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Maddie ist Eiskunstlauf-Weltmeisterin. Aber ihr Herz schlägt heimlich für ein anderes Spiel: Eishockey. Heimlich trainiert sie für ihren Traum, während ihre Mutter sie in alte Muster zwängt. Caden, Bad-Boy des Eishockey-Teams und König der Strafzeiten kennt Maddie seit ihrer Kindheit - und seither sind sie auch Rivalen. Doch als ein einziger Bodycheck alles verändert, gerät nicht nur ihre Karriere ins Wanken, sondern auch ihre Gefühle, derer sie sich immer sicher war. Zwischen harten Hits, toxischen Blicken und dem Kampf um den Stanley Cup müssen Maddie und Caden entscheiden, ob sie sich retten... oder endgültig zerstören.
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Seitenzahl: 484
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Über L. M. Hahn
L. M. Hahn schreibt Geschichten, die knistern – und nachhallen. Zwischen Eishockey-Helden mit harter Schale und verletzlichem Kern, starken Frauen, die für ihre Träume kämpfen, und einer prickelnden Mischung aus Spannung, Herz und Hitze, entstehen Welten, in denen Liebe genauso wehtut, wie sie heilt.
Wenn sie nicht gerade an »Friends to Lovers« oder »Enemies to Lovers«-Dialogen feilt oder ihre Protagonistinnen durch emotionale Sturmphasen schickt, steht sie als medizinische Fachangestellte mitten im echten Leben – mit Herz, Verstand und viel Empathie. Abends tauscht sie die Arbeitskleidung gegen den Laptop. Sie schreibt bis tief in die Nacht – und bombardiert ihre Freunde mit spontanen Plot-Twists, Dialogfetzen und der Frage: „Zu viel Drama oder genau richtig?“
Hinweis:
Die unten genannten Punkte können kleinere inhaltliche Spoiler enthalten – jedoch nur, um dir vorab einen sensiblen und sicheren Leseraum zu ermöglichen.
Dieses Buch behandelt sensible Themen wie:
Toxische Eltern-Kind-Beziehungen
Emotionaler Druck & psychische Belastung
Sexismus im Sport
Körperliche Auseinandersetzungen & Verletzungen
Ungewollte Schwangerschaft / Verheimlichung
Sollten dich diese Punkte bereits triggern, bitte ich dich achtsam mit dir selbst umzugehen. Lies nur weiter, wenn du dich sicher fühlst – und denk daran: Du darfst jederzeit pausieren.
Deine mentale Gesundheit geht immer vor.
Hat eure Mama nicht auch immer gesagt: Was
sich liebt, das neckt sich?
Vielleicht wird’s im echten Leben nicht immer
was mit den Enemies to Lovers, doch hier garantiere
ich es!
Vorwort
Kapitel 1: Maddie
Kapitel 2: Maddie
Kapitel 3: Caden
Kapitel 4: Maddie
Kapitel 5: Caden
Kapitel 6: Maddie
Kapitel 7: Caden
Kapitel 8: Maddie
Kapitel 9: Maddie
Kapitel 10: Maddie
Kapitel 11: Maddie
Kapitel 12: Caden
Kapitel 13: Maddie
Kapitel 14: Maddie
Kapitel 15: Caden
Kapitel 16: Caden
Pressekonferenz
Kapitel 17: Maddie
Schlagzeile
Kapitel 18: Caden
Kapitel 19: Caden
Kapitel 20: Maddie
Kapitel 21: Caden
Maddie
Viertelfinale: Maddie
Kapitel 22: Maddie
Kapitel 23: Caden
Kapitel 24: Maddie
Kapitel 25: Maddie
Kapitel 26: Caden
Kapitel 27: Caden
Kapitel 28: Maddie
Kapitel 29: Caden
Halbfinale: Maddie
Kapitel 30: Maddie
Caden
Kapitel 31: Maddie
Kapitel 32: Caden
Caden
Kapitel 33: Maddie
Kapitel 34: Caden
Kapitel 35: Maddie
Kapitel 36: Maddie
Finale: Maddie
Kapitel 37: Caden
Caden
Kapitel 38: Maddie
Maddie
Maddison
Würdest du mich fragen, was in meinem Kopf abgeht, dann würde ich sagen…
… in meinem Kopf träume ich von meinem Sport, von vielen Medaillen und Pokalen.
Doch würdest du mich auf einer tieferen Ebene fragen, dann würde ich sagen...
… ich träume davon, Eishockey spielen zu können, mein Leben nach meinen Regeln und Wünschen zu formen - dann würde ich diese Eiskunstlaufschuhe in den Keller sperren und nie wieder herausholen.
Maddie
Warum mache ich das noch?
Es ist jeden Morgen dasselbe Spiel. Der kalte Luftzug, der über die Eisfläche gleitet, das Geräusch, wie meine Schlittschuhe über das Eis kratzen.
Früher habe ich genau das daran geliebt. Mir ist es von Anfang an leicht gefallen. Es war das Gefühl von der Musik in meinen Adern, dem Rhythmus in meinem Blut, der hier alles so perfekt für mich gemacht hat. Es hat sich immer so angefühlt, als ob ich auf Wolken tanzen würde. Als wäre ich in der Lage, mit einer einzigen Drehung die ganze Welt auszublenden.
Sobald ich meine Schlittschuhe an den Füßen hatte und ein Bein das Eis berührte, war es, als hätte es den ganzen Lärm, den Druck und die Erwartungen meiner Mutter und meiner Trainerin nie gegeben. Es war pure Magie. Ab dem Moment auf dem Eis war ich frei, ab da war ich Ich. Es war immer der Moment, in dem die Welt um mich herum stillstand.
Aber dieses Gefühl hat mich längst verlassen.
Jetzt fühlt es sich monoton an. Was mal mein Lebensinhalt war, ist jetzt nur noch eine leere Hülle. Das Eiskunstlaufen hat sich zu einer Routine entwickelt, die sich jedes Mal genau gleich anfühlt.
Die Bewegungen sind nicht mehr voller Magie, sondern nur noch ein mechanisches Abarbeiten von Schritten, um der Welt Perfektion vorzuspielen. Ich setze ein künstliches Lächeln auf meine Lippen und führe Schritte aus, die ich nicht machen möchte.
Ich hasse alles daran. Es ist nicht nur das, dass ich mich nicht mehr wohlfühle, jedes Mal, wenn ich mich in diesen hautengen Klamotten auf dem Eis präsentieren und glänzen soll, vielmehr schmerzt es zu wissen, dass kleine Mädchen am Rand stehen, zu mir aufsehen und zu ihren Müttern sagen, sie wollen eines Tages genauso sein wie ich.
Nein, kleine Maus, das willst du nicht.
Nicht einmal ich möchte so sein wie ich.
Ich muss für die Welt funkeln wie ein Stern, der seit Jahrtausenden nicht mehr existiert und dennoch leuchten muss.
»Halt die Arme höher, Maddison!« Die schrille Stimme meiner Trainerin hallt durch das fast komplett menschenleere Stadion. Ihr Geplärre zieht mir durch Mark und Bein. Es fühlt sich an, als würde es sich direkt in mein Blut brennen und meinen Puls automatisch höher treiben. Es durchbricht meine Gedanken.
»Halt die Arme höher, verdammt!«
Ich beiße die Zähne zusammen, als würde das etwas ändern. Mein Körper, mein verdammter Körper – er gehorcht ihr, aber er tut es nicht aus Überzeugung. Es fühlt sich an, als wäre ich keine Tänzerin mehr, sondern nur noch eine Marionette, die sie an den unsichtbaren Fäden zieht.
Ihre Worte schnüren mir die Kehle zu, verwandeln mich in etwas, das nur existiert, um ihren Anforderungen zu genügen.
Die Kälte des Eises beißt in meinen Knien, als ich erneut stürze.
Der Sprung. Noch einmal. Am liebsten würde ich ihr einfach sagen, sie soll sich doch jemand anderen suchen, um ihn zu terrorisieren. Doch anstatt das zu tun, stütze ich mich auf das Knie und raffe mich erneut auf.
Ich laufe eine Runde, hole Schwung, setze an und springe ab, drehe mich in der Luft – perfekt, fast zu perfekt.
Die Landung zittert in mir nach. Meine Knochen schmerzen. Es gibt kein Adrenalin in meinen Adern, das mich pusht und anspornt.
Es regt sich nichts.
Der Stolz, der sich sonst in mir geregt hat, ist nun endgültig erstickt.
Für mich gibt es nichts mehr zu feiern. Es ist nichts mehr als der nächste Schritt im endlosen Kreislauf.
Meine Bewegungen sind gleichmäßig, kontrolliert, aber ohne dieses gewisse Etwas. Ich drehe mich im Kreis, der klirrende Klang meiner Schlittschuhe auf dem Eis klingt wie das Echo eines längst vergessenen Traums.
Es ist dieses Gefühl, das fehlt, wenn sich die Kufen plötzlich tief ins Eis bohren, wenn ich mit einem scharfen Ruck stoppe – nicht elegant, nicht kontrolliert, sondern einfach mit einer hastigen Bewegung, als kämpfe die Zeit selbst gegen mich an.
Nur dann vergesse ich, dass ich Eiskunstläuferin bin. Die Anspannung in meinem Körper, die Kontrolle, die präzise Bewegung – all das wird nebensächlich. Für einen Augenblick träume ich mich in eine andere Realität, in der ich in voller Eishockey-Ausrüstung stehe, den Schläger in der Hand, bereit zu kämpfen, zu spielen.
Ich sehe mich auf dem Eis, spüre die Wucht der Bewegungen, das Rutschen der Kufen, den schnellen Schlag gegen den Puck. Genau dann fühle ich mich lebendig – nicht durch die Kontrolle, die ich für Pirouetten und Sprünge benötige, sondern durch die rohe Energie, die Eishockey in mir weckt. Ich spüre den Puls in meinem ganzen Körper, als ob ich in dieser kurzen Zeit wirklich zu dem werde, was ich mir immer gewünscht habe.
Doch dann holt mich die Realität ein. Das Geräusch des Pucks, der gegen den Schläger trifft, ist wie ein Stich, der durch meinen Körper fährt. Der Schmerz kommt nicht nur von der Bewegung, sondern auch von der plötzlichen Klarheit, als ich mich umschaue und merke, wo ich wirklich bin, was ich wirklich trage.
Mein Körper wird nicht von der Schutzausrüstung geschützt und der Schmerz kommt auch nicht von der Bande, gegen die man mich drückt. Ich sitze hier auf dem Eis, in diesen viel zu engen Leggings und der noch viel engeren Jacke. Ich trage keine Schlittschuhe mit runder Kufe. Meine haben vorne Zacken und eine, meines Erachtens, viel zu lange Kufe, die mehr Eleganz verspricht, als ich gebrauchen kann.
Enttäuscht von der Realität, von meinem Leben, lasse ich meinen Oberkörper auf das Eis stürzen. Mein Blick starr an die Decke gerichtet. Der Wunsch, mehr zu sein als das, was ich gerade bin, durchzieht mich mit schmerzhaften Stößen.
»Höher, Maddison!«
Ich ignoriere sie, zähle in meinem Kopf bis zehn und lasse das Echo ihrer Stimme leiser werden.
Ich werfe einen Blick auf die Spielerbank, wo sich Trevor und die anderen Eishockeyspieler aufwärmen. Und das Einzige, woran ich denken kann, ist, wie gerne ich ein Teil von ihnen wäre. Oder generell ein Teil von einem Team. Es müsste ja nicht einmal genau dieses Team sein, aber gottverdammt, bitte irgendein Team, das Eishockey spielt.
Ich konnte es ihr noch nie recht machen, weil ich einfach nicht die Tochter bin, die sie sich schon immer gewünscht hat. Ich hasse Kleider, trage viel lieber alte, viel zu große Pullis und ich wollte nie Eiskunstläuferin werden.
Mein Herz hat von Tag eins an für Eishockey geschlagen, doch das war nicht relevant, denn Mädchen spielen kein Eishockey. Nur Jungs dürfen sich auf dem Eis gegen eine Bande schmettern, einen Schläger in der Hand halten und dabei Spaß haben.
Ich hatte mir zu meinem fünften Geburtstag Schlittschuhe gewünscht, natürlich habe ich nicht die bekommen, die ich mir gewünscht hatte. Es waren keine Eishockeyschlittschuhe.
Irgendwann habe ich mich einfach damit abgefunden, dass ich niemals erleben werde, wie gut es sich anfühlt, wenn man den Puck in das Netz schlägt, eine ganze Arena dabei jubelt und eine Mannschaft mit mir feiert.
»Maddison, was hast du da schon wieder an?« Ihre Stimme ist schrill.
»Dir auch Hallo, Mama.«
»Maddison, Du musst dich besser konzentrieren. Das liegt bestimmt an dieser schrecklichen Kleidung. Du bist immer besser, wenn du in deinen Wettkampfklamotten trainierst.«
»Lass mich in Ruhe«, murmele ich, während ich die Flasche immer fester umklammere.
Aber natürlich lässt sie mich nicht in Ruhe. Sie zupft an meiner Jacke herum, zupft sie zurecht, als würde ich in einem Anzug vor einem Publikum stehen und nicht in den abgegriffenen Trainingsklamotten, die mir schon fast die Haut abschürfen.
»Du bist so nachlässig, das geht doch nicht, so kann man nicht herumlaufen!« Sie zerrt an meinem Ärmel, als ob sie glauben würde, dass ich mich dadurch zu einem besseren Menschen machen lasse.
Ich blicke in das makellose Gesicht meiner Mutter und setze die Maske auf, die sie sehen will. Gerader Rücken, perfekt frisiertes Haar und ein makelloses Lächeln. Ich hasse mich in diesem Moment mehr als jemals zuvor.
Mama wirkt glücklicher, wenn ich ihr diese perfekte Fassade auflege. Sie lächelt dann, lobt mich, als hätte ich alles richtig gemacht, als würde ich ihren Erwartungen entsprechen, die sie sich in ihrem Kopf ausgemalt hat. Aber merkt sie denn gar nicht, wie falsch das alles ist?
Sie sieht mich an und scheint zu glauben, ich wäre immer noch die Tochter, die vor Begeisterung auf dem Eis glänzt – die, die eine goldene Zukunft vor sich hat.
Doch ich weiß, dass ich längst nicht mehr die Person bin, die sie zu sehen glaubt. Dass ich diese Person noch nie war.
Es könnte mir nicht egaler sein, was sie denkt, aber irgendwie schaffe ich es nie, mich ganz von ihr zu lösen.
Immer noch versuche ich, ihr die perfekte Tochter zu sein – die mit der perfekten Karriere, den perfekten Sprüngen, einem perfekten Leben. Doch je länger ich in dieser Rolle bleibe, desto mehr ersticke ich an der Rolle.
Ich sehe, wie sie sich freut, wenn ich den nächsten Wettkampf gewinne, wie sie mir auf die Schulter klopft, als hätte sie es selbst getan. Aber sie sieht nicht, dass das, was ich da tue, nichts mit mir zu tun hat. Es ist alles falsch. Ich habe es verabscheut an dem Tag, als ich das allererste Mal auf diesem Eis stand und Eiskunstlaufschuhe getragen habe. Dennoch tue ich es jeden Tag aufs Neue, für sie. Weil es meine Mutter glücklich macht.
Ich habe das Thema bestimmt schon tausend Mal mit Trevor besprochen. Er sollte derjenige sein, der mich in allem versteht und an mich glaubt. Er sollte sehen, wie es mich innerlich zerfrisst, jemand zu sein, der ich nicht bin. Doch jedes Mal endet das Gespräch gleich. »Du musst das nicht weitermachen«, sagt er jedes Mal. »Du siehst am Spielfeldrand viel besser aus.«
Für ihn ist Eislaufen reine Zeitverschwendung. Das sind seine Worte, nicht meine. Ja, ich stimme ihm da in gewisser Weise zu, aber ich werde nicht Eislaufen gegen Nichtstun eintauschen. Lieber mache ich diesen Sport weiter und verlängere meine Trainingseinheiten, damit ich beim Eishockey zuschauen kann. Anstatt in einem Haus zu vergammeln, die Unterhosen von Trevor zu waschen und mich um acht kleine Kinder zu kümmern, die alle meinen Traum leben dürfen.
Aber Trevor versteht einfach nicht, dass Frauen auch seinen Sport ausüben können. Er lacht mich jedes Mal aus, wenn ich dieses Thema wieder anspreche. Seiner Meinung nach sollte ich »die richtige Rolle« für mich finden, aber nur, wenn es nichts mit Eishockey zu tun hat, außer ich spiele seine perfekte Freundin. Aber dumm, dass ich schon mein ganzes Leben eine Rolle spiele, die ich nicht bin!
Ich weiß, dass ich mich beim Eishockey hervorragend schlagen würde. Ich habe Kraft, von der viele nur träumen können.
Es ist nicht nur Muskelmasse, es ist die Energie in mir, die Ausdauer, die ich habe. Die Geschwindigkeit, mit der ich mich bewege, die Präzision, die ich in meinen Übungen benötige.
Im Team der Bruins gibt es sicherlich keinen Spieler, der mit mir mithalten könnte.
Maddie
Wie lange hältst du durch, wenn der Preis für deinen Traum zu hoch wird?
03:30 Uhr
Gott sei Dank, dass Trevor so einen tiefen Schlaf hat, dass er meinen Wecker nicht hört. Auf seine vermeintlich tollen Weisheiten kann ich so früh am Tag echt verzichten. Jede Sekunde, in der er schläft, zählt, und ich habe keine Zeit für seine ewigen Ratschläge, wie ich mein Leben führen soll.
Wie mittlerweile fast jeden Tag schleiche ich mich zu dieser Uhrzeit aus unserer gemeinsamen Wohnung. Trevor darf niemals erfahren, dass ich genau für das arbeite, wovon er denkt, er hätte mich überzeugt, es aufzugeben. Er glaubt, er hätte mich geändert, dass ich mich für ihn entschieden hätte. Aber in Wahrheit arbeite ich härter denn je für das, was er nie verstehen wird. Und das bleibt mein Geheimnis.
Schnell schalte ich den Wecker aus, halte den Atem an und lausche, ob Trevor wirklich noch schläft. Als ich sicher bin, schlüpfe ich leise ins Badezimmer.
Der Gedanke, mein Bett mit einem Mann zu teilen, der nicht an mich glaubt … Wie konnte ich nur so blind sein? Ich hätte es viel früher merken müssen. Er hat mich nie unterstützt – weder, wenn ich ihm von meinen Träumen erzählt habe, noch als ich mit ihm darüber diskutierte, meine Karriere für eine andere an den Nagel zu hängen. Er wollte immer nur, dass ich für ihn lebe. Er will, dass ich aufhöre zu träumen, dass ich mich an ihn und seine Vorstellungen anpasse.
Seit der Meisterschaft habe ich weniger denn je das Bedürfnis, dieses falsche Leben weiterzuführen. Ich weiß jetzt, was ich wirklich will. Der Stanley Cup ist mein Ziel, nicht die nächste Goldmedaille im Eiskunstlaufen, die mir ohnehin nichts mehr bedeutet. Das war immer der Traum meiner Mutter, nicht meiner.
Es wird Zeit, endlich das zu tun, wonach mir wirklich der Sinn steht.
Ich muss jetzt alleine für meine Träume kämpfen. Niemand wird mir dabei helfen. Niemand wird mich dabei unterstützen. Klar, Hunter ist für mich da und bisher ist er der Einzige, der auch an mich glaubt – außer mir selbst natürlich. Bei ihm geht es nicht nur um mein Aussehen oder meine Fähigkeiten als Eiskunstläuferin. Bei ihm geht es um mich als Person. Bei ihm darf ich einfach träumen, ohne mich rechtfertigen zu müssen. Wenigstens sagt er mir nicht, dass mein Traum unmöglich ist – er meint nur, dass er unwahrscheinlich ist. Damit kann ich leben. Unwahrscheinlich ist nicht unmöglich. Und sollte das mit dem Eishockey doch scheitern, habe ich ja immer noch den Einzellauf.
Seit ich mir letztes Jahr die Goldmedaille im Einzellauf der Damen gesichert habe, bin ich entschlossener denn je. Ich will niemandem mehr einen Preis wegnehmen, der sich wirklich darüber freuen würde – denn ich tue es nicht. Ich habe eine verdammte Goldmedaille gewonnen. Ich bin Weltmeisterin. Doch während alle mich gefeiert haben, konnte ich nur daran denken, dass das nicht das ist, was ich wirklich will.
Ich schnappe mir meine Trainingstasche und flüchte aus der Wohnung. Die kalte Luft schlägt mir ins Gesicht – es fühlt sich an wie ein Befreiungsschlag. Für einige Stunden gibt es keinen Trevor, keine Weisheiten seinerseits. Nur ich, meine Tasche – und die Eishalle.
Der Weg dorthin wird von der Musik in meinen Ohren begleitet. Meine Laune steigt mit jedem Schritt in Richtung Halle. Ich bin unruhig, laufe immer schneller, bereit, endlich wieder die glatte Oberfläche unter meinen Füßen zu spüren. Ich bin hellwach, während alles um mich herum noch schläft. Der Nebel hängt zwischen den Häusern, und die Luft ist eisig. Es fühlt sich an wie das schnelle Gleiten über das Eis, wenn mir der Schnee vom Bremsen ins Gesicht weht.
Als ich endlich an der Eishalle ankomme, riecht es nach frischem Eis und Schweiß, vermischt mit diesem scharfen Duft von Schlägern und Pucks, den ich so sehr liebe.
Ich mache mich direkt auf den Weg zum Vorratsraum, wo die alten Hockey-Ausrüstungen gelagert werden. Die Kinder, die hier spielen, können sich alles ausleihen, weshalb jede Größe vorhanden ist. Ich nehme mir einen der abgenutzten Schläger und die Ausrüstung, die ich extra für mich zur Seite gehängt habe, damit sie keiner für sich beansprucht.
Ich ziehe alles an, als hätte ich mein ganzes Leben nie etwas anderes getan – den Helm, die Ellenbogenschützer, die Handschuhe, die gepolsterte Hose. Zuletzt binde ich meine Eishockeyschuhe. Sie sind rot-gold, sehen schon etwas abgenutzt aus, aber sie waren ein Geschenk. Und ich werde sie in Ehren halten – und hoffentlich irgendwann bei meinem ersten Spiel tragen.
Am Rand der Halle nehme ich mir einen Schläger und einen Puck und platziere mein Handy an der Bande. Mit einem schnellen Blick auf den Bildschirm wähle ich Hunters Nummer. Ein paar Sekunden vergehen, dann taucht sein Gesicht auf meinem Display auf. Das Erste, was ich sehe, ist sein Lachen.
»Na, Pocket Rocket! Bist du ready?« Seine Stimme hallt laut und klar durch die leere Eishalle. Der Klang seiner Worte löst etwas in mir aus – ein Funken, der in meinem Bauch zu zünden scheint.
Ich lege den Kopf schief, während ich den Puck ins Spiel bringe, und grinse.
»Na klar. Ich bin bereit. Aber du …« Ich lasse die Worte hängen, während ich ein wenig mit dem Schläger Bewegungen auf dem Eis übe. »Ist dein Bett schön bequem?«
Ich kann hören, wie er auf der anderen Seite der Leitung schmunzelt.
»Komm doch zu mir nach New Jersey und finde es heraus.«
Ich trete in die Mitte des Eises, die Kufen schneiden scharf, der Puck gleitet mit einem vertrauten Klang über das Eis.
»Pass auf, was du sagst – es könnte sein, dass ich dich ernst nehme«, drohe ich ihm, während ich den Puck mit einer schnellen Bewegung im Netz versenke.
»Ich meine es ernst, Maddie«, erwidert Hunter, und ich kann in seiner Stimme hören, dass er es wirklich so meint. »Komm nach New Jersey. Meine Wohnung ist viel zu groß für mich alleine, und hier könntest du das tun, was dir wirklich Spaß macht.«
Seine Worte treffen mich unerwartet. Ich lege den Schläger zur Seite und fahre nachdenklich ein paar schnelle Runden. Mir geht durch den Kopf, wie viel besser es mir gehen würde, wenn ich einfach zu ihm ziehen würde. Weg von hier. Aber ich kann nicht. Noch nicht. Irgendetwas in mir sagt, dass es ein ‚Geht nicht‘ gibt.
»Vielleicht komme ich mal darauf zurück.«
»Mach das«, antwortet er sofort, als hätte er meine Gedanken gehört. »Und jetzt übe die Stopps – von der Bande bis zur blauen Linie und dann weiter bis zur nächsten!«
Ich nicke und folge Hunters Anweisungen. Mit einer fließenden Bewegung gleite ich über das Eis, mache einen Stopp, wenn die Bande näherkommt, spüre das vertraute Ziehen in den Oberschenkeln, wenn ich den Druck richtig aufnehme. Ich drehe mich zur blauen Linie und setze den nächsten Stopp. Wieder und wieder.
Hunter ist 300 Meilen von mir entfernt und macht sich trotzdem die Mühe, mit mir meine Technik zu verbessern – um vier Uhr nachts. Dabei muss er selbst in zwei Stunden auf dem Eis stehen und trainieren.
»Pocket Rocket, ich sag’s nur ungern, aber wir müssen aufhören.« Hunters Stimme klingt irgendwie sanft, aber auch bestimmt.
Ich bremse auf dem Eis, fahre zum Handy und stütze mich mit beiden Händen an der Bande ab. Die Kufen bohren sich fest in das glatte Eis. Ich atme tief ein und lasse die Erschöpfung über mich kommen – meine Beine brennen, mein Puls jagt. Doch der Gedanke, dass es vorbei ist und ich jetzt aufhören muss, lässt mich einen Moment zögern.
Ich sehe auf das Display, sein Gesicht erscheint in der kleinen Ecke des Bildschirms.
»Na los, verwandle dich in die kleine Eisprinzessin. Wir hören uns morgen früh!« Seine Worte sind leicht.
Ich schließe für einen Augenblick die Augen, atme die kalte, scharfe Luft der Halle ein und lasse das Gefühl von Einsamkeit in mir aufsteigen. Es ist seltsam, so weit weg von ihm zu sein. So lange schon haben wir uns nicht gesehen, und doch fühlt es sich an, als wären wir nie wirklich getrennt.
»Danke, Hunter! Ich hab dich lieb.«
»Küsschen«, höre ich ihn sagen, und dann folgt der unsichtbare Luftkuss, der mir ein leichtes Lächeln auf die Lippen zaubert. Als ich auflege, bleibt eine unangenehme Stille in der Halle zurück, die nur von meinem schnellen Atem durchbrochen wird. Ohne Hunter fehlt etwas.
Ich fahre noch drei langsame Bahnen, bevor ich zu meiner Tasche gehe. Ich ziehe die Ausrüstung aus, lasse die schweren Handschuhe in meine Tasche sinken und blicke auf den leeren Raum vor mir. Ich vermisse Hunter unheimlich. So sehr, dass es schmerzt. Es ist schon viel zu lange her, dass wir wirklich Zeit miteinander verbracht haben – dass wir nicht nur über das Handy gesprochen haben. Seit er in New Jersey spielt, sehen wir uns kaum noch. Die Entfernung fühlt sich manchmal wie ein riesiger Graben an, und ich habe das Gefühl, dass er mit jedem Tag größer wird.
Ohne die Ausrüstung fühle ich mich wieder um einiges leichter. Dennoch lehne ich mich auf der Bank zurück und versuche, etwas abzukühlen. Als mein Handy vibriert, sehe ich auf das Display – Hunter hat mir geschrieben.
Goalie: PR, Schlittschuhe tauschen und die Hockeysachen aufräumen!
Goalie: Jetzt!
Ich: Bin schon dabei
Ich atme noch zweimal tief ein und aus, lasse die Kälte der Eishalle in meine Lungen strömen – um mich zu beruhigen, um das leichte Zittern in meinem Körper zu unterdrücken. Kurz fühlt es sich so an, als könnte ich nicht mehr, als bräuchte ich meinen besten Freund, der mich einfach in die Arme nimmt. Aber ich kann leider nicht einfach so verschwinden. Nicht jetzt. Noch nicht. Also stehe ich wieder auf und fahre zurück aufs Eis.
Das Klirren meiner Kufen auf dem glatten, eisigen Boden gibt mir ein Gefühl von Kontrolle zurück. Ich beginne, das Tor aufzuräumen und sammle die Pucks ein, die verstreut auf dem Eis liegen.
Ich verstaue alles, lege den Schläger zurück an den Rand der Bande und fahre dann zur Umkleide. Die Ausrüstung verstaue ich genau am selben Ort wie jeden Morgen.
Ich tausche die alten Schlittschuhe gegen meine Eiskunstlaufschuhe und verstaue sie weit unten in meiner Tasche. Das Rot ist etwas ausgeblichen, und die ein oder andere Naht geht auf. Aber die Schuhe sind einfach etwas Besonderes, weshalb ich Angst habe, dass sie mir irgendjemand nehmen könnte.
Sie sind ein Geschenk von Hunter. Es sind die Schuhe, die er bei seinem ersten Spiel für die U18 getragen hat. Ich weiß, wie viel sie ihm bedeuten, und ich weiß, dass er sie mir nicht einfach gegeben hat, weil er sie nicht mehr brauchte. Diese alten Dinger haben ihm Glück gebracht, haben ihn in die Profiliga eingeführt, und er glaubt, dass es mir genauso ergehen wird, wenn ich sie trage.
Gott, wie sehr ich mir wünsche, dass er damit richtig liegt.
Als ich das Geräusch von Autos höre, die auf den Parkplatz fahren, schließe ich hastig meine Tasche. Es ist der Moment, in dem meine Blase der Ruhe zerbricht. Schnell springe ich aufs Eis und spüre, wie die Kufen mit einem Schaben die Oberfläche berühren. Es fühlt sich seltsam an, weil meine Schuhe jetzt andere Kufen haben, aber ich ignoriere den kleinen Widerstand, den sie mir entgegenbringen, und konzentriere mich nur auf das Gefühl des kalten Eises, das durch die Kufen in meine Beine zieht.
Es dauert nur wenige Bahnen, ein paar schnelle Kreise, bis ich mich wieder an den neuen Rhythmus gewöhne – bis ich die anderen Kufen unter meinen Füßen wieder akzeptiere. Aber das Gefühl, dass es sich normal anfühlt, kommt nicht zurück. Ich fühle mich langsamer, schwerer – ironisch, wenn man bedenkt, dass ich bis vor wenigen Minuten noch extra Gewicht auf meinen Schultern hatte.
Plötzlich wird das große Licht in der Halle angeschaltet, und für einen Moment wird alles in ein klares, grelles Licht getaucht, das den Raum in einer fast perfekten Schärfe einfängt. Genau in diesem Augenblick hake ich mit der zackigen Spitze meiner Schlittschuhe ins Eis und fühle, wie die Kufen sich wie von selbst in die Fläche eingraben. Der Schwung ist perfekt, der Moment genau richtig. Ich fliege hoch in die Luft, mein Körper schraubt sich nach oben.
Einmal …
Zweimal …
Dreimal …
Die Drehung ist so präzise. Für einen Bruchteil einer Sekunde fühlt es sich genauso an wie früher. Aber es ist nicht der Sprung, der dieses Gefühl verursacht, sondern das Glücksgefühl, zwei Stunden mit dem verbracht zu haben, was man liebt. Das hier jetzt ist nur für die anderen. Sie sollen denken, ich würde die ganze Zeit meine Übungen perfektionieren.
Ich lande sicher auf dem linken Fuß. Die Landung ist fließend, und ich setze den rechten Fuß elegant vor den linken. Es ist fast, als ob das Eis mich trägt, mich in die perfekte Bewegung zieht.
Rückwärts fahre ich einen großen Kreis, spüre die Kraft meiner Beine, die mich über das Eis tragen, während ich den Rhythmus immer schneller aufnehme. Ich lasse mich treiben – die Geschwindigkeit in meinen Adern, die Leichtigkeit in meinem Körper. Ich beginne mich zu drehen – zuerst langsam, dann schneller, mit einer Eleganz, die mich selbst überrascht. Die Drehung wird immer schneller, der Wind rauscht in meinen Ohren, und für einen Moment bin ich in einem Zustand völliger Harmonie.
Es gibt keinen Raum für Fehler. Keine Unvollkommenheit. Nur Perfektion. Und jeder, der jetzt in dieser Halle ist, kann es sehen. Und so, wie es klingt, sind es schon einige.
»Du wirst es ohne mich nie zu etwas bringen, Maddison. Vergiss das nicht.«
Caden
Wie kannst du jemanden glauben lassen, dass du ihn hasst, obwohl du ihn wirklich willst?
04:00 Uhr
Ich konnte die ganze Nacht nicht richtig schlafen – mir ging so viel durch den Kopf, dass ich schließlich zur Halle gefahren bin. Mein Auto habe ich etwas abseits geparkt, damit mein Team später nicht sieht, dass ich der Erste bin. Unser Trainer kann es nicht leiden, wenn wir unsere Ruhepausen nicht einhalten. Laut ihm leidet unsere Spielqualität darunter, wenn wir nicht hundertprozentig ausgeschlafen sind. Doch für mich wäre es pure Zeitverschwendung, jetzt noch im Bett zu liegen und mich um ein wenig mehr Schlaf zu bemühen.
Ich öffne die Tür so leise wie möglich und schließe sie noch leiser, dabei halte ich den Schlüssel gespannt, um das leise Klicken des Schlosses zu vermeiden. Ich verhalte mich, als wäre um diese gottlose Zeit jemand hier. Doch niemand außer mir würde jemals auf die Idee kommen, so früh in der Eishalle zu stehen.
Eine Stimme hallt durch die leere Halle. Kurz darauf ertönt das bekannte Geräusch, das nur entstehen kann, wenn ein Schläger auf einen Puck trifft.
Der Name schwirrt in meinem Kopf. Ich überlege, wer hier sein könnte. Niemand aus meinem Team hat diesen Spitznamen – zumindest nicht, soweit ich weiß.
Wir haben viele Eigenheiten und Spitznamen, aber Pocket Rocket klingt nach etwas, das man sich nicht einfach ausdenkt. Es hat Stil. Und ich frage mich, ob es jemand aus einer anderen Mannschaft ist, jemand, den ich nicht kenne. Die Stimme kommt mir vertraut vor, aber ich kann sie nicht zuordnen.
Leise schleiche ich mich auf die Tribüne. Jeder Schritt auf dem Hallenboden klingt viel lauter, als er sollte. Dennoch achte ich darauf, so leise wie möglich zu sein.
Als ich die Tribüne erreiche, fängt mein Blick die einzige Bewegung auf dem Eis ein. Da ist wirklich nur eine Person. Sie bewegt sich mit einer Anmut, die man nicht mit Eishockey verbinden würde.
Das dunkle Trikot verschmilzt fast mit der Dunkelheit des Raums, nur die Reflexionen des gedämpften Lichts zeigen mir, dass die Ausrüstung von unserem Verleih stammt – meist genutzt von jüngeren Spielern, die sich das neuere Equipment noch nicht leisten können. Alles an ihrem Outfit wirkt etwas mitgenommen, nur die Schlittschuhe stechen hervor.
Sogar im schlechten Licht kann ich die Schönheit der alten Kufen erkennen. Sie glänzen schwach. Sie sind eindeutig älter – viel älter als die, die man hier normalerweise sieht. Ein Modell aus den späten 90er Jahren, das man so nicht mehr bekommt. Obwohl sie so alt sind, scheinen sie in einem nahezu perfekten Zustand zu sein. Kaum Kratzer – nur die normale Abnutzung, die man an einem Stück Ausrüstung erkennt, das oft benutzt und gleichzeitig sehr gut gepflegt wird.
Pocket Rocket scheint kein Anfänger zu sein. Ihre Haltung und Bewegungen verraten, dass sie Erfahrung auf dem Eis hat. Die Art, wie sie den Schläger führt, wie sie den Puck präzise und zielgerichtet über das Eis treibt, lässt keinen Zweifel daran, dass sie genau weiß, was sie tut.
Ich stütze meine Ellenbogen auf dem Geländer ab und beobachte, wie die Person über das Eis gleitet, als hätte sie noch nie etwas anderes gemacht. Ihre Bewegungen sind flüssig, als wäre sie auf dem Eis zu Hause.
Die Kurven, die sie zieht, sind makellos. Jede Linie, die sie fährt, ist präzise, die Kufen schneiden das Eis mit einer Perfektion, die man nur durch jahrelange Erfahrung erlangt. Und jeder Puck, trifft das Netz – egal aus welcher Entfernung, egal aus welchem Winkel. Nur bei den Stopps und den Schlägen scheint es an Kraft zu fehlen.
»Wenn du so weitermachst, wird das mit dem Eishockeyspielen wirklich was. Dich würde ich sofort in mein Team aufnehmen.«
Die Worte hallen durch die Halle, und für einen Moment denke ich, sie kämen direkt von der Person auf dem Eis. Doch dann merke ich, dass die Stimme aus einem Telefon kommt. Die Person, die hier allein spielt, scheint mit jemandem in einem FaceTime-Gespräch zu sein. Wer sich jedoch am anderen Ende der Leitung befindet, kann ich nicht erkennen.
Die Person auf dem Eis zögert einen Moment, wirft einen kurzen Blick auf ihr Handy und zieht dann langsam den Helm ab. Ich spüre, wie sich in mir alles zusammenzieht, als ihre langen, braunen Haare über die Schulter fallen. Und als sie den Kopf leicht dreht und ihre Stimme ertönt, bleibt mir für einen Augenblick die Luft weg.
»Was mache ich falsch? Ich bekomme nicht den Druck auf den Schläger, den ich bräuchte.«
Mein Herz setzt schlagartig aus. Ihre Stimme löst etwas in mir aus, das sich tief in mir festsetzt.
Während ich noch versuche, alles zu begreifen, wird mir plötzlich klar, wer hier wirklich auf dem Eis steht – in Hockey-Ausrüstung. Es ist Maddison Walker, die Eiskunstläuferin, die letztes Jahr die Weltmeisterschaften gewonnen hat. Die Maddison, mit der ich mich seit Tag eins streite, wer nun mehr Anrecht auf das Eis hat.
Es ist, als würde sich alles in mir gleichzeitig verlangsamen und beschleunigen, als könnte ich kaum fassen, dass sie es ist. Ein Auflodern von Bewunderung, Faszination und etwas, das so stark ist, dass es fast wehtut, flammt in mir auf.
Am liebsten würde ich ihr antworten. Ihr sagen, dass sie den Schläger oben fester halten muss und dass der Abstand zwischen den Händen zu kurz ist. Sie braucht eine ganze Unterarmlänge dazwischen. Doch ihr Gesprächspartner kommt mir zuvor.
»Halt deine Arme lockerer, du brauchst die Bewegungsfreiheit.«
Damit hat er recht, aber da ist noch so viel mehr, dass sie verbessern könnte. So viel mehr, was ich ihr zeigen könnte.
Fuck … Maddie …
Meine Gedanken fahren Karussell. Jetzt ist klar, warum jede Bewegung so grazil wirkt, warum es aussieht, als hätte sie noch nie etwas anderes getan. Weil es schon immer ihr Lebensinhalt war. Maddison Walker steht seit ihrem vierten Lebensjahr sechs Mal die Woche auf dem Eis.
Nur warum steht sie hier und spielt Eishockey? Ich dachte immer, sie brennt für das Eislaufen.
Die Worte »Ich hab dich lieb!« reißen mich aus meinen Gedanken. Maddie sitzt auf der Strafbank und zieht sich um. Ich beobachte, wie sie sich wieder in die kleine Eiskunstläuferin verwandelt und versucht, sich zu motivieren.
»Irgendwann muss ich mich nicht mehr in dieses verfluchte enge Outfit quälen«, flucht sie.
Mir fällt wieder ein, wie Trevor sich aufgeregt hatte, als er erfuhr, dass Maddie ernsthaft in Erwägung zog, Eishockey zu spielen. Es klang aus seinem Mund eher wie das trotziges Verhalten eines Kleinkinds. Ich dachte, er hätte sie einfach nur provoziert und sie hätte dann gesagt, dass sie genauso gut Eishockey spielen könnte wie er.
Doch jetzt, da ich sie hier auf dem Eis sehe, wird mir klar, dass sie das nicht nur im Spaß gesagt hat. Sie meint es ernst. Sie, die Weltmeisterin im Eiskunstlauf, eine der besten Athletinnen, die ich kenne, will wirklich Eishockey spielen und ihre Karriere an den Nagel hängen.
Und so, wie sie sich gerade auf dem Eis präsentiert hat, hat sie das Talent dafür. Ich habe wirklich geglaubt, dass sie das hier schon ihr ganzes Leben lang macht.
Langsam macht für mich alles Sinn. Trevor, der sich ständig über seine Freundin auskotzt, weil sie mehr will als nur die Spielerfrau sein. Er, der immer sagt, sie hätte verrückte Ideen, dass sie größenwahnsinnig wäre.
Aber die Frau, die hier gerade Drehungen und Sprünge macht, ist nichts von dem, was Trevor immer sagt.
Ich höre die Motoren der Autos, die gerade auf den Parkplatz fahren, und mache mich auf den Weg zum Eingang. Trevor kommt wütend auf mich zu, und wir gehen gemeinsam in die Halle. Wir begrüßen uns nicht, da er sofort zu Maddie stürmt.
Am liebsten würde ich sie in meine Arme ziehen, Trevor von ihr fernhalten, weil er sie nicht ernst nimmt und ich genau weiß, dass er sie jetzt für seine schlechte Laune bestrafen wird.
»Du warst heute Morgen schon wieder nicht da, als ich aufgewacht bin!« schreit Trevor aufs Eis.
Maddie hat gerade ihren Sprung perfekt gelandet und stürzt beim nächsten Ansatz, weil Trevor sie erschreckt. Der Sturz sieht schmerzhaft aus, vor allem, da sie jetzt keine Schutzausrüstung mehr trägt.
»Und du nicht, als ich eingeschlafen bin.« kontert sie und streift das Eis von ihrer Hose ab.
»Was stimmt eigentlich nicht mit dir, Maddison?«
»Ich trainiere. Die Olympischen Spiele stehen vor der Tür.«
Nur ich weiß, dass sie garantiert nicht dafür so früh hier war.
»Warum hältst du an diesem lächerlichen Traum fest? Du wirst nichts erreichen!«
»Ach so, und die Goldmedaille der Weltmeisterschaft ist also nichts?«
»Eiskunstlauf interessiert keinen! Du verdienst ja nicht mal genug Geld, um dich über Wasser zu halten.«
Maddie fährt mit einer Eleganz auf uns zu, die mich fast umhaut. Sie bremst – nicht wie vor einer halben Stunde, als sie noch in ihrer Eishockey-Blase steckte – sondern mit einer königlichen Ruhe, als wäre das Eis ihr Revier. Was es ja auch irgendwie ist. Sie kommt von der Fläche herunter und verbeugt sich vor Trevor, als wäre er der König von irgendwas.
»Bitte, das Eis gehört euch«, sagt sie mit einer Stimme, die zu süß für ihren spitzen Kommentar klingt.
Und dieser Knicks – der war ein Meisterwerk. Als würde sie sich dafür entschuldigen, dass wir überhaupt da sind.
Als sie an mir vorbeifährt, rempelt sie mich absichtlich an, und ihr Blick brennt fast ein Loch in meine Brust.
»Vorsicht, PB Babe.«
Ihre Wangen färben sich schlagartig rot, was sie nur noch faszinierender macht.
»Wie hast du mich genannt?«
»P-E-N-A-L-T-Y B-O-X Babe«, antworte ich langsam, jedes Wort bewusst ziehend, die Buchstaben einzeln betonend.
Sie reagiert sofort – ich kann die Wut, die von ihr ausgeht, spüren, wie sie hochkocht, und das macht sie noch perfekter.
Ihr Gesichtsausdruck, als sie endgültig die Sicherungen durchbrennen lässt, ist das Highlight des Tages. Es ist wie ein Magnet, der mich immer mehr anzieht. Mit ihren vor Wut geröteten Wangen ist sie so wunderschön, dass mein Herz schmerzt, denn ich will mehr davon. Ich genieße ihre Aufmerksamkeit viel zu sehr, als dass ich es jetzt hier enden lassen könnte.
Maddies Lippen sind zusammengepresst, die Wangen leicht gerötet, und die Art, wie sie mich ansieht, lässt mich für einen Moment die Luft anhalten.
»Penalty Box?« Ihre Stimme ist eisig. »Du bist der verdammte Hüter der Strafbank. Ist dir etwa nichts Besseres eingefallen?«
Sie tritt einen Schritt auf mich zu, so nah, dass nicht mehr viel fehlt – ich müsste meinen Kopf nur ein wenig senken, und meine Lippen würden auf ihre treffen.
»Was bin ich morgen? Puck Bunny?«
Das Wort Puck Bunny spuckt sie mir giftig entgegen. Ihre Wut bringt sie förmlich zum Leuchten. Ihre grünen Augen funkeln immer stärker, je mehr sie auf meine Sticheleien eingeht. Sie ist atemberaubend.
Es ist, als ob jede Faser ihres Körpers brennt – ihre Schultern sind straff, und trotzdem hat sie noch diese gewisse Eleganz, die sie auf dem Eis so verdammt perfekt zur Geltung bringt. Mein Herzschlag beschleunigt sich, als sich ihre Hand ballt, als würde sie mich jeden Moment allein mit ihrem Blick in Schutt und Asche verwandeln.
Doch für mich schreit nichts an ihr nach Gefahr. In meinem Kopf dreht sich nur ein einziger Gedanke: Sie ist unglaublich heiß. So heiß, dass es schmerzt, sie länger anzusehen.
Wütend wirkt sie roher, ungezähmter – und damit zieht Maddie mich immer mehr in ihren Bann.
Ich kann nicht aufhören, daran zu denken, wie unheimlich gut sie sich auf dem Eis machen würde – mit dieser Wut, in der alten Eishockeyausrüstung…
Ich stelle mir vor, wie sie auf mich zurast, kochend vor Wut, wie sie ihren Körper in Bewegung setzt, nur um mich gegen die Bande zu checken. Und das nicht aus Spaß, sondern weil sie mich wirklich hasst.
Wenn ihr zierlicher Körper gegen meinen trifft, wenn sie all ihre Energie in jede einzelne Bewegung packt, als wollte sie mir eine Lektion erteilen. Vielleicht wäre es so, als wollte sie mich samt Puck in den Boden rammen, weil sie so sauer auf mich ist, dass sie gar nicht mehr anders kann. Und ich würde es mit mir machen lassen.
»Was ist los, Banden-Kriecher? Fehlen dir plötzlich die Worte?«
Fuck, ich glaube, ich verliebe mich gerade in ihr freches Mundwerk.
»PB Babe«, ich schaue zu ihr herunter, betrachte diese leuchtend grünen Augen. »Für dich würde ich die Bande freiwillig nie wieder verlassen.«
»Jemand muss die Bande ja richtig nutzen. Du solltest es mal ausprobieren, anstatt immer nur auf dem Eis herumzutänzeln.«
Ich mache eine dramatische Pause, lehne mich weiter zu ihr herunter, bis meine Lippen auf der Höhe ihrer Ohren sind.
»Wie wäre es mal mit einer richtigen Eishockey-Session, Darling?«
»Kannst du meine Freundin endlich in Ruhe lassen? Wir wissen alle, dass sie sich für etwas Besseres hält, weil sie Weltmeisterin ist.«
Trevor unterbricht mich dabei, die Nähe seiner Freundin zu genießen, und ich hasse ihn dafür. Ich hasse ihn auch, weil er immer so abwertend von ihr redet.
Maddie ist perfekt. Von oben bis unten einfach perfekt. Nur sieht er das nicht. Er kann sie nicht wertschätzen.
Ich reiße mich zusammen, atme einmal tief durch, lasse meine Lungen noch einmal mit Maddies Duft füllen und gehe dann einen Schritt von ihr weg. Abwehrend hebe ich meine Arme in die Luft.
»Sorry, Bro«, sage ich locker und klinge wie der größte Fuckboy. Genau so, wie ich es wollte.
Maddie
Ich sollte ihn lieben, nicht?
21:30 Uhr
Zeitverschwendung. Das alles hier ist reine Zeitverschwendung. Ich könnte jetzt schlafen oder besser trainieren. Aber Trevor verlangt, dass ich mit ihm und der Mannschaft in dieser schäbigen, versifften Bar abhänge. Ihm ist es anscheinend wichtig, dass wir gemeinsam nach Hause gehen und gemeinsam einschlafen – aber natürlich erst, wenn er es sagt.
Was tue ich hier eigentlich? Ich schaue dabei zu, wie sich 23 Eishockeyspieler der Boston Bruins betrinken, und sitze mittendrin. Klar, ich will auch Eishockey spielen, aber das hier? Nein, danke! Ich will nicht mit betrunkenen Typen abhängen. Und vor allem will ich nicht so tun, als wäre ich tatsächlich die brave, perfekte Spielerfrau, die alles für ihren Mann aufgibt. Denn das bin ich nicht – und werde es auch niemals sein.
»Ich bin kurz mal meine Nase pudern«, flüstere ich Trevor ins Ohr, so leise, dass nur er es hören kann.
Er rümpft die Nase, als wollte er mich sogar davon abhalten. Doch bevor er die Möglichkeit hat, mich zurückzuhalten, eile ich in Richtung Toiletten. Ich werfe einen Blick über meine Schulter, in der Hoffnung, dass er mich nicht mehr beobachtet – dass er mir nicht folgt. Und als mein Blick auf ihn trifft, bildet sich ein Kloß in meinem Hals, der meine Kehle zuschnürt.
Er spricht mit der Barfrau, den Kopf leicht geneigt, und seine Augen fixieren ihren tiefen Ausschnitt. Sein hungriger Blick schneidet wie ein Messer durch meine Brust. Für ihn bin ich nicht mehr relevant. Es wirkt, als hätte er meine Existenz bereits verdrängt.
Hatte ich echt erwartet, dass er so etwas nicht machen würde? Er ist ein Eishockeyspieler. Er ist berühmt. Was sollten vier Jahre Beziehung daran ändern? Es scheint wohl kein ausreichender Grund zu sein, um treu zu bleiben.
Ich spüre, wie der Boden unter meinen Füßen brüchig wird und droht, wegzubrechen. Ich reiße meinen Blick von ihm los, versuche den Schmerz in meiner Brust zu ignorieren. Aber als ich seine Hand am Hintern dieser Frau sehe, ist es, als würde mein Herz aufhören zu schlagen.
Ich habe nichts anderes erwartet. Es darf nicht wehtun! Die Stimme in meinem Kopf versucht, mich zu trösten – ohne Erfolg.
Es tut weh. Mehr, als ich in Worte fassen kann.
Ich drehe mich um und gehe mit schnellen Schritten nach draußen. Ich kämpfe gegen die Tränen an, die schon in meinen Augen brennen. Meine Lunge schmerzt. Der Druck in meinem Kopf wird stärker. Ich habe das Gefühl, nicht genug Sauerstoff in meine Lungen zu bekommen.
Es fühlt sich an, als würde sich jede Zelle in meinem Körper zusammenziehen und einfrieren. Als würde jemand die letzte Luft aus meinen Lungen pressen. Meine Gedanken sind wirr, überlagern sich, alles dreht sich im Kreis. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Die Trauer – nein, die Enttäuschung – brodelt wie Lava in meinem Inneren.
Schnell ziehe ich mein Handy aus der Tasche. Meine Hände zittern, als ich meine PIN eingebe und in den Kontakten nach Hunters Nummer suche. Ich hoffe, dass er noch wach ist. Dass er mir zuhört, mich beruhigt und nicht fragt, was genau passiert ist. Ich muss nur für einen Moment seine Stimme hören, um diesen Schmerz für einen kurzen Augenblick zu lindern.
Ich kann nicht mehr atmen, meine Kehle ist wie zugeschnürt. Und während ich warte, dass das Klingeln stoppt und seine Stimme ertönt, versuche ich, mich zu beruhigen. Ich versuche, meinen Atemrhythmus wieder unter Kontrolle zu bekommen, was fast unmöglich scheint.
Mein Herz pumpt ungesund schnell und unregelmäßig, als es schon das zweite Mal klingelt und Hunters Stimme noch immer nicht erklingt.
Piep...
Piep…
»Mhmm?« Ertönt das Brummen seiner Stimme. Endlich!
Es ist, als wäre seine Stimme ein Anker, der mich beruhigt, mein Herz und meine Atmung wieder in ihren ursprünglichen Rhythmus bringt. Ich schließe die Augen und genieße das Geräusch seiner Atmung. Kurz fühlt es sich an, als wäre er genau hier bei mir. Als gäbe es keine 300 Meilen zwischen uns.
Mit zitternder Hand stelle ich den Lautsprecher ein – ich habe keine Kraft, das Handy ans Ohr zu halten. Ich fühle mich schwach und ausgelaugt.
»Sorry, ich wollte dich nicht wecken«,
sage ich entschuldigend, denn ich habe das Gefühl, ihn zu stören. Und ehrlich gesagt, tue ich das ja auch. Wegen mir musste er sein Training unterbrechen.
»Pocket Rocket, du störst nie. Niemals. Für dich würde ich alles stehen und liegen lassen.«
Hunter war schon immer ein Meister darin, mir das Leben leichter zu machen. Aus jeder Träne zaubert er ein Lächeln… genau wie jetzt auch. Es sind zwar nur Worte, aber sie machen alles einfacher. Es ist, als wäre er genau hier und nähme mir die Tasche mit der schweren Last ab. Nur er schafft es, alles Schlechte in den Hintergrund treten zu lassen.
Das Handy beginnt zu vibrieren und zu klingeln… Ich drücke auf den grünen Button mit der Kamera. Sofort ertönt das Pingen, und mein bester Freund taucht auf dem Display auf. Seine dunklen, lockigen Haare sind schweißnass und kleben an seiner Stirn. Ich folge dem Schweißtropfen, der von seinem Hals über seine Brust und dann über sein Sixpack wandert.
Eins muss man Eishockeyspielern lassen: Sie sind verdammt gut trainiert. Zu gut. Und die Art und Weise, wie sie alle die Haare etwas länger tragen, macht sie noch attraktiver.
»Gefällt dir was du siehst?«
Ich nicke und richte dann meinen Blick in die Kamera.
»Maddie, was ist los?« fragt er sofort. Sein Blick wechselt von flirty zu besorgt, als er meine geröteten Augen und die dunklen Ringe darunter sieht.
»Nichts«, sage ich schniefend. Die Tränen versuchen wieder auszubrechen, denn vor meinen Augen sehe ich erneut, wie Trevors Hand an dieser Tusse auf und abwandert.
»Nichts? Das soll ich jetzt glauben?«
Er hebt eine Augenbraue, als wüsste er genau, dass ich nur wieder versuche, dem Offensichtlichen zu entgehen. Ich nicke. Natürlich weiß ich, dass er mir nicht glaubt.
Das Klackern von Hanteln ertönt über den Lautsprecher, und ich beobachte, wie sich Hunter hinlegt, sein Gesicht abtrocknet und mich dann ernst anschaut.
»Du weißt, dass du mir alles sagen kannst, oder?«
Seine Stimme ist ruhig, sanft und zieht eine dicke Schicht von der Trauer ab. Ich mustere jede Bewegung in seinem Gesicht, als wäre er ein Meisterwerk Gottes – wunderschön, mit einem Herz am rechten Fleck.
Es ist, als wäre die Trauer wie weggefegt. Dennoch lasse ich erschöpft den Kopf sinken, atme tief ein, und dann breitet sich ein dickes Grinsen auf meinem Gesicht aus – eines, das er nicht sehen kann.
Mit todernstem Blick hebe ich den Kopf und sage so ernst wie möglich:
»Habe ich dir schon mal gesagt, dass du echt heiß aussiehst, wenn du nass geschwitzt bist?«
Er verdreht die Augen, und ich kann mir das Glucksen nicht verkneifen. Es tut so verdammt gut, zu lachen. Vor allem, weil es nicht aufgesetzt ist. Es ist echt.
»Danke, Schatz. Und jetzt sag, was los ist.«
Hunter wird nicht zulassen, dass ich das Thema wechsle, also werde ich diesmal wirklich ernst. Aber die Trauer bleibt aus. Ich fühle mich gleichgültig, was das Gespräch so viel leichter macht.
»Ach, keine Ahnung. Hormone?«
Er schüttelt den Kopf.
»Was hat die Hormone ausgelöst?«
Ich rolle mit den Augen.
»Ich wollte nur kurz raus aus dieser Bar, mir war das da drin einfach zu viel Eishockey-Testosteron. Kaum war ich von Trevor weg, lag seine Hand auch schon auf dem Hintern der vollbusigen Kellnerin.«
»Ach, Schatz…« kommt es von ihm, mit einem Hauch Mitleid. Er fährt sich nachdenklich durch die Locken.
»Bitte kein Mitleid«, erwidere ich scharf und unterbreche ihn mit schüttelndem Kopf. »Ich bin selbst schuld, und wenn ich ehrlich zu mir selbst wäre, hätte ich schon vor zwei Jahren Schluss gemacht. Aber nein, Maddison Walker musste natürlich mit dem Vollidioten zusammenziehen, anstatt einfach Schluss zu machen.«
Die Worte schießen ungefiltert aus mir heraus, aber sie sind die Wahrheit.
Vor zwei Jahren wollte ich mich schon von ihm trennen. Ich war es leid, mit diesem selbstgefälligen Arschloch meine Zeit zu verschwenden – einem Mann, der sich immer als das Wichtigste sieht. Und genau dann, als ich mich endlich von ihm trennen wollte, als ich ihm sagen wollte, dass es vorbei ist, fragt er mich wirklich, ob wir zusammenziehen wollen. Zusammenziehen.
Ich habe nachgegeben. Ich wollte ihn nicht verletzen, dachte, es könnte doch noch besser werden, wenn wir mehr Zeit miteinander verbringen. Und ich sah die Chance, weg von meiner Mutter zu kommen. Hatte ich echt geglaubt, es könnte funktionieren? Dass er das vorschlägt, weil er mich liebt?
Noch nie war ich für ihn etwas anderes als eine hübsche Dekoration. Ich war sein Ausstellungsstück.
Und während ich alles dafür gegeben habe, dass diese Beziehung doch noch irgendwie funktioniert, vögelt er mit jeder Frau, die ihm über den Weg läuft. Und das ist nicht einmal die Spitze des Eisbergs. Er stöhnt bei jedem verdammten Mal nur seine Trikotnummer in mein Ohr. Ich bin seit Tag eins ein Spielzeug für ihn, das er benutzen kann.
Bisher fand ich das alles gar nicht so schlimm. Ja, ich hatte gehofft, er sei tatsächlich treu. Gut, das war er wohl nicht, aber dass er die Frechheit besitzt, mir direkt vor den Augen zu zeigen, dass er jede haben kann – das ist einfach zu viel. Zu viel für meine Nerven, für mein Herz, das noch immer versucht, sich an ihn zu heften.
»Hunter, ich liebe ihn ja nicht mal. Warum verursacht mir das trotzdem so beschissene Kopfschmerzen?«
Meine Stimme klingt frustriert, und die Verzweiflung breitet sich in mir aus. Ich bin nicht sauer auf Trevor. Nein, ich bin wütend auf mich selbst, weil ich so verdammt dumm war. Und dann habe ich auch noch Tränen für diesen Arsch geweint.
Ich schaue Hunter mit hoffnungsvollem Blick an, als hätte er immer die richtige Antwort auf alles, doch er zuckt lediglich mit den Schultern.
»Soll ich zu dir kommen?« fragt er, als wäre das die einzige Lösung, die er zu bieten hat. Und mir gefällt diese Option viel zu gut.
»JA.«
Ich schreie es beinahe so laut, dass es die Aufmerksamkeit der ganzen Eishockeymannschaft auf mich ziehen müsste. Ich fühle mich erleichtert, als hätte ich die ganze Zeit auf genau diese Frage gewartet.
»Schatz, nur damit das klar ist: Wenn ich zu dir komme, packe ich deinen Scheiß zusammen, und du ziehst zu mir!«
Hunter hat diesen gewissen Ton, der mir immer sagt, wenn er es wirklich ernst meint. Es ist eine Mischung aus kindlicher Freude und dem Tonfall, den er auf dem Spielfeld pflegt – liebevoll und aggressiv.
Seine Worte klingen, als wüsste er, dass nur er mich jetzt retten kann. Und ich will nichts anderes, als gerettet zu werden.
»Okay. Ich will hier einfach nur noch weg. Weg von Trevor, der mich behandelt wie seinen Fußabtreter, und weg von meiner Mutter, die mich als Püppchen auf Kufen sieht. Ich will das alles nicht mehr!«
Es klingt verzweifelt, und vielleicht ist es das auch. Aber es ist extrem befreiend.
»Ich bin in drei Stunden bei dir. Halt so lange durch, okay? Tu einfach so, als wäre nichts gewesen.«
»Ich gebe mein Bestes.«
Ich werde so tun, als wäre alles in Ordnung, als würde ich nicht schon am Rande des Zusammenbruchs stehen.
»Ach so, und PR...«
»Mhmm?«
Ich weiß, was er meint. Ein Lächeln. Immer ein Lächeln, egal wie ich mich fühle. Wie beim Eislaufen. Wenn du Schmerzen hast, lächle sie weg!
»Lächeln, dein Traummann kommt und spielt den Prinzen für dich.«
Bei Hunter klingt das so selbstverständlich, dass ich lachen muss. Wirklich lachen. Ich fühle mich leichter, was die ganze Situation besser macht. Und es ist süß, wie er sich so sicher ist, mein »Traummann« zu sein – der Prinz, der mich rettet.
»Danke. Ich hab dich lieb«, flüstere ich. Dabei ist das gar kein Ausdruck für das, was er mir gerade alles gibt. Die Hoffnung, endlich wieder durchatmen zu können, ohne dass jemand darauf achtet, ob alles perfekt aussieht.
»Ich dich auch, mein kleines PR.«
Oh Gott! Hunter kommt hierher.
Mein Herz schlägt schneller, meine Hände werden schwitzig, und ein nervöses Grinsen liegt auf meinen Lippen. Es ist schon eine Ewigkeit her, dass wir uns gesehen haben. Und jetzt lässt er für mich alles stehen und liegen und kommt zu mir. Nur damit ich dann mit ihm komme und bei ihm einziehe.
In drei Stunden bin ich nicht mehr die kleine Prinzessin. Dann bin ich wieder Maddie...
Die Tochter von Jewgen Walker – einem Eishockeyspieler, der in seinem Leben mehr Zähne als Spiele verloren hat.
Caden
Ist sie wirklich die, die sie vorgibt zu sein?
23:00 Uhr
Ihr Mundwinkel zieht sich angestrengt nach oben. Das Lächeln ist falsch, das sehe ich sogar von hier.
Das Augenlid zuckt jedes Mal, wenn Trevor versucht, sie zu küssen – und auch das entgeht mir nicht.
Dieser Vollidiot fummelt schon den ganzen Abend an ihr herum – und sie lässt es einfach mit sich machen.
Das ist für mich nicht der Inbegriff einer glücklichen Beziehung. Maddie krallt sich an der Bar fest, als würde diese ihr Halt und Kraft geben, während Trevor versucht, sie an sich zu ziehen. Jeder Blinde könnte sehen, dass Maddie überall lieber wäre als hier.
Trevor wischt sich das Bier vom Mundwinkel und legt seinen Arm wieder um sie. Automatisch fallen ihre Schultern nach unten, als wäre die Last seines Armes zu viel.
Mich ekelt es an, wie er immer wieder mit seinen Fingern über ihr Gesicht gleitet, als wäre sie ein Hund, den er für sein gutes Benehmen belohnt. Ihre Miene spricht Bände – sie ekelt sich. Und dennoch spielt sie mit. Spielt das perfekte Püppchen, das sie gar nicht sein möchte.
Maddie geht mir seit heute Morgen einfach nicht mehr aus dem Kopf. Ihr heimliches Eishockeytraining hat mir so viel über sieverraten, es hat sie interessant gemacht. Sie ist nicht das nervige Eispüppchen, das sie immer zu sein schien. Sie will mehr.
Heute Morgen hat sie so viel menschlicher gewirkt. Wild, entschlossen, stark. Da war keine Spur von diesem Etwas, das sie jetzt vorspielt. Dieses aufgesetzte Lächeln ist nicht zu vergleichen mit dem Ausdruck auf ihrem Gesicht, als sie 20 Pucks mit einer unbeschreiblichen Perfektion im Netz versenkt hat.
Aber warum lässt sie das zu? Warum bleibt sie bei diesem Vollidioten, wenn sie sich doch so sehr vor ihm ekelt? Warum ist sie nicht einfach die, die sie wirklich ist?
Ich reagiere auf den leichten Druck an meinem Arm, spüre eine Hand, die sich an mir abstützt. Es ist ein hübsches Mädchen. Mein Blick wandert über ihren heißen Körper. Als sie merkt, dass ich nicht gerade abgeneigt bin, erwidert sie meinen Blick – einen Blick, der schreit: Fick mich.
Sie lächelt verführerisch, spielt mit ihren Haaren und klimpert mit ihren langen Fake-Wimpern. Normalerweise würde ich sofort darauf anspringen, doch ich muss noch einmal nach Maddie schauen.
Sie ist nicht mehr bei Trevor.
»Caufield, willst du mir was zu trinken holen?« Mein Blick scannt die ganze Bar ab, doch nirgends sehe ich Maddie. Nur Trevor, dessen Hände an der Barfrau kleben. Natürlich. Wenn es ein Paradebeispiel für Untreue gibt, dann ist es Trevor Brindley.
Mir wird am Arm gezogen. »Mhmm?«
»Willst du mir was zu trinken holen?« Fragt das Mädchen diesmal mit einem angepissten Hauch in der Stimme. Ich betrachte sie noch einmal. Sie trägt ein übergroßes Trikot unserer Mannschaft, hat langes schwarzes Haar, das in einem Pferdeschwanz zusammengebunden ist. Das Mädchen hier ist das typische Puckbunny. Sie hat es nur auf Eishockeyspieler abgesehen, und ich wette, jede Unterschrift auf dem Trikot war mit ihr im Bett.
»Sorry! Such dir einen anderen.« Ich reiße mich von ihr los und suche nach Maddie.
Was tust du da?
Schon öfter habe ich eine Frau versetzt, die mit mir schlafen wollte. Doch in letzter Zeit passiert das immer öfter.
Ich will mit Maddie reden und würde für sie alles stehen und liegen lassen. Egal wie blau meine Eier mittlerweile sind. Ich will mich mit ihr streiten. Mich von ihr beleidigen lassen. Aber zuerst will ich sie finden. Ich bin sicher, dass sie noch nicht gegangen ist. Erst recht nicht, nachdem Trevor heute Morgen in der Halle so eine Szene gemacht hat.
»Caufield, du willst doch noch nicht gehen?«
»Keine Sorge, Stevie, der Abend ist noch jung«, sage ich und stoße mit ihm an. »Hast du die kleine Eisprinzessin gesehen?«, frage ich beiläufig.
»Ich glaube, sie ist raus. Kein Wunder, bei dem, was Trevor hier abzieht.« Er nickt zu Brindley rüber, der jetzt mit der Barfrau Trockensex auf der Theke hat. Was für ein Wichser. Ungläubig schüttle ich den Kopf.
»Ich schaue mal nach ihr. Bin sicher, sowas steckt niemand so leicht weg.« Mit einem Klopfer auf die Schulter verabschiede ich mich von Stevie.
»OHH, der Tröster in der Not.« Stevie zwinkert mir zu, und ich hebe mein Glas in die Luft. »Stehts immer zur Stelle!«
Nachdem ich mich umgedreht habe, verschwindet das Lachen auf meinem Gesicht. Das letzte, was ich will, ist, Maddie auszunutzen. Ich muss nur diese verdammten Gedanken in meinem Kopf beruhigen. Alles dreht sich um sie, da ist kein Platz mehr für eine andere.
Ich verlasse die Bar und höre jemanden Selbstgespräche führen. Das ist zweifellos Maddie, ihre Stimme würde ich überall wiedererkennen. Sie klingt weich, transportiert all ihre Emotionen und sie klingt so schön einzigartig. Ich könnte ihr den ganzen Tag zuhören, wenn sie redet. Als ich um die Ecke schaue, läuft sie nervös auf und ab, rauft sich das Haar und brabbelt unverständlich etwas vor sich hin.
