Beschreibung

Der US-Präsident will die Grenze zum südlichen Nachbarn abriegeln. Paul Theroux, bekannt für seine unermüdliche »Neugier auf die Menschen und ihr Leben in all seinen Facetten« (New York Times), nimmt das zum Anlass für einen ausgiebigen Roadtrip in ein zerrissenes Land. Täglich lesen wir die Schlagzeilen über Migrantenströme und Kartellmorde – und auch Theroux wird immer wieder gewarnt, dass er sich auf gesetzloses Territorium begibt, wo ein Menschenleben keinen Wert mehr hat. Wohl wissend, dass diese Schreckensbilder nur ein Teil der Wahrheit sein können, versucht er zu verstehen, wie sich in einem derart von Gewalt geprägten Land Herzlichkeit und Solidarität halten, Menschen sich widersetzen und an ein besseres Morgen glauben können. Dabei entdeckt er ein faszinierendes, vielgestaltiges Mexiko und hält so den Beschwörungen des US-Präsidenten ein tapferes Zeugnis der Aufklärung entgegen.

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EPUB

Seitenzahl: 619


Paul Theroux

Auf dem Schlangenpfad

Als Grenzgänger in Mexiko

Aus dem amerikanischen Englisch von Erica Ruetz

Hoffmann und Campe

A mis queridos amigos

que me acompañaron por los caminos de México

No los olvidaré

In der baumlosen Gebirgssteppe der gähnend leeren Mixteca Alta im Bundesstaat Oaxaca schlurfte ein alter Campesino mit verbeultem Hut und abgewetzten Stiefeln einen Feldweg entlang. Er war allein unterwegs auf der Strecke zwischen dem abgelegenen Dorf Santa María Ixcatlán und der meilenweit entfernten Fernstraße. Diese armselige Gestalt mit ihrem harten Los war für mich eine zeichenhafte Verkörperung Mexikos, ein Sinnbild für das Leben in diesem Land. Er mochte ein Bauer auf dem Weg zum Markt sein, ein Arbeiter in der Hoffnung auf einen Job in der Fabrik, ein Migrant, der zur Grenze wollte, oder einfach nur jemand, der Hilfe brauchte. Wohin sein Weg ihn auch führen mochte, er war steinig.

Wir hielten den Pick-up an und ließen ihn einsteigen. Nach einer guten Stunde Rüttelei erreichten wir die Fernstraße. Der Mann reichte uns die Hand: »Danke.«

»Wie heißt das Dorf hier?«

»San Juan Bautista Coixtlahuaca«, sagte er. »Da, das alte Kloster.«

Die gigantische Kirchenruine lag leer, hohl und einsam in der Landschaft.

»Was bedeutet ›Coixtlahuaca‹?«

»El llano de los serpientes.«

Die Schlangensteppe.

Paul Theroux' Reiseroute

Erster TeilGrenzlande

Zur Grenze: Ein Beispiel für die normative Kraft des Faktischen

Die mexikanische Grenze ist der Rand der bekannten Welt: Dahinter lauern Schatten, Gefahren und finstere Gestalten – hungrige, kriminelle, raffgierige Feinde –, ein böswilliger, unbeherrschbarer Pöbel, der es auf unschuldige Reisende abgesehen hat. Und die Beamten der Policía Federal sind diabolische, schwerbewaffnete Typen; eben noch stur und muffig, sind sie mit einem Mal wütend, schreien dich an und wollen dich erpressen, wie sie es mit mir gemacht haben.

Schickt Anwälte, Feuerwaffen und Geld! Fahr da nicht hin! Das überlebst du nicht!

Aber halt – tiefer im Land (breitkrempige Sombreros, Mariachi-Musik, trötende Trompeten, Zahnpastagrinsen) liegen die erholsamen Urlaubsorte. Da kann man für eine Woche hinfliegen, sich sinnlos mit Tequila volllaufen lassen und mit elendem Durchfall flachliegen, und dann fährt man mit einem handgewebten Poncho oder einem bunten Keramiktotenschädel wieder nach Hause. Und hier und da, am Strand und in den Bergen, gibt es die sonnigen Reservate für US-amerikanische Rentner – haufenweise weißhaarige Gringos in Gated Communities und Künstlerkolonien.

Ach ja und dann die Bonzen und Ölbarone in Mexiko-Stadt. Carlos Slim, der siebtreichste Mann der Welt, steht ganz oben auf einer Liste von dreißig bekannten mexikanischen Milliardären, die zusammen mehr Geld besitzen als die gesamte übrige Bevölkerung Mexikos. Die Campesinos in den südlichen Bundesstaaten Oaxaca und Chiapas haben ein niedrigeres Jahreseinkommen als ihre bäuerlichen Kollegen in Bangladesch oder Kenia und darben in erodierten Bergregionen in stumpfer Tristesse dahin; Licht in die Dunkelheit des harten Dorfalltags bringen nur die alljährlichen Fiestas mit den phantastischen Maskenumzügen, in denen für kurze Zeit Frohsinn herrscht. Hungernde, Schurken und Hedonisten bevölkern den gleichen Raum, und dieser riesige Raum, diese mexikanische Landschaft, ist alles: elend und üppig, urweltlich und erhaben.

Dazu kommen riesige Ferienanlagen für sonnenhungrige kanadische Winterflüchtlinge. Und die Überreste von fünfzehn Kolonien polygamer Mormonen, die von Utah nach Mexiko flohen, um ihre Harems von gefügigen häubchentragenden Ehefrauen behalten zu können, die unter dem »Tempelgewand« mit seinen Schichten von züchtiger Unterwäsche in der Wüste von Chihuahua ziemlich schwitzen dürften. Und abgeschottete Gruppen von Plautdietsch sprechenden Altkolonier-Mennoniten, die in den ländlichen Regionen von Cuauhtémoc und Zacatecas Rohmilchkäse machen: buttrigen queso menonita aus Chihuahua, sehr schmackhaft in einem mennonitischen Wareniki-Auflauf oder in Bubble Bread.

Baja California ist protzig und arm zugleich, die frontera gehört hüben wie drüben den Kartellen und Maulwürfen, im Staat Guerrero regieren Drogengangs, in Chiapas die vermummten, idealistischen Zapatisten – und an den Rändern des Landes sind die Kurzurlauber, die Surfer, die Rucksacktouristen, die rüstigen Rentner, die Hochzeitsreisenden, dann Drop-outs, Flüchtlinge, Waffenschmuggler, schnüffelnde CIA-Fieslinge, Geldwäscher, Währungsbetrüger – und ach, dort: ein alter Gringo in einem Auto, der mit zusammengekniffenen Augen auf die Straße schaut und denkt: Mexiko ist kein Land. Mexiko ist eine Welt mit so vielen in Kultur, Temperament und Küche extrem voneinander verschiedenen Staaten, dass man alle Facetten seines sonderbaren Mexicanismo niemals auf einen Nenner bringen kann: ein Paradebeispiel für die normative Kraft des Faktischen.

 

Dieser alte Gringo war ich. Ich saß in meinem eigenen Auto und fuhr im Sonnenschein Mexikos die kurvenlos ansteigende Straße durch die menschenleeren Täler der Sierra Madre Oriental – Mexikos Rückgrat ist schroff und gebirgig. In dieser weiten, abweisenden Gegend wuchsen Tausende einzeln stehende Yucca-Bäume der Gattung Yucca filifera, die bei den Mexikanern palma china heißt. Ich fuhr an den Straßenrand, um sie genauer anzusehen, und notierte in meinem Buch: Ich kann mir nicht erklären, warum ich mich in der meilenweiten Leere dieser Straßen so jung fühle.

In diesem Moment sah ich im erdähnlichen Sediment unter einer der Pflanzen einen schlanken Ast zucken. Er bewegte sich. Eine Schlange, ein Knäuel schimmernder Schuppen. Es zog sich zusammen und umschlang sich selbst – der glatte, dünne Körper pulsierte in peristaltischen Serpentinen; eine einzige Bedrohung, hellbraun wie der staubige Schotterboden. Ich ging einen Schritt zurück; das Tier fuhr fort, sich langsam um sich selbst zu winden. Ungiftig, wie ich später erfuhr. Keine gefiederte Schlange und auch nicht die zappelnde Klapperschlange im Schnabel des augenrollenden Adlers, das Emblem der mexikanischen Nationalflagge. Es handelte sich um eine Kutscherpeitschennatter, hier genauso oft anzutreffen wie die Klapperschlange mit ihren sechsundzwanzig in Mexiko vorkommenden Unterarten, ganz zu schweigen von der Dreiecksnatter, Blindschlange, Rattennatter, Berggrubenotter, Strumpfbandnatter und der drei Meter langen Boa Constrictor.

 

Das Glück der freien Fahrt – es grenzte an Euphorie. »Hinter uns lag ganz Amerika und alles, was Dean und ich bisher vom Leben gewusst hatten und vom Leben auf der Straße«, schreibt Kerouac in Unterwegs über seine Einreise nach Mexiko. »Schließlich hatten wir am Ende der Straße das zauberische Land gefunden; nie hatten wir uns träumen lassen, wie groß sein Zauber war.«

Aber dann, beim Weiterfahren, dachte ich über die alten, knorrigen Stämme der Yuccas nach und über ihre runden Kronen mit den spitzen, schwertartigen Blättern. (»Die Blätter der Jungpflanze stehen aufrecht, senken sich aber bei älteren Exemplaren bogig nach unten«, schreibt ein Botaniker, als beschriebe er einen alten Knacker.) Die Strünke gehören alle zur Familie der Spargelgewächse. Es ist vorstellbar, dass ein saftiger Speer hier zu einer Wüstenpalme angeschwollen ist, die ihre Wurzeln hartnäckig in den Sand gräbt, zäh, aber gebeugt von den Jahren. Und ich dachte: Es war ein böser Sommer. Verachtet, gemieden, brüskiert, stehengelassen, nicht für voll genommen, herabgesetzt, verspottet, belächelt, mit Stereotypen behangen, als parasitär empfunden, unsichtbar für die Jungen – die Alten in den USA und auch ich, der Mensch und Autor, haben viel mit der Yucca und viel mit den Mexikanern gemein. Wir teilen uns den Vorwurf der Vergreisung und Überflüssigkeit.

Also habe ich hier etwas, mit dem ich mich identifizieren kann. Dass ich in einer Seelenlage nach Mexiko abreise, in der ich mir besonders missachtet und schwach vorkomme, ist weder Anlass zu Besorgnis noch zu Mitleid. So ist es eben. Es ist großartig. Ich gehe auf eine lange Reise, verschwinde einfach, gebe niemandem Bescheid und bin ziemlich sicher, dass es nicht einmal auffällt, wenn ich weg bin.

Wie der verachtete Mexikaner, wie ein Mensch, den man stets daran erinnert, dass er oder sie nicht willkommen ist, dass er oder sie genauso gut wegbleiben könnte, komme auch ich mir vor: Ich habe das größte Mitgefühl. Ich bin die Yucca mit den wirren Haaren und dem krummen Rücken, ich bin (auch wenn ich in die entgegengesetzte Richtung reise) der durchtriebene Migrant. Yo soy tú, denke ich mir, ich bin du.

Ein Gringo in der Dégringolade

Nach gängiger amerikanischer Auffassung bin ich alt, überständig und überflüssig. Also werde ich mit einem Diminuendo, zu dessen traurigen Klängen ich ein letztes Mal mit meinem Rentenbescheid winke, langsam ausgeblendet. In den USA ist ein alter Mensch entweder unsichtbar oder wird überhört, weil er sowieso bald von der Bildfläche verschwindet: ein Gringo im freien Fall, für den es das französische Wort dégringolade gibt.

Natürlich kränkt mich das, aber ich bin zu stolz, es mir anmerken zu lassen. Meine Trotzreaktion besteht in Arbeit und Reisen. Lieber möchte ich sein, was die Mexikaner unter einem Senior verstehen: ein hombre de juicio, ein Mann mit Urteilskraft, eine Respektsperson, die das im Spanischen beschönigend sogenannte »Dritte Lebensalter« erreicht hat und höflich mit tio oder, in meinem Fall, mit »Don Pablo« angesprochen wird. Von mexikanischen Jugendlichen wird erwartet, dass sie selbstverständlich den Älteren ihren Sitzplatz überlassen. Sie kennen den Spruch: Más sabe el diablo por viejo, que por diablo – Der Teufel ist nicht schlau, weil er alt ist, sondern weil er der Teufel ist. In den USA heißt es: »Weg da, Alter, jetzt ist ein Junger dran.«

Wie eine Art Ancient Mariner würde ich gern meine Widersacher mit knochigen Fingern bei der Hand nehmen, sie mit funkelnden Augen fixieren und ihnen sagen: »Ich war an einem Ort, an dem keiner von euch je gewesen ist und den keiner von euch jemals erreichen wird. Das ist die Vergangenheit. Ich habe Jahrzehnte dort zugebracht und kann euch nur sagen, dass ihr völlig ahnungslos seid.«

Bei meiner ersten langen Reise – vor fünfundfünfzig Jahren nach Zentralafrika – fand ich es aufregend, als Fremder in einem fremden Land zu leben: weit weg von zu Hause, mit einer neuen Sprache und zwei Jahren mit wenig Außenkontakt vor mir, in denen ich barfüßige Schüler im Busch unterrichten würde. Ich blieb schließlich sechs Jahre und lernte, was es heißt, nicht dazuzugehören. Der nächste Job als Lehrer brachte mich nach Singapur, und als dieser nach drei Jahren zu Ende war, gab ich das Dasein als Gehaltsempfänger auf und ließ mich siebzehn Jahre lang in Großbritannien nieder, wo ich den vorgeschriebenen Ausländerausweis stets bei mir zu tragen hatte.

Teils aus leidenschaftlicher Neugier, teils zum Geldverdienen war ich viel auf Reisen. Heute staune ich darüber, was für gefährliche Fahrten ins Unbekannte ich mit dreißig und vierzig unternommen habe. Ich habe einen Winter in Sibirien zugebracht. Ich bin auf dem Landweg bis Patagonien gefahren. Ich habe in jedem klapprigen Bummelzug in China gesessen, habe ein Auto nach Tibet gesteuert. Mit fünfzig paddelte ich allein in meinem Kajak im Pazifik, wurde von Insulanern bedroht, von Wellen herumgeworfen und im Sturm vor der Osterinsel vom Kurs abgebracht. Auch die Reise von Kairo nach Kapstadt (auf der ich im Jahr 2001 in Johannesburg meinen Sechzigsten beging) möchte ich nicht noch einmal machen – wenn ich daran denke, dass in der Kaisut-Wüste bei Nasabit ein shifta auf mich schoss und mir in Johannesburg die Koffer nebst Inhalt gestohlen wurden. Zehn Jahre später, in Afrika zwischen Kapstadt und der kongolesischen Grenze für einen Folgeband des damaligen Buches unterwegs, wurde ich in der Kalahari-Wüste siebzig und musste mich im Gestank und Elend von Nordangola gegen irgendwelche Idioten verteidigen. Aus all den Reisen wurden Bücher.

»Die Geschichte eines Zeitgenossen schreiben, der allein durch die eingehende Betrachtung einer Landschaft von seiner Zerrissenheit geheilt wird«, schreibt Camus in seinen Notizbüchern. Als ich schon glaubte, es sei nun vorbei mit langen Reisen, rief ich mir Camus’ Rat ins Gedächtnis, setzte mich ins Auto und begab mich auf einen zweijährigen Ausflug in den tiefen Süden der USA, ein Buchprojekt im Hinterkopf. Und während ich mit meinem Auto auf den Landstraßen herumkutschierte, wurde ich im wahrsten Sinn des Wortes verjüngt.

Bei einem Abstecher nach Nogales hatte ich damals zum ersten Mal die mexikanische Grenze überquert. Dieser Gang war wie eine Erleuchtung, ein Blick in eine andere Welt. Ich musste nur von Arizona aus durch ein aus dem Neunmeterzaun herausgefrästes Loch mit Drehkreuz schlüpfen und war Sekunden später in einem fremden Land: Düfte und Fettgezisch von Essensbuden, Gitarrenklänge, Scherze der Markthändler.

»Gleich jenseits der Straße begann Mexiko«, schreibt Kerouac, »wir sahen neugierig nach vorn. Zu unserem Erstaunen sah es genau aus wie Mexiko.«

Damals lernte ich einige Migranten kennen, Mexikaner, die über die Grenze wollten, und andere, die man zurückgeschickt hatte. Bei diesem Besuch sah ich eine etwa vierzigjährige Frau im Speisesaal einer Flüchtlingsunterkunft, im Comedor der Grenzinitiative Kino, ein Tischgebet sprechen. Sie war Zapotekin aus einem Bergdorf im Bundesstaat Oaxaca. Ihre drei kleinen Kinder hatte sie bei ihrer Mutter zurückgelassen, wollte in die USA, um, wie sie sagte, einen Aushilfsjob irgendwo in einem Hotel anzunehmen und Geld an ihre Familie zu schicken. Aber sie hatte sich in der Wüste verirrt, war von der US-Grenzpatrouille aufgegriffen, zusammengeschlagen und nach Nogales abgeschoben worden. Das Bild dieser betenden Frau ging mir nicht aus dem Kopf. Wann immer ich auf dieser Fahrt aufgehalten wurde oder kraftlos war, dachte ich an jene tapfere Frau und raffte mich wieder auf.

Das Wissen um die Gefahren, denen die Migranten sich aussetzen, stachelte mich bloß an. Ich wollte mir selber ein Bild von Mexiko machen. Ich breitete die Landkarten vor mir aus. Ich hatte keinen anderen Status als den meiner Lebensjahre, aber in einem Land, in dem man Respekt vor dem Alter hat, sollte das völlig genügen.

Und noch ein entscheidender Punkt, der mit meinem Alter zu tun hatte: Wie lange würde ich noch lange Strecken allein im Auto herumfahren können, durch die Wüsten, Städte und Gebirge Mexikos? Wer sechsundsiebzig ist, muss alle zwei Jahre seinen Führerschein erneuern lassen. Wenn ich beim nächsten Mal durch den Sehtest fiele, wäre dies das Ende meiner Zeit als Autofahrer. Mein Führerschein hat ein Verfallsdatum: Ich musste mich beeilen. Das Auto hatte mir auf der Reise in den Südstaaten gute Dienste geleistet. Also plante ich mit fast dem gleichen Reisefieber wie in jungen Jahren einen improvisierten Roadtrip, der mich an der Grenze entlang und dann weit nach Süden bis nach Chiapas führen sollte.

Ein Buch über Mexiko schwebte mir vor. Allerdings gibt es Hunderte von guten Büchern ausländischer Autoren, die über das Land geschrieben haben. Ein sehr frühes Werk stammt von Job Hortop, einem Engländer, der sowohl Besatzungsmitglied auf einem Sklavenschiff als auch zwölf Jahre lang selber Galeerensklave auf spanischen Schiffen gewesen war. In seinen The rare travales of an Englishman who was not heard of in three-and-twenty year’s space, die 1591 herauskamen und in Hakluyts Voyages nachzulesen sind, schildert er seine Leiden in Mexiko. Die erste umfassende englischsprachige Schilderung von Mexiko erschien etwa fünfzig Jahre später, geschrieben von dem englischen Dominikanermönch Thomas Gage, der 1625 in Veracruz eintraf. Gages Buch über seine Reisen und die Wunder von Neuspanien erschien 1648. Ein wichtiges Werk des 19. Jahrhunderts war der sehr detailreiche, in Briefform abgefasste Bericht Viva Mexiko! Im Wirbel der Revolution (Original 1843, deutsch 2017, Anm. d. Verlags) von Fanny Erskine Inglis, die unter ihrem Ehenamen Marquise Frances Calderón de la Barca schrieb – sie war die schottische Ehefrau des spanischen Botschafters, hatte überall Zutritt und war von Natur aus indiskret. Bedeutend und aufschlussreich ist auch das bereits vor hundert Jahren erschienene Viva Mexiko! (in dem lobend auf Fannys Werk Bezug genommen wird) von Charles Macomb Flandrau.

Stephen Crane, D.H. Lawrence, Evelyn Waugh, Malcolm Lowry, John Dos Passos, Aldous Huxley, B. Traven, Jack Kerouac, Katherine Anne Porter, John Steinbeck, Leonora Carrington, Sybille Bedford, William S. Burroughs, Saul Bellow, Harriet Doerr – und so weiter, die Liste ist lang. Es war gut für Mexiko, dass bedeutende Autoren hier reisten und schrieben. Obwohl jeder von ihnen etwas anderes sieht, steht Mexiko bei ausnahmslos allen immer für das Exotische, das Farbige, das Primitive, das Unbegreifliche. Ein Defizit ist aber allen Autoren gemein: ihre sehr dürftigen Kenntnisse des Spanischen.

Graham Greene, 1938 für nur fünf kurze Wochen in Mexiko unterwegs, konnte überhaupt kein Spanisch. Sein Gesetzlose Straßen, von einigen Kritikern gelobt, ist ein sauertöpfisches und herabwürdigendes Werk. Als er gerade in Tabasco und Chiapas unterwegs war, wurde dort die katholische Kirche von der Regierung belagert – auch in den übrigen Landesteilen standen damals Regierungstruppen schwerbewaffneten katholischen Cristeros gegenüber.

Greene, der konvertierte Katholik, nahm die Unterdrückung der Kirche persönlich. »Ich verabscheute Mexiko«, schreibt er an einer Stelle, dann: »Wie man dies Volk zu hassen beginnt«, und: »Ich war nie in einem Land, wo dauernd Haß […] in solcher Stärke zu spüren war.« Die Gesichter betender Bauern (wahrscheinlich vom Volk der Tzotzils) in Chiapas sind für ihn die »platten Gesichter« von »Höhlenmenschen«, und er jammert über »schauerliche« Mahlzeiten. Und doch zählt Die Kraft und die Herrlichkeit, der auf der Mexikoreise fußt, zu seinen besten Romanen.

William Somerset Maugham war 1924 wegen eines Zeitschriftenartikels im Land, zur gleichen Zeit wie D.H. Lawrence, mit dem er eine Auseinandersetzung hatte. Er schrieb ein paar deprimierende, von Mexiko inspirierte Kurzgeschichten, aber kein Buch. Auf die Frage von Frieda Lawrence, was er von Mexiko hielte, antwortete Maugham: »Wollen Sie etwa, dass ich Männer mit großen Hüten bewundere?«

Hass und Verachtung ziehen sich ebenso durch Evelyn Waughs verbittertes Reisebuch Robbery under Law: The Mexican Object Lesson wie durch Aldous Huxleys bekannteres Beyond the Mexique Bay. Waugh: »Von Jahr zu Jahr wird es (Mexiko) hungriger, böser und elender.« Huxley: »Der Sonnenaufgang, als er dann kam, war eine vulgäre Angelegenheit«, und: »Unter den festgezogenen Umschlagtüchern erheischt man den reptilienhaften Glitzerblick indianischer Augen.«

Bücher über Mexiko erscheinen nach wie vor, und es sind viele hervorragende darunter: Werke über die Kartelle, den wilden Drogenhandel, die großartigen Ruinen, die Grenze, über mexikanische Kunst und Kultur, Küche, Politik, Wirtschaft. Es gibt Bücher für Einsteiger, Bilderbücher, Hotel- und Strandführer, Ratgeber für potenzielle Ruheständler, Surfer, Wanderer und Camper, idealisierende Werke über die Landschaft und warnende Schriften voller Vorurteile, wie etwa der hilfreiche, 2012 erschienene Titel: Don’t Go There. It’s not Safe. You’ll Die, and Other More Rational Advice for Overlanding, Mexico and Central America.

Die Urteile von auswärtigen Autoren mögen hart sein, aber niemand geht stärker mit Mexiko ins Gericht als die Mexikaner selbst. Carlos Fuentes, der im Ausland bekannteste mexikanische Autor, bekam so viel Ärger mit seinen Schriftstellerkollegen, dass er nach Paris umzog. Andere mexikanische Autoren suchen sich gern Jobs in US-amerikanischen Universitäten oder wandern in andere Länder aus. Man kann es ihnen nicht verdenken: Geld spielt auch eine Rolle. Die Anklageschriften füllen Regalmeter. Einen guten Überblick gibt das dicke, erhellende Sammelwerk The Sorrows of Mexico: An Indictment of Their Country’s Failings by Seven Exceptional Writers. Octavio Paz’ Das Labyrinth der Einsamkeit mit seinen Gedanken über Tod und Einsamkeit, Masken und Geschichte ist unbarmherzig, gehört nach meiner Auffassung aber zu den aufschlussreichsten Texten über mexikanische Überzeugungen und Geisteshaltungen.

Bisher allerdings ist mir noch kein Reisender oder Berichterstatter aus Mexiko oder dem Ausland begegnet, dem es gelungen wäre, Mexiko in seiner Gesamtheit zu erfassen; aber vielleicht ist das ein müßiger, altmodischer Anspruch. Dieses Land verweigert sich der Generalisierung und dem flüchtigen Überblick; es ist zu groß, zu komplex, zu vielfältig in seiner Geographie und Kultur, zu unübersichtlich und – mit 68 behördlich anerkannten Sprachen und 350 Dialekten – zu vielsprachig. Es gibt Autoren, die es trotzdem versucht haben: Die reiselustige Rebecca West trug noch im Alter von siebzig Jahren Notizen für ein Buch zusammen, das genauso enzyklopädisch werden sollte wie ihre sehr lebendige, 400000 Worte umfassende Chronik Jugoslawiens, Schwarzes Lamm und grauer Falke. Sie gab das Vorhaben auf. Die posthum unter dem Titel Survivors in Mexico erschienenen Auszüge allerdings sind sehr geistreich und einsichtsvoll.

Aus allen Büchern über das Land geht das Gleiche hervor: Europäer können nach Mexiko auswandern und Mexikaner werden. Amerikaner können das nicht; der Gringo bleibt unwiderruflich Gringo. In der Praxis ist das eher befreiend als unangenehm. Man denke nur an das ritualisierte Wortgeplänkel von der Art, die Verhaltensforscher »Scherzbeziehung« nennen. Diese Blödelei findet in Mexiko auf hohem Niveau statt. Mexikaner konzedieren Gringos ihre Eigenarten, indem sie sie damit aufziehen. Gut gemeinte Respektlosigkeiten werden zur Konfliktvermeidung eingesetzt. Der Anthropologe A.R. Radcliffe-Brown beschreibt diese Form sozialer Interaktion als »Beziehung zweier Personen, in der es einer Person gewohnheitsmäßig gestattet ist oder gar von ihr verlangt wird, die andere zu ärgern und zu verspotten, während es von der anderen erwartet wird, gute Miene dazu zu machen«.

Dank der gelassenen Gutmütigkeit der mexikanischen Kultur mit ihrem Sinn für gute Sitten, die wiederum die Grenzen für die scherzhafte Aufzieherei vorgeben, wird ein Amerikaner, der sich mit der Rolle des Gringos abfindet, in seinem Gringotum akzeptiert. Wenn er diesen Status nicht missbraucht, kann er so anders sein, wie er will. Im Allgemeinen verwenden Mexikaner das Wort »Gringo« nicht böswillig. (Stärker ist der in Spanien nur für Franzosen, hier allgemein für Ausländer verwendete Ausdruck gabacho.) Schon immer haben sich Gringos in Mexiko niedergelassen, und heutzutage sieht man landauf, landab Gringokolonien von Ruheständlern und Aussteigern, die sich für Jahre häuslich einrichten. Die mexikanische Gastfreundschaft gegenüber den Gringos steht in einem bizarren Widerspruch zu der derzeitigen Situation der verteufelten, unerwünschten und eingezäunten Zuwanderer.

Widersinn wie dieser und die gebetsmühlenartige Wiederholung von Vorurteilen waren Motiv genug für eine Reise, von der ich mir mehr Einblick in das fremde Land hinter dem hohen Zaun am Ende der Straße versprach. Ein Roadtrip würde zudem meine Stimmung heben, mich von sinnloser Selbstreflexion ablenken und vielleicht an den Punkt bringen, den der britische Autor Henry Green in seinem Buch Pack my Bag so beschreibt: »Der selige Moment, in dem man auf alles pfeift.«

Eine Vergnügungsreise von einem Ende Mexikos bis zum anderen wollte ich machen, einen Sprung ins kalte Wasser wagen, sozusagen als Gegenbeweis für den freien Fall der dégringolade. Ich wollte einfach von zu Hause weg, die Grenze überqueren und fahren, bis keine Straße mehr übrig war. Aber aus dem Spaß einer Reise nach Mexiko wird irgendwann Ernst – es wird gefährlich, tragisch, riskant, aufschlussreich, und manchmal werden einem auch kräftig die Eingeweide durchgeschüttelt. All das sollte für mich zutreffen.

Kaum saß ich aber hinter dem Steuer, schien mich ein himmlischer Windhauch zu streifen und mich an das zu erinnern, was Reisen sein kann: Ich war frei.

»Fahr da nicht hin! Das überlebst du nicht!«

Viereinhalb Tage brauchte ich von Cape Cod bis zur Grenze. Ich war mitten am Nachmittag spontan einen Tag früher als geplant aufgebrochen, hatte hastig den Inhalt meines Kühlschranks in eine große Kiste gepackt und als Proviant ins Auto verfrachtet. Bei Sonnenuntergang war ich in Nyack, New York. Am nächsten Tag fuhr ich knapp tausend Kilometer lang durch den milden Herbst in Dixie und durchquerte die melancholischen, vergessenen Landstriche des Südens. Mir waren sie in den zwei Jahren, die ich dort für mein Buch Tief im Süden auf Nebenstraßen unterwegs gewesen war, allerdings so vertraut geworden wie das Gesicht eines alten Freundes. Achthundert Kilometer weiter fand ich mich am dritten Tag bei Montgomery, Alabama, machte mir spätabends im Zimmer des Motels eine Portion Mikrowellennudeln und sah mir im Fernsehen ein Football-Spiel an.

Vom trägen, verschlafenen Süden aus fuhr ich Richtung Golf von Mexiko, passierte Biloxi, Pascagoula und das Sumpfland um New Orleans mit seinen bayous, um Beaumont in Texas zu erreichen, wo sämtliche Motels voller Leute waren, die im letzten Hurrikan ihre Häuser verloren hatten. Displaced Persons im buchstäblichen Sinn: Halbnackte Halbwüchsige und ganze Familien hatten die Lobbys in Beschlag genommen, Raucher palaverten auf dem Parkplatz. Sie wirkten verloren, erbarmungswürdig und schicksalsergeben wie Flüchtlinge am Tag des Jüngsten Gerichts. So ungefähr könnte das Ende der Welt aussehen: Hoffnungslose Gestalten hocken in überfüllten Motels und wissen nicht wohin.

Näher bei Houston bekam ich fernab von der Hauptstraße im flachen Städtchen Winnie (3254 Einwohner) ein Zimmer und einen bierseligen Vortrag von einem Motorradfahrer der von Billings, Montana, hierhergefahren war.

»Billings, schön? Nee, das isses nich. Du sagst, du willst zur Grenze? Ich war mal in Laredo. Hab mich verfahren. Hab das Schild gesehn ›Nach Mexiko‹ und bin sofort umgekehrt – U-Turn auf der Einbahnstraße, scheiß auf die Cops. In das Scheißland fahr ich nich. Die Mexikaner würden meine Maschine klauen, und ich wär am Arsch. Keine zehn Pferde bringen mich über die Grenze da.«

Dieser Mensch, der sich da auf dem Parkplatz des Motels an seine Harley gelehnt ein Bier genehmigte – er war tätowiert, hatte wenige Zähne, fettige Haare und vom Umklammern der Lenkergriffe einen krummen Rücken –, war der härteste Typ, der mir in dieser Woche begegnet war: gewieft, über Fliegende Untertassen, Kettensägen und Landstraßen im Bilde und mit den Widrigkeiten des Lebens vertraut. Er hatte gerade seinen Sohn aus einem Gefängnis in Montana abgeholt (»Hat anderthalb Jahre abgesessen – das hängt ihm sein Leben lang nach«) und gab mir wieder den Satz mit: »Mit dem Auto nach Mexiko? Du spinnst wohl, Mann. Vergiss es, geh da nich hin, das überlebst du nich.«

Man sollte nicht herumerzählen, dass man unbedingt irgendwohin fahren möchte, weil einem jeder zehn Gründe dafür aufzählt, es sein zu lassen. Alle wollen, dass man zu Hause bleibt, Hackbraten mümmelt und am Computer spielt – weil sie das selber auch tun. Die gleiche Litanei hörte ich am folgenden Tag in Corpus Christi, als ich, völlig fertig von der Fahrt durch die struppige Wüste zwischen Victoria und Refugio, an einer Tankstelle den Weg nach McAllen erfragte.

Ein stämmiger, schielender Mann, schon wieder ein harter Typ, allerdings nüchtern, betankte gerade seinen riesigen Truck und schrie mir seine Vorsichtsmaßregeln geradezu ins Gesicht: »Bloß nicht in Brownsville rüber. Eigentlich nirgendwo rüberfahren. Die Drogenkartelle gucken, wer du bist, dann folgen sie dir. Und wenn du Glück hast, schmeißen sie dich bloß am Straßenrand raus und nehmen dein Auto mit. Wenn du Pech hast, bringen sie dich um. Bleib bloß raus aus Mex.«

Ich wollte aber den Zaun sehen und fuhr zum Tal des Rio Grande, südwärts nach Harlingen, dann rüber nach McAllen und schließlich die Dreiundzwanzigste Straße runter zum International Boulevard nach Hidalgo an die Grenze, wo das Ding steht: auffällig, hässlich und unmissverständlich. Diese Grenze unseres grandiosen Landes ragt hinter einem Whataburger-Stand, einem Flohmarkt und einem Haushaltswarengeschäft auf, ein über sieben Meter hohes Stahlgebilde, das aussieht wie der Gitterzaun um ein Gefängnis. In keinem anderen Land hatte ich je so etwas zu sehen bekommen. Ein texanischer Kongressabgeordneter hat den Zaun mal treffend »eine ineffiziente mittelalterliche Antwort auf ein Problem des 21. Jahrhunderts« genannt. In der Tat ist er wie eine mittelalterliche Mauer mehr Symbol für Abwehr als Mittel zu ihrer Durchsetzung; man kann ihn ziemlich leicht überklettern oder untertunneln. Im Zeitalter von Überwachungsflügen und hochentwickelter Sicherheitstechnik wirkt diese Absperrung wie ein Werkstück althergebrachter Schmiedekunst: ein altes, rostiges Bollwerk, das sich als sichtbares Zeichen nationaler Paranoia meilenweit dahinzieht.

»Zehn Leute am Tag bringen sie um, mehr nicht.« Jorge (»Nennen Sie mich George«), der Frühstückskellner im Hotel in McAllen, wandte mir sein leichenblasses Gesicht zu.

»Das war in Juárez«, sagte ich. »Aber da soll es ja jetzt ruhiger sein.«

Geschichten von blutrünstigen Mexikanern gibt es schon so lange wie ihre frühesten Berichterstatter, so zum Beispiel Francisco López de Gómara, dessen Hispania Victrix von 1553 Montaigne in seinem Aufsatz »Über die Mäßigung« zitiert: »Alle ihre Götzen schlürfen Menschenblut.« Wie so viele sensationshungrige Berichterstatter heutiger Tage war auch Gómara nie in Mexiko gewesen und hatte seine Informationen aus zweiter Hand. Das Gleiche gilt für Daniel Defoe, der im Robinson Crusoe (erschienen 1719) von spanischen Gräueltaten ebenso spricht wie von den »Götzendienern und Barbaren«, die sie in der Neuen Welt massakrierten, eben weil sie »ihren Götzen Menschenopfer brachten«. Der Held des Buches sagt über die Spanier, »der bloße Name jenes Volkes [hat] bei allen Leuten von christlichem Mitgefühl einen schrecklichen Klang«.

»Und die Frau, die den Unfall hatte«, Jorge hob den Zeigefinger, »wegen der Leiche, die an einer Brücke aufgehängt war und auf ihr Auto gefallen ist?«

»Tijuana«, antwortete ich besserwisserisch. »Und ist länger her.«

»Die dreiundvierzig Studenten, die sie in Guerrero gekidnappt und umgebracht haben?«

»Ich weiß, was Sie sagen wollen, George.«

»Nehmen Sie ein Flugzeug. Fahren Sie nicht mit dem Auto.«

»Ich fahre rüber. Das ist der Plan.«

»Und warum mit dem Auto?«

»Verschiedene Gründe.«

»Mucha suerte, señor.«

»Ohne Terror kein Geschäft«

Jorges mahnende Worte gehörten zu den üblichen Sprüchen wie »Pass auf dich auf«, die jeder Reisende bei der Abfahrt zu hören bekommt: leere Worte, in denen der Neid mitschwingt, Vorsichtsmaßregeln, die dem muffigen Stubenhocker später das Recht geben, mit einem »Siehst du, ich hab’s dir doch gesagt!« aufzutrumpfen.

»Me vale madre.« Jorge quittierte den groben mexikanischen Ausdruck, mit dem ich seine Mahnungen in den Wind schlug, mit einem lächelnden Seufzen und Kopfschütteln. Er hielt mich offenbar für sehr töricht.

Eigentlich hatte er recht damit, weil ich tatsächlich wenig Ahnung von dem ganzen Chaos hatte. Es sind eine Menge Menschen von den Kartellen umgebracht worden, das weiß man, aber die brutalen Fakten waren mir nicht im Detail bekannt. Vielleicht hatte ich sie auch bewusst ausgeklammert, um mich nicht beirren zu lassen. Was ich hier aufschreibe, entstand im Nachhinein. Die Statistik zum Beispiel besagt schlicht, dass seit September 2006, als die mexikanische Regierung dem organisierten Verbrechen den Krieg erklärt hatte, zweihunderttausend Menschen umgebracht wurden oder verschwunden sind. Was ich bei meinem Aufbruch im Frühjahr 2017 nicht wusste, ist, dass es allein in den ersten zehn Monaten jenes Jahres 17063 Mordfälle im Land gegeben hatte, wobei Ciudad Juárez im Durchschnitt einen Mord am Tag verzeichnete – bei meiner Abfahrt waren es also schon mehr als 300, weil die Drogenkartelle von Sinaloa und Juárez sich in der Stadt erbitterte Revierkämpfe lieferten. Zum Jahresende 2017 verzeichnete Mexiko 29168 Mordfälle, überwiegend standen sie im Zusammenhang mit den Kartellen.

In Reynosa, der mexikanischen Stadt gleich gegenüber von McAllen, Texas, wo ich in all meiner Unkenntnis stand, war Gewalt inzwischen Dauerzustand: Die Straßen waren unsicher, weil es immer wieder blutige Auseinandersetzungen gab – es wurde gemordet und gekidnappt – und weil immer wieder narcobloqueos errichtet wurden, Straßensperren aus gekaperten, manchmal in Brand gesteckten Autos als Barrikaden zum Schutz der narcos gegen die Belagerung durch Polizei oder Armee. »Reynosa amanece con narcobloqueos, persecuciones y balaceras« hatte die Online-Ausgabe des Proceso getitelt, als ich im Mai 2018 wieder einmal über die Grenze fuhr. Ich bekam aber nur noch mit schwerbewaffneter Polizei besetzte Kontrollposten und schwarzmaskierte Soldaten in dunklen, dick gepanzerten Lastwagen zu sehen.

Reynosa war zu einer der Städte mit der höchsten Kriminalitätsrate in Mexiko geworden, weil ein erfolgreicher Schlag der mexikanischen Armee, die zwei der Bosse des Golfkartells aufgespürt und getötet hatte, ein Machtvakuum ergeben hatte. Julian Loiza Salinas (»Comandante Toro«) wurde im April 2017 getötet, und der Mord an Humberto Loiza Méndez (»Betito«), der im Jahr darauf zusammen mit drei Kumpanen von Regierungstruppen umgebracht worden war, erzeugte noch mehr Chaos und Machtkämpfe.

In Reynosa kamen Los Zetas, die zuerst zur Verstärkung des bewaffneten Flügels des Golfkartells eingesetzt wurden, auf die Idee, ihr eigenes Kartell zu bilden; die Zetas galten als gnadenlos. Die meisten von ihnen waren Deserteure aus einer Spezialeinheit der mexikanischen Armee, hatten sich gegen ihre Offiziere erhoben und dann beschlossen, mit ihren Fertigkeiten im Töten als sicarios, als Auftragskiller, richtiges Geld zu machen. Die Kämpfe in den Straßen von Reynosa forderten zwischen Mai 2017 und Juni 2018 insgesamt vierhundert Todesopfer. Um diese Zeit überquerte ich mehrmals die Grenze und fuhr, von einem Schlagloch ins andere rumpelnd, die Gassen und Straßen von Reynosa entlang – in einem Auto mit auffällig beschrifteten Nummernschildern: Massachusetts – The Spirit of America.

Ich hatte mich von Reynosas Anblick täuschen lassen, von der malerischen Plaza, der hübschen Kirche und den freundlichen Ladenbesitzern, von den guten Restaurants und Taco-Buden, dem florierenden Markt, dem Treiben der Schulkinder in ihren Uniformen. Erst nachdem ich öfter dort gewesen war, begriff ich, was sich hinter der Fassade des heiteren mexicanismo abspielte: zwielichtige Gassen, kleine Dealer, sogenannte narcomenudeos in den Slums und Elendsquartieren am Stadtrand, dürre, kläffende Hunde – und Straßenbarrikaden: Panzerwagen voller grimmiger Soldaten mit Sturmgewehren, nervös wirkende, schwerbewaffnete Polizisten. Fast alle waren maskiert, um nicht erkannt, überfallen und von Killern ermordet zu werden.

In den mexikanischen Drogengangs spiegeln sich mexikanische Politik, mexikanische Bundesstaaten, mexikanische Geographie und mexikanische Lebensart: el mundo México. Ihre vielfältigen Erscheinungsformen und Schattierungen lassen sich nicht auf einen Nenner bringen. Gewalt herrscht nicht nur im Kampf der Regierung gegen die Kartelle, sondern auch in den Fehden der Kartelle untereinander, die durch die ideologischen Brüche in ein und derselben Gang noch verkompliziert werden – ideologisch im gröbsten und brutalsten Sinn, wenn zum Beispiel die einen für Enthauptungen sind, die anderen lieber Gedärme herausschneiden, Gliedmaßen amputieren, Ermordete an Laternenpfählen aufhängen, Migranten versklaven oder nach neuer Praxis Leichen auf den Straßen der Städte verteilen, so geschehen, als im September 2011 Joaquín Guzmáns Schläger fünfunddreißig blutige Leichen – darunter zwölf Frauen – auf dem Boulevard Ávila Camacho in der Nähe einer Shoppingmall im gepflegten Teil der Hafenstadt Veracruz von einem Laster warfen, um ihren Gegnern klarzumachen, wer der Boss ist. Sobald die Kontrolle durch ein einziges Kartell fehlte, gab es nur mehr konkurrierende Gangs und mehr Gewalt als jemals vorher.

Verstümmelungen sind Botschaften. Eine abgeschnittene Zunge weist auf einen Schwätzer hin, und weil dedo im Slang auch für Ausspionieren stehen kann, fehlt den Leichen von Spionen ein Finger. Es geht noch weiter. Ein Forensiker führt in Ed Vulliamys Amexica, einem ausführlichen Buch über die Kartelle, aus: »Abgetrennte Arme bedeuten, dass einer etwas von seiner Lieferung für sich abgezweigt hat, abgetrennte Beine heißen, dass er das Kartell verlassen wollte.« Enthauptungen sind eine unzweideutige »Machtbehauptung, eine Warnung an alle, so etwa wie die öffentlichen Hinrichtungen früherer Zeiten«.

Und warum gibt es diesen blutigen Wettkampf der Kartelle? Weil eine erfolgreiche mexikanische Drogengang einen jährlichen Profit einstreichen kann, der in die Milliarden geht. Die besonders geschäftstüchtigen Kartelle stecken ihr Geld in ihre Geschäftsaustattung. Vor seiner zweiten Festnahme besaß Guzmán, wegen seiner kleinen Statur El Chapo, der Kurze, genannt, das größte Flugunternehmen in Mexiko und verfügte über mehr Flugzeuge als die nationale Fluggesellschaft Aeromexico. Zwischen 2006 und 2015 beschlagnahmten mexikanische Behörden 599 Fluggeräte – 586 Flugzeuge und 13 Hubschrauber – des Sinaloa-Kartells. Aeromexiko dagegen musste mit einer mickrigen Flotte von 127 Flugzeugen auskommen. El Chapos Flugreisen (er gab an, auch U-Boote zu besitzen) dienten hauptsächlich zur Belieferung des Marktes in den USA, des weltgrößten Abnehmers für illegale Drogen. Nach einem Bericht der RAND Corporation von 2014 wird hier jährlich über eine Milliarde US-Dollar für geschmuggeltes Kokain, Crack, Heroin, Marihuana und Metamphetamine ausgegeben.

Zwei ehemalige Verbündete aus der Zeta-Gruppe hatten sich abgespalten und rivalisierten inzwischen; die Vieja Escuela Zeta führte gegen die Cartel-del-Noreste-Fraktion einen Krieg um die Hauptrouten für Menschen- und Drogenschmuggel. Die Zetas hatten nicht nur besonders perfide Mordmethoden, sondern waren überregional aktiv: Das ist in Mexiko unüblich bei den Gangs, die normalerweise in ihren Heimatregionen oder nur auf speziellen Routen und plazas Ärger machen. Eine Plaza ist im Narco-Slang ein wertvoller Handelsplatz. Nuevo Laredo und Tijuana sind besonders begehrt, daher das Chaos dort. Die Zetas, hieß es, waren überall, selbst in Sinaloa, wo sie Krieg gegen das nach der Verhaftung von El Chapo führerlose und zersplitterte Sinaloa-Kartell führten. In Amexica zitiert Vulliamy einen Geschäftsmann aus McAllen: »Los Zetas und die Kartelle unterwandern gerade die USA. Sie sind schon in Houston, sie sind in New York City und in allen Indianerreservaten.«

Eine Gräueltat der Zetas, von der ich vorher nicht gewusst hatte, wurde im Jahr 2010 in der Kleinstadt San Fernando südlich von Reynosa verübt. Eine herumziehende Bande von Zetas hielt zwei Busse mit Migranten an – Männer, Frauen und Kinder aus Zentral- und Südamerika auf der Flucht vor der Gewalt in ihren Heimatländern. Die Zetas verlangten Geld. Die Migranten hatten keins. Die Zetas verlangten, dass die Migranten für sie als Killer, Agenten oder Drogenkuriere arbeiten sollten. Die Migranten weigerten sich. Also wurden sie in ein Gebäude im Dorf El Huizacal gebracht, man verband ihnen die Augen, fesselte sie an Armen und Beinen und tötete alle mit Kopfschüssen. Zweiundsiebzig von ihnen starben. Ein Mann aus Ecuador stellte sich tot, entkam und schlug Alarm.

Die blutigen Einzelheiten dieses Massakers wurden bei der Verhaftung eines der Täter bekannt: Édgar Huerta Montiel, ein desertierter Soldat, Spitzname »El Wache« oder auch Fettarsch. Er gestand, elf der Migranten selber umgebracht zu haben, da er (angeblich) glaubte, sie arbeiteten für eine verfeindete Gang. Im Jahr darauf fand die Polizei in der Nähe derselben Stadt 47 Massengräber mit 193 verscharrten Leichen von Migranten und anderen Reisenden aus gekaperten Bussen, die in dieser nur achtzig Meilen von der Grenze der USA entfernten Gegend des Staates Tamaulipas unterwegs gewesen waren.

Auf der Suche nach Geld, Dienstboten und Frauen, die sie über die Grenze schmuggeln können, kidnappen die Zetas und andere Gangs immer wieder Busse und Lastwagen und entführen die Passagiere – Migranten, Arbeiter, Pendler und Reisende. Die Entführungsmethode der Kartelle nennt sich levantón, Einbringung. Angezogen von den niedrigen Löhnen in Reynosa (ein übliches Anfangsgehalt liegt bei zehn Dollar am Tag) haben sich hier Hunderte von US-amerikanischen und europäischen Unternehmen angesiedelt; Hunderttausende Beschäftigte leben in den colonias, den Arbeitersiedlungen rings um die Stadt.

»Es gab hier mal einen Gringo, der war Vorstand in einer Fabrik«, erzählte mir ein Mann im nur eine Viertelstunde von Reynosa entfernten McAllen, »der ist jeden Morgen mit Anzug und Krawatte in einem fetten SUV über die Grenze zur Arbeit gefahren. Eines Tages haben sie ihn in einem levantón erwischt, und die Firma musste ein dickes Lösegeld zahlen. Jetzt haben sie ihren Fuhrpark ausgetauscht. Heutzutage fahren die Manager in alten Klamotten mit verbeulten Pick-ups rüber.«

Der Mann, ein mexikanischer Einwanderer aus Monterrey, der jetzt dicht an der Grenze zu Mexiko lebte, war seit über zwanzig Jahren nicht mehr hinübergefahren.

»Mir geht’s hier in Texas gut. Und ich will keinen Ärger«, sagte er. »Wir wohnen bloß anderthalb Kilometer außerhalb von Reynosas Zentrum, und wissen Sie was? Wir kriegen von da nichts mit. In den Zeitungen steht nie was. Ich höre bloß, was die Leute so reden. Tratsch und Gerüchte. Nichts Offizielles.«

Dies war aber viel später auf meiner Reise.

El Chapos Sinaloa-Kartell spaltete sich erneut mit der Gründung des Cartel de Jalisco Nueva Generación durch eine Bande seiner Scharfschützen, die besonders dadurch auffiel, dass sie als erste Granatwerfer einsetzte, um Militärhubschrauber abzuschießen. Dieses Kartell, angeführt von einem Psychopathen, dem ehemaligen Avocadobauern und Polizisten Nemesio Oseguera Cervantes alias »El Mencho«, war eine besonders gefürchtete Verbrecherbande. El Menchos Ehrgeiz, den Drogenhandel am Sinaloa-Kartell vorbei an sich zu reißen, ergab eine drastisch erhöhte Mordrate. Allein in Tijuana erreichten die registrierten Tötungsdelikte im Jahr 2017 die vorher nicht dagewesene Anzahl von 1781. Die meisten davon waren Morde an Mitgliedern des Kartells von Tijuana, einer kleineren, mit dem Sinaloa-Kartell verbündeten Formation von Drogen- und Menschenhändlern, die versuchten, ihr Revier gegen das Jalisco-Nueva-Generación-Kartell zu verteidigen. Ein unmissverständlicher Drohbrief, eine sogenannte narcomensaje, steckte an den durchsiebten Leichen eines Mannes und einer Frau, die im Januar 2018 in einem Stadtviertel von Tijuana aufgefunden worden waren. Er lautete: »Willkommen im Jahr 2018. Die plaza gehört nicht den Sinaloas. Sie gehört der Nueva Generación.« Im Jahr darauf stieg die Zahl der von den Kartellen in Tijuana verübten Morde auf zweitausend an.

Noch eine Gräueltat: Im März 2018 reisten drei Studenten der Filmschule von Guadalajara für ein Filmprojekt nach Tonalá in Jalisco. Das malerische Tonalá ist berühmt für seine Keramik, seine bunten Läden und seine Kirchen im Kolonialstil. Aus Sparsamkeitsgründen übernachteten die Studenten bei einer ihrer Großmütter. Bei der Motivsuche in der Stadt wurden sie für Mitglieder der rivalisierenden Nueva Plaza Bande gehalten, entführt, gefoltert und schließlich getötet. Ihre Leichen übergab man dem ziemlich populären mexikanischen Rapper Christian Omar Palma Gutiérrez (Rappername »QBA«), der angab, gemeinsam mit ein paar anderen von der Jalisco Nueva Generación bezahlten Tätern ihre Leichen in Säurefässern aufgelöst zu haben. Im gleichen Jahr verschwanden in der Stadt Tecalitlán im Staat Jalisco drei Italiener, die mit chinesischen Waren für die ambulanten Markthändler in der Provinz unterwegs gewesen waren. Sie wurden an einer Tankstelle von einer Motorradstaffel der örtlichen Polizei entführt und für 53 Dollar an eine Bande verkauft, die sie tötete und ihre Leichen verbrannte.

Im mexikanischen Bandenkrieg waren Enthauptungen und Verstümmelungen relativ neu. »Die Machete ist das überzeugendste Argument«, schreibt Charles Macomb Flandrau schon 1908 in Viva Mexico!. Die Kartelle hatten bisher gezielt platzierte Kugeln vorgezogen: Ein »Gnaden«-Schuss in den Hinterkopf hieß, dass das Opfer ein Verräter war, ein Schuss durch die Schläfe kennzeichnete es als Mitglied einer rivalisierenden Bande. Aber seit Anfang 2000 fanden sich am Straßenrand immer wieder kopflose Leichen. Köpfe wurden an Straßenkreuzungen und gelegentlich auf Autodächern zur Schau gestellt. Diese Schlächterei folgte vermutlich einer Taktik der Elitekommandos der Streitkräfte Guatemalas, der »Kaibiles«.

Später, hinter der Grenze in Matamoros am Rio Grande, sollte mir jemand die Abhärtungsmethoden der Kaibiles beschreiben: Die Rekruten werden aufgefordert, sich Hundewelpen zuzulegen und sie aufzuziehen. In einem bestimmten Stadium des Trainings müssen die Soldaten dann die Hunde töten und essen. Nach allem, was ich über sie erfuhr, verdienen die »Kaibiles« die Klassifizierung als »Spitzenprädator«: die fürchterliche, herrschende Spezies an der Spitze der Nahrungskette (Tiger, Grizzlybär, Löwe), die keine natürlichen Feinde kennt. Nachdem Angehörige der Kaibiles sich als Söldner zu den Kartellen geschlagen hatten, kam es zu den ersten Enthauptungen; im Jahr 2006 trat eine Gang die Türen einer Bar in Michoacán ein und warf fünf Menschenköpfe auf die Tanzfläche. Nach Expertenmeinung gehören Enthauptungen heute zu »den Grundbegriffen im Gewaltlexikon« der mexikanischen Kartelle.

Die Leichen wurden nicht mehr in Massengräbern versteckt, sondern stolz wie Trophäen präsentiert, so zum Beispiel, als das Jalisco-Nueva-Generación-Kartell, damals noch eine Untergruppe von El Chapos Sinaloa-Gang, im September 2011 fünfunddreißig Leichen auf eine Prachtstraße von Veracruz kippte. Als Replik verteilten die Zetas sechsundzwanzig Leichen in Jalisco und ein Dutzend in Sinaloa. Es stellte sich heraus, dass es sich bei den Ermordeten um unbescholtene Bürger gehandelt hatte: Sie waren Arbeiter und Studenten, nur zu dem Zweck entführt, ermordet und ausgestellt, jeden, der an der mörderischen Entschlossenheit der Zetas zu zweifeln wagte, in Angst und Schrecken zu versetzen.

Manche Mordtaten zeugen von einer geradezu unvorstellbaren Perfidie. In seinem Buch Sterben in Mexiko: Berichte aus dem Inneren des Drogenkriegs beschreibt John Gibler eine Serie von Akten abartiger Gewalt in der Stadt Torreón im Bundesstaat Coahuila an der Grenze zu Texas: »Wer vermag sich zum Beispiel vorzustellen, dass der Wärter eines Staatsgefängnisses bei Nacht verurteilte Mörder hinauslässt, mit Dienstwagen, automatischen Sturmwaffen und kugelsicheren Westen versorgt, damit sie im Nachbarstaat Dutzende unschuldiger Menschen abknallen und dann schnell wieder über die Grenze zurück ins Gefängnis hüpfen und hinter Gittern ein perfektes Alibi vorweisen könnten? Wer würde glauben, daß eine paramilitärische Drogenorganisation, formiert aus Ex-Spezialkräften der mexikanischen Armee, einen einheimischen Polizisten kidnappen, ihn durch Folter zu dem Geständnis all der obigen Details über das Todeskommando der Häftlinge zwingen, das Geständnis auf Video aufnehmen, den Mann vor laufender Kamera mit einem Schuß ins Herz hinrichten und dann das Video auf YouTube zeigen? Wer könnte begreifen, daß der Generalbundesanwalt wenige Stunden nach dem Erscheinen des Videos im Internet die Gefängnisdirektorin festnehmen läßt und dann ein paar Tage später eine Pressekonferenz abhält, auf der er eingestand, daß das Killerkommando monatelang ungestört agierte und im Januar 2010 zehn Menschen in einer Bar, im Mai 2010 acht Menschen ebenfalls in einer Bar und im Juli siebzehn Menschen auf einer Geburtstagsparty ermordete?

 

Im April 2012, als »El Chapo« Krieg gegen die Zetas führte, wurden vierzehn Torsi am Rand einer Straße von Nuevo Laredo in einem Auto aufgefunden. Es waren Zetas. Manche davon waren im Kofferraum abgelegt, nach dem Narco-Terminus für diese Praxis, also encajonado, »eingekoffert«. Einen Monat später hingen neun Tote von einer Brücke über der Bundesstraße 85 im Zentrum von Nuevo Laredo. Neben ihnen war ein Banner mit einer narcomensaje der Zetas angebracht, das die Leichen als Mitglieder des Golfkartells und sie als die Mörder auswies. Am Tag darauf standen vor dem eleganten Palacio Municipal von Nuevo Laredo einige große Kühlboxen. Sie enthielten vierzehn kopflose tote Zetas mit einem Bekennerschreiben von El Chapo, der auf diese Weise den Besitzanspruch seines Kartells auf die plaza von Nuevo Laredo deutlich machte.

Die Zetas ließen sich nicht einschüchtern. Am 9. Mai 2012 hinterließen sie in Chapala, Jalisco, die zerstückelten Körper von achtzehn Männern mitsamt ihren abgetrennten Köpfen in zwei Autos. Bald darauf fanden allerdings die Zetas ihr ebenbürtiges Gegenstück in der Person von Nazario Moreno, alias El Más Loco, »Der Verrückteste«, im Staat Michoacán. Er war der Boss der skrupellosen Templarios vom Kartell der Tempelritter, zu deren Initiationsritus es gehörte, das Fleisch ihrer Opfer zu essen. Nachdem Moreno im Jahr 2014 von der mexikanischen Armee erschossen worden war, hatten die Zetas Oberwasser. Der »Verrückteste« allerdings kam zu postumen Ehren: Er avancierte zum Heiligen. In der Gegend um seinen Geburtsort Apatzingán wurden Schreine und Altäre mit dem Abbild des toten Drogenbosses im Heiligengewand aufgestellt, und »St. Nazario« wurde von Gläubigen Michoacános angebetet.

Das Massaker, das vielen am stärksten im Gedächtnis blieb – und von dem auch ich durch die ausführlichen Medienberichte erfahren hatte –, ereignete sich 2014 im Staat Guerrero, als dreiundvierzig angehende Lehrer aus Ayotzinapa, die zu einer Kundgebung nach Iguala gereist waren, von der Polizei aus ihren Bussen geholt und dann umgebracht wurden. Nur eine Leiche konnte gefunden werden. Es gab eine große Solidaritätskundgebung für die Hinterbliebenen, das Verbrechen wurde aber nie ganz aufgeklärt.

Der mit diesem Fall befasste Generalstaatsanwalt gab an, dass die 43 Studenten von korrupten Polizeibeamten an ein Verbrecherkartell ausgeliefert und von diesem getötet wurden. Die Leichen seien verbrannt worden. Eine Gegendarstellung zu dieser Behauptung findet sich in John Giblers Sammlung von Augenzeugenberichten: I Couldn’t Even Imagine That They Would Kill Us. Der Autor zitiert hier die Äußerung einer Frau zum korrupten Verhältnis von Polizei und Drogengangs in ihrem von Mordtaten geplagten Heimatstaat Veracruz: »Heutzutage gibt es kein Geschäft mehr ohne Terror« – »Es que ya sin terror no hay negocio.« Ein hartes Urteil über eines der beherrschenden Themen im täglichen Chaos.

Während meiner mexikanischen Reisen hatte ich einige schöne Wochen in Baja California verbracht, in einer der noch friedlichen Gegenden Mexikos: Man fährt wegen der Sportfischerei, der Strände, Hotels und Ferienanlagen dorthin. Nur ein paar Monate nach meiner Abreise – ich schwelgte noch in der Erinnerung an die Gastlichkeit und das gute Essen – fand man im Dezember 2017 sechs an Brücken in Los Cabos aufgeknüpfte Leichen: zwei in der Nähe des internationalen Flughafens Las Verederas, zwei an der Brücke über den Highway zwischen Cabo San Lucas und San José del Cabo und zwei an einer dritten Brücke beim Flughafen. Dies war das Werk von Drogengangs, die Los Cabos als aufstrebende Touristendestination und somit als Drogenabsatzmarkt für sich beanspruchten.

Wegen der Unruhen und Unsicherheit in Mexiko gab das Außenministerium der USA im Jahr 2018 ein neues, vierstufiges System von Reisewarnungen heraus. Stufe I: Normale Vorsichtsmaßnahmen für ganz Mexiko, Stufe II: Erhöhte Wachsamkeit für Cancún, Cozumel und Mexiko-Stadt, Stufe III: Von Reisen nach Guadalajara, Puerto Vallarta und Jalisco wird abgeraten, Stufe IV: Von Reisen nach Acapulco, Zihuatanejo und Taxco wird dringend abgeraten. Ich erfuhr erst nach meiner Rückkehr davon, war allerdings mehrmals vor Autofahrten im Bundesstaat Guerrero und einem Besuch in Acapulco gewarnt worden, was ich auch beherzigt hatte.

Die Canyons von Barrancas del Cobre im Bundesstaat Chihuahua liegen in der Zone für »Normale Vorsichtsmaßnahmen« in einer bei Touristen und Wanderern beliebten Gegend. Nach meiner Rückkehr von der Mexikoreise las ich einen Artikel über einen jungen US-amerikanischen Lehrer namens Patrick Braxton-Andrew. Er war als Rucksacktourist unterwegs. Am 28. Oktober 2018 verließ er, nur mit Sandalen an den Füßen, vor dem Essen sein Hotel im Bergdorf Urique zu einem kleinen Abendspaziergang. Er wurde am selben Abend von einem Mitglied des Sinaloa-Kartells getötet; von einem Mann, der als El Chueco, »Der Einäugige«, identifiziert, aber nicht festgenommen wurde.

Mexikanische Polizisten und Soldaten waren als Täter oder Mittäter an etlichen Morden und Entführungen beteiligt. Nach einem 2018 veröffentlichten Dokument von Human Rights Watch musste die mexikanische Regierung im August 2017 einräumen, dass der Aufenthaltsort von 32000 seit 2006 verschwundenen Personen weiterhin unbekannt war. Im August 2016 wies die mexikanische Menschenrechtskommission, die CNDH (Comisión Nacional de Los Derechos Humanos) darauf hin, dass 22 der 42 Zivilisten, die im Jahr 2015 in Tanhuato, Michoacán, bei einer Schießerei umkamen, willkürlich von der Bundespolizei ermordet worden waren. Tanhuato, berühmt für seine Fiestas, ist ein wichtiger Umschlagplatz auf der Nordroute des Drogenhandels.

»Polizeikräfte haben mindestens dreizehn Personen durch Schüsse von hinten getötet«, stellt der Bericht von CNDH fest, »zwei Verhaftete misshandelt, einen bei lebendigem Leibe verbrannt und dann den Tatort durch Arrangieren der Leichen und das Ablegen von Schusswaffen verändert, um die illegalen Erschießungen zu vertuschen. Angeklagt wurde wegen dieser Verbrechen niemand, eine staatliche Untersuchung der Mordtaten blieb ohne Ergebnis.«

Folterungen von Verdächtigen durch Angehörige der mexikanischen Polizei- und Streitkräfte waren keine Seltenheit. Beim CNDH waren seit dem Jahr 2000 fast 10000 Beschwerden über Misshandlungen durch die Armee eingegangen. Das mexikanische Amt für Statistik, das Instituto Nacional de Estadística y Geografía, berichtet von einer Umfrage aus dem Jahr 2016 unter 64000 in 370 mexikanischen Gefängnissen Inhaftierten, nach der über die Hälfte der Insassen während ihrer Haft physische Gewalt erlitten hatte: »19 Prozent berichteten von Elektroschocks, 36 Prozent wurden gewürgt, unter Wasser getaucht oder angezündet, 59 Prozent geschlagen oder getreten. Darüber hinaus berichteten 28 Prozent, dass ihnen damit gedroht wurde, ihren Familien würde Schaden zugefügt.«

Journalisten, die über die Kartelle und die Polizei berichten, werden für beide Seiten zur Zielscheibe. Laut einem Bericht des mexikanischen Generalstaatsanwalts wurden vom Jahr 2000 bis zum Oktober 2017 insgesamt 104 Journalisten getötet; 25 verschwanden. Zwischen Januar und Juli 2017 wurden acht Journalisten ermordet und einer entführt. Sie alle hatten Reportagen über kriminelle Kartelle und korrupte Polizisten veröffentlicht. In Anlehnung an Präsident Donald Trumps Devise »Die Presse ist der Feind des Volkes« höhnten manche Mexikaner, es sei den Journalisten recht geschehen. Der Bericht des International Press Institute vom Dezember 2017 stellt fest, Mexiko sei »für Journalisten hochgefährlich, schlimmer als der Irak oder Syrien«.

 

So weit also die jüngste Geschichte von Verbrechen und der Situation im Land, die ich nicht kannte, als ich zur Grenze fuhr, in die Sonne blinzelte, die leere Straße anlächelte, mich des Lebens freute und nichts weiter dachte als: Die Kutscherpeitschenschlange ist harmlos! Ich sollte tatsächlich erfahren, dass niemand in Mexiko jemals das Wort »Kartell« in den Mund nahm oder gar den Namen einer Gang wie »Zeta« oder »Golfo«. Es konnte tödlich sein, diese verbotenen Worte auszusprechen. Das Einzige, was ich hörte, wenn ich fragte, war ein heißes Flüstern, kaum lauter als ein flacher Atemzug, wenn mit warnendem Augenrollen das Wort »Mafia« gehaucht wurde. Und ich stellte fest, dass die allgegenwärtige Angst vor der sogenannten Mafia der Drogengangs und Schlepper die guten Menschen einander nähergebracht und für wachsame Gemeinschaften gesorgt hatte.

Je näher ich der Grenze kam, desto schriller die Warnhinweise, bis schließlich an der Grenze selbst der US-amerikanische Immigration Officer eine meiner Fragen mit dem Satz beantwortete: »Ich habe keine Ahnung. Keinen Schimmer. Ich war nie da«, seinen blauen Uniformarm ausstreckte und mit dem gelben Nagel eines behaarten Fingers auf das 15 Meter lange, sonnige Straßenstück nach Mexiko zeigte.

Nach TJ: Aquí empieza la Patria

Um ein Bild von der gesamten vieldiskutierten Grenze zu bekommen, wollte ich nicht von McAllen aus nach Reynosa hinüberwechseln, sondern in Tijuana eine lange Transversale beginnen und die gesamte frontera entlang von West nach Ost fahren, von San Ysidro, Kalifornien, bis Brownsville, Texas, beziehungsweise von Tijuana nach Matamoros, immer im Zickzack zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko hin und her von einer Grenzstadt zur anderen wechselnd. Am östlichen Ende wollte ich dann von Reynosa aus direkt in den Norden zurück.

Ins texanische McAllen und die umliegenden Städte wie Hidalgo, Mission, Progress und Pharr kommen viele Mexikaner aus den grenznahen Orten zum Einkaufen herüber. Mexikanische Arbeitskräfte mit Visa aus den Bundesstaaten Nuevo León und Tamaulipas bevölkern allmorgendlich die Brücken, über die sie am Ende des Arbeitstags wieder heimkehren. Wie so viele andere große Grenzstädte der USA sind diese Orte lebendig und zweisprachig. Ihr Wohlstand speist sich aus den Ausgaben der mexikanischen Besucher und der Leistungsfähigkeit mexikanischer Tagelöhner, ohne die zur Erntezeit wenig von den Feldern eingebracht würde. Texaner fahren nicht zum Vergnügen nach McAllen, Mexikaner tun das schon.

Ich sollte anfügen, dass McAllen und die Nachbarstädte auch von Migranten aus den ärmeren Bundesstaaten wie Oaxaca und Michoacán belagert werden, die von Schleppern – hier heißen sie entweder Kojoten oder polleros – über den Rio Grande gelotst werden. Es kommt vor, dass Migranten auf der Flucht vor der Grenzpolizei durch Vorstadtgärten rennen oder, manchmal gleich dreißig auf einmal, in sogenannten »Safe Houses« in gutbürgerlichen Vierteln darauf warten, dass die Kartelle und Schleuser sie an den Kontrollpunkten der USA vorbei weiter nach Norden bringen. Oft genug halten die Menschenhändler sie in diesen Häusern als Geiseln und zwingen sie, von ihren Familien in Mexiko per Telefon Lösegeld zu verlangen.

Ich übernachtete in McAllen und fuhr am Morgen westwärts, über die Route 83, entlang der Grenze, die hier vom Rio Grande gebildet wird, vorbei an Roma und, an den Ufern des Ortes Zapata, am hier über drei Kilometer breiten, vom Falcon-Damm an seinem Südostende aufgestauten Lake Falcon. Bei Laredo führte mich die Straße ins Landesinnere, in die Farmersiedlungen des texanischen Südens, dann nach Osten durch die bleichen Kalkberge und tiefen Schluchten von Box Canyon mit dem 35 Kilometer langen, von der Grenze zweigeteilten Amistad Reservoir, das in einem blaugrünen Meer von mannshohen Wacholderbüschen und verkrüppelten Eichen liegt. Weiter westlich kam wirkliche Wildnis. Sie sah anders aus als die altbekannte texanische Wüste: Hier wuchs ein strauchiger, dichter, anscheinend undurchdringlicher Wald aus Johannisbrotbäumen und Zedern. Es war menschenleer abgesehen von den Patrouillenwagen auf den Feldwegen und dann und wann einem Kontrollpunkt mit Spürhunden und Grenzpolizisten, die einen am Stoppschild mit einem knappen »Sind Sie ein Staatsbürger der USA?« begrüßten.

Bei Anbruch der Dunkelheit ging es weiter weg von der Grenze hinauf in die High Plains: die Grenze zwischen Langtry West bis Big Bend ist zu zerklüftet für Straßen, ein wilde Berggegend aus Schluchten und krallenartigen Graten, eine ziemliche Herausforderung für Grenzgänger. Nach fast 900 Kilometern Fahrt von McAllen erreichte ich Fort Stockton, wo die Motels voller müder Arbeiter waren, abgekämpft nach einem harten Arbeitstag in den Ölfeldern im Nordwesten der Stadt.

Am nächsten Morgen nahm ich die I-10 nach Westen zum wohlhabenden Großraum von El Paso mit seinem Rundblick auf die staubigen, flachen Siedlungen um Ciudad Juárez, dann fuhr ich weiter auf den geraden Straßen in der dürren Hochebene von New Mexico bis zu den sanften Hügeln und milden, bewaldeten Tälern des südlichen Arizona. Ich genoss die Leere, die Schattenmuster der Bäume an den trockenen Straßenrändern, passierte Tucson mit seinen einzelnen gedrungenen Bergen und flachen grauen Ebenen, wählte einfach einen Ort aus, es war Gila Bend, und suchte mir ein Motel für die Nacht.

Am Tag darauf schmiegte sich die Straße wieder näher an die Grenze; am Horizont südlich von Yuma und Calexico war Mexiko zu sehen: hinter den grünen Feldern von Date City der helle Schein von Mexicali. Ich fuhr durch El Centro – ein heruntergekommenes Geviert aus glühenden Straßen und ausgebleichten Bungalows – und dann ins Imperial Valley, das William T. Vollmann in Imperial verewigt hat, einem gelehrten sozialkundlichen Werk. Später hinein in die Geröllhügel – Berge, die aussehen wie aus glatten Kieseln aufgeschüttet – Richtung Otocillo und Jacumba Wilderness Area, bis ich auf die Wüstenstraße abbog, die nach Portrero, Dulzura, und schließlich in den kleinen, ärmlichen verschlafenen Ort San Ysidro führt: Gegenüber, hinter dem Zaun, lärmt das geschäftige, ausgelassene Tijuana.

Travesía de la Frontera: ein Grenzübertritt

Zwitschernde, kläglich piepsende Singvögel verbargen sich im verfilzten Dickicht hoch aufgeschossener Sträucher wie der blühenden Baccharis salicifolia, dem »Maultierfett«, und spillerigen Weiden. Ich begann meinen Grenzübertritt mit einem Gang auf einer Sandpiste am Rande des Border Field State Park in San Ysidro im Süden von San Diego. Mir war schon am Anfang meiner Reise klar gewesen, dass diese Grenze kein glatter Messerschnitt ist, kein sauberer Schmiss in der Landschaft. So existiert sie allenfalls in der Vorstellung von Politikern und Kartographen. Wie die meisten anderen Staatsgrenzen auch ist sie ein verwischter Streifen, an dem Mexiko nicht einfach aufhört, sondern hie und da überschwappt und damit für die typische gemischte kulturelle Identität des Grenzlandes sorgt.

Nach der letzten Volkszählung von 2010 waren die Einwohner San Ysidros zu 93 Prozent hispanisch. Im Vergleich zu den bescheidenen Häusern im kümmerlichen San Ysidro thronten die Villen auf der Anhöhe der Calle Cascada drüben in Tijuana sehr stolz auf ihrem natürlichen Bollwerk.

Das war am westlichsten Punkt der Grenze. Sie wird von einem hohen rostfarbenen Zaun aus Eisenstangen markiert – er verläuft parallel zu einem älteren, niedrigeren – und endet unter Wasser im Pazifik. An diesem Vormittag war zufällig Ebbe, und mir wurde klar, welche Rolle dieses Detail spielt: Bei Ebbe können sich Einwanderer leichter um den Zaun herumhangeln, den festen Sand hinaufrennen und sich dann in die US-amerikanischen Büsche schlagen.

In diesen Park haben sich nicht nur piepsende Vögel geflüchtet; auch menschliche Wesen in Not suchen hier Zuflucht. Drei ehemals vom Aussterben bedrohte Vogelarten sind hier dank der Bemühungen von Naturschützern wieder heimisch und bauen fleißig ihre Nester: die Seezwergschwalbe mit ihrem »Kip-kip«-Gezwitscher, der Seeregenpfeifer und die seltene Klapperralle: Ihr schepperndes »ik-ik-ik« ist überall zu hören. Die Migranten sind lautlos.

Autos sind verboten in diesem baumlosen Gelände, das wenig Ähnlichkeit mit einem Park hat; nur Wanderer und Vogelfreunde haben hier Zutritt. Es ist sandiges Ödland, Sandwege führen durch niedrige Dünen und sumpfiges Marschland zur Mündung des Tijuana River. Das dürre Gestrüpp ist stellenweise gerade hoch und dicht genug, dass sich ein Mensch darin verstecken kann. Ich war an diesem heißen Tag allein. Es war nichts zu hören außer Vogelgezwitscher, das bald vom nahenden Brummen zweier Quads der Grenzpatrouillen übertönt wurde, die viel zu schnell an mir vorbeischossen und mit ihren großen Reifen feuchten Sand aufwarfen.

»Die suchen jemanden, der wegen der Ebbe gerade rübergekommen ist«, erklärte ein Parkranger. Ich hatte seinen Truck angehalten, um nach dem Weg zu fragen. »Er ist irgendwo da drüben.«

Der Migrant war offenbar im Gestrüpp am Nordende des Marschlandes an Land gekommen und versteckte sich jetzt im hohen Gras, das von Imperial Beach aus zu sehen war. Die Männer auf den Quadbikes suchten die Gegend ab, und inzwischen schwebte auch ein Helikopter über Turmfalken und anderen Greifvögeln.

»Wenn sie ihn nicht kriegen, bis es dunkel ist«, sagte der Ranger, »dann macht er sich mitten in der Nacht auf die Socken.« Mit einem Lächeln erinnerte er sich: »Vor Jahren war das noch anders, da hab ich schon mal dreißig, vierzig Kerle gesehen, die einfach so auf den Zaun losgegangen sind, weil sie annehmen konnten, dass zwei oder drei es schaffen würden. Sieht man heutzutage nicht mehr.«

Ich ging weiter; näher am Zaun sah ich drüben einen Tijuanero mit herumtollenden Hunden, er hatte die Arme um einen grünen Gartenschlauch geschlungen, und seine Hunde bellten ihn an, als wollten sie ihn zum Spielen auffordern. Mit dem Gartenschlauch in der Hand blickte er zum Zaun herüber und zu mir.

Ich winkte. Er winkte zurück. Dann ließ er den verwickelten Schlauch fallen und begann, mit den Hunden zu spielen. Ich ging weiter – über mir ragte die Monumental Plaza de Toros auf der mexikanischen Seite auf, ein Wandgemälde zeigte die vereinten Flaggen von Mexiko und den USA mit der Aufschrift »Love Trumps Hate« und »El Amor Vence al Odio« – bis dahin, wo das mit Eisenplatten verkleidete Gitter etwa hundert Meter hinter dem Strand unter der Wasseroberfläche endet. Die Quads der Küstenwache dröhnten noch immer, der Hubschrauber knatterte weiter, und ein Offizier der Grenzpatrouille stand neben seinem markanten weiß-grünen Fahrzeug und suchte mit dem Feldstecher den Horizont ab. Irgendwo im Marschland zwischen dem Fluss und Sunset Spur versteckte sich ein Mann, kauerte da wie ein Kaninchen im Dickicht, totenstill, mit eingezogenem Kopf und rasendem Herzklopfen.

Was er getan hatte, war nichts Außergewöhnliches. Er hatte sich wohl die Gezeiten notiert, die Stadtmitte von Tijuana passiert, war bis zum westlichen Stadtrand im Wohngebiet Jardines Playas de Tijuana gegangen, hatte die mehrspurige Küstenstraße, die Avenida del Pacífico, überquert, war Richtung Kai zur Strandpromenade, dem Paseo Costero, hinuntergegangen, dann von der niedrigen Mauer aus auf den Sand gesprungen und bis zum Zaun gelaufen, der hier den Strand durchschneidet. Wäre er ein guter Schwimmer gewesen, hätte er ein Stück weit aufs Meer hinausschwimmen, das Ende des Zauns umrunden, auf den Wellen der Brandung in die USA reiten können und wäre beim International Friendship Park an Land gegangen.