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Jorïna hat begonnen, die Welt der Alvarūn rücksichtslos nach ihren Vorstellungen umzugestalten. Maynara kehrt deshalb mit ihren Verbündeten in ihre Heimatwelt zurück, um im Untergrund einen Widerstand gegen ihre Schwester aufzubauen. Inzwischen hat sich der Kommandant der königlichen Garde auf ein gefährliches Katz- und Mausspiel mit der neuen Königin eingelassen. Der Vertrauensbeweis, den sie letztlich von ihm fordert, zwingt Sarakin zu Entscheidungen mit ungeahnten Folgen ... Das Armenviertel Narimas brennt, die Brücke von Karad Bal liegt zerstört, ein magischer Wald voller Gefahren und Geheimnisse, ein verhängnisvolles Bündnis ... Band 2 taucht in einem actionreichen High Fantasy Abenteuer tief in die Welt Maynaras ein.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Hailey Winter
Fluchtwege
Die Autorin
Hailey Winter ist das Pseudonym der Thriller-Autorin Saskia Berwein. Geboren 1981, aufgewachsen in der Nähe von Frankfurt am Main, folgt sie bereits seit ihrer Jugend dem Altmeister des Horrors Stephen King, der sie einst zum Lesen und schließlich zum Schreiben brachte. Es entstanden zahlreiche Kurzgeschichten, Novellen und Romane, überwiegend beheimatet in der (dunklen) Phantastik. Nach ihrem Durchbruch im Spannungssegment erblicken nun auch diese Werke das Licht der Welt.
Mehr Infos:
www.hailey-winter.de
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www.instagram.com/saskiaberwein_haileywinter
Hailey Winter
Fluchtwege
Weltenfeuer
Band 2
Fantasy-Epos
Kuneli Verlag
Originalausgabe Juli 2024
Kuneli Verlag, Forstweg 8, 63165 Mühlheim am Main
Copyright © 2024 Kuneli Verlag UG (haftungsbeschränkt)
Alle Rechte vorbehalten.
1. Auflage (Juli 2024)
Redaktion: Christoph Möbius, Janine Pavel-Hamp
Cover & Satz: Kuneli Verlag, 63165 Mühlheim am Main
Unter der Verwendung von Bildmaterial von Shutterstock.com
ISBN 978-3-948194-28-4
www.kuneli-verlag.de
1
Im hinteren Teil des Thronsaals war eine reiche Tafel für sieben Personen gedeckt worden. Der Tisch war überladen mit allen möglichen Köstlichkeiten: Von Fleisch und Gemüse über eine breite Auswahl von Früchten und süßen Leckereien bis hin zu einigen delikaten Weinen. Fünf Diener waren damit beschäftigt, jedem Gast und der Königin sofort jeden Wunsch zu erfüllen.
Jorïna glaubte nicht, dass sie irgendeinem der sechs Männer und Frauen, die rechts und links von ihr am Tisch saßen, mit diesem Festessen einen Gefallen tat. Ihr Vater hatte vier seiner persönlichen Berater, die jetzt hier mit ihr am Tisch saßen, unter seinen engsten Vertrauten gewählt und sie alle waren von seinem Tod noch immer tief getroffen.
Andererseits wussten sie alle, warum sie sie in den Palast gebeten hatte. Es war an der Zeit, ihre eigenen persönlichen Berater zu wählen, die sie bei ihrer Regierungsarbeit unterstützen sollten. Dieses Treffen diente hauptsächlich dazu, die meisten von ihnen ihrer Positionen und Aufgaben zu entheben.
Eine Angelegenheit, die normalerweise nicht zu einem derartigen Mahl einlud. Insbesondere, weil Jorïna mit der Tradition brechen würde, den Beraterwechsel fließend und übergreifend innerhalb weniger Monate nach der Krönung zu vollziehen. Für gewöhnlich sollte damit sichergestellt werden, dass – im Falle des plötzlichen Ablebens des alten Herrschers –seine letzten Vorhaben noch als eine Art letzter Wille zum Abschluss gebracht wurden.
Die Veränderungen in ihrem Beraterkreis würden jedoch ohne Übergangsphase bereits Morgen in Kraft treten. Was bedeutete, dass alle bisher vorangetriebenen und noch nicht umgesetzten Projekte ebenfalls sofort in die Verantwortung der neuen Berater übergehen würden und es gab einige Vorhaben, die Jorïna so bald wie möglich für nichtig erklären würde.
Dieses Essen diente Jorïna eigentlich nur zu einem Zweck: Um zu beobachten. Sie wusste, dass ihr Vater mit ein oder zwei Beratern in den letzten Jahren freundschaftliche Verhältnisse gepflegt hatte. Auch wenn sie nicht glaubte, dass ihr Vater mit einem von ihnen bereits über seine Absichten, was sein Erbe anging, gesprochen hatte, wollte sie sich vergewissern, dass es unter ihnen nicht doch einen Mitwisser gab.
Derjenige hätte sich nicht zwingend bei der Garde gemeldet und ausgesagt. Nicht bei dieser Beweislage, die Sarakin, Kommandant der königlichen Garde, bereits anerkannt hatte. Ihre Allianz mit Kamar stellte einen besonderen Trumpf dar, denn für viele dürfte der Gedanke, dass der Magier sich auf ein Bündnis mit ihr eingelassen hatte, unvorstellbar sein.
Einmal abgesehen davon, dass sie die Reaktionen der Berater ihres Vaters beobachten wollte, um einen möglichen Mitwisser zu identifizieren, wollte sie noch ein letztes Mal ihre persönliche Einschätzung jedes einzelnen überprüfen.
Sie alle hatten ihrem Vater treu gedient, hatten seine Ansichten und Ideen geteilt. Es würde viele Veränderungen in Azariel geben, die die ehemaligen Berater sofort gegen sie aufbringen würden. Sie alle waren Personen von Bekanntheit und Einfluss und Jorïna wollte beurteilen, von wem sie ernstzunehmenden Widerstand und die Aufwiegelung des Volks zu erwarten hatte.
Daher beobachtete sie die Berater die meiste Zeit über schweigend, während sie zurückhaltend aßen, tranken und bemühte Unterhaltungen führten. Jorïna wartete geduldig, bis alle ihr Mahl beendet hatten, bevor sie der Dienerschaft das Zeichen gab, die Speisen abzuräumen. Es blieben auf der weißen Tischdecke nur die Weinkrüge und Kelche zurück.
Schweigend musterte sie die Männer und Frauen, denen ihr Vater sein Vertrauen geschenkt hatte. Mit denen er die wichtigsten Staatsgeschäfte, seine Vorhaben und Pläne besprochen, die ihn mit Informationen versorgt und von denen er Rat- und Vorschläge entgegengenommen hatte.
Ihr Vater hatte nie etwas von einem Beraterstab am Hof gehalten und hatte jedem von ihnen sein eigenes Leben außerhalb des Palastes zugestanden. Neben regelmäßigen Treffen waren sie immer nur auf seine Bitte hin im Schloss erschienen, sobald er ihre Hilfe oder ihren Rat gebraucht hatte.
Zu Jorïnas Rechten saßen drei Männer verschiedenster Herkunft.
Lanye war nur zwei Jahrzehnte jünger als ihr Vater. Er trug sein weißes Haar kurz, dafür zierte ein langer, gepflegter Bart sein Gesicht. Er gehörte einem der Adelsgeschlechter an, innerhalb seiner Familie hatte er als Zweitgeborener jedoch immer nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Der ehemalige König und Lanye hatten sich bereits in jungen Jahren kennen und schätzen gelernt.
Lanye hatte bei einem erfolgreichen Kaufmann ein Studium absolviert und das Kalkulieren sowie die Vorausschau und Planung, was Geschäfte und Vermögenswerte anging, erlernt. Er war zu einem der erfolgreichsten Händler in Iriel, der Hafenstadt im Südwesten Azariels, avanciert und einige Jahrzehnte lang der Vorsteher der Händlergilde gewesen, bevor Jorïnas Vater ihn als Berater an den Palast gerufen hatte.
Seitdem hatte er die Staatskasse des Reichs betreut. Er hatte die Verantwortung über die finanziellen Mittel Azariels getragen, hatte die Buchführung und die Einnahmen und Ausgaben überwacht. Ihr Vater hatte auf ihn vertraut, wenn es um Entscheidungen über Steuern oder das Abschließen von Verträgen gegangen war. Lanye hatte in seiner Funktion außerdem die Ausarbeitung entsprechender Gesetze betreut und die bürgerlichen Schiedsrichter bei komplizierten und bedeutenden Entscheidungen unterstützt, wenn sie finanzielle oder vertragliche Regelungen betrafen.
Jorïna wusste, dass Lanye ihrem Vater sehr nahegestanden hatte. Schon allein deshalb hatte sie beschlossen, ihn durch jemand anderen zu ersetzen. Zwar verhielt er sich an diesem Abend vollkommen unauffällig und sie glaubte nicht, dass er über die neue Erbregelung des verstorbenen Königs Bescheid gewusst hatte, trotzdem hatte sie Balor bereits befohlen, in den nächsten Wochen für seine Bewachung zu sorgen.
Neben Lanye saß Mecalas, ein relativ junger Heiler. Rassia, die Heilerin der königlichen Familie, hatte ihn persönlich ausgebildet und sie hatte mehrfach versichert, dass er ihr bester Schüler war. Er war früher als die meisten anderen als voll ausgebildeter Heiler aus Rassias Obhut entlassen worden und es war offensichtlich, dass Rassia plante, ihn zu ihrem Nachfolger zu bestimmen.
Rassia hatte Mecalas bereits vor zwei Jahren die Aufgabe übertragen, den König ständig über neue Erkenntnisse der Zunft der Heiler, neue Heilverfahren, neu entdeckte Kräuter oder die Ausbreitung bestimmter Krankheiten zu informieren. Sie teilten sich die Aufgaben der Beraterposition bereits und Rassia hatte ihn heute als ihre Vertretung geschickt.
Die beiden Heiler waren für Jorïna und ihre Pläne ohne Bedeutung. Sie und ihre Zunft hatten nie Interesse an den politischen Verhältnissen Azariels gezeigt. Allenfalls würden sie irgendwann freiwillig ihre Arbeit am Hof niederlegen, doch es würde sich ohne Probleme Ersatz finden lassen. Mecalas und Rassia machten ihre Arbeit gut und Jorïna sah keinen Anlass, sie gegen andere Heiler auszutauschen.
Anders stand es mit dem Mann mittleren Alters zu Mecalas Rechten. Omasar wirkte mit seiner leicht gekrümmten Gestalt gebrechlich und krank, doch in seinen Augen lag das Leuchten eines wachen und scharfen Verstandes. Er war einer der angesehensten Gelehrten des Reichs und unterrichtete an einer Akademie, die er selbst eine knappe Tagesreise von Narima entfernt eingerichtet hatte.
Omasar war bereits seit vielen Jahrzehnten der Berater des Königs in Bildungsfragen. Ihm war es zu verdanken, dass selbst der niedersten Dienerschaft unentgeltlicher Unterricht angeboten wurde, auch wenn das Gesinde meist nur Lesen und Schreiben lernte. Er hatte Schulen und andere Einrichtungen ins Leben gerufen, um jedem die Möglichkeit zu geben, sich zu bilden und in Zusammenarbeit mit dem König hatte er entsprechende Lehrpläne ausgearbeitet.
Er war ein ruhiger und schweigsamer Alvarūn, doch Jorïna wusste sehr wohl, dass sich nicht nur Intelligenz, sondern auch ein verschlagener Verstand hinter seinem stetig wachsamen Blick verbarg. Es war offensichtlich, dass er sich für die niederen Schichten einsetzte und zwischen ihren und seinen Ansichten kaum eine Übereinstimmung zu erwarten war.
Sie würde ihn durch jemand anderen ersetzen und sie hatte bereits einen Nachfolger im Sinn, der ihre Einstellungen teilte.
Auf der anderen Seite des Tisches saß gleich zu Jorïnas Linken eine schlanke, hochgewachsene Alvarūn in einfach geschnittenen Gewändern, in deren Blick Sanftmut und Wärme lagen. Alania stammte aus einer Gelehrtenfamilie, hatte die für sie vorbestimmte Ausbildung an einer der Akademien jedoch nicht beendet.
Bereits in jungen Jahren hatte sie sich für jene engagiert, die in der Gesellschaft nicht zu den besser gestellten zählten. Die Organisation, die sie gegründet und mit dem Geld ihrer Eltern finanziert hatte, unterstützte nicht nur die Armen und Kranken, sondern auch die einfachen Bürger und Arbeiter in allen möglichen Belangen. Sie wurde von ihren Anhängern auch »Stimme des einfachen Volkes« genannt und erfreute sich besonders unter ihren Klienten allgemeiner Beliebtheit.
Entsprechend hatte Alania auch ihren Vater seit seiner Krönung beraten – in allen Fragen, die das einfache Volk, die Bürger, Arbeiter und die Armen betrafen. Ihnen allen ein würdevolles und gerechtes Leben zu ermöglichen, war eines der höchsten Ziele von Jorïnas Vater gewesen. Ein Ziel, an dem er hart gearbeitet, das er jedoch nie zu seiner Zufriedenheit erreicht hatte, obwohl er sehr viel bewegt und verändert hatte.
Es war sicherlich sein Wunsch gewesen, dass nach seinem Tod an der Umsetzung seiner Vorstellung der Gesellschaft Azariels weitergearbeitet werden würde. Mit Sicherheit einer der Gründe, warum er Maynara zur Königin bestimmen und Jorïna das Recht auf den Thron hatte verweigern wollen. Denn Jorïna hielt von seinen Bestrebungen nichts, sie hielt sie vielmehr für Verfehlungen.
Sie würde Alania ersatzlos als königliche Beraterin entlassen. Ihre Dienste wurden in keiner Weise mehr gebraucht.
Jorïna war sich im Klaren darüber, dass sie die von ihr noch immer geleitete Organisation im Auge behalten und sie bestenfalls irgendwann zur Auflösung bringen musste. Ein Punkt, der sich auf ihrer Liste der zu klärenden und zu erledigenden Angelegenheiten allerdings recht weit unten einreihte.
Neben Alania saß ein ziemlich großer und ungehobelt wirkender Mann, dessen Kleidung nur ein wenig besser als die eines gewöhnlichen Arbeiters war. Durien führte das größte Fuhrunternehmen in Azariel. Seine Leute transportierten die verschiedensten Erzeugnisse wie Metalle, Getreide oder Holz von den Gewinnungsorten zu den Verarbeitungsanlagen und im Auftrag von Händlern die hergestellten Waren zu den Geschäften.
Durch die akribisch geführten Aufzeichnungen seines Unternehmens und seiner umfangreichen Kontakte hatte Durien einen Überblick über beinahe alle wichtigen Ressourcen Azariels. Von Problemen erfuhr er meistens als Erster, ob es sich nun um das Versiegen einer Quelle, Hindernisse für Fuhren oder Schwierigkeiten bei der Herstellung von Waren handelte. Sein Wissen war unverzichtbar, denn vom uneingeschränkten Warenverkehr war der Wohlstand der gesamten Bevölkerung abhängig.
Jorïna war sich nicht sicher, ob sie Durien trauen konnte. Er schien sich für die politischen Verhältnisse in Azariel wenig bis gar nicht zu interessieren. Er hatte außerdem weder Macht noch irgendeine andere Art von Einfluss. Seine umfangreichen Kontakte im ganzen Reich waren trotz allem nicht zu unterschätzen.
Sie hatte jedoch niemanden, der an seine Stelle hätte treten können. Er arbeitete mit mehreren Geschäftspartnern zusammen und auch seine Söhne arbeiteten für ihren Vater, doch noch war es ihr nicht gelungen, Informationen darüber zu erhalten, ob einer von ihnen ein geeigneter Nachfolger wäre. Jorïna musste vorerst an ihm festhalten und ihn beobachten lassen.
Die kleine Frau neben Durien würde Jorïna heute von ihren Funktionen entbinden. Nayra war oft am Hof anzutreffen gewesen. Nicht nur, um den König in kulturellen Fragen zu beraten, sondern auch um ihm ihre sonderbaren Geschichten und Gedichte vorzutragen. Sie lebte vom Schreiben und gelegentlich verfasste sie auch Stücke für Barden.
Jorïna hatte nie verstanden, was ihrem Vater und auch ihrer Schwester an ihren Texten gefiel, doch das war jetzt nicht mehr von Bedeutung. Sie interessierte sich weder für Barden und Theater noch für Kunst und sie fragte sich ohnehin, welche Entscheidungen es diesbezüglich von einem König zu treffen gab, die Beratung erforderten.
Ihr Vater hatte immer wieder Projekte und Institutionen der freien Künste finanziell unterstützt, was Jorïna mehr als nur fern lag. Sie war nicht Königin geworden, um sich Gedanken um die Unterhaltung des Volkes zu machen.
Nayra war für sie ohne Bedeutung. Sie war Schriftstellerin und hatte sich immer nur für Gedichte, die Schauspielkunst, Musik und Malerei interessiert. In ihrem ganzen Leben hatte sie nie etwas Bedeutungsvolles vollbracht oder irgendetwas getan, das Jorïna in der jetzigen Situation Sorgen bereiten musste.
Sie war die einzige am Tisch, bei der Jorïna mit Sicherheit davon ausgehen konnte, dass sie ihr keine Probleme bereiten würde oder konnte. Jorïna konnte sie gehen lassen ohne Maßnahmen zu ergreifen. Sie würde in die Masse der unzähligen Künstler und Schauspieler zurückkehren, ohne Spuren in der Geschichte Azariels zu hinterlassen.
Vier Personen, die streng genommen zum königlichen Beraterzirkel gehörten, fehlten in dieser Runde. Kamar, der vor langer Zeit an den Palast des Königs als Hofmagier berufen worden war und ihr auch weiterhin zu Diensten sein würde. Und selbstverständlich fehlte Garian, der ungefragt und unfreiwillig Skonars Funktion als Vertreter der Gilde der Reisenden am Hof übernommen hatte und weiterhin unter Arrest stand. Ebenso fehlten Balor und Sarakin, deren beratende Funktion sich bereits allein aus ihren Positionen ergab. An beide band Jorïna ein Vertrauensvotum, das sie nicht so einfach brechen konnte. Balor brauchte sie ohnehin für ihre weiteren Pläne, von Sarakin würde sie sich zu einem späteren Zeitpunkt trennen und das mit vollkommener Endgültigkeit. Der Kommandant der Garde war ein schwer einzuschätzender Risikofaktor.
Jorïna beendete ihre Beobachtungen und erhob sich würdevoll. Alle Augen richteten sich auf sie.
Mit ruhiger Stimme begann sie zu sprechen. »Ihr alle wisst, warum ich Euch zu diesem Treffen geladen habe. Ich möchte den Kern der Angelegenheit auch direkt ansprechen. Ich werde den Zirkel meiner Berater aufstellen und erwartungsgemäß werden einige von Euch nicht länger im Dienst des Könighauses stehen.« Sie ließ ihren Blick durch die Runde schweifen, bevor sie sich auf einen der Anwesenden fokussierte und fortfuhr: »Durien, Ihr habt meinem Vater außergewöhnlich gute Dienste geleistet und ich werde auf Eure Kenntnisse keinesfalls verzichten.«
Durien nickte und deutete mit einer knappen Kopfbewegung eine Verbeugung an. »Ich stehe Euch zu Diensten, Eure Hoheit.«
Jorïnas Blick wanderte zu Mecalas. »Rassia und Ihr selbst betreut nun schon sehr lange die königliche Familie. Euer Wissen und Eure Fähigkeiten werden weiterhin am Hof gebraucht.«
»Auch im Namen von Rassia bedanke ich mich für diese Ehre«, erwiderte der junge Heiler.
Jorïna wandte sich wieder der gesamten Runde zu und es entstand eine unangenehme und angespannte Pause. »Die anderen von euch werden aus dem Dienst des Königshauses entlassen und ihrer Funktion als königliche Berater enthoben.«
Die Angesprochenen schwiegen. Keiner von ihnen wirkte überrascht. Es war ein gewöhnlicher Vorgang, dass viele der alten Berater von einem neuen Herrscher durch dessen eigenen Vertrauten ersetzt wurden. Jorïna hatte zu keinem von ihnen ein besonderes Verhältnis gepflegt, keiner von ihnen hatte sich ernsthafte Hoffnungen gemacht, von ihr berufen zu werden.
»Ich werde allerdings mit einer bestehenden Tradition brechen.« Jorïna hatte noch immer die ungeteilte Aufmerksamkeit der Männer und Frauen. Den meisten von ihnen war anzusehen, dass sie diese Ankündigung doch verblüffte. »Ich entlasse Euch heute Abend und mit sofortiger Wirkung. Morgen früh werde ich meine Berater ernennen, die an Eure Stelle treten werden. Ihr werdet Eure Tätigkeiten für das Königshaus mit sofortiger Wirkung einstellen und Eure gesamten Aufzeichnungen spätestens morgen früh an mich übergeben.«
Unruhiges Schweigen entstand, einige der Anwesenden tauschten verwirrte und überraschte Blicke aus.
Es war schließlich Lanye, der das Wort an Jorïna richtete. »Meine Königin, es liegt mir fern, Eure Entscheidung anzuzweifeln oder sie nicht zu akzeptieren. Gestattet mir jedoch, zu Bedenken zu geben, dass eine Übergabe der laufenden Vorhaben und Tätigkeiten nicht innerhalb eines halben Tages erfolgen kann. Euer Vater ist sehr überraschend verstorben, weshalb kein geregelter Übergang geschaffen werden konnte. Wie Ihr wisst, werden die neu ernannten Berater in diesem Fall für gewöhnlich über einige Tage oder sogar Wochen von den scheidenden über die laufenden Vorhaben und Projekte informiert, um sie entsprechend weiterführen zu können.« Er schüttelte sanft den Kopf. »Ich möchte Euch mit allem Respekt darauf hinweisen, dass eine übereilte und direkte Übergabe zu Problemen führen wird.«
Jorïna lächelte sanft, um ihre aufwallende Wut zu verbergen. Sie rief sich in Erinnerung, dass sie weder Lanye noch irgendeinen anderen Berater hier und jetzt umbringen konnte, auch wenn hier am Tisch ebenfalls Personen saßen, bei denen sie diese schnelle Lösung durchaus bevorzugt hätte. Doch sie konnte mit den engsten Vertrauten ihres Vaters nicht so verfahren. Noch war es zu früh, um sich eine derartige Blöße zu geben.
»Ich verstehe Eure Einwände, Lanye. Selbstverständlich habe ich diesen Schritt lange und gut erwägt. Ich sehe keinerlei Grund für eine Tage oder sogar Wochen dauernde Übergabe. Eure Nachfolger können sich durch die von Euch zu übergebenen Aufzeichnungen einen Überblick verschaffen und sich mit Fragen immer noch an Euch wenden.« Ihr Blick streifte die Runde. »Natürlich erwarte ich von Euch, Euren Nachfolgern in den nächsten Wochen noch jede Unterstützung zukommen zu lassen, sollte sie gefordert werden. Ihr solltet also in der Stadt bleiben oder zumindest Eure jeweiligen Aufenthaltsorte bekanntgeben.«
»Viele der bereits angestoßenen und sich in Umsetzung befindlichen Vorhaben bedürfen ausführlicher und zeitintensiver Betreuung, Eure Hoheit«, ergriff Alania das Wort. »Ohne unseren Nachfolgern ihre Fähigkeiten absprechen zu wollen, bezweifle ich, dass es ihnen möglich sein wird, sich ausreichend diesen Aufgaben zu widmen, wenn keine geordnete Übergabe stattfindet.«
Jorïna seufzte leise. Es fiel ihr schwer, ihr Lächeln beizubehalten. »Das war es, was ich meinte, als ich sagte, dass ihr Eure Tätigkeiten sofort einstellen werdet. Die Projekte werden vorerst ruhen.« Sie sah, wie Alania den Mund zu einer Erwiderung öffnete, weshalb sie mit leichter Schärfe in der Stimme fortfuhr: »Ich denke nicht, dass sich dadurch Probleme ergeben werden, die Azariel selbst gefährden. Eure Nachfolger werden sich früh genug und mit ausreichender Aufmerksamkeit dieser Vorhaben annehmen. Die Folgen des Umbruchs sind für mich uneingeschränkt vertretbar.«
Alanias Lippen schlossen sich, ohne dass sie etwas sagte. Auf Jorïnas Worte folgte eine unangenehme Stille. Sie hatte eine Vorstellung davon, was vor allem in Lanyes und Alanias Gedanken vorgehen musste. Sicherlich verstanden sie, dass Jorïnas zukünftige Berater ihre Projekte nicht unverändert weiterführen würden. Es würde interessant werden, zu sehen, wie sie darauf reagieren würden, wenn ihnen jedwede Unterstützung gestrichen wurde.
Jorïna war sich selbst noch nicht im Klaren darüber, wie sie auf welche Art von Protest reagieren sollte, den es in Teilen der Bevölkerung mit Sicherheit aufgrund ihrer neuen Gesetze geben würde. Solange einige Änderungen nicht vollzogen waren, musste sie sorgfältig differenzieren, um das Volk nicht zu einem Zeitpunkt gegen sich aufzubringen, zu dem sie mit einem breiten Aufstand in der Bevölkerung noch nicht umgehen konnte. Die Strukturen, die ihr Vater ihr vererbt hatte, gestalteten das anfangs schwierig. Doch die Zeit würde kommen, in der sie in der Lage sein würde, sich die Untertänigkeit des Volkes leicht, wenn vielleicht auch gewaltsam, zu erzwingen.
Als einige Sekunden schweigend verstrichen waren, nickte Jorïna und ihr zufriedenes Lächeln war dieses Mal nicht gespielt. »Somit wären Eure Bedenken geklärt.« Mehr sagte sie nicht, bevor sie die Tafel aufhob. Den Rest des Tages würden die vier scheidenden Berater ohnehin damit beschäftigt sein, ihre Aufzeichnung zur Verfügung zu stellen.
Jorïna blickte ihnen nach, als sie den Thronsaal verließen. Die Zeit musste zeigen, ob und wie viel Widerstand sie von den ehemaligen Vertrauten ihres Vaters zu erwarten hatte.
2
Obwohl der Sonnenuntergang noch fast eine Stunde auf sich warten lassen würde, lag über dem Innenhof des Hauptquartiers der Garde, der die beiden Hauptgebäude miteinander verband, bereits tiefe Dunkelheit. Graue Wolken ballten sich am Himmel zusammen und verschlangen das Tageslicht. Der noch immer anhaltende Regen ließ die Konturen der den Innenhof säumenden Bäume, Pavillons und das Licht der entzündenden Lampen verschwimmen.
Der Innenhof, eingeschlossen von den beiden Gebäuden des Hauptquartiers und zwei hohen Mauern, wirkte wie eine eigene kleine Welt. Tagsüber dienten die freien Flächen als Übungs- und auch Versammlungsplatz, abends fanden sich viele Gardisten in den Pavillons ein, um den Tag gemeinsam ausklingen zu lassen. Doch es gab auch Stunden, in denen er ein vollkommener Ort der Ruhe war, an dem man Entspannung und eine Art von Frieden finden konnte.
Wenn es wie an diesem Abend kühl war und regnete, war der Innenhof meist vollkommen verlassen.
Umso überraschter war Gilar, dass sich zwei Gardisten eingefunden hatten, die die freie Fläche trotz des Regens dazu nutzen, um zu trainieren. Sie fochten einen merkwürdig ruhigen, schon beinahe langsamen und disziplinierten Schwertkampf aus. Die beiden in dunkle Kleidung gehüllten Gestalten waren wegen des Regens nicht zu erkennen. Gilar beobachtete die Kämpfenden, die einen leichtfüßigen Tanz aufführten, während er den Innenhof im Schutz des den Platz säumenden Laubengangs umrundete.
Er hatte den Zugang zu dem hinteren Gebäude fast erreicht, als sein Blick auf eine weitere Gestalt fiel, die im schummrigen Licht einer einzelnen Laterne in dem Pavillon zu seiner Rechten saß. Gilar war überrascht, Sarakin zu dieser Stunde hier draußen allein anzutreffen, da er ihn in seinem Quartier vermutet hatte.
Der Kommandant der Garde verfolgte mit stiller Konzentration jeden Schritt und jede Bewegung der beiden Kämpfenden im Innenhof. Als Gilar die wenigen Meter zu dem offenen Pavillon zurücklegte und sich zu Sarakin an den Steintisch setzte, nahm dieser keine Notiz von ihm.
Gilar beobachtete einen Moment lang schweigend den Kampf. Er glaubte nicht, dass den beiden Gardisten bewusst war, dass sie Publikum hatten. »Ein beeindruckender Kampfstil«, bemerkte er schließlich leise in die Richtung seines Freundes.
Sarakin wandte den Blick nicht ab. »In einer echten Auseinandersetzung allerdings kaum zu gebrauchen. Diese Art von Kampf erfordert von den Gegnern hohen gegenseitigen Respekt, den dir die wenigsten Feinde entgegenbringen. Es ist jedoch beruhigend, ihnen zuzusehen.«
Einen Moment herrschte Schweigen. »Du bist nicht gekommen, um mir dabei Gesellschaft zu leisten«, stellte Sarakin fest.
Gilar legte eine Ledermappe auf dem Tisch ab, die das königliche Siegel trug und schob sie Sarakin zu. »Das hat Jorïnas Dienerin einem unserer Leute gegeben, mit dem Auftrag, dass du diese Mappe erhalten sollst.«
Der Kommandant der Garde warf einen Blick darauf, rührte sie aber nicht an.
»Wie wir schon vermutet haben, war Jorïna in den letzten Tagen nicht untätig. Sie hat nicht umsonst die meiste Zeit mit ihren neuen Beratern und den Schreibern verbracht.« Gilar schwieg kurz. »Die Gesetze und Dekrete tragen bereits alle das königliche Siegel und wurden unterzeichnet. Morgen ist die Verkündung in Narima geplant und die Schreiber wurden bereits mit der Herstellung von Abschriften beauftragt. Ich habe sie schon gelesen … Es sind auch ein paar Erlässe nur die königliche Garde betreffend dabei.«
Sarakin reagierte nicht sofort. »Sie hält es also nicht mehr für nötig, diese Angelegenheiten persönlich mit mir zu besprechen, sondern schickt einen Boten«, bemerkte er schließlich tonlos.
»Vielleicht fürchtet sie deine Reaktion.«
Ein knappes Schnauben und die Andeutung eines Schulterzuckens war Sarakins erste Reaktion. »Bestimmt nicht.«
Einige Sekunden verstrichen, bevor er der Mappe schließlich doch noch seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte und sie aufschlug. Es befand sich ein kleiner Stapel säuberlich beschriebenen Papiers darin. Nur widerwillig begann Sarakin die Erlässe, Gesetze und Dekrete zu lesen, die zu einem großen Teil seinen Erwartungen entsprachen, teilweise aber auch darüber hinausgingen.
Überraschend viele Erlässe beschäftigten sich mit der Rolle der Armee und der Garde, direkt oder indirekt. Ein weiterer Teil befasste sich mit den Steuern und Abgaben im Allgemeinen. Erwartungsgemäß hebelte Jorïna einige Gesetze ihres Vaters aus, die den unteren Gesellschaftsschichten das Leben vereinfachen sollten und strich die gewährte Unterstützung zusammen.
Jorïna hatte beschlossen, die Armee zu vergrößern, was Sarakin an sich nicht überraschte. Doch sie schien eine Aufstockung des Heeres in einem sehr viel größeren Umfang zu planen als erwartet. Um den Zulauf an Rekruten zu sichern, versprach sie jenen Familien Steuererleichterungen, deren Nachkommen sich zur Armee meldeten. Gleichzeitig hatte sie entschieden, dass die Garde in den nächsten zwei Jahren vorerst nur noch ein Drittel der bisherigen Rekrutenzahlen zur Ausbildung annehmen sollte. Diese Entscheidung würde zwangsläufig mehr Rekruten für die Armee bedeuten, auch wenn nicht alle, die nicht bei der Garde unterkamen, sich für eine Laufbahn beim Heer entscheiden würden. Grenzen für die Anzahl Neulinge, die bei der Armee ausgebildet werden sollten, nannte Jorïna hingegen nicht.
Den Soldaten des Heeres wurden auch neue Aufgaben zugeteilt. Aufgrund der Ereignisse um Maynaras Flucht sollten in den nächsten Monaten ausgewählte Krieger die königliche Palastgarde als vollwertige Mitglieder unterstützen. Interessanterweise wurden sie nicht den Weisungen der Garde, sondern direkt dem Befehl Jorïnas unterstellt. Außerdem sollten Balors Leute in Zukunft die königlichen Steuereintreiber begleiten, um den angeblich zunehmenden Übergriffen auf die Beamten des Königs zu begegnen. Tatsächlich handelte es sich um eine Vorsichtsmaßnahme, denn die Neuregelungen der Abgaben und Steuern ließen Schwierigkeiten erwarten.
Allgemein wurde die Steuerlast der Bevölkerung geringfügig angehoben und Erleichterungen für Kranke und Alte gestrichen. Besonders hart traf es die kleine Gruppe Nicht-Alvarūn in Azariel. Sie sollten zukünftig wesentlich höhere Steuern als alle anderen bezahlen. Eine Begründung lieferte Jorïna hierfür indes nicht. Auch in anderen Bereichen wurden Nicht-Alvarūn von Jorïna zu Bürgern dritter Klasse degradiert. Die Neuregelungen bei der Strafverfolgung – die sie mit Sarakin in keiner Weise zuvor besprochen oder auch nur angedeutet hatte – trafen ebenfalls vor allem Nicht-Alvarūn und die unteren Schichten.
Sarakin hatte sich zuvor nie wirklich Gedanken über seine Einstellung zu Nicht-Alvarūn gemacht. Sie machten in der Bevölkerung Azariels eine geringfügige Gruppe aus und sie waren bisher im Sinne des verstorbenen Königs immer gleichbehandelt worden. Die neuen Erlasse waren nicht überraschend und würden bei vielen in der Bevölkerung sogar Zuspruch finden. Auch er selbst würde im Ernstfall das Leben eines Alvarūn über das eines Angehörigen einer anderen Rasse stellen. Sie hatten weder die Fähigkeiten noch die Anlagen der Alvarūn, doch solange sie sich unauffällig und gesetzestreu ins Bürgertum einfügten, sah Sarakin trotz der gängigen Vorbehalte und Abneigungen keinen Grund, sie derart würdelos zu behandeln.
Die neuen Steuergesetze und Jorïnas Entscheidung, die Nichtzahlung von Steuern grundsätzlich unter Strafe zu stellen – auch in Fällen, in denen die Betroffenen aus nachvollziehbaren Gründen nicht zahlen konnten – würden unterschiedliche Reaktionen in der Bevölkerung hervorrufen. Den Betroffenen würde eine mindestens genauso große Gruppe gut situierter Bürger gegenüberstehen, die froh darüber waren, dass sie mit ihren Geldern die Armen nicht länger würden tragen müssen.
Es waren eben jene Teile der Bevölkerung, die es gutheißen würden, dass Jorïna die Strafen für Betteln, Herumlungern in den Geschäfts- und besseren Wohnvierteln, Diebstahl wegen Hungers und ähnlichen Delikten erhöhte und die Garde anhielt, in diesen Fällen ohne Rücksichtnahme durchzugreifen. Auf die besonders Armen – deren Existenz die meisten gut situierten Alvarūn am liebsten ohnehin verdrängten – kamen sehr schwere Zeiten zu.
Der verstorbene König hatte schon vor längerer Zeit angekündigt, dass er das in der Bevölkerung seit Jahrtausenden bestehende und äußerst starre Schichtsystem aufweichen und durchlässiger gestalten wollte. Seine Tochter handelte vollkommen gegensätzlich und verfolgte offensichtlich den Ansatz, die Gräben zwischen den Schichten wieder zu vertiefen und bis zur Unüberwindbarkeit zu ziehen. Sarakin war überzeugt, dass die Streichung der unentgeltlichen Bildungsangebote und der Erlass, bei der Auswahl der Rekruten für die Armee und die Garde die gut situierte Bürgerschaft vorzuziehen, nur ein erster Schritt in diese Richtung war.
Im Gegensatz zu diesen Dekreten wollte sich Jorïna offensichtlich die Treue des Adels sichern, indem sie Gesetze ihres Vaters widerrief, die die Verfügungsgewalt und besondere Rechte der Adeligen beschränkt hatten. Es waren Änderungen, denen Sarakin alles andere als positiv gegenüberstand – er hatte wesentlich dabei mitgewirkt, sie abzuschaffen.
Die schiedsrichterliche Entscheidungsgewalt wurde auf den Adel und Hochadel zurück übertragen. Die bisher aus fast allen Schichten stammenden Schiedsrichter wurden von ihrer Tätigkeit mit sofortiger Wirkung entbunden. Den Adeligen stand es frei, selbst Personen zu benennen, die die Ausführung dieses Amtes in ihrem Namen wahrnahmen.
Noch viel schwerer wog Jorïnas Entscheidung, dem einfachen Adel das Recht zurückzugeben, in vollem Umfang Attentäterbriefe auszustellen und Kopfgelder nicht nur auf Leben, sondern auch auf Tod auszusetzen. Dieses Recht war erst vor wenigen Jahrzehnten auf den Hochadel und die königliche Garde beschränkt worden, da die Willkür des Adels überhandgenommen hatte.
Vollkommen neu war das von Jorïna erlassene Gesetz, das dem Adel und dem Hochadel das Recht einräumte, Urteile der königlichen Garde zu widerrufen und ein eigenes Strafmaß festzusetzen, das sich nicht einmal nach den geltenden Bestimmungen und Vorgaben richten musste. Es war ein Geschenk Jorïnas an die Adeligen, die mit Sicherheit nicht zögern würden, es anzunehmen und zu nutzen.
Sarakin schloss die Mappe und starrte in die dämmrige Dunkelheit des Innenhofs. Die Stille wurde nur vom prasselnden Regen und den aufeinanderprallenden Klingen der beiden Kämpfenden durchbrochen. Ein langsames und fassungsloses Kopfschütteln war seine einzige sichtbare Reaktion.
»Du reagierst besonnener als ich erwartet habe«, suchte Gilar schließlich das Gespräch. Er hatte die ganze Zeit still neben ihm gesessen, nur das gelegentliche unterbewusste Streichen über seinen Bart hatte seine Anspannung verraten. »Mir fällt es jetzt noch schwer, ruhig zu bleiben.«
Sarakin antwortete nicht sofort, sein Blick richtete sich wieder auf die beiden Gardisten im Innenhof. »Jorïna sorgt für einige unangenehme Überraschungen und es werden nicht die letzten dieser Art sein. Im Augenblick müssen wir sie akzeptieren. Sich seiner Wut hinzugeben, ändert nichts daran. Sie ist die Königin, sie kann jedes Gesetz und jede Regelung nach ihren Vorstellungen umgestalten. Unsere Aufgabe ist es, diese umzusetzen und zu befolgen. Ihr Vater mag das anders gesehen und beurteilt haben, doch das zählt jetzt nicht mehr.«
Ein eigenartiges Lächeln erschien auf Sarakins Gesicht, als er sich Gilar zuwandte. Sie wussten beide, dass seine Worte auch seiner eigenen Beruhigung dienten. »Mir fällt das ebenso schwer wie dir, doch wir haben bereits darüber gesprochen, Gilar. Wir haben zwei Möglichkeiten und nur eine davon ergibt Sinn. Wir können gehen und anderen die Aufgabe überlassen, Jorïnas Gesetze umzusetzen, anderen, die Jorïna weise wählen wird und die entsprechend vorgehen werden. Wir können das alles hinter uns lassen und vielleicht versuchen, im Untergrund unsere Versuche, die Wahrheit aufzudecken, fortzusetzen und etwas zu bewegen. Oder wir spielen Jorïnas Spiel und bleiben in der Position, vorsichtig und mit Bedacht Einfluss zu nehmen und vor allem unkompliziert und direkt an Informationen zu gelangen, die uns sonst verschlossen blieben.«
Sarakin blickte erneut auf die Mappe hinab und strich über das in das Leder geprägte königliche Siegel. »Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, an dem Jorïna uns ersetzen wird. Sie weiß genau, dass wir ihre Ansichten und Einstellungen nicht teilen, doch im Moment wagt sie es noch nicht, uns aus dem Weg zu räumen und ihr fehlt die Grundlage für ein Misstrauensvotum. Sie konnte mir keinerlei Beteiligung an der Flucht ihrer Schwester nachweisen, was sicherlich anders ausgesehen hätte, wenn sie darauf vorbereitet gewesen wäre. Der Zwischenfall allein reicht noch nicht aus, uns zu entlassen.
Außerdem glaube ich, dass ihr Balor geraten hat, uns nicht zu ersetzen. So haben sie die Möglichkeit, uns zu kontrollieren und im Auge zu behalten. Ich weiß nicht, was sie vermuten oder was sie uns zutrauen, aber ihnen scheint bei dem Gedanken nicht wohl zu sein, dass wir untertauchen und uns ihrer Beobachtung entziehen könnten.
Balor hat sich verraten. Zumindest er geht davon aus, dass wir ihr Intrigenstück durchschaut haben.«
»Das ist mir alles bewusst«, erwiderte Gilar mit einem Nicken. »Ich kann jedoch nicht glauben, mit welcher stoischen Ruhe du das alles zu akzeptieren scheinst. Die Vorstellung, diese ganzen Erlässe in die Tat umzusetzen … Ich habe ein Gewissen.«
Sarakin sah wieder in den Innenhof. Seinem Freund war bewusst, wie viel Disziplin es ihm abverlangte, seine wahren Gefühle zu verbergen und dass in seinem Inneren keinesfalls stoische Ruhe oder gar Ignoranz herrschte. Normalerweise konnte Gilar allerdings damit umgehen, ohne sich mit Zweifeln zu plagen. »Ein Gewissen, auf das Lijanna einen zu großen Einfluss nimmt.«
Gilars Blick verfinsterte sich. »Das hat mit Lijanna nicht das Geringste zu tun.«
»Ich weiß, dass sie seit zwei Tagen in der Stadt ist, auch wenn du es nicht für nötig gehalten hast, es mir zu sagen. Vielleicht irre ich mich, aber ich kann mir vorstellen, dass sie die Situation dazu nutzt, dir den Austritt aus der Garde einmal mehr, sagen wir, nahe zu legen.«
»Sie weiß, dass ich das nicht tun werde«, antwortete Gilar bestimmt. »Erst recht nicht in dieser Lage. Nicht, solange ich noch etwas bewegen kann. Und du weißt das auch.«
»Und weil sie das weiß, wählt sie jetzt den Weg über dein Gewissen.« Sarakin warf ihm nur einen kurzen Blick zu. »Ich erwarte nicht, dass dir das alles leichtfällt, doch ich kenne dich lange genug, um zu wissen, dass du damit zurechtkommen wirst. Es sei denn, Lijanna redet jeden Abend und jeden Morgen auf dich ein und versucht dich zu beeinflussen.«
Gilar schüttelte den Kopf. »Sie redet weder auf mich ein noch versucht sie mich zu beeinflussen. Sie hat nichts damit zu tun. Ich bin es leid, mit dir über Lijanna zu streiten oder umgekehrt. Nur weil ihr euch nicht ausstehen könnt, unterstellt ihr euch gegenseitig immer nur die schlechtesten Absichten.«
»Und wieso ist sie dann nach Narima gekommen?« Sarakin hatte Mühe, seine Frage nicht bissig klingen zu lassen. Innerlich war er aufgrund Jorïnas Neuregelungen weitaus aufgebrachter als er äußerlich zeigte oder zuzugeben bereit war. Lijanna, mit der ihn seit dem Tag, an dem sie mit Gilar zusammengekommen war, eine spezielle Art von Feindschaft verband, war ein nur allzu bereitwilliges Ziel für seine Wut, die er an Jorïna selbst nicht auslassen konnte.
»Sie hat geschäftlich zu tun«, erwiderte Gilar ruhig, der sehr wohl verstand, dass Sarakin auf der Suche nach irgendeiner Art von Ventil war. »Sie wird in den nächsten Tagen ein paar Händler und mögliche Kunden treffen.«
Sarakin schüttelte den Kopf. »Was für ein Zufall.«
Gilar musste die Zähne zusammenbeißen, um auf Sarakins Kommentar nicht aufgebracht zu reagieren. Er hatte kein Interesse daran, sich jetzt mit ihm zu streiten. Dennoch war er angefressen genug, um seine eigenen Beobachtungen auszusprechen. »Deine Dämonen sind keine Entschuldigung dafür, meine Frau anzugreifen. Es ist nicht Lijanna, die dir unter die Haut geht. Muss ich ihren Namen wirklich aussprechen?«
In Sarakins Wange zuckte ein Muskel und er ballte instinktiv die Rechte zur Faust. Gilar hatte ins Schwarze getroffen. Mehrere Augenblicke vergingen, bevor er kurz die Augen schloss und stumm den Kopf schüttelte. Die Geste enthielt die unausgesprochene Bitte, das Thema ruhen zu lassen.
Gilar tat ihm den Gefallen, nachdem er einige Sekunden hatte verstreichen lassen. »Wir haben Nachricht von den Gardisten erhalten, die wir zu Nayras Haus in Kadriel geschickt haben.«
»Und?« Sarakin setzte sich angespannt auf und sah seinen Freund aufmerksam an. Die Beraterin des Königs war bis zu dem Tag, an dem Jorïna sie und die anderen in den Palast hatte rufen lassen, spurlos verschwunden gewesen. Doch auch während ihres zwei Tage dauernden Aufenthalts am Hof war es Sarakin und Gilar nicht gelungen, mit ihr in Kontakt zu treten. Nayra musste wissen, wie viel möglicherweise von ihr abhing. Sie war vielleicht die Einzige, die ihre Vermutungen bestätigen und stützen konnte. Sie schien ihnen absichtlich aus dem Weg zu gehen. Warum? Sarakin war geneigt, zu glauben, dass sie wegen ihres Wissens Angst hatte, auch wenn er sich nicht sicher sein konnte.
Gilars Kopfschütteln vernichtete all seine Hoffnungen. »Dasselbe Bild wie in ihrem Stadthaus hier in Narima. Sie hat es einem Gebäudehändler mitsamt all ihrer Habe verkauft. Nayra hat keine Hinweise oder Spuren hinterlassen, die auf ihren aktuellen Aufenthaltsort oder ihre Absichten schließen lassen. Wir werden uns mit dem Gedanken anfreunden müssen, sie möglicherweise niemals wiederzusehen.«
»Verdammt!«, fluchte Sarakin. Warum hatte Jorïna ausgerechnet Nayra ziehen lassen? Wieso war die Schriftstellerin untergetaucht? Alle anderen Berater mussten weiter zur Verfügung stehen, selbst Alania, obwohl ihrer Position niemand nachfolgte. »Wenn Jorïna auch nur die geringste Ahnung hätte, hätte Nayra den Hof nicht lebend verlassen. Wieso flüchtet sie?!«
Gilar seufzte leise. »Hättest du dich an ihrer Stelle darauf verlassen? Nur der Hauch eines Gerüchts hätte jederzeit ihren Tod bedeuten können. Und wer weiß, auf welche Geheimnisse Jorïna in den Tagebüchern und Aufzeichnungen ihres Vaters stoßen wird.«
»Nein, ich hätte genauso gehandelt …« An die Tagebücher und Aufzeichnungen des verschiedenen Königs und deren möglichen Inhalt wollte er ohnehin nicht denken. Es gab genügend Informationen, die Jorïna besser niemals in die Hände fallen sollten.
Aber Gilar erinnerte ihn natürlich daran. »Es sind nicht nur die Geheimnisse des Königs, die sie aufdecken könnte.«
Sarakin antwortete nichts darauf.
3
Sie sah, wie die Kugel aus hellblauer Energie vollkommen unvermittelt die Richtung änderte und auf sie zusteuerte, nachdem Skonar die junge Alvarūn aus der Gefahrenzone geschubst hatte. Doch es war viel zu spät, um noch zu reagieren und im nächsten Moment traf der magische Energieball sie direkt zwischen den Brüsten.
Es tat nicht einmal besonders weh. Es war ein kurzer, scharfer Schmerz, der durch ihren Brustkorb fuhr und schon im nächsten Augenblick verging. Sie blickte nach unten und fand ihr Shirt unversehrt vor. Was immer Kamar nach ihr geschleudert hatte – und dass der Mann mit der blauschwarzen Lockenmähne und den Tätowierungen im Gesicht auf der anderen Seite des Mittelganges Kamar war, daran bestand kein Zweifel – schien ihr nichts angetan zu haben.
Doch dann bemerkte sie, dass etwas nicht stimmte und runzelte die Stirn. Irgendetwas war ganz und gar nicht mehr in Ordnung. Es schienen Sekunden zu vergehen, bis sie endlich begriff, dass ihr Herz nicht mehr schlug. Ihr Herzschlag war verklungen, das Rauschen ihres Blutes in ihren Ohren war verstummt. Sie atmete nicht mehr. Ihr Brustkorb lag still, das stetige Heben und Senken war vergangen.
Bewusst versuchte sie einzuatmen und musste panisch feststellen, dass es nicht funktionierte. Als ob es um sie herum keine Luft mehr gab, die sie atmen konnte. Ihre Lungen reagierten nicht … Als die Welt vor ihren Augen zu verschwimmen begann, wurde ihr bewusst, dass sie nach rein klinischen Aspekten bereits tot war.
Ariane schreckte aus dem Schlaf und setzte sich kerzengerade in ihrem Bett auf. Ihr Atem ging stoßweise und ihr Herz hämmerte wild in ihrer Brust. Wie eine Ertrinkende sog sie Luft in ihre Lungen. Noch immer hatte sie das Gefühl, im nächsten Moment ersticken zu müssen.
Sie versuchte, sich zu beruhigen, doch ihre Atmung und ihr Herzschlag fielen nur langsam in gewöhnliche Rhythmen zurück. Kalter Schweiß rann ihren Körper hinab und sie wischte sich mit dem Ärmel ihres Nachthemdes erleichtert über die Stirn. Ihr Arm fühlte sich ungewöhnlich schwer an und zitterte. Sie fühlte sich vollkommen erschöpft und ausgelaugt.
Was für ein realistischer Albtraum! Ariane konnte noch immer spüren, wie sich ihr ganzer Brustkorb zusammenzog, als ihr Herz zu schlagen aufhörte und ihre Atmung aussetzte. Sie war dankbar dafür, aufgewacht zu sein, bevor sie in ihrem Traum gestorben war.
Der Raum um sie herum lag in vollkommener Dunkelheit. Automatisch griff sie nach der Lampe neben ihrem Bett, doch ihre Hand ging ins Leere. Sie versuchte es noch einmal, aber die Lampe war nicht an ihrem Platz und auch der Nachttisch schien verschwunden.
Erst jetzt bemerkte sie die seltsame Beschaffenheit der Decke, mit der sie zugedeckt gewesen war. Sie fühlte sich viel zu weich an und als ihre Finger darüberstrichen, spürte Ariane, dass es Fell sein musste. Ihr Herzschlag beschleunigte sich erneut. Sie war nicht zu Hause in ihrem Schlafzimmer, nicht in ihrem Bett.
Sie zögerte einen Moment, bevor sie den Boden um sich herum abtastete. Sie lag auf einem Lager aus Decken und Fellen auf einem harten und steinigen Untergrund. Wo war sie? Irgendwo in der Dunkelheit hörte sie ein Geräusch und zog die Decke hoch und fest um ihre Schultern.
»Sie ist wach«, flüsterte eine Frauenstimme, die ihr auf eine seltsame Art und Weise vertraut vorkam.
Eine männliche Stimme rief leise ein Wort, das keinen Sinn für Ariane ergab. Plötzlich entbrannten wie von Geisterhand um sie herum an die zwanzig Kerzen, die den Raum sofort in ein warmes und flackerndes Licht hüllten. Sie erkannte jetzt, dass sie sich nicht in einem Zimmer, sondern in einer Art Grotte oder Höhle befand. Die Kerzen waren in Felsnischen aufgestellt worden.
Ariane zuckte erschrocken zusammen als keine zwei Meter von ihr entfernt eine Feuerstelle in Brand gesetzt wurde, ohne dass sie von jemandem entzündet worden war.
Jetzt entdeckte sie die Frau und den Mann, die vorher gesprochen haben mussten. Sie kamen ihr auf seltsame Weise bekannt vor und doch waren sie ihr fremd. Sie saßen auf zwei Schlafstätten auf der anderen Seite der Feuerstelle und blickten sie erleichtert an.
Die junge Frau mit den dunkelblonden Haaren schlug ihre Decke zurück, sprang auf und kam auf sie zu. Mit Erleichterung und Tränen in den Augen flüsterte sie ihren Namen. »Ariane … du bist zurückgekehrt.«
Ein anderes Bild der jungen Frau entstand in Arianes Kopf. Wie sie nackt vor ihr gestanden hatte, eine Pistole in der Hand … Wie sie durchgefroren in ihrem Wohnzimmer saß … Phillip in ihrem Auto … Die langen und scharfen Krallen eines Drachen … Die Tatort-Fotos … Feuer … Ein weiterer plötzlicher Szenenwechsel … Wieder der Mittelgang der Kirche. Der Mann mit den Tätowierungen im Gesicht … Die junge Frau, die ihren Namen schrie …
Arianes Erinnerung kehrte schlagartig zurück. Die plötzliche Erkenntnis, dass ihr Traum keinesfalls ein Traum gewesen war und die auf sie niederstürzenden Bilder und Gedanken trafen sie wie ein Faustschlag in die Magengrube. Ihr wurde schwindelig und sie sank erschöpft und für den Augenblick überfordert auf das behelfsmäßige Bett zurück.
Maynara kniete neben ihr nieder. Sie schien nicht bemerkt zu haben, wie geschockt Ariane war oder hielt ihre Reaktion für eine Nachwirkung ihres Zustandes. Die junge Alvarūn tauchte ein Tuch in eine aus Holz geschnitzte Schale mit klarem Wasser und wischte Ariane damit den Schweiß aus dem Gesicht.
Ariane lag reglos da und ließ es geschehen. Sie starrte zu der rauen, vom Wasser ausgewaschenen Höhlendecke hinauf. Sie hatte nicht geträumt. Die ganzen Erlebnisse, der Kampf gegen irgendwelche fantastischen Wesen inklusive eines Drachen, waren Wirklichkeit gewesen. Die Auseinandersetzung im Straßburger Dom … Kamar …
»Ich … ich war tot …«, flüsterte sie mit heiserer Stimme. Als Maynara nicht antwortete, sah sie der Alvarūn in die braunen Augen. Sie wollte das Handgelenk der jungen Frau umfassen, doch sie war zu erschöpft, um den Arm noch einmal zu heben. »Maynara …«
Die junge Alvarūn seufzte und tauchte das Tuch erneut in das kalte Wasser. »Ja, das stimmt. Aber darüber sollten wir heute Nacht nicht sprechen. Wir konnten dich retten, aber es war verdammt knapp. Du fieberst noch immer, aber jetzt, da du endlich erwacht bist, glaube ich, dass du es schaffen wirst.«
Ariane wollte noch mehr sagen, doch sie schaffte es nicht. Ihr Körper fühlte sich schwer wie Blei an. Die kühle Feuchtigkeit tat gut und sie ließ Maynara gewähren, die ihr nicht nur das Gesicht, sondern auch den Hals und die Arme vorsichtig abtupfte.
Irgendwann schlief sie wieder ein.
4
Auch die nächsten Tage schlief Ariane die meiste Zeit, doch sie kam langsam wieder zu Kräften. Maynara gab ihr mehrmals am Tag eine Schale mit heißer Suppe, die zwar fürchterlich schmeckte, aber wenigstens ihren Hunger stillte. Die junge Alvarūn kümmerte sich um sie und wachte fast ohne Unterbrechung neben ihrem Lager, doch sie sprachen nicht miteinander.
Am fünften Tag konnte Ariane endlich wieder längere Zeit aufrecht sitzen, auch wenn sie noch immer entkräftet war. Als sie zum ersten Mal aufstehen wollte, stellte sie allerdings fest, dass sie nur ein dünnes Baumwollhemd am Leib trug, das kaum ihre Scham bedeckte.
Schnell zog sie die Decke wieder zurück, als Maynara die Höhle mit frischem Feuerholz unter dem Arm betrat. »Du siehst schon viel besser aus«, bemerkte die junge Alvarūn lächelnd und legte das Holz auf der anderen Seite der Feuerstelle ab. »Wie fühlst du dich? Ich denke, heute wirst du etwas Richtiges essen können.«
»Wenn ich das höre, geht es mir schon sehr viel besser«, antwortete Ariane, doch sie bekam kein richtiges Lächeln zustande. Ihr gingen Hunderte Fragen durch den Kopf, doch sie entschied, dass es auf ein paar Stunden mehr oder weniger nun auch nicht mehr ankam. Möglicherweise wollte sie die Wahrheiten, die Maynara und Skonar ihr zu eröffnen hatten, auch gar nicht hören.
»Ich würde mich gerne duschen … ich meine waschen oder baden«, sagte Ariane schließlich. Obwohl Maynara sie umsorgt und ihr mit Wasser gefüllte Schüsseln gebracht hatte, so dass sie sich den Umständen entsprechend hatte waschen können, fühlte sie sich schmutzig.
»Kannst du aufstehen?«, fragte die junge Alvarūn.
»Ich glaube schon … Wo sind meine Kleider?«
Maynara lächelte. »Ich habe sie gereinigt. Du solltest sie daher erst anziehen, nachdem du dich gewaschen hast.« Sie schwieg einen kurzen Moment, denn sie spürte das Unbehagen der Menschenfrau. »Du brauchst dich vor mir nicht zu schämen, Ariane. Skonar ist im Augenblick nicht hier, er wird nichts zu sehen bekommen. Komm.«
Ariane war die Situation unangenehm, doch sie sah ein, dass sie keine besondere Wahl hatte. Außerdem ahnte sie, dass sie ohnehin längere Zeit bewusstlos gewesen war und es nichts mehr gab, was sie vor Maynara verbergen konnte. Es war ein unbehaglicher Gedanke und sie schob ihn weit von sich.
Sie schlug die Decke zurück und zog das Baumwollhemd so weit nach unten, wie es der Stoff zuließ. Sie war noch wackelig auf den Beinen, schaffte es aber, aufzustehen. Maynara wich nicht von ihrer Seite, als sie sie in einen Seitengang der Höhle führte, der Ariane zuvor nicht aufgefallen war.
Der Boden war beinahe glatt und sie hörte irgendwo hinter dem Gestein das Rauschen von Wasser. An einer Stelle drang die klare Flüssigkeit durch einen Felsspalt und hatte sich in einem tiefen Becken am Ende der Höhle gesammelt. Auf der anderen Seite floss das Wasser durch einen weiteren Spalt im Gestein ab. Eine Fackel an der Wand spendete schummriges Licht.
»Das Wasser ist ziemlich kalt, aber das Bad wird dir guttun. Hier.« Maynara reichte ihr ein Tuch aus grobem Wollstoff und ließ sie dann allein.
Erleichtert zog Ariane das Hemd aus und stieg in das Becken. Obwohl sie sofort zu frieren begann, tat es gut, sich den Schweiß vom Körper zu waschen. Noch während sie ihr Bad in dem glasklaren Wasser nahm, kam Maynara zurück und legte ihre zusammengefaltete Kleidung auf dem Steinboden ab.
Ariane wusch sich gründlich. Bevor sie sich anzog, trocknete sie sich mit dem rauen Handtuch ab. Obwohl ihr jede Menge Gedanken im Kopf herum gingen, ließ sie nur langsam zwei entscheidende Fragen an sich heran: Warum war sie noch am Leben? Und: Wo waren sie?
Die erste Frage konnte sie nicht beantworten. Vielleicht war sie gar nicht tot gewesen, doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass ihr Traum nur die Realität widergespiegelt hatte. Wer hatte sie gerettet? Hatten Skonar und Maynara sie geheilt? Wie?
Auch auf die zweite Frage fand sie keine Antwort. Sie wusste nur, dass sie sich mit Sicherheit nicht mehr auf der Erde oder in der Verbotenen Zone, wie Maynara ihre Heimatwelt genannt hatte, befanden. Wieso sie sich diesbezüglich so sicher war, konnte sie sich nicht erklären. Es musste eine andere Welt sein. War es Maynaras Heimatwelt, Azariel?
Sie hörte Stimmen aus dem anderen Teil der Höhle. Skonar musste zurückgekommen sein. Da es in der Höhle doch recht frisch war, zog sie auch ihren Mantel über und kehrte in den Schlafraum zurück. Maynara legte gerade Holzscheite ins Feuer. Der Kessel über der Feuerstelle, in dem Maynara für sie die Suppe gekocht hatte, war verschwunden. An seiner Stelle briet ein merkwürdig geformtes Stück Fleisch über der Hitze des Feuers.
Skonar saß auf den groben Wolldecken seines Lagers und musterte Ariane, die ihren Mantel fest um ihren Oberkörper geschlungen hatte. Für ihn war es noch immer ein kleines Wunder, dass die Menschenfrau überlebt hatte. Zwar waren seine Kenntnisse über den menschlichen Körper umfangreich, doch er hatte nicht daran geglaubt, dass es ihnen gelingen würde, sie zu retten.
Sie hatte sich als ausgesprochen wehrhaft und widerstandsfähig erwiesen, anders als die meisten anderen Menschen, denen Skonar zuvor in der Verbotenen Zone begegnet war.
Ariane trug wie viele Angehörige ihrer Rasse einen kleinen Funken Magie in sich, den sie weder bemerken noch nutzen konnte. Er hatte bereits beschlossen, ihr nichts davon zu erzählen, auch wenn er den Eindruck hatte, dass dieser Funken ausgeprägter als bei anderen Menschen war und ihr das Leben gerettet hatte. Sie hatte auf seine magische Behandlung ungewöhnlich heftig und positiv reagiert, wie er es nie zuvor bei einem Menschen beobachtet hatte.
Noch war es entschieden zu früh, sie als ein besonderes Exemplar ihrer Rasse zu betrachten. Es würde jedoch interessant werden, sie weiterhin zu beobachten, wenn sie es denn schaffen sollte, sich mit ihrer Situation zu arrangieren.
Maynara beendete ihre Arbeit und drehte den Holzspieß um, auf dem der Braten steckte. Der Geruch von gebratenem Fleisch zog durch die Höhle und regte augenblicklich Arianes Appetit an. »Wir können bald essen«, sagte die junge Alvarūn, die den Blick ihrer Gefährtin richtig gedeutet hatte. »Setz dich.«
Ariane ging zu ihrem Lager hinüber und ließ sich auf den Decken nieder. Schweigend beobachtete sie einige Momente lang Maynara und Skonar, die auf der anderen Seite der Feuerstelle saßen. Skonar erwiderte ihren Blick vollkommen ruhig, doch sie hatte den Eindruck, dass er sich geistig in anderen Sphären befand. Maynara hatte damit begonnen, mit einer hölzernen Nadel an einem Stück Stoff zu arbeiten.
Sie begriff, dass keiner der beiden vorhatte, von sich aus das Gespräch zu eröffnen. Die beiden Alvarūn wollten ihr offensichtlich Zeit lassen, sich zu sammeln und warteten darauf, dass sie ihnen Fragen stellte. Ein unbestimmbares Gefühl sagte ihr, dass die Antworten nicht unbedingt angenehm ausfallen würden.
Doch noch war sie nicht so weit. In ihrem Kopf herrschte noch immer Chaos, das sich nur schwer ordnen ließ. Außerdem fühlte sie sich noch immer ausgelaugt und ihr Magen schrie förmlich nach etwas Essbarem. Nach der Suppe brauchte sie endlich etwas, das geschmacklich genießbar war. Der Geruch des Fleischs ließ sie zumindest hoffen. Die Zeit, die der Braten noch zum Garen brauchte, nutzte Ariane, um sich in ihre Gedankenwelt zurückzuziehen und die Geschehnisse, an die sie sich zwischenzeitlich klar erinnerte, in die richtige Reihenfolge zu bringen.
Skonar nahm den Braten schließlich von der Feuerstelle und teilte das gare Fleisch auf drei geschnitzte Holzteller auf. Er reichte ihr einen davon und da es kein Besteck gab, aß Ariane mit den Fingern. Das Fleisch hatte eine unnatürliche Färbung, über die Ariane nicht lange nachdachte. Es hatte dieselbe Struktur und Konsistenz wie Hühnerfleisch und schmeckte sogar recht ähnlich. Sie verschlang die Stücke und unterdrückte ein geräuschvolles Aufstoßen, nachdem sie den Teller geleert hatte. Die Alvarūn verzehrten ihre Portionen weitaus langsamer und gesitteter als sie, aber sie hatten in den letzten Tagen mit Sicherheit auch mehr als nur kaum genießbare Suppe konsumiert.
Ariane wartete mit wachsender Ungeduld, bis Skonar und Maynara fertig gegessen hatten, auch wenn es ihr ausgesprochen schwerfiel. Sie stellte ihre erste Frage schließlich, bevor die beiden Alvarūn überhaupt ihre Teller abgestellt hatten. Aus einem unbestimmbaren Gefühl heraus richtete sie sich direkt an Skonar. »Ich war tot?«
Der Magier erwiderte ihren Blick einen Moment lang nachdenklich, als ob er abwägen müsste, ob er ihr mit der Wahrheit begegnen sollte oder nicht. »Ja, das stimmt«, antwortete er endlich. »Deine Atmung hatte ausgesetzt und dein Herz schlug nicht mehr.«
Ariane sagte erst einmal nichts dazu. Obwohl sie es bereits vorher gewusst und Maynara es ihr bereits bestätigt hatte, erweckte der Gedanke noch immer kaltes Grauen in ihr. Ein eisiges Schaudern suchte sich seinen Weg ihre Wirbelsäule hinab. »Wie kann es dann sein, dass ich noch lebe? Was ist passiert?«
»Ich habe dich durch das Weltentor gezogen. In heilender Magie sind meine Kenntnisse sehr begrenzt, aber sie reichten aus, deinen Körper wiederzubeleben. Kamar war noch immer geschwächt. Sein Zauber hat zwar dein Nervensystem zu Fall gebracht, hat jedoch sonst keine Schäden verursacht, sonst hätte ich dich niemals zurückholen können. Wir sind hierher geflohen und die Bewohner dieser Welt konnten uns ebenfalls helfen. Ihre Salben und Kräuter haben uns in die Lage versetzt, deine äußeren Verletzungen wie die Stichwunde an deinem Arm zu versorgen.«
Sein Blick streifte ihren Oberarm und erst jetzt erinnerte Ariane sich an die Verletzung, die die Kriegerin ihr im Straßburger Münster zugefügt hatte. Obwohl die Klinge des Dolchs ihren Arm komplett durchstoßen hatte, war jetzt nur noch eine bereits verheilte Narbe zu erkennen.
Der junge Magier fuhr fort: »Du hast sehr viel Blut verloren, warst geschwächt und dein Zustand war lange Zeit alles andere als stabil. Du warst lange bewusstlos und nicht alle Wunden verheilten sofort. Bis vor ein paar Tagen waren wir uns nicht einmal sicher, ob du es überhaupt schaffen würdest.«
Die Wunde war bereits vernarbt. Wenn Skonar von Salben und Kräutern sprach, konnten sie sich kaum in einer besonders weit entwickelten Welt befinden und entsprechend lange dürfte der Heilungsprozess gedauert haben. »Wie lange war ich bewusstlos?«, fragte Ariane zögerlich.
»Nach deiner Zeitrechnung über zwei Monate.«
Ariane schluckte hart. Zwei Monate hatte sie hier in dieser Höhle gelegen und um ihr Leben gekämpft. Skonar und Maynara hatten sie in diese Welt gebracht und gerettet. Sie zwei Monate lang versorgt und sich um ihre Verletzungen gekümmert, ohne zu wissen, ob sie letztendlich nicht doch sterben würde. Sie gepflegt, zwangsernährt, dafür gesorgt, dass ihre Muskulatur nicht verkümmerte … Es war ein Wunder, dass sie überlebt hatte und keine der unzähligen Komplikationen eingetreten war, die ihr sofort in den Sinn kamen. Sie war froh, dass sie sich an diese zwei Monate in keiner Weise erinnern konnte.
»Wo sind wir?«, fragte sie schließlich. Offenbar waren sie nicht in Azariel, der Welt der Alvarūn. »Wer sind die Bewohner dieser Welt?«
»Wir befinden uns auf einem Planeten, den die hier lebenden Wesen Namai nennen. Sie sind die einzige intelligente Rasse und bezeichnen sich selbst als Giadin. Du musst dir wegen ihnen keine Gedanken machen, sie sind Freunde.«
Ariane runzelte fragend die Stirn.
»Ich habe diese Welt vor vielen Jahren entdeckt und geriet in ihre Gefangenschaft«, erklärte Skonar. »Es gibt in dieser Galaxis noch andere intelligente Lebewesen, die sehr viel weiterentwickelt sind und über Technik verfügen. Sie greifen den Planeten in unregelmäßigen Abständen an, machen Jagd auf die Giadin und versklaven sie. Ich konnte ihnen helfen, eine sehr lange Geschichte. Sie stehen seitdem in meiner Schuld. Wir sind hier sicher, weshalb ich mit Maynara ohnehin erst einmal hierher geflohen wäre.«
Ariane nickte langsam und ließ sich die gerade gewonnenen Informationen durch den Kopf gehen. Die beiden Alvarūn hatten ihr das Leben gerettet, nachdem sie Maynara zur erfolgreichen Flucht vor Kamar aus ihrer Welt verholfen hatte. Sie hatten ihre gegenseitig bestehenden Verpflichtungen gegenüber dem jeweils anderen erfüllt. Maynara war in Sicherheit.
Und sie selbst musste sich auch keine Sorgen mehr um Kamar machen. Zwei Monate nach ihrer Flucht aus der Verbotenen Zone würde sich der Schwarzmagier nicht mehr auf der Erde aufhalten. Zumindest ihn musste sie nach ihrer Rückkehr nicht mehr fürchten.
Und was alles andere anging … Sie würde erst nach ihrer Rückkehr feststellen können, wie es tatsächlich um sie stand. Ob sich eine neue Identität aufzubauen noch eine Option war oder ob sie sich stellen musste, auch wenn ihr dies nach wie vor wenig verlockend erschien.
»Ich danke euch und auch euren Freunden in dieser Welt dafür, dass ihr mich ins Leben zurückgeholt habt. Das hättet ihr nicht tun müssen, ihr hättet mich zurücklassen können.« Sie sah abwechselnd zwischen den beiden Alvarūn hin und her, die keine Reaktion auf ihre Worte zeigten. Sie wirkten sogar merkwürdig betreten. »Ich habe von der Reise hierher nichts mitbekommen und kann nicht einschätzen, wie das ist. Bin ich schon wieder fit genug für den Rückweg?«
Die beiden Alvarūn waren verblüfft darüber, dass Arianes erster Gedanke der Rückkehr in ihre Welt galt. Maynara beschlich das ungute Gefühl, dass ihre Gefährtin sich ihrer Lage nicht bewusst war, die selbst vor den wenig erfreulichen Entwicklungen nach ihrer Flucht kompliziert gewesen war. »Du erinnerst dich daran, was passiert ist?«, fragte sie leise. »Der Händler …«
»Händler?« Arianes Gehirn benötigte zwei Sekunden, weigerte sich aktiv dagegen, diese willkommene Erinnerungslücke zu füllen. Als die Bilder des jungen Mannes an die Oberfläche drängten, seine starren, toten Augen, entfuhr ihr ein schmerzerfüllter Laut. Andere bisher verdrängte Puzzleteile fielen widerwillig an ihren Platz und ließen ein chaotisches, Angst einflößendes und unberechenbares Szenario entstehen.
Ihre Identität war aufgedeckt worden. Ein toter Attentäter in ihrer Küche. Ein Autohändler, den sie erschossen hatte. Eine Videoaufzeichnung, die nicht beweisen konnte, dass er von einem magischen Wesen besessen gewesen und sie angegriffen hatte. Spinnenartige Kreaturen in aller Öffentlichkeit. Ein gottverdammter Drache auf der A5. Die Auseinandersetzung im Straßburger Münster. Hatte man sie mit allen Vorfällen in Verbindung gebracht? Falls ja, was bedeutete das für sie? Konnte sie ihre Unschuld beweisen? Oder wurde sie nur als kaltblütige Mörderin angesehen?
Ariane wurde schwindelig und Übelkeit machte sich in ihrer Magengegend breit. Die Tatsachen, Vermutungen und möglichen Szenarien überforderten sie. Ihr Gehirn hätte sich nur liebend gerne von alldem abgeschottet und sich zurück in Verdrängung geflüchtet, doch das konnte sie nicht zulassen. Letztlich würde ihr spekulieren nichts bringen. Sie musste wissen, wie es um sie stand. »Ich muss zurück. Ich muss herausfinden, was passiert ist, was all diese Vorfälle … ausgelöst haben. Wenn ich beweisen kann, dass …«
Skonars Kopfschütteln unterbrach sie. In den Tiefen des unnatürlich wirkenden Grüns seiner Augen lag ein Ausdruck, der Ariane all ihre Hoffnungen nahm, noch bevor er mit Endgültigkeit in der Stimme feststellte: »Du kannst nicht zurück.«
Ariane begriff, weigerte sich aber, die Wahrheit anzuerkennen. Sie blickte zu Maynara, doch die junge Alvarūn wich ihrem Blick auf eine Art aus, die sie alarmierte. In ihr keimte ein grauenvoller Verdacht auf, doch das konnte unmöglich sein. Kamar konnte nicht fähig sein, ganze Welten ins Chaos zu stürzen oder sogar zu vernichten … »Weshalb nicht? Meine Welt …«
»Existiert noch.« Skonar hatte offenbar erkannt, in welche Richtung sich ihre Gedanken bewegten. »Es geht vielmehr darum, wie die Geschehnisse untersucht und behandelt wurden, wie die Geschichte von den Behörden geschrieben wurde …«
»Wovon redest du?«, fuhr Ariane ihm voller Ungeduld dazwischen, sich noch immer an die Hoffnung klammernd, dass Skonars felsenfeste Überzeugung auf falschen Einschätzungen beruhte. Dass er falschen Annahmen erlegen war und was auch immer er glaubte zu wissen, ihr Schicksal nicht unveränderlich in Stein meißelte. Was, zur Hölle, war nach ihrer Flucht passiert?
»Ich bin noch einmal in die Verbotene Zone gereist, sobald dein Überleben wahrscheinlich erschien. Maynara wollte, dass ich versuche, herauszufinden, was dich im Falle einer Rückkehr erwarten würde.« Skonar zog einen großen Lederbeutel zu sich heran und griff hinein. Zum Vorschein kamen einige Zeitungen und Ausdrucke, die bereits stark mitgenommen aussahen. Als er erneut ihren Blick suchte, schüttelte er den Kopf. »Du kannst dich nicht verstecken oder ausweichen, Ariane. Dich erwartet weitaus Schlimmeres als die Verurteilung wegen Mordes.« Er schob ihr die Zeitungen zu. »Lies …«
Ariane griff nur zögerlich danach. Es waren verschiedene Tageszeitungen und auch einige Boulevardblätter darunter sowie einige Ausdrucke von News-Seiten aus dem Internet. Sie deckten einen Zeitraum von fünf Wochen seit ihrer Flucht ab. Einige Berichte waren mit Asche oder Knicken markiert worden. Die nächste Stunde widmete sie sich den Zeitungen. Es waren anfangs viele Einzelberichte, die sich nur langsam zu einem Gesamtbild zusammenfügten.
Zuerst die Berichte über die Kumori und den Drachen, von denen es sogar Handyaufnahmen guter Qualität gab. Die Boulevardzeitungen hatten sich erwartungsgemäß darauf gestürzt und das Thema auf ihre unprofessionelle Art ausgeschlachtet. Ariane war nicht wirklich überrascht darüber, dass die Regierung entsprechende Maßnahmen ergriffen hatte, und die Bilder von Experten als Fälschungen entlarven ließ. Dass es allerdings trotz unzähliger Augenzeugen gelungen war, die Geschehnisse als eine geplante Aktion einer Internetcommunity darzustellen, die einen nach einem Unfall ausgebrannten LKW für ihre Zwecke missbraucht hatte, sprengte doch ein wenig ihren Horizont.
Was aber hatte sie anderes erwartet? Die Existenz dieser Wesen und ihre Sichtung waren so unglaublich und unfassbar, dass der Großteil der Bevölkerung die Lügen glaubte. Die Stimmen, die dieses Mal sogar berechtigterweise eine Verschwörung der Regierung vermuteten, wurden schnell leiser. Die Augenzeugen verstummten. Gerne hätte Ariane gewusst, was sich hinter den Kulissen abgespielt hatte und erhielt im Verlauf der Berichte eine unangenehme Vorstellung davon.
Denn offenbar waren Verbindungen geknüpft worden. Obwohl sie in die hintersten Ecken gerutscht waren, nicht mehr als nebensächliche Randnotizen, ließen sich ein paar Berichte doch miteinander verbinden, zumindest wenn man wusste, was tatsächlich passiert war. Die Untersuchung der Vorfälle war nicht nur mehr in deutscher Hand geblieben, es hatten sich internationale Stellen eingeschaltet.
Die letzten Zeugen hatten sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, als die angebliche Internetcommunity – bereits von den nächsten Krisen in die Tiefen der Medien verbannt – mit internationalem Terrorismus in Verbindung gebracht wurde. Mit einem Mord in Kiel. Mit einem Mord an einem Autohändler. Mit einem Anschlag in Straßburg, der Tote gefordert hatte. Auch in Frankreich waren Augenzeugen, die mit der Wahrheit an die Öffentlichkeit getreten waren, plötzlich verstummt.
