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Wovon reden wir gerade, wenn wir den Begriff "Depression" benutzen? Welche Gefühle und welche Gefühllosigkeit stecken eigentlich in uns Menschen während einer Depression? Gibt es hilfreiche Tipps für Betroffene? Für die Mitbetroffenen sehen die aber bestimmt anders aus, oder? Gibt es tatsächlich Element einer antidepressiven Lebensweise? Bänderriss der Seele versteht sich als ein Knigge für den Umgang mit Depression und geht genau diesen Fragen nach - fachlich fundiert und allgemeinverständlich geschrieben.
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Seitenzahl: 440
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Vorwort
Vielleicht schaffen Sie das mit der Konzentration auf das erste Kapitel und die depressiven Formen, Typen und Ausprägungen erst nach Ihrer eigenen Depression so richtig wieder. Dann lesen Sie nun womöglich nur das Kapitel 3. Interessant ist die Frage aber gleich am Anfang dieses Buches für Betroffene, Mitbetroffene und Interessierte aus etlichen Fachrichtungen, nämlich eine erste Klärung:
1 Von welcher Depression reden wir gerade?
1.0. Depression im Licht der verschiedenen Disziplinen
1.1. Das Deprimiertsein und der Tritt in den Hintern
1.2. Das abgründige Tief nach dem grenzenlosen Hoch und die Suche nach dem Ausgleich
1.3. Die depressive Charakterstruktur und die Bejahung der eigenen Persönlichkeit
1.4. Die schwere Depression auf der Suche nach Befreiung
1.5. Das Ringen um eine nicht‐depressive Haltung als Lebensaufgabe im Alter
1.6. Die Erschöpfung am Ende des Burnout‐Prozesses und die Neuorientierung
1.7. Die Depression im Schlepptau einer Sucht oder Krankheit und die richtige Begleitung
1.8. Die Depression der 1930er, in Australien und anderswo und das Ernstnehmen der niederdrückenden Lebensbedingungen
1.8.1. Antidepressives Verhalten in Zeiten der Corona‐Krise
1.9. Die depressive Phase und das Wachhalten der Hoffnung
1.10. Von welchen Depressionen haben wir also geredet?
Als Außenstehender oder selbst Betroffener können Sie im nächsten Abschnitt nachlesen, welche Bilder Menschen benutzen, um Ihr Befinden und Ihre Lage während einer Depression zum Ausdruck zu bringen, Sie lesen gleich das Kapitel:
2 Der Bänderriss der Seele und die Bilder der Depression
2.0. Die spezifische Wahrnehmung von Depression in der Seelsorge
2.1. Wie ein Bänderriss der Seele
2.2. Wie im Gefängnis
2.3. Wie im Nebelmeer
2.4. Wie im Dunkeln
2.5. Wie ausgetrocknet oder eingefroren
2.6. Wie ein Absturz
2.7. Was die Bilder der Depression uns also mitteilen
Im dritten Kapitel dieses Buches geht es ganz klar zuerst um Sie, wenn Sie selbst von einer Depression betroffen sind. Welche Regeln oder Tipps könnten jetzt für Sie hilfreich sein? Es folgt also:
3 Der Knigge für meine Depression
3.1. Ich brauche mich nicht zu schämen.
3.2. Ich kann zurzeit gar keine Höchstleistungen vollbringen.
3.3. Ich achte jetzt auf Ruhe und Schonung.
3.4. Ich muss nicht Richter Gnadenlos über mich selbst sein.
3.5. Ich suche mir Mitmenschen, die mit mir Vereinbarungen treffen, ohne Druck auszuüben.
3.6. Ich suche ärztliche und ‐ wo möglich und nötig ‐ therapeutische Unterstützung.
3.7. Ich verweigere bewusst und begründet eingesetzte Antidepressiva nicht.
3.8. Ich suche Linderung und Anregung – so gut es gerade geht – in Natur und Bewegung.
3.9. Ich nutze die Sprache der Musik, die mir Ausdrucksformen und positive Wirkung schenken kann.
3.10. Ich pflege gemeinsam mit den Menschen an meiner Seite die Hoffnung auf das Danach.
Im vierten Kapitel geht es um die Mitbetroffenen, vielleicht auch die Begleitenden während einer Depression. Für Sie können dann eigene Regeln und Tipps hilfreich sein. Es schließt also an:
4 Der Knigge für die fremde Depression
4.0. Was heißt hier eigentlich fremde Depression?
4.1. Ich verharmlose nicht die Depression meines Mitmenschen.
4.2. Ich erhebe mich nicht über den gerade schwer beeinträchtigten Menschen.
4.3. Ich setze meinen gerade von Depression betroffenen Mitmenschen nicht unter zusätzlichen Druck.
4.4. Ich akzeptiere die veränderte Kommunikation mit einem mir wichtigen Menschen.
4.5. Ich blicke, wo immer ich kann, für den Betroffenen nach vorne.
4.6. Ich bleibe geduldig, wenn alle meine Gesprächsangebote gerade abzuprallen scheinen.
4.7. Ich verabrede mit meiner guten Freundin oder meinem Familienangehörigen machbare Aktivitäten.
4.8. Ich suche auch Abstand zu „meinem“ Mitmenschen in Depression.
4.9. Ich weiß, dass ich jetzt auch ein offenes Ohr brauchen könnte.
4.10. Ich gebe „meinen“ Menschen nicht auf, feiere vielleicht in ein paar Monaten seine Genesung mit ihm.
Von diesen folgenden Tipps können eigentlich viele Menschen profitieren. Deshalb schaut dieser letzte Abschnitt nach vorne und eignet sich für alle, die in Zukunft ein wenig aufmerksamer und hoffentlich gesünder durch ihren Lebensalltag gehen wollen. Am Ende des Buches steht:
5 Der Knigge für eine antidepressive Lebensweise
5.1. Ich mache Pause
5.2. Ich sorge für Anerkennung in meinem Leben.
5.3. Ich pflege meine Mobilität und meine Fitness.
5.4. Ich achte auf Einengungen meines Lebens und suche die Weite.
5.5. Ich wertschätze meine persönlichen Kraftquellen.
5.6. Ich achte auf mein Essen, Trinken und Schlafen.
5.7. Ich praktiziere gesunde Formen von Entspannung
5.8. Ich übe gelassenere Zielsetzungen ein.
5.9. Ich betätige mich als mitbestimmender Mensch.
5.10. Ich setze mir neue, angemessene Lebensziele.
Was ist ein Knigge? Üblicherweise verstehen wir darunter eine Sammlung von Hinweisen für richtige, angemessene Verhaltensformen. Kurz: ein Benimmbuch. Aber irgendwie hat der wohl ausgedient, der alte und hohe Herr Knigge. Wer denkt beim Erklingen seines Namens nicht an höfliche Standards, die eben doch eher an einen fürstlichen Hof passen? Und wer braucht das schon - überholte Umgangsformen für den Besuch bei Fürst und Fürstin? So ziemlich niemand. Aber eigentlich ist das völlig anders.
Erstens war Adolph Freiherr (von) Knigge nicht der Erfinder blutleerer, überholter, gestelzter Verhaltensweisen, sondern ein engagierter Aufklärer. Er trat deutlich gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit an. Er prangerte fürstliche Zensur an und hatte nicht viel Verständnis für Hofschranzen. Knigge war kein Befürworter des gekünstelten, unterdrückten und unterdrückerischen Wortes. Er war ein Freund des freien und ehrlichen und hilfreichen Wortes.
Zweitens geht es bei diesem Knigge nicht um den Besuch beim Fürsten, sondern darum: Was mache ich, wenn ich oder ein mir wichtiger Mensch erschreckenden Besuch bekommt - von einer Depression? Ist sie eine schwarze Dame (C. G. Jung), der ich einen Platz anbiete, wenn sie zu Besuch kommt? Oder ist sie wie ein Schwarm schwarzer Vögel über meinem Kopf (Martin Luther), den ich lieber kein Nest auf meinem Kopf bauen lasse?
Was also kann ein Knigge für den Umgang mit Depression sein? Das kann ein Buch sein, das – nach Fachbuch (meine Dissertation) und zwei Ratgeber- bzw. Sachbüchern zum Umgang mit Depression und Burnout - Jahrzehnte meiner Beschäftigung mit dem Thema und auch meiner Erfahrung mit Depressionsbetroffenen und ihren Angehörigen in Worte bündelt. Dieser Knigge soll dem hilfreichen, seelsorgerlichen Umgang mit Depression dienen. Und er soll lesbar und allgemeinverständlich sein.
Die interdisziplinäre Arbeits- und Sichtweise, die sowohl die Ansprüche einer verständlichen Darstellungsform als auch die Ansprüche eines Beitrags zur wissenschaftlichen Fachdiskussion erfüllen will, erkennen Sie sicher in meinem Bemühen, die Anmerkungen und Literaturangaben zwar zu bieten, aber auf das Nötigste zu beschränken. Als Mittzwanziger, als Vikar, als angehender evangelischer Pastor, wusste ich fast nichts über Depression. Besuche bei Betroffenen hinterließen so viele Fragen bei mir. Ich forschte in den Auskünften der jungen und alten Betroffenen nach. Ich las bei Medizinerinnen und Psychologen, therapeutisch Aktiven, Biographen und Autobiographinnen mit depressiver Lebenserfahrung. Ich hörte als Seelsorger, wie Menschen ihre Depression erleben und vor allem erlebt und überstanden hatten. Ich hörte Menschen in der Bildersprache einer von Depression getroffenen Seele reden. Ich fand Schritt für Schritt zu einem seelsorgerlichen Verständnis von Depression. Ich erfuhr vor allem, was mir Überlebende ihrer Depression direkt und indirekt weitergaben: Was vermeidet vielleicht, was lindert meistens, was begleitet am besten die Zeit der Depression.
Mit diesem Buch lege ich Ihnen einen Knigge für den Umgang mit der eigenen oder einer fremden Depression vor. Ich möchte Sie als Betroffene oder Sie als Freundin oder Angehörigen einer, eines akut Betroffenen erreichen. Ich wünsche mir, Sie finden in meinem Buch freie, ehrliche und hilfreiche Worte.
Meiner Tochter Sarah Freisen, Rehabilitationspädagogin und Psychologin, danke ich für das Gegenlesen und ihre Anregungen und Ergänzungen insbesondere zum kindlich-jugendlichen Erleben von Depression. Meinem Bruder Udo Bade danke ich für sein engagiertes Lektorat. Danke!
Den Abschnitt zu „antidepressivem Verhalten in der Corona-Krise“ habe ich 2020/2021 in das Skript eingepflegt.
Was übrigens nun ein Bänderriss und eine Depression miteinander zu tun haben, das wissen Sie dann nach der Lektüre dieses Buches…
Jörg Bade, Minden 2021
So viele Menschen reden in so ganz unterschiedlichen Situationen von Depression. Gewiss meinen sie nicht alle dasselbe. Wer redet also wann von welcher Depression? Damit wir, Sie als Leserin oder Leser und ich als Autor, nicht aneinander vorbeireden, sollten wir uns zunächst dieser Frage stellen.
Betroffene und Mitbetroffene, Experten oder Ahnungslose. Wer redet gerade wie von welcher Depression? Depression im Licht der verschiedenen Disziplinen? - Wer hat eigentlich überhaupt das Recht, die entscheidenden Aussagen über Depression zu treffen? Wem gehört das Thema? Wer verdient das Vertrauen und das Gehör der anderen? Vor allem aber: Von welcher Depression reden wir eigentlich gerade? Von der, die Sie erlebt haben? Von der, die ein Ihnen wichtiger Mitmensch gerade durchmacht?
Ein doppelter Blick in nur eine Zeitschrift: Glaubt man der Anzeige in einer Zeitschrift der Regenbogen-Presse, dann hilft vor allem das Johanniskrautöl. Das wirkt. Das rettet. Das allein weist ganz natürlich den Weg zurück in ein energie- und freudvolleres Leben. Glaubt man anschließend dem Artikel in derselben Zeitschrift - Marke: Notizen aus der Wissenschaft für jede Frau und jeden Mann verständlich gemacht – dann tut die Banane dem Menschen und seinem Glückserleben einen entscheidenden antidepressiven Dienst. Sie füllt nicht nur den Magen, sondern hellt auch die Seele auf.
Ein namhafter Mediziner schreibt seine Ergebnisse der Depressions-Behandlung und Forschung auf. Er ist auch ein anerkannter Forscher im Kampf gegen chronische Nervenkrankheiten und Zellerkrankungen. Er forscht und denkt - wie ein biochemisch ausgerichteter Forscher zu denken gelernt hat. Man könnte in seinen Ausführungen den Eindruck gewinnen, der bloße Einsatz gezielter Antidepressiva sei genug in der Behandlung dieser schweren Erkrankung.
Ein wegweisender Soziologe bringt die Depression mit gesellschaftlichen Umbrüchen und Orientierungsverlusten der vereinzelten Menschen in der Moderne zusammen. Depression spiegelt die Überforderung des entwurzelten Menschen wider. Ein psychologischer Therapeut schickt einen depressiv betroffenen Mann der mittleren Lebensgeneration – so dessen Wahrnehmung – mit einer ganz klaren und eindeutigen Erklärung und Herleitung seiner Depression nach Hause: Seine lieblose Mutter sei schuld an der Depression.
In den USA ist sich ein fundamentalistischer Seelsorger, der den Ansatz einer ermahnenden (`nuthetischen´) Seelsorge bekannt gemacht hat, ganz sicher, Depression sei – ganz im Sinne zweier oder dreier Psalm-Verse – als Folge unbearbeiteter Sünde oder nicht bekannter Schuld zu verstehen. Depression ist die Antwort auf eigene Sünde. Also habe sie, er, die oder der Betroffene sich zusammenzureißen, nicht in einer Depression zu jammern, sondern endlich zur eigenen Schuld und Verantwortung zu stehen.
Ich erspare Ihnen weitere Ansichten von und Meinungen über Depression. Der antidepressive Öl- und Obstanbieter will verkaufen. Ich will seine Produkte auch keineswegs madig machen. Ich will dem Biochemiker nicht seine Forschungserfolge nehmen. Ich will die Einsichten des Soziologen durchaus würdigen. Ich will die Erklärungsversuche des Psychologen mit ihrer Einseitigkeit nicht lächerlich machen. Ich will dem fundamentalistischen Seelsorger nicht in Abrede stellen, dass es schon Depression als Folge ungelöster Schuldkonflikte gegeben hat. Aber ich staune seit einigen Jahrzehnten über die einseitigen Herangehensweisen der Expertinnen und Experten bei der Deutung von Depression und ihrer Behandlung.
Erstaunlich war für mich jedenfalls in den frühen Jahren meiner Beschäftigung mit dem Thema Depression, als ich nach den wichtigsten und oft sehr hilfreichen Ansätzen der Depressions-Deutung und –behandlung fragte, wie überraschend viele Betrachterinnen und Betrachter ihre je eigene Sichtweise für die einzig wichtige und richtige hielten. Sie glaubten, das Passepartout, den Schlüssel zu besitzen, der den Zugang zu jeder Depression bot und bietet. Der Biochemiker hielt seine Brille für die einzige, die den klaren Blick auf Depression und ihre Behandlung ermöglicht, die Psychologin machte das mit ihrer Brille und ihren Ansprüchen auch nicht anders. Nun gut, wenn ein kleiner Zeitschriften-Artikel die Depression allein mit dem vermehrten Genuss von Bananen oder dem Einsatz von Lichttherapie für besiegt erklären will, dann scheinen die Interessen und Perspektiven doch reichlich einseitig und eingeengt zu sein.
Wer also darf mit Fug und Recht über Depression reden, schreiben, urteilen, mitteilen, unterrichten, Rat geben? Jede und jeder, der sich möglichst dem ganzen Erscheinungsbild von Depression stellt. Jede und jeder, der wahrzunehmen versucht, dass wir Menschen eine je eigene Depression erleben. Wir erleben sie als ein junger oder ein alter Mensch, wir sind kurz oder lang, tief und sehr schwer oder eher einmalig und überschaubar von ihr betroffen. Wer wahrnehmen mag, dass eine Frau oder ein Mann, ein Süchtiger oder ein Burnout-Betroffener am Ende seines Erschöpfungsweges, ein erblich vorbelasteter oder ein vom Schicksal geschlagener und depressiv reagierender Mensch die je eigene Depression ganz unterschiedlich durchlebt und zudem keine schnelle, einfache Antwort verkaufen will, der kann über Depression schreiben, reden, sich mitteilen, zur eigenen Entlastung oder zum Wohl seiner Mitmenschen.
Also ist zu Beginn eines Buches über Depression und den Umgang mit ihr die Frage so wichtig, von welcher Depression wir gerade reden. Ein bedeutender Psychologe etwa wie Carl R. Rogers, bis heute einflussreicher Wegbereiter des klientenzentrierten Gesprächs, verstand unter Depression (wie ich bei meiner Beschäftigung mit der Thematik bemerkte) vor allem eher nur depressive Verstimmungen. Seine Gesprächspartner blieben je ein gesprächsfähiges Gegenüber. Also hat Carl R. Rogers in erster Linie nur Aussagen über den Umgang mit weniger schwer depressiv Betroffenen gefällt. Erst die Verallgemeinerung der eigenen Teilerfahrung mit Depression macht dann das Problem aus. Denn nicht jeder Betroffene ist etwa nur verstimmt und in der Lage, überhaupt ein solches klientenzentriertes Gespräch zu führen. Eine schwere Depression nämlich bringt uns nicht nur zur Verstimmung, sondern im Ernstfall zum Verstummen.
Von welcher Depression redet wer, reden Sie und ich gerade? Eine alte Unterscheidung lediglich in endogene, neurotische und reaktive Depression will nicht ausreichen. Danach folgt im ersten Fall die Depression ganz eigenen Gesetzen, sie birgt ihr Geheimnis in sich selbst, sie ist `endogen´. Im zweiten Fall liegen ihr nach mehrheitlicher psychologischer Einschätzung frühkindliche und kindliche Verlusterfahrungen zu Grunde, die ihre Spuren hinterlassen haben, wenn sich eine `neurotische´ Depression einstellt. Im dritten Fall `reagieren´ wir auf Erlebnisse und Verhältnisse meist mitten im Erwachsenenleben. Jene glatte Dreigliederung von Depression will nicht befriedigen. Sie ist in der gegenwärtigen psychologischen und medizinischen Fachwelt nicht aufgegeben, aber stark verändert. Die manisch-depressive Depression hingegen stellt weiter deutlich eine eigene Form lebensgeschichtlich schwerwiegender Erkrankung dar, die auf jeden Fall von anderen Depressionsformen klar unterschieden werden sollte.
Der Blick auf die Unterschiedlichkeit von Depression und die vielen Antwortversuche der Disziplinen führen dann allerdings auch gleich zu Beginn zu einer gewissen Haltung der Vorsicht: Wer sein diagnostisches und therapeutisches Angebot als für alle Depressionsbetroffenen passendes und einziges Lösungsmodell, als das antidepressive Passepartout anpreisen will – der würde meine Skepsis hervorrufen.
Ich selbst schreibe über Depression, weil ich sie in mehreren Jahrzehnten immer wieder von außen zu verstehen versucht habe. Da ich aber gelernt habe, welche Mauer die Betroffenen und die Außenstehenden voneinander trennt, weiß ich, dass ich letztlich nur von der Selbstmitteilung der Betroffenen gelernt habe. Sie haben ihre Depression erlebt. Sie haben mir in ihrer Bilder- und Seelensprache von ihrer Depression erzählt oder über ein Buch im Rückblick viele Menschen an ihrer Depression Anteil nehmen lassen.
Depression ist zunächst ein `Syndrom der Losigkeiten´. Ein Mensch ist antriebslos, er ist freudlos, er ist vielleicht appetitlos und interessenlos geworden. Er ist mutlos geworden. Sein Körper und sein Inneres, sein Leib und seine Seele sind ihren bisherigen Lauf losgeworden. Syndrom allerdings nennen Medizinerinnen und Mediziner eine Erkrankung ja gerne dann, wenn ihre Behandlung und Entstehung noch nicht völlig im Klaren liegen. Wenn da noch so viele Fragen offen sind. Dann beschreiben sie lieber noch etwas vorläufig und demütig: Da kommen diese und jene Beschwerden, Symptome und Einschränkungen zusammen. Wörtlich heißt das altgriechische `Syndrom´ ja so viel wie: syn=zusammen/gemeinsam + dromos=Lauf/-en/-bahn. Da laufen also etliche depressive Anzeichen und Beschwerden zusammen im Leben eines Betroffenen. Ihn hat ein `Syndrom der Losigkeiten´ erfasst.1
Wer kann am besten Wege aus dem schrecklichen Erlebnis der `Losigkeiten´ weisen? Wer sich dieser Aufgabe stellt, darf, ja sollte sich am Gespräch über ein mit immer wieder mit Angst und Tabu versehenes Thema beteiligen. Das Ohr aber sollte immer wieder bei den Betroffenen sein. Sie sind die Expertinnen und Experten, selbst wenn sie gerade mitten in ihrer Depression wenig mitteilen können und dann umso mehr die Fürsprecherinnen und Fürsprecher von außen brauchen. Selbst wenn sie sich oft erst nach ihrer Depression rückblickend halbwegs verständlich machen können. Die Betroffenen sind die Expertinnen und Experten.
Mein Beitrag zum Verständnis und zur Begleitung, nicht zur Therapie von Depression, ist der eines Theologen und Seelsorgers. Als `Praktischer Theologe´ habe ich mich über Disziplingrenzen hinweg intensiv mit Depression und den Erfahrungen der von ihr betroffenen Menschen befasst. Als Seelsorger habe ich gelernt, auch und gerade die Seelen- und Bildersprache der Depression zu achten. Die Seelen- und Bildersprache der Depression ist nun eine ganz spezifische Form der Mitteilung in Zeiten der Krankheit. Laborwerte über die im Körper vorhandenen Neurotransmitter und Botenstoffe sind auch eine Mitteilung des Depressionsbetroffenen. Allerdings von völlig anderer Art. Die Mitteilungen der Depression, die ein Seelsorger aus dem Mund und der Körpersprache eines Betroffenen erhält, eröffnen aber einen ganz eigenen, bedeutsamen Zugang zu Menschen.
Depression gehört nicht der Biochemie und nicht der Soziologie. Sie gehört nicht der Psychologie und nicht der Neurologie. Sie gehört nicht der Medizinerin und nicht dem Seelsorger. Sie gehört vielmehr zum Leben der Betroffenen. Und sie gehört der achtsamen und achtungsvollen Aufmerksamkeit aller Helferinnen und Helfer, Expertinnen und Experten anvertraut, die um ein besseres Verständnis und eine bessere Überwindung von Depression bemüht sind.
Es gibt eine schöne buddhistische Legende. Da lässt ein Dorflehrer die blinden Kinder und die anderen, augenverbundenen Schützlinge seiner Klasse einen Elefanten erkunden. Das eine Kind klettert auf den Rücken des tierischen Riesen. Und das Kind ist sich sicher, dass das ein kleiner Berg sein müsse. Ein anderes Kind betastet die Elefantenohren und hat ein klares Ergebnis: Das sei ein Fächer. Das Kind, das den Schwanz ertastet, will – ganz klar – ein Tau gefühlt haben. Die Beine des Elefanten sind dem nächsten Kind Säulen. Es fühlt und denkt, das seien bestimmt Säulen.
Diese Legende erzählt zunächst davon, wie wir Menschen vor der Welt des Unsichtbaren stehen, wie wir somit etwa auch vor der Welt der Religion stehen. Wir sind eigentlich blind. Wir tasten uns nur voran. Vor allem aber erkennt jeder nur einen Teil des Ganzen, nur gemeinsam gibt es eine bessere Annäherung an die ganze Wahrheit. Die Haltung des Dorflehrers in der buddhistischen Legende scheint mir auch vorbildlich zu sein für die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit Depression. Denn wo steht unser gegenwärtiges Wissen über die Natur der Depression und ihre angemessene Behandlung? Sollten wir uns ihrer Erforschung und Ergründung wirklich so sicher sein? William Styron, in diesem Buch mehrfach zitierter US-amerikanischer Schriftsteller mit schwerer Depression, hat die aufrichtige Auskunft und Analogie eines Klinikfacharztes nicht vergessen, sondern sie in „Sturz in die Nacht. Die Geschichte einer Depression“ festgehalten: „Wenn wir unseren Kenntnisstand mit der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus vergleichen, dann ist Amerika nach wie vor nicht entdeckt; wir sitzen immer noch dort unten auf der kleinen Insel in den Bahamas.“2 Gilt dieser Satz nur für das Ende des 20. Jahrhunderts, oder auch noch im 21sten Jahrhundert?
Eine demütige, neugierige und gemeinschaftliche Wahrheitssuche scheint mir jedenfalls auch der Depression und allen ihren Erscheinungsformen gegenüber angemessen. Vor allem gebietet der Respekt vor den Betroffenen, auf eine Lösung á la Procrustes lieber zu verzichten. Jener räuberische, riesige antik-mythologische Grieche packte Menschen nicht in Schubladen, sondern in sein Bett. Wer zu lang war, dem wurden die Beine gekürzt, wer zu kurz war, der wurde kurzerhand gestreckt. Die Depression eines Menschen passt nicht in das Deutungsbett des Procrustes, weil der von ihr betroffene Mensch einmalig ist. Ein Procrustes, aus welcher Disziplin auch immer, würde ihm sehr wehtun.
Ich werde im Folgenden versuchen, die wichtigsten Typen und Begriffe von Depression voneinander zu unterscheiden. Von welcher Depression reden wir eigentlich gerade, wenn wir das Wort benutzen? Diese Leitfrage führt uns durch den ersten Abschnitt dieses Buches.
Es ist Jahre her. Fußballfans wissen, wann die kleine Begebenheit gewesen sein muss. Nämlich im Jahre 2007. Ich bin bei einer Sportveranstaltung. Ein guter Bekannter ist Zuschauer – wie ich auch. Wir sprechen, wie Männer das so tun, wenn sie ihren Smalltalk in der Freizeit pflegen. Wir reden über Fußball. Das Gespräch kommt auf Sebastian Deisler. Der Bekannte ist wie ich ein Fußball-Interessierter. „Jetzt hat der eine Depression! Das möchte ich auch mal erleben. Mich fragt auch keiner. Ich kann mir so etwas nicht leisten.“ Ich entgegne vorsichtig, gebe zu bedenken, dass das doch gut ist, wenn man das auch als Fußball-Promi öffentlich sagen kann und darf. Außerdem: „Der hat sich seine Depression doch nicht ausgesucht!“
Im Gespräch wird deutlich, dass der Bekannte ganz schön unter Dampf ist. Er ist für seine Firma viel im benachbarten Ausland unterwegs. Er hat extra Sprachkurse für diese Auslandseinsätze besucht. Er lebt in dem Grundgefühl: „Ich muss. Ich muss immer wieder morgens los. Ich muss mir immer wieder einen Tritt geben.“ Aber: Den Unterschied zwischen Deprimiertsein und Depression kennt er offensichtlich nicht. Er setzt eine echte Depression mit der Erfahrung einer kleinen Verstimmung gleich. Er kann nicht zwischen seinem kleinen Deprimiertsein und einer Depression unterscheiden. Weil er sie nicht kennt. Oder erst noch kennenlernen wird. Oder ihm diese Erfahrung am besten erspart bleiben wird. So hält er Depression für das Gelber-Schein-Alibi der Künstler, Sportler, Laumalocher oder aller Leute, die finanziell ausgesorgt zu haben scheinen. Er gehört jedenfalls nicht zu denen - die sich „ihre Depression leisten können“. Ich halte einen Vortrag zum Umgang mit Depression: `Was hilft in der Zeit der Depression?´ – lautet mein Thema. Nach dem Vortrag kommt eine mir bekannte Frau und zieht ihr Fazit aus dem Abend: „Nein, eine Depression habe ich dann noch nicht gehabt. So will ich das dann nicht nennen. Ein kleines Tief vielleicht. Aber nicht so, wie Sie das beschrieben haben.“ So hatte der Abend für diese Frau ein durchaus sinnvolles Ergebnis: Sie hat sich geprüft, ob sie in den Krisen ihres Lebens mit einer Depression konfrontiert war. Sie ist sich sicher: Ich habe höchstens „Depressiönchen“ erlebt.
Ein erstes Zwischenergebnis deutet sich an: Die Erfahrung von Niedergedrückt-Sein macht nahezu jeder Mensch in seinem Leben etliche Male, ohne dass wir deshalb immer von Depression reden sollten.
Ich bin erschöpft. Kurzfristig. Ich habe eine große, umfangreiche Aufgabe erledigt, meine Energie ganz in sie gesteckt und fühle mich nun irgendwie leer. Ich habe heute vergeblich gearbeitet oder gewirkt. Zorn und Frustgefühle sinken schwer in meinen Feierabend. Ich bin jüngst schlecht von meinen Mitmenschen behandelt worden. Ich habe mir die Not des ganzen Globus drei Mal und/oder auf sieben Kanälen vorführen lassen. Dann empfinde ich vielleicht so: Ich bin deprimiert. Ich erlebe zwar einen spürbaren Verlust an Freude und Antrieb. Mein Alltag verliert gerade deutlich an Geschmack. Ich bin punktuell, warum auch immer, runter, down – wie das auf Neudeutsch heute ausgedrückt wird. Aber schon morgen oder nächste Woche, unter Umständen schon nach einem guten Erlebnis und ein wenig Ruhe geht es mir besser.
Dieses Deprimiertsein mit einer „echten Depression“ gleichzusetzen hieße: den Schnupfen mit einer ausgewachsenen Lungenentzündung, den Muskelkater mit einer multiplen Sklerose gleichzusetzen. Das Deprimiertsein, zumal das wiederkehrende, ist vielleicht ein Signal, dem Positiven im eigenen Leben wieder mehr Zeit und Raum beizumessen. Wir sollten das Signal des Deprimiertseins nicht ständig übergehen und überhören. Auch der ständige Schnupfen will ja nicht einfach ignoriert sein. Unter Umständen zeigt er etwas an in meinem Leben. Aber das Deprimiertsein – wenn es dem Schnupfen zu vergleichen wäre – macht uns nicht zu einem an Leib und Seele betroffenen Patienten.
Der Bekannte, der sich immer wieder seinen Tritt in den Hintern geben muss für sein Arbeits- und Lebensprogramm – er soll das nur weiter tun. Der Tritt in den Hintern ist wohl eine unvermeidliche Lebenserfahrung für die meisten Menschen. Mit diesem Tritt umzugehen heißt, die Decke morgens nicht über den Kopf zu ziehen, sondern doch aufzustehen und sich mit einem Ruck in den Alltagskampf zu begeben.
Allerdings ist das mit dem Deprimiertsein, der Depression und dem Tritt in den Hintern so eine Sache. Denn was erzählt uns die Metapher vom Tritt in den Hintern? Das will doch in Wirklichkeit niemand: Dass einem jemand anders tatsächlich in den Allerwertesten tritt. Das ist ein körperlicher Angriff. Das ist eine Handlung der Respektlosigkeit. Das ist die Aktion eines Menschen, der sich von oben herab oder hinterrücks zu einer gewalttätigen Straf-, Beleidigungs- oder Demütigungshandlung berechtigt sieht. Der Treter, die Treterin hält das womöglich sogar für eine Motivationshilfe.
Der tatsächliche Tritt in den eigenen Hintern – er wäre ja auch eine artistische Aufgabe und Leistung - will nur vom eigenen Fuß im übertragenen Sinne ausgeführt sein. Gerade die Sprüche wie „Nun reiß Dich doch zusammen, ich muss das auch!“ wirken auf umfassend Depressionsbetroffene wie die übliche Frechheit der nicht-begreifenden Umgebung. Diese Sprücheklopfer und `Hinterntreter´ werden im Knigge für den Umgang mit der fremden Depression noch Thema sein. Ihr Verhalten fällt dabei allerdings unter die Kategorie „wenig hilfreich bis strikt verboten“. Ja, der Kampf mit den eigenen Lebensaufgaben, die eigene Überwindung – Deprimiertsein eingeschlossen – ist offensichtlich Teil unseres menschlichen Daseins. Wer in diesem Kampf ständig unterliegt, droht zu einem neuzeitlichen – wie die Engländer sagen – Couchpotato, zu einer antriebsarmen `Sofa-Kartoffel´ zu werden. Bei dem Schriftsteller Ivan Gontscharow lässt sich das in einer klassischen russischen Variante nachlesen: „Oblomow“ verliert immer wieder und immer öfter den Kampf ums Aufstehen. Er versinkt in seiner gutsherrlichen Divan- bzw. Sofa-Existenz.
Ja, den Tritt in den Hintern müssen wir uns geben. Das gehört zum Alltagskampf. Den Tritt unserer Mitmenschen allerdings sollten wir uns und andere uns ersparen. Wenn wir von Deprimiertheit reden, reden wir noch nicht über Depression. Das sollte das Ergebnis eines ersten Abschnitts unter der Fragestellung sein, von welcher Depression wir eigentlich reden.
Ganz anderes sehen die Dinge im Leben eines Menschen mit bipolarer, oft sogenannter manisch-depressiver Depression aus. Dort nämlich geht es nicht um kleine emotionale Dellen im Alltag, sondern um von schwerer Krankheit betroffene Lebensgeschichten.
1 Denken Sie nur an das SIDS, das „Sudden Infant Death Syndrome“, den sogenannten plötzlichen Kindstod. Ein ernstes Phänomen wird beschrieben, es erhält keinen einfachen Namen wie etwa den einer Krankheit, die beispielsweise von einem namensgebenden Mediziner entdeckt und umfassend entschlüsselt worden ist. Wer kann es am treffendsten beschreiben?
2William Styron, Sturz in die Nacht. Die Geschichte einer Depression, Neuausgabe Berlin 2010, S. 22. Das Original erschien 1990 unter dem Titel „Darkness Visible. A Memoir of Madness“.
„Es ist doch gut, wenn das Leben nicht so gleichförmig vor sich hinplätschert. Das ist doch die Würze zwischen Wiege und Bahre. Das verhindert doch ein Einerlei der Lebensgeschichte. Auf-und-Abs gehören doch dazu!“
Wer so denkt, weil ihm oder ihr im Alltag vielleicht die Abwechslungen und persönlichen Herausforderungen fehlen, ist in seinem persönlichen Umkreis wahrscheinlich noch niemandem begegnet, der oder die unter einer manisch-depressiven Depression leidet.
Eine Frau der mittleren Generation schüttet vor mir immerhin ein wenig ihr Herz aus: „Ich wusste von meinem Mann nur, dass Depression und Manie zu seinem Leben gehört haben oder gehören. Aber das war vor unserer Ehe. Erst jetzt weiß ich, wie schrecklich das ist. Für ihn. Und für uns. Ich hatte ja keine Ahnung.“
Wenn das Tief dich ganz nach unten in finsterste Gefühle und einen erbärmlichsten Kräfte-Haushalt führt, um dich dann ins scheinbar unbegrenzte (Er-)leben von Möglichkeiten und Erfolgen einem unglaublichen Hoch entgegen zu pushen, dann erst weißt Du, wie wohltuend ein Leben in emotionaler und sozialer Balance sein kann. Den Ausgleich zu suchen - das wird denn auch für Menschen mit abgründigen Tiefs und grenzenlosen Hochs das erstrebenswerte Ziel sein.
Natürlich ist die große Frage, wie wir die manisch-depressive Depression bewerten. Warum geben wir uns, aber vor allem anderen Menschen das Etikett „krank“ oder „in einer Störung befindlich“, wenn sie so leben? Mit unbeabsichtigten Aufs und Abs. Mit Achterbahnfahrten, für die wir als Betroffene gar kein Ticket gelöst hatten, für die wir uns noch nicht einmal in der Schlange vor dem Kartenbüdchen angestellt hatten. Wieso urteilen wir so? Klaus Dörner und Ursula Plog haben in ihrem Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie „Irren ist menschlich“ schon 1985 die Frage gestellt, wer uns eigentlich das Recht gibt, eine manisch-depressive Depression so einzuordnen, wie wir das meistens in medizinischen und psychologischen Zusammenhängen von Diagnose und Behandlung tun.3
Zunächst entscheiden Klaus Dörner und Ursula Plog sich, die Manie und die Depression getrennt zu beschreiben.4 In der Manie steht „der sich und Andere aufbrechende Mensch“ im Fokus. In der Depression bzw. im entsprechenden Abschnitt ist es „Der sich und Andere niederschlagende Mensch“. Allerdings betrachten die Autorin und der Autor auch ausdrücklich „Zyklothyme und chronisch-depressive Lebensläufe“ gesondert. Sie schlagen vor – weil es verschiedene Ausprägungen und Akzentuierungen manisch-depressiver Lebensgeschichten gibt: „Zyklothym nennen wir das Schicksal des Menschen, der so oft und schwer depressiv und/oder manisch ist, daß seine Entwicklung dadurch erheblich geprägt ist. Wir haben also nicht einen Zustand, sondern einen Lebenslauf im Auge.“5
Bereits im Eingang dieses Knigges deutete ich an, dass es vor Jahrzehnten Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Depressionsbetroffenen waren, die für mich während meiner Ausbildungszeit zum evangelischen Pastor Auslöser waren, mich den damit verbundenen Fragen zu stellen, vor allem eben nach den Hinweisen für ein hilfreiches seelsorgerliches Verhalten gegenüber Betroffenen und Mitbetroffenen zu forschen. Die Biographie einer jungen manisch-depressiven oder im Sinne der obigen Definition „bipolaren“ Frau irritierte mich sehr. Noch mehr schlug mir das Bemühen und die Hilflosigkeit ihrer Familie entgegen.
Die junge Frau versteckte sich zur Zeit ihrer depressiven Phase. Sie war zeitweilig nicht in der Lage, ihrer Arbeit als Verkäuferin nachzugehen. Klinikaufenthalte waren nötig. Umgekehrt schlug ihr Verhalten in der manischen Phase ins genaue Gegenteil um. Sie traute sich den Gewinn diverser Wettbewerbe an einem Abend an Kilometer auseinander liegenden Orten zu. Gewann natürlich nicht. Sie gab in dieser Zeit aus, was sie hatte, auch, was sie nicht hatte. So versteckte ihre Familie, wenn sie wieder in die manische Lebens(schief)lage geriet, nicht nur das Sparbuch, sondern auch das Fahrrad, damit es nicht mal eben versilbert wurde, um dann doch wieder schmerzlich vermisst zu werden. Die Bilanz der Zeit manischer Selbstüberschätzung fiel umso betrüblicher aus, wenn sie nun wieder in ihr depressives Loch fiel.
Beide Seiten der bipolaren Erkrankung aber wollen nicht Hand in Hand gehen mit einer sinnvollen ärztlichen Begleitung. Denke ich als Betroffener oder Betroffene im Hoch „ich kann alles, was soll mir da ein lästiges Familienmitglied oder ein stümperhafter Mediziner dazwischenreden“, so gebe ich mich im Tief dem Gefühl hin „wer soll mir schon helfen, das ist ja sowieso aussichtslos und verlorene Mühe“. Im Hoch denke ich, ich brauche keine Ärztin, im Tief fehlen mir Antrieb und Perspektive für eine Kontaktaufnahme mit meinem Doktor.
Herr S. ist 34 Jahre, geschieden, kaufm. Angestellter, z. Z. bzw. zum damaligen Zeitpunkt seit einem halben Jahr depressiv, in den letzten 12 Jahren 7 mal manisch, dazwischen meist depressiv, in dieser Zeit 9 stationäre Aufenthalte, meist wegen manischer Zustände. Nach 5 Jahren Ehe gab seine Frau auf. Längstes Arbeitsverhältnis 1 ½ Jahre. Nun ist die Berentung empfohlen. „Im Augenblick (depressiv) fühle ich mich nutzlos, nichtswürdig, leide darunter, was ich den Anderen antue. Wenn ich manisch bin, halte ich mich schadlos dafür: Dann fühle ich mich berufen, kriege jedes Mädchen rum, fange überall groß an. Bloß wenn der Alltag, die Routine kommt, ist es gleich wieder aus… So schwanke ich ständig zwischen den Extremen: bin der Größte – in der Leistung wie im Versagen.“6
Die Mutter, die Ehefrau, die dann zur Ex-Frau geworden ist, die Großmutter von Herrn S. versuchen, seinen vitalen Extremen gerecht zu werden. Sie lassen sich von ihm in Atem halten. Sie versuchen zu helfen, aber erhalten so auch seine Abhängigkeit. So stellt es sich jedenfalls den `Profis´ der Krankenbegleitung dar.
Wie kann die Mitwelt ihm, Herrn S., oder anderen zyklothym belasteten Menschen hilfreich zur Seite stehen? Sie kann – zumal die ärztliche und therapeutische Begleitung – selbst als betreuende Person oder als Team Konstanz beweisen. Solche unterstützenden Menschen werden versuchen, insbesondere die professionellen Begleiterinnen und Begleiter während der manischen Phase, wenn der Patient sich alles erlaubt, seine Angst erlebnisfähig zu machen. Was sein Aktivismus und seine Gedankenflucht überspielen wollen, bringen sie antizyklisch mit ihm zur Sprache. Umgekehrt helfen sie, so gut es ihnen möglich ist, dem Patienten in der depressiven Phase seine Wünsche erlebnisfähig zu machen. Während er im Hoch sich alles erlaubt, verbietet er sich im Tief alles. So versucht eine möglichst konstante Begleitung den Ausschlägen seiner Biographie entgegenzusteuern.
Neue Wege gehen in den letzten Jahren ärztlich-therapeutische Begleitungsteams, die bipolaren Patientinnen und Patienten eine ganz spezifische Tagebuchführung anbieten. Indem jemand seine inneren, aktuellen Veränderungen festhält und den akkreditierten Vertrauenspersonen zugänglich macht, können diese mit Gespräch und variierter Medikamenten-Gabe die Höhe des sich aufbauenden Bergs oder die gähnende Tiefe des drohenden Tals vielleicht positiv beeinflussen.
Die Suche nach Balance und Ausgleich wird so zu einem Weg und Ziel, das sich aus tiefen Tiefs nach grenzenlosen Hochs als angestrebtes Antwort-Modell für bipolar betroffene Menschen ergibt. Was aber außer gezielt eingesetzten Medikamenten wie den früher favorisierten Lithiumsalzen und ihren heutigen Nachfolgepräparaten und einer kompetenten, zuverlässigen Begleitung kann auf der Suche nach Ausgleich und Balance hilfreich sein? Ein konstantes Leben. Im Blick auf die sozialen Beziehungen, die Ernährung, die Alltagsabläufe. Ein Lebensstil der Verausgabung jedenfalls dient nicht dem Finden einer Balance. Aufputsch- oder Beruhigungsmittel aller Art gewiss gleichfalls nicht. Manche Regel der Burnout-Prophylaxe scheint jedenfalls – bei Einhaltung - auch der Gesundheit von manischdepressiv Belasteten und Bedrohten dienlich zu sein.
So gilt es, die manisch-depressive Depression als besondere Erscheinungsform von Depression anzusehen und zu behandeln. Sie prägt oft die betroffenen Lebensgeschichten organisch, psychisch, sozial in einer Weise, dass sich das unwissende Außenstehende kaum vorstellen können. Wie bei einer monopolaren Depression gibt es auch bei der bipolaren Depression leichtere und schwerere Verlaufsformen.7
So scheint für uns Menschen, wenn wir in unserer Lebensgeschichte manisch-depressiv betroffen sind, dieses Streben der Unterstützung wert zu sein: Nach dem tiefen Tief und nach dem grenzenlosen Hoch suchen wir vor allem Balance und Ausgleich in unserem Leben. Gut, wenn uns Menschen dann zu unserer ersehnten Konstanz etwas von ihrer Beständigkeit beisteuern können.
3K. Dörner, U. Plog, Irren ist menschlich, erschien 1985 bereits in der zweiten Auflage. Gerade bei der Betrachtung dieser Form von Depression auf Dörner/Plog Bezug zu nehmen, hat einen guten Grund: Sie haben viele um die innere Gesundheit von Menschen bemühte Helferinnen und Helfer gelehrt, nicht nur die Krankheit des Hauptbetroffenen, sondern auch die `Landschaft´ ihrer Erkrankung und die Situation der von Krankheit Mitbetroffenen zu würdigen.
4 Das ist auch hilfreich so. Bipolar ist eine Depression dann, wenn sie von zwei Polen, dem manischen Hoch und dem depressiven Tief geprägt ist. Monopolar würde bedeuten, dass eben nur ein radikaler Ausschlag der Affekte nach unten oder oben zu einer Lebens‐ oder Krankengeschichte gehört. Ein eigentlich verständliches Hoch, wenn es nicht allzu intensiv ausfällt, nennt man nach einer depressiven Phase auch `hypomanisches Hoch´. Es markiert aber noch keine volle manische Phase. Es gibt, so der Mediziner Florian Gottesleben, Schwarze Galle, S. 9, bei bipolaren Erkrankungen eine Selbstmordrate, die „23‐mal höher als im Bevölkerungsquerschnitt“ ist.
5 K. Dörner, U. Plog, ebd., S. 232.
6 K. Dörner, U.Plog, ebd., S. 232f.
7Florian Gottesleben, ebd., S. 34ff, erläutert die Kennzeichen und Unterschiede zwischen den Bipolar‐1 bis ‐6‐Erkrankungen.
Von welcher Depression im nächsten Abschnitt geredet wird? Es wird nicht einfach um einen Krankheitsverlauf von Depression gehen, sondern um die oftmals beschriebene depressive Charakterstruktur. Ich werde dabei nicht nur die möglichen Handicaps im Zusammenhang einer depressiven Charakterstruktur andeuten, sondern vor allem versuchen, zur Bejahung der eigenen Persönlichkeit zu ermutigen.
Fritz Riemann hat vor Jahrzehnten eine vielbeachtete und kontrovers diskutierte Schrift verfasst. Er hat Erkenntnisse der Psychiatrie und Psychologie aufgenommen und in seiner tiefenpsychologischen Studie vier „Grundformen der Angst“ beschrieben. Er hat gemeint, Krankheit und Gesundheit seien nicht wirklich wie zwei unverbunden nebeneinanderstehende Zustandsformen. Vielmehr ließen sich bei uns Menschen vier Grundtypen von Persönlichkeiten und Reaktionsformen unterscheiden. Depression sei eine Krankheitserscheinung, aber es gebe eben auch diese grundsätzliche und spezifische Art und Weise depressiver Persönlichkeiten, mit dem Leben und der eigenen Angst umzugehen.
Kurz gesagt - wie beschrieb Fritz Riemann die depressive Persönlichkeit? In seiner Sicht gibt es drei weitere Grundtypen der Persönlichkeit. Die schizoiden Persönlichkeiten suchen den Abstand in ihren Lebensbeziehungen, die zwanghaften suchen Sicherheit in bleibenden Lebensabläufen, die hysterischen Persönlichkeiten drängen geradezu nach immer neuen Möglichkeiten, alle Festlegungen auf Rollen und allzu Vertrautes hinter sich zu lassen und dem Neuen, Unbekannten entgegenzustreben. Die depressive Persönlichkeit aber lässt sich im Gleichnis der Gestirnkonstellationen so darstellen: Ein depressiver Mensch dreht sich vor allem um den anderen, ihm wichtigen Menschen. Er gleicht dem Mond. Denn dem ist sein Eigenleben nicht so wichtig. Er dreht sich um seinen Planeten, mit dem er am liebsten sogar verschmelzen würde. Er unterdrückt seine Individuation, also seine Selbst-Ausbildung und `Selbstauslebung´ und damit seine eigenständige Ich-Entwicklung, indem er sich möglichst nicht vom anderen Menschen abgrenzt. Im Klartext heißt das für depressive Menschen: Besonders der geliebte Mensch darf nicht zurückgestoßen werden. Seiner Nähe gilt nämlich das große Liebesstreben.
Die depressiven Persönlichkeiten, so Fritz Riemann, haben deshalb meist ein großes Grundthema im Leben: „Liebe, Liebenwollen und Geliebtwerdenwollen ist dem depressiven Menschen das Wichtigste im Leben. Hier kann er seine besten Seiten entwickeln, hier liegen zugleich seine größten Gefährdungen.“8
Er gibt jedoch nicht nur ganz freiwillig, er braucht auch seine, die gebende und die fremde, ihm möglichst nahekommende, aus seiner Sicht empfangene Liebe. In Partnerschaften und zwischenmenschlichen Beziehungen ist immer wieder die versuchte Verschmelzung mit dem geliebten Gegenüber das geheime Ziel seines Lebens und Strebens. Die Gefahr, sich vom anderen Menschen und genauso den anderen Menschen von sich abhängig zu machen, ist diesem Streben als Schattenseite dann wohl fast immer eigen.
Mit Aggressionen können depressive Persönlichkeiten schwer umgehen. Stellen diese doch die gesuchte Harmonie in Frage. Nur leider ist die unterdrückte Aggression ja nicht aus der Welt, sondern befindet sich bis zum überraschenden Ausbruch in einer Art bedrohlicher Lauerstellung.
Als lebensgeschichtlichen Hintergrund sah Fritz Riemann auch aus seiner psychologischen Beratungserfahrung heraus Versagung oder Verwöhnung in der Kindheit als unterschiedliche, aber entscheidende Quellen einer depressiven Persönlichkeitsentwicklung. Werden einem Kind Liebe und entscheidende Lebensmöglichkeiten versagt, kann die Angst vor dem Alleingelassenwerden zu einer vorrangigen Grundangst werden. Umgekehrt ist auch das verwöhnte Kind nicht in der Lage, Geben und Nehmen, Ja-Sagen und Nein-Sagen angstfrei zu erlernen. Beide, die auf Liebe verzichten mussten und die von Liebe überschüttet wurden, haben nicht die Balance von Liebe und Eigenständigkeit erlernt. Beide können im Lebensgestrüpp von Schuldgefühlen und Ängsten landen.
Demnach ergibt sich, wenn man dem Ansatz von Fritz Riemann oder ähnlichen tiefenpsychologischen Persönlichkeitsmodellen folgt, die große Frage: Bin ich ein Mensch womöglich mit depressiver Grundstruktur bzw. ein depressiver Persönlichkeitstyp, kann ich dann überhaupt meiner Persönlichkeitsstruktur entkommen? Wohl kaum. Ich kann sie allerdings annehmen und an meiner Person und Persönlichkeit arbeiten. Das jedoch ist eine Lebensaufgabe.
Wie titelt doch eine Weisheit der talmudischen Tradition: Achte auf deine Gedanken, denn sie werden deine Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden deine Taten. Achte auf deine Taten, denn sie werden deine Gewohnheiten. Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.
Das Gute an dieser Weisheit aus der jüdischen Tradition ist die offensive Haltung, die hinter diesen Worten steht. Bei meinen Gedanken fangen mein Weg und mein Werden an. Ich würde die Gedanken noch um die Gefühle und Regungen erweitern, um sicherzugehen, dass nicht nur unser bewusstes Oberstübchen und seine – unstrittig vorhandene- Bedeutung für unsere Lebenswege und Persönlichkeitsentwicklungen zu betonen sind. Aber hier, bei unserer Wahrnehmung, Sichtung, Wertung, Sinngebung, Willensbildung, bei unseren Folgerungen, die wir aus den Widerfahrnissen und Erlebnissen des Lebens ziehen, setzt unser Entwicklungsprozess an. Die talmudische Weisheit will also keinesfalls stehenbleiben bei einer Haltung des „Das-ist-nun-so-und-bleibt-immer-so-in-meinem-Leben“. Ich bin eingeladen zu achten - auf meine Gedanken, Worte, Taten, Gewohnheiten und meinen Charakter.
