Alle meine Packer - Martin Renold - E-Book

Alle meine Packer E-Book

Martin Renold

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Beschreibung

Dies ist ein amüsantes Buch von Geschichten über eine eigenartige, oft skurrile Sorte von Menschen, die liebevoll dargestellt werden. Der Autor, ein ehemaliger Verleger, beschreibt humorvoll, aber nie verletzend, die verschiedenen Charaktere seiner Packer (Lageristen). Der Leser wird immer wieder schmunzeln, sei es über Binggeli, den Charmeur und ehrlichen Lügenbaron, der mit der Portokasse eine ganz besondere Finanztheorie entwickelt, oder Luz Lutz, der das Portobuch philosophisch betrachtet und mit Pythagoras darin etwas Magisches beobachtet. Da ist auch Jonas, der Freund des Papstes, der mit einem Löwen ins Büro kommen wollte, oder der liebe, brave, eines Einbruchs beschuldigte Bruno, der nicht wie Binggeli das Leben, sondern nur die Bücher durcheinanderbrachte. Was ihn und seine Mitarbeiter manchmal fast hätte verzweifeln lassen können, beschreibt der Autor mit viel Humor und Augenzwinkern. Zu Recht stehen am Anfang des Buches zwei Zitate: "Die Arbeit ist heilig, aber selig, wer sich davor hütet" und das Goethe-Zitat "Die Menschen sind, trotz all ihren Mängeln, das Liebenswürdigste, was es gibt."

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Seitenzahl: 178

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Martin Renold

Alle meine Packer

Beinahe ein Schelmenroman

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Zitate

Die Rose der Frau Direktor

Gesucht, ein Packer

Fringeli, der Adonis

Dichtung und Wahrheit

Warum die Kasse nicht stimmt

Warum die Kasse trotzdem stimmt

Napoleon braucht Lebensraum

Ende gut, alles gut

„Die Jugend brauset, das Leben schäumt…“

Lutz – oder: Eine neue Zeit bricht an

Lutz und die Zahlen

Lutz und die Arbeit

Wie sich Lutz ein sorgloses Leben vorstellt

Warum Lutz zu Fuß an die Beerdigung geht

Wie Lutz zum Psychiater ging und einige andere Merkwürdigkeiten

Janos, der Freund des Papstes

Eine Woche des Schreckens

Brot und Nidelzeltli

Impressum neobooks

Zitate

Die Arbeit ist heilig, aber selig, wer sich davor hütet. (Alter Spruch)

Die Rose der Frau Direktor

„Achtung vor dem Hunde!“

Das Schild mit dieser Aufschrift ist nicht, wie zu erwarten wäre, an der Tür des kleinen Hauses mit den kleinen Fenstern befestigt, sondern an einem Gartentor, das neben dem kleinen Haus zu einer respektablen, alten in einem parkähnlichen Garten verborgenen Villa führt, besser gesagt, führen würde, wenn es – das Gartentor – nicht verriegelt wäre. Wird es aufgeschlossen, so geschieht dies aus drei verschiedenen Anlässen: erstens einem harmlosen, zweitens einem weniger harmlosen und drittens einem noch weniger harmlosen. Ersterer findet täglich statt, wenn der Gemahl der Herrin des Hauses, ein bescheidenes, unauffälliges Männlein, seinen Mercedes aus der Garage auf dem Vorplatz oder eigentlich eher Hinterhof des kleinen Hauses holt und darin zu Arbeit wegfährt. Der zweite geschieht etwas unregelmäßiger, nämlich dann, wenn die Herrin des Hauses selbst in der Absicht, in die nahe Stadt zu fahren, ihren Chevrolet aus derselbe Garage herausmanövriert, rückwärts an der Hausecke vorbeizirkelt – was einer Lotterie mit Treffern und Nieten gleichkommt – und auf den geteerten Weg zusteuert, der in starkem Gefälle, aber immerhin pfeilgerade zur Dorfstraße hinunterführt. Da die Rückwärtsfahrt der Frau Direktor nicht parallel zum Weg und zu den ihn umsäumenden Blumenbeeten erfolgt, werden letztere in schöner Abwechslung bald rechts und bald links in Mitleidenschaft gezogen. Der dritte Anlass zum Aufschließen des Gartentors ereignet sich glücklicherweise höchst selten: Was dann geschieht vollzieht sich aber meist mit umso bestürzenderer Heftigkeit.

Ein solcher Anlass scheint an diesem sonnigen Vormittag vorhanden zu sein.

Das Gartentor hat sich geöffnet. Die hohe, schlanke, in Bezug auf Schönheit immerhin nostalgische Gefühle erweckende Gestalt der Frau Direktor hat sich durch das Tor und auf die Haustür mit den kleinen Fenstern zubewegt.

Dem energischen Klingeln zum Trotz bleibt einige Zeit, um sich ein paar Gedanken zu machen, wer da so kategorisch aus der Verschlafenheit herausgeläutet werden soll. Das Häuschen, das offenbar einmal als Gärtnerhaus diente, macht allerdings einen verschlafenen Eindruck. Die altehrwürdigen Koniferen des Gartens werfen dunkle Schatten auf das pittoreske Häuschen, und man kann sich kaum vorstellen, dass hinter den kleinen Fenstern, die mit undurchsichtigen Vorhängen – wenigstens gegen Süden und gegen Westen auf die Seite des Parks hin – verhängt sind, jemand arbeiten kann. Der Gedanke, dass in dem malerischen Haus ein Kunstmaler hausen könnte, muss also fallen gelassen werden. Auf den ersten Blick widerspricht hingegen nichts der kindlichen Fantasie, dass es sich um ein Hexenhaus handeln könnte.

Jetzt geht aber doch schon die Tür auf, und im Türrahmen erscheint nicht ein Philosoph und auch kein Dichter, sondern eine Frau von ungefähr vierzig Jahren.

Mit einem eiskalten Lächeln auf den Gesichtern stehen sich die beiden Frauen –welche von beiden ist wohl die Hexe? – gegenüber.

„Guten Tag, Frau Direktor.“

„Hören Sie mal, Fräulein, äh… Fräulein …“

„Frau, bitte!“

„Frau…äh?“

„Knopf, bitte.“

„Also, Frau Knopf, es ist da etwas sehr Bedauerliches vorgekommen.“

Fragendes Schweigen auf Seiten der Frau Knopf.

„Gestern Abend habe ich an einer Rosenstaude da neben dem Haus, etwas unterhalb, gegen die Straße hin, eine Rosenknospe bemerkt, die ich heute abschneiden wollte. Mein Mann hat nämlich Geburtstag, müssen Sie wissen. Noch heute früh, als ich wegfuhr, sah ich sie leuchten, eine wundervolle Knospe, ein Traum von einer Rose. Wenn Sie Rosen so lieben wie ich, können Sie sie unmöglich übersehen haben.“

„Ja, gewiss, Frau Direktor, ich erinnere mich. Sie müssen wohl extra einen weiten Bogen um sie herum gefahren haben. Die Stauden weiter oben und weiter unten waren zu Boden gedrückt, nur gerade diese stand aufrecht. Die Knospe war tatsächlich nicht zu übersehen. Ich erinnere mich genau, Frau Direktor, ein prächtiges Rot mit einem leichten Schimmer zu Gelb hin.“

„Ja, das war sie, ein Maler hätte sie nicht schöner malen können. Aber nun denken Sie, heute, wie ich aus der Stadt zurückkomme, ist die Knospe fort, einfach weg.“

„Nicht möglich.“

„Doch, sehen Sie selbst!“

Die beiden Frauen begeben sich um die Ecke und stehen vor der Stätte der Verwüstung.

„In der Tat, die Rose ist weg“, stellt Frau Knopf mit aufrichtigem Entsetzen fest. „Sie war so schön am Aufgehen. Schrecklich. Ich verstehe Ihren Schmerz, Frau Direktor. Wer konnte nur? Ein solcher Frevel! Haben Sie einen Verdacht?“

„Darum komme ich zu Ihnen. Sie sitzen doch den ganzen Tag da drin. Haben Sie niemanden bemerkt? Ich möchte ja niemanden verdächtigen. Vielleicht hatten Sie Besuch, der nicht wusste, dass die Rose mir gehörte.“

„Wo denken Sie hin?!“

„Oder Ihr Packer…“

„Wir haben gegenwärtig keinen Packer.“

„Vielleicht kam jemand von der Straße herauf. Die Rose leuchtete so verführerisch.“

„Ja, sie sah verführerisch aus. Ein Mensch mit einem Herz aus Stein, der sich nicht von einer solchen Rose verführen ließe!“, sagt Frau Knopf.

„Ein herzloser Mensch, der eine solche Rose einfach abschneidet! Haben Sie wirklich niemanden den Weg heraufkommen sehen?“

„Wissen Sie, Frau Direktor, ich bin hier um zu arbeiten, nicht um auf Ihre Rosen aufzupassen. Zudem kann ich gar nicht durchs Fenster sehen. Sie wissen ja, unsere Vorhänge sind undurchsichtig.“

„Aber doch nicht auf dieser Seite. Soll das übrigens ein Vorwurf sein?“

„Ganz im Gegenteil, Frau Direktor, wir sind Ihnen ja dankbar, dass Sie uns nicht bei der Arbeit beobachten wollen und dass wir nur gegen Osten die Fenster öffnen dürfen, aber von meinem Arbeitsplatz sehe ich nicht einmal durch das offene Fenster auf Ihre Rosen.“

„Aber vielleicht haben Sie jemanden gehört?“

„Diebe schleichen leise heran, Frau Direktor.“

„Ja, es muss schon so sein. Meine prächtige Rose, wie sie geduftet haben muss. Als ich an ihr vorbeifuhr, ist mir ihr Duft förmlich in meine geistige Nase gedrungen, wenn ich mich so ausdrücken darf“

„Sie dürfen, Frau Direktor. Es steht Ihnen gut. Ja, die Rose roch wirklich bezaubernd.“

„Sie haben also an ihr gerochen‘“

„Natürlich“, gesteht Frau Knopf freimütig.

„Was heißt natürlich? Das sind meine Rosen. Ich liebe es nicht, wenn fremde Menschen ihre Nasen in meine Rosen stecken. Vergessen Sie nicht, dass Ihr Verlag nur das Haus gemietet hat, nicht den Garten und auch nicht die Garage. Gestern Nachmitttag stand übrigens ein fremdes Auto drin. Mein Mann musste auf der Straße parken. Es war äusserst peinlich für ihn. Er hatte einen Geschäftsfreund bei sich und konnte nicht einmal in die eigene Garage fahren. Wirklich peinlich. Aber mein Mann ist viel zu feinfühlig und zu rücksichtsvoll, um zu reklamieren. Darum sage ich es Ihnen jetzt wieder einmal. Mein Mann hat gezittert vor Wut. Wenn er von einem Herzschlag getroffen wird, mache ich den Verlag dafür verantwortlich. Jawohl, so ist es, Frau Knopf. Ich hoffe, Sie haben verstanden.“

„Das fremde Auto gehörte nicht mir.“

„Vielleicht Ihrem neuen Chef?“ (Damit meinte sie mich.)

„Nein, der kommt zu Fuß“, belehrt sie Frau Knopf.

„Dann sagen Sie es Ihren Besuchern, dass das unsere Garage ist und nicht Ihre.“

Ohne Gruß wendet sich die Frau Direktor von Frau Knopf ab, geht durch das Gartentor zurück, verriegelt es wieder von innen und geht über einen schmalen Kiesweg zur Villa, die hinter den Bäumen und den Rosensträuchern entlang des Kiesweges mehr zu ahnen als zu sehen ist.

„Achtung vor dem Hund?“, muss Frau Knopf ungewollt lesen, als sie der Frau Direktor nachschaut.

„Die hat doch ihrer Lebtag nie einen Hund gehabt“, denkt sie.

Dann wendet auch sie sich plötzlich ab, geht ins Haus, knallt die Tür hinter sich zu, murmelt etwas wie dumme Gans und setzt sich wieder an die Schreibmaschine. Bevor sie jedoch die nächste Bücherrechnung schreibt, nimmt sie die hellrot leuchtende, frisch aufgeblühte Rose aus der Vase und hält sie lange unter ihre plebejische, von Frau Direktor Ledergerber beleidigte Nase und zieht den herrlichen Duft ein.

„Himmlisch“, flüstert sie und muss dabei an die mindestens zehn ebenso bezaubernden Knospen denken, die geknickt und niedergewalzt in den Blumenbeeten der Frau Direktor liegen als unschuldige Opfer des Autoverkehrs.

Gesucht, ein Packer

Frau Knopf ist meine Sekretärin. Zugleich ist sie Fakturistin und – wenn Not am Mann ist, und das ist gerade der Fall – auch Packerin. Kurz vor dem geschilderten Ereignis habe ich als neuer Verlagsleiter meine Stelle in dem idyllischen Häuschen angetreten. Angetreten habe ich auch: Frau Knopf, die Sekretärin, eine von ihrem um zwölf Jahre jüngeren Mann geschiedene Frau, dann eine halbe Buchhalterin, die allerdings in meiner Geschichte nicht nur deshalb nicht in Erscheinung tritt, weil sie nur nachmittags arbeitet, sondern weil sie so humorlos ist, dass sie sich zu stolz fühlte, in ihrem Leben auch nur ein einziges Buch zu verpacken, und deshalb den Ehrentitel „Packer“ gar nicht verdient. Mitarbeiter meines Verlags, die auf den nachfolgenden Seiten auftreten dürfen, haben also mindestens den Versuch unternommen, in die Geheimnisse eines Verlagspackers einzudringen. Zu diesen gehören einmal Herr Kienspan, der damals noch Mädchen für alles war, uns aber schon bald verließ, um sich als Kaufmann auszubilden, und der später manches Comeback bei uns feierte. Mein erster wirklicher Packer aber war ein blasses, dunkeläugiges , schwarzhaariges Mädchen, das Tag für Tag eine Menge Bücher packte und die Pakete eigenhändig mit einem Leiterwagen zur nahen Post oder Bahnstation brachte. Da das Mädchen schon vor meinem Kommen gekündigt hatte, war ich gezwungen, als erste Amtshandlung einen Packer zu suchen. Und damit begann meine Leidensgeschichte.

Wir zählen das Jahr 1956. Das war noch die gute alte Zeit. Damals gab es noch Packer in Hülle und Fülle. Man durfte noch erwarten, dass sich ein Packer schriftlich um die ausgeschriebene Stelle bewarb. Es gab sogar welche, die ein Passbild beilegten.

Es war im Mai jenes Jahres, als das Inserat erschien: Gesucht kräftiger, ehrlicher Packer. Schriftliche Offerte erbeten usw.

Am nächsten Tag hatte ich sechzig Offerten auf meinem Pult liegen. Zwanzig der Offertsteller kamen leider nicht in Frage, weil sie bisher schon Packer waren und jetzt einen gehobeneren Posten als Bürodiener, Chauffeur, Vorarbeiter, Aufseher oder Kontrolleur suchten. Siebzehn schieden aus, weil sie ein Salär verlangten, das eine Anpassung aller anderen Saläre nötig gemacht hätte. Da aber der Verlagsleiter mindestens zehn Prozent mehr erhalten sollte als ein gewöhnlicher Angestellter, konnte ich es nicht verantworten, mein Gehalt von einem Tag auf den anderen zu verdoppeln.

Von den dreiundzwanzig verbleibenden waren immerhin einige einer eingehenden Prüfung wert. Fremdsprachige Arbeiter waren interessanterweise damals noch nicht darunter. Selbst was anfänglich wie Spanisch oder Türkisch aussah, stellte sich nach längerem Studium des Textes als eine Art von rudimentärem Deutsch heraus. Da ein Packer auch Paketbordereaux für die Post schreiben muss und Frachtbriefe für die Bahn, fielen weitere zwölf Bewerber aus der Wahl. Fünf wohnten zu weit weg, so dass sich die Arbeit in der kurzen Zeit zwischen Ankunft und Heimfahrt gar nicht gelohnt hätte. Drei gaben von vornherein an, nur vormittags oder nachmittags arbeiten zu wollen.

Nach Prüfung aller Offerten ergab sich folgende Rechnung:

Der Erste, den ich kommen ließ, war zwar schon etwa ein Mittfünfziger, schien aber noch rüstig. Ich ließ ihn vor meinem Pult Platz nehmen. Um nicht den Eindruck zu erwecken, als müsste ich um ihn froh sein, hatte ich alle sechzig Offerten im Dossier belassen. Seine Offerte war die Siebente von oben. Der Bewerber verdankte sein Hiersein vor allem dem Umstand, dass er keine Angaben gemacht hatte und nur mit Schreibmaschine auf ein blendend weißes Papier sauber geschrieben hatte: „Ich bewerbe mich um die im Tagblatt ausgeschriebene Packerstelle. Ich bitte um wohlwollende Prüfung meiner Offerte.“ Der Mann hatte offensichtlich sein bestes Kleid und sein weißestes Hemd angezogen. Da ich mir vorstellen konnte, dass er bisher auf einem Büro tätig gewesen war, fragte ich ihn:

„Was haben Sie bis heute gearbeitet?“

„Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen Zeugnisse zeigen.“

Ich wollte.

Der Mann zog mit verlegenem Lächeln und etwas umständlich ein halbes Dutzend Umschläge aus seiner Rocktasche.

Die üblichen Zeugnisse: Von dann bis dann in unserem Dienst gestanden. Sämtliche Arbeiten zu unserer Zufriedenheit verrichtet. Verlässt uns auf eigenen Wunsch usw., usw.

„Sie haben also bisher immer auf Büros gearbeitet?“

„Ja.“

„Und nun möchten sie auf die Packerei umsatteln.“

„Ja, ich suche mir etwas Leichteres.“

„Ich meine es nicht so, sondern körperlich leicht. Ich habe nämlich vor einem halben Jahr einen Herzinfarkt erlitten, und nun hat mir der Arzt jede schwere Arbeit verboten.“

„Es tut mir leid, mein Herr“, entgegnete ich ihm verschämt, aber unsere Firma hat leider noch keine Sterbeversicherung.“

Das gab ihm zu denken. Und da er sich bei uns nicht morden lassen wollte ohne hinreichende Fürsorge für die Hinterbliebenen, verabschiedete er sich um-, aber unmissverständlich.

Der Zweite der drei Musketiere, die ich vorgeladen hatte, sah sich im ganzen Haus um und sagte dann: „Ich habe es mir anders vorgestellt.“

Ich dachte an den letzten Mohikaner, der noch übrigblieb, und hatte es mir auch anders vorgestellt. Der hatte nämlich unterdessen bereits eine andere Stelle gefunden.

Auf das zweite Inserat meldeten sich nur noch siebundvierzig Bewerber, von denen zweiundvierzig zum Vornherein ausschieden. Der Rest schied erst nach persönlichem Augenschein aus. Beim dritten, vierten und fünften Inserat war es nicht anders. Inzwischen boten sich sechs weitere Tageszeitungen als Werbeträger an, von denen jede behauptete, dass sie am meisten beachtet werde. Da ich aber nicht gewillt war, einem Packer den Möbeltransport vom Berner Oberland oder vom St. Galler Rheintal nach Zürich zu bezahlen, wählte ich die Zeitung, die den Großteil ihrer Leser im Kanton Zürich hatte. Ich musste ohnehin das Blatt wechseln, um dem Ansehen des Verlags nicht zu schaden. Allmählich sah es aus, als ob kein Packer länger als zwei Tage bei uns bleiben würde.

Endlich kam der Montag heran, an dem unser neuer Packer antreten sollte. Es war ein bleicher, stiller Jüngling von sechzehn Jahren. Die Mutter hatte es für besser befunden, wenn er vor der Lehre noch ein Jahr arbeitete, um etwas stärker zu werden und ein wenig Geld zu verdienen.

Am Schluss der ersten Woche war nicht aus ihm herauszubringen, ob ihm der Job gefalle. Er hatte in den paar Tagen wohl noch kaum mehr als etwa zwanzig verschiedene Wörter von sich gegeben.

Am Montag der zweiten Woche erschien er nicht zur Arbeit. Um zehn Uhr rief seine Mutter an. Aus ihrer Stimme war herauszuhören, dass sie geweint hatte. „Es tut mir schrecklich leid, aber er liegt immer noch im Bett. Ich bringe ihn einfach nicht heraus. Er schämt sich halt so. Sein älterer Bruder ist zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden, weil der den Militärdienst verweigerte.“ Das gab es damals noch. Ich beteuerte, dass uns das nichts ausmache. Vor uns bauche er sich nicht zu schämen. In zwei Wochen käme bei uns sogar ein Buch heraus, das sich für eine menschliche Behandlung der Dienstverweigerung und für die Schaffung des Zivildienstes einsetze.

Es half alles nichts.

Der bleiche Jüngling blieb im Bett, verweigerte seinen Dienst als Packer und schämte sich weiter.

Wir mussten einen Packer suchen, der sich nicht schämte.

Und einen solchen fanden wir dann auch.

Fringeli, der Adonis

Diesmal war es Frau Knopf, die mir aus der Verlegenheit helfen konnte. Unser Budget für Stelleninserate war schon längst überschritten. Das wusste auch Frau Knopf, weshalb sie sich selbst auf die Suche nach einem Packer und sich dadurch bleibende Verdienste um das Fortbestehen unseres Verlagsunternehmens machte.

Es war ein strahlender Sommermorgen, der trotz dem schattenspendenden Laub vor den Fenstern unseres Gärtnerhäuschens heiß, sehr heiß zu werden versprach. Als ich zur Arbeit kam – ich musste, um in mein Zimmer im oberen Stockwerk zu gelangen, durch das Büro von Frau Knopf –, saß auf ihrem Tisch mit untergezogenen Beinen eine schlanke Jünglingsgestalt mit lockigem, Haar und schwarzen Backenbärtchen, einem Halbgott der griechischen Sagenwelt an Ausdruck und Haltung nach unähnlich. Frau Knopf eilte auf mich zu, kaum dass sie die Tür sich öffnen sah, bereit, mich aufzufangen, falls das göttliche Bild mich derart in Verzückung versetzen sollte, dass ich vom Anblick überwältigt, zu taumeln beginnen würde. Das Götterbild lächelte mich kindlich unschuldig an, doch, obwohl sein Blick etwas naiv Umwerfendes an sich hatte, blieb ich aufrecht stehen.

„Darf ich Ihnen vorstellen? Herr Fringeli.“

Adonis Fringeli sprang leichten Fußes von seinem Götterthron herab, wechselte die Zigarette von der rechten in die linke Hand und streckte mir seine Nikotinfinger hin

„Herr Fringeli ist unser neuer Packer, falls Sei nichts dagegen haben.“

Nach den Erfahrungen, die ich bereits gemacht hatte, konnte ich nichts dagegen einwenden.

„Herr Fringeli wird allerdings nur aushilfsweise, bis wir einen anderen Packer gefunden haben…“, beeilte sich Frau Knopf, mir schonend beizubringen.

Also musste die Suche doch wieder anfangen.

„Herr Fringeli ist nämlich Fotograf.“

„Freischaffender Fotograf“, präzisierte der vom Olymp Herabgestiegene, um mir auf unaufdringliche Weise kund zu tun, warum er die freie Zeit aufbringe, sich ausnahms-, und aushilfsweise in diesem für ihn ungewohnten Métier umzusehen.

„Ich habe mir gedacht, dass Herr Fringeli stundenweise bei uns arbeitet und entsprechend bezahlt wird. Auf diese Weise kommt er uns trotz seinen künstlerischen Begabung nicht teurer als ein voll angestellter gewöhnlicher Packer.“

„Sie verstehen: Ich bin natürlich nicht Packer. Aber entgegenkommenderweise bin ich bereit, unter den für Fotografen üblichen Ansätzen zu arbeiten. Aus Freundschaft sozusagen, nicht wahr, Meli.“

Und Melanie Knopf nickte ihrem Schützling in zustimmendem Sinne zu. So war ich also der Sorge um einen neuen Packer vorläufig enthoben. Frau Knopf ebenfalls. Und zu ihrer Ehre muss gesagt sein, dass sie sich nie scheute, selber im Packraum Hand anzulegen und den Leiterwagen zum Bahnhof zu ziehen, wenn der leichtfüßige Jüngling mit seiner Fotoausrüstung um den Hals seiner ureigenen Betätigung nachging.

Sein größtes Verdienst erwarb sich der unwiderstehliche Glücksvogel aber dadurch, dass er das Fenster des Packraum und damit uns und unseren Lesern den unvergesslichen Blick zur Villa und ihrem herrlichen Garten öffnete.

Die Sonne stieg höher und höher, und da schon die Tage zuvor recht heiß gewesen waren und die Nächte nur wenig abgekühlt hatten, war es an diesem außergewöhnlichen Tag selbst im Schatten der Bäume und hinter den Mauern und kleinen Fenstern unseres Häuschens drückend heiß.

In der guten alten Zeit, als man es sich noch leisten konnte, einen eigenen Gärtner zu halten, hatte das kleine Haus zur Beherbergung des Privatgärtners und seiner Familie gedient. Ob schon der Gärtner die Fenster mit undurchsichtigen Vorhängen versperren musste, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich auf jeden Fall war sofort nach meinem Eintritt in die Firma von Frau Knopf auf höheres Geheiß darauf aufmerksam gemacht worden, dass keine Rosen abgebrochen oder abgeschnitten werden dürften, nicht einmal von den Heckenrosen, die zum Toilettenfenster hereinwuchsen, und dass unter gar keinen Umständen ein Fenster gegen den herrschaftlichen Garten hin geöffnet werden dürfe. Herr Fringeli wurde selbstverständlich von Frau Knopf ebenso rasch und gründlich und zudem sicherheitshalber noch von mir persönlich instruiert.

Nun hatte aber der Packraum zwei unterschiedlich zu behandelnde Fensterchen; eines gegen Süden, das zur Not noch geöffnete werden durfte, außer an ganz heißen Tagen, wenn die Hausherrin im Schatten der Trauerweiden Kühle und Erholung suchte. Stand also schon am Morgen der Liegestuhl zwischen Rhododendren und Trauerweiden, dann musste das Fenster unter allen umständen geschlossen bleiben, damit weder der Auftritt noch der Abgang der Kühlung suchenden Dame beobachtet werden konnte. Das Fenster gegen Westen zu öffnen jedoch war selbst bei tropischer Hitze unter keinen, aber auch wirklich ausnahmslos keinen Umständen gestattet.

An diesem hochsommerlichen Tag, da die Luft vor den Fenstern schon am Morgen zitterte, stand der Liegestuhl bereits auf dem Rasen, als wir zur Arbeit kamen. Natürlich musste das Fenster einen Spalt breit geöffnet werden, damit man dies überhaupt sehen konnte. Obwohl der Liegestuhl nicht besetzt war, musste ihm wie weiland dem Gesslerhut zu Altdorf Reverenz erwiesen werden, sozusagen in entgegengesetzter Weise, dadurch nämlich, dass er nicht beachtet wurde. Wurde er nicht beachtet, so war dies der Beweis dafür, dass er rechtzeitig eben doch gebührend beachtet worden war.