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Ethan Wilson ist ein mieser Dreckskerl. Nachdem der charismatische Australier Judith vor acht Jahren das Herz gebrochen hat, wollte sie ihn eigentlich nie wiedersehen. Doch leider ist seine Stiefmutter Judiths Patentante und die bittet sie inständig nach Australien zu kommen, um ihr auf der Pferderanch zu helfen. Im Outback angekommen, wird Judith sowohl mit Kängurus, Schlangen und Buschfeuern konfrontiert, als auch mit ihren Gefühlen. Denn ihr Herz schlägt nicht nur in Ethans Gegenwart höher, sondern auch in der von seinem Cousin Jack. Dabei hat Judith für so etwas überhaupt keine Zeit. Der Hof ihrer Tante ist in Gefahr und die Bedrohung könnte direkt aus dem inneren Kreis der Familie kommen ...
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Copyright © 2021 by Hannah Siebern
Deutsche Erstausgabe 03/2021
ISBN: 9783819482106
Lektorat: Sarah Wedler und Nadine d’Arachart
Cover: Casandra Krammer
Coverschrift: Claudia Kolb
Impressum
Hannah Siebern
Am Vogelbusch 18
48301 Nottuln
All rights reserved.
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Formatiert mit Vellum
Über den Autor
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Kapitel 76
Kapitel 77
Kapitel 78
Kapitel 79
Kapitel 80
Kapitel 81
Kapitel 82
Kapitel 83
Kapitel 84
Kapitel 85
Kapitel 86
Kapitel 87
Epilog
Wie geht es weiter?
Danksagung
Was bisher geschah …
Bücher von Hannah Siebern
Hannah Siebern wurde 1986 in Münster (NRW) geboren und studierte an der Uni Dortmund Erziehungswissenschaft. Geschichten schrieb sie schon als Kind leidenschaftlich gerne. Ihre ersten Werke handelten von fiktiven Abenteuern, die sie mit ihren Freundinnen erlebte. Jahre später entdeckte sie dann ihre Liebe zu Fantasyromanen und schrieb mit 23 ihr erstes komplettes Buch.
Inzwischen lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Hund in Greven (NRW).
Foto: Haken Alkis
www.hannahsiebern.de
Ich erwachte mitten in der Nacht, weil ich husten musste und meine Katze lauthals miaute. Flecki war sonst die liebste und ruhigste Katze, die man sich vorstellen konnte. Ich hatte sie vor vier Jahren im Wald gefunden, als sie erst wenige Wochen alt gewesen war, und mit meiner Tante Maggie zusammen per Hand aufgezogen. Sie folgte mir überall hin und im Gegensatz zu den meisten anderen Katzen, die ich kannte, beherrschte sie sogar richtig viele Tricks und Kunststücke. Normalerweise schlief sie jede Nacht in meinen Armen, aber heute schien etwas nicht zu stimmen, denn sie kratzte immer wieder an der geschlossenen Tür meines Kinderzimmers und maunzte.
„Flecki?“, fragte ich leise und rieb mir die Augen.
Sie tränten und ich musste husten. Ich konnte kaum atmen. Ich keuchte. Warum konnte ich nicht atmen?
„Mama?!“, krächzte ich.
Ich versuchte, aufzustehen, aber es gelang mir nur mühsam, weil mir so schwindelig war. Und dann hörte ich es. Das Knacken. Es klang fast so, als würde jemand Holz entzweibrechen und ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, was es war. Feuer. Oh nein. Bitte nicht.
Ich hatte Feuer mein Leben lang immer gemocht. Ich hatte es geliebt, vor dem Kamin auf dem Teppich zu liegen und mit Flecki zu spielen. Und an Weihnachten hatte ich darauf bestanden, mit Yannik zusammen alle Kerzen im Wohnzimmer anzuzünden, bevor unser Vater uns eine Geschichte vorgelesen hatte. Mein großer Bruder Patrick hatte dabei nie freiwillig zugehört. Dafür war er viel zu cool und erwachsen gewesen.
Doch dieses Feuer hier war anders. Ich sah es hinter meiner Tür glimmen und Rauch waberte in mein Zimmer.
„Mama!“, schrie ich wieder. Diesmal lauter. „Mama!“
Da fiel mir ein, dass meine Mutter nicht da war. Sie war mit meinem Bruder Yannik ins Kino gefahren, weil sie alle paar Wochen etwas mit einem von uns alleine machen wollte, und ich war bei Patrick und unserem Vater geblieben. Natürlich hatte ich wie immer um acht Uhr im Bett sein müssen, obwohl heute Freitag war.
Aber nichts von alldem war jetzt wichtig.
Ich nahm Flecki auf den Arm, deren Schwanz nervös hin und her zuckte. Die Wärme ihres Körpers beruhigte mich ein wenig. Dann wandte ich mich meinem Fenster zu und versuchte, es zu öffnen, obwohl ich genau wusste, dass es mir nicht gelingen würde. Nachdem Yannik und ich vor ein paar Jahren mal aus dem Fenster auf das flache Dach geklettert waren, um die Sterne anzugucken, hatten unsere Eltern ein Schloss angebracht.
Oh Gott. Warum nur war Yannik nicht hier? Yannik war zwar nur zwei Jahre älter als ich, aber er hätte sicher gewusst, was zu tun war. Ich hatte keine Ahnung.
Erneut rüttelte ich an dem Fenster und schlug dagegen, doch nichts geschah. Und dann sah ich sie. Dad und Patrick standen draußen unter einer Laterne und schrien sich offenbar gegenseitig an. Warum waren sie dort draußen und ich noch hier drin? Warum hatten sie mich nicht mitgenommen?
Das Feuer schien immer lauter zu werden und Flecki maunzte mitleiderregend.
„Wir … wir schaffen das“, versprach ich ihr mit Tränen in den Augen.
Doch dann ertönte hinter uns ein Krachen und Flecki fauchte vor Schreck. Panisch schlug ich gegen das Fenster und versuchte, Dad und Patrick auf mich aufmerksam zu machen, aber in meinem Zimmer war es dunkel. Vermutlich sahen sie mich gar nicht.
Meine Augen tränten immer stärker und ich hustete. Ich musste hier raus. Das war mir klar. Aber ich wusste nicht, wie. Angst schnürte mir die Kehle zu und am liebsten hätte ich mich in eine Ecke verkrochen und geweint. Doch das konnte ich nicht, denn dann würde Flecki genauso jämmerlich verbrennen wie ich.
Nein! Das durfte ich nicht zulassen. Ich musste Flecki und mich retten. Daher nahm ich all meinen Mut zusammen und öffnete meine Zimmertür. Sofort schlug mir Hitze entgegen und das Knacken des Feuers wurde noch lauter.
Als Flecki das hörte, jagte sie mir panisch ihre Krallen in die Schulter und ich ließ sie reflexartig los. Sie landete auf dem Boden und rannte, so schnell sie konnte, nach rechts die Treppe hinauf zum Zimmer meiner Eltern.
„Flecki!“, schrie ich. „Nein! Komm zurück!“
Ich hustete. Das Feuer wütete am schlimmsten auf der linken Seite von mir, wo sich Patricks Zimmer befand. Ich müsste nur schnell daran vorbeirennen, dann würde ich es sicher schaffen, die Treppe runter und nach draußen zu kommen. Mein Instinkt verlangte, dass ich diesen Weg einschlug, aber mein Kopf wusste, dass ich irgendwie zu Flecki kommen musste, wenn sie nicht sterben sollte. Da oben konnte sie nicht raus und würde jämmerlich verbrennen.
Sie maunzte im Dachgeschoss und ich machte einen zögerlichen Schritt auf die Treppe zu. Es war Irrsinn, sie zu holen. Das wusste ich. Ich konnte jetzt schon kaum noch etwas sehen, weil meine Augen so sehr tränten, und ich hustete immerzu. Aber ich konnte sie doch nicht einfach sterben lassen!
Ich trat an die Holztreppe. Ich musste da hoch, aber was, wenn sich das Feuer inzwischen noch weiter ausbreitete? Ich sah auf meine Füße. Ich trug nur ein Nachthemd und hatte keine Schuhe an. Ich konnte unmöglich barfuß durchs Feuer laufen, oder? Aber ich durfte auch Flecki nicht zurücklassen. Das hätte ich mir nie verziehen.
Erneut hörte ich das erbarmungswürdige Maunzen meiner Katze und das gab den Ausschlag. Ich biss die Zähne zusammen und setzte mich in Bewegung. Langsam stieg ich die Treppe hoch, doch jeder Schritt fiel mir schwerer als der vorherige. Der Rauch schien nach oben zu ziehen, sodass ich hier noch weniger sehen konnte als ohnehin schon und das Atmen ungleich schwieriger wurde.
„Flecki!“, keuchte ich, konnte aber meine eigene Stimme kaum noch hören. Ich fühlte mich so kraftlos und alles um mich herum drehte sich.
Ich hustete immer stärker und hatte das Gefühl, als würde der Rauch meine Lunge zerfressen. Oh Gott. Ich würde es nicht schaffen. Ich würde hier sterben und Flecki mit mir. Ich versuchte, mich zu orientieren, aber mir schwanden immer mehr die Sinne und ich wusste überhaupt nicht mehr, wo oben und wo unten war. Ein letztes Mal hörte ich das panische Maunzen meiner Katze, bevor ich rücklings die Treppe hinunterfiel und mit dem Kopf auf den Boden knallte.
Judith
„Nein, nein und nochmals nein“, sagte ich und rammte die Schaufel in einen großen Haufen Elefantendung. „Ich werde nicht nach Australien reisen.“
Ich beförderte den Haufen in eine meiner Schubkarren und wischte mir dann den Schweiß von der Stirn. Es war Februar und draußen lag Schnee, aber innerhalb des Elefantenhauses war es muckelig warm.
„Aber …“, begann meine Mutter Rebecca, die hinter der Absperrung im Zoo stand und mich flehentlich ansah. „Maggie hat inständig darum gebeten, Judith. Du kannst sie doch nicht einfach so im Stich lassen.“
„Das möchte ich auch nicht, aber ich kann nicht nach Australien fliegen.“
Erneut rammte ich die Schaufel in den Dung und verzog keine Miene, als mir der Geruch in die Nase stieg. Elefantenmist war gar nicht so schlimm. Die Haufen der Fleischfresser stanken da viel übler. Doch mit der Größe der Haufen konnten die Löwen und Tiger natürlich nicht mithalten.
„Nun komm schon, Schatz“, bettelte meine Mutter. „Maggie sagt, es wäre wirklich wichtig, dass du sie besuchst.“
„Ich weiß. Sie hat schon mehrfach versucht, mich deswegen anzurufen, aber solange sie mir nicht sagt, warum ich nach Australien kommen soll, bleibe ich schön hier in Deutschland bei meinen Tieren.“
Ich arbeitete schon seit langem im Münsteraner Zoo und fühlte mich hier sehr wohl. Die Tiere liebten mich und ich liebte sie. Mein Leben war vielleicht nicht besonders spannend, aber ich war damit zufrieden, und das wollte ich mir nicht kaputt machen lassen.
„Nun sei doch nicht so stur“, bat meine Mutter. „Immerhin bin ich extra den weiten Weg von Hamburg hergekommen, nur um mit dir zu reden.“
„Pah. Du hattest irgendwo einen Termin. Deswegen hast du die Gelegenheit genutzt. Gib es zu.“
Meine Mutter seufzte. „Also gut. Du hast recht. Ich muss gleich weiter in Richtung Frankfurt. Aber ich hätte den Umweg nicht in Kauf genommen, wenn ich dich nicht hätte sehen wollen.“
Ich schmunzelte. Meine Mutter lebte seit einigen Jahren mit ihrem neuen Mann in der Hansestadt und ich freute mich für sie, dass sie so glücklich war. Trotzdem würde ich nicht zu Maggie nach Australien fliegen, nur weil sie mich darum bat. Ich mochte Maggie sehr. Sie war meine Patentante und die Schwester meiner Mutter und hatte sich jahrelang intensiv um meinen Bruder Yannik und mich gekümmert, als wir noch klein gewesen waren. Sie hatte damals als Pferdewirtin in einem Gestüt gearbeitet und uns häufig mit zum Stall genommen. Dort hatte sie mir und Yannik das Reiten beigebracht und meine Liebe zu Tieren damit noch unterstützt.
Aber als meine Mutter nach dem schrecklichen Brand mit Yannik und mir meinen Vater verlassen hatte, war Maggie für ein Jahr nach Australien gegangen, um Work and Travel zu machen. Dabei hatte sie auf einem Pferdegestüt einen deutschstämmigen Mann kennengelernt, der bereits einen Sohn aus erster Ehe hatte. Ethan. Er und sein Cousin Jack waren in den darauffolgenden Jahren mehrfach mit Tante Maggie nach Deutschland gekommen und ich hatte viel Zeit mit ihnen verbracht.
Doch genau das war der Grund, warum ich auf gar keinen Fall nach Australien konnte. Ich wollte nicht mehr daran denken, was damals passiert war, und hatte keine Lust, einen von beiden je wiederzusehen. Doch das konnte meine Mutter nicht wissen und sie sollte es auch besser nie erfahren.
Meine Mutter seufzte. „Judith. Maggie hat dich noch nie dazu gedrängt, sie in Australien zu besuchen, aber es scheint wirklich wichtig zu sein. Sie braucht Hilfe, Schätzchen.“
„Und warum fährst du dann nicht hin und hilfst ihr?“
Als ich das fragte, kam einer der jüngeren Elefanten an und legte mir wie selbstverständlich seinen Rüssel auf die Schulter. Es war Marlo. Seine Mutter hatte ihn nicht angenommen, daher hatte ich ihn mit einigen meiner Kollegen von Hand großgezogen. So etwas kam immer mal wieder vor im Zoo und die Tiere, die wir selber aufzogen, waren besonders anhänglich. Ich kraulte Marlos Kopf und musste grinsen, als er mich mit seinem kleinen Rüssel abtastete. Er war schon fast so groß wie ich und mochte es sehr gerne, wenn ich mit ihm Ball spielte.
Rebecca seufzte. „Weil sie dich sehen will und nicht mich. Außerdem habe ich kaum noch Urlaub. Ich war doch zu Beginn des Jahres mit Herbert, Isabell, Yannik und Toni drei Wochen in Thailand.“
Das stimmte. Mein Bruder hatte vor zwei Jahren geheiratet und kurz darauf mit seiner Frau Isabell den kleinen Toni bekommen. Der Zwerg war ganz zauberhaft und ich hing total an meinem Neffen. Um im Urlaub auch etwas Zeit als Paar verbringen zu können, hatten Yannik und Isabell beschlossen, meine Mutter und ihren Lebensgefährten mitzunehmen. Für Thailand hatten sie sich entschieden, weil sie dort Dalika hatten besuchen können. Sie war Isabells Stiefmutter und lebte seit dem Tod von Isabells Vater wieder in ihrem Heimatland. Wenn ich so darüber nachdachte, dann hatte ich eine ganz schöne Patchwork-Familie.
„Maggie möchte dich sehen. Nicht mich“, beharrte meine Mutter. „Wie du weißt, hat sie keine leiblichen Kinder und du bist ihre Patentochter. Sie liebt dich mindestens so sehr wie Jack und Ethan.“
Da. Nun hatte sie die beiden erwähnt. Genau das hatte ich befürchtet. Doch ich wollte nicht über die zwei reden, daher wechselte ich schnell das Thema.
„Sag Maggie doch, dass sie mir einfach mitteilen soll, worum es geht. Dann kann ich mir immer noch überlegen, ob ich fliege.“
„Sie meinte, sie müsste es dir persönlich sagen.“
„Tja. Dann soll sie vorbeikommen. Ich fliege nämlich bestimmt nicht nach Australien, nur um ein Pläuschchen mit ihr zu halten.“
Mit diesen Worten nahm ich die Schubkarre und fuhr sie zwischen den Elefanten her in Richtung Ausgang. Marlo lief mir im flotten Tempo hinterher und ich kraulte ihm nochmal die Stirn.
„Ich muss leider weiter, mein Kleiner“, sagte ich. „Aber ich komme später nochmal, um euch zu füttern.“
Mit diesen Worten fuhr ich die Schubkarre durch die Absperrung und machte hinter mir wieder zu. Ich musste jetzt erstmal diesen riesigen Haufen Scheiße loswerden und versuchen, nicht an Jack oder Ethan zu denken. Die beiden dachten immerhin mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht an mich.
Ethan
Was tat ich eigentlich hier? Ich hatte keine Ahnung, wie Maggie mich dazu überredet hatte, von England aus zuerst nach Deutschland zu fliegen, anstatt sofort nach Australien zu kommen. Aber Maggie war immer schon sehr überzeugend gewesen. Seit mein Vater sie vor sechzehn Jahren kennengelernt hatte, hatte sie mich wie einen Sohn behandelt und es irgendwie geschafft, mich um den Finger zu wickeln. Sie war die perfekte Stiefmutter, weil sie bei Diskussionen mit meinem Vater fast immer auf meiner Seite war.
„Lass den Jungen“, hatte sie regelmäßig zu ihm gesagt. „Er muss seinen eigenen Weg finden und soll die Welt sehen.“
Sie hatte mir unter die Arme gegriffen, als ich mir gewünscht hatte, in London zu studieren, und sie hatte auch nicht protestiert, als ich mich bei meinem Studium ausgerechnet für Literatur entschieden hatte. Allerdings war es verständlich, dass sie langsam ungeduldig wurde, weil ich die Regelstudienzeit längst überschritten hatte.
Ich liebte es, zu lesen, und mochte mein Studium, aber ich fand auch das Studentenleben in London toll, ging feiern und genoss mein Leben.
Dennoch kam ich so häufig wie möglich nach Hause, um Zeit mit meinem Vater und meiner Stiefmutter zu verbringen. Ein paarmal war ich für die beiden auch nach Deutschland geflogen, um hier Geschäfte für sie zu erledigen. Die meisten unserer Pferde waren Hannoveraner und es war immer mal wieder notwendig, mit deutschen Züchtern zu verhandeln, um unsere Zucht aufzufrischen. Einige unserer Tiere waren Nachkommen des berühmten Springhengstes For Passion. Andere stammten von Goldwing ab.
Im Grunde genommen interessierte ich mich nicht für die Pferderanch, aber da meine Eltern mir das Studium finanzierten, sah ich ein, dass ich ein paar Gegenleistungen erbringen musste. Es war ein Glück für mich, dass zumindest Jack ihnen nicht auf der Tasche lag.
Seit dem Tod seiner Eltern waren Maggie und Michael für ihn verantwortlich, aber er war schon lange nicht mehr finanziell von ihnen abhängig. Er arbeitete seit Jahren in einer der riesigen Minen im Outback. Für viele Menschen war das ein absoluter Traumjob, weil man dort in kurzer Zeit viel Geld verdienen konnte und danach monatelang zu Hause war. Der Verdienst war gut, aber für mich wäre es trotzdem der absolute Albtraum gewesen. Ich war nicht für körperliche Arbeit gemacht. Ich machte zwar gerne Sport, aber da bestimmte ich selbst, auf welche Art und Weise ich mich anstrengte, und musste nicht stundenlang bei über vierzig Grad in der Hitze stehen.
Doch nun ging es nicht um meinen Cousin, sondern darum, dass ich Maggie zugesagt hatte, Judith nach Australien zu bringen, obwohl diese sich mit Sicherheit nicht über meinen Besuch freuen würde. Als wir uns das letzte Mal gesehen hatten, hatte sie klargemacht, dass ich ein riesengroßes Arschloch war und sie mich nie wiedersehen wollte. Und das absolut zu Recht.
Ich schluckte. Ich hatte einem hübschen Mädchen noch nie widerstehen können und Judith war damals sehr hübsch gewesen. Außerdem hatte ich bei meinem Besuch in Deutschland nicht viele Auswahlmöglichkeiten gehabt.
Trotzdem bereute ich, was damals geschehen war. Nicht nur, weil Judith Maggies Patentochter war, sondern auch wegen Jack. Denn nach diesem Sommer war unsere Beziehung nie wieder dieselbe gewesen.
Ich hob die Hand und klingelte. Die Freisprechanlage war offenbar kaputt, denn der Summer ging sofort los und ich drückte die Tür auf. Judiths Wohnung lag in einer ruhigen Ecke von Münster. Das Gebäude war nicht mehr das neueste und nicht zu vergleichen mit meiner Studentenwohnung in London. Allerdings wurde die auch von meinem Vater bezahlt, wohingegen Judith ihre Wohnung vermutlich alleine finanzieren musste. Ob sie auch studierte? Ich hatte keine Ahnung.
Als ich die obere Treppenstufe erreichte, sah ich eine alte Holztür, die sich genau in dem Moment öffnete, als ich oben ankam.
Ein Mädchen streckte ihren Kopf heraus und sah mich stirnrunzelnd an.
„Wer bist du denn?“, fragte sie und kaute lautstark auf ihrem Kaugummi herum.
Sie hatte schwarz gefärbte Haare und war stark geschminkt. Ihre Kleidung war dunkel und ich konnte kaum etwas erkennen, das mich an das Mädchen von damals erinnerte. Sie sprach auf Deutsch mit mir und ich war froh, dass mein Vater und Jacks Mutter immer nur deutsch mit uns geredet hatten. Meine Großeltern kamen aus Deutschland und hatten ihren Kindern eingebläut, wie wichtig es war, eine Sprache von klein auf zu lernen. Ich konnte daher Englisch und Deutsch fließend. Genau wie Jack.
„Erkennst du mich gar nicht?“, fragte ich zögerlich. „It’s me. Ethan.“
Wenn ich ehrlich war, dann hätte ich sie auf der Straße auch nicht erkannt. Sie sah ganz anders aus, als ich sie in Erinnerung hatte. War das überhaupt Judith?
Das Mädchen verschränkte die Arme vor der Brust und sah mich misstrauisch an.
„Nein“, sagte sie. „Welcher Ethan?“
Ich legte den Kopf schief und betrachtete sie eingehender.
„Du bist gar nicht Judy, oder?“, fragte ich.
Sie schüttelte den Kopf.
„Nein. Die bin ich nicht. Mein Name ist Romina. Hier wohnt keine Judy.“
„Sure? Ihr Name steht doch am Klingelschild.“
Ich deutete auf den Namen und sie legte den Kopf schief.
„Ach. Du meinst Judith. Ja. Das ist meine Mitbewohnerin. Sorry. Hätte ich gleich kapieren können.“
Gut. Das erklärte einiges. Ich räusperte mich. „No worries. Ist sie denn da?“
Einerseits war es mir unangenehm, dass ich nicht gleich erkannt hatte, dass sie nicht Judith war. Andererseits war es kein Wunder. Bei so viel Schminke und mit den offensichtlich gefärbten Haaren konnte man jeden verwechseln. Immerhin stimmte die Größe und auch die Gesichtszüge hatten eine gewisse Ähnlichkeit. Es war also keine Beleidigung. Hinzu kam, dass ich Judith schon ewig nicht mehr gesehen hatte. Beim letzten Mal war sie gerade fünfzehn gewesen und ich siebzehn. Das war nun wirklich schon lange her. Auch Fotos von ihr hatte ich ewig nicht gesehen. Ich hatte allerdings auch nicht danach gefragt. Judith war mir die letzten Jahre einfach egal gewesen.
Zu meiner Enttäuschung schüttelte Romina den Kopf. „Nee. Judith ist nicht da. Sie ist noch arbeiten. Hat sie dir das nicht gesagt?“
Ich verneinte, wollte ihr aber lieber nicht mitteilen, dass Judith gar nicht wusste, dass ich hier war. Sonst würde sie mich vermutlich nicht hereinlassen.
„Nope. Das muss sie wohl vergessen haben.“
Nun betrachtete Romina mich von oben bis unten und ließ ihr Kaugummi zerplatzen. Ich stand zwar nicht besonders auf den Gothic-Look, aber Romina sah ansonsten gar nicht so übel aus. Ihre knallengen Klamotten überließen wenig der Fantasie. Sie war schlank, sportlich und hatte einen hübschen Vorbau. Spätestens daran hätte ich erkennen müssen, dass sie unmöglich Judith sein konnte, denn ich bezweifelte, dass ihre Brüste in den paar Jahren so stark gewachsen waren.
Damals waren sie noch winzig gewesen. Allerdings hatte Judith da auch noch mitten in der Pubertät gesteckt.
„Bist du mit Judith zusammen?“, fragte Romina und kaute weiter auf ihrem Kaugummi.
„Du meinst, ob ich ihr Boyfriend bin?“, fragte ich und lachte. „Oh, no. Meine Stiefmutter ist ihre Patentante.“
Das war zwar damals kein Hindernis für uns gewesen, aber das musste Romina ja nicht wissen.
Sie lächelte. „Gut. Was ist das für ein lustiger Akzent, den du da hast?“
„Ich bin ein Aussie.“
„Was? Ein Ossi? Du klingst aber gar nicht so, als kämst du aus dem Osten.“
Ich lachte lauthals. „Nicht Ossi, sondern Aussie. Ich komme aus Down Under.“
Immer noch schaute sie mich verständnislos an.
„Down Under?“, wiederholte ich. „Australien? Big country mit vielen koala bears?”
Jetzt erst schien sie zu kapieren, was ich meinte.
„Oh, cool. Das Känguruland. Komm doch rein“, sagte sie. „Wir können uns das Warten ja gemeinsam versüßen.“
Ich grinste, denn ich hatte schon so eine Ahnung, was sie damit meinte und es gefiel mir ausgesprochen gut.
Judith
Ich war müde, als ich von der Arbeit nach Hause kam. Sehr müde sogar. Es war ein langer Tag gewesen, aber trotzdem hatte ich entschieden, eins der Tiere mit nach Hause zu nehmen.
Ich schloss die Wohnungstür auf und stemmte mich dagegen, um gleichzeitig den Vogelkäfig ins Innere zu bekommen. Bonze war ein Amazonenpapagei und hatte sich bei einem Sturz den Flügel gebrochen. Ich hatte keine Ahnung, wie das passiert war, aber die Wunde hatte sich entzündet und Bonze musste unter Beobachtung bleiben. Der Zoodirektor sah es natürlich nicht gerne, wenn ich Tiere mit nach Hause nahm, aber solange kein Tier verletzt wurde, tat er so, als wenn er nichts davon wüsste.
„Hallo?“, sagte ich, als ich eintrat.
„Hallo, hallo, hallo“, echote Bonze mit seiner kratzigen Stimme.
Keine Antwort.
„Romina?“
„Romina? Romina?“
„Nun hör schon auf damit“, zischte ich dem Papagei zu.
„Hör auf damit. Hör auf damit“, wiederholte er und ich verdrehte die Augen. Dieser Papagei war eine Plage.
Er konnte vielleicht keine eigenständigen Sätze bilden, aber er war enorm gut darin, alles nachzuplappern, was man ihm sagte.
Ich sah mich im Wohnzimmer um. Romina wohnte inzwischen seit einem Jahr hier und war chronisch unordentlich. Ich hatte lange alleine gelebt, aber es war jedes Mal so eng mit der Miete gewesen, dass ich irgendwann beschlossen hatte, mir wieder eine WG-Partnerin zu suchen. Eigentlich war das traurig. Ich war dreiundzwanzig und fertig mit meiner Ausbildung. Da sollte ich mir doch eigentlich allein eine Wohnung leisten können, aber als Tierpflegerin verdiente ich leider so wenig, dass ich mir kaum etwas erlauben konnte. Eigentlich wäre eine Beförderung längst überfällig gewesen, doch mein Chef sparte an allen Ecken und Enden. Das war schon immer so gewesen.
Ich kickte mir die Schuhe von den Füßen und stellte Bonze in die Mitte des Wohnzimmertisches. Dann lief ich um den Tisch herum, um etwas Ordnung zu schaffen.
Romina hatte den Raum mal wieder in eine Müllkippe verwandelt. Auf dem Sofa lagen zwei Pizzakartons und auf dem Tisch standen mehrere leere Bierdosen. Allein bei dem Gedanken an Bier wurde mir schon übel. Ich konnte dieses Zeug einfach nicht trinken.
Aber Romina hatte natürlich nicht an dieser Stelle Schluss gemacht. Nein. Eine offene Tüte Chips war offenbar vom Tisch auf den Boden gefallen und hatte sich quer über den Teppich verteilt. Außerdem war eine halbleere Dose umgekippt. Ich seufzte. Vielleicht sollte ich mir endlich was Kleineres suchen, das ich mir auch alleine leisten konnte. Aber bisher hatte ich es genossen, so zentral in Münster zu wohnen. Ich konnte von hier aus bei gutem Wetter mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren und war trotzdem schnell in der Innenstadt. Die Busverbindung war super und ich war schnell am Aasee. Und wenn es glatt war und schneite, konnte ich notfalls sogar zu Fuß zur Arbeit gehen.
Ich räumte alles weg, was klebrig werden konnte und betrachtete dann die Pizzaschachteln. Hatte Romina etwa Besuch?
Das kam häufiger vor. Immerhin war sie Studentin und benahm sich auch so. Ich persönlich hatte noch nie verstanden, warum die meisten Studenten sich aufführen mussten wie die letzten Schweine. Für mich persönlich war ein Studium nie ernsthaft in Frage gekommen, weil ich auf der Realschule meine Qualifikation nicht bekommen hatte. Natürlich hätte ich Fachabitur machen können, aber für meinen Berufswunsch war das absolut unnötig gewesen. Also hatte ich mich stattdessen sofort als Tierpflegerin beworben und das große Glück gehabt, dass ich in derselben Stadt einen Job bekommen hatte wie mein Bruder Yannik.
Ich wollte gerade in die Küche gehen, um mir etwas zu Essen zu machen, als vor meiner Nase die Tür zu Rominas Zimmer aufging und ein Mann mir in den Weg trat. Und der war bis auf seine Boxershorts vollkommen nackt.
Einen Moment lang konnte ich nur auf seine definierte Brust starren, die darauf hindeutete, dass er regelmäßig Sport trieb. Doch dann wanderte mein Blick nach oben zu seinem Gesicht und mein Mund klappte auf, als ich ihn erkannte.
„Ethan?“, fragte ich ungläubig.
Er sah mich an und grinste schelmisch.
„Oh. Hi, Judy“, sagte er. „What’s up?“
Fassungslos sah ich ihn an. Genau wie damals hatte er immer noch diesen niedlichen australischen Akzent, bei dem er einige Wörter rollte.
„Du … hast du etwa …“ Ich deutete auf Rominas Zimmer und Ethan nickte amüsiert.
„Du musst nicht rot werden, Darling. Sprich es ruhig aus. Hattest du Sex, Ethan? Oh, yes. I did. Ich warte schon seit Stunden auf dich, aber no worries. Ich habe mich gut amüsiert.“
No worries? Diese Redensart hatte mich als Teenagerin schon zur Weißglut getrieben. Es bedeutete so viel wie ‚Keine Sorge‘ und wurde in Australien offenbar ständig verwendet. Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht schoss und verschränkte die Arme vor der Brust. Ich tat alles, um meinen Blick nicht an seinem Körper auf und ab gleiten zu lassen. Aber das war gar nicht so einfach. Ethan Wilson war in meiner Wohnung und hatte Sex mit meiner Mitbewohnerin gehabt.
Das war wirklich ungeheuerlich.
„Was tust du hier?“, fragte ich missmutig.
„Also, im Moment würde ich gerne duschen. Alles andere kann ich dir gerne danach erklären. Right?“
„Da gibt es nichts zu erklären. Du hast hier überhaupt nichts zu suchen.“
„Das sieht deine Mitbewohnerin allerdings anders.“
„Meine Mitbewohnerin? Heißt das, du weißt nicht mal mehr ihren Namen?“
„No worries. Natürlich weiß ich den“, sagte er und beugte sich zu mir vor. „Ich nenne sie Babe und sie nennt mich geiler Hengst. Mehr müssen wir gar nicht voneinander wissen.“
Ich verschluckte mich fast an meinem Ärger und konnte es kaum fassen, als Bonze auch noch krächzend wiederholte „Geiler Hengst. Geiler Hengst.“
Ethan lachte. „Cool bird. Der Vogel weiß, wovon er spricht.“
Mit diesen Worten verschwand er im Bad und knallte die Tür hinter sich zu.
„Weiß, wovon er spricht. Weiß, wovon er spricht“, wiederholte Bonze und ich verdrehte die Augen.
Ich war hier eindeutig im falschen Film.
* * *
Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis Ethan wieder aus dem Bad heraus kam. Ich setzte mich solange ins Wohnzimmer und machte den Fernseher an. Auf dem Discovery Channel lief eine Tierdokumentation über die Löwen in Namibia.
Ich mochte alle Tiere im Zoo, aber Elefanten, Giraffen, Löwen und Zebras waren meiner Ansicht nach besonders exotisch. Mein Lieblingstier bei der Arbeit war ein Seehund namens Freddie und ich interessierte mich für alles, was mit Tieren zu tun hatte. Schon als Kind hatte ich am liebsten Bücher und Filme angesehen, in denen es um Tiere ging. Romane zu lesen, war noch nie so mein Ding gewesen. Wenn es in einem Buch keine Bilder gab, dann war es für mich uninteressant. Ich las daher nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ.
Gerade, als ein Löwe sich im Fernsehen über eine Antilope hermachte, hörte ich, wie die Tür sich bewegte, und sah mich um. Ethan hatte sich zum Glück angezogen und trug jetzt Jeans und ein dunkles Shirt. Er rubbelte sich mit einem Handtuch die Haare trocken und kam auf mich zu.
„Da bist du ja endlich“, sagte ich und betrachtete ihn eingehend.
Er sah gut aus. Das konnte ich leider nicht abstreiten. Er hatte blondes Haar, gebräunte Haut und ein strahlendes Lächeln, durch das Grübchen an seinen Mundwinkeln erschienen. Bei seinem Anblick schlug mein Herz höher. Genau wie damals. Verdammt. Das war nicht gut. Überhaupt nicht gut. Immerhin hatte ich gedacht, längst über ihn hinweg zu sein.
„Hast du mich etwa schon vermisst, Darling?“, fragte Ethan und sah mich mit einem verschmitzten Lächeln an.
Das tat er immer. Und genau dieses Lächeln war schuld daran, dass unsere Beziehung so komisch geworden war.
„Nein. Ich habe dich nicht vermisst“, erwiderte ich. „Und nenn mich nicht Darling. Um genau zu sein, wäre es mir lieber gewesen, dich nie wiederzusehen. Also. Was machst du hier?“
Ethan legte den Kopf schief. „Really? Das fragst du noch? Kannst du dir das nicht denken?“
Konnte ich schon, aber ich wollte es von ihm hören.
„Ich bin hier, weil du die Anrufe und Nachrichten meiner Stiefmutter ignoriert hast“, erklärte Ethan. „Maggs is not amused. Sie möchte unbedingt mit dir sprechen.“
„Aha. Und worüber? Hat sie dir das gesagt?“
Er schüttelte den Kopf. „Nope. Das hat sie nicht. Sie möchte auch mir die Sache lieber persönlich erklären.“
„Ist mit deinem Vater alles in Ordnung?“
Michael hatte vor drei Jahren einen schlimmen Unfall gehabt. Er war vom Pferd gefallen und hatte sich die Wirbelsäule verletzt. Seitdem saß er im Rollstuhl und kümmerte sich hauptsächlich um den Papierkram der Ranch.
„Sure. No worries. Ihm geht es gut. Ich habe gestern noch mit ihm telefoniert. Es wird schon nicht so schlimm sein.“
Davon war ich nicht überzeugt. Meine Tante war kein Mensch, der aus einer Mücke einen Elefanten machte. So war sie noch nie gewesen. Das war eher Aufgabe meiner Mutter.
„Also gut“, sagte ich. „Aber sie kann doch nicht ernsthaft erwarten, dass ich hier alles stehen und liegen lasse, um nach Australien zu kommen. Das ist ja nicht eben um die Ecke.“
„London ist auch nicht um die Ecke, Darling“, gab Ethan zu bedenken. „Trotzdem bin ich bereit, nach Australien zu kommen, weil Maggs mich darum gebeten hat. Believe me. Ich mache das auch nicht freiwillig. Ich hatte eigentlich vor, erst an Christmas wieder nach Hause zu kommen.“
Weihnachten? Wir hatten Februar. Weihnachten war also noch ziemlich lange hin. Ich seufzte.
„Also hast du keine Ahnung, worum es geht?“, hakte ich nach, weil ich mir das nicht vorstellen konnte.
„No idea“, antwortete Ethan. „Maggs hat mich genauso im Unklaren gelassen wie dich. Aber sie hat mich darum gebeten, dich davon zu überzeugen, mitzukommen. Du bist ihre Nichte und ihre Patentochter. Du bist important für sie. Das solltest du nicht vergessen.“
Ich wusste, dass ich meiner Tante wichtig war. Sie hatte außer mir niemanden. Wobei. Das stimmte nicht. Sie hatte keine leiblichen Kinder, aber sie hatte Ethan und Jack. Außerdem hatte sie ihren Ehemann Michael und ihre Schwester Rebecca. Eigentlich eine ganze Menge Leute, wenn ich so darüber nachdachte. Auch zu meinem Bruder Yannik hatte sie ein gutes Verhältnis und selbst mit Patrick verstand sie sich gut. Warum brauchte sie also mich?
Ich wusste, dass Maggie die Ranch in Australien liebte. Sie ritt die Springpferde auf Turnieren und war damit sehr erfolgreich. Sie hatte mir schon oft gesagt, dass ich sie einmal besuchen sollte, aber bisher hatte ich mich geweigert. Nicht nur, weil der Flug so teuer war, sondern auch, weil ich Angst davor gehabt hatte, Ethan und Jack wieder zu begegnen. Das letzte Mal hatten wir uns vor circa acht Jahren gesehen. Das war also schon eine Ewigkeit her.
„So?“, fragte Ethan. „Wirst du mich begleiten?“
„Wie meinst du das? Begleiten? Fliegen wir etwa zusammen?“
„It depends on you. Ich habe zwei Flugtickets für morgen nach Dubai. Von da aus geht es wenige Stunden später weiter nach Perth.“
Erstaunt sah ich ihn an. „Morgen?“ Das konnte doch unmöglich sein Ernst sein. „Aber … ich muss arbeiten.“
„Nope, das musst du nicht. Deine Mutter hat bereits mit deinem Chef geredet. Du kannst deinen kompletten Jahresurlaub ab sofort nehmen.“
Fassungslos sah ich ihn an. Ich wusste zwar, dass meine Mutter auf Maggies Seite war, aber das hatte ich nicht erwartet.
Hatten sich denn alle gegen mich verschworen?
„Ich kann trotzdem nicht morgen wegfliegen. Ich muss noch packen und…“
„No worries. Der Flug geht erst morgen Abend. Du hast also noch genug Zeit, um den komischen Vogel da wieder zurückzubringen.“ Er deutete auf Bonze.
„Zurückbringen. Zurückbringen“, wiederholte der Papagei.
An ihn hatte ich schon gar nicht mehr gedacht. Gut, dass Ethan ihn erwähnte.
„Ich kann nicht fassen, dass ihr das über meinen Kopf hinweg entscheidet“, sagte ich.
Ich war durcheinander und brauchte Zeit zum Nachdenken. Doch wie es aussah, war es genau das, was ich nicht hatte.
„Come on, Darling“, sagte Ethan. „Spring über deinen Schatten. Pack einfach ein paar Undies und Sunnies ein und auf geht’s. What’s the problem anyway?“
Wo das Problem war, ein paar Unterhosen und eine Sonnenbrille einzupacken?
Tja, das war eine gute Frage. Meine größte Angst war bisher gewesen, Ethan und Jack wieder zu treffen. Aber um das zu vermeiden, war es nun zu spät. Ethan war ich schon begegnet und das Zusammentreffen mit Jack konnte nicht viel schlimmer werden. Hoffte ich zumindest.
„Mein Problem ist, dass ich es nicht mag, wenn man etwas für mich entscheidet, ohne mich nach meiner Meinung zu fragen. Das gehört sich nicht.“
Ich stand auf und ging in Richtung meines Zimmers.
„Hey, wo willst du denn jetzt hin?“, fragte Ethan.
„Packen“, antwortete ich.
Daraufhin verschwand ich in meinem Zimmer und begann, meinen Koffer aus dem Schrank zu zerren. Ethan hatte recht. Ich sollte mich nicht so anstellen. Die meisten Menschen hätten sich riesig über so eine Gelegenheit gefreut. Ich würde mitfliegen und mir anhören, was Maggie uns so Wichtiges zu sagen hatte. Ich konnte nur hoffen, dass Jack nach all dieser Zeit nicht mehr böse auf mich war. Sonst würde mein Trip nach Australien bestimmt der Horror werden.
Jack
„Weiter nach rechts. Weiter nach rechts, mate“, sprach mein Kollege in das Mikrophon und deutete mit seinen Armen in die entsprechende Richtung.
Ich lenkte den riesigen Muldenkipper ein Stück nach rechts und drückte dann auf den Knopf, um die Ladefläche nach oben zu fahren. Mehrere hundert Tonnen von Geröll kippten auf den Boden und ich ließ den Truck langsam nach vorne rollen. Dabei musste ich vorsichtig sein, denn der Muldenkipper war so groß, dass man schnell mal einen Arbeiter am Boden übersehen konnte. Er war zehn Meter lang, acht Meter hoch und neun Meter breit. Allein die Reifen waren fast vier Meter hoch, daher waren Unfälle so gefährlich.
Als Kind hatte ich mir das Leben in einer Goldmine immer unglaublich aufregend vorgestellt. Ich hatte gedacht, dass man wie Dagobert Duck in Klondike ein Goldnugget nach dem anderen finden und damit steinreich werden könnte. Aber im Grunde genommen war das Goldsuchen nicht viel anders als jeder andere Job auch. Sechs Monate im Jahr arbeitete ich in der Fraser’s-Goldmine mitten im Outback und ich hatte keine Ahnung, wie viel Gold meine Arbeitgeber durch meine Hilfe bisher erwirtschaftet hatten. Es war nämlich nicht so, dass ich pro Unze bezahlt wurde, sondern pro Stunde, und das gar nicht mal schlecht.
Die Minen in Australien waren das reinste Paradies für junge ungebundene Männer, die schnell an Geld kommen wollten. Man schuftete sich monatelang das Kreuz krumm, aber konnte dann den Rest des Jahres tun, was immer man wollte. Schwierig wurde dieses Leben erst, wenn man eine Familie gründete, aber davon war ich so weit entfernt, wie man es nur sein konnte.
Als ich Pause hatte, parkte ich das riesige Gefährt und gab Blue ein Zeichen, mir zu folgen. Blue war ein Australian Cattle Dog und somit perfekt an das Leben in Australien angepasst. Seine Vorfahren waren mit Dingos gekreuzt worden, die sehr viel robuster und selbstbewusster waren als die meisten normalen Hunde.
Draußen schlug uns sofort die Hitze entgegen, denn während es im Inneren meines Fahrerhäuschens angenehm kühl war, war es hier draußen so heiß wie in einem Backofen. Wir stiegen zusammen die Eisentreppe hinunter und sobald ich unten angekommen war, nahm ich meinen Helm ab, um mir den Schweiß abzuwischen. Ich freute mich schon darauf, endlich in die klimatisierten Innenräume zu kommen.
Um hier zu arbeiten, musste man abgehärtet sein und das war ich glücklicherweise, seitdem ich eine Weile bei den Aborigines gelebt hatte. Meine Großmutter gehörte dem Stamm der Pitjantjatjara an, die in der Nähe des Uluru lebten, und hatte sich sehr darüber gefreut, als ich mit fünfzehn beschlossen hatte, mich ihnen eine Zeitlang anzuschließen. Ihre Familie gehörte zu den wenigen in Australien, die immer noch versuchten, an den alten Traditionen und Lebensweisen festzuhalten. Natürlich hatten auch sie sich weiterentwickelt, aber sie gingen nach wie vor jagen und verdienten ihr Geld mit Touristentouren und dem Verkauf von selbstgemachtem Schmuck. Meine Zeit bei ihnen war nun schon einige Jahre her und seitdem war so viel passiert, dass es sich fast anfühlte wie ein anderes Leben.
„Hey, mate“, rief mein Kollege Robert, als wir in der Kantine angekommen waren und ich mir etwas zu Essen geholt hatte. „Alles klar? Freust du dich auf zu Hause?“
Zu Hause. Ich verzog den Mund und warf Blue als Leckerli ein Stück Brot zu. Sein Futter hatte er schon heute Morgen bekommen. Ich wusste, wie ungewöhnlich es war, in einer Mine einen Hund dabei zu haben, aber ich hatte darauf bestanden, Blue mitzubringen. Ohne ihn ging ich nirgendwohin und wenn überhaupt, war er mein Zuhause.
Meine Eltern waren gestorben, als ich zehn gewesen war, und mein Onkel hatte mich bei sich und seiner neuen Frau aufgenommen. Natürlich hätte ich damals schon zu meiner Großmutter ins Outback gehen können, aber das war für niemanden von uns in Frage gekommen. Ich war auf der Ranch groß geworden und ich hätte sie um nichts auf der Welt verlassen wollen. Außerdem war ich noch nicht so weit gewesen, die Zivilisation hinter mir zu lassen. Mein Vater hatte den Stamm verlassen, als er siebzehn gewesen war, um sich auf einer Ranch einen Job zu suchen. Dadurch hatte er meine Mutter kennengelernt. Ich kannte kaum jemanden, der so verliebt war wie meine Eltern damals und es war ein Jammer, dass ich nie Geschwister bekommen hatte. Nach mir hatte es einfach nicht mehr geklappt. Dafür war mein Cousin Ethan immer wieder auf der Ranch gewesen. Er hatte unter der Woche zwar in der Stadt bei seiner Mutter gelebt, aber an den Wochenenden war er meistens zu uns gekommen. Er war zweieinhalb Jahre älter als ich, aber da man in Australien auf dem Land nur wenige andere Kinder zum Spielen fand, war der Altersunterschied für uns kein Hindernis gewesen, um beste Freunde zu werden.
Wir hatten so gut wie alles zusammen gemacht. Wir hatten gemeinsam reiten und jagen gelernt, hatten auf der Farm geholfen und gemeinsam für die Schule geübt. Bis … ja. Bis zu der Sache mit Judith.
Judith. An sie hatte ich schon lange nicht mehr gedacht und verstand gar nicht, wieso ich ausgerechnet jetzt wieder auf sie kam. Vielleicht lag es daran, dass ich Maggie bald wiedersehen würde und Judith ihrer Tante so ähnlich war. Ich war seit über einem Jahr nicht mehr auf der Ranch von Maggie und Michael gewesen. Irgendwie hatte es sich nicht ergeben. Wobei, wenn ich ehrlich war, dann war es eine bewusste Entscheidung von mir gewesen. Wann immer ich frei hatte, war ich ans Meer gefahren oder verreist. Ich hatte mehrere Monate in Neuseeland verbracht und auch einige Wochen auf den Philippinen. Ich hatte die Zeit mit Sightseeing, am Strand oder in irgendwelchen Bars verbracht. Ein paarmal war ich auch bei meiner Großmutter im Outback gewesen.
In den letzten Jahren hatte ich meine freie Zeit außerdem so gelegt, dass ich in der Hochsaison der Buschfeuer nicht arbeiten musste und als freiwilliger Feuerwehrmann helfen konnte. Mir war alles recht gewesen, solange ich nicht zurück zur Ranch musste.
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich freue mich nicht wirklich auf zu Hause“, gab ich zu.
Robert runzelte die Stirn.
„Warum nicht?“, wollte er wissen.
„Weil ich nicht genau weiß, wo überhaupt mein Zuhause ist“, wollte ich sagen.
Doch was ich stattdessen sagte, war: „Das weiß ich selber nicht so genau.“
Am liebsten hätte ich Maggie gar nicht zugesagt, zu kommen, aber mein Chef hatte darauf bestanden, dass ich endlich meinen Urlaub nahm. Die meisten anderen Arbeiter waren mehr Monate zu Hause als in der Mine, aber ich verbrachte mehr Zeit hier und hatte dadurch schon einiges an Geld zurücklegen können. Auf der einen Seite gefiel das meinem Chef, weil er sich immer auf mich verlassen konnte, aber auf der anderen Seite fand er es wichtig, dass ich mich nicht überarbeitete. Er hatte Angst, dass ich sonst irgendwann gar nicht mehr kommen würde. Erst gestern hatte er mir ein tolles Angebot gemacht, bei dem ich mich über drei Jahre verpflichten sollte, doch ich hatte mir Bedenkzeit erbeten.
Im Grunde genommen war die Arbeit hier nicht das, was ich für den Rest meines Lebens machen wollte. Im Gegenteil. Ich verabscheute es, wie das Land ausgebeutet wurde. Doch sobald ich erwachsen geworden war, hatte ich einfach nur weg gewollt und die Minen waren die ideale Anlaufstelle für einen jungen Mann, der Geld brauchte.
„Ich fänd’s klasse, wenn meine Zeit hier schon vorbei wäre“, sagte Robert. „Ich vermisse es, meine Privatsphäre zu haben. Ganz abgesehen von den Weibern. Mann. Wie gerne würde ich es mal wieder einer Frau so richtig besorgen.“
Meine Mundwinkel zuckten. Der Umgangston in den Minen war rau. Daran hatte ich mich schnell gewöhnt. Frauen gab es hier nur wenige und die waren meistens genauso derb wie die Männer. Sonst kamen sie in dieser Umgebung nicht zurecht.
„Auf ein eigenes Zimmer freue ich mich auch“, sagte ich wahrheitsgemäß.
Es fehlte mir, meine eigenen vier Wände zu haben. Hier in der Mine schliefen wir alle zusammen auf Feldbetten in Containern. In einigen Minen pennten die Leute sogar unter freiem Himmel. Aber das war immer noch besser, als jedes Mal bis zum nächsten Ort fahren zu müssen, denn dort waren die Preise für ein Zimmer so hoch, dass kaum noch etwas von dem hart erarbeiteten Geld übrig blieb.
„Tu mir einen Gefallen und vögle ein paar Mädels für mich mit, mate“, bat Robert. „Ich muss mich noch einige Monate mit meinen Pornos begnügen.“
Ich schüttelte nur den Kopf, weil es unwahrscheinlich war, dass ich zu Hause eine Sexualpartnerin finden würde. Es waren zwar immer wieder junge Frauen auf dem Gestüt, die Work and Travel machten, aber von denen ließ ich meistens die Finger, weil ich Maggie und Michael keine Probleme machen wollte.
Mein Handy piepte und ich zog es hervor. Wenn man vom Teufel sprach.
Ich freue mich schon riesig darauf, dass du morgen nach Hause kommst, hatte Maggie geschrieben.
Ich schluckte. Seit dreizehn Jahren war Maggie für mich wie eine zweite Mutter. Als ich zehn gewesen war, hatte sie mich aufgefangen, nachdem meine Eltern gestorben waren. Sie hatte mich getröstet, wenn ich nachts wegen Albträumen aufgewacht war und ich war es ihr schuldig, dass ich jetzt, wo sie mich brauchte, an ihrer Seite war. Sie hatte mir zwar nicht sagen wollen, worum es ging, aber ich wusste, dass es etwas Ernstes sein musste. Sonst hätte sie mich niemals von der Arbeit weggerufen.
Etwas war geschehen. Etwas Schlimmes. Und bald schon würde ich herausfinden, was.
Judith
„Du fliegst tatsächlich nach Australien?“, rief Patrick aufgebracht ins Handy. „Warum hast du mir davon nicht vorher erzählt?“
Ich seufzte und steckte meine Zahnbürste in meinen Kulturbeutel. Ich hatte schon erwartet, dass Patrick ungehalten reagieren würde. Seit wir wieder regelmäßigen Kontakt hatten, ließ er dauernd den großen Bruder raushängen. Auch Yannik war älter als ich, aber er hatte mich immer gleichberechtigt behandelt. Doch zwischen Patrick und mir lagen zehn Jahre und das machte schon einen Unterschied. Er stammte aus der ersten Ehe meines Vaters und hatte seine leibliche Mutter nie kennengelernt. Da ich noch sehr jung gewesen war, als meine Mutter Patrick und meinen Vater verlassen hatte, hatten wir viele Jahre kaum etwas voneinander gehört. Doch seit ein paar Jahren redeten wir wieder miteinander und standen uns sehr nahe. Ich hatte ihm zur Seite gestanden, als er seine jetzige Freundin kennengelernt hatte und ihm dabei geholfen, wenn ihm Zweifel gekommen waren. Patrick war kein besonders emotionaler Mensch, aber ich wusste, dass er ein gutes Herz besaß.
„Ich habe es selber erst gestern entschieden“, sagte ich. „Ich weiß, dass das unglaubwürdig klingt, doch genauso ist es.“
„Aber … warum?“
Ich seufzte wieder. „Weil Ethan hier ist“, erklärte ich, als würde das alles sagen.
„Wer ist Ethan?“, fragt Patrick irritiert.
Eigentlich hätte ich mir denken können, dass er das nicht wusste. In den Jahren, als Ethan und Jack in Deutschland gewesen waren, hatten wir keinen Kontakt miteinander gehabt.
„Ethan ist der Stiefsohn von Maggie“, erklärte ich. „Du weißt schon. Magdalena? Rebeccas Schwester?“
„Ich kenne Maggie“, stellte Patrick klar. „Ich verstehe nur nicht, was ihr Sohn mit der ganzen Sache zu tun hat.“
Das verstand ich auch nicht ganz. Ethan war ein Mistkerl. Die ganze Nacht hatte er in Rominas Zimmer verbracht und da die Wände dünn waren, hatte ich genau hören können, was die beiden miteinander getrieben hatten. Nach einer Weile hatte ich mir Ohrstöpsel in die Ohren gestopft, um die Geräusche nicht länger ertragen zu müssen, aber viel gebracht hatte das leider nicht. Heute war ich deswegen unausgeschlafen und mies gelaunt.
„Ethan ist ein Arschloch“, sagte ich ernst.
„Arschloch. Arschloch“, wiederholte Bonze fröhlich. Den Papagei hatte ich schon wieder vollkommen vergessen.
„Halt dich da raus“, zischte ich.
„Halt dich da raus. Halt dich da raus“, plapperte Bonze nach.
„Wer ist das? Mit wem redest du da?“, fragte Patrick überrascht.
„Das ist nur ein doofer Papagei.“
„Selber doof. Selber doof“, krächzte Bonze und brachte mich damit zum Lachen.
„Das muss Maria ihm beigebracht haben“, sagte ich.
Maria machte bei uns ein Einstiegsqualifizierungsjahr und ich wusste, dass sie jeden Tag mindestens eine Stunde damit zubrachte, den Papageien neuen Unsinn beizubringen. Das war ein großer Gewinn für den Zoo, denn die Zoobesucher liebten es, wenn die Tiere ihnen etwas Sinnvolles antworten konnten und noch mehr, wenn sie sogar konterten.
„Der Vogel ist lustig“, sagte Patrick und ich konnte mir vorstellen, wie er schmunzelte. „Es tut mir leid, dass ich nicht da sein kann, um dich zum Flughafen zu bringen. Macht Yannik das?“
„Ja. Er kommt gleich und hilft mir mit den Vorbereitungen. Heute Abend bringt er mich und Ethan dann zum Flughafen.“
„Wie jetzt? Ethan hat bei dir geschlafen? Aber doch hoffentlich auf der Couch, oder?“
Ich lachte freudlos. „Nein. Im Bett meiner Mitbewohnerin.“
„Autsch. Na ja. Immer noch besser als in deinem Bett.“
„Allerdings. Da kommt er auch ganz bestimmt nicht so schnell rein.“
„Das ist meine Schwester. Sehr gut. Ich finde ohnehin, dass du viel zu jung bist, um eine Beziehung zu haben.“
„Patrick. Ich bin dreiundzwanzig. Lilly ist jünger als ich.“
Lilly war Patricks Freundin und ich fand, dass die beiden ganz hervorragend zusammenpassten. Der Altersunterschied schien keinen von ihnen zu stören.
„Darum geht es doch gar nicht“, erwiderte mein Bruder. „Lilly kann so alt sein, wie sie will, weil sie nicht meine Schwester ist. Du hingegen … Wenn ich mir dich mit einem Kerl vorstelle … Sorry, aber da wird mir ganz übel. Immerhin bist du doch immer noch die niedliche, kleine …“
„Ja, ja. Schon klar“, sagte ich. „Ich werde in deinen Augen vermutlich nie erwachsen. Nur, weil Dad sich nicht mehr um mich kümmern kann, musst du das jetzt nicht übernehmen.“
Patrick sagte einen Moment nichts und es tat mir leid, dass ich unseren Vater erwähnt hatte. Rolf saß seit ein paar Jahren im Gefängnis, weil er mehrere Mädchen sexuell belästigt hatte, und das war für keinen von uns ein schönes Thema. Ich wusste, dass Patrick sich lange nicht getraut hatte, eine Beziehung zu führen, weil er Angst gehabt hatte, so zu werden wie unser Vater. Ich persönlich war einfach nur froh, dass meine Mutter mit Yannik und mir fortgegangen war, bevor Rolf so etwas bei mir hatte versuchen können. In meiner Erinnerung war er ein guter Vater, der gerne mit mir gekuschelt und mit Vorliebe mit meinen Zehen gespielt hatte. An etwas Negatives konnte ich mich nicht erinnern und darüber war ich mehr als glücklich.
„Das weiß ich doch“, sagte Patrick schließlich „Sei bitte trotzdem vorsichtig, ja?“
„Das bin ich“, versprach ich und griff nach einem Foto, das ich schon lange nicht mehr in die Hand genommen hatte.
Ich wusste gar nicht, warum ich es überhaupt auf meine Kommode gestellt hatte, nur um es dann hinter allen anderen Bildern zu verstecken.
Es war ein Foto von Maggies Hochzeit. Damals war ich fünfzehn gewesen und Ethan siebzehn. Jack war ein halbes Jahr jünger als ich und somit erst vierzehn gewesen. Auf dem Bild hatten Jack und Ethan mir jeweils einen Arm um die Schulter gelegt und wir standen neben Maggie und Ethans Vater Michael. Auf der anderen Seite befanden sich Yannik und unsere Mutter Rebecca. Damals hatte sie noch keinen Partner gehabt und Patrick war auch nicht bei uns gewesen. Aber mein Interesse galt ohnehin Ethan und Jack. Ethan war damals schon unverschämt attraktiv gewesen, während Jack … nun ja. Besonders hübsch war er auf dem Foto nicht. Sein Anzug spannte, weil er so pummelig war, und im Gesicht hatte er einige Pickel. Er war ein bisschen kleiner als ich und trug eine Zahnspange. Er war in der Zeit mein bester Freund gewesen, aber optisch überhaupt nicht das, was ich mir als festen Freund gewünscht hätte. Ethan hingegen war der Traum einer jeden Fünfzehnjährigen gewesen. Gutaussehend, sportlich und mit diesem verschmitzten Lächeln, das er offenbar immer noch drauf hatte.
„Judith?“, fragte Patrick. „Bist du noch dran?“
Ich zuckte zusammen. „Ja, natürlich“, sagte ich. „Ich war nur in Gedanken. Ich muss immerhin in Windeseile packen.“
Genau in diesem Moment klingelte es.
„Oh. Das wird Yannik sein“, sagte ich schnell und war froh über die Unterbrechung. „Drück mir die Daumen, dass wir einen guten Flug haben, ja? Mir graut es jetzt schon davor, so viele Stunden im Flugzeug zu sitzen.“
„Dann viel Glück. Mir hat ja damals der Flug nach Thailand schon gereicht. Ich bin wirklich froh, dass ich dich nicht begleiten muss.“
* * *
Der Rest des Tages verging viel zu schnell. Ich packte meine Sachen, brachte mit Yannik zusammen Bonze zurück zum Zoo und verabschiedete mich dort von meinem Liebling Freddie. Er war ein kleiner Seehund, der sehr an mir hing und den ich in den nächsten Wochen ganz sicher schrecklich vermissen würde.
Danach fuhren wir zurück und holten Ethan und unsere Sachen aus der Wohnung. Am Flughafen verabschiedete ich mich von meinem Bruder und bald darauf saß ich mit Ethan schon im Flieger.
Der Flug nach Dubai war eine absolute Katastrophe. Nicht, weil er so ruckelig war, sondern weil ich die ganze Zeit über neben Ethan sitzen musste. Etwas Schlimmeres konnte ich mir nicht vorstellen, als stundenlang neben einem Mann sitzen zu müssen, den ich kein bisschen leiden konnte.
Doch immerhin tat Ethan uns beiden den Gefallen und beachtete mich nicht. Er schaute einen Film nach dem anderen und flirtete abwechselnd mit einer der Stewardessen und mit seiner blonden Sitznachbarin.
Als wir in Dubai ankamen, war ich bereits ziemlich fertig. Ich war es nicht gewohnt, so lange auf einer Stelle zu sitzen. Ich hatte mir zwar auch einen Film angesehen, aber das hatte mich nur zeitweise abgelenkt. Da war der Ausblick in Dubai eine willkommene Abwechslung. Beim Sinkflug konnte ich die berühmte Palme aus kleinen Inseln erkennen, die ich schon im Fernsehen gesehen hatte. Auch das größte Gebäude der Welt war von weitem erkennbar. Schade eigentlich, dass wir keine Zeit hatten, bevor der nächste Flug ging. Ich hätte wirklich nichts dagegen gehabt, mir diese moderne und interessante Stadt einmal anzusehen. Doch wir hatten nur drei Stunden Aufenthalt und dafür lohnte es sich nicht einmal, den Flughafen zu verlassen. Stattdessen holte ich mir etwas zu trinken und vertrat mir eine Weile die Füße.
Ethan sah ich erst kurz vor dem nächsten Flug wieder. Wahrscheinlich hatte er sich die Zeit mit seiner Sitznachbarin vertrieben, denn seine Kleidung war derangiert und er wirkte sehr selbstzufrieden, als er beim Gate ankam.
„Wird es dir eigentlich nie langweilig, eine Frau nach der anderen aufzureißen?“, fragte ich ihn schnippisch.
„Jealous?“, erwiderte Ethan. „Wenn du möchtest, dann kann ich dich gerne in den Mile High Club einführen, Darling.“
„In den was?“
„Der Mile High Club“, wiederholte Ethan.
„Ich habe keine Ahnung was das ist, aber es klingt nicht so, als wollte ich dazugehören.“
Ethan lachte. „Zu diesem Club gehört man, wenn man in einem Flugzeug Sex hatte.“
Sofort errötete ich. Ich wollte gar nicht daran denken, wie es wäre, mit Ethan Sex zu haben, erst recht nicht in einem Flugzeug. Die Erfahrung, die ich bisher mit ihm gemacht hatte, genügt mir vollkommen.
„Nein, danke“, sagte ich und stellte mich in die Schlange, um ins Flugzeug zu gelangen.
Doch Ethan wollte es offenbar nicht auf sich beruhen lassen, denn er stellte sich nah hinter mich und flüstert in mein Ohr: „Why not? Ich könnte mir vorstellen, dass wir beide jede Menge fun miteinander haben könnten.“
Schnell machte ich einen Schritt von ihm weg, weil seine Nähe mir eine Gänsehaut verursachte. Es war ungerecht, dass mein Körper auch nach all dieser Zeit immer noch so auf ihn reagierte. Er hatte mir damals das Herz gebrochen und mir meine Unschuld geraubt. Dafür wollte ich ihn für immer hassen. Aber mein Körper schien andere Pläne zu haben. Ohnehin war ich nicht gut darin, lange nachtragend zu sein. Das war schon immer so gewesen. Meine Brüder hatten dadurch einige Vorteile besessen, denn egal, was sie angestellt hatten, ich hatte ihnen nie lange böse sein können.
Als ich vier Jahre alt gewesen war, hatte Patrick einmal all meinen Barbies die Köpfe abgerissen. Doch schon einen Tag später hatte ich ihn wieder angebettelt, mit mir zu spielen.
Auch Yannik war nicht viel besser gewesen. Er hatte mir als kleiner Junge seinen Kaugummi in die Haare gespuckt, weil ich ihn geärgert hatte. Deswegen hatte meine Mutter mir die Haare raspelkurz schneiden müssen. Trotzdem hatte ich meinen Bruder weiterhin geliebt. Vielleicht war das ein Problem. Vielleicht wäre es besser für mich gewesen, keine Brüder zu haben. Dann wäre es mir vielleicht leichter gefallen, jemanden intensiv zu hassen.
„Ich verzichte“, sagte ich und reichte der Stewardess mein Ticket.
Dieser Flug war sogar noch länger als der letzte und mir graute es jetzt schon davor, so lange neben Ethan sitzen zu müssen.
Ethan
Fliegen gehörte für mich zu den schönsten Dingen überhaupt. Ich liebte das Gefühl, wenn mein Körper in den Sitz gedrückt wurde, und fand es faszinierend, wie die Welt unter mir immer kleiner wurde. Allerdings hatte ich dieses Mal keinen Fensterplatz, weil Judith den sofort für sich in Anspruch genommen hatte. Stattdessen saß ich neben ihr und musste den Hals recken, um aus dem Fenster sehen zu können.
Dubai war eine tolle Stadt. In den letzten Jahren hatte ich zweimal einen längeren Aufenthalt hier gehabt und mir in dieser Zeit alles ansehen können. Einmal war ich sogar zwei Nächte geblieben.
Die Welt kennenzulernen war eines meiner erklärten Ziele im Leben und ich hatte vor, noch viel mehr zu sehen. Das einzige Problem dabei war das Geld. Maggie und mein Vater waren zwar bereit gewesen, mir das Studium zu finanzieren, aber ich hatte die Befürchtung, dass Maggie mich nach Hause gerufen hatte, weil es Probleme gab.
„Guten Tag, Sir“, sagte die Stewardess auf Englisch, sobald wir in der Luft waren, und lächelte mich an. „Kann ich Ihnen etwas zu trinken bringen?“
Ich lächelte zurück. „Sehr gerne, Miss. Wie wäre es mit einem Gin Tonic? Wenn eine so bezaubernde Frau wie Sie den zubereitet, schmeckt er doch bestimmt gleich doppelt so gut.“
Die Stewardess errötete. Sie war hübsch, hatte schwarzes Haar und trug ein violettes Kleid mit einem dazu passenden Halstuch. Ihr Haar war streng zu einem Dutt gebunden und auf dem Kopf trug sie einen Hut mit Tüchern an der Seite, wie es bei allen weiblichen Mitarbeitern von ‚Emirates‘ der Fall war.
Ich war inzwischen schon mehrfach mit dieser Airline geflogen und jedes Mal sehr zufrieden damit gewesen. Sie waren meistens pünktlich, boten ausreichend Platz im Flugzeug und das Essen war auch in Ordnung. Genau wie das Angebot an Filmen. Wenn man stundenlang auf so engem Raum eingepfercht war, dann war das besonders wichtig.
„Natürlich. Ich hole Ihnen gleich einen Gin Tonic. Und für die Dame?“
Judith hatte sich Kopfhörer in die Ohren gesteckt und schien gar nicht zu bemerken, dass man sie ansprach. Ich überlegte einen Moment, ob ich sie antippen sollte, entschied mich dann jedoch dagegen.
„Sie nimmt auch einen Gin Tonic“, beschloss ich.
Die Frau nickte und machte mir zwei von den Drinks fertig. Als sie sie mir reichte, strich mein Finger wie zufällig über ihren. Direkt errötete sie wieder.
„Vielen Dank“, sagte ich und schaute sie vielsagend an. „Ich freue mich schon auf Ihre nächste Runde.“
Sie nickte nur und wandte sich dann schnell dem nächsten Gast zu. Ich grinste und wollte Judith ihr Getränk reichen, doch als ich mich zu ihr drehte, starrte sie mich so missbilligend an, dass ich den Becher fast verschüttet hätte.
„Muss das wirklich sein?“, fragte sie und nahm ihn mir ab. „Hat dir die Blondine vorhin nicht gereicht? Wir sind gerade mal ein paar Minuten in der Luft und schon flirtest du mit der nächsten Frau.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Why not? Ich mag Frauen“, stellte ich klar. „Jede Art von Frauen. Was ist daran falsch, an einem Tag mehrere von ihnen happy zu machen?“
Judith verdrehte die Augen.
„Ich kann nicht fassen, dass du das überhaupt fragen musst. Hattest du in deinem Leben nur eine einzige Beziehung, die länger als ein paar Stunden gedauert hat?“
Ich schmunzelte. „Du meinst, abgesehen von der Sache mit dir, Darling?“
Nun war es an ihr, zu erröten.
„Nenn mich nicht so. Außerdem hatten wir keine Beziehung“, zischte sie. „Die Zeit, in der du mich umworben hast, kann man wohl kaum so bezeichnen.“
„Is that so? Ich hatte damals nichts mit einem anderen Girl und musste ständig an dich denken. Wir haben täglich zusammen herumgehangen und ich habe mit dir sogar über meine feelings geredet. Für mich klingt das eindeutig nach einer Beziehung.“
„Tja. Nur schade, dass du das Interesse verloren hast, sobald du bekommen hattest, was du wolltest.“
Sie funkelte mich böse an und ich seufzte.
„Great. Ich hätte wissen müssen, dass du mir deswegen noch böse bist. Aber hey. Das ist jetzt acht Jahre her. Wenn du auf irgendwas rumreiten willst, dann doch lieber auf mir.“
Ich zwinkerte ihr zu und Judiths Mund klappte auf.
„Du bist unfassbar“, sagte sie dann. „Genau das war der Grund, warum ich dich am liebsten nie wiedersehen wollte. Ich weiß genau, dass mehr in dir steckt, als du nach außen hin zeigst, aber du … du interessierst dich ja nur für Sex. Wie viele Frauen hast du in deinem Leben schon bestiegen? Hundert? Zweihundert?“
