Barfuß über Muscheln - Hannah Siebern - E-Book

Barfuß über Muscheln E-Book

Hannah Siebern

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Beschreibung

Rike hat ein außergewöhnliches Hobby. Sie schreibt den Namen jeder Person, die sie kennenlernt, auf eine Muschel und steckt sie in ein Glas. Es gibt für jeden das passende Exemplar in ihrer Sammlung. Doch für Ethan Wilson wäre selbst ein löchriges altes Schneckenhaus noch zu gut. Der überhebliche Weiberheld ist der beste Freund von Rikes Bruder und noch dazu ihr neuer WG-Partner, als sie aus einer kleinen Küstenstadt nach London zieht, um sich vor ihrer Vergangenheit zu verstecken. Doch die Vergangenheit lässt sich nicht so einfach abschütteln und vielleicht steckt in einem löchrigen Schneckenhaus mehr, als Rike zu Beginn erwartet hätte ...

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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BARFUSS ÜBER MUSCHELN

HANNAH SIEBERN

Copyright © 2024 by Hannah Siebern

Impressum:

Hannah Siebern

Am Vogelbusch 18

48301 Nottuln

[email protected]

Deutsche Erstausgabe 11/2024

Cover: Casandra Krammer

Satz: Hannah Siebern

Lektorat und Korrektor: Sarah Wedler und

Nadine d’Arachart

Coverschrift: Claudia Kolb

ISBN: 9783819482106

All rights reserved.

No part of this book may be reproduced in any form or by any electronic or mechanical means, including information storage and retrieval systems, without written permission from the author, except for the use of brief quotations in a book review.

ÜBER DEN AUTOR

Hannah Siebern wurde 1986 in Münster (NRW) geboren und studierte an der Uni Dortmund Erziehungswissenschaft. Geschichten schrieb sie schon als Kind leidenschaftlich gerne. Ihre ersten Werke handelten von fiktiven Abenteuern, die sie mit ihren Freundinnen erlebte. Jahre später entdeckte sie dann ihre Liebe zu Fantasyromanen und schrieb mit 23 ihr erstes komplettes Buch. Inzwischen schreibt sie in verschiedenen Genres und ist immer mit ganzem Herzen dabei.

Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Hund in der Nähe von Münster (NRW) und arbeitet schon wieder an ihrem nächsten Romanprojekt.

Foto: Hagen Alkis

www.hannahsiebern.de

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INHALT

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Epilog

Danksagung

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KAPITELEINS

RIKE

Nachdenklich saß ich im Friseursalon vor dem Spiegel und betrachtete meine langen braunen Haare. Sie waren zu lang. Viel zu lang sogar. Nie wieder wollte ich, dass jemand mich daran packte oder daran zog. Hinzu kam, dass ich mich selbst kaum noch ansehen konnte. Ich brauchte eine Veränderung, und zwar sofort.

„Die da müssen ab", sagte ich zu dem Friseur hinter mir und deutete auf meine Haare.

„Kein Problem“, erwiderte der ältere Mann. „Wie kurz soll es denn werden? Bis zu den Ohren?"

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Kürzer. Ich will mich selbst nicht mehr im Spiegel erkennen."

Mitleidig sah der Mann mich an. "So schlimm?"

"Sie haben ja keine Ahnung."

Ich hatte noch drei Stunden, bevor mein Flug von Bremen nach London ging und ich wollte die Zeit unbedingt nutzen, um einen Schlussstrich unter mein altes Leben zu ziehen.

„Also gut“, sagte der Friseur und band meine Haare zu einem Zopf, bevor er die Schere ansetzte. „Letzte Chance“, sagte er. „Sind Sie sicher, dass Sie das tun wollen?“

Ich nickte. „Ja, ich hatte früher schon mal eine Kurzhaarfrisur und die möchte ich jetzt wieder haben.“

Damals hatte ich mir die Haare selbst geschnitten und ganz Windholm, das Dorf, aus dem ich kam, hatte geschockt darauf reagiert, weil ich dadurch angeblich wie ein Junge aussah. Doch das hatte mich damals schon nicht gestört und jetzt erst recht nicht mehr. Im Gegenteil. Ein Teil von mir wollte überhaupt nicht als Frau wahrgenommen werden. Zumindest nicht von einer bestimmten Person. Ich hatte immer gerne weite Klamotten getragen, weil ich sie bequemer fand und mich wohl darin fühlte. Oliver hatte sich stets darüber beschwert, dass ich so wenig aus mir machte, und meine Haare hatte ich nur ihm zuliebe lang wachsen lassen. Doch er war inzwischen der allerletzte Mann, dem ich gefallen wollte. Ganz abgesehen davon, dass meine Haare viel zu viel Angriffsfläche boten. Allein bei dem Gedanken, wie er im Bett daran gezogen hatte, wurde mir übel. Daran wollte ich nicht mehr denken. Nie wieder.

Der Friseur nickte und ich spürte, wie die Schere meine Haare abtrennte. Es fühlte sich an, als würde eine tonnenschwere Last von meinen Schultern fallen und ich seufzte erleichtert auf.

Dann hob der Friseur meinen langen Pferdeschwanz hoch und hielt ihn mir entgegen.

„Wollen Sie den behalten?“, fragte er, aber ich schüttelte den Kopf.

„Nein, danke. Tun Sie ihn einfach weg.“

„Wirklich? Es könnte ein schönes Andenken sein.“

„Ich habe genug Andenken bei mir“, sagte ich und deutete auf mein Muschelglas, das ich in Luftpolsterfolie eingepackt hatte und das nun vor mir auf dem kleinen Tisch beim Spiegel stand.

„Ach ja? Was ist denn da drin?“

„Muscheln“, erklärte ich. „Ich sammle seit Jahren alle Namen von Menschen, die ich kennenlerne und schreibe sie auf Muscheln. Die stecke ich dann als Andenken in mein Glas.“

„Oh“, sagte der Mann und hob überrascht die Augenbrauen. „Das ist ja eine schöne Idee. Bekomme ich auch einen Platz in diesem Glas?“

„Nur, wenn Sie mir Ihren Namen nennen.“

„Aber sicher doch. Ich heiße Adriano und würde mich geehrt fühlen.“

Ich lächelte und überlegte bereits, welche Muschel wohl am besten zu ihm passen würde. Ich kannte ihn zwar kaum, aber er war nett zu mir und lächelte viel, daher fand ich eine Herzmuschel passend. Die verwendete ich für die meisten Menschen, die freundlich zu mir waren, weil man sie sehr oft am Strand finden konnte und ich jede Menge davon in meinem Sortiment hatte.

„Darf ich fragen, warum Sie so eine drastische Veränderung wollen?“, fragte Adriano, während er an meinen Haaren herumschnippelte. „Meistens steckt ja eine Trennung dahinter.“

„Bingo“, erwiderte ich. „Ich habe meinen Freund verlassen und fliege in wenigen Stunden zu meinem Bruder nach London.“

 „Ja. Sowas habe ich mir schon gedacht. Sie würden lachen, wie häufig Frauen nach einer Trennung ihre Frisur ändern.“

Ich nickte nur, weil mir im Moment überhaupt nicht zum Lachen zumute war. Das Wort Trennung klang immer so, als wäre es einfach gewesen, eine Beziehung zu beenden. Als hätte man sich nur dazu entschließen müssen, um es durchzuziehen. Doch bei mir war es nicht einfach gewesen. Im Gegenteil. Es war das Schwerste, was ich je in meinem Leben getan hatte und es hatte ewig gedauert, weil ich immer wieder von meinen Schuldgefühlen übermannt worden war. Zwei Jahre lang, um genau zu sein.

Doch damit war jetzt Schluss. Endgültig. Sollte Oliver doch sehen, wo er blieb. Ich würde mich nicht weiter in seinen Abgrund hineinziehen lassen. Das konnte ich nicht mehr und das wollte ich auch nicht. Also lehnte ich mich zurück und ließ den Friseur seine Arbeit tun. Dies hier war der erste Schritt in mein neues Leben und ich konnte es kaum erwarten, mein altes hinter mir zu lassen.

* * *

London. Eine Stadt, die lebte und pulsierte. Ganz anders als das kleine Dorf an der Nordsee, wo ich aufgewachsen war und bis gestern gewohnt hatte.

Eigentlich konnte ich Großstädte nicht leiden. Hier war es zu laut, zu voll und die Luft war definitiv zu schlecht. Vor allem, wenn man wie ich unter Asthma litt und mit dem Smog nicht gut zurechtkam. Doch was tat man nicht alles, um seine Vergangenheit hinter sich zu lassen und ein neues Leben zu beginnen? Dafür war eine Großstadt definitiv gut. Hier gab es keine so neugierigen Nachbarn wie in Windholm. Dort kannte mich seit meiner Kindheit jeder und die meisten Leute verurteilten alles, was ich in den letzten Jahren getan hatte. Ganz zu schweigen von meinem überstürzten Weggang, der mich vermutlich zum Gesprächsthema Nummer eins in dem kleinen Örtchen machen würde.

Stattdessen gab es hier etwas, das ich seit meiner Kindheit nie kennengelernt hatte: Anonymität. Und das war im Moment genau das Richtige für mich. Dafür nahm ich sogar die schlechte Luft und die vielen Autos in Kauf.

Ich saß in einem Taxi nach Mile End und konnte immer noch nicht fassen, was ich da eigentlich getan hatte. Nicht nur, dass ich Oliver und meinem Dorf den Rücken gekehrt hatte, sondern auch, dass ich jetzt so vollkommen anders aussah. Meine Haare waren ab. Weg. Unwiderruflich, und obwohl es sich befreiend anfühlte, war es gleichzeitig eigenartig, dass mein Nacken plötzlich so frei war. Denn während meine Haare mir vorher bis zu den Brüsten gereicht hatten, zierte meinen Kopf nun ein Pixie Cut, der mir keine Gelegenheit mehr bot, mich zu verstecken.

„So. Da wären wir“, sagte der Taxifahrer, als er vor dem Reihenhaus anhielt, das ich ihm genannt hatte.

Ich sah aus dem Fenster und war positiv überrascht, dass es hier trotz der späten Stunde so nett aussah. Die Wohnung meines Bruders lag offenbar in einem Gebäude, das dem viktorianischen Baustil entsprach. Es hatte drei Stockwerke mit einer Backsteinfassade und vielen Zierleisten und Verzierungen um die Fenster. Obwohl ich ein absolutes Landkind war, gefiel mir das. Ich betrachtete das Gebäude eine Weile. Das Dach war schwarz, während die Fassade hell gestrichen war und im Vorgarten standen dutzende Blumen. Die Straße wurde von den Laternen in ein sanftes Licht getaucht, was wunderschön aussah. Das Einzige, was mich stutzig machte, waren die bunten Lichter, die in einem der Fenster flackerten, als befände sich dort ein Nachtclub. Mein Blick fiel auf mein Handy, wo ich mir alles notiert hatte. Dritter Stock. Verdammt. Wie es aussah, feierte mein Bruder gerade eine Party und hatte deshalb nicht auf meine Anrufe reagiert. Na, super. Das hatte mir gerade noch gefehlt.

Ich griff nach meinem Muschelglas, das ich neben mich auf den Sitz gestellt hatte, und stieg aus. Dann bezahlte ich den Fahrer und nahm meinen Koffer entgegen, den er mir netterweise aus dem Auto gehievt hatte.

„Vielen Dank für Ihre Hilfe ... Phil“, sagte ich mit Blick auf das Namensschild an seinem Hemd auf Englisch. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“

„Ebenfalls“, erwiderte er und lächelte mir zu. „Ich hoffe, Sie haben eine wundervolle Zeit in London.“

„Danke. Das werde ich bestimmt.“

Auch Phils Name würde auf einer Herzmuschel landen, aber das musste warten, bis ich Zeit dafür hatte.

Ich straffte die Schultern und wollte an der Haustür klingeln, als ich feststellte, dass jemand einen Keil dazwischen geschoben hatte, um sie offen zu halten. Wie es aussah, sollte man einfach hinaufgehen. Also trat ich ein und drückte den Knopf am Aufzug. In der dritten Etage stieg ich aus und stellte fest, dass die Tür vor mir zwar verschlossen war, aber trotzdem laute Musik in den Flur schallte.

‚Lasse Wagner‘ stand auf dem Namensschild und darunter hatte jemand einen Zettel mit ‚Ethan Wilson‘ geklebt. Ich runzelte die Stirn. Mir war nicht bewusst gewesen, dass mein Bruder mit jemandem zusammenwohnte. War Ethan etwa sein Freund?

Mein Bruder hatte sich geoutet, als er sechzehn gewesen war und wie nicht anders zu erwarten, hatte die ganze Gemeinde darüber geredet. Ich konnte es ihm nicht verübeln, dass er unserem Dörfchen den Rücken gekehrt hatte, sobald er volljährig gewesen war. In London fühlte er sich ganz offensichtlich wohl. Trotzdem hatte ich ihn in den letzten Jahren schmerzlich vermisst. Immerhin war er mein großer Bruder und ich hätte seine Unterstützung dringend benötigt.

Wenigstens hatte er mir das Gefühl gegeben, jederzeit zu ihm nach London kommen zu können, wenn ich irgendwann die Nase voll von Windholm hatte, und genau deswegen war ich jetzt hier.

Ich stöhnte innerlich auf, als ich drinnen Gelächter hörte und ärgerte mich darüber, dass Lasse meine Anrufe nicht entgegengenommen hatte. Da ich erst gestern entschieden hatte, herzukommen, hätte die Party vermutlich trotzdem stattgefunden, aber dann wäre ich zumindest innerlich darauf vorbereitet gewesen.

Ich drückte auf die Klingel und fürchtete im ersten Moment, dass sie überhaupt niemand hörte. Doch nach circa einer Minute öffnete sich die Tür und mein Mund klappte auf.

Vor mir stand einer der attraktivsten Typen, die ich je gesehen hatte. Er war blond, groß, gut gebaut und sah zum Niederknien aus. Allerdings war er mit Sicherheit schwul, denn er trug eine pinke Federboa um den Hals und hatte seine Augen schwarz umrandet. Außerdem hatte er einen Rock an und stöckelte auf hohen Schuhen durch die Gegend.

„Hi“, sagte er mit einer überaus angenehmen Stimme, der man anmerkte, dass er schon einige Drinks intus hatte. „Du musst Bobby sein, richtig? In dem Koffer sind sicher deine Sachen. Ich bin Ethan. Komm mit. Ich zeige dir, wo du dich fertigmachen kannst.“

Ich sprach zum Glück sehr gut Englisch und konnte ihn daher problemlos verstehen. Er drehte sich schwungvoll um und stolperte auf seinen Pumps, sodass er sich an der Kommode festhalten musste.

„Warte“, rief ich ihm hinterher. „Ist alles okay?“

„Sure. No worries“, sagte er mit einem interessanten Akzent, den ich nicht ganz einordnen konnte. Es klang nicht so, als würde er aus England kommen.

Er öffnete eine Tür und deutete in ein Badezimmer, das erstaunlich groß war.

„Hier kannst du dich umziehen“, sagte er und betrachtete mich eingehend. „Sorry, wenn ich das so sage, aber du siehst gar nicht aus wie ein Kerl. Ich wette, als Frau wirst du umwerfend sein.“

Er grinste mich an und ich lief knallrot an. Er hielt mich für einen Kerl? Nur, weil ich kurze Haare hatte? Zugegeben, sie waren etwas kürzer geraten als ursprünglich beabsichtigt. Außerdem war ich 1,72 Meter groß, hatte wenig Oberweite und eine eher sportliche Figur. Wenn ich mich nicht schminkte, dann konnte es schon vorkommen, dass jemand das verwechselte. Trotzdem war es mir in diesem Moment unangenehm. Was dachte dieser Kerl denn, wer ich war? Irgendeine Art Showact?

„Ich ähm. Das muss eine Verwechslung sein“, sagte ich. „Ich bin nicht Bobby, sondern Frederike. Ich wollte zu Lasse.“

Ethan blinzelte mehrfach und begann dann zu lachen. „Der war gut“, sagte er. „Klar bist du Frederike. Ein hübscher Künstlername, muss ich sagen. Viel besser als Aphrodite oder Venus. Gefällt mir. Dann wirf dich doch mal in Schale und mach dich bereit für die Show. Das mit den Muscheln sieht interessant aus. Gehören die zu deiner Vorstellung?“

„Nein, ich ...“

„Schon gut. Sag mir nichts. Ich lasse mich überraschen. Und jetzt ab mit dir. Ich warte im Wohnzimmer auf dich.“

Er gab mir einen spielerischen Klaps auf den Hintern und ich stolperte mit meinem Koffer regelrecht ins Bad hinein. Das war doch nicht zu fassen. Was bildete dieser Typ sich eigentlich ein? Bisher hatte ich mich zurückgehalten, weil das Ganze offensichtlich eine Verwechslung war, aber jetzt reichte es endgültig, denn selbst wenn dieser Kerl mich für einen Mann hielt, hatte er trotzdem nicht das Recht, mich anzugrabschen. Kurzerhand stellte ich meinen Koffer und mein Muschelglas ab und rannte dem Typen hinterher.

„Hey!“, rief ich, kurz bevor er das Wohnzimmer erreichte. „Was sollte das gerade?“

„Was denn?“, fragte er irritiert.

„Was fällt dir ein, mir auf den Hintern zu patschen?“

„Das ... war doch nicht böse gemeint ... Lasse hat gesagt, Anfassen wäre bei der Show erlaubt.“

„Also, erstens weiß ich überhaupt nichts von irgendeiner Show und zweitens hat die ja ganz offensichtlich noch nicht begonnen. Es gibt also überhaupt keinen Grund, sich so zu verhalten. Und wenn du mir noch einmal an den Hintern fasst, dann schwöre ich, dass du es bitter bereuen wirst.“

Der Typ vor mir schluckte und legte irritiert den Kopf schief. „Du meinst das ernst, richtig?“, fragte er. „Du bist gar kein Travestiekünstler.“

Alle Farbe wich mir aus dem Gesicht. Dafür hatte er mich also gehalten? Für einen Travestiekünstler? Das überraschte mich nun doch.

„Ich ... Nein! Natürlich nicht!“

„Rike?!“, rief in diesem Moment mein Bruder und kam aus dem Wohnzimmer auf mich zu. „Bist du es wirklich?“

Lasse war sogar noch stärker geschminkt als der Typ vor mir und trug ebenfalls eine Federboa. Seine langen Haare hatte er zu einem Zopf gebunden und mit seinen weichen Gesichtszügen sahen wir uns ziemlich ähnlich. In einer Hand hielt er einen Martini und grinste über beide Ohren, als er mich in eine liebevolle Umarmung zog.

„Was hast du nur mit deinen Haaren gemacht, Süße? Ich hätte dich fast nicht erkannt.“

Er fuhr mir über den Kopf und ich drückte seine Hände weg.

„Ich brauchte eine Veränderung“, sagte ich dann.

„Ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber es steht dir hervorragend. Tut mir so leid, dass ich dich nicht vom Flughafen abgeholt habe. Ich habe deine Nachricht und deine Anrufe gerade erst gesehen. Ich war so beschäftigt wegen der Party, dass ich nicht dazu gekommen bin, sie zu lesen. Ich bin davon ausgegangen, es wäre nichts Wichtiges, weil du mir sonst immer nur witzige Katzenbilder schickst.“

Ich biss mir auf die Unterlippe und umarmte Lasse nun meinerseits wieder. Es tat so gut, bei ihm zu sein und fühlte sich wie ein Stück Heimat an. Lasse war vier Jahre älter als ich und ich hatte stets zu ihm aufgesehen.

„Du bist seine Schwester?“, fragte Ethan verdutzt und wechselte dabei problemlos ins Deutsche. „Fuck. Da hab ich mich wohl in die Disteln gesetzt.“

Lasse lachte. „Das heißt Nesseln. Nicht Disteln. Und warum meinst du das? Sag bloß nicht, du warst unhöflich.“

Ethan kratzte sich verlegen den Hinterkopf. „Es könnte sein, dass ich sie mit Bobby verwechselt habe.“

„Mit Bobby? Aber der ... Oh nein.“ Mein Bruder lachte wieder und sah mich an. „Er dachte, du wärst der Travestiekünstler, den wir organisiert haben?“

Ich zuckte mit den Schultern. „Sieht ganz so aus. Noch dazu hat er mir auf den Hintern gehauen.“

„I’m so sorry“, versicherte Ethan. „Ich hatte ja keine Ahnung. Fuck. Das muss an dem Alkohol liegen.“

Immer noch böse funkelte ich ihn an. „Selbst wenn ich Bobby wäre, hättest du dich scheiße verhalten. Sowas macht man nicht, klar? Warum kannst du überhaupt so gut Deutsch?“

Ich war davon ausgegangen, hier in London ausschließlich auf Englisch reden zu müssen, weil abgesehen von meinem Bruder niemand deutsch sprach, aber ganz offensichtlich hatte ich mich da geirrt.

„Well. Das ist kompliziert. Ich komme eigentlich aus Perth in Australia, aber mein Großvater war ein eingewanderter Deutscher und mein Dad hat von klein auf nur Deutsch mit mir geredet.“

Australien. Das erklärte seinen interessanten Akzent, der immer mal wieder durchkam.

„Also gut. Ich hoffe trotzdem, dass sowas nicht wieder vorkommt. Wo bin ich hier überhaupt reingeraten? Ihr seht aus, als wolltet ihr zu einer Las Vegas Show.“

„Ach, das.“ Ethan winkte ab. „Unser Kumpel James feiert heute seinen Junggesellenabschied. Lasse ist Trauzeuge, daher findet die Party hier statt.“

„Ah“, machte ich. „Gott. Und ich platze hier einfach so rein. Tut mir leid, Lasse. Wenn ich das gewusst hätte, dann wäre ich erstmal in ein Hotel gegangen. Ich glaube nur nicht, dass ich jetzt auf die Schnelle noch was finde, insofern ... Ich darf doch bleiben, oder?“

Ängstlich sah ich meinen Bruder an. Immerhin hatte ich ihm noch keine Gelegenheit dazu gegeben, darüber nachzudenken. Er hatte mir an Weihnachten zwar angeboten, dass ich jederzeit zu ihm ziehen könnte, aber das war schon eine Weile her und ich hatte keine Ahnung, ob das noch aktuell war.

„Natürlich kannst du bleiben. Das freie Zimmer hat zwar jetzt Ethan, aber du kannst heute Nacht in meinem Bett schlafen und danach finden wir sicher eine Lösung.“

Aha. Ethan hatte also ein eigenes Zimmer. Entweder wollten die beiden sich gegenseitig Privatsphäre geben oder sie waren doch nicht zusammen. Aber was nicht war, konnte ja noch werden.

„Wie lange wirst du bleiben?“, fragte Lasse.

„Tja ...“ Das war der Knackpunkt an der Sache, aber ich wollte nicht mit der Tür ins Haus fallen. Immerhin feierte mein Bruder hier gerade einen Junggesellenabschied. „Das weiß ich noch nicht genau“, behauptete ich.

Mein Bruder runzelte die Stirn, doch bevor er noch mehr dazu sagen konnte, klingelte es erneut und Ethan öffnete die Tür.

Herein kam jemand mit einer knallpinken Perücke und einem Make-up, das mich direkt an Olivia Jones denken ließ. Kein Zweifel. Das musste Bobby sein.

„Hiiiiii!“, rief er mit verstellter Stimme. „Ich wette, ihr könnt es kaum noch erwarten. Ich freue mich sooooo sehr, hier zu sein.“

Die Leute im Wohnzimmer johlten, als sie Bobby sahen und mir wuchs plötzlich alles über den Kopf.

„Kannst du mir dein Zimmer zeigen?“, bat ich meinen Bruder. „Dann bin ich weg für heute und lasse euch in Ruhe feiern.“

„Du könntest auch mitfeiern“, schlug Ethan vor. „Ich bin sicher, es würde dir gefallen.“

Ich winkte ab. „Sorry, aber dafür bin ich heute nicht in der Stimmung. Ich bin müde und will einfach nur ins Bett.“

„Kein Problem, Schwesterherz“, sagte Lasse und ergriff meine Hand. „Ich bringe dich zu meinem Zimmer. Und morgen bereden wir dann alles in Ruhe, ja?“

Ich nickte und war erleichtert, als er mich von dem Trubel fortbrachte. In seinem Zimmer würde ich die Musik und das Gelächter zwar noch hören, aber wenn ich die Tür absperrte, hatte ich zumindest etwas Privatsphäre und morgen sah die Welt hoffentlich wieder anders aus.

KAPITELZWEI

ETHAN

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, dröhnte mein Kopf und es dauerte eine Weile, bis ich verstanden hatte, wo ich mich überhaupt befand. James’ Junggesellenabschied war ein wenig außer Kontrolle geraten. Die Show von Bobby war lustig gewesen und im Nachhinein verstand ich überhaupt nicht mehr, wie ich auch nur eine Sekunde hatte denken können, Lasses Schwester wäre ein Travestiekünstler.

Das musste eindeutig am Alkohol gelegen haben.

Nach Bobbys Vorstellung waren wir alle in Soho feiern gegangen und hatten James grölend dabei unterstützt, Kondome und andere Gegenstände aus einem Bauchladen zu verkaufen. Für mich war diese Tradition neu gewesen, aber Lasse hatte berichtet, dass sie in Deutschland gang und gäbe war und fand es lustig, James mit dieser Aufgabe zu betrauen.

Natürlich wurde ordentlich getrunken und ich wusste schon gar nicht mehr, in wie vielen Pubs wir gewesen waren. Ich versuchte, mich aufzurichten und stellte dabei fest, dass jemand auf meinem Arm lag. Es war eine junge Frau mit langen schwarzen Haaren, einer üppigen Figur und verschmiertem Make-up. Oh, Shit. Daran konnte ich mich überhaupt nicht erinnern. Vorsichtig zog ich meinen Arm unter ihrem Kopf hervor, damit sie nicht aufwachte und zog mir Boxershorts und ein T-Shirt an. Dann schlich ich mich aus meinem Zimmer.

Mein Kopf pochte und ich brauchte dringend eine Schmerztablette. Also öffnete ich schwungvoll die Tür zum Bad und erstarrte, als ich sah, dass jemand in der Badewanne lag.

„Hey!“, rief Lasses Schwester empört und ich hielt mir schnell eine Hand vor die Augen.

„Sorry. Ich ... wollte nur eine Schmerztablette.“

„Ach, du bist es nur“, sagte Rike offenbar erleichtert. „Von mir aus kannst du die Hand wieder runternehmen.“

Ungläubig linste ich durch meine Finger und betrachtete Rike. Die Badewanne war voll und über ihrem Körper türmte sich jede Menge Schaum auf, sodass von ihrer Nacktheit wenig zu sehen war. Dennoch hätte kaum ein Mädchen, das ich kannte, so gelassen auf meine Anwesenheit reagiert.

„Ich hätte ja abgeschlossen, aber es war kein Schlüssel da“, sagte Rike.

„Ja. Sorry. Den hat vor zwei Wochen irgendein Scherzkeks bei einer Party das Klo runtergespült und wir sind noch nicht dazu gekommen, das Schloss auszutauschen.“

„Sowas habe ich mir schon gedacht. Wenn du nur eine Schmerztablette willst, dann hol sie dir einfach.“

„Bist du sicher?“, hakte ich nach.

„Ja. Immerhin bist du Lasses Freund. Der bist du doch, oder?“ Nun wirkte sie wieder unsicher.

„Sure“, bestätigte ich und nahm die Hand von den Augen weg. „Lasse ist mein Freund.“

Ich konnte durch den Schaum zwar nichts erkennen, aber die Vorstellung, dass sie darunter vollkommen nackt war, gefiel mir ausgesprochen gut. Jetzt, wo ich wieder einigermaßen nüchtern war, verstand ich überhaupt nicht mehr, wie ich auf die Idee gekommen war, sie könnte ein Kerl sein. Sie hatte zwar kurze Haare, aber ihre Gesichtszüge waren eindeutig feminin. Ein bisschen erinnerte sie mich an Penny aus The Big Bang Theory, als diese sich in der 8. Staffel die Haare kurz geschnitten hatte.  

Sie war schön. Ungeschminkt und natürlich und ausgesprochen schön.

„Gut“, sagte Rike und lächelte. „Dann brauche ich mir ja keine Sorgen machen, dass du mir was wegguckst.“

Ich runzelte die Stirn. Inwiefern sorgte die Tatsache, dass ich mit ihrem Bruder befreundet war, dafür, dass ich ihr nichts weggucken konnte? Diese Logik erschloss sich mir nicht, aber wenn sie meinte, dass es so war, dann würde ich ihr sicher nicht widersprechen.

Stattdessen ging ich zum Waschbecken und zog dort eine Schachtel Schmerztabletten aus dem Unterschrank. Dann griff ich nach dem Glas, in dem meine Zahnbürste stand, füllte es mit Wasser und schluckte gleich zwei Tabletten hinunter. Dabei betrachtete ich Rike weiterhin durch den Spiegel und mein Atem stockte, als sie eins ihrer Beine aus dem Wasser streckte und es auf den Beckenrand legte. Erregung durchfuhr mich bei diesem Anblick und ich schaute weg.

„Wie war deine Nacht?“, fragte ich, um mich abzulenken. „Hast du gut geschlafen?“

„Wie ein Stein“, bestätigte sie. „Ich habe Ohrstöpsel reingemacht, um den Radau nicht zu hören, den ihr gemacht habt. Wann seid ihr nach Hause gekommen?“

„No idea. Gegen vier oder fünf. Wie spät ist es überhaupt?“

„Elf glaube ich. Ich war so müde, dass ich zwölf Stunden am Stück geschlafen habe.“

Sie gähnte und eine ihrer Brüste hob sich ein wenig aus dem Wasser, sodass ich fast ihre Brustwarze gesehen hätte. Sogleich regte sich meine Männlichkeit wieder. Und das, obwohl ich überhaupt nichts zu sehen bekommen hatte.

Oh, Mann. In meinem Bett wartete eine komplett nackte Frau, die sicher nichts dagegen hätte, wenn ich sie heute Morgen noch einmal vernaschte und ich bekam einen Steifen, nur weil ich fast einen Nippel gesehen hätte. Das war lächerlich und erneut fragte ich mich, warum es Rike überhaupt nichts ausmachte, dass ich sie so sah.

Gestern hatte ich den Eindruck gehabt, sie wäre eher zickig und zänkisch, aber das hatte vielleicht an ihrer Müdigkeit gelegen. Denn jetzt wirkte sie vollkommen entspannt.

„Ethan“, ertönte in diesem Moment eine Stimme. „Wo bist du? Komm doch wieder ins Bett.“

Die Unbekannte von gestern kam in ein Laken geschlungen ins Badezimmer und erstarrte, als sie Rike in der Badewanne sah.

„Oh. Wer bist du denn?“, fragte sie überrascht.

Schock zeigte sich auf Rikes Gesicht und sie zog die Knie an den Körper.

„Ich? Ich bin Lasses Schwester“, sagte sie und wechselte dabei problemlos ins Englische. „Und wer bist du?“

Sie kicherte verlegen. „Ich bin Josie und wollte Ethan zurück ins Bett holen.“

„Aber ...“ Fassungslos sah sie mich an. „Ich dachte, du wärst schwul.“

Prompt verschluckte ich mich an dem Wasser, das ich gerade trinken wollte, und begann zu husten. „Was? Wieso das denn?“

„Na, wegen deines Aufzugs gestern“, erklärte sie. „Außerdem hast du gerade noch zugegeben, dass du Lasses Freund bist.“

Sie benutzte das Wort boyfriend und ich schüttelte vehement den Kopf.

„Nein, nein, nein“, beharrte ich und wechselte vorsichtshalber ins Deutsche. „Ich habe gesagt, er wäre mein Freund. My friend.“

„Mein Freund bedeutet doch Boyfriend. Ansonsten hättest du sagen müssen, er wäre ein Freund. Nicht mein Freund.“

Das war mir eindeutig zu hoch und ich rieb mir die pochende Stirn.

„Well. Sorry. Dann habe ich mich wohl falsch ausgedrückt. Lasse ist ein Freund. Ein Kumpel. Ein Kollege. Du weißt schon. Er ist nicht mein Boyfriend und ich bin auch definitiv nicht schwul.“

Rike wurde rot, griff nach der Seife und warf sie nach mir.

„Und das sagst du mir erst jetzt?“, zeterte sie. „Raus hier. Sofort. Bevor ich mich vergesse.“

Ich bückte mich, damit sie mich nicht traf und sah zu, dass ich Land gewann. Ich schob Josie vor mir her in den Flur und schloss so schnell ich konnte die Tür.

„Was war das denn?“, fragte sie vollkommen irritiert.

„Wie es aussieht, bin ich da wohl in ein Fettnäpfchen getreten“, sagte ich und zuckte mit den Schultern. „Ich fürchte, bei Lasses Schwester bin ich jetzt endgültig untendurch.“

Eigentlich sollte mich das nicht interessieren, weil sie voraussichtlich sowieso nicht lange bleiben würde, doch irgendwie fand ich es schade. Denn als sie noch dachte, ich wäre schwul, war es für ein paar Minuten richtig nett gewesen, mich mit ihr zu unterhalten. Abgesehen davon, was für eine tolle Figur sie in dem Wasser gemacht hatte.

KAPITELDREI

RIKE

Gott. Es war mir so peinlich. Wie hatte ich nur dermaßen falsch liegen können? Wenn Ethan tatsächlich schwul gewesen wäre, dann hätte es mich überhaupt nicht gestört, dass er mich in der Badewanne gesehen hatte. So hingegen war es mir total unangenehm und ich verstand nicht, warum er nicht direkt wieder gegangen war, als ihm klargeworden war, dass das Bad besetzt war. Denn genau das hätte er tun sollen.

Stattdessen hatte er so getan, als ob nichts wäre und mich vermutlich durch den Spiegel beim Baden beobachtet.

Schnell angelte ich nach einem Handtuch und schlang es um mich, um danach in Lasses Zimmer zu gehen. Ich war davon ausgegangen, mein Bruder hätte in Ethans Zimmer geschlafen, aber offenbar war das nicht der Fall. Stattdessen sah ich jetzt, dass er auf dem Sofa lag.

Einer seiner Arme hing auf dem Boden und er schlief trotz des Lärms, den ich veranstaltet hatte, tief und fest. Schnell schlüpfte ich in sein Zimmer und verschloss die Tür.

Ich zog mich an und hörte kurz darauf weiteren Krach. Offenbar hatte Ethan seiner Josie zu verstehen gegeben, dass sie die Wohnung verlassen sollte, denn sie regte sich lautstark darüber auf, dass er sie nur für Sex benutzt hätte und ihr wenigstens Frühstück anbieten könnte.

Danach knallte die Tür und sie war fort. Im nächsten Moment klopfte jemand, doch ich zögerte zu öffnen. Was, wenn es Ethan war, der sich bei mir entschuldigen wollte? Auf den hatte ich gerade überhaupt keine Lust. Doch zu meiner Erleichterung ertönte in diesem Moment die Stimme meines Bruders.

„Rike!“, sagte er. „Mach bitte auf. Ich brauche frische Klamotten.“

Ich ließ ihn rein und setzte mich wieder aufs Bett. Mein Bruder sah grauenvoll aus. Er hatte ganz offensichtlich eine lange Nacht hinter sich und brauchte dringend eine Dusche. Sein langes braunes Haar, das er sonst immer in einem Man Bun trug, war verstrubbelt und seine Schminke war verschmiert. Es amüsierte mich nach wie vor, dass er viel mehr auf sein Äußeres achtete, als ich es tat. Das hatte uns so manchen irritierten Blick in dem kleinen Dorf eingebracht, aus dem wir kamen. Nur, dass Lasse irgendwann verschwunden war und mich mit all den Vorurteilen der Leute allein gelassen hatte.

„Oje. Du siehst ganz schön scheiße aus“, stellte ich fest und lächelte meinen Bruder mitleidig an.

„Vielen Dank für das Kompliment. Ich fühl mich auch scheiße. Eigentlich wollte ich noch schlafen, aber bei dem ganzen Krach ist das überhaupt nicht möglich.“

Nebenan ging die Dusche an, was mir zeigte, dass Ethan wohl gerade im Bad war.

„Da ist dir wohl jemand zuvorgekommen“, sagte ich und sah zu, wie Lasse sich frustriert auf einen Stuhl fallen ließ.

„So ein Mist“, sagte er. „Hauptsache, Ethan beeilt sich.“

„Zur Not musst du einfach reingehen. Wie ich festgestellt habe, ist das in dieser WG normal.“

Lasse zog die Augenbrauen nach oben und sah mich irritiert an. „Wie bitte?“

„Ethan ist vorhin einfach reingekommen, als ich in der Badewanne war.“

„Und du hast ihn nicht rausgeworfen?“

„Nicht direkt. Er hat gesagt, er wollte nur Schmerzmittel haben und ich dachte, er wäre schwul, also ...“

Lasse lachte. „Ethan und schwul? Er ist einer der heterosten Menschen, die ich kenne. Allerdings ist er auch absolut nicht homophob, sondern für jeden Spaß zu haben. Er fühlt sich einfach wohl in seiner Haut und ist mit sich und seiner Sexualität total im Reinen. Das findet man selten bei einem Mann.“

„Wie auch immer. Ich fand es jedenfalls total scheiße von ihm, dass er nicht sofort gesagt hat, dass er hetero ist. Stattdessen hat er mich in dem Glauben gelassen, ihr beide wärt zusammen.“

Erneut lachte mein Bruder. „Ethan und ich? Nee. Echt nicht. Selbst wenn er schwul wäre, würde ich von einem wie ihm besser die Finger lassen. Er schleppt jedes Wochenende eine andere Frau hier an und hat offenbar große Probleme damit, sich festzulegen.“

„Das habe ich mir schon gedacht“, sagte ich. „Am besten schreibe ich seinen Namen auf ein löchriges Schneckenhaus. Das würde definitiv zu ihm passen.“

Lasses Blick fiel auf mein Muschelglas und er runzelte die Stirn.

„Du hast dein Muschelglas mitgebracht?“, fragte er. „Wieso das denn? Lässt du es im Urlaub nicht sonst immer zu Hause?“

Ich biss mir auf die Unterlippe. Tatsächlich war es gar nicht so einfach gewesen, das Glas zu transportieren. Ich hatte es extra in Luftpolsterfolie eingepackt und es mit in mein Handgepäck genommen. Es war circa dreißig Zentimeter hoch und hatte einen Durchmesser von fünfzehn Zentimetern. Dadurch war kaum noch Platz für etwas anderes in dem Köfferchen gewesen, aber das war mir egal. Mein Muschelglas war mein Heiligtum. Die Muscheln hatte ich alle selbst am Strand gesammelt und fand es schön, dann und wann ein paar herauszunehmen und mich an die Menschen zu erinnern, deren Namen ich notiert hatte. 

„Um genau zu sein, ist das für mich kein Urlaub“, stellte ich klar. „Ich habe vor ein paar Wochen die Zusage von der Queen Mary University für die Sommerkurse bekommen. Offenbar ist jemand abgesprungen, sodass ich nachrücken konnte. Und jetzt bin ich hier.“

Lasse sah mich fassungslos an. Dann sprang er auf und umarmte mich heftig.

„Wirklich?“, fragte er. „Das ist ja wunderbar. Ich freue mich so für dich.“

Der Geruch nach Alkohol und Zigarettenrauch kam ihm aus allen Poren, aber ich erwiderte die Umarmung trotzdem und ließ mich von ihm herumwirbeln.

„Danke“, sagte ich. „Ich freue mich auch sehr darüber.“

„Gott. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Warum hast du mir das denn nicht eher gesagt? Dann hätte ich das Zimmer für dich freigehalten und Ethan nicht erlaubt, sich bei mir einzuquartieren.“

„Ich war mir lange unsicher, ob ich es wirklich mache. Oliver war natürlich dagegen und Mama und Papa sowieso.“

Unsere Eltern hatten noch nie verstanden, warum ich studieren wollte und nicht mit dem zufrieden war, was ich hatte. Immerhin besaß Oliver jede Menge Geld und an seiner Seite hatte ich quasi ausgesorgt.

„Heißt das, du hast ganz spontan entschieden, trotzdem zu kommen? Wow. Das ... hatte ich nicht erwartet.“

„Ja. Ich ... habe es in Windholm nicht mehr ausgehalten.“

Lasse legte den Kopf schief. „In Windholm? Oder bei Oliver?“

Mein Herz zog sich zusammen. Es war klar gewesen, dass er mich danach fragen würde, aber am liebsten wollte ich nie wieder über Oliver reden.

„Beides“, gab ich zu. „Ich ... habe es beendet. Endgültig. Und es gibt nichts, was er oder sonst jemand sagen könnte, damit ich meine Meinung wieder ändere.“

Lasse sah mich mitleidig an und zog mich erneut in seine Arme. „Ich bin stolz auf dich, kleines Schwesterchen“, sagte er. „Vermutlich bin ich mit dieser Meinung der Einzige aus ganz Windholm, aber ich finde, dass du etwas Besseres verdient hast als ihn. Er hat dich klein gehalten. Es tut mir leid, was ihm widerfahren ist, aber es war nicht deine Schuld und es war nicht fair, dich all diese Jahre dafür büßen zu lassen.“

Ich schluckte schwer und nickte traurig.

„Können wir in Zukunft vielleicht nicht mehr darüber reden?“, bat ich.

„Einverstanden. Trotzdem wüsste ich gerne, was Mama und Papa zu deinem überstürzten Abgang gesagt haben.“

„Tjaaaaa. Um genau zu sein, wissen sie noch nichts davon. Sie denken, ich wäre bei Oliver.“

„Was? Dann musst du es ihnen sagen. Dringend sogar. Erstens machen sie sich sonst Sorgen und zweitens rechnen sie sicher damit, dass du Montag wieder zur Arbeit kommst.“

Da hatte Lasse recht. Seit ich mein Abitur gemacht hatte, jobbte ich in dem kleinen Dorfladen meiner Eltern und unterstützte sie, wo immer ich konnte. Zumindest, wenn Oliver mich gerade nicht brauchte. Doch diese Zeit war nun vorbei. Ich hatte eine Entscheidung getroffen und die war nicht mehr rückgängig zu machen. Allein der Gedanke daran machte mir Angst.

All die Jahre waren meine Eltern der Meinung gewesen, dass Oliver das Beste war, was mir überhaupt hätte passieren können. Immerhin war er der Sohn des Bürgermeisters und hatte trotz seines Handicaps jede Menge Geld, weil seine Eltern ihm gleich mehrere Ferienhäuser überschrieben hatten, um ihn finanziell abzusichern. Doch das war nie das Leben gewesen, das ich gewollt hatte und nach über zwei Jahren hatte ich mir das nun endlich eingestanden und Nägel mit Köpfen gemacht. Ich war hier. Jetzt musste ich nur noch zusehen, dass mein neues Leben auch beginnen konnte.

„Ich kann Mama und Papa nicht anrufen“, stellte ich klar. „Nicht, bevor ich nicht weiß, wo ich bleiben kann.“

„Na, hier natürlich“, sagte Lasse sofort. „Wir haben zwar kein Zimmer mehr frei, aber du kannst gerne auf dem Sofa schlafen, bis wir eine Lösung für dich gefunden haben.“

Ich nickte. Irgendwie hatte ich mir meinen Neuanfang einfacher vorgestellt. Ich war davon ausgegangen, umsonst bei meinem Bruder wohnen zu können und hier ein Zimmer zu haben. Stattdessen musste ich mich offenbar mit dem Wohnzimmer zufriedengeben. Das war ganz und gar nicht so, wie ich es mir erhofft hatte, aber alles war besser, als in Windholm und vor allem bei Oliver zu bleiben. Ich hatte so die Nase voll davon, dass mein komplettes Leben durchorganisiert wurde und andere darüber bestimmten, was ich tun und lassen durfte. Ich wollte nicht mehr, dass jeder meiner Schritte beobachtet wurde, sondern wollte endlich frei sein. Genau wie Lasse, der sich hier in London eine neue Existenz aufgebaut hatte.

„Du hast ja recht“, lenkte ich schließlich ein. „Ich werde Mama und Papa informieren. Das bin ich ihnen schuldig. Ich hoffe nur, dass sie Verständnis dafür haben.“

„Darauf solltest du nicht hoffen. Am besten gibst du dich damit zufrieden, wenn sie deine Entscheidung respektieren.“

Ich nickte. Mehr als das hatte er ebenfalls nie von unseren Eltern bekommen und es musste vermutlich reichen.

Das Wasser nebenan wurde abgestellt und Lasse nahm seine Sachen.

„Was hältst du davon? Ich gehe jetzt unter die Dusche und du machst uns solange irgendwas zu essen. Und wenn ich fertig bin, dann frühstücken wir gemeinsam.“

Ich zog eine Grimasse. „Das ist aber nicht sonderlich gastfreundlich von dir“, stellte ich fest.

„Tja. Wenn du mir ein paar Wochen oder wenigstens ein paar Tage Vorlauf gegeben hättest, dann wäre ich sicherlich gastfreundlicher zu dir. Möglicherweise hätte ich dann sogar schon eine Lösung für dein Wohnungsproblem parat, aber so müssen wir halt improvisieren.“

Ich seufzte tief. „Also gut. Dann gehe ich schon mal in die Küche und suche was Essbares. Viel Spaß beim Duschen.“

Lasse nickte und zog ein paar Klamotten aus seinem Schrank, während ich das Zimmer verließ, wo mir erneut Ethan über den Weg lief. Vermutlich hätte ich besser noch ein paar Minuten warten sollen, bis er sein Zimmer erreicht hatte. So hingegen bekam ich einen wunderbaren Blick auf seine muskulöse Brust und seine nackten Beine, denn er trug nichts weiter als ein Handtuch um die Hüften und ein freches Grinsen im Gesicht.

„Hey“, sagte er gut gelaunt. „Immer noch angry? Oder hast du dich wieder ein bisschen beruhigt?“

Ich verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte ihn an.

„Eher nicht. Ich warte noch auf eine Entschuldigung.“

Er lachte. „Wofür? Denk dran, dass du mir gesagt hast, ich könne im Badezimmer bleiben.“

„Aber doch nur, weil ich dachte, du wärst mit Lasse zusammen. Wie kommt es überhaupt, dass du hier wohnst? Vor ein paar Wochen war das Zimmer noch frei, oder?“

Ethan fuhr sich durch das nasse Haar und sah dabei so unverschämt gut aus, dass ich ihm am liebsten selbst durchs Haar gewuschelt hätte. Schnell rief ich mich zur Räson. Denn erstens war es keine drei Tage her, dass ich Oliver verlassen hatte und zweitens war Ethan offenbar ein Weiberheld sondergleichen.

„Well. Um genau zu sein, ist Lasse seit Jahren mein bester Freund. Wir kennen uns von einer Uniparty. Nur, dass er etwas eher mit dem Studium fertig war als ich. Ein Jahr wurde ich in Australien auf der Ranch meines Vaters gebraucht und habe meinen Master in Perth gemacht, aber jetzt bin ich zurück, um in London meinen Doktor zu machen.

„Deinen Doktor? Wie alt bist du denn?“

„26. Und du?“

„21.“

Ethan nickte. „Es kränkt mich ein bisschen, dass du gar nichts von mir weißt. Hat Lasse nie von mir erzählt?“

„Nein“, sagte ich wahrheitsgemäß. „Aber wenn ich ehrlich bin, dann hat er generell nie von seinen Freunden erzählt, weil Mama und Papa immer davon ausgegangen sind, dass er mit allen männlichen Freunden irgendwelche Gangbang-Partys veranstaltet.“

Hinzu kam, dass es in unseren Telefonaten meistens um mich und meine Probleme gegangen war und irgendwie tat mir das leid. Ich wusste viel zu wenig über das Leben meines Bruders. Aber jetzt war ich ja hier und konnte das ändern.

Ethan lachte. „Gangbang-Partys veranstalte wohl eher ich.“

Er sagte das so locker und trocken, dass ich es ihm sofort abkaufte. Vor dieser Art Mann hatten meine Eltern mich immer gewarnt, obwohl es im Endeffekt der treueste Mann überhaupt gewesen war, der mich fast zerbrochen hätte.

Verdammt. Ich dachte schon wieder an Oliver und das war das Letzte, was ich wollte.

„Es sei dir gegönnt“ sagte ich. „Allerdings musst du dich dabei zukünftig auf dein Zimmer beschränken. Im Wohnzimmer schlafe ich nämlich in nächster Zeit.“

Überrascht zog Ethan die Augenbrauen hoch.

„Interesting“, sagte er. „Also hast du vor, länger zu bleiben?“

Ich nickte. „Allerdings. Ich habe einen Platz in einigen der Sommerkurse bekommen und werde hier in London studieren.“

„Cool. An welcher Uni denn? Im Umkreis von London gibt es 40 Universitäten.“

„Ich weiß. Aber ich habe mich bewusst an der Uni beworben, an der auch Lasse studiert hat, weil er so begeistert war.“

„Die Queen Mary University. An der habe ich auch studiert und arbeite dort als Dozent, um Geld zu verdienen, während ich an meiner Doktorarbeit schreibe. Wer weiß. Vielleicht laufen wir uns dort mal über den Weg.“

Das hätte mir gerade noch gefehlt. War Ethan nicht viel zu jung, um Dozent zu sein? Er machte zwar seinen Doktor, aber irgendwie hatte ich mir Dozenten immer alt und knochig vorgestellt. Nicht so jung und gutaussehend wie Ethan. Vermutlich wurde er von allen Studentinnen angehimmelt.

Erneut fiel mein Blick auf seine nackte Brust, der man deutlich ansah, dass er Sport trieb. Vermutlich ging er regelmäßig ins Fitnessstudio. Seine Haut war von der Sonne gebräunt, was vermutlich daran lag, dass er kürzlich erst aus Australien zurückgekommen war.

„Ich muss mich jetzt erst mal anziehen“, sagte Ethan und schenkte mir ein schiefes Lächeln. „Es sei denn, du hast dich noch nicht an mir sattgesehen.“

Sofort lief ich knallrot an und räusperte mich. „Doch. Ich meine ... schon gut. Geh dich anziehen. Ich wollte sowieso in die Küche und nach was Essbarem Ausschau halten.“

Ethan grinste erneut und nickte mir zu. Dann verschwand er in seinem Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Ich versuchte, es nicht zu tun, aber ich schaute ihm trotzdem hinterher. Gott. Dieser Kerl brachte mich noch um den Verstand. Wie konnte ein Mann nur so arrogant sein und gleichzeitig so gut aussehen? Na ja. Vermutlich bedingte das eine das andere. Er zog sein Selbstbewusstsein sicherlich aus der Tatsache, dass er dermaßen hübsch war.

Ich schüttelte den Kopf. Jetzt gab es also noch einen Kerl, der in meinen Gedanken herumspukte, obwohl ich das nun wirklich nicht brauchen konnte.

Ich konnte nur hoffen, dass mein Start an der Uni entspannter ablaufen würde.

KAPITELVIER

ETHAN

Sie hatte mich abgecheckt. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche. Wer hätte gedacht, dass Lasses kleine Schwester so eine süße Maus war?

Er hatte zwar häufig von ihr erzählt, aber ich hatte nie ein Foto von ihr gesehen und sie natürlich auch nie kennengelernt. Denn obwohl Lasse sehr erfolgreich Theater spielte und damit gutes Geld verdiente, hatten weder seine Eltern noch seine Schwester sich bisher dazu herabgelassen, sich eine seiner Vorstellungen anzusehen. Eine Tatsache, die ihn sicherlich kränkte.

Mein eigener Vater war zwar auch selten in London, um mich zu besuchen, aber der hatte immerhin eine gute Entschuldigung. Er saß seit einigen Jahren im Rollstuhl und Australien war auch nicht gerade um die Ecke. Für ihn war es insofern deutlich schwieriger, nach England zu kommen als für Rike oder ihre Eltern. Doch wenn ich es richtig verstanden hatte, dann war Rike bisher durch ihren Freund sehr eingespannt gewesen. Einen Freund, den sie nun offenbar verlassen hatte, wenn sie in London studieren wollte. Oder war sie noch mit ihm zusammen und führte eine Fernbeziehung? Das wäre natürlich möglich und ich sollte unbedingt herausfinden, ob es so war.

Es wäre zwar nicht das erste Mal, dass ich etwas mit einer vergebenen Frau hatte, aber seit der Sache mit Judith hatte ich mir vorgenommen, mich nicht mehr einzumischen, wenn eine Frau Gefühle für jemand anderen hatte.

Judith. Der Gedanke an sie tat immer noch weh. Sie war die Patentochter von meiner Stiefmutter und kam ebenfalls aus Deutschland. Ich hatte damals Mist gebaut und nicht nur ihr wehgetan, sondern ebenso meinem Cousin und letztendlich mir selbst. Doch das war lange her und sollte mich eigentlich nicht mehr beschäftigen.

Ich zog mich an und setzte mich an meinen Schreibtisch, um noch etwas zu lesen, bevor ich mich später zum Lunch mit einer Frau traf. Das Date mit ihr hatte ich schon seit über einer Woche ausgemacht und wollte sie nicht versetzen.

Ich war gerade in eine Abhandlung über die moderne spanische Literatur vertieft, als es klopfte.

„Herein“, sagte ich, obwohl ich es nicht leiden konnte, beim Lesen gestört zu werden.

Lasse öffnete die Tür und sah mich an. „Willst du auch etwas essen? Rike hat Pancakes gemacht.“

„Nein, danke. Ich treffe mich gleich noch mit jemandem zum Lunch.“

Mit Lasse hatte ich von Anfang an nur auf Deutsch gesprochen, wenn wir unter uns waren. Für ihn war es nett, ab und zu seine Muttersprache zu hören und für mich war es gut, um in Übung zu bleiben. Ich liebte deutsche Literatur und las regelmäßig Texte auf Deutsch, aber es zu lesen und es zu sprechen waren nochmal zwei völlig unterschiedliche Dinge.

„Ah, gut. Ich ... ich weiß, dass es sehr spontan ist, aber wäre es okay, wenn meine Schwester ein paar Wochen bleibt, bis klar ist, wie es weitergehen soll?“

„Sure. Allerdings ... wie kommt es überhaupt, dass sie so überstürzt hergekommen ist? Ist etwas vorgefallen?“

„Ich weiß es nicht“, gab Lasse zurück. „Wie es aussieht, hat sie ihren Freund verlassen, aber sie hat nicht genau gesagt, warum. Ich bin mir sicher, dass da etwas vorgefallen ist, das sie dazu gebracht hat einen Schlussstrich zu ziehen. Ich habe nur keine Ahnung, was es war.“

Ich nickte nur. „Okay. Es geht mich auch nichts an. Ich dachte nur ...“

„Ich bin sicher, dass sie darüber reden wird, sobald sie so weit ist. Bis dahin gebe ich ihr einfach Zeit.“

Das war wohl das Beste und ich hoffte sehr, dass sie mich ebenfalls einweihen würde, denn auch wenn es mich nicht interessieren sollte, so tat es das trotzdem und ich war ungeheuer neugierig, was ihr wohl widerfahren war.

KAPITELFÜNF

RIKE

„Bist du eigentlich von allen guten Geistern verlassen?“, fragte meine Mutter aufgebracht, als ich in Lasses Zimmer saß und mit ihr telefonierte. Ich biss mir nervös auf die Unterlippe und presste mir das Handy ans Ohr. „Wie kommst du dazu, uns einfach so im Stich zu lassen? Und Oliver. Was ist mit dem armen Oliver? Wie soll er ohne dich überhaupt zurechtkommen?“

Ein schlechtes Gewissen überkam mich und ich drängte es zurück. Seit Jahren ging das schon so und irgendwann war es genug. Ich konnte und wollte so nicht weiterleben und das musste ich meinen Eltern ein für alle Mal begreiflich machen.

„Ich kann das nicht mehr“, sagte ich daher. „Ich hätte das mit Oliver schon vor Jahren beenden sollen. Du weißt genau, dass ich nur bei ihm geblieben bin, weil er meine Hilfe brauchte, aber so ist es jetzt nicht mehr. Er ist ein erwachsener Mann und kommt wunderbar allein zurecht.“

Zumindest redete ich mir das ein, weil das schlechte Gewissen mich sonst umbrachte.

„Er mag erwachsen sein, aber du weißt genauso gut wie ich, dass er immer auf fremde Hilfe angewiesen sein wird.“

„Auf fremde Hilfe vielleicht schon, aber nicht auf meine. Nicht mehr.“

Meine Mutter knirschte lautstark mit den Zähnen, bevor sie tief durchatmete.

„Also gut. Was ist vorgefallen? Gibt es einen neuen Mann? Bist du deswegen auf und davon?“

„Nein“, sagte ich vehement. „Es gibt keinen neuen Mann. Ich habe nur gemerkt, dass ich so nicht weiterleben kann.“

„Ach ja? Denkst du etwa, Oliver hätte sich das so ausgesucht? Ohne dich wäre er doch überhaupt nicht in dieser Situation.“

Ich schluckte schwer. Ich wusste, dass sie das so sah. Alle im Dorf sahen es so und das war auch der Grund, warum ich so lange dafür gebraucht hatte, mir selbst einzugestehen, was ich wollte. Oft fühlte ich mich wie eine Teenagermutter, die mit sechzehn ungewollt schwanger geworden war und nun vor dem Desaster stand, dass sie auf der einen Seite ihre Freiheit wollte, aber sich auf der anderen Seite für dieses Baby verantwortlich fühlte, weil es nun mal ihres war.

Nur, dass Oliver nicht mein Kind war, sondern mein Freund. Mein Exfreund, um genau zu sein. 

„Du verstehst das nicht, Mama. Ich konnte nicht bei ihm bleiben. In den letzten Jahren habe ich alles versucht, um ihm das Leben einfacher zu machen, und er hat mich wie Dreck behandelt. Aber am Freitag hat er endgültig den Vogel abgeschossen.“

„Warum? Was hat er denn gemacht?“

„Er hat mich darüber informiert, dass wir im Herbst heiraten werden.“

„Was?“ Sie klang erfreut. „Oliver hat dir einen Antrag gemacht? Aber das ist doch wunderbar. Ich verstehe ja, dass dich das nervös macht, aber eine Ehe ist nichts, wovor man sich fürchten sollte.“

„Mama. Du hörst mir nicht zu. Er hat mir keinen Antrag gemacht, sondern er hat mich darüber informiert, dass wir heiraten werden. Er hat mich nicht gefragt, ob ich das möchte, sondern es einfach so bestimmt, so wie er alles in meinem Leben kontrollieren will. Was ich über diese Sache denke, war ihm vollkommen egal.“

Tränen traten mir in die Augen und ich wischte sie weg.

„Ich konnte nicht bleiben. Ich konnte es einfach nicht.“

Zur Abwechslung war meine Mutter einen Moment lang still.

---ENDE DER LESEPROBE---