Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Eine Pension in Rom. Sie ist besetzt von Soldaten der deutschen Wehrmacht. Die alliierten Armeen rücken vom Süden her gegen Rom vor. Da geschieht ein Attentat. 33 Angehörige eines Polizeiregiments werden getötet. 350 Römer jeden Alters werden in den Fosse Ardeatine als Repressalie getötet. Einer der Soldaten aus der Pension wird dazu aufgeboten und zerbricht daran. Sein Freund erzählt Jahre später in ergreifender Weise von der Menschlichkeit, die sie erfahren durften von Seiten des schweizerischen Ehepaares, das die Pension führte und jene Zeit in Angst und Bangen überlebte, weil sie ihren italienischen Schwiegersohn in einem abgeschlossenen Zimmer monatelang vor den deutschen Soldaten versteckt hielten. Eine trotz der Umstände jener Zeit feinfühlige, mit menschlicher Wärme geschriebene Erzählung. In einem Anhang schildert der Autor, wie es zu dieser Erzählung kam.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 98
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Martin Renold
Auch ich war dabei
Erzählung
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Auch ich war dabei
Wie die Geschichte entstand
Impressum neobooks
Ich spreche nur ungern und widerwillig davon. Mehr als fünf Jahre sind seither vorübergegangen; aber die Erinnerung an jene Zeit lastet schwer auf mir, wie eben das Bewusstsein einer großen Schuld auf einem Menschen lasten und ihn zu Boden drücken kann; denn für mich ist die Erinnerung Schuldbewusstsein. Mir ist, als würden die Seelen aller derer, die ich sterben sah, über mich herfallen. Sie lassen mich nicht in Ruhe, diese Sterbenden, diese Toten. Oft sehe ich sie in der Nacht, sehe ihre zum Himmel sich reckenden Arme, ihre im Todeskampf, in letzter Verzweiflung verkrampfenden Hände, sehe ihre brechenden, im Tode noch anklagenden Augen. Ich weiß, dass viele im Hass gestorben sind. Sie hassten uns, und sie haben ihren Hass mit ins Grab genommen, wenn ihnen überhaupt ein anständiges Grab gegraben wurde. Als Hassende sind sie gestorben, und als Hassende sind sie vor Gott getreten, und um ihres Hasses willen sind sie verdammt. Und die Schuld daran, dass sie verdammt sind, tragen wir, trage ich. Wir, die man glauben macht, wir seien dank unserer Hirnschale und dank unserer Gesichtsform, dank der Farbe unserer Augen und unseres Haares, bessere Menschen als die übrigen, bestimmt, die Welt zu beherrschen. Wir waren solche Menschen, die man hassen musste. Wir haben ihnen den Hass aufgezwungen, manchen im letzten Augenblick ihres Lebens. Unser ganzes Denken und Handeln war hassenswert. Nur wenige haben uns verziehen. Ich habe welche gesehen. Ruhig sind sie gestorben, ohne Hass. Darum leben sie jetzt im Frieden. Sie haben selbst im Sterben die Worte des Herrn nicht vergessen, die uns lehren, seinen Nächsten zu lieben wie sich selbst, und die da sagen, dass man auch seine Feinde lieben soll. Die Nächsten, das waren wir. Aber sie liebten uns, wie uns geboten ist, und sie haben uns unsere Schuld vergeben. Darum haben sie jetzt Ruhe. Wenige sind es. Die vielen anderen aber sind heute noch ruhelos, weil wir in ihren Herzen den Hass entfachten und schürten und ihnen so den Weg zum Himmel versperrten. Sie haben uns als Sterbende nicht verziehen, und sie verzeihen uns auch als Tote nicht. Sie haben keine Ruhe – und darum lassen sie auch uns nicht in Ruhe. Glaubt nicht, dass es keine Gespenster gibt! Es gibt sie. Ich fühle sie oft in der Nacht, wenn sie auf mich zukommen, mich anklagen. „Wegen dir haben wir keine Ruhe gefunden“, klagen sie, und ich sehe ihre Augen starr und verzweifelt auf mich gerichtet, schreckliche, kalte Augen, und ich weiß, wem sie gehören. Sie erinnern mich an jenen Abend, als wir mit unseren Panzerwagen durch die römische Campagna nach Rom zurückfuhren. Es war in der Zeit, da unsere glorreichen Siege bereits der Vergangenheit angehörten und wir in den Italienern schon unsere Feinde witterten. Unsere Lage war ständig bedroht. Wir lebten in einer unruhigen und nervösen Spannung. Unsere Leute waren rasch gereizt.
An jenem Abend, von dem ich zu erzählen begonnen habe, lief ein Bauer neben seinem Zweiräderwagen vor uns her, mitten auf der Straße. Es war vor einer kleinen Brücke, die über einen Graben führte, als wir ihn überholen wollten, aber der Bauer ging mit seinem lahmen Gaul nicht auf die Seite. Unser Kommandant im zweitvordersten Wagen wurde ungeduldig. Des Bauern Wagen aber holperte gemütlich mit seinen großen Rädern auf die Brücke. In diesem Augenblick wollte es das Unglück, dass die Achse brach. Die ganze Brücke war nun versperrt. Wir mussten anhalten. Fluchend stand der Bauer neben den Trümmern seines Karrens. Unser Kommandant, dessen Geduld nun vollständig gerissen war, sprang aus dem Wagen, ging auf den Bauern zu und schlug ihm die Hand ins Gesicht, dass er zusammenfuhr. Darauf spannte er das Pferd aus und versetzte ihm einen gestiefelten Fußtritt in die Hinterbeine, dass es, den Straßenstaub hinter sich aufwirbelnd, davonsprang. Dann warfen einige unserer Männer aus den ersten Wagen den ganzen Trümmerhaufen über die Brücke. Der Bauer stand daneben und zitterte. Er wagte kein Wort zu sagen. Wir hörten die Stimme des Kommandanten: „Schießt ihn nieder!“ Ich weiß nicht, ob der Bauer den Befehlt verstand, aber die Hände griffen hinter seinem Rücken nach dem Brückengeländer, das sie krampfhaft umschlossen. Da sich der Kommandant sogleich umgewandt hatte und auf seinen Wagen zuging, wurde nicht geschossen. Vor seinem Wagen drehte er sich noch einmal um und rief unseren Kameraden, die mit entsicherten Waffen dastanden, zögernd und als ob sie nochmals einen Befehl erwarteten, mit gereizter Stimme zu: „Na, wird’s?“ Wir hörten zwei oder drei Schüsse und sahen den Getroffenen wanken. – Wir waren die ganze Zeit über in unserem Wagen sitzen geblieben. Keiner hatte sich gerührt, als der scheußliche Befehl ertönt war. Wir blieben stumm und waren froh, dass unser Wagen nicht einer der vorderen war. Die Kolonne setzte sich wieder in Bewegung. Wir fuhren über die Brücke. Ich sah den unglücklichen Bauern, ans Brückengeländer gelehnt, die linke Hand auf der Brust, die rechte auf das Geländer gestützt. Als sich ihm unser Wagen näherte, sah er mich an. Es war sein letzter Blick. Ich vergesse es nie. Eine Träne rann über seine erkaltende Wange, aber aus seinen Augen loderte der Hass. Sein Blick verwundete mich. Ich hätte gerne weggeschaut, aber ich konnte nicht. Ich schämte mich. Ich sah ihn neben unserem Wagen niedersinken. Wir fuhren weiter, aber seine Augen verfolgten mich. Sie verfolgten mich die ganze Nacht und die kommenden Tage, sie verfolgen mich heute noch. Es sind die Augen, die ich manchmal in der Nacht starr und verzweifelt auf mich gerichtet sehe. Ich weiß, er hat noch keine Ruhe gefunden. Er hat mir als Sterbender nicht verzeihen können, und er wird mir keine Ruhe lassen, bis er als Toter mir verziehen hat.
Es ist eine unwiderstehliche Macht – in mir oder außer mir; ich weiß es nicht –, die mich zwingt, von jener Zeit zu erzählen, nachdem ich so lange geschwiegen habe. Vielleicht sehen die Augen, die mich immer so anklagend anblicken, auch einmal auf diese Blätter; dann lernen vielleicht auch diese Gespenster ihren Hass überwinden; o dass sie dann erkennen, dass wir ebenso arm sind wie sie und dass auch wir der Liebe bedürfen! Wenn sie dies erkennen können, werden sie uns doch noch verzeihen und dadurch im Jenseits den Frieden finden, und unsere Seelen dürfen vielleicht von diesem Frieden – wenngleich dessen unwürdig – schon im diesseitigen Leben eine leise Vorahnung bekommen.
Zu euch Toten vor allem denn spreche ich, die ihr mich anklagt. Ich will mich nicht reinwaschen vor euch. Ich kann es nicht, obwohl ich gewiss nicht zu den Schlimmsten gehöre, wenn es auf ein Mehr oder Weniger überhaupt noch ankommt. Ich habe den Krieg mitgemacht, den schrecklichsten und grausamsten Krieg, aber ich glaube nicht, dass ich selber einen Menschen getötet habe. Aber dies ist nicht mein Verdienst. Ich habe Glück gehabt, dass ich nie einem Hinrichtungsbefehl folgen musste. Doch einige Male hätte es ebenso gut mich treffen können wie meine unglücklichen Kamera-den. Ich will sie nicht in Schutz nehmen, ich will nicht sagen, dass ihre Schuld keine war. Und doch, wenn ja leider auch unter ihnen welche waren, die sich keine Gewissensbisse machten, so kenne ich doch manche, die dachten wie ich. Nein, ich will auch mich nicht verteidigen. Ich verdiene es nicht. Aber ich weiß, dass diese unglücklichen Kameraden sich fürchteten vor dem Befehl, den es auszuführen galt. Sie dachten wie ich, dass sie es nie tun würden, nie tun könnten. Dann aber traf es sie, und sie taten es doch. Hätte es mich getroffen, ich hätte vielleicht wie sie gehandelt, nein, nicht vielleicht; ich hätte sicher getan, was meine Kameraden, die es traf, auch getan haben. Wir alle hätten es getan, auch ich. Ich war feige wie die andern alle. Schließlich ist einem das eigene Leben auch etwas wert. Und wenn es noch so ein unwürdiges und schuldbeladenes Leben ist – wie das unsrige, das meine eines war –, so hängt man doch daran. Man ist ja noch so jung und glaubt, noch viel Schönes und Gutes vor sich zu haben. Ich war damals erst zwanzig Jahre alt, und ich liebte das Leben trotz allem wie wir alle. Warum also sein Leben, das so reich an Hoffnungen und Erwartungen ist, opfern für fremde, unbekannte Menschen? Ja, so haben wir gedacht. Oft hätten wir gerne widersprochen, aber dann dachten wir wieder an das eigene Leben und schwiegen – Ja, ich hatte Glück. Mich traf es nie; ich habe nicht getötet. Ich musste mir keine Gewissensbisse machen. Heute aber weiß ich es: Auch das Nichtsündigen aus bloßem Mangel an Gelegenheit ist Sünde. Und das Leben, das ich mir gerettet habe, ist gleich schuldbeladen wie das Leben derer, die getötet haben.
Ich war feige. Ich habe geschwiegen, auch wenn ich wusste, dass ich nicht schweigen dürfte. Darum erinnere ich mich nicht gerne daran. Darum verschweige ich jetzt vieles von meiner Geschichte. Rechnet es mir nicht an! Es gibt darin Szenen, an die ich nicht ohne Schauern denken kann. Szenen, in denen ich eine klägliche, eine schändliche Rolle gespielt habe. Nein, ich möchte nur von einigen schönen Tagen und Wochen, ja Monaten erzählen, die ich erlebte: schön, obwohl wir Furchtbares erlebten, schön, obwohl wir den Tod und das Verderben sahen, schön, obwohl wir feige waren, aber schön, weil wir bei Menschen sein durften, die uns liebten, weil sie unsere Schicksale und Nöte und unsere Schwächen kannten und sie verstanden, Menschen, die uns halfen, das Gute in uns nicht zu vergessen, die uns aufrichteten, wenn wir gebrochen waren, die uns Trost zusprachen, wenn wir verzweifeln wollten, Menschen, die unsere Freuden, unsere innere Freude – andere gab es wenig – mit uns teilten, Menschen, die auch unsere Leiden, und deren gab es mehr als genug, teilten und sie uns tragen halfen. Sie kannten unsere Schuld, aber sie verdammten uns nicht; denn sie wussten auch um das Gute in unseren Seelen, über das eine tiefe Finsternis hereingebrochen war. Sie setzten oft ihr Leben aufs Spiel, um dieses Gute in uns aus dem bleiernen Schlaf aufzuwecken und aus der Finsternis ans Licht zu führen. Wenn es auch nicht gelang – wir waren zu tief in der Dunkelheit –, manch einer kam doch dem Lichte näher, und war es auch nur für die Dauern eines kurzen Augenblicks. Diese Menschen betrachteten uns nicht als Feinde. Sie sahen in uns den Freund, und weil sie uns nicht das Schlechteste zutrauten, gaben sie uns Gelegenheit, auch Gutes zu tun und wirklich ihre Freunde zu sein. Und doch – gesinnungsmäßig waren auch sie Fein-de unseres Staates, den wir hier in fremdem Land verteidigten, und deshalb mussten wir auch ihre Feinde sein. Ich wusste um ihre Schuld – die keine war – und als Soldat meines deutschen Vaterlandes hätte ich nicht schweigen dürfen. Dieses Schweigen ist vielleicht meine einzige gute Tat in jener Zeit. Ja, jene Menschen liebten uns. Müssen es nicht edle und gute Menschen sein, die zu solcher Feindesliebe fähig sind? Ich sehe noch heute die Tränen in den Augen der Frau, als ich ihr vom unglücklichen Ende meines Freundes berichtete.
Von dieser Zeit will ich euch erzählen. Entschuldigt, wenn ich nicht alles in der richtigen zeitlichen Folge erzähle, wenn ich hie und da in der Zeit irre, wenn ich einiges, das erst später geschah, vorher geschehen lasse und umgekehrt. Aber es ist so vieles geschehen, Großes und Kleines, Wichtiges und Unwichtiges; die Ereignisse drängten sich, und manches scheint mir näher zu sein, was vielleicht schon weiter zurückliegt. Aber das spielt ja keine große Rolle; denn ich möchte nicht von den großen Dingen erzählen, die vielleicht einmal in den Geschichtsbüchern stehen werden, sondern von den kleinen, die an keine Daten gebunden sein müssen, die aber für uns oft wichtiger sind als die großen.
