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Der Widerstand gegen die destruktiven Folgen des zu Hermann Hesses Lebzeiten angesagten Zeitgeistes hat sein Leben und Werk auf unterschiedlichste Weise bestimmt. Auf welche Weise sich die Suche des Dichters nach zukunftsorientierten Alternativen in seiner Biographie und den meist unmittelbar daraus hervorgegangenen Schriften niedergeschlagen hat, zeigt dieses kurzgefasste Lebensbild in seltener Prägnanz.
Die Abwehr, die sein konstruktives Weltbild seit dem Ersten Weltkrieg lebenslang bei den konjunkturhörigen Tonangebern des jeweiligen Zeitgeistes gefunden hat, erklärt sich daraus ebenso wie das Vertrauen, das ihm und seinen Werken heute von Lesern aus aller Welt entgegengebracht wird.
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Seitenzahl: 241
Veröffentlichungsjahr: 2024
Volker Michels
Auf den Einzelnen kommt es an
Hermann Hesse – Ein Lebensbild aus seinen Briefen
Suhrkamp
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eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2024
Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage des suhrkamp taschenbuchs 5432.
Originalausgabe© Suhrkamp Verlag AG, Berlin, 2024
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Umschlaggestaltung: Rothfos & Gabler, Hamburg
Umschlagabbildung: Hermann Hesse in der Casa Rossa, ca. 1943. Foto: Martin Hesse, © Martin Hesse-Erben
eISBN 978-3-518-77906-4
www.suhrkamp.de
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Vorwort
Zu diesem Buch
Die Jahre 1881-1904
Meiner lieben Mutter
Die Jahre 1905-1915
Die Jahre 1916-1923
Die Jahre 1924-1932
Die Jahre 1933-1939
Die Jahre 1940-1946
Die Jahre 1947-1950
Worte des Meng Hsiä
Die Jahre 1951-1957
Die Jahre 1958-1962
Bildnachweise
Informationen zum Buch
Ist es mehr als ein Gerücht, dass Hermann Hesse tot sei und das nun bereits seit mehr als sechs Jahrzehnten? Ich glaube kein Wort davon. Denn lebendiger kann man nicht sein als dieser Dichter, dessen Werke mittlerweile in über 80 Sprachen übersetzt und weltweit in mindestens 150 Millionen Exemplaren verbreitet sind. Zugegeben, es wäre müßig, nach dem leibhaftigen Autor zu suchen. Doch sein körperliches Ende ist noch lange kein endgültiges, wie es uns die Platzanweiser des Kulturbetriebs hierzulande weiszumachen versuchten. Er hat ihnen weder damals noch heute in den Kram gepasst, als er 1912, zwei Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, als erster freiwilliger Emigrant das militante und auf kolonialistische Expansion bedachte Deutschland des selbstherrlichen letzten Kaisers für immer verließ und allem, was dort künftig politisch geschah, den Rücken gekehrt hat. Beliebt wird man dadurch nicht bei den jeweiligen Machthabern, und man muss es in Kauf nehmen, als Außenseiter, wenn nicht gar als Vaterlandsverräter gebrandmarkt zu werden. Denn honoriert werden meist nur die Mitläufer, die aber dann ebenso rasch wieder verschwinden, wenn sich die Windrichtung des jeweils angesagten Zeitgeistes ändert. Nicht so Hermann Hesse, der nun schon seit weit über hundert Jahren von jeder jungen Generation neu entdeckt wird. Denn er hatte sich zeitlebens allen Verlockungen politischer Vereinnahmung widersetzt und nur seinem eigenen inneren Kompass vertraut, sei es auch um den Preis, dafür als Spielverderber ausgegrenzt zu werden. Selbst der Nobelpreis änderte wenig an der Ablehnung des kulturellen Establishments, den er wie alle Auszeichnungen, die daraufhin endlich auch in Deutschland folgten, nicht selbst entgegennahm, weil ihm alles Offizielle und Repräsentative zuwider war und er sich, wie er sagte, dabei vorgekommen wäre »wie ein kostümierter Affe«. Er mochte der Verlegenheit, mit der sich die offizielle Welt »gegenüber inoffiziellen Leistungen« durch Preisverleihungen erwehrt, nicht auch noch Vorschub leisten. Wer sich allen, noch so gut gemeinten Vereinnahmungsversuchen seitens der Öffentlichkeit widersetzt, muss sich nicht wundern, wenn auch der Kulturbetrieb sich ihm entzieht. So war sein Tod am 9. August 1962 der deutschen Presse kaum mehr als eine Fußnote wert, ganz im Gegensatz zu dem rätselhaften Ende der etwa gleichzeitig verstorbenen Marilyn Monroe. Sind doch Klatsch, Skandal, Sensation und Sexappeal die gewinnträchtigsten Prioritäten unserer Medien. Die Nachrufe auf Hesse gipfelten seinerzeit in der Prognose, dass mit diesem anachronistischen und weltfremden »Autor des individuellen Katzenjammers« (»Süddeutsche Zeitung«, München) in Zukunft wohl »kein Blumentopf« (»Die Zeit«, Hamburg) mehr zu gewinnen sei.
Doch da hatte man die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn schon fünf Jahre später wendete sich das Blatt, als im Verlauf des Vietnamkriegs eine junge Generation von US-amerikanischen Kriegsgegnern ihre Einberufungsbefehle und Wehrpässe verbrannte und unter der Devise »Make love, not war!« sich auf Hermann Hesse berief und es immerhin erreichte, dass 1973 in den USA die Wehrpflicht abgeschafft werden musste. Das wird leider stets unterschlagen, wenn von der Protestgeneration der Hippies mit ihrem Hang zum Konsum psychedelischer Drogen die Rede ist, einer Konfliktflucht, die Hesse nie toleriert hat. Als ob politische und persönliche Konflikte durch Psychopharmaka lösbar wären! Dass der amerikanische Psychologieprofessor Timothy Leary sich auf die Romane »Siddhartha« und »Steppenwolf« glaubte berufen zu können, um seine Drogenexperimente mit einem Nobelpreisträger zu legitimieren, war eines der verhängnisvollsten Missverständnisse der dortigen Hesse-Rezeption. Ist doch nirgendwo in Hesses Schriften und schon gar nicht im »Siddhartha« von Drogen die Rede, es sei denn im »Steppenwolf«, wo Harry Haller vom Saxophonspieler Pablo durch eine geheimnisvolle Tinktur und Zigarette animiert wird, das »Nur für Verrückte« bestimmte »Magische Theater« seines Unterbewusstseins kennenzulernen.
Die Wellen, die dieses Phänomen rund um den Globus auslöste, schwappten denn auch zurück nach Europa und veranlassten Hesses deutschen Verlag Suhrkamp, sich genauer für den Nachlass des Dichters zu interessieren. Dabei stellte sich heraus, dass fast all seine journalistischen, politischen und kulturkritischen Schriften, mit welchen er in etwa 60 verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften das zeitgenössische Kulturleben begleitet hat, noch nie in Buchform erschienen waren. Hier fanden sich Beiträge, die das Zeitgeschehen seit der Jahrhundertwende auf ebenso fördernde wie vorausblickende Weise kommentieren, nicht ohne dabei unserem Eurozentrismus einen Dämpfer zu verpassen. So konnte, zunächst in zahlreichen Themenbänden und schließlich mit der 2005 abgeschlossenen 20-bändigen ersten Gesamtausgabe, dieses überraschend ergiebige Material reaktiviert und damit sein vordem greifbares schriftstellerisches Werk um etwa 7000 Seiten verdoppelt werden. Hinzu kamen Hesses gleichfalls wenig bekannten bildnerische Arbeiten, mehr als 3000 Aquarelle und Zeichnungen, von deren Vielfalt und expressivem Reiz zu seinen Lebzeiten wohl kaum jemand eine Vorstellung hatte, weil er auch davon wenig Aufhebens gemacht und kaum etwas davon publiziert hat.
Seine selbstkritische Bescheidenheit ist rekordverdächtig. Stets hat er seine Leistung eher verkleinert als sie herausgestellt. Freilich gab es für Hesses Selbstdarstellungsaskese auch sachliche Gründe. Denn schon zu Lebzeiten war das Echo auf seine Bücher dermaßen lebhaft, dass sie ihm mehr als 45 000 Leserbriefe eintrugen, die zu beantworten ihm eine schier unerträgliche Last war. Dieser Zumutung wollte er sich aber dennoch unterziehen, weil er sich für die Wirkung seiner Bücher verantwortlich fühlte und, wie er sagte, »heute die Vernunft nicht mehr dort anzutreffen ist, wo die politische Macht liegt«, sondern »ein Zustrom von Intelligenz und Intuition aus nichtoffiziellen Kreisen stattfinden muss, wenn Katastrophen verhindert oder gemildert werden sollen«. Auf den Einzelnen und die subversive Gegensteuerung der Nonkonformisten kam es ihm an – in seinen Lesern sah er solche Einzelne.
Hätte er nun neben seinen Dichtungen, den Romanen, Erzählungen und seiner Lyrik, auch noch all jene journalistischen Artikel, die essayistischen, politischen und zeitkritischen Veröffentlichungen zusammengefasst, dann wäre die Postflut mit der Sozialarbeit ihrer Beantwortung ins Unermessliche gestiegen und hätte seinen eigentlichen dichterischen Plänen vollends den Garaus gemacht. Dies mag ein weiterer Grund gewesen sein, zu Lebzeiten auf ihre Überlieferung in Buchform zu verzichten.
In den letzten Jahrzehnten sind nun auch diese vordem nur schwer erreichbaren Texte zugänglich geworden und haben erheblich dazu beigetragen, Hesses Popularität zu steigern. So hat sich die Auflage seiner Bücher seit seinem Tod im deutschen Sprachraum versechsfacht gegenüber den vier Millionen, die zu seinen Lebzeiten dort ausgeliefert worden sind. Von dem damit verbundenen inhaltlichen Zugewinn haben unsere Medien freilich nur wenig Notiz genommen. Hesses Bewertung folgt meist noch den überkommenen Innerlichkeitsparolen aus den 1950er Jahren.
Und so gibt es wohl keinen Autor des 20. Jahrhunderts, der im Verhältnis zu seiner weltweiten Verbreitung und seiner Akzeptanz beim Publikum in der öffentlichen Wahrnehmung unserer Meinungsmacher dermaßen vernachlässigt und bagatellisiert wird wie Hesse. Bei wohl keinem anderen ernstzunehmenden literarischen Autor klafft die Schere zwischen Popularität und offizieller Wertschätzung so weit auseinander. Gewiss, die Verbreitung seiner Bücher ist mittlerweile nicht mehr zu bestreiten, aber dann oft mit dem hochnäsigen Zusatz, dass ein so erfolgreicher Schriftsteller ja nur Trivialliteratur produziert haben könne. Das sind die Fertigteile, mit denen man sich hierzulande immer wieder um eine inhaltliche Auseinandersetzung drückt. Über Marcel Reich-Ranicki, den Wortführer solcher Überheblichkeiten, und die Methoden, mit denen er ein halbes Jahrhundert in Deutschlands meinungsbestimmenden Blättern den Dichter verächtlich zu machen versuchte, weil er es nicht ertragen konnte, dass die Breitenwirkung Hesses diejenige seines Favoriten Thomas Mann zu übertreffen drohte, habe ich in einem Erfahrungsbericht Auskunft gegeben.
»Eigensinn macht Spaß.« Dieser Wink stammt aus einer der vielen tausend Antworten dieses Dichters auf Briefe von Lesern, die nach der Lektüre seiner Bücher solches Vertrauen zu ihm gefasst hatten, dass sie ihm um Rat bei ihren eigenen Lebensproblemen fragten. Und wie ein Leitmotiv durchzieht denn auch der Eigensinn sein Leben und Werk. Denn Eigensinn ist das Gegenteil von Anpassung, er kann als mutwillige Aufsässigkeit, als trotziger Starrsinn oder als störrische Rechthaberei auftreten, und in diesem Sinne, also zumeist negativ, wird dieser Begriff in der Regel leider auch gebraucht. Eigensinn kann aber auch in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes vorkommen, der Hesse wieder zu ihrem Recht verhelfen wollte: als Mut zur Eigenständigkeit, als abenteuerliche Expedition zu uns selbst, als Erforschung und Entfaltung unserer persönlichen Anlagen im Widerstand gegen den Konformitätsdruck von außen, um das bewahren und realisieren zu können, was uns ausmacht: nämlich das in jedem Menschen unterschiedliche und ganz unverwechselbare Potential, welches die Biologen als den genetischen Code bezeichnen. Denn einen Menschen wie Sie und mich hat es vorher noch nie gegeben und wird es auch nicht mehr geben. Die Natur kennt keine Kopien. Jeder von uns ist ein Unikat. Als Unikate kommen wir zur Welt und enden zumeist als Kopien des jeweiligen Konsenses.
Mitten im Ersten Weltkrieg, der 17 Millionen Menschen das Leben kostete, schrieb Hesse in seiner Erzählung »Demian«: »Was das ist, ein wirklich lebender Mensch, das weiß man heute allerdings weniger als jemals, und man schießt denn auch die Menschen, deren jeder ein kostbarer, einmaliger Versuch der Natur ist, zu Mengen tot. … Jeder Mensch aber ist ja nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz besondere, in jedem Fall wichtige und merkwürdige Punkt, wo die Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum ist jedes Menschen Geschichte wichtig, ewig, göttlich, darum ist jeder Mensch, solange er irgend lebt und den Willen der Natur erfüllt, wunderbar und jeder Aufmerksamkeit würdig. In jedem ist der Geist Gestalt geworden, in jedem leidet die Kreatur, in jedem wird ein Erlöser gekreuzigt.«
Nie hätten Hesses Vorfahren und Eltern, die ja protestantische Theologen waren und die es als Missionare bis nach Indien getrieben hat, wo auch die Mutter des Dichters geboren ist, nie hätten sie solch einen Vergleich toleriert. Nie hätten sie das ebenso eigenständige wie kosmopolitische Welt- und Menschenbild akzeptieren können, zu dem Hesse im Widerstand gegen die alleinseligmachende Enge des damals noch ganz obrigkeitshörigen Kirchen-Christentums vorgedrungen ist.
Die Reibung mit dieser Herkunft steht denn auch am Anfang seiner Entwicklung. Schon ab seinem 13. Lebensjahr wusste Hesse, dass er »entweder ein Dichter oder gar nichts werden wollte«. Die Eltern aber hatten ganz andere Pläne mit ihrem Sprössling, nachdem er mit gutem Ergebnis das Württembergische Landexamen bestanden und somit die Berechtigung zu einem kostenlosen Studium der Theologie erworben hatte. Was lag da näher, als dass auch er die Familientradition fortsetzte und wenn schon nicht Pastor würde, so doch wenigstens den damals größten deutschen Missionsverlag weiterführe, den der Großvater und nach ihm seine Eltern geleitet hatten?
Mit der Flucht aus dem Theologischen Seminar widersetzte sich der 14-Jährige diesen Plänen, wurde daraufhin in ein Sanatorium geschickt, wo ihm der Teufel seines Eigensinns ausgetrieben werden sollte. Vergeblich. Nach einem missglückten Versuch, sich das Leben zu nehmen, landet er bald darauf in einer »Heilanstalt für Schwachsinnige und Epileptische«. »Leb wohl du altes Elternhaus ihr werft mit Schande mich hinaus«, reimt er damals. »Zum Teufel geht die Freiheit auch, / Sie war ja immer höchstens Rauch … / Ich werd ins Irrenhaus geschickt, / wer weiß, ich bin wohl gar verrückt.«
Wir kennen die weiteren Stationen des dornenreichen Hindernislaufes, den es zu absolvieren galt, bis Hesse endlich als Buchhändlerlehrling im Alter von 21 Jahren auf eigene Kosten sein erstes Gedichtbuch »Romantische Lieder« veröffentlichen konnte. Ich erwähne diese dramatischen Anfänge nur, weil sie die Emanzipationstendenz in Hesses Büchern erklären und etwas von der Unterdrückung zeigen, die seine künftige Sympathie mit den Opfern jeder Bevormundung verständlich macht. Sein lebenslanger Widerstand gegen die Vergewaltigung individueller Eigenart, sei sie nun religiös oder politisch, der sein Werk durchzieht, die Bestärkung der Leser in dem, was sie von den Normen trennt, erklärt sich daraus, aber auch seine Neugier auf alle Kulturen mit größerer Toleranz und mehr Respekt vor der Vielfalt der Lebensformen, wie etwa diejenigen Asiens.
In seinem ersten Roman, »Peter Camenzind«, hat er 1903 der beginnenden Industrialisierung, dem Merkantilismus und der Militanz des deutschen Kaiserreiches ein naturverbundeneres Lebensmodell entgegengesetzt. Das Buch war ein Aufbegehren gegen die Einäugigkeit des Fortschritts, gegen die Versklavung des Lebens durch Stechkarte und Stoppuhr. Die vielgerühmten Vorteile der Mechanisierung und der angebliche Gewinn an Zeit, den unsere Rationalisierungstechnologie brachte, waren Hesse schon damals nicht geheuer, weil ja der ganzen Betriebsamkeit und Beschleunigung kein Gewinn an Lebensqualität entsprach. Es sei, schrieb Hesse 1907 in einem Brief, »mit den Maschinen wie mit allem, die paar guten und freien Menschen werden gefördert, aber den Millionen Lumpen wird ihr Betrieb ebenfalls erleichtert«. Schon damals schienen ihm die wenigsten seiner Zeitgenossen der inneren Mündigkeit gewachsen, die der technische Fortschritt verlangt, der auch die Skrupellosen in die Lage versetzt, ihre Ziele rascher zu erreichen. Und so zielt sein ganzes Werk auf eine Festigung der Persönlichkeit, um uns tauglich für die Verantwortung zu machen, welche die technologischen Errungenschaften den Menschen abverlangen.
Es gibt Zeitgenossen, die das für romantisch und überholt halten. Es ist, scheint mir, so unzeitgemäß wie ein blühender Baum in einem zubetonierten Ballungszentrum … Dabei war Hesse durchaus kein Feind der Technik und der Neuerungen. Als einer der ersten Autoren bediente er sich der Schreibmaschine und erprobte, als es noch ein Wagnis war, ab 1911 die ersten Flugzeuge, und 1916 als einer der ersten Dichter auch die Methoden der Psychoanalyse, die damals ja noch in ihren Anfängen steckte.
In seinem zweiten Roman, »Unterm Rad«, rechnet er ab mit dem autoritären Schulsystem seiner Zeit, der vormilitärischen Anpassungs- und Wettbewerbsdressur, bei der ein sensibler und begabter Schüler in den Selbstmord getrieben wird. Dieses Buch ist heute in Japan sein populärstes, wo Hesse übrigens nach wie vor der beliebteste europäische Autor ist und seine Bücher in mehr als 20 Millionen Exemplaren verbreitet sind. Warum? Weil in Japan, wo die Kinder schon vom Vorschulalter an uniformiert und bis ins Berufsleben hinein einem unmenschlichen Selektionsdruck ausgeliefert werden, die Schülerselbstmordrate eine der höchsten in der Welt ist. Aber auch in Korea, wo er inzwischen so viel gelesen wird, dass allzu geschäftstüchtige Verleger unter seinem Namen Bücher veröffentlichen, die gar nicht von ihm stammen.
Bei Hesse finden junge Menschen Verständnis für ihre Konflikte, weil er sie aus ganz ähnlichen Erfahrungen heraus bestärkt und ihnen Mut und Selbstvertrauen zu einem eigenen, nichtkonformistischen Weg gibt.
Wie Hesses Bücher wirken, hat uns der Schweizer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Adolf Muschg in einer charakteristischen Episode überliefert. Während einer Gastdozentur unterwegs in den USA musste Muschg seinen Leihwagen auftanken. Den Tankwart fand er in ein Buch vertieft, in eine amerikanische Ausgabe von Hermann Hesse. Auf die Frage, warum gerade von diesem Autor, bekam er zur Antwort: »Because Hesse likes me.«
Auch ein Teil der erstaunlichen Wirkungsgeschichte von Hesses Büchern hängt damit zusammen. Nicht ohne Grund hat dieser Autor immer nach Kriegen, in Zeiten des Wertezerfalls und der Neuorientierung, Renaissancen erlebt. Das mag mit den vielen lebensbedrohlichen Krisen zusammenhängen, die sein übersensibles Naturell anzog wie ein Blitzableiter die Elektrizität und die er nur, wenn er sie ausdrückte, meistern und ihnen ein konstruktives Ende abgewinnen konnte. So sind seine Bücher zunächst eine Art Autotherapie, Selbstheilungsversuche von den Zumutungen des Lebens und der Zeitgeschichte, Kontrastprogramme, deren befreiende Energie sich auch auf seine Leserschaft überträgt, zumal ihr Verfasser auch gegen sich selbst unnachsichtig vorgeht und falsche Harmonisierungen meidet.
Der Leidensdruck, unter dem nicht wenige seiner Dichtungen entstanden sind, befähigte ihn, das Schwierige einfach zu sagen und das Komplizierte verständlich darzustellen. Und weil die Entwicklung des Eigensinns, der individuellen Anlagen, der Selbstfindung, Selbstbehauptung und Selbstverwirklichung in der Jugend die größte Rolle spielt, ist es kein Wunder, dass mehr als die Hälfte seiner Leser der Altersgruppe zwischen 14 und 35 Jahren angehört, gefolgt von Lesern im Rentenalter, während die Generation der Berufstätigen nicht annähernd so sehr ins Gewicht fällt. Denn offenbar stört Hesse beim Kapitalvermehren. Es ist schon ein merkwürdiges Phänomen: Solang wir noch jung und voller Ideale sind, lesen wir diesen Dichter, während viele nichts mehr mit ihm anfangen können, sobald sie berufstätig sind, sobald Ideale zu Karrierekillern werden können – um dann aber bezeichnenderweise wieder als Rentner, wenn sie ihre Wettbewerbs-Mimikry hinter sich haben, erneut zu Autoren wie Hesse und den guten Vorsätzen ihrer Jugend zurückzufinden.
Wer eigensinnig ist und sich der Gruppendynamik widersetzt, wer sich weigert, fragwürdige Verhaltensweisen mitzumachen, der wird schnell zum Außenseiter. Und unfreiwillige Outsider sind sie ja fast alle, die Sympathieträger in Hermann Hesses Erzählungen und Romanen. Es sind Sonderlinge und Abgeschobene wie der Straßenfeger »Garibaldi«, »Der Hausierer« oder die Insassen des Altersheims »In der alten Sonne«, Verfolgte wie »Der Wolf« oder Verbrecher wie »Klein und Wagner«, Vaganten wie der Landstreicher »Knulp«, unglücklich Verliebte wie »Hans Amstein«, der »Lateinschüler« oder der Musiker Kuhn im Roman »Gertrud«, aus irgendeiner Not kriminell Gewordene wie der Friseurgehilfe »Ladidel«, der Kaufmannslehrling »Emil Kolb« oder der »Pater Matthias«. Es sind Abenteurer wie Casanova, »Berthold« und Goldmund. Es sind an ihrer Zeit und sich selbst Verzweifelnde wie »Der Steppenwolf« oder auch Neuerer wie »Der Waldmensch«, »Demian« und der Maler Klingsor. Es sind Weltverbesserer wie »Franz von Assisi«, »Doktor Knölge« und »Robert Aghion«, viele davon Menschen, die mit ungewohnten Existenz- und Glaubensformen experimentieren.
Das Erlebnis, dort Erfahrungen, Regungen und Antriebe ausgesprochen, bestätigt, legitimiert und ermutigt zu finden, die man sich oft kaum einzugestehen wagt, weil sie uns in Konflikt bringen mit den Erwartungen unserer an schnellstmöglicher Rentabilität orientierten Gesellschaft, hat etwas Befreiendes. Vom frühen Roman »Peter Camenzind« bis hin zum Alterswerk »Das Glasperlenspiel« spiegeln Hesses Bücher auf unterschiedlichste Weise den Zuwachs an Lebensintensität, aber auch die Konflikte, die sich aus eigenständigem Verhalten gegenüber den Herausforderungen und Zumutungen der Zeitgeschichte ergeben. Entweder werden sie direkt thematisiert wie in »Unterm Rad«, »Demian«, »Kurgast«, »Die Nürnberger Reise« und »Der Steppenwolf«, oder sie heben sich ab von der deprimierenden Gegenwart durch Entwürfe von Gegenwelten wie in »Peter Camenzind«, »Knulp«, »Siddhartha«, »Narziß und Goldmund« und »Das Glasperlenspiel«. Indem er dort zeigt, wie es sein könnte, weckt er die Sehnsucht, es so werden zu lassen. Doch ob Hesse die Probleme nun auf zeitkritische oder auf scheinbar zeitenthobene Weise angeht, ob er sie direkt beim Namen nennt oder erst durch den Kontrast von Alternativen durch Aussteiger und neue pädagogische Modelle sichtbar macht, überall finden seine Leser eine Stärkung des Individuellen und ihres Gewissens.
»Wir müssen nicht hinten beginnen«, heißt es nach dem Ersten Weltkrieg in seiner politischen Flugschrift »Zarathustras Wiederkehr«, »bei den Regierungen und politischen Methoden, sondern wir müssen vorn anfangen, beim Bau der Persönlichkeit, wenn wir wieder Geister und Männer haben wollen, die uns Zukunft verbürgen.«
Damals war er so ernüchtert von der Unbelehrbarkeit der Machthaber, dass er im Januar 1919 schrieb: »Staat ist Staat und Politik ist Politik, und beide taugen nichts und sind beschissene Einrichtungen. … Sie sind da, um uns und den Geist zu knebeln, damit er es nicht zu leicht habe. Ob als Oberhanswurst ein Kaiser an der Spitze reitet oder sonst jemand, ändert wenig daran.«
Nach Hesses Erfahrung ist der ärgste Feind und Verderber der Menschen der aus Denkfaulheit und Ruhebedürfnis kommende Drang nach dem Kollektiv, nach Gemeinschaften mit absolut fester Dogmatik, sei diese konfessionell oder politisch. Denn sie hindern uns daran, auf eigenen Beinen zu gehen statt auf Schienen. Deren Richtung aber ist bei jedem Menschen anders, weil jeder von uns über eine andere Mitgift von Talenten oder, naturwissenschaftlich gesagt, über einen anderen, unterschiedlichen Cocktail von Chromosomen, von Begabungen und Möglichkeiten verfügt. Und dieses Potential zu mobilisieren und auszuschöpfen, hält Hesse für unsere Chance und Aufgabe. Wirklichen Fortschritt gibt es für ihn immer nur da, »wo der Mensch das tut, wozu er da ist, was seine Art von ihm fordert, was er darum gut und gerne tut«. Denn: »Alle Dinge, die man gegen sein Gefühl und inneres Wissen tut, sind nicht gut und müssen früher oder später teuer bezahlt werden.«
»Ein Mensch«, sagt er, »dem es im Leben wohl ist, und der sich in Harmonie mit der Welt fühlt, ist für die Welt bekömmlicher als ein missvergnügter Streber.« So kann er all den Briefschreibern immer wieder nur zurufen: »Sagen Sie Ja zu sich, zu Ihrer Absonderung, Ihren Gefühlen, Ihrem Schicksal! Es gibt keinen anderen Weg. Wohin er führt, weiß ich nicht, aber er führt ins Leben, in die Wirklichkeit, ins Brennende und Notwendige … ihm entgehen durch Verrat am eigenen Schicksal und Sinn, durch Anschluss an die ›Normalen‹, das können Sie nicht. Es würde nicht lange gelingen und größere Verzweiflung bringen als die jetzige.« Und: »Leben Sie dem Drang Ihres Herzens nach. Es ist der beste Weg. Was gut und was schlecht ist, weiß ich nicht, es ist mir immer zweifelhafter geworden. Gut ist der Mensch, wenn zwischen seinen Anlagen und seinem bewussten Leben Harmonie herrscht, andernfalls kann er böse und gefährlich werden«, schreibt er 1919.
Wie man sieht, weigert sich Hesse, überkommene Rezepte und Richtlinien zu geben. Denn jeder Fall liegt anders. – Allenfalls gibt er Hilfen zur Selbsthilfe. Vor Führern und Leithammeln wird immer wieder gewarnt, auch wenn er sich selber in diese Rolle gedrängt fühlt. So zum Beispiel im Oktober 1928, wo er erwidert: »Gerade das, was sie bei mir suchen und von mir wollen, kann ich nicht geben. Ich bin kein Führer und will und darf keiner sein. Ich habe durch meine Schriften zuweilen jungen Lesern dazu gedient, bis dahin zu kommen, wo das Chaos beginnt, das heißt, wo sie allein und ohne helfende Konventionen dem Rätsel des Lebens gegenüberstehen. Für die meisten ist schon das eine Gefahr, und sie kehren denn auch wieder um und suchen neue Anschlüsse und Bindungen.« So hat er auch für Hesse-Fans wenig übrig, wie aus einer Antwort vom Oktober 1951 hervorgeht: »Was mir an einem Glauben wie dem Ihren nicht ganz gefällt, ist die Einseitigkeit, mit der Sie ihn an meine Person und meine Schriften knüpfen. Denn dieselben Wahrheiten sind überall, durch alle Zeiten und Literaturen von einer geistigen Oberschicht der Menschheit geglaubt und gesagt worden.« In hunderten seiner lebenslang veröffentlichten Empfehlungen lesenswerter Bücher hat er immer wieder darauf hingewiesen. Sie füllen fünf umfangreiche Bände der Gesamtausgabe.
»Das Leben«, so schreibt er, »stellt jedem eine andere einmalige Aufgabe, und so gibt es auch nicht eine angeborene und vorbestimmte Tauglichkeit zum Leben, sondern es kann der Schwächste und Ärmste an seiner Stelle ein würdiges und echtes Leben führen und anderen etwas sein, einfach dadurch, dass er seinen Platz im Leben und seine besondere Aufgabe annimmt und zu verwirklichen sucht. Das ist echtes Menschentum und strahlt immer etwas Edles und Heilendes aus, auch wenn der Träger dieser Aufgabe in den Augen aller ein armer Teufel ist, mit dem man nicht tauschen möchte.« Solche armen Teufel hat Hesse in seinen Büchern mit Vorliebe gezeichnet.
»Es gibt für uns«, sagt er, »keinen anderen Weg der Entfaltung und der Erfüllung, als den der möglichst vollkommenen Darstellung des eigenen Wesens. … Dass dieser Weg durch viele moralische und andere Hindernisse erschwert wird, dass die Welt uns lieber angepasst und schwach sieht als eigensinnig, daraus entsteht für jeden mehr als durchschnittlich individualisierten Menschen der Lebenskampf. … Wie viel Gefahr einer auf sich zu nehmen fähig ist, dafür gibt es keinen objektiven Maßstab. Man muss jedes Zuviel, jedes Überschreiten des eigenen Maßes büßen, man darf ungestraft weder im Eigensinn noch im Anpassen zu weit gehen.« So hat er auch im Politischen stets auf den Einzelnen gebaut, »denn nur der Einzelne ist erziehbar und verbesserungsfähig, und nach meiner Erfahrung war und ist es stets die kleine Elite von gutwilligen, opferfähigen und tapferen Menschen gewesen, die das Gute und Schöne in der Welt bewahrt hat«. Und weiter: »Gott hat mit jedem von uns etwas gemeint, etwas versucht. Und wir sind seine Gegner, wenn wir das nicht annehmen und ihm helfen, es zu verwirklichen.«
Hesse ist kein Artist. Seine Schriften kommen nicht aus einem Mutwillen, sondern aus dem Leiden am Gefälle zwischen den Zumutungen der Zeitgeschichte und dem des persönlichen Gewissens. Seine Dichtungen sind Krisenbewältigung. Und das so genau, so radikal und schonungslos, dass Menschen der unterschiedlichsten Kulturen sich darin wiedererkennen. Doch bieten sie dem Leser mehr als die Misere, sondern den jedes Mal anderen, spannenden Vorgang, wie sie überwunden werden kann. »Sobald das Leid groß genug ist, geht es vorwärts«, heißt es in der »Morgenlandfahrt«. Und in einem seiner Briefe: »Nehmen Sie Ihr Leid als eine Auszeichnung, als einen Orden, mit dem Sie hervorgehoben werden, als eine Erweckung zu höherem Menschentum.« Er zeigt uns den Sinn unserer Krisen, die für ihn keine Krankheiten sind, sondern Anlässe zu innerem Wachstum, zur Weiterentwicklung oder Alarmsignale wie der Schmerz, der ja auch nicht nur ein Krankheitssymptom ist, sondern zugleich ein Warnruf, um auf bedrohtes Leben hinzuweisen. Das macht ihn zu einem der wenigen Autoren, die uns ermuntern, den neuen Tag mit Zuversicht und Neugier zu beginnen, freilich nach der Devise: »Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.«
Hinzu kommt seine Sprache. Er schreibt ein klares verständliches Deutsch mit dem nach Goethe reichstem Wortschatz, wie amerikanische Germanisten bei der Erstellung von Computer-Konkordanzen des Vokabulars der deutschen Klassiker festgestellt haben. Der Vitalität seiner Inhalte entsprechen Ausdrucksreichtum und Deutlichkeit. Er ist einer der seltenen Schriftsteller, die das Schwierige einfach und das Komplizierte verständlich darzustellen vermögen. Es gibt Linguisten, die das für rückständig halten. Was andere vorsichtig mit oft rätselhaften Metaphern umkreisen, spricht er direkt und unverschlüsselt aus. Das macht seine Bücher unabhängig von den Deutungen der Interpreten und nötigt mehr zur Beherzigung der Inhalte, um derentwillen sie geschrieben wurden, als zu Spekulationen über das möglicherweise Gemeinte. Das macht Hesse nicht gerade attraktiv für jene Literaturwissenschaftler, die nur das für bedeutend halten, was auf ihre Deutung angewiesen ist. Die Sinnlichkeit, Musikalität und bildhafte Präzision seiner Darstellung wirken unmittelbar. »Er kann, was nur wenige können«, bemerkte der sonst eher scharfzüngige Kurt Tucholsky, »er kann einen Sommerabend und ein erfrischendes Schwimmbad und die schlaffe Müdigkeit nach körperlicher Anstrengung nicht nur schildern – das wäre nicht schwer. Aber er kann machen, dass uns dabei heiß und kühl und müde ums Herz ist.« Und immer weisen Hesses Darstellungen über das nur Geschilderte hinaus in die verschiedensten Lebensbereiche hinein. Deshalb werden seine Bücher heute mehr von Psychologen, Pädagogen, Musik- und Religionswissenschaftlern sowie Ökologen diskutiert als von Literaturwissenschaftlern.
Lassen Sie mich dafür ein merkwürdiges, aber charakteristisches Beispiel geben. 1996 erreichte mich ein Anruf aus Italien. Es meldete sich das Umweltministerium von Venedig. Ob ich mir dort eine Hermann-Hesse-Veranstaltung zur Rettung der Lagune vorstellen könne und unterstützen würde? Dass nicht ein Goethe-Institut, ein literaturwissenschaftliches Universitätsseminar, sondern ausgerechnet eine südeuropäische Umweltbehörde sich für diesen deutschen Autor interessierte, war bezeichnend. Als ich nach den Gründen fragte, sagte man mir, kein anderer Dichter habe den Farbenzauber des ehemals noch intakten Gewässers, die Lichteffekte der Lagune, die durch die submarine Vegetation des Brackwassers entstehen, so eindrucksvoll geschildert. Deshalb wolle man Hesses Reisetagebücher von 1901 vortragen, sie durch eine Bilddokumentation und sachkundige Referate begleiten lassen, um in der Bevölkerung ein Bewusstsein zu wecken, dass nun endlich etwas getan werden müsse, um die Lagune zu retten, die mittlerweile so stark durch Schadstoffe beeinträchtigt sei, dass sie umzukippen drohe. Die Veranstaltung fand statt, großzügig plakatiert in ganz Venedig unter dem Titel: »Hermann Hesse e i colori della laguna« und hatte beachtlichen Zulauf. Ob es etwas genutzt hat, darf man bezweifeln. Aber das sind Impulse von Literatur, die immerhin vitaler sind als Debatten um die Bedeutung des Kommas bei Kafka.
Auswirkungen wie diese findet man auch auf ganz anderen Gebieten. Wo immer in den letzten Jahrzehnten alternative Bewegungen entstanden, wurde Hermann Hesse gelesen, sei es als Identifikationsfigur der Hippie-Bewegung oder als Vermittler zwischen den westlichen und asiatischen Kulturen. Hatten Hesses Vorfahren noch versucht, die asiatischen Länder zu kolonisieren und zu christianisieren, ist ihm selber das Gegenteil geglückt: die westlichen Industrienationen mit asiatischen Weltbildern bekannt zu machen und mit seinem »Siddhartha« einen Buddha zu schaffen, der nach Henry Millers Meinung den historischen Buddha übertrifft. »Das ist eine ungeheure Tat«, schrieb Miller, »Siddhartha ist für mich eine wirksamere Medizin als das Neue Testament!« Hesses Ermunterung zu außerparlamentarischer Zivilcourage ließ ihn dann auch zu einem Schrittmacher der APO werden. Sein ganzheitliches, antimaterialistisches Weltbild machte ihn bald darauf zu einem Korrektiv der New-Age-Bewegung und »Das Glasperlenspiel« zu einem reformpädagogischen Modell, während er heute als einer der geistigen Väter der Ökologie-, der Umweltinitiativen und der antiautoritären Bewegungen verstanden wird.
