Auf der Suche nach der Liebe zwischen Wohnmobil und Campingplatz - Hilca Stiehn - E-Book

Auf der Suche nach der Liebe zwischen Wohnmobil und Campingplatz E-Book

Hilca Stiehn

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Beschreibung

Erst vor wenigen Tagen hat sich Kathi von ihrem Nachbarn Gunther getrennt. Nein, falsch. Es war natürlich gar keine Trennung, weil sie ja auch beide gar nicht wirklich zusammen waren. Sie waren nur ein paarmal zusammen im Bett, aber das war es auch schon. Denn Gunther passt ja gar nicht zu ihr! Er ist ein echter Machotyp, hat Unmengen von Tattoos und Muskeln und fährt eine Harley und ein aufgemotztes Auto. Wie soll das B bitteschön mit ihr zusammen passen? Aber dafür ist da jetzt Marten, der super gut aussehende und erfolgreiche Anwalt, den sie schon von früher kennt, und der Kathi heiß umwirbt. Das scheint eine erfolgversprechende Basis für eine neue Beziehung zu sein. Oder etwa nicht? Aber kann Kathi mit dem ganzen Luxus umgehen, dem sie sich auf einmal gegenüber sieht? Und was für Konsequenzen hat eine Beziehung mit Marten auf ihr Wohnmobil und ihren geliebten Campingplatz? Und dann ist da auch noch Martens Chef. Was für ein Spiel spielt der eigentlich mit ihr? Der ist ja auch höchst unangenehm, weil er sie immer irgendwie herausfordert. Eigentlich will Kathi ja nur eins: eine ganz normale Beziehung. Warum ist das denn so schwer zu verstehen?

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Auf der Suche nach der Liebe zwischen Wohnmobil und Campingplatz

Antipasti und LasagneMädelsabendEin unverfänglicher SpaziergangLasagne 2.0MichaelEin Kähte-GroßeinkaufVerspäteter FrühjahrsputzDie LebensmanagerinSinus, Cosinus, Pythagoras und AlgebraZu Hause bei MartenChristianEndlich wieder auf dem CampingplatzArbeitsalltagSunny SundayEin weiteres GeschäftsessenEine kurze Stippvisite auf dem CampingplatzWiedersehen mit AlexHappy Birthday MichaelEinmal Büsum und zurückKaum Zeit zum DurchatmenNoch vier mal schlafenDas Sommerfest-WochenendeHappy Birthday TimoEin bisschen Urlaub, ein bisschen ArbeitenMal wieder eine Lebensberatung beim FriseurAuf nach SyltSylt, zweiter TagEin Sonntag ohne TermindruckOffene WorteMarten, Luke und TanniPartytimeEntspannen auf dem CampingplatzEin wundervolles MenüAuf zu neuen TatenReisevorbereitungenUrlaubsfeeling durch und durchSpontaner ÜberfallBarfuß am StrandAbschiedBeistandNachwortImpressum

Antipasti und Lasagne

Es war Freitagmittag und Kathi fuhr auf den Parkplatz vor ihrem Wohnblock und parkte möglichst dicht vor ihrem Eingang. Sie hatte Glück. Um diese Uhrzeit waren die meisten Bewohner der Wohnanlage noch zur Arbeit unterwegs und sie konnte sich die Parkplätze frei auswählen. Sie hatte mehrere Taschen voll mit Lebensmitteln im Kofferraum, die sie jetzt alle hochschleppen musste. Heute Abend kamen vier gute Freundinnen und sie wollten endlich mal wieder einen echten Mädelsabend verbringen. Das war leider in den letzten Monaten ziemlich zu kurz gekommen, weil Kathi so viel auf dem Campingplatz gewesen war und arbeiten musste. 

Gleich als sie Anfang März von ihrer achtwöchigen Überwinterungstour aus Malaga mit ihrem Wohnmobil zurückgekehrt war, hatte Rolf, ihr Chef und der Besitzer des Campingplatzes in der Nähe von Eutin, wo Kathi auch einen Jahresstellplatz inne hatte, sie angerufen und um ihre Hilfe gebeten. Inge, die gute Seele aus der Anmeldung, hatte einen schweren Autounfall gehabt und fiel für mindestens die nächsten zwölf Wochen komplett aus. Inge war die einzige Vollzeitkraft und die anderen beiden Aushilfen neben Kathi waren erst ab April wieder verfügbar. So hatte sich Kathi dann notgedrungen gleich voll in die Arbeit gestürzt und hatte viel mehr gearbeitet, als sie es geplant hatte. Eigentlich hatte sie sich letztes Jahr ihr Wohnmobil gekauft, um damit mal unterwegs zu sein und auch mal zwei Wochen auf dem Campingplatz zu verbringen. Das hatte im letzten Jahr auch ziemlich gut funktioniert. Dieses Jahr stand ihr Camper jetzt allerdings schon seit über drei Monaten fest auf dem Campingplatz. Aber es gab auch gute Nachrichten: Inge hatte in der vergangenen Woche angerufen und gesagt, dass sie die letzten Wochen ihrer Reha vor sich hatte und voraussichtlich ab Anfang Juli auch wieder arbeiten könnte. Ein Glück! 

Kathi arbeitete eigentlich nur aus Spaß ein bisschen nebenbei auf dem Campingplatz. Denn eigentlich musste sie mittlerweile gar nicht mehr arbeiten. Ihr Vater hatte mehrere Mehrfamilienhäuser besessen und als er vor zwei Jahren sehr unerwartet gestorben war, waren alle diese Häuser auf Kathi überschrieben worden, da sie die einzige Tochter war und damit alles geerbt hatte. Die Häuser wurden von einer Hausverwaltungsfirma verwaltet und jeden Monat erhielt sie seitdem die Mieteinnahmen der ganzen Wohnungen. Aber auch ohne diese riesigen Zahlungen hatte sie schon vorher immer ein sehr gutes Auskommen gehabt. Aber so hatte sie zu dem Zeitpunkt beschlossen, dass sie ihren Job als Hotelmanagerin erstmal nicht mehr weiter ausüben wollte, sondern hatte sich ein Wohnmobil gekauft und wollte damit im Wechsel unterwegs sein, mal für ein oder zwei Wochen auf einem Campingplatz hier im schönen Schleswig-Holstein verbringen und auch mal für ein oder zwei Wochen zu Hause in ihrer Wohnung im nördlichen Speckgürtel von Hamburg sein.

In Zeiten wo sie unterwegs war, passte Kathis liebe Nachbarin Käthe auf ihre Wohnung auf und nahm die Post raus. In diesem Jahr war Kathi allerdings bis jetzt nur wenige Tage hier zu Hause in ihrer Wohnung gewesen. 

Sie lief jetzt zum dritten Mal schwer bepackt die Treppe in den ersten Stock zu ihrer Wohnung und stellte die Taschen vor ihrer Haustüre ab. Ein letzter Gang für einen Karton voll mit Prosecco stand jetzt noch an. Also nochmal die Treppe runter und zum Auto.

Unten im Erdgeschoss war letztes Wochenende ein neuer Mieter eingezogen, den Kathi aber noch nicht kennengelernt hatte. J. Gießler stand auf seinem Namensschild. Käthe hatte ihr erzählt, dass er am Sonntag bei allen im Haus geklingelt hatte und sich vorgestellt hatte. Da Kathi bis einschließlich nächsten Donnerstag zu Hause war, würde sie ihn bestimmt auch irgendwann zu Gesicht bekommen.

Während sie in ihrer Küche die Sachen alle auspackte und in die Schränke und den Kühlschrank räumte, stellte sie nebenbei den Wasserkocher an und bereitete sich einen Tee zu. Auf ein Mittagessen würde sie heute verzichten, da sie gleich für den heutigen Abend mit den Mädels etwas leckeres zu essen vorbereiten wollte. Also nahm sie sich nur einen Joghurt und ihren Tee und setzte sich damit für ein paar Minuten Verschnaufpause auf ihren Balkon. Nachdem das Wetter Anfang der Woche etwas unbeständig gewesen war, war es heute wieder sommerlich und für Mitte Juni angemessen warm. Jetzt musste sie aber wohl oder übel ans Werk gehen, da sie Antipasti und eine Lasagne für heute Abend vorbereiten wollte. Und es war immerhin schon halb zwei!

In der Küche legte sie sich die verschiedenen Gemüsesorten und ein großes Schneidebrett auf der Arbeitsplatte bereit. Dazu Olivenöl, Balsamicoessig und was sie sonst noch alles brauchte und stellte eine große Bratpfanne auf den Herd. Jetzt suchte sie noch ein paar Aufbewahrungsdosen aus ihrem Schrank, wo das gebratene Gemüse dann zum Marinieren rein kam. Sie begann mit den Paprika, da die immer am Aufwendigsten waren. Nachdem diese geputzt und in Viertel geschnitten waren, kamen sie im Backofen unter den Grill. Da man hierbei ziemlich genau aufpassen musste, dass die Paprika nicht verbrannten, blieb Kathi einfach neben dem Ofen stehen und beobachtete das Gemüse. Nach kurzer Zeit nahm sie das Rost raus und bedeckte die Paprikastücke mit einem feuchten Tuch. Jetzt begann sie die Haut des Gemüses abzuziehen. Das war zwar immer eine langwierige Arbeit, aber für den Geschmack lohnte es sich auf jeden Fall. Sie stand dazu an ihrer Arbeitsplatte und konnte durch das Küchenfenster nach draußen auf den Parkplatz schauen.  

Draußen vernahm sie das laute, tiefe Grollen einer Harley und sie blickte automatisch aus dem Fenster raus. Alex war mit seiner schweren Maschine vorgefahren und parkte sie vor einer der Garagen im hinteren Bereich. Er nahm seinen Helm ab, strubbelte sich durch seine Haare und ging in Richtung des Blocks neben Kathis und zog dabei den Reißverschluss seiner Motorradjacke auf. 

Im Block nebenan wohnte ihr Nachbar Gunther, zu dem Alex jetzt ganz bestimmt wollte. Die beiden waren seit der Schulzeit befreundet und waren echte Hingucker! Beide recht groß, Gunther bestimmt 1,87 Meter, Alex vielleicht drei Zentimeter kleiner und beide sehr muskulös, was daran lag, dass sie mindestens fünfmal die Woche ins Fitnessstudio gingen. Sie sahen verdammt gut aus und waren richtige Machotypen, fuhren Harleys und aufgemotzte Autos und ihre Arme, Rücken und Oberkörper waren quasi voll mit Tattoos bedeckt. Also wirklich echte, harte Kerle!

Etwas wehmütig dachte Kathi an Gunther, von dem sie sich gerade vor ein paar Tagen getrennt hatte. Nein, Quatsch! Es war eigentlich keine Trennung, denn sie waren gar nicht wirklich zusammen gewesen. Es war mehr eine Schwärmerei füreinander gewesen und so waren sie halt mal zusammen im Bett gelandet. Ok, sie waren auch sogar ein paarmal öfter zusammen im Bett gelandet, aber ohne irgendwelche Verbindlichkeiten und ohne Beziehung. Denn das konnte sich Kathi mit ihm auf jeden Fall nicht vorstellen. Dafür waren sie beide viel zu verschieden und kamen aus völlig unterschiedlichen Welten. Aber die paar Wochen mit ihm waren so unkompliziert und schon echt schön gewesen.

Kathi war fertig mit den Paprika und hatte diese mit der Marinade übergossen. Damit konnte die Dose ab in den Kühlschrank. Als sie wieder an der Arbeitsfläche stand, um das nächste Gemüse vorzubereiten, waren Gunther und Alex jetzt beide draußen und Gunther hatte gerade die Garage geöffnet und schob seine Maschine raus. Beide waren mit Jeans und T-Shirt bekleidet und man sah ihre bis zu den Handgelenken runter tätowierten Arme.

Kathi grinste vor sich hin. Der eine oder andere Mann, mit dem sie zusammengewesen war, hatte zwar schon mal eine Tätowierung gehabt und auch sie selber hatte sich vor drei Jahren auf dem oberen Rücken über die Schultern und den Nacken ein verspieltes, recht großes Tattoo mit Blumen, Sternchen und einigen Tribals  stechen lassen, aber Gunther war diesbezüglich schon absolutes Neuland gewesen. So einen bad guy hatte sie vorher noch nie gehabt!

Sie nahm sich als nächstes die Zucchini vor. Die beiden draußen unterhielten sich und Alex startete seine Maschine und gab ein paarmal Gas. Sie diskutierten und Alex gab weiter ein paarmal Gas. Anscheinend hörte sich irgendwas nicht richtig an und sie wollten der Sache auf den Grund gehen. Kathi ging zum Herd und begann die Zucchini zu braten. Als sie damit fertig war und eine weitere Dose zum Marinieren im Kühlschrank gelandet war, begann sie die Champignons zu putzen. Dabei schaute sie wieder nach draußen. Gunther und Alex hatten mehrere Teile von Alex Maschine abgeschraubt und unterhielten sich lachend. Kathi putzte auch gleich noch die Schalotten und schälte mit dem Sparschäler ein paar dicke Karotten. Alex telefonierte jetzt draußen mit dem Handy am Ohr und hörte gerade grinsend zu, was ihm am anderen Ende mitgeteilt wurde. 

Nachdem Kathi die Pilze und Schalotten gebraten hatte und wieder an ihre Arbeitsplatte am Küchenfenster trat, fuhr draußen gerade ein grüner Nissan Micra auf den Parkplatz und hielt auf die beiden Motorradschrauber zu. Gunther und Alex erhoben sich grinsend und wischten sich die Hände an einem Handtuch sauber. Aus dem Auto stiegen zwei Mädels aus und begrüßten die beiden mit Umarmungen und Küsschen. Von weitem sahen die Mädels ziemlich gut aus. Die eine hatte schulterlange, blonde Haare und trug ein für ihre Figur etwas zu enges T-Shirt und einen Minirock. Die andere hatte ihre mittelbraunen Haare zu einem wilden Knuddel auf dem Kopf hochgebunden und trug eine sehr knappe Hotpants und dazu eine hellgelbe, ärmellose Bluse. Und bei ihrer Figur konnte sie die Hotpants eindeutig gut tragen.

Die Mädels holten jetzt ein eingepacktes Tablett vom Eisladen aus dem Auto und präsentierten für jeden einen großen Eisbecher. Sie scherzten und lachten zusammen und ließen sich das Eis schmecken. Perfekt bei dem Wetter! Die vier schienen sich schon länger zu kennen, denn sie gingen sehr vertraut miteinander um. Zumindest kam es Kathi auf die Entfernung so vor. Sie überlegte, ob sie die beiden Frauen schon mal gesehen hatte auf einer der Partys, auf denen sie zusammen mit Gunther gewesen war. Sie konnte sich aber nicht an die zwei erinnern. Aber da sie auf den Feiern kaum jemanden gekannt hatte, war das auch nicht ungewöhnlich. 

Kathis Antipasti war jetzt fertig und die nächste Stunde war sie mit der Vorbereitung der Lasagne am Herd beschäftigt. Als die große Auflaufform nun fertig geschichtet mit Lasagneblättern, Bolognese und Bechamelsauce vor ihr stand, war draußen auf dem Parkplatz nichts mehr los. Auch die beiden Motorräder waren nicht mehr zu sehen. Entweder war Alex wieder nach Hause gefahren oder er und Gunther waren zusammen zu einer Tour aufgebrochen. Kathi hatte es beim Hantieren am Herd nicht mehr mitbekommen. 

Sie räumte noch schnell die Küche auf und deckte im Wohnzimmer ihren Esstisch. Dabei klingelte ihr Handy. Hoffentlich sagte jetzt nicht eine der Mädels für heute Abend ab! Aber ein Blick aufs Display zeigte ihr den Anruf von Marten. Sie war überrascht, denn mit dem hatte sie eigentlich noch nicht so früh wieder gerechnet.

„Hi Marten“, meldete sie sich und schmunzelte in sich rein.

„Hallo schöne Frau. Ich hoffe, du findest mich nicht unverschämt, dass ich dich heute schon anrufe. Aber seit du mir am Dienstag gesagt hast, dass du mir noch eine Chance gibst, kann ich an nix anderes mehr denken. Oder muss ich wirklich noch ein oder zwei Wochen länger warten, bis ich dich wieder anrufen darf?“ Kathi konnte sich genau vorstellen, wie Marten gerade gespannt lächelnd und mit leicht gekräuselter Stirn auf ihre Antwort wartete. 

„Findest du dich nicht ein bisschen zu voreilig, mein Lieber?“ neckte sie ihn. 

„Doch, eigentlich schon. Aber ich hatte gehofft, dass wir uns vielleicht doch schon dieses Wochenende mal treffen könnten?“ Seine Stimme verriet ein Schmunzeln.  „Bist du eigentlich noch zu Hause oder wieder in Eutin?“ lenkte er das Gespräch in eine andere Richtung. 

Kathi lachte leise. „Ich bin noch bis nächsten Donnerstag zu Hause.“

„Das ist ja schon mal gut. Und was hältst du vielleicht von einem Spaziergang um die Alster? So ganz unverfänglich für den Anfang...“

„Hmm, das hört sich gar nicht so schlecht an. Ein Spaziergang ist als Starter ganz ok, glaube ich.“

„Echt? Super! Hast du denn irgendwann auch Zeit für mich?“ fragte er jetzt neugierig weiter.

„Also heute geht nicht. Und Sonntag bin ich mit Michael verabredet. Aber am Samstag könnte ich vielleicht ein kleines Zeitfenster für dich vorsehen“, antwortete sie schmunzelnd.

„Perfekt. Ich nehme jeden Termin, den du für mich frei hast. Passt es dir, sagen wir mal, so gegen zwei Uhr? Dann hole ich dich bei dir zu Hause ab.“

„Du brauchst nicht extra hierher zu fahren. Wir können uns auch in der Stadt treffen“, wehrte Kathi ab.

Aber Marten war durch und durch Gentleman und es kam für ihn gar nicht in Frage, dass er Kathi nicht abholte. „Quatsch! Selbstverständlich hole ich dich ab. So weit ist es von mir bis zu dir ja nun auch nicht.“

„Na gut, dann freue ich mich auf dich. Dann sehen wir uns morgen um zwei“, verabschiedete Kathi ihn.

„Danke, Kathi. Und ich freue mich schon sehr auf dich! Bis morgen!“

Kathi legte auf und dachte lächelnd über Marten nach. Sie kannte ihn schon seit bestimmt zwölf Jahren. Er hatte früher als Anwalt in der kleinen Kanzlei ihres Exmannes Michael gearbeitet und sie hatten sich regelmäßig bei Weihnachtsfeiern und Sommerfesten der Kanzlei getroffen und immer gerne miteinander geplaudert. Sie hatten schon immer einen sehr guten Draht zueinander gehabt. Dann hatte Marten vor sieben Jahren in eine andere Kanzlei gewechselt und sie hatten sich aus den Augen verloren. Als sie aber Anfang April auf der Geburtstagsfeier von Gunther und Alex gewesen war, hatte sie ihn dort überraschend wiedergetroffen. Danach waren sie dann zweimal zusammen essen gewesen. Bis es vor sechs Wochen ein ziemlich unschönes Aufeinandertreffen von Marten und Gunther gegeben hatte, weil beide zur gleichen Zeit an Kathi interessiert waren.

Marten hatte Gunther provoziert und einen Proleten genannt und so lange beleidigt, bis Gunther ihm ein blaues Auge verpasst hatte. Das war allerdings keine so gute Idee gewesen, da Marten im Gegenzug natürlich gleich mit einer Klage wegen Verdienstausfall und Schmerzensgeld gedroht hatte. Daraufhin hatte Kathi sich eingemischt und Marten dazu gebracht, dass er auf die Klage letztendlich verzichtet hatte. Sie hatte ihm angedroht, ansonsten ihren Exmann Michael als Gegenanwalt einzusetzen und hatte ihn am Telefon ziemlich heruntergeputzt, was er bitteschön für ein Mensch wäre, dass er Leute wie Gunther für weniger wert hielt, als sich selber. Sie hatte Marten ordentlich zurechtgestutzt und am Ende wutentbrannt aufgelegt.

Danach hatte zwischen ihnen sechs Wochen Funkstille geherrscht. Bis sie sich vor drei Tagen in einem Schnellrestaurant getroffen hatten und Marten sich bei ihr für sein Verhalten entschuldigt hatte und ihr lang und breit erzählt hatte, was er sich alles für Gedanken über diese Thema gemacht hatte. Er hatte sich zwischenzeitlich bei Gunther entschuldigt und auch ein paar andere Dinge unternommen, die Kathi durchaus imponiert hatten. Deshalb hatte sie am Ende ihres Gespräches gesagt, dass sie seine Entschuldigung annehmen wollte und dass er sich doch in ein oder zwei Wochen gerne mal wieder bei ihr melden könnte, wenn er denn wollte. Er hatte immerhin drei Tage ausgehalten, bis er Kathi angerufen hatte. Na ja, warum auch noch länger warten? Sie freute sich auf morgen!

Mädelsabend

Um neunzehn Uhr waren ihre vier Freundinnen Petra, Andrea, Kiki und Nadine bei Kathi eingetrudelt und sie hatten mit dem ersten Aperol Spritz des Abends angestoßen. Sie plauderten alle fünf durcheinander, wie sich das für einen echten Mädelsabend so gehörte. Nebenbei ließen sie sich die Antipasti als Vorspeise schmecken. 

„Oh Kathi, die Paprika schmecken himmlisch! Der Rest auch, aber die Paprika sind für mich der absolute Hit. Du machst dir aber auch immer viel Arbeit“, schwärmte Nadine und ließ eine weitere eingelegte Paprika in ihrem Mund verschwinden. 

„Hätte ich das gewusst, dass du darauf so abfährst, hätte ich ja gleich die doppelte Portion gemacht“, lachte Kathi. 

„Einen schicken neuen Nachbarn hast du ja unten im Erdgeschoss bekommen. Der kam gerade mit seinem Einkauf an und hat mir die Haustür aufgehalten, als ich vorhin kam“, sagte Kiki jetzt. 

„Ähh, ich kenn den noch gar nicht. Der ist letztes Wochenende hier eingezogen. Und ich bin ja erst seit Montagabend wieder zu Hause. Ich hab ihn noch nicht gesehen“, entschuldigte Kathi sich. 

„Ach Mist, dann weißt du ja gar nicht, ob der eine Freundin hat oder noch zu haben ist. Wie schon gesagt: der gefällt mir ganz gut. Ich denke, der ist so um die vierzig, sportliche Figur, etwas längere, dunkle Haare, Fünftagebart... voll heiß der Typ! Also wenn du mehr Infos über den hast, lass mal rüberwachsen“, grinste sie anzüglich. 

Kathi lachte. „Na klar, ich werde ihn umgehend für dich ausfragen. Soll ich auch gleich ein Date für euch zwei ausmachen?“ Die anderen Mädels lachten ebenfalls in Kikis Richtung. 

„Ihr habt ihn ja nicht gesehen. Sonst wüsstet ihr, was ich meine“, wehrte diese sich. 

Danach wurde Petra ausgefragt, die mit ihrem Freund Christian jetzt zusammenziehen wollte und auf der Suche nach einer gemeinsamen Wohnung war. Die Diskussion ging darum, wieviel Zimmer man wohl bräuchte und wie die Preise momentan am Markt so waren. Kathi räumte währenddessen die restlichen Antipasti ab und holte die Lasagne aus dem Ofen. 

Nach dem Essen waren alle mit ihren Gläsern auf das Sofa gewechselt und hatten es sich dort gemütlich gemacht. Reihum wurden jetzt Fotos von den Kindern, von den letzten Urlauben oder von neuen, heißen Eroberungen gezeigt.

„Wie alt ist dein Sohn eigentlich schon, Kathi?“ fragte Andrea.

„Timo ist zwanzig. Und studiert seit letztem Jahr in Frankfurt Architektur. Ich freue mich schon total: In drei Wochen macht er mit ein paar Freunden bei mir auf dem Campingplatz eine Woche Urlaub in den Holzhäusern, die man da mieten kann. Ach, und eine Freundin hat er auch. Die haben wir letztens bei der Konfirmation von Michaels Stieftochter kennenlernen dürfen. Warte, davon kann ich euch ein Foto zeigen.“ Kathi scrolle durch ihre Fotoliste und suchte nach den Fotos von der Konfirmation. „Ah, hier sind sie.“ Die Mädels schauten gespannt auf das Handy. 

„Ach, das ist doch Michael neben Timo, oder?“ fragte Nadine. „Ich kenne den ja nur von Fotos.“

„Ja, genau. Kann man schon deutlich erkennen, dass das Vater und Sohn sind, oder?“ lachte Kathi.

„Timo sieht Michael echt wie aus dem Gesicht geschnitten. Ein richtig hübscher, junger Mann! Dem fliegen die Mädchen doch nur so zu, oder?“ fragte Nadine. 

„Aber seine Freundin sieht auch ganz süß aus. Nicht so überkandidelt, wie so manche von den jungen Mädels heute. Wie heißt sie?“ fragte Petra.

„Linnea. Sie studiert auch in Frankfurt.“ Die vier schauten sich die paar Fotos von der Konfirmation genau an.

„Und was macht dein Liebesleben so? Gibt es da auch mal wieder was Neues und Spannendes zu berichten?“ fragte Kiki jetzt neugierig grinsend. 

„Vielleicht“, antwortete Kathi gedehnt und grinste ebenfalls breit zurück. 

„Ha! Dann raus mit der Sprache. Und her mit den Fotos!“ befahl Kiki und die anderen drei lachten sie ebenfalls interessiert an. 

„Na, soviel gibt es noch gar nicht zu erzählen. Ich bin morgen Nachmittag mit Marten verabredet.“ Und an Petra gewannt erklärte sie: „Das ist der Typ, mit dem ich auf der Geburtstagsparty von Alex und Gunther getanzt habe. Den ich schon von früher kenne, weil er mal bei Michael in der Kanzlei gearbeitet hat.“

„Ahh, der!“ machte Petra wissend. „Der ist voll heiß, Mädels“, erklärte sie den anderen dreien. „Du hast doch bestimmt ein Foto von ihm, oder? Zeig mal her“, forderte sie Kathi auf. 

„Ehrlich gesagt hab ich von Marten noch gar keine Fotos. Ach doch, wartet. Ich habe schon mal ein Bild für meine Kontakte von ihm gemacht. Das kann ich euch zeigen.“ Sie scrollte durch ihre Fotodatei und suchte das Bild. „Ha, hier ist er. Bitteschön, die Damen. Das ist Marten. Und? Ist der genehmigt?“ fragte sie und grinste die anderen vier an. 

„Boah, heißer Typ!“

„Ey Kathi, du umgibst dich nur mit so Supermodel-Männern. Das ist ja echt unglaublich! Du bist voll zu beneiden!“

„Ja, Hammer, oder? Bei ihr sehen alle Männer rattenscharf aus: ihr Exmann, ihr Sohn, ihr zukünftiger Freund und sogar der neue Nachbar aus dem Erdgeschoss!“ sagte Kiki und alle fünf lachten los. „Darauf müssen wir trinken, Mädels. Oh, wir sind schon wieder leergelaufen. Kathi, hast du vielleicht noch eine Flasche?“ 

Kathi war schon aufgestanden und in Richtung Küche unterwegs. „Na klar, und nicht nur eine Flasche! Ich kenne euch doch“, antwortete sie lachend.

Um halb zwölf war Nadines Mann gekommen, um sie abzuholen und hatte auch gleich Kiki und Andrea mitgenommen. Nur noch Petra war da und half Kathi beim Abräumen der Gläser und leeren Flaschen. Sie wohnte nur ein paar Straßen weiter und wollte gleich zu Fuß nach Hause gehen. 

„Danke, dass du nicht nach Gunther gefragt hast“, sagte Kathi. 

„Das hatte ich dir doch am Telefon versprochen. Und daran halte ich mich natürlich. Erzählst du denn mir vielleicht ein bisschen was von euch beiden?“ fragte Petra grinsend.

Kathi lachte leise vor sich hin. „Meinetwegen. Aber soviel gibt es auch nicht zu erzählen. Wir waren halt ein paarmal zusammen im Bett. Und das war schon echt heiß, sage ich dir. Ich weiß nur noch nicht, ob wir weiterhin ein normales Freundschaftsverhältnis behalten können. Eigentlich haben wir am Dienstag beide gesagt, das kriegen wir schon irgendwie hin, aber ich weiß es wirklich nicht, ob das funktioniert. Ich denke, ich werde ihm erstmal ein bisschen aus dem Weg gehen, was kein Problem sein sollte. Grundsätzlich treffe ich ja bestenfalls mal unten auf dem Parkplatz mit ihm zusammen. Und dann bin ich ja auch wieder viel auf dem Campingplatz. Erstmal ein bisschen Abstand gewinnen.“

„Dann bist du jetzt wahrscheinlich nicht mehr bei irgendwelchen Feiern von den Jungs dabei. Echt schade. Das war so cool, dass du auch bei den Partys da warst. Ich kenne zwar mittlerweile ein paar der anderen Mädels, aber so richtig warmgeworden bin ich mit denen noch nicht. Ach, weißt du eigentlich, dass Alex mit seiner Nachbarin Nicole auch aufgegeben hat? Sie war, glaub ich, zu zögerlich und dann hatte er keinen Bock mehr, sich noch länger hinhalten zu lassen.“

„Nee, das wusste ich noch nicht. Seit wann das denn?“ fragte Kathi.

„Ich glaube letztes Wochenende.“ Petra überlegte. „Ich finde ja, dass du und Gunther echt gut zusammen gepasst habt. Echt schade, dass ihr euch getrennt habt.“

„Petra, wir waren gar nicht zusammen. Wenn du es so willst, war es nur ein Arrangement zwischen uns beiden. Wenn ich auch zugeben muss, ein sehr befriedigendes“, grinste Kathi. „Wir passen doch überhaupt nicht zusammen. Wir kommen aus total unterschiedlichen Welten. Gunther ist Elektriker. Das stört mich auch überhaupt nicht, das weißt du. Aber du weißt auch, dass ich nur noch zum Spaß auf dem Campingplatz arbeite. Des Geldes Willen bräuchte ich das nicht mehr. Seit nach dem Tod von meinem Vater die Häuser meiner Eltern alle auf mich überschrieben sind und ich jeden Monat von der Hausverwalterfirma meine Einahmen überwiesen bekomme, habe ich absolut ausgesorgt. Gunther weiß das auch. Und ich denke, er hätte da bestimmt ein echtes Problem mit.“

„Hmm, ok. Das kann ich nachvollziehen. Aber kannst du einfach so zwischen den Männern wechseln? Also ich meine, irgendwas empfindest du doch schon für ihn, oder?“

Kathi nickte zustimmend und grübelte über ihre Frage nach. „Ja, das habe ich mich auch schon gefragt. Ich habe das zwar Dienstag so cool gemacht und ich hatte auch gedacht, dass ich mich erst in ein oder zwei Wochen mit Marten wieder treffe, aber das wird die entscheidende Frage der nächsten Wochen sein. Na ja, aber weißt du, Marten passt zu mir. Ich kenne ihn schon von früher, er ist super nett und alles und er ist halt ein Mann aus meiner Welt. Bei Gunther war mir vollkommen klar, dass der nicht zu mir passt. Und zwar überhaupt nicht. Aber der Reiz, ihn mal zu haben, war enorm. Und ich bin total froh, dass ich mich einfach auf ihn eingelassen habe. Es war eine super Zeit!“

Petra nickte und grinste Kathi an. „Du bist mir echt eine.“

„Hallo??? Bis jetzt war ich mein Leben lang immer so brav! Da kann man auch mal eine kleine Ausnahme machen.“

Die beiden lachten zusammen. 

„Alles klar. Ich mach mich jetzt auch mal auf den Weg. Ich wünsche dir morgen viel Spaß mit Marten und drück dir die Daumen, dass sich das gut entwickelt zwischen euch beiden.“

„Danke. Komm gut nach Hause. Und lass dich nicht von fremden Männern aufgabeln.“

„Ich schick dir ‘ne Nachricht, wenn ich zu Hause angekommen bin. Tschüß, meine Süße.“

„Ciao. Und bis bald mal wieder. Und liebe Grüße an deinen Schatz“, verabschiedete Kathi sich.

Ein unverfänglicher Spaziergang

Am Samstag hatte Kathi lange ausgeschlafen und nach einem späten Frühstück die letzten Dinge vom Vorabend aufgeräumt. Jetzt stand sie fertig geduscht und geschminkt vor ihrem Kleiderschrank und nahm sich etwas zum Anziehen für den Spaziergang mit Marten raus. Es war ein schöner, sonniger Tag und sie wählte eine schwarze Caprihose, eine ärmellose weiße Bluse und einen schwarzweißen Gürtel dazu. Im Flur zog sie sich noch ihre neuen, ebenfalls schwarzweißen Sneaker an, setzte sich eine Sonnenbrille in die Haare und nahm eine kleine Umhängehandtasche mit. Eine Handtasche ist eigentlich blöd, überlegte sie. Ich will ja nicht die ganze Zeit mit der Tasche rumlaufen. Aber ohne Tasche ist auch doof. Irgendwo muss ich ja mit meinem Schlüssel und den anderen Sachen hin. Dann lass ich die vielleicht einfach bei Marten im Auto. Sie steckte sich zur Sicherheit einen fünfzig Euroschein in ihre linke Hosentasche und machte sich bepackt mit einem Müllbeutel und dem Karton mit den jetzt leeren Proseccoflaschen auf den Weg nach unten.

Als sie auf den letzten Stufen war, ging im Erdgeschoss die Wohnungstür des neuen Mieters auf und heraus trat, wie Kiki gestern berichtet hatte, ein wirklich gut aussehender Mann, der wie Kathi auch einen Müllbeutel in der einen Hand hielt und unter dem anderen Arm drei leere, zusammengefaltete Umzugskartons geklemmt hatte. 

„Ah, der neue Mieter. Dann lerne ich Sie ja auch endlich mal kennen“, sagte Kathi zwinkernd zu ihm.

„Oh, hi. Moment.“ Er stellte seine Kartons und seinen Müllbeutel ab, wischte seine Hand nochmal an seinem Hosenbein ab und reichte Kathi die Hand. „Ich bin Jens Gießler. Dann sind Sie die Dame aus dem ersten Stockwerk, die letztes Wochenende leider nicht da war, als ich hier im Haus die Begrüßungsrunde gemacht habe, richtig?“

Kathi hatte ebenfalls ihren Müllbeutel abgestellt und seine Hand ergriffen. „Ganz genau, Kathi Faber. Herzlich willkommen und auf gute Nachbarschaft.“

Er grinste sie freundlich an. „Danke. Wir können uns auch gerne duzen, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Ich würde mal behaupten, wir sind ziemlich gleich alt.“

„Klar, kein Problem. Also, hallo Jens, ich bin Kathi. Und schon alle Kartons ausgepackt?“

„Nee, gibt noch einiges zu tun. Aber das Gröbste ist soweit fertig. Küche, Bad, Schlafzimmer und Wohnzimmer sehen schon ganz manierlich aus. Das Arbeitszimmer nehme ich mir erst in den Ferien vor“, antwortete er lächelnd.

„Ach, stimmt. Du bist Lehrer. Hatte meine Nachbarin Kähte erzählt, als ich Montag wiedergekommen bin.“ 

„Ja, genau. Nur noch nächste Woche und dann sind Ferien.“ Er machte eine kurze, freudig tanzende Bewegung.

„Ich weiß. Ab nächsten Freitag muss ich nämlich wieder auf dem Campingplatz antreten, weil wir dann Hochsaison haben und jede Menge Urlauber erwarten. Ich arbeite nämlich in Eutin auf einem Campingplatz in der Anmeldung. Also aushilfsweise zumindest.“

„Das hat mir deine Nachbarin auch schon erzählt“, berichtete Jens zwinkernd und hatte dabei das mir ganz besonders betont. 

„Ja, ja, die gute Kähte“, lachte Kathi. „So, ich muss mal. Ich werde gleich abgeholt und wollte vorher noch die Reste meines Mädelsabends von gestern Abend entsorgen.“

„Warte, ich mach mal die Haustür für dich auf. Wir haben ja den gleichen Weg.“ Jens öffnete die Haustür und ließ Kathi raustreten. Er stellte die Tür fest, nahm seinen Müllbeutel und seine Umzugskartons wieder auf und folgte ihr nach draußen zu den Müllcontainern. Sie warfen beide ihre Müllbeutel in den Container. 

„So, meine Kartons kommen erstmal ins Auto. Die wollte ein Kollege von mir haben, der auch demnächst umzieht.“

„Meine leeren Flaschen kommen auch ins Auto. Wobei es auch Leute gibt, die ihre Flaschen und leeren Gläser hier im Restmüll entsorgen. Aber so ist das ja immer in solchen Wohnanlagen“, sagte Kathi. Sie gingen plaudernd in Richtung Parkplatz.

Kathi stellte den Karton in ihren Kofferraum und schloss die Kofferraumklappe. Martens Auto war zwar noch nicht zu sehen, aber sie hörte schon das tiefe Grollen seines PS-starken Motors. Einige Sekunden später bog sein anthrazitfarbener Mercedes AMG GT um die Ecke. 

„Wow! Ist das dein Date?“ fragte Jens echt überrascht. 

„Äh, ja.“

„Nicht schlecht Herr Specht!“ Er schaute anerkennend zu Kathi rüber. „Dann wünsche ich dir viel Spaß. Und dann bis bald mal wieder. War nett dich kennengelernt zu haben.“

„Ebenso. Bis demnächst.“ 

Marten blieb schräg vor Kathi stehen und stieg lächelnd aus seinem Sportwagen aus. Er sah wie immer super aus, wobei Kathi ihn heute zum ersten Mal so sommerlich leger gekleidet sah. Meistens trug er Anzug und Hemd und war businessmäßig gekleidet, was ihm aber auch sehr gut stand. Marten sah aus wie ein echter Sunnyboy mit seinen blonden Haaren und seinen strahlenden, blauen Augen. Heute hatte er eine beigefarbene Chinohose mit einem hochwertigen weißen Poloshirt mit einigen Aufschriften und Applikationen drauf an. Die Hose war an den Beinen leicht aufgekrempelt, wie es momentan modern war und dazu hatte er hellbraune Sneaker an. Er schob seine teure Sonnenbrille nach oben auf seine Haare und stand jetzt lächelnd vor Kathi. 

„Hi Kathi.“

Kathi merkte, dass er unsicher war, ob er sie zur Begrüßung umarmen sollte oder lieber nix überstürzen sollte. Sie nahm ihm die Entscheidung ab, indem sie ihn in den Arm nahm. „Hi Marten. Gut siehst du aus.“ Sie küsste ihn leicht auf die Wange. 

Er drückte sie ebenfalls mit einer Umarmung kurz an sich und küsste sie auch zur Begrüßung. „Danke. Du siehst sowieso immer super aus. Wollen wir?“ Er lächelte sie mit seinem besten Sunnyboylächeln an, ging zur Beifahrertür und öffnete diese. 

Kathi ließ sich von ihm bedienen und stieg ein. Marten war ein absoluter Gentleman und sie hatte ihn nur mit absolut perfekten Manieren ihr gegenüber kennengelernt. Türen aufhalten, beim ein- und aussteigen die Hand reichen, all sowas war für ihn eine Selbstverständlichkeit. Er stieg ein und startete den Motor mit seinem satten Sound. 

„Ich wollte bei unserer Kanzlei parken. Da ist auf jeden Fall immer ein Parkplatz für mich frei. Von da sind es ja nur ein paar Schritte, dann ist man direkt auf dem Wanderweg rund um die Außenalster.“

Sie plauderten angeregt über alles Mögliche, während sie nach Hamburg reinfuhren. Schon bald waren sie bei der Alster angekommen und Marten bog bei einem großen, altehrwürdigen Geschäftshaus auf eine Auffahrt ab und fuhr auf einen Parkplatz, wo trotz Wochenendes einige Autos standen. Er fuhr auf einen Parkplatz, der mit einem Namensschild für M. Bockholt versehen war und der dicht zur Zuwegung des Haupteingangs gelegen war. „So, da wären wir.“ 

„Ich lasse meine Handtasche bei dir im Auto. Ich habe keine Lust die mitzunehmen, ok?“

„Klar, schieb einfach unter den Sitz.“

Er stieg aus und kam zu ihrer Seite rum. Kathi hatte mittlerweile ihre Tasche unter dem Sitz verstaut und ergriff seine Hand, die er ihr zum Aussteigen hingehalten hatte. Er strahlte sie an. In dem Moment bog ein weiteres Auto auf den Parkplatz ein und ein offener, weißer Porsche 911 parkte auf einem Parkplatz zwei Plätze neben Marten, direkt vor der Zuwegung zum Haupteingang. Ein sehr smarter, gut aussehender Mann von ungefähr Mitte fünfzig stieg aus, nahm mit der linken Hand seine sündhaft teure Sonnenbrille ab und kam lächelnd auf sie beide zu. Ein Blick auf die Bezeichnung seines Autos sagte Kathi, dass es sich um das teuerste und hochmotorisierteste Modell der 911er Reihe handelte und auch seine ganze Erscheinung und  Kleidung war sehr hochwertig und extrem teuer.

„Hallo Marten. Sag nicht du musst heute noch arbeiten.“ Er hatte zwar zu Marten gesprochen, aber Kathi die ganze Zeit über angeschaut und interessiert gemustert.

„Hallo Christian. Nein, wir nutzen nur den Parkplatz. Wir wollen einen Spaziergang um die Alster machen. Darf ich dir meine Begleitung vorstellen? Kathi Faber... eine Freundin“, stellte Marten sie vor. Die Bezeichnung meine Freundin hatte er wohl noch nicht verwenden wollen.

Kathi reichte ihrem Gegenüber die Hand. Der schaute sie nach wie vor sehr interessiert an. „Hallo. Freut mich Sie kennenzulernen.“

„Kathi also... Die Freude ist ganz meinerseits, meine Liebe. Ich bin Christian Bergmann. Aber sag gerne Christian zu mir.“ Er blickte Kathi tief in die Augen und gab endlich ihre Hand wieder frei. 

„Aber du willst noch arbeiten oder weshalb bist du hier?“ fragte Marten. 

„Ich will nur eine Akte rausholen, damit ich Montagmorgen nicht erst ins Büro muss, sondern direkt zu meinem Klienten fahren kann. Nur ein paar Minuten, dann bin ich hier wieder weg. Sage mal Marten, bringst du deine bezaubernde Begleitung auch am Donnerstag zu der Feier mit?“ Er blickte wieder zu Kathi. 

„Äh, das weiß ich noch nicht.“ Marten wurde verlegen und eine leichte Röte überzog sein Gesicht. „Ich hatte noch keine Gelegenheit sie zu fragen“, erklärte er dann. 

„Dann mach ich das mal, was? Kathi, ich gebe am Donnerstag eine kleine Feier und ich würde mich wirklich außerordentlich freuen, wenn du Marten begleiten würdest und auch kommst.“

Kathi stockte, denn mit sowas hatte sie nicht gerechnet. „Oh, das kann ich leider noch nicht versprechen“, antwortete sie ausweichend, da sie eigentlich am Donnerstag schon wieder hochfahren wollte nach Eutin und ziemlich überrumpelt war von seiner Art. 

Christian schaute sie weiterhin lächelnd an. „Dann will ich euch beide mal nicht weiter aufhalten. Viel Spaß bei eurem Spaziergang.“ Er blickte kurz zu Marten. „Wir sehen uns Montagnachmittag im Büro.“ Dann schaute er Kathi nochmal tief in die Augen. „Und Kathi, dich möchte ich wirklich gerne am Donnerstag wiedersehen. Ich würde mich sehr freuen.“ Damit drehte er sich um und ging Richtung Eingang der Kanzlei. 

Kathi blickte ihm etwas verdattert nach. 

„Komm, lass uns gehen“, sagte Marten und lenkte sie in Richtung Alsterrundweg.

„Was war das denn bitteschön für eine Nummer?“ fragte Kathi immer noch etwas irritiert. 

„Das war mein Chef Christian. Ähm, ja. So hab ich ihn ehrlich gesagt auch nur selten bis jetzt erlebt. Und dass er dir gleich das du angeboten hat, kommt auch äußerst selten vor. Anscheinend findet er dich ziemlich interessant.“ Marten schüttelte leicht den Kopf. „Tut mir leid, dass er dich so überrumpelt hat mit der Feier. Ich wollte dich zwar fragen, ob du eventuell Zeit und Lust hast mich zu begleiten, aber so war das nicht geplant. Einmal im Juni und einmal im Dezember läd er immer die Leistungsträger der Kanzlei zu sich nach Hause ein zu einer kleinen privaten Feier. Ist immer ganz nett und extra immer an einem Wochentag, damit klar ist, dass um zweiundzwanzig Uhr Schluss ist. Ist quasi ein ungeschriebenes Gesetz, weil am nächsten Tag ja noch ein Arbeitstag ist. Für die Eingeladenen ist es sozusagen sich vom obersten Chef ein bisschen Auf-die-Schulter-Klopfen abholen.“ Er grinste belustigt. 

„Aha. Dann ist Christian also einer der drei Besitzer eurer Kanzlei, oder was?“

„Ja genau. Jeder der drei hat seine Truppe von Teilhabern, Anwälten und Frischlingen unter sich. Als ich damals hier angefangen habe, bin ich Christian zugeteilt worden und habe mich ja schon auf die Stufe direkt unter ihm hochgearbeitet“, erklärte er mit Stolz in der Stimme. „Christian ist jetzt siebenundfünfzig und will spätestens mit sechzig aufhören. Dann wird’s nochmal spannend.“

„Du meinst wer dann sein Nachfolger wird, oder was?“ fragte Kathi und blickte ihn von der Seite an.

„Richtig. Stiller Teilhaber bleibt er ja sowieso, aber die Frage aller Fragen ist natürlich, wen wird er auswählen.“ Marten lächelte in sich rein und schaute auf die Alster. 

„Und? Wie stehen deine Chancen?“

„Das ist ja immer schwer zu sagen. Aber grundsätzlich nicht schlecht. Christian mag mich ziemlich gerne. Allerdings bin ich der Jüngste in der Riege der Teilhaber. Die anderen beiden sind sechs und acht Jahre älter.“

„Du bist so alt wie ich, oder? Ich meine wir sind beide der gleiche Jahrgang“, fragte Kathi nun.

„Ich bin im März vierundvierzig geworden.“

„Genau. Dann war ich ja richtig. Ich habe aber erst im Oktober Geburtstag.“

Sie gingen entspannt auf dem Weg rund um die Außenalster. Es waren jede Menge andere Spaziergänger mit ihnen zusammen unterwegs, außerdem Jogger und Radfahrer. Auf der Alster waren unzählige Segelboote, die Alster-Ausflugsschiffe und mehrere Kanufahrer auf dem Wasser. Marten hatte weiter jede Menge von der Kanzlei und seiner Arbeit erzählt und Kathi hatte interessiert Fragen gestellt. Als sie an einem kleinen Lokal vorbeikamen, die viele Tische draußen stehen hatten, legten sie eine Pause ein.

„Ich bin echt ewig nicht mehr um die Alster gelaufen. Unser Büro ist zwar hier und manchmal gehe ich für eine kleine Pause runter zum Wasser, aber weiter als bis zur ersten Bank komme ich eigentlich nie.“ Marten lachte belustigt. „Wonach steht dir der Sinn?“ fragte er dann und warf selber einen Blick in die Karte, die auf dem Tisch lag. 

„Hmm, die Bedienung hat gerade so ein leckeres Stück Erdbeerkuchen vorbeigetragen. Ich glaube das ist genau das Richtige jetzt“, schmunzelte Kathi. „Und zwar mit Sahne! Wenn schon, denn schon.“

„Bei deiner Figur kannst du dir auch problemlos die Sahne gönnen.“ Er zwinkerte ihr zu. „Das hört sich perfekt an. Das nehme ich auch.“

Eine Bedienung kam an ihren Tisch und nahm die Bestellung auf. Als sie wieder weg war, schaute Marten Kathi versonnen an. 

„Was ist? Worüber denkst du nach?“

Er zögerte. „Ähm, müssen wir eigentlich nochmal über die Sache mit Gunther reden oder hast du das Thema einfach abgehakt?“

„Wenn du noch irgendwas loswerden willst, kannst du das jederzeit sagen. Aber ich würde dich jetzt nicht weiter damit quälen wollen. Für mich hast du Dienstag alles gesagt, was zu sagen war. Vielleicht kommt das Gespräch irgendwann nochmal darauf, aber für mich ist das Thema eigentlich durch. Ich habe mit Gunther Dienstagabend gesprochen und ihm gesagt, dass ich dir noch eine Chance gebe. Das war für ihn auch kein Problem. Ganz im Gegenteil: er ist sogar der Meinung, dass wir beide gut zusammen passen.“

Marten hob erstaunt die Augenbrauen. „Im Ernst? Das hätte ich jetzt nicht erwartet.“

Die Bedienung brachte ihre Kuchen und dazu für Kathi einen Tee und für Marten ein Milchkaffee. Sie aßen eine Weile schweigend und schauten sich dabei an. 

„Das am Donnerstag mit der Feier weiß ich nicht, ob ich dich da begleiten kann. Ich muss Freitagmorgen um neun Uhr in Eutin arbeiten. Ich könnte zwar auch Freitagmorgen fahren, aber das wäre dann echt früh, wann ich losfahren müsste. Deshalb wollte ich eigentlich ganz entspannt schon Donnerstag im Laufe des Tages fahren“, erklärte Kathi ihm. 

„Das wäre wirklich sehr schade. Vielleicht kannst du es dir doch nochmal überlegen? Für mich wäre das schon ein riesiger Pluspunkt, wenn du dabei wärst.“

„Ok, ich überleg nochmal.“

„Du könntest bei mir übernachten und dann Freitagmorgen direkt von mir aus losfahren. Von mir bis zu Christian sind es nämlich nur zehn Minuten“, machte Marten einen Vorschlag und grinste sie dabei schmunzelnd an. 

„Aha, na das ist ja ein Vorschlag“, erwiderte Kathi ironisch. „Bestimmt ohne jegliche Hintergedanken, oder?“

Marten lachte. „Ja, natürlich ohne Hintergedanken. Was denkst du denn von mir? Ich habe selbstverständlich ein Gästezimmer, was ich dir anbieten kann.“

Kathi lachte ebenfalls und schüttelte dabei leicht den Kopf. „Mein lieber Marten. Du bist echt ein Draufgänger. Unglaublich!!! Und das gleich beim ersten Date.“

Lasagne 2.0

Nachdem sie ihre Spazierrunde beendet hatten, saßen sie jetzt wieder zusammen im Auto und waren auf dem Weg in Richtung Kathis Wohnung. 

„Wollen wir noch irgendwo etwas zusammen essen gehen?“ fragte Marten mit einem kurzen Seitenblick auf Kathi. 

„Hmm, hast du Lust auf Antipasti und Lasagne?“ fragte Kathi zurück.

 „Ja, sehr gerne. Wie kommst du jetzt genau darauf?“

„Ich hatte gestern Mädelsabend bei mir und hätte noch ein paar Reste im Kühlschrank. Das reicht noch genau für zwei Personen. Dann würde ich dich zum Essen zu mir einladen“, machte sie ein Angebot in seine Richtung. 

Er schaute wieder kurz überrascht zu ihr rüber beim Fahren. „Ja, sehr gerne. Das nehme ich natürlich sofort an.“

„Ok, dann zu mir ins Restaurant Faber“, sagte sie mit einem Grinsen. 

Kathi schloss ihre Haustüre auf, trat in den Flur und streifte ihre Schuhe ab. Marten kam hinter ihr herein und schloss die Tür hinter sich.

„Du kannst deine Schuhe ruhig anbehalten“, sagte sie in seine Richtung und wollte ihre Handtasche auf der Kommode im Flur ablegen. Upps, da lagen zwei T-Shirts und ein Gürtel von Gunther, die sie noch bei sich in der Wäsche gehabt hatte und die sie ihm dieses Wochenende rüberbringen wollte. Die T-Shirts waren eindeutig zu erkennen, dass sie nicht zu ihrer Garderobe gehörten. Schnell nahm sie die Sachen, faltete sie zusammen und warf sie im Schlafzimmer auf einen Stuhl. Marten sagte nichts. Vielleicht hatte er das gar nicht mitbekommen, hoffte sie. 

Sie ging in die Küche und holte mehrere Sachen aus dem Kühlschrank. Marten folgte ihr wieder. „Wollen wir ein Glas Wein dazu trinken oder willst du lieber nur Wasser oder etwas anders Antialkoholisches?“

„Ein Glas Wein können wir gerne trinken“, entgegnete er. „Deine Küche ist aber recht neu, oder?“ Er schaute sich interessiert um.

„Ja, die ist neu eingebaut worden, bevor ich hier eingezogen bin. Das Bad auch. Das ist aber eher langweilig gestaltet. Da hätte man mehr draus machen können. Aber ich beschwer mich mal nicht“, lachte sie, während sie die Antipasti auf einem großen Teller drapierte. Die Lasagne hatte sie in eine kleinere Auflaufform umgefüllt und stellte diese jetzt bedeckt mit einer Alufolie in den Backofen. „Die braucht allerdings ein bisschen, bis die komplett warm ist. Aber wir können ja schon mal mit der Vorspeise anfangen. Im Kühlschrank liegen ein paar Flaschen Weißwein. Such doch bitte einen aus und aufmachen kannst du ihn auch gleich. In der Schublade da vorne ist ein Korkenzieher.“

„Alles klar. Ich schau mal.“ Er öffnete ihren Kühlschrank und schaute sich die Etiketten von zwei oder drei Weinflaschen an. „Der hier sollte ganz gut passen, glaube ich. Ich meine, den habe ich letztens gerade irgendwo getrunken.“ 

Kathi drehte sich um und guckte, welche Flasche er ausgewählt hatte. „Das ist tatsächlich einer meiner Lieblingsweine, den du genommen hast.“ Sie lächelte verschmitzt. 

„Na, dann habe ich ja absolut die richtige Wahl getroffen, oder?“ fragte er zwinkernd zurück. Er drehte den Flaschenöffner in den Korken.

Kathi ging mit Tellern und Besteck und dem Antipasti-Teller ins Wohnzimmer und deckte dort ihren Esstisch. Marten kam mit dem geöffneten Wein hinterher, als sie gerade zwei Weingläser aus dem Schrank nahm. „Willst du auch ein Wasser dazu?“ 

„Ja bitte, sehr gerne.“ Er schenke den gekühlten Wein ein.

Kathi kam mit einer Flasche Wasser zurück und schenkte ebenfalls für sie beide ein. „Dann haben wir alles, oder? Wollen wir?“ fragte sie in Martens Richtung. 

Sie stießen mit ihren Gläsern an und begannen zu essen. 

„Kathi, warum wohnst du eigentlich in einer Mietwohnung? Also, versteh mich bitte nicht falsch. Deine Wohnung ist sehr hübsch und alles. Aber du besitzt doch mehrere Häuser, hast du mal erzählt. Warum wohnst du nicht in einem von deinen eigenen Häusern?“

„Ich hatte das damals in Erwägung gezogen, aber es waren zu dem Zeitpunkt nur Wohnungen frei, die mir nicht gefallen haben. Entweder zu klein oder in Stadtteilen, wo ich nicht wohnen wollte.“

„Ach so. Wo hast du eigentlich vorher gewohnt?“

„Ich hatte einen Bungalow in Blankenese ganz in der Nähe von Michael. Den hatte ich ja damals gekauft, als Michael vor viereinhalb Jahren für fünfzehn Monate nach Dubai gegangen ist und Timo nicht mit ihm mitwollte, sondern hier an seiner alten Schule Abi machen wollte. Deshalb hatten wir zusammen beschlossen, dass ich mich dann in der Zeit wieder um Timo kümmere. Er war ja nach unserer Trennung damals bei Michael wohnen geblieben. Und zu der Zeit war sowieso so ein riesiger Umbruch bei mir. Ich habe mich von meinem damaligen Freund getrennt und auch gleich bei ihm gekündigt. Dann bin ich von heute auf morgen wieder bei Michael eingezogen. Da hätte ich auch grundsätzlich wohnen bleiben können. Er war ja sowieso nicht da und hat mehr als einmal gesagt, dass ich einfach dort wohnen sollte. Aber das wollte ich nicht. Und dann hab ich spontan den Bungalow zwei Straßen weiter gekauft und bin mit Timo dahin gezogen. Und als Timo dann nach zweieinhalb Jahren mit dem Abi fertig war, hat er ein freiwilliges ökologisches Jahr an der Nordsee gemacht und war nur noch ab und zu am Wochenende mal bei mir. Und dann ist ziemlich von heute auf morgen mein Vater gestorben und die Häuser mussten alle umgeschrieben werden und ich hatte jede Menge um die Ohren, bis das alles geregelt war. Und in Blankenese wollte ich auf jeden Fall nicht wohnen bleiben. Deshalb habe ich das Haus da wieder verkauft und habe mir erstmal eine Wohnung gesucht. Und eine Mietwohnung schien mir zu der Zeit das am besten Geeignetste zu sein, weil ich ziemlich durch den Wind war und nicht wusste, in welche Richtung ich weitermachen wollte. Tja, und jetzt wohne ich allerdings immer noch hier. Sogar schon fast eindreiviertel Jahre. Aber so richtig meine innere Mitte habe ich trotzdem noch nicht wiedergefunden.“ Kathi schaute aus ihrem Wohnzimmerfenster nach draußen und war ein wenig in ihre Gedanken versunken. Sie schaute wieder zu Marten und zuckte mit den Schultern. „Midlife-Crisis vermutlich.“ Sie grinste ihn an. „Also überleg dir das gut, ob du dich wirklich mit mir einlassen willst. Ich weiß nämlich momentan nicht, was ich wirklich will.“ Sie lachte verschmitzt und zwinkerte ihm zu.

„Ok, ich nehme die Herausforderung an. Auch wenn du so ein schwieriger Fall bist“, neckte er sie. „Ich denke, du bist jede Herausforderung wert.“ Er zwinkerte zurück. 

Kathi lächelte ihn an. „Ich hole mal die Lasagne“, beendete sie das Thema, räumte die Teller ab und ging in Richtung Küche. 

Marten hatte die Gläser nachgefüllt, als sie mit der Auflaufform zurück kam und beobachtete sie beim Auffüllen. 

„Wenn es dir so viel bedeutet, komme ich am Donnerstag mit zu Christian“, sagte Kathi, als sie sich wieder hingesetzt hatte.

„Echt?“ Er war total überrascht von ihrem Themenwechsel, aber die Freude darüber war ihm deutlich anzusehen. „Kathi, das ist absolut super! Ich freue mich!“ Er nahm sein Weinglas. „Darauf müssen wir nochmal trinken. Cheers, meine Liebe!“

Sie stieß mit ihm an und lächelte. „Und dein Gästezimmer nehme ich auch gerne für Donnerstagnacht an.“

Er nickte begeistert. „Perfekt. Das freut mich noch mehr.“ 

„Allerdings muss ich Freitagmorgen spätestens um halb acht bei dir aufbrechen. Eher noch eine Viertelstunde früher. Ich bin vormittags nämlich alleine in der Anmeldung. Ähm, was soll ich denn anziehen am Donnerstag? Business oder etwas casual, wie ist bei der Veranstaltung der Dresscode?“

„Also wenn ich mir was wünschen darf, dann möglichst kurzer Rock und hohe Schuhe würde ich toll finden. So, dass meinen Kollegen der Mund offen stehen bleibt.“ Er lachte vergnügt. 

„Aha. Na, dann schau ich mal, ob mein Kleiderschrank solche Garderobe hergibt.“ Kathi lachte belustigt und schüttelte leicht den Kopf. 

Sie hatten während des Essen entspannt weiter geplaudert und ihre Weingläser waren mittlerweile leer. 

„Kathi, dein Essen war superlecker. Bei dir komme ich gerne mal wieder zum Reste essen. Aber ich mache mich jetzt mal auf den Heimweg. Es war ein super Tag mit dir.“ Sie waren beide aufgestanden und langsam in Richtung Flur gegangen. Kurz vor der Haustür blieb er stehen, drehte sich zu ihr um und schaute ihr tief in die Augen. „Sehen wir uns vielleicht vor Donnerstag nochmal?“ fragte er hoffnungsvoll. 

„Ich bin schon ein bisschen verplant diese Woche. Das kommt davon, wenn man so viel auf dem Campingplatz war, wie ich die letzen Monate und Wochen. Wenn ich dann mal zu Hause bin, geht das ratzfatz und ich bin jeden Abend und jeden Nachmittag verabredet.“ Sie dachte kurz nach. „Ich glaube Dienstagabend habe ich noch nix vor. Das ist aber auch echt der einzige Tag, der noch nicht belegt ist.“

Marten dachte ebenfalls nach. „Da hab ich zwar einen Termin, aber den kann ich bestimmt einfach umlegen. Wollen wir abends zusammen essen gehen?“

„Ok, können wir machen.“

„Alles klar.“ Er schaute sie immer noch lächelnd an und nahm sie jetzt sanft in den Arm und zog sie zu sich ran. Kathi ließ ihn gewähren und ihre Lippen fanden sich. Nach zwei, drei Sekunden trennten sie sich wieder. Er küsste sie nochmal und auch noch ein drittes Mal ganz sanft. „Gute Nacht, Kathi. Bis Dienstag.“ Er gab ihr noch einen letzten Kuss und löste dann lächelnd die Umarmung. 

„Ciao, Marten. Bis Dienstag. Und komm gut nach Hause.“ Kathi öffnete die Haustür. Er schaute sie immer noch lächelnd an und beugte sich zu einem kurzen, letzten Kuss zu ihr. „Ciao.“ 

Kathi schaute ihm nach, wie er die Treppe runterging. Er blickte sich nochmal um und winkte, dann war er verschwunden. 

Michael

Jetzt war es Sonntagmittag und Kathi mit ihrem Auto auf dem Weg in die Hamburger Hafencity, wo sie sich mit ihrem Exmann Michael zum Essen verabredet hatte. Sie parkte in einem Parkhaus und ging die letzten paar hundert Meter bis zum Restaurant zu Fuß. Sie hatten gerade auf der Fahrt hierher nochmal kurz telefoniert und er wartete draußen vor dem Lokal auf sie. Kathi ging lächelnd auf ihn zu.

„Michi!“

Sie umarmten sich beide herzlich und küssten sich zur Begrüßung. Wer es nicht besser wusste, würde denken, sie beide waren ein Paar. Sie waren zwar seit elf Jahren geschieden, aber ihr Verhältnis zueinander war nach wie vor sehr liebevoll und sie verstanden sich blendend. Sie trafen sich regelmäßig und gingen gemeinsam essen und sprachen dabei über Gott und die Welt und was sich sonst so in ihrem Leben ereignete. Auch das gegenseitige Liebesleben war regelmäßig Thema. 

„Du strahlst heute so. Kann es sein, dass du mir gleich was Neues zu berichten hast, was ich noch nicht weiß?“ fragte Michael mit einem prüfenden Grinsen.

„Vor dir kann ich sowieso nichts verbergen“, schmunzelte Kathi. „Aber du siehst auch gut aus. Auf jeden Fall entspannter, als bei unserem letzten Treffen.“

Michael nickte leise lachend und sagte: „Komm, lass uns reingehen.“

Er öffnete die Tür des Restaurants und ließ ihr den Vortritt. Sie wurden zu ihrem reservierten Platz geführt und wählten bei ein bisschen Smalltalk das Essen und die Getränke aus. Als sie die Bestellung aufgegeben hatten, lehnte Michael sich zurück und blickte sie lächelnd an.

„Du zuerst.“ Er nahm sein Wasserglas und trank einen Schluck. 

Kathi schmunzelte und lehnte sich ebenfalls zurück. „Ok, warte, ich muss mal überlegen, wie überhaupt dein letzter Stand ist. Bei unserem letzten Treffen hatte ich dir doch von dem Zusammenstoß zwischen Marten und Gunther erzählt, stimmt’s?“ Michael nickte bestätigend. „Danach war von Martens Seite absolute Funkstille. Wobei ich mitbekommen hatte, dass er sich zwischenzeitlich bei Gunther entschuldigt hatte und auch sogar sein Motorrad verkauft hat und das Geld dem Motorradclub zur Verfügung gestellt hat. Fand ich echt spannend. Und dann hat er sich letzte Woche mal wieder bei mir gemeldet und gefragt, ob wir uns mal treffen könnten, weil er mir noch eine Entschuldigung schuldig wäre.“

„Na, da hat er sich aber ganz schön Zeit mit gelassen. Wie lange ist das jetzt her? Sechs Wochen?“

„Ja, stimmt. Aber es gab auch einen Grund, warum er so lange gewartet hat. Ich hatte damals zu ihm gesagt, so lange wie seine Schmerzen anhalten, sollen die ihn schön daran erinnern, wie er so über Menschen denkt, nur weil sie nicht so viel Geld verdienen wie er. Und über seine Art und Weise wie er mit Gunther umgegangen ist. Und nach sechs Wochen hat dann wohl nix mehr wehgetan, deshalb wollte er mir von seinen Überlegungen berichten.“ Kathi lachte kurz. „Und ich mag ihn ja auch echt gerne. Deshalb hab ich seine Entschuldigung angenommen und wir waren gestern Nachmittag spazieren und haben viel geplaudert. Mal schauen, wie sich das entwickelt.“

„Das hört sich doch total gut an. Ich freue mich für dich! Marten ist ein toller Typ. Ihr beide habt euch früher schon immer so gut verstanden, dass ich manchmal echt eifersüchtig geworden bin.“ Er lächelte sie verschmitzt an. „Bringst du ihn zu meinem Geburtstag mit?“

„Wie ich schon sagte, mal gucken wie sich das entwickelt. Aber klar, wenn wir dann zusammen sind, bring ich ihn mit. Kommt Timo eigentlich auch?“

„Nee, dieses Jahr leider nicht. Aber er ist ja die Woche darauf bei dir in Eutin mit seinen Freunden. Und er hat in der Woche ja auch selbst Geburtstag. Vielleicht können wir da zusammen irgendwo nett essen gehen. Dann komme ich den Tag zu euch hoch nach Eutin.“

„Oh, das wäre eine super Idee. Ich meine, er hat am Sonntag Geburtstag, oder? Dann überlege ich mir etwas, wo wir drei hingehen können“, sagte Kathi euphorisch. Zwischenzeitlich war ihr Essen serviert worden. „Und jetzt bist du aber dran. Warst du nicht mit Britta zusammen ein Wochenende auf Sylt?“

Michael nickte. Bei ihrem letzten Treffen vor sechs Wochen hatte er ihr berichtet, dass seine zweite Frau Britta, mit der er seit letztem Jahr verheiratet war, anscheinend darüber nachdachte, ob sie beide nicht nochmal ein gemeinsames Kind haben wollten. Britta hatte zwei Kinder aus erster Ehe, Felix zwölf Jahre und Sina vierzehn Jahre, und war drei Jahre jünger als Kathi. Als sie Ende des letzten Jahres vierzig geworden war, hatte dieser Gedanke anscheinend Gestalt in ihr angenommen. 

„Die zwei Tage auf Sylt waren sehr schön. Vor allem mal nur wir beide und ohne die Kinder. Wir haben auch echt gute Gespräche gehabt und haben das Thema auch direkt angesprochen. Zum Glück hatte sich ihr Wunsch mittlerweile wieder etwas abgeflacht, weil ihr der Arzt bei einer Untersuchung vor drei Wochen von ihrem Vorhaben abgeraten hat. Irgendeine Frauensache, keine Ahnung. Frag mich was Leichteres. Sie hat mir das zwar erklärt, aber ich habe es auch gleich wieder vergessen. Auf jeden Fall müsste erst irgendeine OP gemacht werden, bevor sie nochmal schwanger werden könnte und auch danach wäre das nicht so sicher, dass das gleich problemlos klappt. Deshalb war sie sowieso mit sich am hadern, ob wir das nochmal machen sollten. Ich glaube, das ist auch gut so. Ich hätte es wirklich nicht gewollt. Nicht nochmal ganz von vorne. Mit Felix und Sina ist alles super. Die haben wir ja schon auch noch ein paar Jahre um uns, bis die beiden flügge sind.“

„Puh, das ist ja dann gerade nochmal gut gegangen. Aber gut, dass sie dann doch so vernünftig ist und jetzt nicht alles daran setzt, nur um das nochmal durchzuboxen.“ 

„Stimmt! Zum Glück! Sie hat sich jetzt ein neues Vorhaben ausgedacht. Sie will wieder anfangen zu arbeiten. Also zumindest halbtags oder für zwei oder drei Tage pro Woche. Das ist mir echt eindeutig lieber, als das andere Thema, das kann ich dir sagen!“ Er schmunzelte vor sich hin und zwinkerte Kathi zu. 

Nach dem Essen waren sie nochmal zur Elbphilharmonie spaziert und hoch auf die Plaza gefahren und hatten den tollen Ausblick auf die Hamburger City und den Hafen genossen. Jetzt standen sie vor dem Parkhaus, wo Kathi geparkt hatte. 

„Wir telefonieren nochmal wegen meinem und Timos Geburtstag. Wann fährst du wieder hoch zum Campingplatz?“

„Eigentlich wollte ich schon Donnerstag fahren, aber ich fahre jetzt erst Freitagmorgen, weil ich mit Marten am Donnerstagabend noch zu einer kleinen Feier bei seinem Chef gehe. Das war ihm irgendwie ziemlich wichtig und deshalb habe ich mich breitschlagen lassen. Kennst du seinen Chef eigentlich? Christian Bergmann“, fragte Kathi jetzt interessiert.

Michael hob die Augenbrauen. „Oha! Ja, klar kenne ich den. Wir kennen uns schon seit ein paar Jahren, aber wir haben nie geschäftlich was miteinander zu tun gehabt. Der hat seinen Laden und seine Leute gut im Griff. Sehr sympathischer und charismatischer Typ. Vor zwei Jahren habe ich ihn nochmal auf einer großen Veranstaltung getroffen und wir haben ein bisschen geplaudert. Das war kurz nachdem ich nach meiner Auszeit wieder angefangen hatte zu arbeiten. Da hat er mir angeboten meine Kanzlei und alle Angestellten zu übernehmen, damit ich kürzer treten könnte.“ Michael lachte belustigt, als er Kathis erstauntes Gesicht sah. „Ja, sehr geschäftstüchtig der Mann.“ Er lachte wieder. „Hab ich aber damals abgelehnt. Grüß ihn mal von mir.“