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Trotz der jüngsten Niederlagen und Verluste gibt sich der Widerstand nicht geschlagen. Die Eroberung einer Festung der Armee bietet neue Chancen, lässt aber auch beunruhigende Gerüchte aus der Hauptstadt zu ihnen dringen: Sie kündigen eine finstere Bedrohung an, die nicht nur Azariel in den Untergang reißen könnte. Sarakin, Ariane und ihre Verbündeten fordern nicht nur ihre Gegner zum alles entscheidenden Kampf, sondern auch das Schicksal selbst heraus. Doch ist das Unheil überhaupt noch aufzuhalten? Die Geheimnisse eines dunklen Zirkels. Das Labyrinth der Schatten. Eine unerwartete Hochzeit. Krieg. Das epische Finale. Sieg oder Niederlage?
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Kuneli Verlag, Forstweg 8, 63165 Mühlheim am Main
Copyright © 2024 Kuneli Verlag UG (haftungsbeschränkt)
Alle Rechte vorbehalten.
1. Auflage (Dezember 2024)
Coverdesign: Kuneli Verlag
Unter der Verwendung von Bildmaterial von Shutterstock.com
ISBN Epub: 978-3-948194-31-4
www.kuneli-verlag.de
Hailey Winter ist das Pseudonym der Thriller-Autorin Saskia Berwein. Geboren 1981, aufgewachsen in der Nähe von Frankfurt am Main, folgt sie bereits seit ihrer Jugend dem Altmeister des Horrors Stephen King, der sie einst zum Lesen und schließlich zum Schreiben brachte. Es entstanden zahlreiche Kurzgeschichten, Novellen und Romane, beheimatet in der (dunklen) Phantastik.
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Ein Fall für Leitner und Grohmann (Saskia Berwein)
Todeszeichen
Herzenskälte
Seelenweh
Wundmal
Zornesbrand
Feindeshand
Hoher Einsatz
Weltenfeuer (Hailey Winter)
Königsmord
Fluchtwege
Waffenbrüder
Assassinenblut
Kriegsschrei
Einzelbände (Saskia Berwein)
Im Angesicht der Stille
Band 5
Hailey Winter
Kuneli Verlag
Ariane erwachte aus der Betäubung, als sie hart auf dem Boden aufschlug. Zumindest spürte sie den Aufprall und ihr Bewusstsein klärte sich langsam, auch wenn ihre Lider noch schwer waren. In ihrem Kopf verdrängte ein dumpfes Pochen jeden klaren Gedanken, bevor er überhaupt Form annehmen konnte.
Wie ein entferntes Echo drangen Stimmen zu ihr. Unbekannte verzerrte Frauenstimmen. Irgendwann glaubte sie auch, zwei vertraute Stimmen zu hören. Jemand schien sich empört mit den anderen zu streiten. Doch sie war nicht sicher, ob sie das wirklich wahrnahm oder ob sie nur einem Traum erlegen war.
Nur langsam kehrte Gefühl in ihren Körper zurück. Sie spürte zuerst die Fesseln, die um ihre Hand- und Fußgelenke geschlungen waren und den Stoff, der um ihren Kopf gebunden war und sie knebelte. Die Geräusche um sie herum wurden zunehmend deutlicher, auch wenn sie keine Stimmen mehr hörte. Der Nebel in ihrem Kopf klärte sich ebenfalls. Schließlich wagte sie es, die Augen zu öffnen.
Sie sah direkt in Sarakins Gesicht, das nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt war. Er lag neben ihr, ebenso gefesselt und geknebelt. Seine Lider hoben sich nur langsam, doch er war wach genug, um sie zu erkennen.
Ariane sah sich um, soweit ihre Lage dies zuließ. Sie lagen in einem Zelt, das eben gerade für zwei Personen ausgelegt war. Die Lichtverhältnisse ließen den Schluss zu, dass es schon wieder dämmerte. Der typische Geruch von Lagerfeuern hing in der Luft. Nur gedämpft konnte sie Schritte und das leise Murmeln von Stimmen hören.
Schritte näherten sich plötzlich energisch ihrem Zelt. Ariane zählte vier Personen.
»Sie müssten bald aus der Betäubung erwachen«, meinte eine unbekannte Frauenstimme.
»Es wäre überhaupt nicht notwendig gewesen, die beiden für mehrere Stunden auszuschalten«, giftete eine andere Frau zurück. Die Stimme kam ihr bekannt vor. War es tatsächlich Æyda oder irrte sie sich?
»Wir konnten schließlich nicht wissen, ob sie es wirklich sind«, entgegnete die andere Frau ruhig. »Die Beschreibung stimmte, doch sie waren bereit, uns anzugreifen und wir wollten Schwierigkeiten möglichst aus dem Weg gehen.«
Die Plane am Zelteingang wurde zurückgeschlagen. Ariane konnte den Eingang nicht sehen und wartete angespannt.
»Das sind sie«, schaltete sich ein Mann ein, in dem sie eindeutig Skonar erkannte. Er klang müde und erschöpft. »Bindet sie los.«
Ariane konnte die folgenden Geräusche nicht einordnen, doch es hörte sich so an, als ob jemand einen anderen zur Seite stieß. Dann trat Æyda in ihr Blickfeld und kniete zwischen ihr und Sarakin nieder, auch wenn dafür kaum genügend Platz war.
»Verdammte Amazonen …«, grummelte die junge Alvarūn verärgert, während sie zuerst Sarakins und dann Arianes Knebel löste. Es tat gut, endlich wieder frei atmen zu können, auch wenn der merkwürdige Geschmack in ihrem Mund noch nicht wich. »Ihr werdet die Nachwirkungen der Betäubung noch immer spüren. Lasst euch Zeit. Ihr seid in Sicherheit.«
Æyda zückte ihren Dolch und zerschnitt die Fesseln. Sie blieb am Zelteingang knien, während Ariane und Sarakin sich aus der unbequemen Haltung befreiten und sich aufzusetzen versuchten.
Die Welt drehte sich um Ariane, schließlich gewöhnte sich ihr Körper an die aufrechte Haltung. Sie hatte nur noch immer das Gefühl, dass Watte ihren Schädel ausfüllte.
»Hier.« Ohne weitere Erklärung hielt Æyda jedem von ihnen einen Wasserschlauch hin.
Sie tranken schweigend. Das Wasser trug dazu bei, ihren Kreislauf weiter zu stabilisieren.
»Wo sind wir?«, fragte Sarakin. Die bleierne Müdigkeit wich nur langsam von ihm. »Von welchen Amazonen redest du?«
»Amazone ist nicht der richtige Ausdruck, doch genauso führen sie sich auf. Wir befinden uns in einem Lager der Kriegerinnen Taras.«
»Kriegerinnen Taras?« Sarakin sah sie voller Unverständnis an.
»Kommt erst einmal mit nach draußen«, wich Æyda seiner Frage aus. »Skonar und die anderen werden euch alles berichten und erklären können.« Mit diesen Worten stand sie auf und verließ das Zelt.
Ariane warf Sarakin einen fragenden Blick zu, der nur die Schultern zuckte.
Es fiel ihnen beiden schwer, auf die Beine zu kommen. In dem Zelt konnten sie sowieso nur gebückt stehen. Sarakin bedeutete Ariane mit einer Handbewegung vorzugehen. Sie zog die Plane zurück und trat von ihm gefolgt ins Freie.
Das Zelt stand von dichtem Gebüsch umgeben abseits von einem weitläufigen Lager, zu dem ein schmaler Trampelpfad führte. Bisher hatte man offensichtlich dafür gesorgt, sie vom Lager und seinen wie auch immer gearteten Einwohnern fernzuhalten. Es bestand überwiegend aus kleinen Zweimannzelten, von denen sich mindestens dreißig Stück in der näheren Umgebung befanden.
Ariane nahm zuerst die ihr bekannten Gesichter der Widerständler wahr, die um mehrere Feuer in der Nähe saßen und sie und Sarakin neugierig musterten. Dann erst wurde sie sich der mindestens genauso großen Anzahl von Frauen bewusst, die Æyda mit Amazonen oder Kriegerinnen Taras bezeichnet hatte.
Sie waren Alvarūn, zumindest schloss das Ariane aus der Form ihrer Ohren, doch ansonsten war ihre Erscheinung eigenartig fremd.
Ihr Blick heftete sich an die Kriegerin, die neben Skonar stand. Sie war wie alle anderen hochgewachsen und von athletischer Gestalt. Ihre Haare, die sie zu einem einfachen Zopf gebunden hatte, und sogar ihre Augenbrauen und ihre Wimpern waren von einem reinen und vollkommenen Weiß. Ihre Haut war noch heller als die bleiche Haut des Magiers und enthielt nur einen Hauch von silbrigem Schimmer, während ihre Augen von einem hellen und eisigen Blau waren, das außer Stolz keinerlei Gefühl auszudrücken schien.
Selbst ihre Kleidung, der mit Federn besetzte, kurze Umhang und die leichten Rüstungsteile, der Bogen, der Köcher und die Pfeile hatten die Farbe von frisch gefallenem Schnee, wenn auch mit silbernem Metall und hellblauen Edelsteinen verziert. Im krassen Gegensatz zu dieser kühlen Farbkombination stand das dunkle Rot ihrer Lippen, bei dem Ariane nicht einzuschätzen vermochte, ob es Schminke oder eine natürliche Erscheinung war.
Die Kriegerin ließ die Musterung gleichmütig über sich ergehen. Sie war diese Reaktion auf ihr Aussehen offensichtlich gewöhnt. Als Ariane und Sarakin ihre erste Überraschung überwunden hatten, sprach sie die beiden an: »Ich heiße euch im Lager der Kriegerinnen Taras willkommen. Mein Name ist Lunatis. Ich bin Kommandantin des Verbandes Turiwen. Es freut mich, eure Bekanntschaft zu machen, auch wenn die Umstände alles andere als glücklich sind.«
Ariane und Sarakin wussten noch immer nicht so recht, was sie von alldem zu halten hatten. Mit fragendem Blick wandten sie sich Skonar zu.
»Ich weiß, dass ihr viel zu besprechen, viel zu klären und viele Entscheidungen zu treffen habt«, fuhr Lunatis fort. »Er wird eure Fragen beantworten. Geht jetzt. Die anderen erwarten euch bereits.« Sie nickte Skonar zu, bevor sie sich abwandte und davonging.
Sarakin sah ihr mit gerunzelter Stirn hinterher. Es fiel ihm schwer, seinen Blick von der fremdartigen Gestalt abzuwenden und den Magier anzusehen. »Was geht hier eigentlich vor?«
Skonar bedeutete ihnen mit einer Handbewegung, ihm zu folgen. Er wählte einen Weg am Rande des Lagers entlang und um die Zelte herum. »Lunatis und ihr Verband kamen uns in Galvin zu Hilfe. Sie wurden von den Hohepriestern der Lehre ausgeschickt, um uns aufzuspüren und um mit uns in Kontakt zu treten. Das gelang ihnen durch unser chaotisches Verhalten erst in der Stadt.«
»Sie haben uns vor der Nachhut geschützt, die zusammen mit Kamar eintraf?«, hakte Ariane nach. Sie erinnerte sich noch sehr gut an den Pfeilhagel, der Darlana und ihr die Flucht überhaupt erst ermöglicht hatte.
Skonar nickte. »Das waren Lunatis und ihre Krieger. Die Priesterschaft hat uns ihre uneingeschränkte Unterstützung zugesagt, selbst jetzt, nachdem …« Er verstummte. In seinem Gesicht war der aufflackernde Schmerz deutlich zu sehen, bevor er ihn unter Kontrolle brachte. »Sie werden uns ihr gesamtes Kontingent an Kriegern zur Verfügung stellen, um Jorïna zu bekämpfen.«
»Ich habe noch nie etwas von Kriegerinnen der Lehre Tara gehört«, erwiderte Sarakin kopfschüttelnd.
»Niemand hat je von ihnen gehört«, räumte Skonar ein. »Die Priesterschaft hat schon vor Jahrhunderten damit begonnen, Frauen im Geheimen zu Kriegern auszubilden. Sie hielten es für angebracht, warum auch immer.«
»Können wir ihnen trauen?«, fragte Ariane.
Auf Skonars erschöpft wirkende Gesichtszüge stahl sich ein kaum wahrnehmbares Lächeln. Er hätte diese Frage von Sarakin erwartet. »Ja. Wir können uns auf sie verlassen.«
»Von wie vielen Kriegern sprechen wir genau?«, wollte Sarakin wissen.
»Einige hundert ausgebildete Krieger«, entgegnete der Magier. »Genaue Zahlen wollten und werden sie nicht nennen. Hinzu kommen noch niedere Priester, die ebenfalls im Kampf ausgebildet wurden, um im Notfall die Tempel Taras zu verteidigen. Sie sind über ganz Azariel verstreut. Sie zusammenzuziehen würde zwei bis drei Wochen dauern.« Er hielt auf ein größeres rundes Zelt am Ende des Lagers zu. Kerzenlicht enthüllte die Silhouetten mehrerer Personen.
»Gibt es eine Erklärung für ihr merkwürdiges Aussehen?«
Arianes Frage ließ den Magier zwei Meter vor dem geschlossenen Zelteingang verharren. »Es ist ihr Geheimnis und sie sind nicht bereit, es preiszugeben. Ich vermute, dass sie irgendeine Substanz oder einen Trank zu sich nehmen, der diese äußerlichen Veränderungen bewirkt. Vermutlich geht es aber auch um irgendwelche Vorteile körperlicher und geistiger Art.«
Als sich Ariane mit einem knappen Nicken mit seiner Antwort zufriedengab, betrat Skonar das Zelt. Sie folgten ihm ins Innere.
Um eine Ansammlung von Kerzen herum saßen Æyda, Nayra, Fenrik, Mariell und Gæybriel auf Decken. Ihre Gesichter waren gleichermaßen von Erschöpfung und Mutlosigkeit gezeichnet.
Skonar setzte sich neben Æyda, während Sarakin und Ariane beim Ausgang auf der verbliebenen Decke Platz nahmen. Einige Sekunden lang saßen sie nur still beieinander und sahen schweigend ins Licht der Kerzen.
Es war schließlich Sarakin, der als erster das Wort ergriff. »Wo sind Darlana und Varik?«, fragte er in die Stille hinein, obwohl es für ihr Fehlen in dieser Runde nur wenige mögliche Antworten gab.
»Sie haben es nicht geschafft«, erwiderte Gæybriel mit rauer Stimme. Es fiel ihm sichtlich nicht besonders leicht, die Wahrheit auszusprechen. Unterbewusst zupfte er an dem Verband herum, den er am linken Unterarm trug.
Obwohl Ariane nie eine besondere Bindung zu der Gesetzlosen und dem ehemaligen Gardisten gehabt hatte, traf sie die Information, dass die beiden gefallen waren. Die gemeinsamen Kämpfe hatten die Widerständler zusammengeschweißt und jeder Verlust hinterließ seine Spuren. Zum Trauern blieb ihnen jedoch keine Zeit.
Auch Sarakin ließ der Tod der Gefallenen nicht unberührt, aber er ließ sich davon nichts anmerken. »Wo stehen wir?«
»Von unserer Truppe, die nach Galvin geritten ist, sind nicht mehr viele übrig.« Mariells Stimme klang beinahe emotionslos. »Die anderen haben während der Kämpfe gegen die königlichen Soldaten auch Verluste erlitten. Insgesamt haben wir über ein Drittel unserer Truppe verloren. Doch es sind nicht diese Art Verluste, die uns zu schaffen machen.«
»Einige haben den Widerstand bereits verlassen, als sie von Maynaras Tod erfahren haben«, fuhr Æyda fort. »Viele andere sind noch unschlüssig, doch mit jedem Tag verlieren wir Kämpfer und Unterstützer. Auch in der Bevölkerung. Maynaras Tod spricht sich sehr schnell herum und unsere Basis bröckelt von Stunde zu Stunde. Sehr viele glauben, dass wir am Ende sind, dass der Widerstand mit Maynara vernichtet wurde. Sie gehen davon aus, dass wir die Waffen strecken und fliehen werden.«
»Wir konnten unsere Verbündeten hier vor Ort dazu überreden, abzuwarten, bis wir dich aufgespürt haben«, schaltete sich Gæybriel an Sarakin gewandt ein. »Ihr habt es den Kriegerinnen nicht gerade leicht gemacht und viele spekulierten bereits auf euren Tod. Die ehemaligen Gardisten werden ihr Bleiben vermutlich an deiner Entscheidung festmachen.«
Sarakin sah sich schweigend in der Runde um. »Meine Entscheidung steht fest. Ich werde vor Jorïna nicht die Waffen strecken. Daran ändert auch Maynaras Tod nichts. Doch ich werde niemandem meine Entscheidung aufzwingen. Das schließt euch mit ein.«
»Wenn wir Jorïna kampflos die Herrschaft überlassen wollten, wären wir jetzt schon nicht mehr hier«, entgegnete Mariell mit sanfter Stimme. »Aber es kommt nicht allein auf unseren Willen an, gegen sie zu kämpfen, denn damit stehen wir noch immer nicht allein. Viele unserer Verbündeten fragen sich allerdings, was nach Jorïnas Sturz geschehen soll. Sie sahen in Maynara die wahre Herrscherin Azariels, die nach unserem Sieg den Thron besteigen sollte. Ihre Befürchtungen sind nachvollziehbar. Sie glauben, dass Jorïnas Fall ohne politischen Führer Azariel ins Chaos stürzen wird. Die Meinungen darüber, ob Anarchie Jorïnas Gewaltherrschaft vorzuziehen wäre, gehen auseinander.«
Nayra fuhr an Mariells Stelle fort: »Wenn wir unseren Verbündeten keine gesicherte Zukunft für den Fall unseres Sieges anbieten können, werden wir große Teile unseres Rückhalts verlieren, auch in der Bevölkerung. Wir müssen verbindliche Aussagen darüber treffen können, was nach Jorïnas Sturz geschehen wird. Maynara ist tot, wir sind ohne politische Führung und Ziel. Jemand muss sie ersetzen.«
Schweigen antwortete auf Mariells Ausführungen und Nayras Feststellung. Sie alle wussten, dass die ehemalige Geliebte des verstorbenen Königs recht hatte. Bisher hatte sich noch niemand über diese entscheidende Frage Gedanken gemacht.
»Ich nehme an, dass Maynara für den Fall ihres Todes keinen Nachfolger bestimmt hat.« Fenrik sah sich fragend um, doch Kopfschütteln war die allgemeine Antwort, weshalb er sich an Sarakin wandte: »Gibt es irgendeine gesetzliche Regelung für den Fall, dass kein Erbe der königlichen Familie zur Verfügung steht, um den Thron zu besteigen?«
»Dem Hochadel steht der königlichen Familie folgend die Regierungsgewalt zu. Ein derartiger Fall ist in der Geschichte Azariels bisher nie eingetreten.«
»Der Hochadel ist vernichtet«, erwiderte Fenrik mit einem Seufzen.
Mariell nickte. »Die Adeligen, die Jorïnas Feldzug überlebt haben, sind ihr entweder treu ergeben oder haben keinerlei Interesse daran, Verantwortung zu übernehmen. Der Adel scheidet als Lösung aus.«
»Das stimmt nicht«, widersprach Nayra. »In unserer Mitte befindet sich die Person, die nach dem bisherigen Herrschaftsprinzip den höchsten Anspruch auf den Thron hat und diesen auch geltend machen kann.« Sarakins entschiedenes Kopfschütteln ignorierend richtete sich ihr Blick auf Æyda. »Die letzte lebende Hochadelige.«
Æyda schenkte der alten Frau ein abweisendes Lächeln. »Ich mag vieles sein, doch von diesem Gedanken kannst du dich getrost verabschieden.«
»Du bist die Heritere des Geschlechts der Mowarïn«, erwiderte Nayra unbeirrt. »Du folgst Jorïna direkt in der Thronfolge, Æyda.«
»Das ist mir durchaus bekannt. Doch es ist ein Erbe, das ich niemals annehmen oder antreten werde«, erklärte Æyda entschieden und mit sanfter Schärfe in der Stimme. »Darüber werde ich mit niemandem diskutieren.«
Nayra blieb hartnäckig. »Es ist eine Verantwortung, der du dich möglicherweise trotzdem stellen musst. Im Augenblick wäre dieser Weg die einfachste Lösung, die darüber hinaus von der Bevölkerung und unseren Verbündeten akzeptiert werden würde. Sie folgt den bekannten Strukturen.«
Mariell schüttelte den Kopf. »Diese Lösung mag im ersten Moment einfach und bequem erscheinen, doch es ist letztlich ganz allein Æydas Entscheidung. Ihre Herkunft macht meiner Ansicht nach ohnehin keinen besonderen Unterschied. Sie hat nie als Adelige gelebt und ist der Bevölkerung vollkommen unbekannt.«
»Das führt uns unweigerlich zu einer anderen geltenden Regelung«, entgegnete Nayra. Ihr Blick wanderte zu Sarakin. »Wenn unvorhergesehene Umstände oder Situationen eintreten, für die keinerlei Bestimmungen vorliegen und von denen eine Gefahr für das Reich Azariel zu erwarten sind, fällt die Verantwortung und die Entscheidungsgewalt dem Kommandanten der königlichen Garde zu.«
»Die königliche Garde existiert nicht mehr«, erwiderte Sarakin mit einem Kopfschütteln. »Außerdem kannst du diese Regelung nicht auf die aktuelle Situation anwenden.«
Nayra stieß ein Seufzen aus.
Ariane kam jedweder Erwiderung zuvor: »Es macht keinen Sinn, irgendjemandem diese Verantwortung aufzuzwingen. Derjenige, der Maynaras Nachfolge antritt, sollte dies freiwillig tun. Ich denke, darüber sind wir uns einig.«
Mit Ausnahme von Nayra nickten die anderen zustimmend.
»Wir sollten uns ohnehin von dem Gedanken verabschieden, hier und jetzt den zukünftigen König oder die zukünftige Königin Azariels zu bestimmen«, nahm Mariell das Gespräch wieder auf. »Eine derartige Entscheidung lässt sich nicht innerhalb von Stunden oder Tagen treffen. Unter uns befindet sich außerdem niemand mit politischer Ausbildung oder entsprechenden Fähigkeiten, der für diese Position geeignet wäre. Wir können der Bevölkerung und unseren Verbündeten keinen Herrscher präsentieren, weder zum jetzigen noch zu einem späteren Zeitpunkt.«
»Und was schlägst du vor?«, fragte Fenrik mit gerunzelter Stirn in die entstandene Stille hinein.
»Wir müssen uns jetzt auf das Wesentliche konzentrieren. Maynara hat bisher alle Entscheidungen mit unserer Unterstützung getroffen oder ihre Zustimmung zu den von uns geplanten Schritten erteilt. Jemand muss unabhängig von ihrer politischen Bedeutung diese Rolle im Widerstand übernehmen. Wir müssen einen Anführer benennen, bei dem die Entscheidungs- und Befehlsgewalt für unseren Kampf gegen Jorïna liegt. Sicherlich besteht die Notwendigkeit, gegenüber der Bevölkerung und unseren Verbündeten eine verbindliche Aussage über die Zukunft zu machen. Ihre Bedenken und Befürchtungen nehme ich sehr ernst und sie haben ein Recht darauf, zu erfahren, was geschehen wird, wenn der Widerstand Erfolg haben sollte und Jorïna gestürzt wird. Doch wie ich bereits sagte, sind wir nicht in der Lage, ihnen einen neuen Herrscher zu präsentieren. Es gibt niemanden, der Jorïnas Platz auf dem Thron einnehmen kann oder wird. Aber es liegt in unserer Verantwortung, hierfür eine tragbare Lösung zu finden.«
Mariell blickte in die Runde. »Jeder einzelne von uns hat einen Teil dieser Verantwortung auf sich geladen, als wir gegen Jorïna und ihre Verbündeten in den Kampf gezogen sind. Damit ist auch jeder einzelne von uns dafür verantwortlich, dass Azariel nach Jorïnas Herrschaft eine stabile und angemessene Regierung erhält, die den Vorstellungen Maynaras möglichst gerecht werden sollte. Das wird direkt nach Jorïnas Sturz nicht sofort möglich sein. Die einzige tragbare Lösung sehe ich in der Bildung einer Übergangsregierung, deren Zweck und Ziel es sein wird, eben jene gerechte Regierung zu definieren und einzusetzen. Wir sollten eine Instanz schaffen, die Azariel eine Regierung zurückgibt und in der Übergangsphase für Recht und Ordnung sorgt. Darauf können wir dann aufbauen.«
Mariell sah in die teilweise skeptischen bis hin zu verständnislosen Gesichtern der anderen.
»Und diese wie auch immer geartete Übergangsregierung soll nach unserem Sieg einen neuen König finden und bestimmen?«, hakte Gæybriel nach.
Die Alvarūn nickte. »Nur mit einem geringfügigen Unterschied: Ich bin der Meinung, dass diese Übergangsregierung nur als eine Art Regulator auftreten und die Entscheidung über die letztendlich einzusetzende Regierung das Volk treffen sollte.«
Nayra schüttelte sofort den Kopf. »Damit wäre die Bevölkerung vollkommen überfordert. Auf einen derartigen Wandel sind die Bürger keinesfalls vorbereitet. Sie werden ohnehin Æyda auf dem Thron sehen wollen.«
»Du unterschätzt das Volk, Nayra.« Mariell warf der alten Frau ein sanftes Lächeln zu. »Zum einen gibt es nicht den geringsten Grund, warum sie von Æydas Existenz überhaupt erfahren sollten. Zum anderen sind die Bürger Jahrtausende lang vom Adel unterdrückt und teilweise auch ausgebeutet worden. Sie werden die Möglichkeit begrüßen, eigenständig über die Zukunft ihrer Welt entscheiden zu können. Die Zeit für einen Neuanfang ist gekommen, für den wir alle notwendige Unterstützung erhalten werden. Ein wenig Lenkung und Führung wird diese Entwicklung natürlich bedürfen, doch das wird unsere Aufgabe als Mitglieder der Übergangsregierung sein.«
»Du sprichst Maynara schon beinahe aus der Seele«, sagte Skonar leise. Er hatte bisher geschwiegen und nur still der Diskussion und den verschiedenen Meinungen gelauscht. »Wenn sie die Möglichkeit hätte, würde sie deinem Vorschlag zustimmen. Er entspricht in weiten Teilen ihren Vorstellungen.«
Die anderen sahen ihn überrascht an.
»Als Fenrik fragte, ob Maynara irgendeine Art von Vermächtnis für den Fall ihres Todes hinterlassen hat, hast du den Kopf geschüttelt«, bemerkte Ariane fragend.
»Es ist kein Vermächtnis, jedenfalls nicht direkt«, räumte Skonar nach kurzem Zögern ein. »Sie hat mit mir über ihre Ansichten, ihre Vorstellungen und Ideen gesprochen … Sie hat mich an ihren Gedanken teilhaben lassen, doch nichts davon war bisher entschieden.«
»Und wie sahen ihre Vorstellungen aus?«, hakte Sarakin nach.
»Sie hatte nicht vor, in die Fußstapfen ihrer Vorfahren zu treten. Sie sah ihre Aufgabe nicht darin, bis ans Ende ihrer Tage über Azariel zu herrschen. Maynara wollte sich nicht nur für die Gleichstellung von Alvarūn und fremden Wesen sowie dem gewöhnlichen Volk und dem Adel einsetzen, sondern sie wollte eine Möglichkeit finden, das Volk an der Regierung zu beteiligen. Sie hatte noch keine konkreten Pläne. Ihr schwebte so eine Art Senat aus vom Volk bestimmten Vertretern vor, der die Regierungsentscheidungen des Königs bestätigen oder ablehnen können sollte. Sie wollte außerdem, dass dieser Rat für eine festgesetzte Periode den König bestimmen sollte. Vererbung oder Adelsstand sollten dabei überhaupt keine Rolle mehr spielen. Maynara hatte eine ganze Reihe von Ideen, doch was sie davon tatsächlich umgesetzt hätte …«
»Aber der Kern der Sache bleibt derselbe«, erwiderte Mariell. »Wir wissen, welche Art von Regierung ihr vorschwebte, und sollten uns danach weitestgehend richten. Wir sind diejenigen, die diese Veränderungen in ihrem Namen umsetzen müssen.«
»Im Grunde stimme ich dir zu, auch wenn ich mir ehrlich nicht vorstellen kann, wie wir das schaffen sollten«, entgegnete Sarakin nachdenklich. »Doch es ist eine Lösung, die Zuspruch finden wird.«
Nayra hatte nach wie vor Bedenken. »Das mag sein, ich glaube trotzdem nicht, dass das Volk für derartige Veränderungen bereit ist. Einige bedeutende und alte gesellschaftliche und politische Strukturen einem derartigen Wandel zu unterwerfen, wird zu Problemen führen. Wer sollte dieser Übergangsregierung überhaupt angehören?«
»Wir«, entgegnete Mariell. »Zumindest diejenigen von uns, die dazu bereit sind. Wir müssen in dieser Angelegenheit geschlossen auftreten. Die Führung des Widerstandes muss in jedem Fall hinter diesem Vorhaben stehen und sich ihrer Verantwortung als Mitglied der Übergangsregierung stellen. Das ist der Anfang. Es werden noch andere hinzukommen. Wir müssen darauf achten, klare Verhältnisse zu schaffen. Die Gruppe der möglichen Mitglieder sollte weder zu groß noch zu klein sein. Und wir sollten darauf achten, dass die Mitglieder verschiedene Interessen vertreten. Wenn es bestimmte Personen gibt, die wir unbedingt dabeihaben wollen, müssen wir sie darauf ansprechen.«
»Das klingt alles viel zu einfach …« Fenrik war noch immer skeptisch.
»Es ist keine leichte Aufgabe«, erwiderte Ariane. »Ich schließe mich Mariell an. Es ist die einzige tragbare und vertretbare Lösung.«
Sarakin nickte. »Dem stimme ich ebenfalls zu. Aber diese Entscheidung sollten wir nur einstimmig treffen.« Er sah von einem zum anderen und erhielt von jedem ein bestätigendes Nicken zur Antwort. Auch Nayra signalisierte schließlich ihre Zustimmung, auch wenn ihr noch immer anzumerken war, dass sie Bedenken hatte.
Mariell lächelte zufrieden. »Wir müssen diese Entscheidung schnell verkünden, damit wir nicht noch weiteren Boden verlieren. Und zwar in ganz Azariel. Die Bevölkerung und auch Jorïna müssen erfahren, dass wir noch weit davon entfernt sind, aufzugeben.« Sie sah Nayra an. »Kannst du dich um die entsprechende Formulierung und die Verbreitung unserer Mitteilung kümmern?«
Die Schriftstellerin schenkte der ehemaligen Gardistin ein versöhnliches Lächeln. »Selbstverständlich.«
»Zuvor müssen wir noch festlegen, wer Maynara als Anführer des Widerstands nachfolgen wird.« Mariells Blick schweifte zu Sarakin.
Noch bevor er etwas auf ihren unausgesprochenen Antrag erwidern konnte, wandte sich überraschenderweise auch Gæybriel an ihn: »Du warst von Anfang an Befehlshaber des Widerstandes. Maynara hat deinen Entscheidungen vertraut. Das ist deine Bestimmung.«
Fenrik stimmte Gæybriel mit einem Nicken zu. Auch die anderen gaben ihm schweigend zu verstehen, dass sie derselben Meinung waren.
Für Sarakin war ihre Entscheidung nicht wirklich überraschend. Bereits als sich abgezeichnet hatte, dass sie einen Anführer bestimmen mussten, war absehbar gewesen, dass sie den einfachsten und direktesten Weg gehen und sich an ihn wenden würden. An seiner bisherigen Position würde sich durch diese Benennung kaum etwas ändern, trotzdem war es keine Entscheidung, die er leicht nahm. Letztlich gab es aber keine nennenswerten Alternativen.
Er wandte sich an Nayra. »Formuliere unsere Mitteilung.« Er ließ seinen Blick durch die Runde schweifen. »Wir sollten keinesfalls unnötig Zeit verstreichen lassen und mit einem schnellen, aber bedeutenden Sieg unter Beweis stellen, dass wir Jorïna noch immer gefährlich werden können. Wir brauchen ein geeignetes Ziel. Für Vorschläge jeder Art bin ich offen. Jorïna soll erfahren, dass sie sich noch lange nicht in Sicherheit wiegen kann.«
Sarakin suchte nach ihrer Besprechung gemeinsam mit Mariell und Skonar Lunatis auf und teilten der Kriegerin ihre Entscheidungen mit. Sie hörte ihren Ausführungen schweigend zu, bevor sie Sarakin anerkennend zunickte und erklärte, dass ihre Beschlüsse im Sinne der Hohepriester seien und sie sich der vollen Unterstützung der Lehre Tara gewiss sein konnten.
Danach informierten sie die sich im Lager aufhaltenden Widerständler über ihre Pläne und erklärten ihnen das weitere Vorgehen. Erwartungsgemäß begegneten einige ihren Vorhaben mit Skepsis, doch letztlich wurden die verkündeten Entscheidungen angenommen, was nicht zuletzt einer kurzen, dafür umso leidenschaftlicheren Rede Mariells zu verdanken war. Nachdem sie alle aufkommenden Fragen beantwortet und die Unklarheiten so weit wie möglich ausgeräumt hatten, löste sich die Versammlung auf.
Nayra zog sich zurück, um die öffentliche Mitteilung und die Nachrichten an die noch im Land verstreuten Widerstandsgruppen zu verfassen. Æyda und Gæybriel waren beide für die folgende Schicht der Nachtwache eingeteilt und verabschiedeten sich daher ebenfalls. Mariell entschied, sich unter die Widerständler zu begeben, um auch noch die letzten Zweifel aufzulösen.
Auch Skonar wollte sich zurückziehen. Ariane konnte ihn gerade noch rechtzeitig abfangen, bevor er das Lager verließ. Der Magier warf ihr und Sarakin, der hinter ihr aufgetaucht war, einen fragenden Blick zu.
»Wir müssen etwas mit dir besprechen«, erklärte Ariane. »Allerdings wäre es besser, wenn wir das etwas abseits vom Lager und geschützt vor neugierigen Blicken tun könnten.«
Skonar sah zwischen ihr und Sarakin hin und her. Er fragte sich offensichtlich, was es mit dieser doch etwas eigenartigen Bitte auf sich hatte. Dann nickte er. »Gehen wir.«
Der junge Magier übernahm die Führung und verließ das Lager über einen Trampelpfad, der sich nach kurzer Strecke im hohen Gras verlor. Sie kämpften sich bis zu einer weitläufigen Gruppe aus dornigen Büschen durch die hüfthoch wachsenden Gräser.
In der Dunkelheit war kaum etwas zu erkennen, bevor Skonar mit einer magischen Formel ein kleines Lagerfeuer am Boden entzündete. Der Lichtschein der Feuerstelle offenbarte, dass der Reisende hier offensichtlich seine Schlafstätte abgelegen vom Hauptlager eingerichtet hatte. Auf Arianes fragenden Blick reagierte er mit einem Schulterzucken. »Ich wollte allein sein.«
Skonar ließ sich auf die grobe Wolldecke sinken und wartete, bis sich die anderen beiden ebenfalls niedergelassen hatten. »Worum geht es?«
Ariane und Sarakin tauschten einen kurzen Blick aus, bevor Ariane das Amulett unter ihrer Tunika hervorzog, die Kette löste und es Skonar entgegenhielt. »Das gehörte Kamar.«
Der Magier sah erstaunt und zugleich verwirrt auf das Schmuckstück hinunter. Er streckte die Hand danach aus, berührte es jedoch nicht. »Ich habe das schon einmal gesehen. Kamar trug dieses Amulett jedes Mal, wenn ich ihm begegnet bin, vermutlich trug er es immer.« Er hob den Blick. »Wie bist du daran gelangt?«
»Als ich ihm im Palast begegnet bin. Bei der Auseinandersetzung auf dem Balkon«, antwortete Ariane. »Ich habe es durch Zufall zu fassen bekommen und habe es ihm unabsichtlich entrissen.«
Skonar wagte es nun doch, Ariane das Amulett abzunehmen. Im Lichtschein des Feuers drehte er es langsam hin und her und begutachtete es von allen Seiten. Er berührte die eingravierten Runen und eingefassten Edelsteine auf der Oberfläche und fuhr mit dem Finger die zackige Kerbe entlang, wo ein Stück herausgebrochen zu sein schien. »Es hat magische Kräfte«, stellte er leise murmelnd fest.
»Die hat es allerdings«, erwiderte Sarakin mit einem Nicken. »Es hat Ariane von einer tödlichen Wunde geheilt.«
Der junge Magier sah überrascht auf. In seinen Augen spiegelte sich eine Spur von Unglauben wider.
Sarakin erzählte ihm daraufhin, was sich zugetragen hatte.
»Das ist äußerst interessant und ungewöhnlich«, sagte Skonar schließlich, nachdem er eine Zeit lang schweigend auf das Amulett hinabgesehen hatte.
»Könnte es sein, dass dieses Amulett der Schlüssel zu Kamars langer Lebensdauer ist?«, fragte Sarakin.
Skonar schüttelte den Kopf. »Dafür besitzt es nicht genügend Kraft. Es ist faktisch unmöglich durch einen so einfachen Gegenstand wie ein Amulett lebensverlängernde Magie zu wirken. Selbst für Kamar. Ich bin mir nicht sicher, aber es könnte eine Art Verstärker für magische Fähigkeiten sein.«
»Das würde aber bedeuten, dass ich magische Fähigkeiten in mir trage, die mich dazu befähigen, mich selbst zu heilen«, entgegnete Ariane mit einem Kopfschütteln. »Das ist unmöglich.«
»Das ist es nicht«, erwiderte Skonar mit einem sanften Lächeln. »Du trägst eine Spur von magischer Befähigung in dir, Ariane, wie die meisten Menschen. Es ist jedoch nur ein winziger Hauch und unter normalen Umständen in keiner Weise brauchbar, weshalb ich es bisher nicht erwähnte. Das Amulett hat diese Befähigung verstärkt. Alles andere bewirkte dein Überlebenswille.«
Sarakin war weder überzeugt noch gefiel ihm die Aussicht, dass sich dieses Amulett im Kampf gegen Kamar als absolut nutzlos erweisen sollte. »Bist du sicher?«
»Wenn ich mit meiner Vermutung recht habe, würdest du damit nichts anfangen können, da du keinerlei magische Fähigkeiten in dir trägst.« Skonar zuckte die Schultern. »Bei Ariane ist es etwas anderes. Unter Umständen könnte sich durch dieses Amulett für sie die Möglichkeit eröffnen, Magie gezielt und willentlich zu wirken.«
»Das ist nicht dein Ernst.« Ariane war mehr als nur skeptisch, als sie das Amulett wieder von Skonar entgegennahm. »Glaubst du, ich müsste mich jetzt einfach nur noch konzentrieren und irgendeinen Zauberspruch rufen. So etwas wie ‚Lumos‘ oder …«
Ein schon beinahe ohrenbetäubender Knall unterbrach Ariane. Der Dornenbusch hinter Skonar ging augenblicklich in hellgrüne Flammen auf.
Keiner von ihnen begriff zuerst, was geschehen war.
Skonar fing sich zuerst. Er rief ein Wort in der magischen Sprache und die Flammen erstickten sofort. Ein großer Teil des Busches war zu einem Gebilde aus weißer Asche verbrannt, das vom nächsten Windhauch zerstört und davongetragen wurde.
Ariane starrte vollkommen perplex den Wehen aus Asche hinterher. Nur langsam begriff sie, dass sie diejenige gewesen war, die diese Flammen heraufbeschworen hatte. Sie zuckte zusammen, als Sarakin vorsichtig ihre Hand ergriff.
»Ich denke, so etwas solltest du besser nicht tun.«
Skonar beugte sich vor und nahm das Amulett erneut an sich. Er öffnete seine linke Hand und rief: »Tiha'Nachai!« Nur das bekannte weiß pulsierende Licht erschien über seiner Handfläche und das Wirken der Magie hatte sich nicht anders als sonst angefühlt. Er probierte noch zwei weitere, nicht ganz so harmlose Sprüche aus, doch das Ergebnis blieb gleich.
Sarakin und Ariane sahen ihm zu. Beiden war anzusehen, dass sie sich nicht besonders wohl fühlten.
»Was genau hast du gesagt, als du das Feuer heraufbeschworen hast? Dieses merkwürdige Wort?«, wandte sich der junge Magier schließlich an Ariane.
»Lumos«, erwiderte sie zögernd.
Skonar stand auf und entfernte sich ein paar Schritte von dem verbliebenen Gestrüpp. Er hielt das Amulett vor sich, bevor er schon beinahe befehlend rief: »Lumos!«
Der Knall, mit dem das gesamte Buschwerk in Flammen aufging, betäubte sie im ersten Moment. Das hellgrüne Feuer brannte so heiß, dass es innerhalb von wenigen Sekunden die Büsche vollkommen niedergebrannte und aufgrund fehlender Nahrung von selbst wieder erlosch. Es hinterließ eine mehrere Quadratmeter große Fläche verbrannter Erde und einen Haufen weißer Asche.
Skonar war über die Wirkung des Amuletts und des Wortes selbst überrascht. »Interessant … Das ist kein Wort der magischen Sprache …« Er schüttelte den Kopf und wandte sich an Ariane. »Wie bist du darauf gekommen?«
»Das ist eine unendlich lange Geschichte«, erwiderte Ariane mit einem Kopfschütteln.
»Das Amulett ist eine wirklich interessante Entdeckung«, fuhr Skonar fort. »Ich glaube nicht, dass es aus Azariel stammt oder von einem Alvarūn gefertigt wurde. Ich kann mit diesem Wort nichts anfangen, ebenso wenig mit den Runen und Zeichen auf dem Amulett. Ich frage mich, welche Bedeutung es für Kamar hat …«
»Keine allzu geringe, nehme ich an«, schaltete sich Sarakin ein. »Ich bin mir nicht sicher, aber Balor sagte etwas in der Art, dass sich Kamar über Arianes Anwesenheit freuen würde, als wir Æyda befreiten. Dieser Bemerkung habe ich damals keine Bedeutung zugemessen. Doch es ist möglich, dass Kamar dieses Amulett wieder in seinen Besitz bringen will.«
»Davon würde ich ausgehen«, antwortete Skonar. »Ich kann nicht ausschließen, dass es noch über ganz andere Kräfte verfügt, die mir verborgen bleiben. Wie bereits gesagt ist die Macht eines solchen Gegenstandes an sich beschränkt.« Er hielt Ariane das Amulett entgegen. »Du solltest gut darauf aufpassen.«
Sie nahm es nur zögernd entgegen. »Bist du sicher, dass du es nicht behalten willst?«
»Es hat nichts offenbart, das uns in irgendeiner Form dabei helfen könnte, Kamar zu besiegen. Wir kennen ein einziges Wort, auf das es reagiert, zumindest in meinen Händen«, erklärte der junge Magier. »Wenn es geeignet ist, dich zu schützen, solltest du es tragen.«
»Ich bin derselben Meinung«, stimmte Sarakin ihm unvermittelt zu. »Wenn es keinen anderen, überaus brauchbaren Nutzen hat, musst du es tragen, um dich selbst zu schützen.«
Ariane warf den beiden Männern einen zweifelnden Blick zu, nickte dann aber und schloss die Hand um das Amulett.
Skonar sah kopfschüttelnd auf die verbrannte Fläche hinunter. »Sieht so aus, als müsste ich mir einen neuen Schlafplatz suchen.«
»Du könntest mit uns ins Lager zurückkehren«, schlug Sarakin vor.
Der junge Alvarūn schüttelte den Kopf. »Ich brauche Zeit … Nicht nur wegen Maynara.« Leise und zurückhaltend fügte er hinzu: »Was in Galvin passiert ist, mit mir selbst, das muss ich erst verarbeiten … Ich habe ein mir vollkommen unbekanntes Gebiet der Magie betreten …«
Sarakin und Ariane verstanden, was er andeutete, doch keiner von ihnen sprach die Tatsache aus. Sie ließen Skonar zurück und machten sich allein auf den Rückweg. Einige Minuten lang gingen sie schweigend nebeneinanderher.
Als sie die ersten Zelte fast erreicht hatten, blieb Sarakin stehen. Er musterte Ariane einige Sekunden lang im Halbdunkeln, bevor sein Blick zu ihrer zur Faust geballten Hand mit dem Amulett darin wanderte. »Du fühlst dich nicht wohl damit?«, fragte er leise.
»Nicht mehr«, gab Ariane zu. »Nicht, seitdem ich weiß, dass es durchaus auch zerstörerische Kräfte hat. Vielleicht bin ich gar nicht fähig, die Macht des Amuletts zu beherrschen. Was ist, wenn ich morgen irgendein Wort undeutlich ausspreche und es damit zu einem Wort mit der Gewalt mache, irgendeine Katastrophe geschehen zu lassen?« Sie öffnete die Hand und sah auf den Anhänger hinunter, bevor sie wieder zu Sarakin aufblickte. »Wenn es irgendeinen Nutzen für Kamar hatte, sollten wir es zerstören.«
»Nein.« Sarakin schüttelte entschieden den Kopf. »Ich glaube nicht, dass für uns von diesem Amulett eine direkte Gefahr ausgeht oder dass du fähig bist, eine Katastrophe heraufzubeschwören.«
»Wenn wir es zerstören, kann auch Kamar nie wieder etwas damit anfangen«, beharrte Ariane.
»Das mag sein«, räumte Sarakin ein. »Aber das bedeutet nur, dass du sehr gut darauf aufpassen musst.« Er nahm das Amulett, streifte ihr nach kurzem Zögern die Kette über den Kopf und strich die Haare aus ihrem Nacken. Seine kurze Berührung ließ einen Schauer Arianes Wirbelsäule hinabwandern.
»Es ist richtig, dass Kamar dieses Amulett nie wieder in die Hände bekommen sollte«, fuhr Sarakin fort und ließ das Amulett unter ihre Tunika zurückgleiten, wo es kühl zwischen ihren Brüsten zum Liegen kam.
Ariane sah zu ihm auf, als er nicht von ihr zurücktrat. Seine Hände kamen auf ihren Schultern zum Liegen.
Sarakin suchte den Blick ihrer Augen. »Es schützt dein Leben und das zählt für mich sehr viel mehr. Versprich mir, dass du es tragen wirst.«
Einige Sekunden lang erwiderte sie nur stumm seinen Blick, bevor sie den letzten Schritt zwischen ihnen überwand und ihn küsste. Sie sank in seine Umarmung und ließ zu, dass er sie ins Gras hinab zog. Als sich Ariane schließlich nach einer Weile von ihm löste, um zu Atem zu kommen, fragte er: »Ist das ein Ja?«
Sie sah ihn nur kurz an, bevor sie nickte.
Sie kehrten erst zum Frühstück am nächsten Morgen in das große Zelt zurück, wo ihre beiden Schlafstätten frei geblieben waren. Sie waren zwar ins Lager zurückgegangen, hatten sich aber einen abgelegenen Platz bei einem der Lagerfeuer gesucht, wo sie schließlich in eine Decke gehüllt eingeschlafen waren.
Im Morgengrauen war Ariane vom Lärm des erwachenden Lagers geweckt worden und hatte sich der angenehmen Gewissheit hingegeben, dass Sarakin noch immer bei ihr lag. Obwohl keiner von ihnen auch nur ein Wort darüber verloren hatte, schien zwischen ihnen eine stille Übereinkunft getroffen worden zu sein.
Bereits während sie von dem über den Feuern gerösteten Beerenbrot aßen, tauschten sie erste Ideen und Vorschläge zu ihren nächsten Aktionen aus. Nayra hatte bereits Antwort von zwei der noch verstreuten Widerstandsgruppen erhalten. Ihr weiteres Vorgehen war angenommen worden, nur wenige hatten den Widerstand verlassen.
An den späteren Unterredungen, die sie an einer vom Lager etwas abgelegenen und übersichtlichen Stelle abhielten, nahm auch Lunatis teil, auch wenn die Beteiligung der stolzen und kühl wirkenden Kriegerin die meiste Zeit über schweigender Natur war.
Recht schnell fassten sie die einige Tagesritte entfernte Samanoa-Festung der königlichen Armee für einen Angriff ins Auge. Sie zählte nicht zu den größten in Azariel und war einst aus einer alten Burg errichtet worden, deren Bauweise einige für einen Angriff geeignete Schwachstellen aufwies, die nie behoben worden waren. Sie würden sich mit einer List Zugang verschaffen können, die unter ihren Gegnern zugleich genügend Verwirrung stiften sollte, um einen erfolgreichen Überraschungsangriff zu gewährleisten.
Im Verlauf des Tages nahmen ihre Pläne detaillierte Formen an. Am frühen Abend gingen sie auseinander, jeder mit anderen Aufgaben betraut, um die notwendigen Vorbereitungen so schnell wie möglich abzuschließen. Sie schickten außerdem Kundschafter aus, um die Lage bei der Festung aufzuklären.
Mariell wartete, bis nur noch Sarakin und Ariane übrig waren, bevor sie Sarakin ansprach: »Wir sollten die Anführer der anderen Widerstandsgruppen möglichst bald informieren und instruieren und anschließend unsere Streitkräfte zusammenziehen. Wir können hier in der Ebene unsere Basis begründen und von hier aus zuschlagen.«
»Nein.« Sarakin schüttelte zu ihrer Überraschung den Kopf. »Wir werden erst kurz vor dem Angriff mit den anderen zusammentreffen. Umso kürzer die Zeitspanne bis zu unserem Angriff, desto besser.«
Mariell runzelte die Stirn. »Denkst du nicht, dass es von Vorteil wäre, uns schon früher zu formieren?«
»Wenn wir uns früher formieren, machen wir uns angreifbar«, erwiderte Sarakin. »Ich möchte ungern noch einmal so ein Debakel wie in Galvin erleben.«
»Du glaubst, dass wir in Galvin verraten worden sind?«, erkundigte sich die ältere Alvarūn. Es war ein Leichtes für Mariell, seine Gedanken richtig zu deuten.
»Die Möglichkeit besteht«, antwortete Ariane an Sarakins Stelle. »Radomir hatte zu viele Informationen. Es ist möglich, dass wir von einem sehr aufmerksamen Späher entdeckt worden sind und Radomir sich den Rest sehr treffend zusammengereimt hat. Es könnte jedoch genauso gut sein, dass jemand aus unseren Reihen ihn informiert hat. Es gibt einen Grund, warum wir bei dieser Besprechung auf Abgeschiedenheit und Geheimhaltung Wert gelegt haben.«
»Dieses Mal werden wir das Risiko so gering wie möglich halten. Wir werden unsere Truppen nicht früher als notwendig zusammenführen und der genaue Ort und der Zeitpunkt werden nur unseren engsten Vertrauten bekannt sein.« Sarakin begegnete Mariells sorgenvollem Blick. »Informiere und instruiere die Befehlshaber der anderen Widerstandsgruppen entsprechend. Sie sollen sich der Festung bis auf einen Tagesritt nähern und sich bedeckt halten. Nur Ferelia und Aike will ich direkt hier haben. Wir werden sie brauchen.«
Mariell bestätigte mit einem Nicken, bevor sie nachdenklich hinzufügte: »Wenn wir verraten worden sind, gibt es nicht viele, die es gewesen sein können. Und wir wissen nicht, ob der- oder diejenige noch am Leben ist. Was willst du tun?«
»Das weiß ich noch nicht«, entgegnete Sarakin. »Ich habe bisher keinen Verdacht. Wir müssen die Augen offenhalten und auf Überraschungen vorbereitet sein. Mehr können wir im Moment nicht tun.«
Die ältere Alvarūn erwiderte einige Momente lang schweigend Sarakins Blick, bevor sie nickte und davon ging.
Auch der folgende Tag stand im Zeichen der Vorbereitungen. Sie kamen erstaunlich schnell voran, doch Sarakin drängte sie auch ständig zur Eile. Er wollte bereits am nächsten Tag aufbrechen, um so wenig Zeit wie möglich zu verlieren. Sie mussten auf ihre Ankündigung Taten folgen lassen und das erfolgreich.
Am Abend trafen zwei Priester der Lehre Tara ein. Sie trugen die aufwendigen, dunkelroten Gewänder, die sie als hochrangige Priester der Lehre kennzeichneten. Lunatis hatte ihre Ankunft bereits am Tag zuvor angekündigt. Sie waren gekommen, um für Maynara und die anderen Gefallenen eine Andacht abzuhalten. Bei den Widerständlern, die sich derzeit im Lager aufhielten, stieß dieses Vorhaben auf weitläufige Sympathien, da die meisten von ihnen Anhänger der Lehre waren.
Ariane zog sich zu dem nahen See zurück, als die Andacht begann. Sie wusste nicht viel über die Religion und ihre Eigenheiten und es wäre ihr heuchlerisch vorgekommen, an dieser Messe teilzunehmen. Zwar war sie neugierig, doch sie hatte den Eindruck, dass sie als außenstehende Beobachterin nur stören würde.
Die Stimme der Priester und die gelegentlichen Gebete und Gesänge drangen nur sehr leise bis zum See, der in einer kleinen Senke lag. So konnte sie einige Zeit Maynara in Stille gedenken und ihre Trauer um die gefallene Gefährtin erstmals zulassen. Die Prinzessin war zu einer Freundin geworden, auch wenn sie sich nie besonders nahegestanden hatten. Maynaras Position, Arianes eigene Unnahbarkeit und die Situation hatten dies nicht zugelassen.
Es fiel ihr schwer, sich für ihre eigenen Gefühle zu öffnen, weshalb sie schließlich dazu überging, über die Entwicklungen der letzten Tage nachzudenken.
Sie war überrascht, als keine zehn Minuten später Sarakin auftauchte und sich neben sie ins Gras fallen ließ. Er wirkte müde und erschöpft, strahlte jedoch auch Entschlossenheit aus.
Ariane warf ihm einen fragenden Blick zu, denn die Andacht war noch nicht beendet. »Was tust du hier?«, fragte sie schließlich leise. »Die Feier und Riten dauern noch an …«
Einige Momente lang begegnete er ihrer Frage mit Schweigen, bevor er antwortete: »Ich glaube nicht an die Lehre Tara. Früher hatte ich nie die Wahl, den Andachten und Messen fernzubleiben. Es war am Hof meine Pflicht, an den Feiern und Riten teilzunehmen. Jetzt ist das anders.«
Ariane sah ihn verblüfft an.
Sarakin interpretierte ihre Überraschung offensichtlich falsch. »Nayra ist zwar der Meinung, als Anführer des Widerstandes wäre es auch jetzt noch meine Pflicht, aber mich in dieser Hinsicht zu verstellen hat sich für mich niemals richtig angefühlt. Es ist heuchlerisch. Maynara würde es nicht von mir erwarten. Sie würde es verstehen. Für ihre Seele zu beten und sie und ihre Taten für ihre Gottesnähe zu preisen, ohne daran zu glauben, ist nicht die Art, wie ich ihr gedenken werde.«
Er war mit den Fingern nachdenklich durch das Gras und die Erde gefahren und wischte den Dreck von einem flachen runden Stein. »Ich werde ihrer gedenken, indem ich dafür kämpfe, Azariel von Jorïnas Herrschaft zu befreien. Wenn es sein muss, bis zum letzten Atemzug …«
Sie musterte ihn einige Augenblicke lang von der Seite. »Du machst dir ihres Todes wegen Vorwürfe …«
»Nein.« Er seufzte leise. »Ich habe Fehler gemacht und nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen, aber ich hätte sie vor ihrem Schicksal nicht bewahren können. Habe ich sie zu selbständig werden lassen? Schon möglich. Hätte ich versuchen sollen, sie in einen goldenen Käfig zu sperren? Vielleicht. Hätte ich ihr versagen sollen, Verantwortung zu übernehmen?« Er schüttelte den Kopf. »Sie ist über sich selbst hinausgewachsen. Sie war in jeder Hinsicht in der Lage, die notwendigen Entscheidungen zu treffen. Sie kannte die Risiken.« Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel, das auch einen Hauch Bitterkeit enthielt. »Ich hätte sie in einem Kerker festketten müssen. Und selbst das hätte sie nicht gehalten …«
»Daran sind ich und andere nicht ganz unschuldig. Wir haben sie in ihrem Tatendrang unterstützt.«
»Unterstützt, ja, aber ihr habt sie nicht zu irgendwelchen selbstmörderischen Dummheiten verleitet. Ihr habt nur viel früher als ich eingesehen, dass Maynara kontrolliert in ihren Vorhaben zu unterstützen zielführender und sicherer war, als unbedachte Aktionen auf eigene Faust herauszufordern. Das wäre früher oder später passiert.« Er sah auf und warf den Stein. Mehrere Sekunden lang sprang er über die dunkle Fläche des Sees, bevor er mit einem kurzen Glucksen unterging. »Ich muss euch dankbar dafür sein, dass ihr sie nach Izmarith mitgenommen habt und ein Auge auf sie hattet.«
Er drehte den Kopf. Das Mondlicht schien sich in seinen Augen zu spiegeln. »Niemand trägt irgendeine Art von Schuld an ihrem Tod. Das ist vermutlich der einzige Punkt, in dem ich den Priestern Taras zustimme: Es war Schicksal. Auch wenn ich Schicksal eher als eine zusammenhängende Folge von Entscheidungen und Zufällen definieren würde und nicht als unausweichliche Vorbestimmung.«
Ariane konnte ihm nur mit einem zörgerlichen Nicken zustimmen.
»Du siehst noch immer überrascht aus.«
»Das bin ich allerdings. Mariell sagte, du wärest Anhänger der Lehre Tara.«
Eine Sekunde lang erwiderte er nur stumm ihren Blick. Mariell kannte seine Einstellung und es war ihm ein Rätsel, warum sie gegenüber Ariane eine derartige Behauptung gemacht hatte. Er fragte sich, bei welcher Gelegenheit die beiden Frauen sich überhaupt darüber unterhalten hatten, beschloss aber, nicht danach zu fragen.
Er schüttelte sanft den Kopf. »Ich bin nie gläubig gewesen. Zumindest glaube ich nicht daran, dass es eine Göttin oder überhaupt irgendwelche Gottheiten gibt. Was nichts daran ändert, dass ich viele Werte, die die Lehre Tara vermittelt, achte und sie bis zu einem gewissen Grad auch befolge. Doch das würde ich vermutlich auch tun, wenn es die Lehre überhaupt nicht geben würde. Vielleicht hat Tara einst existiert, doch sie war allenfalls eine weise Gelehrte, die ihre Werte und Vorstellungen niederschrieb. Keine Göttin.«
Er ließ seinen Blick kurz über den See schweifen, bevor er fortfuhr: »Diese Einstellung hat mir Mariell selbst vermittelt. Sie glaubt genauso wenig an Götter, nur an die Werte der Religion an sich. Sie ist der Auffassung, dass man zur Einhaltung dieser Werte keine Priesterschaft oder Messen benötigt. Es wäre vermutlich zu kompliziert gewesen, dir das alles zu erläutern. Deshalb hat sie den unkomplizierten Weg gewählt.«
»Sie hat dir sehr viel mit auf den Weg gegeben«, erwiderte Ariane zurückhaltend.
Sarakin nickte und ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. »Ich habe sehr viel von ihr gelernt und habe ihr noch viel mehr zu verdanken. Auch wenn sie es mit mir wohl nicht immer einfach hatte.«
Ariane zögerte eine Sekunde lang, bevor sie sich vorwagte. »Das ist mir bekannt. Mariell hat mir von eurer ersten Begegnung und deiner Jugend erzählt.«
»Das habe ich bereits befürchtet«, seufzte Sarakin und wandte sich ihr zu. »Und so wie ich sie kenne, hat sie dir gleich die gesamte Geschichte erzählt.«
»Bis auf wenige Einzelheiten vermutlich schon«, erwiderte Ariane mit einem verschmitzten Lächeln. »Wir haben uns recht lange und ausführlich unterhalten.«
Sarakin erwiderte ihr Lächeln nur zurückhaltend. »Ich werde nicht gerne an diese Zeiten erinnert. Falls du irgendwelche Fragen hast, solltest du sie lieber jetzt stellen.«
Ariane zögerte erneut. »Eine Sache ging mir schon noch durch den Kopf, gerade vorgestern.«
Er sah sie forschend an. »Welche Sache?«
»Mariell hat mir auch von der Beziehung zwischen dir und Maynaras Vater erzählt. Und ich frage mich noch immer, ob es nicht möglicherweise einen sehr berechtigten Grund für sein Wohlwollen dir gegenüber gab.«
Sarakin reagierte mit einem ehrlichen kurzen Lachen. »Du bist nicht die erste und nicht die Einzige, die diesen Gedanken gefasst hat. Doch es ist ausgeschlossen. In meinen Adern fließt kein adeliges Blut, erst recht keines der königlichen Familie.«
»Bist du sicher, dass …«
Er unterbrach sie mit einem Nicken. »Absolut sicher. Ich habe sein Wort, auch wenn es Mariell war, die es ihm abverlangt hat, bereits damals, als er mich an den Hof holte. Du wirst jetzt sicherlich dagegenhalten, dass ich mich darauf nicht verlassen kann, doch ich tue es. Er hätte sich irgendwann zu erkennen gegeben, spätestens Nayra hätte er es erzählt. Und du solltest Nayra inzwischen gut genug kennen, um zu wissen, dass sie dieses Wissen nicht für sich behalten hätte. Erst recht nicht nach Maynaras Tod.«
Dieser Argumentation hatte Ariane nichts entgegenzusetzen. Sie hatte es ohnehin nicht für besonders wahrscheinlich gehalten, dass Sarakin der uneheliche Sohn des ehemaligen Königs war. Nach den ganzen Lügen und Intrigen, denen sie bereits begegnet war, hätte es sie aber auch nicht überrascht, wenn die ganze Wahrheit, aus welchen Gründen auch immer, noch nicht offenbart worden war.
»Ich bin sehr froh, dass es nicht so ist, und es ist nichts, was ich mir jemals gewünscht habe«, fuhr Sarakin fort. »Es reicht schon, dass Æyda eine derartige Bürde zu tragen hat, für oder gegen die sie sich nie frei entscheiden konnte. Es graut mir davor, dass Nayra sich letztendlich als dickköpfig genug erweisen könnte, Æydas Herkunft trotz unserer Abmachung bekannt zu machen.«
Ariane schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass sie das tun wird. Sie sollte wissen, dass sie Æyda niemals in diese Rolle zwingen kann. Æyda ist nicht zur Adeligen oder gar Königin geboren worden, das ist weder ihr Schicksal noch ihre Passion. Wenn sie jemals in Bedrängnis wegen ihrer Herkunft geraten sollte, würde sie untertauchen und für immer verschwinden. Auch Nayra ist sich dessen bewusst.«
Sarakin schwieg daraufhin einige Sekunden lang, bevor er nickte. »Ich hoffe es.«
Sie saßen noch eine Weile schweigend beisammen, bevor sie beschlossen, ins Lager zurückzukehren und sich einen Schlafplatz für die Nacht zu suchen.
Die Andacht fand auf der anderen Seite der Zeltansammlung statt, die so gut wie verlassen war, weshalb sie kaum gestört werden würden. Da sie es beide vorzogen, unter freiem Himmel zu schlafen, gingen sie nur kurz zu dem großen Zelt, um ihre Decken zu holen.
Überraschenderweise trafen sie dort Gæybriel an, der im Dunkeln mit einer Taschenlampe vor den geöffneten Satteltaschen Arianes kniete und in ihnen kramte. Als er die beiden bemerkte, zuckte er erschrocken zusammen und verlor beinahe das Gleichgewicht. Er sah kopfschüttelnd zu ihnen auf. »Müsst ihr euch so anschleichen?!«
Ariane blickte nur stirnrunzelnd auf ihn hinunter. »Was suchst du in meinen Satteltaschen?«, fragte sie verwundert.
»Schmerzmittel«, erwiderte Gæybriel mit einem leisen Seufzen. Er warf Sarakin nur einen kurzen Blick zu, der ihn mit offenem Misstrauen musterte. »Ich habe keine mehr. Es tut mir leid. Ich hätte dich gefragt, aber ich habe euch vorhin beide in Richtung See verschwinden sehen und wollte nicht stören.«
Ariane schüttelte über seine versteckte Anspielung den Kopf und ließ sich neben ihm auf einem Knie nieder. Mit einem Griff in die richtige Tasche hielt sie das Etui in Händen, in dem sich eine Injektionspistole und einige Injektionen befanden. Sie nahm zwei Phiolen mit Schmerzstiller heraus und überreichte sie Gæybriel. »Du solltest von dem Zeug nicht zu viel nehmen.«
Er nickte ihr zu. »Ich kenne meine Grenzen. Trotzdem Danke.« Mit diesen Worten erhob er sich und verließ das Zelt.
Sarakin sah dem Gesetzlosen argwöhnisch hinterher.
Ariane schloss ihre Taschen und stand auf. »Ich hoffe, das markiert nicht den Auftakt zu einer weiteren Misstrauensepisode.« Ihr war sein Blick keinesfalls entgangen.
Sarakin reagierte nicht sofort, dann wandte er sich ihr zu und schüttelte den Kopf. »Es ist nicht einfach«, murmelte er schließlich. »Aber ich versuche mein Bestes.«
Ariane konnte sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. »Das hoffe ich.«
Jorïna saß entspannt auf einer Ottomane und beobachtete schweigend das Treiben um sie herum. Nur ab und zu beteiligte sie sich mit einem knappen Lächeln oder kurzen Lachen an den ausgelassenen, vom Wein gelockerten Gesprächen.
Sie hatte an diesem Abend die ihr treu ergebenen Adeligen um sich versammelt, um ihren Sieg über den Widerstand zu feiern. Es waren nur knapp fünfzig Personen, die sich am reichhaltigen Büffet labten und sich meist recht geistlosen Unterhaltungen hingaben.
Viele andere hatten ihr in den ersten Wochen nach ihrer Krönung auf Knien die Treue geschworen, doch Jorïna hatte die meisten Familien schon lange zuvor beobachtet. Sie hatte nur diejenigen am Leben gelassen, denen sie ein gewisses Vertrauen entgegenbringen und die sie ohne Probleme unter Kontrolle halten konnte.
Unter ihren Gästen befanden sich außerdem fünf ungebundene junge Männer. Ausnahmslos Söhne aus Adels- oder bedeutenden Kaufmannsfamilien, die sie bereits den ganzen Abend umwarben. Jeder von ihnen machte sich Hoffnungen, die sie mit voller Absicht geweckt hatte, auch wenn sie nicht gedachte, diese zu erfüllen.
Jorïna hatte keinesfalls vor, jemals den Bund mit einem Lebenspartner einzugehen. Irgendwann in ferner Zukunft würde sie einen ihrer Verehrer dazu erwählen, Vater ihres Erben zu werden. Doch selbst er würde sich damit abfinden müssen, nicht mehr als ein Liebhaber zu sein. Noch hatte sie sich nicht entschieden, wen sie heute Abend in ihre Gemächer einladen würde. Vielleicht würde ihre Wahl auch auf zwei der jungen Männer fallen.
Lenyas Eintreffen nahm sie zuerst nicht wahr. Sie wurde sich ihrer Anwesenheit erst bewusst, als die Dienerin hinter der Ottomane stehen blieb und sich zu ihr herunterbeugte, um ihr etwas zuzuflüstern. »Heerführerin Kirda ist soeben eingetroffen, meine Herrin. Sie wünscht Euch zu sprechen.«
Jorïna reagierte verstimmt. Sie hatte Lenya die unmissverständliche Anweisung gegeben, sie heute Nacht nicht mehr zu stören. Kirdas Eintreffen, die derzeit die Invasion einer weiteren Welt vorbereitete, war keinesfalls ein Ereignis, das diese Störung rechtfertigte. »Sie soll mich morgen früh im Thronsaal treffen, zu nicht zu früher Stunde.«
»Verzeiht, meine Königin«, erwiderte Lenya noch immer flüsternd. »Sie besteht darauf, Euch sofort zu sehen. Die Angelegenheit duldet ihrer Meinung nach keinerlei Aufschub.«
Jorïna neigte den Kopf und spürte, wie sich ein leichtes Gefühl von Unbehagen in ihrem Magen ausbreitete. Kirda ging mit derartigen Äußerungen nicht leichtfertig um. Sie schenkte ihren Gästen ein kurzes Lächeln, bevor sie sich erhob und Lenya hinaus folgte. Wenige Minuten später traf sie im Schreibzimmer ein.
Kirda hatte sich nicht einmal die Zeit genommen, ihre Rüstung abzulegen. Sie stand beim Fenster und starrte regungslos hinaus. Als sie Jorïna bemerkte, wandte sie sich ihr zu und begrüßte sie mit einer knappen und respektvollen Verbeugung.
»Was ist so wichtig, dass du mich an diesem Abend störst?«, fragte Jorïna sofort und bemühte sich um Ruhe.
Die Kriegerin zog eine Pergamentrolle aus einer Tasche an ihrem Gürtel und hielt sie ihr entgegen. »Die Proklamation des Widerstandes.«
»Proklamation?«, wiederholte Jorïna überrascht. Sie konnte nicht vermeiden, dass sich ihr gesteigertes Unbehagen auch in ihre Stimme schlich. Sie nahm das Pergament entgegen, öffnete es und las die Zeilen, die in einfacher Handschrift niedergeschrieben worden waren.
Mit jedem Wort fühlte Jorïna, wie ihre Beklemmung wuchs und schließlich in Wut umschlug. Auf diesem Pergament reihte sich eine Ungeheuerlichkeit an die nächste, so dass sie schon beinahe geneigt war, den Inhalt überhaupt nicht ernst zu nehmen. Doch sie war sich der Bedeutung dieses Schriftstücks nur allzu bewusst. »Wo kommt das her?«, wollte sie schließlich von Kirda wissen.
»Dieses eine Pergament stammt aus Niriad.«
»Dieses eine?!« Jorïna spürte, wie sich eine leichte Übelkeit in ihrer Magengegend breit machte.
»Diese Mitteilung verbreitet sich wie eine Pest im ganzen Reich.« Kirda schüttelte leicht den Kopf. »Der Widerstand ist nicht besiegt. Sie erklären uns offen den Kampf. Ich gehe davon aus, dass sie angestachelt durch den Tod Eurer Schwester um einiges aggressiver vorgehen werden als bisher.«
Jorïna schnaubte verächtlich und warf erneut einen Blick auf das Pergament. »Sie erhoffen sich durch diese Bekanntmachung, sich die Unterstützung der Bevölkerung zu sichern. Damit werden sie kaum Erfolg haben.«
»Da wäre ich nicht so sicher«, gab Kirda zurückhaltend zu bedenken. »Durch Gewalt wird sich die Bevölkerung einschüchtern lassen, doch wenn es den Widerständlern gelingt, die Bürger zu einem offenen Aufstand zu ermutigen …«
»Würden sie uns schwächen, das ist mir bewusst!«, schnappte Jorïna verärgert. »Aber sie sind noch immer angeschlagen und ihre Truppen können uns schon allein zahlenmäßig nichts anhaben. Wenn sie weiter aufbegehren, schwören sie damit nur ihre frühzeitige und vollkommene Vernichtung herauf.«
»Das ist das Problem«, erwiderte Kirda. »Ich habe heute eine Nachricht unseres Kontakts erhalten. Wir wissen jetzt, wer ihnen in Galvin zur Hilfe geeilt ist. Die Priesterschaft Taras hat sich zusammen mit ihren Kriegerinnen dem Widerstand angeschlossen.«
»Kriegerinnen der Priesterschaft Tara?«, fragte Jorïna verblüfft. »Das ist das erste Mal, dass ich etwas Derartiges höre.«
Kirda nickte. »Die Hohepriester müssen bereits seit mehreren Jahrhunderten Frauen zu Kriegerinnen ausbilden. Sie stellen dem Widerstand ihre ganze Kampfkraft von mehreren hundert Kriegern zur Verfügung. Sarakin und die anderen genießen die volle Unterstützung der Priesterschaft. Und damit werden sie beim Volk auf große Sympathien stoßen.«
»Kennen wir ihren aktuellen Standort?«
Kirda schüttelte den Kopf. »Die Kriegerinnen sind noch über ganz Azariel verstreut, ebenso einige Widerstandsgruppen. Ihr Hauptlager liegt in der Nähe des östlichen Walds, die genaue Position kennen wir nicht. Ich habe angeordnet, das Gebiet durchkämmen zu lassen, doch wie Ihr wisst, bereiten sich die Soldaten in der nahen Festung zurzeit auf den bevorstehenden Angriff vor. Der Kontakt zu unserem Verräter gestaltet sich nach wie vor schwierig und die Nachrichten treffen teilweise mit erheblichen Verzögerungen ein, da er auf die Voldera des Widerstandes angewiesen ist. Ich nehme an, dass die nächste Nachricht uns über die Entscheidungen zu ihren Regierungsplänen informieren wird. Was sie als nächstes vorhaben, wissen wir erst in ein paar Tagen.«
Jorïna verschränkte die Arme vor der Brust und überlegte schweigend. Das waren Entwicklungen, die sie nicht vorausgesehen hatte und es war offensichtlich, dass sie so bald wie möglich mit aller Härte gegensteuern musste. »Als erstes müssen wir die Verbreitung dieser Proklamation unterbinden. Danach werden wir unserem Vorgehen gegen die Lehre Tara noch etwas mehr Nachdruck verleihen. Der Bevölkerung muss außerdem noch deutlicher als bisher bewusst gemacht werden, dass nur Leid und Schmerz der Lohn für jegliches aufständisches Gedankengut ist.«
Kirda nickte.
»Wenn wir unsere Offensive gegen Harona abgeschlossen haben, werden sich unsere Truppen nur noch darauf konzentrieren, diesen Widerstand, die Hohepriester und die Kriegerinnen der Lehre Tara aufzuspüren und zu vernichten. Mit jedem der uns zur Verfügung stehenden Mittel. Sollte die Bevölkerung ihnen Schutz gewähren, werden wir eben das Volk so lange quälen müssen, bis sie uns den Widerstand ausliefern.« Jorïna warf der Heerführerin einen düsteren Blick zu. »Wie weit sind unsere Vorbereitungen für die Offensive?« Sie wollte an diesem Abend kein Wort mehr über den Widerstand hören.
»Fast abgeschlossen. Morgen ergeht der Marschbefehl.«
»Sehr gut.« Ein sanftes Lächeln umspielte nun doch ihre Mundwinkel. Wenn sie andere Welten erfolgreich angreifen konnte, würde sie auch diesen verdammten Widerstand zerstören können. »Fahre mit den Vorbereitungen fort. Und wage es nicht, mich heute Abend noch einmal zu stören.«
Daraufhin gingen sie auseinander. Jorïna kehrte zu der Feier zurück, die auch während ihrer Abwesenheit in Schwung geblieben war. Eine Stunde später löste sich die Gemeinschaft auf und Jorïna bedeutete einem der jungen Adeligen, zurückzubleiben.
Sie zog sich mit ihm in ihre Gemächer zurück, wo sie mit ihm auf ihrem Bett zum Liegen kam. Er entpuppte sich als etwas zurückhaltender gekonnter Liebhaber, während er sie Stück für Stück von ihrem Kleid befreite. Jorïna genoss seine Liebkosungen mit geschlossenen Augen und ließ sich dahintreiben, ihre Gedanken fern von der anstehenden Offensive und dem schwelenden Widerstandsproblem.
Das verhaltene Stöhnen ihres Partners nahm eine andere Tonart an, wurde heftiger und verklang, als er sich überraschend von ihr zurückzog.
Jorïna setzte sich leicht erstaunt und verärgert auf. Der Mann lag reglos neben ihr. Zuerst glaubte sie, sie habe sich in seinen Fähigkeiten als Liebhaber schwer getäuscht, doch dann fiel ihr die bleiche und gräuliche Verfärbung seiner Haut auf.
Sie streckte den Arm aus, berührte ihn an der entblößten Schulter und zuckte erschrocken zurück. Er war eiskalt. Tot. Sie war so überrascht und erschrocken, dass sie seinem Körper einen kräftigen Stoß versetzte, der ihn über die Bettkante rollen ließ. Mit einem dumpfen Geräusch schlug er auf dem Boden auf.
Jorïna öffnete den Mund, um nach ihrer Zofe zu rufen, doch sie bekam keinen Ton heraus. Erst jetzt bemerkte sie, dass die Tür zu ihrem Ankleidezimmer offenstand, die zuvor geschlossen gewesen war. In den sich bewegenden Schatten des Kerzenlichts stand reglos eine Gestalt. Sie war so überrascht über ihr Erscheinen, dass sie sie zuerst nicht erkannte.
Kamars grüne Augen leuchteten in der Dunkelheit wie zwei Smaragde, die Tätowierungen in seinem Gesicht wirkten im Halbdunkeln wie tiefe Narben. Er musterte sie vollkommen ruhig und sah ihr direkt in die Augen, bevor sich seine Mundwinkel ein wenig hoben. »Ich kann noch immer nicht nachvollziehen, warum Persönlichkeiten in gehobener Position sich solch unwürdige Partner für ihr körperliches Vergnügen aussuchen. Dieser hier hat für Eure schlechte Wahl mit dem Leben bezahlt.«
Jorïna brauchte ein paar Sekunden, um sich zu fangen. Was tat Kamar in ihrem Schlafzimmer? Was wollte er hier? Nur langsam drang in ihr Bewusstsein, dass er den Mann umgebracht haben musste. Wieso? Zu welchem Zweck? Tief in ihrem Innern wusste Jorïna bereits, warum Kamar sie in dieser Nacht aufgesucht hatte. Sie spürte unbändigen Zorn in sich aufsteigen, doch ein beinahe ebenso starkes Gefühl der Angst.
Sie hoffte, dass der Dunkelmagier ihre Furcht nicht bemerken würde. »Was habt Ihr hier zu suchen?!«, fauchte sie aufgebracht. »Was fällt Euch ein, hier mitten in der Nacht unangekündigt aufzutauchen?! Wie könnt Ihr es wagen, diesen Mann zu töten?!«
Der Magier stieß ein leises Seufzen aus. Er kam auf sie zu und blieb zwei Meter vom Bett entfernt stehen. »Eure Wut ist vollkommen unbegründet. Es ist mein Recht, hier zu sein. Und was diesen Mann angeht … Er ist wohl ein Opfer der Umstände.«
»Ihr habt keinerlei Recht hier zu sein.« Jorïna spürte, wie ihr Herz in ihrem Brustkorb zu rasen begann und sich ihr die Kehle zuschnürte. »Verschwindet. Und seht zu, dass Ihr mir diese Leiche vom Hals schafft. Sonst werdet Ihr ein ernstes Problem bekommen.«
Kamar schüttelte den Kopf. »Ich habe nicht vor zu gehen. Ich bin gekommen, um einzufordern, was Ihr mir schuldet.«
Dieser Moment hatte kommen müssen. Die ganze Zeit über war ihr bewusst gewesen, dass Kamar bisher keine Gegenleistung für seine Dienste gefordert hatte. Sie war aber auch davon ausgegangen, seine möglichen Forderungen einschätzen zu können und auf diesen Augenblick vorbereitet zu sein.
Nachdem er sich ihr die letzten Monate untergeordnet hatte, war sie sich sicher gewesen, den Dunkelmagier zwar nicht zu beherrschen, mit ihm jedoch einen Verbündeten gewonnen zu haben, den sie mit der Abgabe von ein wenig Macht und ein paar Privilegien und Befugnissen würde zufriedenstellen können. Sein Vorgehen passte in keiner Weise zu dem Bild, das sie sich selbst geschaffen hatte.
»Wenn ihr gekommen seid, über den Preis für Eure Dienste zu verhandeln, dann ist das ein denkbar schlechter Zeitpunkt und mit Sicherheit der falsche Ort.«
»Das denke ich nicht.« Das Lächeln auf seinen Lippen war eines der wenigen, das echt wirkte. »Der Zeitpunkt könnte nicht günstiger sein. Eure Schwester ist besiegt. Ihr habt eure Herrschaft durch Gewalt unterstrichen und gefestigt. Eine Welt habt Ihr unterworfen, weitere sollen folgen. Ich würde annehmen, dass man trotz einiger Rückschläge sagen kann, dass Eure Pläne aufgegangen sind.«
»Noch nicht alle«, entfuhr es ihr. »Der Widerstand ist noch nicht besiegt und noch habt Ihr ein Versprechen einzulösen.«
Kamar nickte, als ob er ihr zustimmen würde. »Sicher, aber dieser Bonus entsprach nicht unserer Ursprungsvereinbarung. Für diese fordere ich die Leistung, die mir zusteht.«
Jorïna war versucht, ihn nach dem unterzeichneten Vertrag zu fragen, der sie verpflichten sollte, hielt sich aber zurück. Kamar war der falsche Gegner für derartige Spielchen. »Aber nicht hier und nicht jetzt«, blaffte sie.
»Ich muss Euch korrigieren. Dies ist der perfekte Augenblick.« Er sah ihr in die Augen. »Und der perfekte Ort.«
Jorïna starrte Kamar mehrere Sekunden lang schweigend an. Merkwürdigerweise erlangte sie aufgrund seiner letzten Worte wieder ein Stück ihrer Fassung zurück. »Das kann nicht Euer Ernst sein … Ist eine derartige Forderung Eurer nicht unwürdig?« Sie schüttelte energisch den Kopf. »Niemals kommt Ihr in mein Bett!«
Kamar stieß ein kurzes Lachen aus. »Glaubt Ihr wirklich, ich hätte es nötig, etwas Derartiges von Euch zu fordern? Wenn ich an solch niederen Dingen interessiert wäre, hätte ich sie auf anderem Wege schon längst von Euch bekommen. Mit oder ohne Einverständnis, das hätte keinerlei Rolle gespielt. Letztendlich habt Ihr zwar recht, darum herum kommen werden wir nicht, doch nur als Mittel zum Zweck und keinesfalls zum Vergnügen.«
Jorïna spürte, wie ihre Furcht vor Kamar langsam die Oberhand gewann. Sie verstand nicht im Geringsten, worauf er anspielte. Und obwohl sie sich auf derartige Momente bereits vor langer Zeit vorbereitet und entsprechende Vorkehrungen getroffen hatte, gelang es ihr nicht, vollkommen ruhig zu bleiben. Sie hatte nicht mit einer solchen Situation gerechnet, nicht mit Kamar, nicht zum jetzigen Zeitpunkt. »Was wollt Ihr überhaupt?«
»Macht«, erwiderte Kamar. »Viel Macht. Um genau zu sein, die ganze Macht.«
Jorïna schüttelte den Kopf. Es war nicht notwendig, ihre Meinung zu dieser Aussage in Worte zu fassen.
Kamar nickte. »Diese Reaktion war zu erwarten. Ich hatte bereits befürchtet, dass Ihr nicht vernünftig sein würdet. Ihr solltet Eure Lage erkennen und freiwillig kooperieren.«
»Wenn Ihr alle Macht haben wollt, werdet Ihr mich umbringen müssen.«
Der Dunkelmagier lächelte. »Das ist in meinen Plänen keinesfalls vorgesehen. Ihr habt die Wahl. Entweder Ihr erklärt Euch freiwillig dazu bereit, Eure Macht zu übergeben, mit mir den Bund einzugehen und den Erben zu gebären, der Eure Nachfolge antreten wird. Oder es müssen die entsprechenden Maßnahmen ergriffen werden, um Euch gegen Euren Willen dazu zu bringen.«
»Eure Worte ergeben keinen Sinn. Ihr seid vollkommen wahnsinnig!« Jorïna kämpfte ihre Angst nieder. Sie durfte nicht zulassen, dass ihre Furcht ihr jeden klaren Gedanken raubte. »Warum sollte ich mich von Euch zu einer Marionette machen lassen? Euch ehelichen, ein Kind für Euch austragen? Wäre es nicht viel einfacher, mich zu töten und sich eine beliebige Hure zu suchen, die Ihr schwängern könnt?«
Kamar legte den Kopf leicht schräg. »Ihr versteht nichts. Ich bin kein Mann der offenen Konflikte. Ich bevorzuge die geheimen und ruhigen Wege, die vielleicht ein wenig mehr Zeit in Anspruch nehmen, doch letztendlich zu einem vorteilhafteren Ergebnis und größerem Erfolg führen. Außerdem braucht der Erbe meiner Kräfte eine würdige Mutter.«
Jorïna schüttelte erneut den Kopf. Im Halbdunkeln war es ihr gelungen, ihre Hand unauffällig unter die dicken Kissen zu schieben. Sie legte absichtlich ein leichtes Zittern in ihre Stimme. »Im Grunde überrascht Ihr mich nicht damit, dass Ihr Macht für Euch haben wollt. Aber dass Ihr es auf meine Stellung abgesehen habt und die Art und Weise, wie Ihr sie zu erlangen gedenkt …«
