiner Nähe zu stehen. Endlich erlöste ein sanftes Lächeln die Königin und den Heerführer, zumindest ein wenig. »Vadira hat die erfolgreiche Ausführung des Angriffs bestätigt. Von den Vertriebenen existiert keine Seele mehr. Die Gardisten sind tot. Ausnahmslos.«

»Ausnahmslos?«, wollte Balor wissen. Er konnte nicht verbergen, dass er hin und her gerissen war. Als er von ihrem Bündnis und ihren Absichten erfahren hatte, hatte er seinen Unmut darüber, einen bestimmten Mord nicht selbst begehen zu können, bereits kundgetan.

Kamar ignorierte die Frage des Heerführers. »Sarakin hat für eine willkommene Überraschung gesorgt. Den Treck haben doppelt so viele Gardisten begleitet wie von Euch verfügt und Sarakin gemeldet hat. Fünfzig mehr … Portionen.«

Das Lächeln und das Glitzern in den stechend grünen Augen des Dunkelmagiers ließ Jorïna innerlich erschauern. Sie hatte zwar keinerlei Mitleid, aber der Gedanke an die Art und Weise, auf die die Alvarūn gestorben waren, war nichts, woran sie sich erfreute.

»Sie kamen nicht einmal dazu, ihre Schwerter zu erheben«, setzte Kamar seinen Bericht unbeirrt fort.

Jorïna wandte sich den praktischen Aspekten zu, bevor ihr Frösteln noch für die beiden Männer ersichtlich wurde. Fünfzig Tote mehr und damit fünfzig Mitglieder der Garde weniger, um die sie und ihre Verbündeten sich Gedanken machen mussten. Sarakins eigenständige, hinter ihrem Rücken gefällte Entscheidung beunruhigte sie trotzdem, denn sie hinterließ das unbestimmte Gefühl, dass weder sie noch Balor oder Kamar ihn jemals richtig eingeschätzt hatten.

»Was ist mit Sarakin?«, fragte Jorïna, bevor es Balor tun konnte.

Kamars Hand glitt so schnell in seine Gewänder, dass die Bewegung kaum auszumachen war. Er warf etwas, das mit einem dumpfen Klirren auf der Tischplatte landete, darüber rollte und direkt neben Jorïnas Teller zum Liegen kam. Sie sah kurz auf das Schmuckstück hinunter, bevor sie es mit einem leisen Lächeln in die Hand nahm. Es war der Siegelring des Kommandanten der königlichen Garde. Silbriges Blut hatte sich in den Rillen des Wappens Azariels gesammelt und war getrocknet.

Da Sarakin nicht mehr unter den Lebenden weilte, war es nicht mehr von Bedeutung, ob er sie erfolgreich getäuscht hatte oder nicht. Seine wie auch immer gearteten Vorahnungen hatten weder ihn noch seine Untergebenen oder die Vertriebenen gerettet.

Unter anderen Umständen hätte sie Balor für die Unverschämtheit angefahren, die Hand fordernd auszustrecken, doch ihre eigene Befriedigung stimmte sie milde. Es war für den Heerführer von übertriebener, wenn auch nachvollziehbarer Bedeutung, dass ihm die Möglichkeit genommen worden war, sich seines Erzfeindes eigenhändig zu entledigen. Die zwischen Triumph, Enttäuschung, Wut und Freude schwankenden Gefühle waren ihm ins Gesicht geschrieben, als sie ihm den Ring reichte.

In gewisser Weise konnte Jorïna seine Zerrissenheit sogar nachempfinden. Allein für seinen letzten Akt des Widerstands hätte sie Sarakin nur allzu gern persönlich etwas angetan. Ebenso wie Balor hätte sie es genossen, ihn gefangen zu setzen und sich ein paar Tage mit ihm in den Kerkern zu beschäftigen. Sein Tod war allerdings die einfachste und sicherste Variante.

Sie begegnete Kamars Blick, der darauf wartete, entlassen zu werden. Ihn schienen die Vorgänge in keiner Weise zu berühren.

Sie nickte dem Dunkelmagier zu. Ihr Nicken enthielt nicht nur die erhoffte Genehmigung, sich entfernen zu dürfen, sondern auch die Anerkennung dafür, dass seine Pläne sie derart schnell an diesen Punkt geführt hatten.

Nachdem er gegangen war, erhob sie feierlich den noch unangetasteten Weinkelch und prostete Balor mit einem wölfischen Lächeln zu. »Sarakin ist tot. Lang lebe die königliche Garde.«

2

Bereits kurz nachdem die beiden Gruppen Adunai verlassen hatten, trennten sich ihre Wege. Während sich Gæybriel, Sarakin und Ariane Richtung Norden orientierten, schlugen Skonar und Fenrik die entgegengesetzte Richtung ein. Am späten Abend erreichten Gæybriel, Sarakin und Ariane den Waldrand und schlugen ihr Nachtlager auf.

In den nächsten Tagen verlief ihre Reise ohne nennenswerte Zwischenfälle. Tagsüber ritten sie gen Nordwesten, nachts errichteten sie ihr Lager an geschützten Stellen. Sie mieden Ortschaften und Höfe, nur einmal machten sie in einem kleinen Dorf weitab der Handelsstraßen halt, um etwas Proviant zu kaufen. Auch wenn sie die Nachtwache unter sich aufteilten, blieben Ariane und Sarakin dem Gesetzlosen gegenüber wachsam.

Gæybriel versuchte, etwas über Arianes Herkunft zu erfahren, doch sie schwieg sich darüber aus. Der Gesetzlose selbst hatte nicht die Absicht von seinem früheren Leben und seiner Vergangenheit zu erzählen, weshalb sich ihre Konversation auf Notwendigkeiten beschränkte.

Obwohl Sarakin Arianes Ausbildung als beendet erklärt hatte, trainierten sie abends häufig, allerdings ausschließlich mit scharfen Klingen. Er revanchierte sich mehr als einmal für seine Niederlage und insgesamt erzielten sie ein recht ausgeglichenes Verhältnis.

Oberflächlich war ihre Beziehung zueinander noch immer dieselbe, wenn man davon absah, dass Sarakin sie während ihres Trainings nicht mehr wie einen Lehrling behandelte. Trotzdem hatte sich zwischen ihnen seit der gemeinsam verbrachten Nacht etwas verändert. Aber sie wusste das Gefühl, das seine Nähe in ihr auslöste, nicht einzuordnen.

Bis sie eines Abends zusammen am Feuer saßen und sich ihre Hände zufällig ohne den Schutz von Handschuhen berührten, als sie gleichzeitig nach einem Brotlaib griffen. Ariane spürte seine Berührung, diesen kurzen und vollkommen unbedeutenden Kontakt nackter Haut, wie einen Stromschlag durch ihren Körper fahren.

Erst in diesem Moment wurde ihr bewusst, dass sie Sarakin noch immer begehrte. Sie verspürte noch immer dieses pure, körperliche Verlangen, das sie in dieser einen Nacht verzehrt hatte und jede Faser ihres Körpers schien sich danach zu sehnen, sich ihm erneut hinzugeben.

Es war eine Erkenntnis, die sie überraschte und gleichzeitig verwirrte, denn eigentlich war sie sich im Klaren darüber gewesen, dass es nur diese eine Nacht zwischen ihnen geben würde. Um den Kopf freizubekommen, verließ sie an diesem Abend das Lager für einen kurzen und einsamen Spaziergang und versuchte, sich über ihre Gefühle und ihre Absichten klar zu werden.

Sie hatte mit Sarakin geschlafen und sie hatten in einer harmonischen Art und Weise miteinander agiert, die sie zuvor selbst in lang andauernden Beziehungen kaum erlebt hatte. Er hatte ein instinktives Gespür dafür bewiesen, wie und wo er sie berühren und wie er mit ihr umgehen musste. Ohne zu fragen hatte er sich immer weiter vorgetastet und hatte es wie kein anderer Mann vor ihm verstanden, ihre wortlosen Signale richtig zu deuten und entsprechend zu reagieren.

Zwischen Sarakin und den Männern ihrer Welt lagen tatsächlich Welten – oder über dreihundert Jahre Erfahrungsvorsprung mit dem anderen Geschlecht. Trotzdem konnte sie deshalb nicht für den Rest ihrer gemeinsamen Zeit wie ein ausgehungerter Teenager auf ihn reagieren.

Ihre Übereinkunft war nicht in Worte gefasst worden, trotzdem hatten sie beide dasselbe gewollt – ohne irgendeine Art von Bindung, Verpflichtung oder Erwartung. Ein einmaliges Erlebnis, das sich nicht wiederholen sollte.

Trotzdem kreisten ihre Gedanken um ein weiteres Mal Hingabe und Vereinigung. Ihr Begehren hatte zwar in dieser einen Nacht Befriedigung gefunden, war aber zugleich aufs Neue entfacht worden. Es fiel ihr überaus schwer, die dringend benötigte Selbstdisziplin aufzubringen, trotzdem waren ihre Empfindungen etwas, das sie vor Sarakin verbergen musste.

Sie hatte von Maynara genug über den Kommandanten der königlichen Garde erfahren, um eine Vorstellung davon zu haben, wie er auf ihr Verlangen reagieren würde.

Er war ein Mann für eine Nacht. Nicht mehr.

3

Sie erreichten die Ruine eines verlassenen Gehöfts, das Sarakin und Gilar in der Reiseroute des Vertriebenentrecks als einen möglichen Treffpunkt vereinbart hatten.

Sarakin war zunehmend unruhig geworden, nachdem sie die letzten beiden Wegpunkte erreicht hatten, die augenscheinlich noch nicht von den Vertriebenen passiert worden waren. Seinen Berechnungen zufolge hätte der Treck diese Wegpunkte längst passiert haben müssen, selbst wenn sein Vorankommen allen möglichen Widrigkeiten ausgesetzt gewesen wäre.

Um die Ruine herum erstreckte sich eine weitläufige Graslandschaft. Schon von Weitem konnten sie im Westen die Überreste eines Lagers erkennen.

»Wir scheinen sie verpasst zu haben«, meinte Gæybriel.

Sarakin schüttelte den Kopf. Seine innere Unruhe war ihm deutlich anzumerken. »Dann müssten sie von dem geplanten Weg abgewichen sein und mir ist auf unserer Reise nichts aufgefallen, das Gilar zu einer solchen Entscheidung bewegt haben könnte.« Er gab seinem Pferd die Sporen und Gæybriel und Ariane folgten ihm, als er es in Richtung Lager lenkte.

Bereits der Geruch bestätigte Sarakins schlimmste Befürchtungen. Der Wind trug ihnen einen fauligen Verwesungsgestank entgegen. Sie entdeckten eine Horde Vögel, die Raben nicht unähnlich und als Aasfresser bekannt waren, bevor sich letztlich der Ort vor ihnen ausbreitete, der einmal ein Nachtlager für einige hundert Lebewesen gewesen war.

Die Wiese, die vor ihnen lag, glich einem Schlachtfeld.

Sarakin stieg von seinem Pferd und sah sich fassungslos um. Ariane und Gæybriel wagten nicht einmal, abzusteigen.

Überall lagen zerfetzte Kleidungsstücke und bereits verwesende Leichenteile herum. Getrocknetes Blut benetzte das Gras und durchtränkte den Boden. Zwischen fleischlichen Überresten und abgenagten, zermalmten Knochen lagen wenige Wracks zerstörter Kutsch- und Fuhrwerke.

Die Getöteten waren weder in einem fairen Kampf ums Leben gekommen noch in einem Massaker durch die Waffen ihrer Angreifer niedergemetzelt worden. Es sah eher danach aus, als wären die Vertriebenen und Gardisten von wilden Tieren zerfleischt worden. Auch die Pferde und Lasttiere waren dem Angriff zum Opfer gefallen.

Ariane hatte Schwierigkeiten, ihren rebellierenden Magen unter Kontrolle zu bringen. Der Gestank und der Anblick weckten ungute Erinnerungen und waren beinahe zu viel für sie.

»Was ist hier passiert?«, murmelte sie leise. Es war unmöglich abzuschätzen, wie viele Lebewesen hier den Tod gefunden hatten. Sie hatte starke Zweifel daran, dass irgendjemand entkommen war.

Gæybriel war vollkommen verstummt, während er auf die Szenerie starrte. Viele seiner Untertanen hatten gehofft, dass ihre Familien oder ihre Freunde die Räumung des Viertels überlebt hatten und sich auf dem sicheren Weg in den Süden befanden. Mit einem Mal war all ihre Hoffnung zerschlagen und obwohl er persönlich nicht betroffen war, fühlte er sich miserabel.

Sarakin setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen, doch es war fast unmöglich, die sterblichen Überreste zu umgehen. Er wanderte eine gute halbe Stunde umher, bevor er in die Hocke ging und irgendetwas am Boden untersuchte. Ariane konnte nur erkennen, dass er irgendetwas in die Hand nahm, bevor sich ein halb erstickter Schrei seiner Kehle entrang.

Als Sarakin zu ihnen zurückkam, war sein Gesicht vollkommen erstarrt, auf seinen Wangen glitzerten silbrige Tränen. Von seiner rechten, zur Faust geballten Hand baumelte ein kleines, goldenes Amulett herab.

Als Ariane den Mund öffnete, um etwas zu sagen, gebot er ihr nur mit dem stummen Heben seiner linken Hand zu schweigen. Eine Zeit lang stand er vollkommen reglos neben seinem Pferd und starrte mit leerem Blick über das Schlachtfeld.

Irgendwann wagte es Gæybriel, ihn anzusprechen. »Was ist hier geschehen?«

Sarakins Stimme klang hart und eisig. Er sah Gæybriel nicht einmal an. »Jorïna.«

»Du glaubst, Jorïna hat ihnen das angetan?«, hakte Ariane nach. Sie verspürte den Drang, zu ihm zu gehen und ihm irgendwie beizustehen, wagte es aber nicht.

»Ich weiß nicht, was sich an diesen Lebewesen gütlich getan hat. Doch ich bin mir absolut sicher, dass Jorïna dafür verantwortlich ist«, entgegnete Sarakin tonlos.

»Das kann noch nicht allzu lange her sein«, meinte Gæybriel. »Bisher hat uns die Kunde nicht erreicht. Wenn das erst einmal bekannt wird, wird Jorïna Schwierigkeiten bekommen.«

»Niemals«, antwortete Sarakin sofort. »Sie wird vorgesorgt haben und es irgendjemanden in die Schuhe schieben.«

»Wir sollten … die Toten begraben«, schaltete sich Ariane ein. Sie hätte beinahe das Wort Überreste benutzt.

Gæybriel stimmte ihr zu. »Sollen wir Skonar kontaktieren? Wir werden sehr viel länger unterwegs sein als er und es wäre mir lieber, wenn meine Leute von diesem Vorfall erfahren würden, bevor er die Runde in ganz Azariel macht.«

Sarakin nickte. »Das wird deine Aufgabe sein.«

Sie arbeiteten den Rest des Tages und die ganze Nacht durch, ohne zu schlafen. Da ihnen die notwendigen Werkzeuge fehlten, konnten sie lediglich provisorisch die Überreste der Toten mit Erde verschütten, so dass sich die rabenähnlichen Vögel nicht auch noch mit den letzten Fleischresten die Bäuche vollschlagen konnten. Keiner von ihnen sprach ein Wort. Die Aufgabe brachte sie an ihre physischen und mentalen Grenzen.

Als sie ihre Arbeit beendet hatten, schickte die Sonne bereits ihre ersten wärmenden Strahlen über die Ebene. Obwohl längst Zeit zum Aufbruch war, kniete Sarakin noch immer regungslos vor einem der zahlreichen Erdhügel, auf dem er das goldene Medaillon abgelegt hatte. Er weinte lautlos, sein Gesicht war zu einer Maske aus Schmerz, Trauer und Wut erstarrt.

Obwohl Ariane und Gæybriel seine Nähe in den letzten Stunden instinktiv gemieden hatten, drückte sie jetzt Gæybriel die Zügel ihres Pferdes in die Hand und ging zu ihm. Sie stand einige Augenblicke lang wortlos hinter ihm, bevor sie es wagte, eine Hand beruhigend auf seine Schulter zu legen. Zu ihrer Überraschung griff er danach und drückte sie so fest, dass es schon weh tat.

»Das Medaillon gehörte Gilar, nicht wahr?«, fragte sie leise. Sie wusste über den zweiten Mann der königlichen Garde kaum mehr, als dass er ein Freund Sarakins gewesen war.

Sarakin nickte stumm. Er fand erst einige Sekunden später seine Stimme wieder, um ihr zu antworten. »Er war mehr als nur ein Freund. Wir sind zusammen aufgewachsen. Er war wie ein Bruder für mich. Wir haben so viel gemeinsam durchgestanden … Ich kann nicht begreifen, dass er tot ist …«

»Es tut mir leid.« Ariane kam sich fehl am Platz vor. Doch selbst wenn sie gewollt hätte, hätte sie sich nicht zurückziehen können, da Sarakin noch immer ihre Hand umklammert hielt.

Mehrere Minuten vergingen, bevor er sie endlich freigab. Als er sprach, wusste sie, dass er seine Worte nicht an sie, sondern an den Toten richtete. »Ich werde den Tod und das Leid dieser Wesen rächen. Ich werde für dein grausames Sterben Vergeltung üben.«

Ariane zuckte zusammen, als er vollkommen unvermittelt seinen Dolch zog. Noch bevor sie einschreiten konnte, schlitzte sich Sarakin mit einer fließenden Bewegung das Handgelenk auf. Silbriges Blut schoss hervor und benetzte das Grab und das Medaillon. »Das schwöre ich bei meinem Blut.«

Der Blutstrom versiegte und der Schnitt begann sich langsam zu schließen. Sarakin erhob sich, schob den Dolch zurück in die Scheide an seinem Gürtel und ging wortlos auf sein Pferd zu.

Ariane und Gæybriel wechselten einen kurzen Blick, bevor sie ihm mit schnellen Schritten nachging. »Was hast du vor?«, wollte sie wissen, aber er gab keine Antwort.

Er erreichte sein Pferd und öffnete die Satteltaschen.

»Ich habe dich etwas gefragt!« Ihre Stimme nahm einen scharfen Unterton an, trotzdem ignorierte er sie. »Rede mit mir, verdammt noch mal!«

Sarakin zog einen schwer aussehenden Lederbeutel aus seinen Satteltaschen. Von dem metallischen Geräusch von Münzen begleitet reichte er ihn ihr. »Für eure Ausrüstung im Norden.«

Ariane sah ihn nur wortlos an, ohne nach dem Beutel zu greifen. Schließlich verschränkte sie demonstrativ die Arme vor der Brust.

»Nimm den Beutel!«, befahl Sarakin gereizt. »Oder willst du, dass ich Gæybriel das ganze Silber überlasse?!«

Sie begegnete schweigend seinem Blick.

Sarakin stieß ein verächtliches Schnauben aus, dann drehte er sich zu dem Gesetzlosen um, der die ganze Szene aus ein paar Metern Entfernung beobachtete und warf ihm den Beutel zu. Gæybriel fing ihn auf und wog sein Gewicht bedächtig in den Händen. Sarakin schloss die Satteltaschen und stieg auf sein Pferd.

Ariane griff nach dem Zaumzeug des Rappens und hielt das Tier entschlossen fest. Finster blickte sie zu Sarakin auf. »Was hast du vor?«, wiederholte sie ihre Frage.

Sarakin seufzte ungeduldig. »Glaubst du tatsächlich, dass du mich damit aufhalten kannst?« Er schüttelte den Kopf. »Wenn du es unbedingt wissen musst … Ich werde nach Narima zurückkehren und Jorïna zur Rede stellen.«

Ariane wusste sehr wohl, dass es ihm nicht nur darum ging, Jorïna mit seiner Entdeckung zu konfrontieren und Antworten von ihr zu fordern. »Das ist ein äußerst dummes Vorhaben. Sie hält dich für tot.«

»Tut sie das?«, gab er gereizt zurück. »Dann ist es an der Zeit, ihre Illusionen zu zerstören.«

»Willst du dich selbst ans Messer liefern?!«, herrschte Ariane ihn wütend an. Sie hatte Verständnis für seine Reaktion, trotzdem hätte sie erwartet, dass er seinem Verstand und nicht seinen Gefühlen folgen würde. »Sie wird dich umbringen!«

»Wenn sie die Gelegenheit dazu bekommt, vielleicht«, entgegnete er düster.

Ariane suchte erfolglos seinen Blick. »Du lieferst ihr nicht nur dich selbst aus, sondern uns anderen auch. Und noch dazu gibst du deine im Moment stärkste Waffe aus der Hand.«

»Du redest Unsinn!«

»Ich glaube, der Einzige, der im Augenblick Unsinn redet, bist du! Deine stärkste Waffe ist am Leben zu sein, obwohl Jorïna glaubt, du wärest tot. Wenn du jetzt nach Narima spazierst, wird sie sich fragen, wie du überleben konntest und wieso du nicht während des Überfalls bei dem Treck warst. Wahrscheinlich wird sie dich nicht sofort töten, sondern dich so lange foltern, bis sie befriedigende Antworten erhält. Was glaubst du, wie lange es dauert, bis sie die Wahrheit über Maynara und uns von dir erfährt? Fünf Tage, zwei Monate? Sie ist klug. Selbst wenn du bis zu deinem Tod standhaft bleibst, wird sie zwei und zwei zusammenzählen. Sie würde dich vermutlich nur am Leben lassen, um uns anderen in die Falle zu locken, weil sie hofft, dass wir dich nicht einfach in ihren Fängen verrecken lassen würden!«

Sarakin brüllte beinahe. »Ihr wäret nicht so dumm, zu versuchen, mich zu befreien!«

»Die anderen vielleicht nicht, ich schon!«, stieß Ariane aufgebracht hervor.

Sarakin verstummte und blickte sie schweigend einige Sekunden lang an. Viel ruhiger als zuvor, sagte er schließlich: »Du kannst nicht von mir verlangen, nichts zu tun.«

Sie schüttelte den Kopf. »Das fordere ich auch gar nicht. Aber du bist im Augenblick nicht in der Verfassung, solche Entscheidungen zu treffen. Du wirst deine Rache bekommen, doch du musst auf den richtigen Zeitpunkt warten.« Sie unterbrach sich kurz. Dieses Mal gelang es ihr, seine Augen einzufangen. »Ich werde nicht zulassen, dass du dich in einen sicheren Tod stürzt und wenn es bedeutet, dass ich dich überwältigen und an dein Pferd fesseln muss.«

Seine Mundwinkel zuckten, doch das Lächeln fand nicht seinen Weg. »Du würdest nicht einmal wagen, es zu versuchen.«

»Sei dir da nicht zu sicher«, entgegnete sie. »Ich kann verstehen, warum du das tun willst und ich weiß auch, dass dir tief in deinem Inneren bewusst ist, dass du einen schweren Fehler begehen und gegen deine eigenen Regeln verstoßen würdest, wenn du deinen Gefühlen nachgibst.«

Sarakin antwortete nicht. Seine Zähne mahlten unruhig aufeinander.

»Denk daran, wie du versuchst, Maynara vor sich selbst zu schützen. Du verbietest ihr alles Mögliche, kontrollierst sie und sorgst dafür, dass sie sich nicht unvorbereitet und ohne nachzudenken in irgendwelche Gefahren stürzt. Sonst wäre sie ihrer Schwester längst zum Opfer gefallen. Was für Maynara gilt, sollte aber auch in gleicher Weise für dich gelten.« Sarakin entgegnete nur schweigend ihren Blick. »Was sind deine eigenen Regeln wert, wenn du dich selbst nicht an sie hältst?«

»Nichts«, entgegnete er nach einigen Sekunden tonlos, wich ihrem Blick aus und sah zu Boden. Frische Tränen glitzerten in seinen Augenwinkeln, doch er ließ nicht zu, noch einmal vor ihr und Gæybriel die Fassung zu verlieren.

»Es ist deine Entscheidung, ob du Gæybriel und mich auf unserer Reise in den Norden begleitest oder in den Dunkelwald zurückkehrst. Doch solltest du dich für die Rückkehr nach Adunai entscheiden, werde ich dich nicht eher ziehen lassen, bis du mir geschworen hast, keinen Umweg zu machen. Du verstehst, was ich meine?«

Sarakin nickte stumm. »Ich werde euch begleiten«, erklärte er nach einigen Sekunden. »Ihr könnt Hilfe gebrauchen.«

»Ein Versprechen muss ich dir trotzdem abnehmen«, erwiderte Ariane sanfter als zuvor. »Dass du nicht versuchst, dich nachts abzusetzen und dein Vorhaben doch noch durchzuziehen.«

Er zögerte. »Ich verspreche es«, presste er schließlich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Ariane war nicht völlig zufrieden mit seiner Reaktion. Bei einigen anderen hätte sie vermutlich nachgehakt, doch Sarakins Ehre und sein Stolz würden dafür sorgen, dass er sein Versprechen hielt. Sie ließ sein Pferd los und trat zurück. »Ich nehme dich beim Wort.«

4

Skonar kniff die Augen zusammen, als er in weiter Ferne ein Licht entdeckte, das sich aus der nächtlichen Dunkelheit vor ihnen schälte. Sie ritten in gemächlichem Tempo darauf zu und kamen der Lichtquelle nur langsam näher. Noch bevor der junge Reisende erkannte, dass es durch die Fenster eines kleinen, windschiefen Häuschens fiel, wurde er sich dem Klang des Meeres bewusst.

Auch wenn Fenrik ihm keinerlei Informationen gegeben hatte, war es ihm gelungen, ihre Reiseroute einigermaßen nachzuvollziehen. Sie mussten sich auf der Landzunge befinden, die die Bucht von Sharadan im Westen einschloss. Als sie das Haus fast erreicht hatten, sah Skonar seine Vermutung bestätigt. Nur wenige Schritte hinter dem Gebäude endete das Land. Steile Klippen führten beinahe hundert Meter zum Meer hinab.

Obwohl er sich inzwischen sicher war, dass sich der Gesetzlose auch weiterhin in Schweigen hüllen würde, fragte er: »Was ist das für ein Ort?«

Fenrik reagierte nicht sofort. Er machte sich nicht einmal die Mühe, seinem Gefährten einen Blick über die Schulter hinweg zuzuwerfen. »Du solltest diesen Ort und den Weg hierher schnell wieder vergessen.«

Er zügelte sein Pferd und wartete, bis Skonar zu ihm aufgeschlossen hatte, bevor er hinzufügte: »Du wirst in dieser Nacht vieles zu sehen und zu hören bekommen, was weder für deine Augen noch für deine Ohren bestimmt ist. Wenn du diese Nacht überleben willst, hältst du dich im Hintergrund und verbleibst taub und stumm. Hast du das verstanden?«

Skonars Blick ruhte auf dem kleinen Gebäude, das nicht mehr als zwei Räume beherbergen konnte. Ihm drangen sich vielfältige Fragen auf, die er für sich behielt. Fenrik hatte ihm auf ihrer Reise zur Genüge zu verstehen gegeben, dass er seine Geheimnisse wahren würde. »Ich habe verstanden«, bestätigte er.

Sie legten die letzten Meter zu dem Haus zurück. Es gab keinen Unterstand, weshalb sie ihre Pferde an den Überresten eines maroden Zauns festbanden, der ein Stückchen Erde einschloss, das nur noch entfernt an einen Garten erinnerte.

Fenrik legte schweigend seine Bewaffnung an, bevor er gefolgt von dem Reisenden auf die Vorderseite des Hauses zurückkehrte. Er schien einen Moment zu zögern, bevor er den Arm hob und so kräftig anklopfte, dass die gesamte Tür in ihren Angeln erzitterte.

Einen Moment lang geschah nichts, dann hörten sie, wie Schritte zur Tür schlurften, die im nächsten Augenblick einen Spalt breit geöffnet wurde. Sie blickten in das zerfurchte Gesicht eines alten Alvarūns, der einen mit Flicken überzogenen Hausmantel trug. »Ja, was ist?«, fuhr er die beiden Männer unfreundlich an.

»Wir wollen passieren.« Fenrik zog eine Münze aus seiner Hosentasche und hielt sie dem Alten hin.

Skonar hielt sie zuerst für ein ganz gewöhnliches Silberstück, doch als der Mann die Münze entgegennahm und sie mit zusammengekniffenen Augen im dämmrigen Licht musterte, erkannte er eine ihm vollkommen fremde Gravur.

Der Alte ließ sich Zeit. Auf seinem Gesicht erschien ein überraschter Ausdruck. »Es gibt nicht mehr viele hiervon«, murmelte er. Er gab Fenrik die Münze zurück und verschwand im Haus, ließ die Tür hinter sich allerdings offen stehen.

Der Gesetzlose betrat gefolgt von Skonar den Innenraum. Er beachtete den alten Mann nicht weiter, der sich in einen Sessel beim Kamin niedergelassen hatte und sie ebenfalls ignorierte. Zielstrebig wandte er sich dem zweiten Raum zu, in dem eine Küche eingerichtet war. Im Ofen brannte ein Feuer, das nur schummriges Licht spendete.

Erstaunt sah Skonar dabei zu, wie Fenrik den Schrank in der hinteren rechten Ecke öffnete. Seine Regale waren bis auf wenige Behälter leer, trotzdem griff der Gesetzlose hinein. Der Reisende konnte nicht sehen, was er genau tat, doch als Fenrik schließlich einen Schritt zurücktrat, war der Schrankboden, der in Wirklichkeit eine Luke war, aufgeklappt und gab den Blick auf ein Loch im Boden frei.

Fenrik überprüfte den Sitz seiner Lederhandschuhe. »Es geht ziemlich steil nach unten und es gibt kein Licht. Schließ die Schranktür und die Luke hinter dir.« Weitere Erklärungen blieb er dem jungen Magier schuldig, kletterte in das Loch und war im nächsten Moment verschwunden.

Skonar näherte sich dem Schrank mit einem flauen Gefühl in der Magengegend. Zuerst glaubte er, Fenrik habe sich fallen lassen, doch dann entdeckte er am Rand der felsigen Öffnung eine Kette, die in die Dunkelheit hinab führte. Er zögerte einige Sekunden lang, bevor er dem Gesetzlosen folgte und wie von ihm befohlen den Schrank und die Luke schloss.

Sie kletterten durch absolute Dunkelheit. Der Schacht fiel an den meisten Stellen senkrecht ab, dank der Kette und zahlreichen Felsnischen fand Skonar glücklicherweise genügend Halt. Er hatte keine Ahnung, wie lange er schon den Klettergeräuschen des Gesetzlosen folgte, als der Schacht sich verbreiterte. Er hörte irgendwo unter sich einen dumpfen Schlag, kurz darauf endeten der Schacht und die Kette im Nichts.

»Du musst dich fallen lassen«, flüsterte Fenrik ihm zu.

Skonar gehorchte. Er konnte nicht einschätzen, wie tief er stürzte, landete aber relativ sanft. Als der Gesetzlose keine Sekunde später eine Fackel entzündete, konnte er im Licht der Flamme sehen, dass sie in einer mit Sand gefüllten Grube gelandet waren. Fenrik stand nur wenige Meter von ihm entfernt und sah sich aufmerksam um.

Sie befanden sich in einer natürlich entstandenen Höhle, von der mehrere Tunnel abführten. Der intensive Duft des Meeres hing schwer in der Luft. Skonar blickte sich erstaunt um. Er hatte noch nie von einem Höhlensystem unterhalb der Klippen gehört. Auch wenn er nicht hoffte, irgendeine befriedigende Antwort zu erhalten, fragte er: »Dieser Zugang wird wohl nicht sonderlich oft genutzt?«

Fenrik schüttelte nur schweigend den Kopf. Er schien sich zu orientieren, dann ging er wortlos auf einen der vom Wasser geschaffenen Tunnel zu. Skonar blieb keine andere Wahl, als ihm zu folgen.

Sie liefen eine Weile durch das unterirdische Höhlensystem und der junge Magier befürchtete schon, sie könnten sich verirrt haben, als Licht in einem der Tunnel vor ihnen auftauchte. Im nächsten Moment wurde er sich den gedämpft zu ihnen dringenden Geräuschen von Musik, Lachen und Gesprächen bewusst.

Fenrik löschte die Fackel und schob sie in seinen Gürtel zurück, bevor er weiterging. Sie betraten einen Bereich des Höhlensystems, der von einzelnen, rostigen Laternen an den Wänden erhellt wurde. Als sie sich den Geräuschen näherten, hatte Skonar keinen Zweifel mehr daran, dass sie auf eine Art unterirdische Taverne zusteuerten.

Sie begegneten schließlich Personen, die einsam durch die Tunnel gingen. Die ersten beiden Alvarūn passierten sie, ohne Notiz von ihnen zu nehmen.

Skonar musterte sie unauffällig. Ihre Kleidung war abgetragen, aber noch weit davon entfernt, als schäbig zu gelten. Beide Männer waren bewaffnet und sie machten einen verschlagenen und gleichzeitig in sich gekehrten Eindruck. Zweifellos Gesetzlose, doch der Magier hatte den Eindruck, dass sie nur wenig mit den Gesetzlosen im Dunkelwald gemein hatten. Sie schienen zu einem anderen Schlag zu gehören.

Der Dritte, der ihren Weg kreuzte, sah kurz auf, als er an ihnen vorüberging. Skonar bemerkte, dass er hinter ihnen zögerlich stehen blieb und ihnen nachsah. Sie waren ihm auf irgendeine Art und Weise aufgefallen, doch da der junge Reisende nicht wusste, ob sie sich unter Feinden oder Freunden Fenriks bewegten, konnte er nicht einschätzen, wie sich eine Entdeckung für sie auswirken würde.

Der Lärm schwoll immer mehr an und im nächsten Moment betraten sie eine große Höhle, in der sich mindestens hundert Männer und Frauen aufhielten. Skonar hatte mit seiner Einschätzung recht gehabt, denn sie befanden sich schlagartig inmitten des gewöhnlichen Trubels einer Spelunke.

An den Tischen wurde gegessen, getrunken, gelacht und gespielt, in einigen dunkleren Nischen kam man anderen Vergnügungen nach. Eine Gruppe von Musikern spielte auf schlecht gestimmten Instrumenten, was die Angetrunkenen nicht davon abhielt, zu den schrägen Klängen der Musik zwischen den Tischen und teilweise auch auf den Bänken zu tanzen.

Der Reisende ließ seinen Blick über die Versammelten schweifen. Auch wenn er nicht wusste, wovon genau er seine Einschätzung abhängig machte, sah er seine Vermutung bestätigt, dass sie es hier mit einer Gruppe von Gesetzlosen zu tun hatten, die zum gleichen Typus gehörten. Doch erst als ihm die marine Dekoration auffiel, bekam er eine Ahnung von ihrem Berufsstand.

Sie befanden sich nicht in einer Taverne in irgendeinem Höhlensystem, sondern im Unterschlupf einer Gruppe Piraten.

Es gab einigen Schiffsverkehr in Azariel. Waren und Personen wurden zwischen den Hafenstädten und zwischen dem Reich und den ferner liegenden Kolonien über das Meer transportiert. Der Warenverkehr war ausreichend groß, um die Banditen dieser Welt auf die See hinaus zu locken.

Fenrik betrat gefolgt von Skonar die Höhle und zog sich augenblicklich in dunkle Abgeschiedenheit zurück. Er schien die Vorgänge in der Höhle eine Zeit lang zu beobachten oder nach jemandem zu suchen. Als ein Jugendlicher mit einem Tablett in den Händen an ihnen vorüber ging, packte der Gesetzlose ihn am Arm und zog ihn dicht zu sich heran.

Der junge Mann schenkte Fenrik einen protestierenden Blick, wagte es aber nicht, etwas zu sagen. Bei der allgemeinen Klientel in dieser Taverne tat er wohl auch besser daran.

»Ist Kindra hier?«, fragte der Gesetzlose.

Der Jugendliche runzelte die Stirn. Die Frage schien ihn zu überraschen. »Natürlich ist sie hier.«

Fenrik nickte. »Gut. In welchem Quartier wohnt sie?«

Die Furchen auf der Stirn des jungen Mannes vertieften sich. »In der Kapitäns-Unterkunft, wo denn sonst?«

»Kapitäns-Unterkunft?«, wiederholte Fenrik überrascht. »Wieso …? Ach, vergiss es … Lauf zu ihr und sag ihr, dass jemand in ihrem Quartier auf sie wartet und dass es wichtig ist. Bekommst du das hin?«

Der junge Mann befreite seinen Arm aus dem Griff des Gesetzlosen. »Wenn es sein muss«, entgegnete er mürrisch und ging davon.

Skonar wusste nicht, was er von dieser Unterhaltung halten sollte, und stellte seine Fragen erneut zurück. Er folgte Fenrik, der zielstrebig in die Höhlen zurück ging. Der Gesetzlose nahm eine Abzweigung, die sie in ein verzweigtes Höhlensystem führte, in dessen Wände Holztüren eingelassen waren. Vermutlich lagen Zimmer oder ganze Wohnungen dahinter verborgen.

Am Ende eines Tunnels blieb der Gesetzlose schließlich vor der letzten Tür stehen und probierte zuerst die Klinke. Skonar war nicht überrascht, dass sie die Tür verschlossen vorfanden. Verblüfft sah er dabei zu, wie Fenrik einen Schlüssel hervorzog und damit die Tür aufschloss.

Der Gesetzlose betrat die dahinter liegende Höhle, die sich als komfortabler und großzügiger Wohnraum entpuppte, der sogar recht prunkvoll eingerichtet war. Fenrik sah sich in dem Zimmer um, einen Ausdruck der Abscheu im Gesicht, der sich in Verachtung verwandelte, als sein Blick auf ein Bild fiel, das ein glückliches Paar zeigte.

Der Reisende öffnete gerade den Mund, um eine Frage zu stellen, als hinter ihm die Tür geöffnet wurde und eine Frau eintrat. Sie musste Kindra sein. Sie trug enge Hosen und eine Bluse, die ein wenig zu offenherzig war. Bis auf wenige Strähnen, die ihr gelockt bis auf die Schultern fielen, hatte sie ihr Haar zurückgebunden. Sie war die Frau, die auf dem Bild gemeinsam mit ihrem Partner abgebildet war.

Ihr Blick fiel zuerst auf Skonar, dann fanden ihre dunkelbraunen Augen Fenrik und sie sog hörbar die Luft ein. Ihr Gesicht war von Überraschung gezeichnet, als sie hervorstieß: »Græygor?! Was um alles in der Welt tust du hier?!«

Fenrik verschränkte die Arme vor der Brust und fixierte sie mit einem vernichtenden Blick. »Das sollte ich wohl eher dich fragen, Schwester.« Er spie das letzte Wort förmlich aus. »Wie kommt es, dass du im Quartier von Liander wohnst, obwohl er noch am Leben ist?«

»Ist das nicht offensichtlich?«, antwortete Kindra mit einer Gegenfrage. Sie war jünger als Fenrik, trat ihm aber mit einer stolzen Haltung entgegen, die verdeutlichte, dass sie sich ihm ebenbürtig fühlte.

Der Gesetzlose schüttelte langsam den Kopf. »Wie konntest du nur so tief sinken?«

Nun war es an Kindra, die Arme vor der Brust zu verschränken. »Nachdem du davongelaufen bist, hat sich die Situation nun mal geändert. Ich habe das Beste daraus gemacht und bin den Bund mit dem Mann eingegangen, den ich schon seit meiner Jugend liebe. Was sollte falsch daran sein?«

Fenrik stieß ein kurzes freudloses Lachen aus. »Ein Beziehungsschwur hätte es wohl nicht erst einmal auch getan, oder? Du hast einen Verräter geehelicht! Aber das ist dir offenbar entgangen.«

»Es wird dich vermutlich verwundern, aber ich weiß sehr wohl, dass Liander dich hintergangen und sich so die Herrschaft über Thorvals Flucht gesichert hat.«

»Und trotzdem bist du bei ihm geblieben?«, fragte Fenrik verständnislos. »Bei dem Mann, dem ich es zu verdanken habe, dass ich über ein Jahr lang gejagt wurde? Dass ich keinen Fuß mehr an Land setzen und kein Versteck mehr auftun konnte, weil jedes Mal nach kürzester Zeit Kopfjäger oder die Garde auftauchten? Der mich auf hinterhältigste und feigste Weise gestürzt hat?«

Kindra zuckte die Schultern. »Es war deine freie Entscheidung, dich für eine Dekade zurückzuziehen und Liander die Führung über Thorvals Flucht, die Schiffe und die Männer zu überlassen. Er hatte es eigentlich darauf abgesehen, dass du erwischt und den Rest deines Lebens weggesperrt wirst.« Sie seufzte. »Ich weiß, dass du der Meinung bist, dass ich dich hätte rächen, einen Krieg um Thorvals Flucht anzetteln müssen und all das … Aber um ehrlich zu sein, fand ich seine Art und Weise der erfolgreichen Kriegsführung gegen dich sehr … erfrischend. Hinterhältig, aber erfrischend.«

Fenrik schüttelte den Kopf und knirschte wütend mit den Zähnen. »Wie konnte ich nur etwas anderes von dir erwarten? Manchmal bezweifle ich, dass das Blut desselben Vaters in unseren Adern fließt. Aber die Linie deiner Mutter hat ja schon immer deinen Verstand und dein Handeln bestimmt. Von einer dreckigen Hure kann man nichts anderes erwarten.«

Kindras Gesicht verfärbte sich gräulich vor Zorn. »Du kannst dich glücklich schätzen, dass Liander und du einen mit Blut gezeichneten Vertrag geschlossen habt. Sonst würde ich dich auf der Stelle umbringen.« Sie musterte ihn finster. »Du bist klug genug, nicht vor Ablauf eurer Vereinbarung die Herrschaft zurückzuverlangen. Wenn du es darauf anlegen würdest, wärest du schon viel eher zurückgekehrt. Was also willst du hier?«

»Eigentlich bin ich gekommen, um meine Schwester um einen Gefallen zu bitten«, erwiderte Fenrik. »Ich brauche für ein paar Tage ein Schiff und eine Crew. Sie sollen mich nach Edenhoal und zurückbringen.«

»Edenhoal?! Was willst du denn auf Edenhoal? Warst du es nicht selbst, der entschieden hat, niemanden mehr zu der verdammten Insel zu schicken, weil der Gewinn aus dem Handel mit Kriag die Mühe nicht wert war?«

»Die Hintergründe haben dich nicht zu interessieren.«

Kindra schenkte ihm ein aufgesetztes Lächeln, bevor sie den Kopf schüttelte. »Ich denke nicht, dass ich dir entgegenkommen werde.«

Fenrik nickte und machte zwei Schritte auf seine Schwester zu. »Doch, das wirst du.«

Ihr war seine veränderte Stimmlage nicht entgangen. »Nenne mir nur einen Grund, warum ich das tun sollte.«

Er blieb dicht vor ihr stehen und sah auf sie herab. Obwohl Fenrik selbst nicht besonders hochgewachsen war, überragte er sie fast um einen Kopf. »Weil ich in acht Jahren zurückkehren und meinen Platz wieder einnehmen werde. Ich werde Liander ziehen lassen, so wie es unsere Vereinbarung verlangt. Dann aber, Kindra, wird die Jagd auf ihn eröffnet. Er wird keinen Schlupfwinkel finden, in dem er sicher vor mir sein wird. Ich werde ihn stellen und dann wird er einen langsamen und grauenhaften Tod sterben, wie es sich für einen hinterhältigen Feigling gehört. Dir muss ich wohl nicht erklären, was das bedeutet, oder?«

Seine Drohung bewegte etwas in ihr, dennoch reckte sie in einer schon trotzigen Geste das Kinn vor. »Wenn du glaubst, dass er darauf nicht vorbereitet ist, bist du einem Irrtum erlegen.«

Er sah ihr unbeeindruckt in die Augen. »Das mag sein, aber die Alternative ist, dass ich die Situation hier und jetzt kläre. Willst du, dass ich dort raus gehe, mich allen zeige und darum werbe, dass sich mir eine Crew samt Schiff anschließt?«

»Willst du Krieg?«

»Wenn du es verlangst. Wir wissen beide, wie es ausgehen würde, nicht wahr? Deshalb biete ich dir an, das friedlich und ohne Aufsehen zu lösen. Besorg mir eine Crew, besorg mir ein Schiff und du und Liander könnt die nächsten acht Jahre in Frieden leben.«

Skonar sah die Veränderungen in Kindras Gesicht und Haltung. Die Drohung zeigte erstaunliche Wirkung.

Dennoch ließ sie einige Herzschläge verstreichen, bevor sie einen Schritt zurücktrat und Fenrik mit einer Mischung aus Unbehagen und Feindseligkeit in den Augen begegnete. »Ich werde sehen, was ich tun kann.«

Der Gesetzlose lächelte sie an. »Es ist nur zu deinem Besten.«

5

Wenige Stunden später standen sie an der Reling eines kleinen Segelschiffs.

Skonar starrte angestrengt auf die steilen Klippen der Küste, konnte den Schlund der riesigen Höhle, die den Piraten als Hafen diente und in der zehn Schiffe vor Anker lagen, nicht entdecken. Sie hatten einen perfekten Unterschlupf gefunden, was auch erklärte, warum es der Garde bisher nur gelungen war, kleinere Nester zu finden und auszuheben.

Fenrik stand schweigend und mit geschlossenen Augen neben ihm. Es war offensichtlich, dass er den Wind und den salzigen Geruch des Meeres genoss. Sein Verhalten ließ keinen Zweifel daran, wo er eigentlich zu Hause war.

Skonar war noch immer über die Informationen überrascht, die er in den letzten Stunden über Fenrik erhalten hatte. Trotzdem fragte er sich, warum der Gesetzlose seine Geschichte vor ihrem Aufbruch vor ihnen geheim gehalten hatte. Ihm musste bewusst gewesen sein, dass er auf ihrer Reise viel über ihn erfahren und sein Wissen nach ihrer Rückkehr mit den anderen teilen würde. Er war jetzt schon auf ihre Reaktionen gespannt, vor allem auf Æydas und Sarakins.

Er fragte sich noch immer, warum die Drohung Fenriks dazu ausgereicht hatte, Kindra zum Einlenken zu bewegen. Nachdem sie das unterirdische Quartier verlassen hatte, hatte er fest damit gerechnet, dass wenig später Piraten auftauchen und ihn und Fenrik angreifen würden, doch nichts dergleichen war passiert. Seine Schwester hatte Fenriks Forderung erfüllt, weshalb, war für Skonar noch immer ein Rätsel.

Er beobachtete den Gesetzlosen einen weiteren Moment lang, bevor er ihn ansprach. »Wie lange werden wir nach Edenhoal brauchen?«

Fenrik öffnete die Augen, wandte sich ihm jedoch nicht zu. »Je nachdem, wie viel Glück wir mit dem Wind haben, drei bis vier Tage.«

Es war eine Information, die Skonar nicht gefiel. Zum einen fühlte er sich mit schwankendem Boden unter den Füßen unwohl, zum anderen glaubte er nicht, dass die Crew sie tatsächlich zu ihrem Bestimmungsort bringen würde.

Der Gesetzlose bemerkte und durchschaute seine Bedenken. »Du musst dir keine Sorgen machen. Niemand wird uns etwas tun.«

»Ich teile deine Zuversicht nicht«, entgegnete Skonar. »Auf dem offenen Meer hat dein ehemaliger Freund die besten Aussichten, dich zu beseitigen.«

Fenriks Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln. »Das wird er nicht tun. Wir haben vor zwei Jahren einen mit Blut gezeichneten Vertrag geschlossen, der unter den Unsrigen bekannt gemacht wurde. Wenn er mich jetzt umbringt, würde er sein Schicksal besiegeln. Selbst Kindra würde sich von ihm abwenden.«

Der junge Magier glaubte zu verstehen, worauf der Gesetzlose hinauswollte. »Deshalb hast auch du ihn nicht umgebracht, obwohl du von seinem Verrat erfahren hast.«

»Dass ich seinen Verrat nicht durchschaut habe, kann ich nur allein mir anlasten. Ich habe ihm vertraut und mir wurde keine Klinge an die Kehle gehalten, um den Vertrag mit ihm zu schließen. Sobald wir nicht mehr an diesen gebunden sind, gelten andere Regeln. Es sei denn, er sollte den Fehler begehen, mir die Befehlsgewalt nicht wie vereinbart zurückzugeben. Nach dem heutigen Tag wird er sich dies gut überlegen.«

Skonar dachte einen Moment darüber nach, dann schüttelte er innerlich den Kopf. Es schien unter Ganoven tatsächlich so etwas wie Gesetze und Ehre zu geben. »Eines verstehe ich trotzdem noch immer nicht«, erwiderte er schließlich, »warum du dich bereit erklärt hast, uns zu helfen.«

Fenrik antwortete ihm nicht. Er ließ seinen Blick nur weiter über das Meer schweifen und schloss schließlich mit einem sanften Lächeln auf den Lippen die Augen.

6

Æyda umrundete die große Lichtung und beobachtete die Trainierenden. Sie verfolgte die Fortschritte der Gesetzlosen, die sich in verschiedenen Kampftechniken erprobten und von den wenigen Männern und Frauen ausgebildet wurden, die selbst ausreichend Erfahrung im Kampf vorzuweisen hatten. Trotzdem musste sie immer wieder eingreifen und die Mentoren auf ihre eigenen Fehler aufmerksam machen.

Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihre Hinweise derart ernst nehmen und sie mit derartigem Respekt behandeln würden. Inzwischen hatte sie erkannt, dass Gæybriel übertrieben hatte, als er behauptete, in Adunai gäbe es einige Leute, die noch eine Rechnung mit ihr offen hätten. In Wahrheit war er der einzige, dem sie jemals zuvor begegnet war, dafür brannte sein Rachedurst umso heftiger.

Die anderen Gesetzlosen begegneten ihr zwar mit einer Portion natürlichem Misstrauen, doch ebenso mit Neugier. Æyda war als Kopfjägerin eine ihrer schlimmsten Feinde, gleichzeitig schien ihr Alter Ego Talisha den Ruf einer Legende zu haben. Die Distanz zwischen ihr und den Gesetzlosen baute sich, wenn sie von der Nacht des Lasaya-Festes einmal absah, trotzdem nur sehr langsam ab.

Ihr selbst fiel es nach wie vor schwer, die Männer und Frauen Adunais als Waffengefährten anzusehen. Æyda konnte es sich nicht abgewöhnen, die Gesetzlosen anhand ihrer Fertigkeiten und Kenntnisse einzuschätzen und sie entsprechend einzuordnen. Die meisten der im Dunkelwald lebenden Gesetzlosen schätzte sie als Diebe, Betrüger und Kleinganoven ein, die vor ihrer gerechten Strafe geflohen waren. Keiner von ihnen war in seinem früheren Leben gefährlich gewesen und sie glaubte nicht, dass an ihren Händen besonders viel, wenn denn überhaupt Blut klebte. Mit Ausnahme von drei Personen: Gæybriel, Darlana und Fenrik.

Über Gæybriels Vergangenheit wusste sie bestens Bescheid. Fenrik hatte mit Sicherheit seine Gründe, warum er versuchte, seine Identität vor ihnen zu verbergen und inzwischen war sie sicher, dass Gæybriel auch unter den Gesetzlosen der Einzige war, der die Wahrheit kannte. Auch über Darlanas Vergangenheit hatte sie nicht allzu viel in Erfahrung bringen können, doch die Art, wie die Alvarūn kämpfte, sprach für sich. Sie war im bewaffneten und unbewaffneten Kampf alles andere als unerfahren.

Æyda wandte sich gerade von zwei Männern ab, in deren Übungen sie korrigierend eingegriffen hatte, als Maynara zu ihr trat. Das Auftreten und Verhalten der Prinzessin veränderten sich zwischenzeitlich von Tag zu Tag. Die junge Alvarūn hatte ihre Berührungsängste schnell verloren und mischte sich ohne Vorurteile unter die Gesetzlosen, ohne deren Respekt eingebüßt zu haben. Überraschenderweise schien ihre Herkunft für die Männer und Frauen von Adunai tatsächlich von Bedeutung zu sein.

Auch äußerlich hatte sich Maynara mittlerweile weit von Æydas erstem Eindruck einer verwöhnten, teilweise verzogenen und naiven Adeligen entfernt. Sie trug praktische, teilweise enganliegende Kleidung und das Training hatte bereits sichtbare körperliche Spuren hinterlassen. Wer ihre Herkunft nicht kannte, würde sie jetzt zweifellos der Zunft der Abenteurer zurechnen.

Die junge Alvarūn ging ein paar Schritte neben Æyda her, bevor sie sie ansprach: »Wir machen Fortschritte, soweit ich das beurteilen kann.«

»Wir kommen voran, doch von unserem Ziel sind wir noch weit entfernt. Und uns fehlen nach wie vor Waffen und Ausrüstung.«

»Ein Problem, an dessen Lösung wir arbeiten«, erwiderte Maynara und blieb stehen.

Æyda tat es ihr gleich. Sie bemerkte, dass die Prinzessin nicht gekommen war, um mit ihr über die Fortschritte im Allgemeinen zu sprechen. »Weshalb bist du hier? Deine Übungen sind noch nicht beendet …«

»Eben wegen meiner Ausbildung bin ich hier, insbesondere wegen der Übungen«, antwortete Maynara. »Ich habe genug davon.« Æyda runzelte die Stirn, doch bevor sie etwas erwidern konnte, fügte Maynara hinzu: »Ich habe genug davon, mich ständig nur mit Verteidigung und Abwehr zu beschäftigen. Tag für Tag lerne ich eine Hut nach der anderen, wie ich blocken, mich verteidigen, wie ich einem Kampf entkommen und fliehen kann. Doch bisher habe ich im Gegensatz zu allen anderen keine einzige Angriffstechnik gelernt.«

Æyda biss sich auf die Unterlippe und zögerte einen Moment. »Es ist alles, was du brauchst, Maynara. Verteidigung und Abwehr …«

»Diese Litanei musste ich mir schon mehr als einmal von Sarakin anhören, erspare mir die Wiederholung.« Maynara verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich weiß, dass er dich angewiesen hat, mich auf diese Art und Weise zu unterrichten. Er ist der Meinung, dass ich mich verteidigen können muss, um zu fliehen, auch wenn er möglichst vermeiden will, dass ich überhaupt in irgendwelche gefährlichen Situationen gerate. Doch das kann verdammt noch mal nicht alles sein.«

Æyda wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, weshalb sie schwieg.

»Ich trage ein Schwert. Ich will damit umgehen können. Ich werde nicht still in irgendeinem Versteck verweilen, während andere einen Krieg für mich führen, auch wenn es das ist, was Sarakin vorschwebt«, fuhr Maynara schließlich fort. »Es wird ohnehin der Zeitpunkt kommen, an dem es keine Möglichkeit mehr zum Weglaufen und Verstecken gibt und dann soll Verteidigung das Einzige sein, was ich meinen Gegnern entgegensetzen kann?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich will mehr, ich will alles lernen.«

»Ich bringe dir das bei, was Sarakin mir aufgetragen hat«, seufzte Æyda.

»Weil du seiner Meinung bist? Oder nur, weil er es gesagt hat?«, fragte Maynara und ein Hauch Provokation schlich sich in ihre Stimme. »Ich hatte bisher eigentlich nicht den Eindruck, dass du dich ihm unterordnest und keine eigenen Entscheidungen triffst.«

Æyda ließ sich davon nicht beeindrucken und schüttelte den Kopf. »Er hat seine Gründe. Dich Fähigkeiten zu lehren, die du nicht brauchst …«

»Du bist sicherlich nicht der Meinung, dass Kampffertigkeiten nutzlos sind«, erwiderte Maynara. »Außerdem ist es meine eigene Entscheidung, ob und wann ich gewisse Fähigkeiten erlerne oder sie zum Einsatz bringe. Ich habe genug davon, dass Sarakin mich bevormundet und über meinen Kopf hinweg entscheiden will, was gut oder schlecht für mich ist.«

Æyda seufzte erneut und sah der Prinzessin direkt in die Augen. »Sarakin versucht lediglich, dich zu schützen, Maynara. Auch vor dir selbst … Ob seine Art und Weise die richtige ist, darüber habe ich nicht zu urteilen. Er achtet deine Einstellung und deinen Tatendrang, doch …«

»Das erkenne ich an. Doch mein Entschluss steht fest.« Sie schwieg kurz. »Wenn du mir die Ausbildung verweigerst, finde ich auch einen anderen Weg, die Fähigkeiten zu erlernen, die ich erlangen will. Ob diese Ausbildung allerdings dieselben Früchte trägt …« Sie ließ den Satz offen.

Æyda schüttelte erneut den Kopf und wandte sich ab. Ihr Blick schweifte einige Augenblicke lang über die Lichtung, bevor sie sich schließlich wieder Maynara zudrehte. »Also gut, wie du willst«, lenkte sie schließlich ein. »Wenn Sarakin jemals davon erfährt, reißt er mich persönlich in Stücke, also behalte es wenigstens für dich, solange es sich vermeiden lässt.«

Maynara lächelte. »Von mir wird er es bestimmt nicht erfahren.«

7

Dichter Nebel umgab das Boot. Skonar versuchte, irgendetwas zu erkennen. Seitdem das Schiff in die undurchdringlichen Schwaden eingetaucht war, hatte er außer wenigen Metern Wasseroberfläche nichts mehr zu sehen bekommen.

Fenrik schien dennoch genau zu wissen, wohin er steuern musste, auch wenn der junge Magier nicht den Hauch einer Ahnung hatte, woran sich der Gesetzlose orientierte. Minutenlang glitten sie über die beinahe ruhige See dahin, nur das Plätschern der in das Wasser eintauchenden Ruder begleitete sie.

Als sich der Nebel langsam lichtete, tauchte vor ihnen eine riesige Felswand aus dem feuchten Dunst auf. Ihre Ausmaße waren nicht abzuschätzen. Der Nebel war noch immer zu dicht, um in irgendeine Richtung ein Ende des dunklen, zerklüfteten Steins zu erkennen.

Sein fragender Blick fiel auf Fenrik, der Gesetzlose machte wie üblich keine Anstalten, auf seine unausgesprochenen Fragen einzugehen. Er ruderte weiter, steuerte einige Zeit an der Wand entlang und manövrierte sie zwischen vereinzelten, schroffen Felsen hindurch, die die Wasseroberfläche durchbrachen.

Noch bevor Fenrik die Richtung änderte, entdeckte Skonar die zerklüftete Öffnung, die gerade groß genug war, um das Boot unbeschadet hindurch lenken zu können. Der Gesetzlose bedeutete ihm wortlos, eine der mitgebrachten Fackeln zu entzünden.

Der Reisende hatte eine größere Höhle erwartet, doch der dahinter liegende Raum war beengend und an einigen Stellen mussten sie die Köpfe einziehen, um durch den Tunnel zu gelangen. Die Decke hob sich schließlich etwas und am Ende der Höhle tauchte ein kleiner Holzsteg auf, der schon weitaus bessere Zeiten gesehen haben musste.

Sie legten an und Fenrik band das Boot an einem modrigen Pfahl fest, bevor er Skonar die Fackel abnahm. Obwohl die Geduld des jungen Alvarūns inzwischen mehr als nur strapaziert war, folgte er dem Gesetzlosen schweigend. Einer Forderung nach Erklärungen oder Fragen würde Fenrik vermutlich ohnehin nur wieder mit einem wortlosen Lächeln begegnen.

Ihr Weg führte sie durch einen engen, in den Stein gearbeiteten Aufgang, an dessen Ende ihnen Sonnenlicht entgegen schien. Der Gesetzlose löschte die Fackel und sie traten auf einen schmalen Absatz hinaus.

Skonar entfuhr ein erstaunter Laut.

Vor ihnen lag ein von hohen Felswänden eingeschlossenes Tal. Sie sahen auf eine undurchdringlich wirkende Decke aus Baumkronen hinab, die sich über die gesamte Talsohle erstreckte. Von dem die Insel einhüllenden Nebel war hier nichts zu sehen, auch wenn die Luft sehr feucht, dafür aber auch besonders warm war. Bereits die fremden Klänge und Gerüche ließen keinen Zweifel daran, dass der Wald nicht mit denen des Festlands vergleichbar war.

Fenrik ließ ihm keine Zeit, den Anblick zu bewundern, sondern deutete auf einen Bereich im Osten der Insel, wo die Kraterwand am höchsten war. »Dort müssen wir hin. Vor uns liegen einige Stunden Fußmarsch.« Ohne Skonar die Gelegenheit für eine Frage zu geben, stieg er anschließend den schmalen und steilen Pfad hinab, der sie zum Boden und an den Waldrand führte.

Sie gingen nur wenige Meter, bevor der Gesetzlose stehen blieb und sich eine Weile umsah. Skonar war von der Flora sofort eingenommen. Dass ein derartiger Wald in Azariel existierte, hatte er nicht gewusst. Er kannte nur Abbildungen und Berichte aus anderen Welten, die vergleichbar waren. Die Bäume waren riesig, auf ihren Stämmen wuchsen Moose und Kletterpflanzen, Lianen hingen von den Ästen herab und am Boden fanden sich überwiegend Farne und kleinere Kraut- und Buschpflanzen, da kaum Sonne bis in diese Tiefen vordrang.

Fremdartige Schreie von Vögeln und anderen Tieren sowie das Summen von Insekten zeugten von einer artenreichen Fauna. Die Luft war von schwerem Blütenduft und einem moschusartigen Geruch erfüllt.

Fenrik drehte sich zu dem Reisenden um und bedachte ihn mit einem ernsten Blick. »Lass dich von der Schönheit der Natur nicht täuschen, sie ist lediglich ein Deckmantel, um die hier lauernden Gefahren vor den Arglosen zu verbergen. Du solltest die ganze Zeit dicht bei mir bleiben und versuchen, mit keinen Pflanzen oder Tieren in Berührung zu kommen.«

Er deutete auf einen tiefhängenden Ast. »Vor allem vor den Siduro-Raupen solltest du dich in Acht nehmen.«

Der junge Magier musste die Augen zusammenkneifen und einen Schritt vorgehen, um zu sehen, worauf der Gesetzlose gezeigt hatte. Auf dem Ast saß eine gut eine Handbreit lange Raupe, deren Körper hellblau und durchscheinend war. Bisher hatte er nur eine vage Vorstellung von den Wesen gehabt, aus deren Körper das tödliche Gift Kriag gewonnen wurde und war überrascht, dass die Siduro-Raupen derart harmlos aussahen.

Fenrik sammelte einen dünnen Zweig auf, der am Boden lag und berührte damit sanft die an einem Blatt nagende Raupe. Der langgestreckte Körper zog sich augenblicklich zusammen und feine, haardünne Nadeln durchstachen ihre Haut. »Eine leichte Berührung und sie pumpen genügend Gift in deine Adern, um dich innerhalb von Sekunden umzubringen.« Er warf den Zweig beiseite. »Manchmal findet man sie auch auf dem Boden, achte also darauf, wo du hintrittst. Ihre Stacheln durchstoßen selbst Leder.«

Die kurze Vorstellung hatte genügt, um Skonar die Gefährlichkeit der Raupen zu verdeutlichen. Er folgte Fenrik daher mit äußerster Vorsicht, der selbst allerdings nicht den Eindruck machte, sich besonders achtsam zu bewegen.

In den nächsten Stunden suchten sie sich schweigend einen Weg durch den Wald. Sie begegneten einer Vielzahl von Tieren, die auf dem Festland nicht heimisch waren, darunter Schlangen und Spinnen beachtlicher Größe, die keine Notiz von den beiden Alvarūn nahmen.

Skonar hatte sich in Gedanken mit der vor ihnen liegenden Aufgabe beschäftigt. Er hatte gehofft, dass Fenrik ihn während ihrer Wanderung in sein Vorhaben und die Gegebenheiten, auf die sie treffen würden, einweihen würde, doch der Gesetzlose blieb weiterhin stumm. Er sah sich schließlich gezwungen, einen weiteren Versuch zu unternehmen, dem anderen Alvarūn ein paar Informationen zu entlocken. »Wir werden in die Gewinnungsstätten eindringen?«, fragte er, nachdem er mit zwei schnellen Schritten zu Fenrik aufgeschlossen hatte. »Liegen sie mitten im Wald?«

Im ersten Moment schien sich der Gesetzlose wieder nur in Schweigen hüllen zu wollen, doch dann antwortete er: »Es gibt am Fuße der Felswand ein kleines Dorf, in dem die Arbeiter leben. Von dort aus brechen sie auf, um Siduro-Raupen zu sammeln. Die eigentliche Gewinnung des Kriags findet in den Höhlen statt, durch die man auch zum Meer und zur angeblich einzigen Anlegestelle gelangen kann. Dort gibt es auch die meisten Wachen und die Verwaltung hat ebenfalls in den Höhlen ihren Sitz.«

»Wieso in den Höhlen?«, hakte der junge Reisende erstaunt nach.

Das Lächeln, das auf Fenriks Lippen erschien, wirkte unecht. »Wegen der Gefahr. Wir sind einigen Bewohnern dieses Waldes begegnet, doch nachts werden noch andere Tiere aktiv, deren Weg man besser nicht kreuzen sollte. Die Höhlen sind der einzig sichere Ort auf dieser Insel. Es hat seine Gründe, warum es nur die Einsamen und Verzweifelten nach Edenhoal verschlägt.«

»Die wenigsten kehren aufs Festland zurück, deshalb ist so wenig über die Insel und Edenhoal bekannt«, fügte Skonar mit einem flauen Gefühl in der Magengegend hinzu.

Der Gesetzlose nickte. »Für einen kleinen Flakon Kriag müssen die Arbeiter um die dreihundert Siduro-Raupen sammeln, was schon für sich allein keine leichte oder ungefährliche Aufgabe ist. Die Gewinnung in die Höhlen zu verlagern, schützt die Ausbeute, auch vor Dieben. Und was die wenigen Verwalter und Beamten angeht … denen ist an ihrer Sicherheit gelegen.«

»Wenn die Höhlen derart stark bewacht sind, wird es nicht einfach werden, an Informationen zu gelangen«, fügte Skonar hinzu. »Haben wir denn irgendeinen Plan?«

»Zuerst sollten wir die Arbeiter befragen. Es ist niemand von Edenhoal zurückgekehrt, nachdem Königin Jorïna die Befehlsgewalt an sich gerissen hat, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie die Arbeiter durch königliche Soldaten ersetzt haben. Sollten ihre Informationen nicht ausreichen, werden wir in die Höhlen vordringen und uns einen der Beamten zur Brust nehmen müssen.«

Fenrik zuckte die Schultern. »Ob uns dies gelingen wird, ist von der Anzahl der Wachen abhängig.«

In den Ohren des Reisenden klangen die Ausführungen des Piraten nicht nach einem wohldurchdachten Vorhaben. Doch da sie nicht wussten, mit welcher Situation sie letztlich konfrontiert werden würden, konnten sie ohnehin nicht besonders weit oder detailliert vorausplanen.

Es kam vollkommen anders, als Fenrik erwartet hatte.

Obwohl sie sich dem Dorf immer weiter näherten, begegneten sie im Wald keinem einzigen Arbeiter. Als sie schließlich die Siedlung erreichten, die aus vierzig Hütten auf einer gerodeten Fläche am Fuße des Kraterrands bestand, fanden sie sie verlassen vor.

Schon auf den ersten Blick war zu erkennen, dass in den Hütten niemand mehr lebte. Das im Dorf herrschende Chaos und die herumliegenden Habseligkeiten ließen den Schluss zu, dass die Bewohner entweder geflohen oder vertrieben worden waren. Wachen waren ebenfalls nirgendwo zu sehen.

Die beiden Alvarūn sahen sich schweigend um. Ihnen stellten sich dieselben Fragen: Wo waren die Arbeiter? Und wenn sie fort waren, wer sammelte die Siduro-Raupen, um das Kriag zu gewinnen? Weder Fenrik noch Skonar glaubten daran, dass Jorïna beschlossen hatte, die Gewinnung des Giftes einzustellen.

Der Gesetzlose führte sie von dem Dorf fort und über einen verschlungenen Pfad zu einem abgelegenen Eingang des Höhlensystems. Es war offensichtlich, dass er hier nicht zum ersten Mal unterwegs war. Sie mussten durch einige enge Tunnel robben, bevor sie einen mit Fackeln beleuchteten Gang erreichten, in dem sie aufrecht stehen konnten.

Fenrik bedeutete dem Reisenden mit einigen wortlosen Handzeichen leise und wachsam zu sein, bevor er vorsichtig weiterging. Sie erreichten eine Biegung, an der ein weiterer Gang nach unten und in eine größere Höhle führte. Der Gesetzlose wirkte erstaunt. Als er geduckt und lautlos die Abzweigung passiert hatte, erkannte Skonar die Ursache seiner Überraschung.

Er konnte nicht die ganze Höhle einsehen, doch er sah genug, um zu erkennen, dass sich die Verhältnisse in Edenhoal geändert hatten.

Männer und Frauen in einfacher Kleidung standen an Bottichen, aus denen sie die sich windenden Siduro-Raupen mit langen Zangen herausnahmen. Anschließend legten sie die Raupen in Schlingen aus Stoff, die über gläsernen Behältern hingen. Wurden die Schlingen zusammengezogen, gaben die Tiere ihr Gift ab, das vom Stoff aufgesogen wurde und letztlich in die gläsernen Behälter tropfte. Es war das angewendete Verfahren zur Gewinnung von Kriag. Die Raupen überlebten die Prozedur und wurden anschließend wieder ausgesetzt, damit sie neues Gift bilden konnten. Alle Versuche, die Siduro-Raupen außerhalb ihres natürlichen Lebensraums zu halten, waren gescheitert.

Was aber keineswegs gewöhnlich war, waren die Fußschellen, mit denen die Arbeiter angekettet waren. In den Gesichtern der Alvarūn waren Resignation und Hoffnungslosigkeit zu lesen. Die Arbeiter waren Gefangene.

Der Reisende schlich sich an der Abzweigung vorbei und ging neben Fenrik auf der anderen Seite in die Hocke. Sie tauschten nur einen kurzen Blick aus, bevor der Gesetzlose sagte: »Irgendetwas stimmt hier nicht. Das ist ein Arbeitslager, doch wir haben noch keine einzige Wache gesehen. Alle Arbeiter scheinen zur Kriag-Gewinnung gezwungen worden zu sein, um die Ausbeute zu erhöhen. Doch wer sammelt die Raupen ein?«

Skonar deutete ein Kopfschütteln und ein Schulterzucken an. Er hatte nicht die geringste Ahnung.

Sie setzten ihren Weg durch den Tunnel fort, der schon bald in die nächste, größere Höhle mündete. Fenrik bewegte sich nur noch langsam und geduckt vorwärts, bis sie den Höhleneingang erreichten. Der Gesetzlose hatte spätestens hier Wachen erwartet, wo das in Flakons abgefüllte Kriag in Kisten gelagert wurde, bis eine Ladung vollständig war, um sie ans Festland zu bringen. Die Höhle wirkte allerdings fast ausgestorben.

Auf einem Handkarren stapelten sich fein säuberlich die Kisten, in denen für gewöhnlich jeweils vier mit Gift gefüllte Flakons in Stroh gebettet für den Transport gelagert wurden. An einem Tisch saß ein einzelner, älterer Mann, der die typischen Gewänder eines königlichen Beamten trug. Vor ihm lag ein schwer aussehender Foliant, in den er mit ernstem Gesichtsausdruck Eintragungen machte.

Fenrik schüttelte ungläubig den Kopf. »So selbstsicher kann sie nicht sein … Die Königin reißt die Macht über Edenhoal an sich, versklavt die Arbeiter und lässt keine einzige Wache zurück …«