Verlag: Campus Verlag Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Beute und Conquista - Vitus Huber

Der welthistorische Vorgang der Eroberung Amerikas fasziniert heute noch. Wie er organisiert war und welchen Dynamiken er folgte, wurde aber bislang nicht hinreichend erforscht. Vitus Huber nimmt die Verflechtung politischer und ökonomischer Anreiz- und Belohnungsschemata in den Blick und analysiert, wie Beute und ihre Verteilung die diversen Akteure, Institutionen und Praktiken der "Conquista" beeinflussten und welche Rolle hier das Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit spielte. So zeigt diese Studie, wie Beute und Verwaltung, Gewaltökonomien und Staatsbildungsprozesse bei der "Conquista" in verblüffender Weise zusammenhingen. Mehr noch: Diese Zusammenhänge formten nicht nur die Eroberung Amerikas, sondern begründeten zudem ein über 300 Jahre währendes Kolonialreich.

Meinungen über das E-Book Beute und Conquista - Vitus Huber

E-Book-Leseprobe Beute und Conquista - Vitus Huber

Vitus Huber

»Beute und Conquista«

Die politische Ökonomie der Eroberung Neuspaniens

Campus Verlag

Frankfurt/New York

Über das Buch

Der welthistorische Vorgang der Eroberung Amerikas fasziniert heute noch. Wie er organisiert war und welchen Dynamiken er folgte, wurde bislang aber nicht hinreichend erforscht. Vitus Hubers Studie bietet eine neue Erklärung für die »Conquista«, indem sie die Verflechtung politischer und ökonomischer Anreiz- und Belohnungsmechanismen in den Blick nimmt. Diese folgten dem Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit, wonach jeder Konquistador entsprechend seinem geleisteten Beitrag aus der Beute belohnt werden sollte. Die Aussicht auf materielle und soziale Besserstellung sowie die spezifischen Formen der Beuteverteilung bestimmten den Prozess der »Conquista« und begründeten ein 300 Jahre währendes Kolonialreich. So zeigt sich in verblüffender Weise, wie bei der Eroberung und Kolonisierung Amerikas Beute und Verwaltung, Gewaltökonomien und Staatsbildungsprozesse zusammenhängen.

Vita

Vitus Huber, Dr. phil., war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität München; derzeit ist er Visiting Fellow an der Harvard University.

Für Anna

Inhalt

Einleitung

1. Verträge, Versprechen und Verteilungsgerechtigkeit. Vereinbarung der Belohnungsansprüche

1.1Genealogie der iberischen Beuteökonomie. Legitimationen, Normen und Praktiken seit der Reconquista

1.1.1Gerechter Krieg und Kriegsfinanzierung

1.1.2Quinto real und die Verrechtlichung von Raub

1.1.3Beutepraktiken in der Reconquista

1.2Kontraktualistische Conquista. Joint Ventures »in unserem Namen und auf Eure Kosten«

1.2.1»Die Teilung der Welt wie eine Orange«. Expansion und Mission

1.2.2Risiko-, Gewinn- und Beuteverteilung in den capitulaciones

1.2.3Velázquez’ Instruktion an Cortés und der Cabildo de Veracruz

1.3Goldgierige Glücksritter? Cortés’ Versprechen an seine Leute

1.3.1Mobilisierungspraktiken I. Ausrufung und Versprechen

1.3.2Mobilisierungspraktiken II. Registrierung und Kontrolle

1.3.3Investitionen

1.3.4Das epistemische Setting der Beuteökonomie

1.4»Indios amigos«. Allianzen und Mobilisierung der Indio-Konquistadoren

1.4.1Prähispanische Gesellschaftsstrukturen und Belohnungskulturen

1.4.2Indigene Allianzen mit den spanischen Konquistadoren

1.5Die Beute im Kopf. Analyse der Quellenlage und Beutebegriffe

2. Die Beute im Griff. Übertragung von Besitzrechten

2.1Kriegsbeute

2.1.1Formen der Beuteakquise

2.1.2Typologie des Beutecharakters

2.1.3Indios als Beute. Repartimiento und encomienda

2.2»Jedem seinen Anteil«. Praktiken der Beuteverteilung

2.2.1Mobile Beute. Gold, Silber, Edelsteine und Gefangene

Beuteverteilung und Kohäsion. Das Beispiel Michoacán/Mexiko-Stadt (1522)

Beuteverteilung und protokapitalistische Investitionen. Das Beispiel Nicaragua/Panama-Stadt (1524–27)

Beuteverteilung und Autorität. Das Beispiel Cajamarca (1533)

Beuteverteilung und demokratische Partizipation. Das Beispiel Cartagena (1534)

Beuteverteilung und individuelle Prämien. Das Beispiel Santa Marta (1536–38)

Idealtypische Beuteverteilung? Eine Synthese

2.2.2Boden des Imperiums. Landverteilung und Bürgerpflichten

2.2.3Encomiendas. Zuteilung ›anvertrauter‹ Indios

2.3Die Conquista ernährt sich selbst. (Mikro-)Dynamiken der Conquista

2.3.1Conquista-Itinerare. Geografische Mobilität der Konquistadoren

2.3.2Conquista-Karrieren. Soziale Mobilität der Konquistadoren

2.3.3Reinvestierte Beute. Mikrokoloniale materielle Dynamik

2.4Staatsbildende Konquistadoren. Von der ermächtigenden Funktion des Steuerzahlens

2.4.1Die königlichen Akteure und kolonialen Institutionen

2.4.2Prozess der Edel- und Buntmetallschmelze

2.4.3Buchhaltung der Beute und Übertragung des quinto real

2.5Schweigen über Beute, sprechen über encomiendas. Zum Diskurs über Beuteverteilung

3. Vom Schwert zur Feder. Sicherung des Status

3.1Gnadenökonomie. Die Genese der informaciones de méritos y servicios

3.1.1Von parte zu merced. Die Verschiebung der Beutehoheit zur Krone

3.1.2Dienst- und Verdienstberichte. Standardisierung eines staatsbildenden Verfahrens

3.1.3Die Tücken der Texte. Textaufbau, Textkorpus und die Konsequenzen für ihre Analyse

3.2»Im Dienste Ihrer Majestät«. Narrative Strategien

3.2.1»A su costa y minsión«. Ostentation der Leistung

3.2.2»Primer conquistador«. Forderung nach Distinktion

3.2.3»Ad perpetuam rei memoriam«. Perpetuierung des Belohnungsanspruchs

Fazit

Danksagung

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Ungedruckte Quellen

Gedruckte Quellen

Literatur

Register

Einleitung

Das Bild aus der Descripción de Tlaxcala des Mestizen Diego Muñoz Camargo zeigt die beiden bekanntesten Generalkapitäne der Conquista: Francisco Pizarro und Hernán Cortés (vgl. Abb. 1). Neben ihnen knien ein Inka und die berühmte Nahua-Übersetzerin Malinche. Um die vier Personen herum liegen Reichtümer der Neuen Welt: Goldbarren und Silbermünzen, diverse Behälter und bestickte Tücher. Über den Köpfen der Generalkapitäne steht: »Cortés offeriert Neuspanien« und »Pizarro offeriert Peru«1. Daraus lässt sich schließen, dass die beiden Konquistadoren dem nicht abgebildeten König Karl V. (1516–56) die Herrschaft über die eroberten Reiche, inklusive der materiellen und personellen Ressourcen ›anbieten‹. Die fiktive Szene stellt dar, wie Cortés und Pizarro ihre Eroberungserfolge dem König als Dienst ostentativ überreichten.2

Es handelt sich insofern um eine typische Darstellung der Conquista, als auf die prominentesten Figuren fokussiert wird, den Indigenen eine untergeordnete Rolle zugeschrieben wird und die materiellen Schätze hervorgehoben werden. Die Darstellung lässt jedoch wichtige Aspekte aus, darunter die selbstständige Handlungsfähigkeit (agency) der Indigenen sowie die zahlreichen weiteren Akteure, Ebenen und Verteilprozesse der Eroberung. Deren Besonderheit gründet unter anderem darin, dass die Konquistadoren sich nicht als reguläre königliche Armee organisierten. Sie waren weder Soldaten noch Söldner mit einem festgelegten Sold, sondern relativ spontan zusammengestellte Gruppen junger Männer, die teils aus dem Kleinadel, hauptsächlich aber aus den mittleren Gesellschaftsschichten stammten.3 Sie unterstellten sich einem Anführer, dem die spanische Krone erlaubt hatte, einen Entdeckungs- und/oder Eroberungszug auszurüsten und durchzuführen. Die nötigen Mittel dazu mussten die Teilnehmer selbst in die Beutegemeinschaft einbringen. Als Belohnung für ihre Leistung, die sich an den beigesteuerten Leuten, Waffen, Tieren oder auch Schiffen und Nahrungsmitteln bemaß, hatten sie Anspruch auf einen Teil aus der Beute. Diesen teilte ihnen der Anführer in einem ersten Schritt unmittelbar zu, wobei der Krone in der Regel ein Fünftel zustand. In einem zweiten, mittelbaren Belohnungsvorgang supplizierten die Konquistadoren bei der Krone um Privilegien, Titel und ›Ehren‹. Aus ihren dazu verfassten ›Dienst- und Verdienstberichten‹ (informaciones de méritos y servicios) sowie aus weiteren Quellen geht hervor, dass sie von der Krone erwarteten, für ihre Leistungen belohnt zu werden.4

Unter diesen Vorzeichen liest sich dieses Bild nicht nur als Demonstration von Diensten qua Beute, sondern auch als Supplikation um mittelbare Belohnungen. Berücksichtigt man den Entstehungskontext der Zeichnung, wird eine Ebene erkennbar, die nicht illustriert ist: Muñoz Camargo widmete diese Beschreibung von Tlaxcala nämlich Philipp II. (1556–98) und überbrachte sie ihm 1585 in einer Gesandtschaft, die beim König um Privilegien für den Stadtstaat Tlaxcala bat.5 Das Bild war somit selbst Teil einer Ostentation von Leistung, die auf königliche Gnadenerweise zielte und sich nur im Rahmen dieser bemerkenswerten gestaffelten Belohnungslogik der spanischen Expansion erklären lässt.

Abb. 1: Muñoz Camargo, Descripción de Tlaxcala, 1581–84, UGL, Ms. Hunter 242, f. 248v

Das führt zur Frage nach dem Einfluss der Beute auf die Conquista. Wie formte die Beute diesen welthistorischen Vorgang? Die Antwort gestaltet sich komplexer als von der Forschung bisher erfasst, denn mit der Beute ist das Problem ihrer Verteilung verbunden und dieses betrifft verschiedene Akteure, Ebenen und Prozesse mit unerwartet weitreichenden Konsequenzen. Wie prägten also Beute und ihre Verteilung die Eroberungsunternehmen vor, während und nach deren Durchführung? Wie ließen sich Beuteansprüche im Voraus vereinbaren ohne die Kenntnis, was es in den unbekannten Gebieten zu plündern gab? Wie, nach welchen Kriterien und nach welchen normativen Vorlagen und gebräuchlichen Praktiken wurde die Beute verteilt? Wie veränderte oder unterschied sich dies je nach räumlicher, zeitlicher und institutioneller Dimension? Welchen Konzeptionen von Leistung bzw. Dienst und Verdienst folgten die Belohnungslogiken? Welches Rechts- und Gerechtigkeitsverständnis lässt sich darin erkennen? Wie wirkte sich die Beuteverteilung schließlich auf den kolonialen Institutionenaufbau aus?

Der Forschungsstand zum Komplex der Conquista hat sich in den letzten Jahrzehnten erheblich entwickelt. Die latein- und US-amerikanische, teilweise auch europäische Forschung konzentrierte sich insbesondere auf Fragen zu Wahrnehmung, Kulturkontakt, lokalen Aushandlungsprozessen und indigener agency.6 Aufwind erhielt die Conquista-Forschung unter anderem durch die 500. Jahrestage (Kolumbus 1492, Geburt des späteren Karl V. 1500, Nuñez de Balboas ›Entdeckung‹ des Pazifik 1513) und den gleichzeitig aufkommenden Trend der transnationalen Verflechtungs- und Globalgeschichte oder der connected history.7 Dabei wurden neue, paradigmatisch veränderte Konzeptionen des kolonialen Gesamtzusammenhangs erzeugt – zum Beispiel durch die epistemologischen und kulturhistorischen Ansätze (spiritual conquest).8 Des Weiteren wurden im Bereich der teilweise massiven indigenen Beteiligung an den Gewalt- und Eroberungsakten (indian conquest) neue Forschungsresultate erarbeitet.9 Damit büßte der Mythos des ›europäischen Wunders‹, wonach eine nur 500-köpfige Gruppe Spanier die hunderttausenden ›Azteken‹ besiegt habe, seine Überzeugungskraft ein. Außerdem sind ebendiese Azteken statt als Monolith seither als multiethnische und politisch kleinteiligere Entitäten differenzierter darzustellen.10 Diesen neuen, hinsichtlich des eurozentrischen Narrativs revisionistischen Ansatz versucht eine Gruppe um Matthew Restall als New Conquest History zu etablieren.11 Weitgehend ausgeklammert von diesem Prozess der Infragestellung alter Deutungsschemata blieben erstaunlicherweise die eigentlichen Konquistadoren, ihre Motive, die Mikrodynamik und Ökonomie ihrer Beutezüge sowie die jeweilige Organisation als Gruppe.

Seit den 1960er Jahren kamen wichtige, oft prosopografisch angelegte Arbeiten zu einzelnen Sozialverbänden und Szenarien hinzu: James Lockhart erstellte die klassische Studie zu den 167 Konquistadoren, die mit Francisco Pizarro vom Inkakönig Atahualpa die größte Edelmetallbeute der gesamten Conquista (offiziell 1,5 Millionen Pesos) erpressten.12 José Avellaneda Navas verfasste das prosopografische Pendant der diversen Eroberungszüge im späteren Vizekönigreich Neugranada.13 Für Neuspanien haben verschiedene Historiker Lexika der Konquistadoren und weiterer Siedler zusammengestellt. Hier lieferte Bernard Grunberg die fundiertesten Publikationen.14 Im Ergebnis lässt sich so zwar der ›Umriss‹ der beteiligten Gruppen im Hinblick auf ihre soziale und regionale Herkunft klarer erkennen.15 Die innere Dynamik der Gewaltgemeinschaften und ihre Strategien eines militärischen Ein- und diskursiven Ausschlusses der indigenen Alliierten bedürfen aber weiterer Analyse. Bisher wurde die Frage nach der Motivation und Dynamik der Konquistadoren in Handbüchern wie in großen Teilen der Forschung durch den Hinweis auf die besondere Gier nach Gold, auf chevalereske Abenteuerlust oder auf christlich-feudal geprägte Dienstmentalitäten gegenüber Gott und Krone für beantwortet erklärt.16 Damit sind allerdings nur Chiffren benannt, die aus zeitgenössischen Rechtfertigungs- oder Skandalisierungsdiskursen entnommen sind und vor allem durch die spanische Forschung des 19. und 20. Jahrhunderts konserviert wurden.

Einzelne ältere Arbeiten haben dies erkannt und sich richtungsweisend mit der Motivation der Konquistadoren und den Mechanismen der spanischen Expansion beschäftigt.17 In der diesbezüglich aufschlussreichsten Studie bezeichnete Mario Góngora die gewinnbringende Menschenjagd für den Sklavenhandel als konstitutiven Anlass für Gruppenzusammenschlüsse.18 Während dieser Befund lediglich für die frühe Phase der Conquista in der Karibik und der Küstenregion von Tierra Firme zutraf, beleuchtete Góngora nebenbei die Zusammensetzung der Konquistadorengruppen und die typischen Beutemechanismen. Góngoras Erkenntnisse zu materiellen Abhängigkeiten der Konquistadoren entstanden gewissermaßen als Nebenprodukt, und beschränkten sich auf die unmittelbare Beuteverteilung. Sie wurden von der Forschung daher kaum rezipiert.19 Dies mag einerseits der stärker rechtshistorischen Ausrichtung seines Ansatzes geschuldet sein, andererseits unterschieden sich die Dynamiken in Tierra Firme von jenen in Neuspanien und Peru, wo neben den Beutezügen durch die ›Fronarbeits-‹ und Tributsysteme (encomienda bzw. mita) alternative Einnahmequellen bestanden. Auf die Definition solcher Leitbegriffe wie capitulación, encomienda etc. konzentrierte sich lange Zeit die institutionenorientierte spanischsprachige Forschung, worüber sie die Spielräume in praxi aus dem Auge verlor.20 Die gerade für die frühe Kolonialzeit so konstitutive situative Dynamik und Flexibilität wurden als Ausnahme statt als Regel gedeutet.21 Damit kam der spezifisch ökonomische und okkasionell-kontraktualistische Charakter des Vorganges der Conquista zu kurz. In der Konsequenz dominierte lange Zeit ein Gerüst aus Rechtsinstrumenten und Institutionen, das sich mit den Dynamiken und der Flexibilität im Vollzug von Eroberung und früher Kolonialherrschaft kaum mehr in Deckung bringen ließ. Auf dieses Problem haben jüngere Studien mit der Herausarbeitung der indigenen agency und des permanenten interethnischen Aushandelns lokaler Gruppen reagiert.22 Diese Fortschritte liefern neue Versatzstücke für ein vollständigeres Bild. Jedoch müssen die bereits vorhandenen Ergebnisse ebenfalls revidiert werden. Insbesondere jene zur spezifischen Kontraktualistik und Beuteökonomie, Organisation und Mikrodynamik der Konquistadorengruppen sowie zu ihren Motiven und der je nach Adressat stark variierenden Quellensprache müssen neu perspektiviert werden. Sie bilden darum einen wesentlichen Teil des Untersuchungsgegenstandes der vorliegenden Arbeit.

Den treibenden Motor der spanischen Expansion sah die Forschung bisher entweder im mittelalterlich, feudalen Charakter der Conquista oder in den sich herausbildenden frühkapitalistischen Strukturen.23 Diese Dichotomie verschleiert jedoch die konstitutive Verflechtung beider Bereiche. Daher wurden jüngst der Joint-Venture-Charakter der Expansionsbestrebungen und die kontraktualistische Basis der einzelnen Verflechtungsakte zwischen Krone und Privatakteuren betont.24 Damit eröffneten sich Forschungsperspektiven, in deren Konsequenz die hier zugrundeliegende Konzeptualisierung der politischen Ökonomie steht. Die bisherigen Studien zur Vertragssituation behandelten die capitulaciones bzw. asientos, also die Vereinbarungen zwischen der Krone und den Anführern, und dies hauptsächlich aus einem juristischen und institutionsgeschichtlichen Blickwinkel.25 Aber welche politischen und ökonomischen Implikationen brachten diese Verträge mit sich? Welche Rahmenbedingungen wurden damit geschaffen? Außerdem bleibt zu klären, wie das Innenverhältnis der Bindungen, Loyalitäten und Versprechungen zwischen den Anführern und ihrer angeworbenen Konquistadorengruppe aussah.26

Die Desiderate zu den Konquistadorengruppen betreffen auch die Begriffsgeschichte. Die in der Literatur genannten Bezeichnungen ›hueste‹ und ›compaña‹ lassen sich in den Quellen so gut wie nicht finden, ›compaña‹ nur in Panama und Nicaragua.27 Dass sich der Terminus ›hueste‹ in der Forschung halten konnte, hat mit Setzungen der spanischen Forschung des späten 19. Jahrhunderts zu tun.28 Sie übertrug Begriffe aus der mittelalterlichen Reconquista- und Kreuzzugsterminologie auf das 16. Jahrhundert, um auf diese Weise eine Kontinuität ritterlich-christlicher Traditionen zu suggerieren.29 Aus der Reconquista tradiert wurden aber vielmehr die ökonomisch-politischen Anreizstrukturen und Belohnungstechniken von Eroberung. Auch der in der Literatur dominierende Begriff des Soldaten (soldado) für den Konquistador gilt es, als interessegefärbt und nachrationalisiert zu entlarven bzw. ihn in den Kontext der Belohnungslogik zu stellen, um seinen camouflierenden Einsatz aufzudecken.30 Die Konquistadoren hüllten ihr Handeln in den Mantel der zeitgenössischen Rechts- und Rechtfertigungsdiskurse, auch und gerade dort, wo sie sich de facto stark an ökonomisch-politischen Opportunitäten orientierten und auf Kooperationen und Kompromisse angewiesen waren.31 Mehr noch: Sie passten ihre Aussagen taktisch an die Belohnungsmechanismen der Krone an, was häufig bedeutete, dass sie ihre eigene Leistung betonten und die faktische Angewiesenheit auf Kooperationen und Kompromisse verschwiegen. Diese je nach Adressat gefärbte Quellensprache sollte jedoch auf ihre Funktion hin analysiert werden.

Eine genauere Untersuchung der rhetorischen Strategien der Quellen oder zumindest der semantischen Gehalte von Schlüsselbegriffen wie ›Dienst‹ oder ›Verdienst‹ und der Konzeption einer gerechten Belohnung ist für die nötige Neubewertung des Gesamtkomplexes Conquista unumgänglich. Dazu bedarf es nicht zuletzt des Einbezugs bisher vernachlässigter Quellen wie der informaciones de méritos y servicios. Auf das große Potenzial dieser ›Dienst- und Verdienstberichte‹ der Konquistadoren wurde wiederholt hingewiesen, doch erst in den letzten Jahren wurde vermehrt dazu geforscht – wenn auch primär für die Zeit ab Philipp II. (1556) bis ins 18. Jahrhundert.32 Die zögerliche Annäherung hat zum einen mit der teilweise schwierigen Lesbarkeit dieser Quellenmasse zu tun, zum anderen mit der taktischen Funktion der Quellen, die Krone von besonderen Leistungen des je einzelnen Konquistadors zu überzeugen und zu Gunsterweisen zu bewegen. Genau diese Funktion soll in dieser Arbeit analysiert und kontextualisiert werden.

Neben anderen Quellen nutzte Wendy Kramer die informaciones de méritos y servicios, um die zentrale Rolle der Encomienda(-Verteilung) für den Übergang von der Eroberungs- zur Siedlungsphase in Guatemala zwischen 1524 und 1544 nachzuzeichnen.33 Diese sowie die erwähnte Studie von Mario Góngora kommen dem hier zu verfolgenden Ziel am nächsten. Neben dem abweichenden räumlichen Untersuchungsgegenstand soll im Gegensatz zu Góngora nicht nur die unmittelbare Beuteökonomie innerhalb der Gruppe berücksichtigt werden, sondern auch die damit verbundene Verrechtlichung der Beute und mittelbare Statussicherung der einzelnen Konquistadoren durch die Krone sowie die daraus resultierenden Konsequenzen für die Conquista und Interaktionen mit den indigenen Allianzen. Kramers Ansatz erweiternd, gilt es zudem, die Mikrodynamiken der Conquista-Züge stärker zu beleuchten, um die spezifische, doppelte Belohnungslogik der spanischen Expansion aufzuzeigen.

Die Studien zum Phänomen der Beuteverteilung sowie den damit verwandten Feldern der Gewaltökonomie und der Gewaltgemeinschaften sind für diese Arbeit ebenso bedeutend. Neben dem Forschungsüberblick sollen bereits diejenigen Aspekte hervorgehoben werden, die für die vorliegende Studie heuristisch fruchtbar zu machen sind.

Den Forschungsstand zur (Kriegs-)Beute im Allgemeinen nannte Jutta Nowosadtko 2008 »äußerst lückenhaft«34. Für die Frühe Neuzeit klingt das fast euphemistisch, wenn man bedenkt, dass der beinahe konkurrenzlose Klassiker Fritz Redlichs De praeda militari aus dem Jahr 1956 stammt – eine kurze Studie, die als Nebenprodukt seiner Arbeit zu frühneuzeitlichen deutschen Kriegsunternehmern entstand.35 Nur einzelne kleinere Untersuchungen widmeten sich ebenfalls gänzlich der Beute, während diese als Unterthema in vielen kriegs- und militärgeschichtlichen Studien auftauchte – besonders seit dem cultural turn in den 1980er Jahren.36 Gerade in der Forschung zum Söldnerwesen entstand in den letzten Jahren eine Reihe interessanter Arbeiten, in denen die Beute meist aus sozialhistorischer Perspektive Beachtung fand.37 Diese Lücke haben Horst Carl und Hans-Jürgen Bömelburg erkannt, die im Rahmen der DFG-Forschergruppe ›Gewaltgemeinschaften‹ den ersten epochenübergreifenden Sammelband zum Thema Beutepraktiken herausgaben.38 Der dort referierte Forschungsstand, in dem das iberische (Forschungs-)Gebiet jedoch weitgehend ausgelassen wurde, hat sich seither neben den bereits erwähnten Publikationen nur für das Mittelalter weiterentwickelt.39 Florens Deuchlers Nachtrag zum kulturellen und symbolischen Wert von Beute als Trophäe entstammt seinen Studien zur Burgunderbeute, die er in den 1960er Jahren publizierte.40 Analytisch profunder dürfte Michael Juckers Habilitationsschrift zur Kulturgeschichte der mittelalterlichen Beute werden. In einer Reihe von Aufsätzen hat Jucker neben der ökonomischen bereits verstärkt die symbolische Taxonomie der Beute und ihre Transformationen in den Blick genommen.41 Er plädiert dafür, die Dichotomie von symbolischen und ökonomischen Wertekategorien von Beute aufzuheben, indem man die Zirkularität der Beute berücksichtigt, weil die Beute akquiriert, verteilt und in Kreisläufe mit gegebenenfalls anderen Wertecodes eingespeist werde.42 Je nach Quellenlage ist dies ein – wie er selbst gesteht – schwer realisierbarer Ansatz, der meines Erachtens für das Eroberungssetting der Conquista an die gestaffelten Belohnungsschemata adaptiert werden müsste. Die mittelbaren Ansprüche von Eroberern auf dauerhafte soziale und ökonomische Besserstellung, die für den Übergang in eine koloniale Gesellschaftsformation entscheidend waren, erhielten in den bisherigen Studien zur Beuteverteilung zu wenig Aufmerksamkeit. Das liegt daran, dass der spanische Fall weitgehend ausgespart wurde. Somit sind die Konsequenzen aus derlei Anstößen noch zu ziehen.

Den Themen des Gewaltmarktes und der Gewaltgemeinschaften wurde besonders im Zuge der Forschung zu den »neuen Kriegen« erhöhte Aufmerksamkeit zuteil. Herfried Münkler bemerkte, dass Kriege, in denen der Staat wie im 19. und 20. Jahrhundert als Kriegs- und Gewaltmonopolist auftrat, in jüngerer Zeit durch asymmetrische und privatfinanzierte Kriege diverser Gewaltgemeinschaften abgelöst werden. Diese neuen Kriege weisen strukturelle Ähnlichkeiten mit vormodernen Kriegen auf, die von Kriegsunternehmern durchgeführt wurden und sich unter anderem mittels Plünderungszügen alimentierten.43

Der Konnex zwischen der Herausbildung stehender Heere und dem modernen Staat im frühneuzeitlichen Europa, bekannt als »military revolution«, geriet in den letzten zwei Jahrzehnten verstärkt in die Kritik.44 In der vorliegenden Arbeit wird auf das Phänomen der Milizen während der Reconquista und auf die ›Wehrpflicht‹ der neuspanischen Bürger noch genauer eingegangen. Denn der Zusammenhang zwischen militärischer Organisation und der Genese staatlicher bzw. kolonialer Strukturen spielt eine wichtige Rolle. Die deutschsprachige Gewaltforschung hat seit den 1990er Jahren den Blick von psychologischen stärker auf (mikro-)soziologische Fragen der Gewalt gerichtet.45 Dabei entwarf der Ethnologe Georg Elwert das Modell des Gewaltmarkts, das für die Conquista nur beschränkt passt, weil die Konquistadoren außer nach Beute und Eroberung auch nach sozialer Besserstellung strebten.46 Anschlussfähiger scheint mir das Konzept der Gewaltgemeinschaften von Winfried Speitkamp. Es schließt sowohl Gemeinschaften ein, bei denen Gewalt zum permanenten Modus Vivendi geworden ist, als auch solche, die sich nur für ein zeitlich und sachlich limitiertes Ziel zusammentun.47

Abb. 2: Wappen von Diego de Colio, 1563, AGI, MP-Esc. 319

In der Wirtschaftstheorie fehlen geeignete Modelle, welche die ökonomischen Charakteristiken der spanischen Expansion akkurat erklärten. Anknüpfungspunkte für Teilaspekte liegen allerdings vor und werden an gegebener Stelle aufgegriffen.48 Zum Beispiel lässt sich der Moment des Vertragsschlusses zwischen Krone und Lizenznehmer am besten mit der Agenturtheorie modellieren.49 Die Studien des Ökonomen Peter Leeson zu anarchistischen Formen der Selbstorganisation sowie die Kaper- und Prisenökonomie bei Piraten weisen hinsichtlich der Gruppenmikrodynamiken Parallelen zu den Konquistadoren auf.50 Wie gezeigt werden soll, folgten die Organisation und Dynamiken der Conquista in der Gesamtsicht einer eigenen politischen Ökonomie.

Unter der politischen Ökonomie der Conquista ist die spezifische Verflechtung politischer und ökonomischer Anreiz- und Belohnungsschemata zu verstehen, welche die Verhaltens- und Äußerungsmodalitäten der Akteure entscheidend bestimmte. Sie beinhaltete durch ihre zeitlich gestaffelte Belohnungslogik zweierlei Anreizebenen: Erstens wurden direkt quantifizierbare Gratifikationen wie Edelmetalle, versklavte indios, Ländereien und Encomiendas als Beuteanteile in Aussicht gestellt. Zweitens konnten die Beteiligten auf eine mittel- bis langfristige soziale Besserstellung durch Ehre, Titel und Nobilitierung qua Gnadenerweise hoffen. In der Beuteökonomie, also der Aushandlung und Partizipation des Einzelnen an der unmittelbaren Beute, erwarteten die Konquistadoren, dass ihr Anführer sie leistungsorientiert und ergebnisbeteiligt belohne.51 Das hieß: je größer der Beitrag des Einzelnen, desto umfangreicher seine Prämie. Metaphorisch gesprochen wurde das einzelne Kuchenstück nicht absolut, sondern proportional zur Gruppe festgelegt – beispielsweise ein Hundertstel des Ganzen. Weil die Belohnung zudem erfolgsabhängig war, fiel der einzelne Anteil je nach Gelingen des Unterfangens proportional größer oder kleiner aus. Damit der Einzelne ein größeres Stück erhielt, musste der Kuchen als Ganzes wachsen. Insofern trieb die Beuteökonomie zu möglichst umfangreicher und wiederholter Beutenahme an. Darin steckt das perpetuierende Element der Beuteökonomie, das die Mikrodynamik – also die Bildung, Hierarchie, Interaktion und Auflösung – von Konquistadorengruppen strukturierte.

Zum Beispiel schloss sich Diego de Colio 1519 auf Kuba als Schiffsjunge Hernán Cortés’ Expedition an. Er führte zu Beginn des Eroberungszugs weder Pferd noch Waffen mit sich und gehörte folglich als ›unberittene Person‹ (gente de pie) zu den gemeinen Beuteaspiranten, denen ein einfacher Anteil zustand. Nach dem Fall der aztekischen Metropole Tenochtitlan teilte ihm Cortés die halbe encomienda – eine Art Tributdistrikt – von Guautinchan vorübergehend zu. Nach weiteren Eroberungen und der Ausübung diverser Ämter supplizierte de Colio in einem Dienst- und Verdienstbericht bei der Krone darum, dass sie ihm als verdienstvollem Konquistador ein Wappen ausstelle und eine Rente zahle.52 In dem Bericht präsentierte er seine Taten während der Eroberungen von Tenochtitlan (1519–21) und Neuspanien (1519–ca. 1545) als Dienst gegenüber der Krone. Dafür durfte er von ihr königliche Gnaden erwarten (vgl. Abb. 2).

Colios Erwartungshaltung zeugt von der Idee der Verteilungsgerechtigkeit (iustitia distributiva). Mit dieser Idee beschrieben die spanischen Spätscholastiker, basierend auf Thomas von Aquins Interpretation von Aristoteles, die individuelle Beteiligung am Gemeingut.53 Im Unterschied zur kommutativen, also ausgleichenden Gerechtigkeit ging es nicht darum, dass alle absolut gleich viel erhielten oder dass soziale Ungleichheiten durch Umverteilung der Güter behoben würden.54 Die Verteilungsgerechtigkeit wirkte vielmehr als Distinktionsmechanismus, nach dem jede einzelne Person entsprechend ihrer Dienste und Verdienste, also Leistung und Stand, am Gemeingut partizipieren durfte.55 Im 16. Jahrhundert bedeutete das, dass Adligen mehr zustand, weil sie als tugendhafte und verdienstvolle Personen (personas de calidad, honradas oder de mérito) galten. Insofern legitimierte und festigte die Verteilungsgerechtigkeit ständische Ungleichheiten. Weil aber außerdem zum Beispiel Amtleute, Militärs oder eben Konquistadoren für herausragende Dienste Anspruch auf die Teilhabe am Gemeingut erheben konnten, trieb die Verteilungsgerechtigkeit zu Extraleistungen an und ermöglichte soziale Mobilität.

Bezüglich der Verteilungsgerechtigkeit hat sich die Forschung bisher auf das Verhältnis zwischen dem Fürsten und seinen Vasallen konzentriert.56 Das rührt daher, dass die zeitgenössischen Theoretiker die iustitia distributiva zu den königlichen Aufgaben zählten, wonach der Fürst persönlich Qualität und Verdienste jedes Einzelnen bewerten musste. In den Siete partidas von Alfons X., einer Gesetzessammlung aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, wurde festgeschrieben, dass der König seine Vasallen für ihre Treue und Dienste zu belohnen habe. Die dafür erlassenen Gnaden (mercedes) waren aber aus gracia im Sinne von Freiwilligkeit und nicht aus rechtlicher Verpflichtung zur Gerechtigkeit (justicia) zu erteilen.57 Antonio Hespanha sah in dieser Beziehung ein staatsbildendes Element, das er »Gnadenökonomie« (économie de la grâce) nannte.58 Demzufolge wurde die Beziehung zwischen König und Vasallen im Spätmittelalter auf der iberischen Halbinsel dadurch gefestigt, dass der König Letztere für ihre Loyalität mit Gnadenerweisen in Form von Ämtern, Pfründen und weiteren Privilegien belohnte. Das sollte zur Erhaltung der Loyalität und zu neuen Diensten animieren, wofür der König abermals Gnaden erteilte. Hespanha stützte sich für sein Modell auf Marcel Mauss’ Studie zum Gabentausch, in der Mauss durch die moralische Verpflichtung zur Erwiderung der Gabe eine archaische Vertragsform verortete.59 In der spätmittelalterlichen Gnadenökonomie bestand ebenfalls kein Tarifsystem, sondern ähnlich dem Potlatsch oder Kula bei Mauss galt in den christlich-iberischen Königreichen die Maxime: je größer die Gabe, also das Verdienst, desto größer die Gegengabe bzw. die königliche Gnade. Dieser reziproke Austausch stärkte, wie Hespanha zeigte, die Beziehung zwischen dem König und seinen Untertanen.

Arndt Brendecke stellte in seiner Studie zum kommunikativen Setting am spanischen Hof zur Zeit Philipps II. fest, dass diese »vormoderne Belohnungsökonomie«60 einen elementaren Bestandteil der Kolonialherrschaft ausmachte; allerdings weniger durch den Inhalt der von ihr ausgelösten Bottom-up-Kommunikation von massenhaften Gnadensupplikationen (informaciones de méritos y servicios), als vielmehr durch ihre Form: Indem die Kommunikationswege zur Krone für die Vasallen in den Vizekönigreichen offenstanden, fühlten sie sich wahrgenommen und adressierten ihre Interessen direkt an den spanischen Hof. Dieser Befund bildet die Grundlage, auf der in der vorliegenden Arbeit die Genese und die staats- bzw. imperiumsbildenden Konsequenzen dieses Supplikationswesens untersucht werden. Die Idee der Verteilungsgerechtigkeit spielte – wie zu zeigen sein wird – nicht erst bei der Gnadensupplikation eine Rolle, sondern schon im Vorfeld eines Beutezugs. Weil die Untertanen wussten, dass der König Kriegsdienste mit mercedes reales belohnen würde, konnte die Aussicht darauf als Anreiz wirken. Diesen Aspekt mitdenkend, ist unter der kastilischen Gnadenökonomie das Supplikationswesen zu verstehen, in dem die Vasallen nach den Eroberungstaten beim König um Belohnungen baten und dieser sie ihnen zusprach oder verweigerte. Diese Gnadenökonomie und die Beuteökonomie unterschieden sich zwar strukturell, aber sie folgten beide grundsätzlich dem Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit. Ihre komplexe Verflechtung wird hier als ›politische Ökonomie der Conquista‹ konzeptualisiert und sichtbar gemacht.

In diesem theoretischen Ansatz steckt die Grundannahme, dass die Konquistadoren sich in erheblichem Maße eigennützig verhielten.61 Methodisch lassen sich die Handlungsmotive eines Menschen unmöglich zweifelsfrei ergründen.62 Das trifft ebenso auf die Konquistadoren zu, die außerdem weder als homogener Sozialverband begriffen werden können noch stets rational agierten. Um das Verhalten der Konquistadoren zu untersuchen, eignen sich deshalb auf rationalen Entscheidungstheorien oder Homo-oeconomicus-Modellen basierende Methoden nur bedingt – zum Beispiel spieltheoretische Ansätze, Max Webers Zweckrationalität oder Georg Simmels Verstandesherrschaft.63 Anschlussfähiger scheint mir Ralf Dahrendorfs Idee der Rollenerwartung bzw. Uwe Schimanks neuere Variante.64 Denn sowohl in den Mobilisierungssituationen als auch bei der Beuteverteilung und den Gnadensupplikationen hatten die Akteure Rollenerwartungen zu erfüllen. Die Pluralität von Motivationen der Akteure bleibt unbestritten. Die Bedeutung der Mission für die Conquista beispielsweise wird hier nicht negiert. In individuellen Fällen oder einzelnen Expeditionen werden religiöse Gründe überwogen haben, in der Summe zeigt sich aber die Beute im weiteren Sinn als entscheidendes Motiv.

Die Bedeutung der Beute- und Gnadenökonomie für die Staats- bzw. Imperiumsbildung gründet unter anderem auf dem von Alfons X. bereits im Spätmittelalter formulierten Bonus-Malus-System. Es schrieb den kastilischen Untertanen vor, verdienstvollere Krieger besser zu belohnen und im Gegenteil ungehorsame Vasallen zu bestrafen.65 Vor diesem Hintergrund lassen sich im Rahmen der Beuteökonomie durchaus Formen von Webers Rationalisierungs- sowie von Gerhard Oestreichs Sozialdisziplinierungskonzept beobachten – zwei Fundamentalvorgänge der Frühen Neuzeit.66 Denn zum einen bedurfte die Gnadenökonomie eines Supplikations- und Belohnungsverfahrens, das dazu beitrug, dass ein kolonialer Verwaltungsapparat entstand. Und zum anderen wurden in den Companias sowie unter den Bürgern und Encomenderos Ungehorsame durch Gefängnis-, Geldstrafen oder soziale Repressalien diszipliniert. Damit die Staatsbildung bzw. das empire building gelingen konnte, musste grundsätzlich ein Klima des Vertrauens hergestellt werden, in dem die Konquistadoren in spe sich zu bestimmten Bedingungen einem Anführer anschließen und die Fahrt über den Ozean wagen würden.67 Mittels der Beuteverteilungspraktiken unter den Konquistadoren und der Gnadenökonomie der Krone ließ sich ein solches Klima erzeugen. Es bedarf daher eines integrierenden Blicks auf die situative Aushandlung der Expansion, um die Organisation und Dynamiken der Conquista angemessen zu beurteilen. Besonders die Beuteverteilung eröffnet, im Sinne eines heuristischen Instruments, nicht nur einen gemeinsamen Blickwinkel auf verschiedene zeitliche und räumliche Ebenen der Expansion, sondern lässt auch die diversen beteiligten Akteure und Interessen in einer Perspektive sichtbar werden.

Die universelle Problematik der Verteilung von Gütern, die sowohl in Personenverbänden wie auch in Staaten und Imperien eine integrale Rolle gespielt hat und noch immer spielt, wurde in der Conquista unterschiedlich und je nach Kontext gelöst. Folglich müssen die diversen Modi der Beuteverteilung und weiteren Belohnungsschemata sowohl praxeologisch als auch diskursgeschichtlich analysiert werden, um die Organisation und Dynamiken der Expansion zu erklären.68 Zeitlich und räumlich soll dies am Beispiel der Eroberung des neuspanischen Raums ab 1519 bis zur kollektiven Nobilitierung aller Konquistadoren durch die Ordenanzas von König Philipp II. vom 13. Juli 1573 geleistet werden. Der Fokus liegt auf der frühen Eroberungsphase des heute zentralmexikanischen Raums der 1520er Jahre und der ersten Siedlungsphase bis zu den Umsetzungsversuchen der Leyes Nuevas, den Neuen Gesetzen von 1542/43. Vergleiche zu anderen kolonialen Räumen werden punktuell gezogen, wenn es sachlich notwendig oder von der exzeptionell guten Quellenlage her geboten scheint.

Die Arbeit gliedert sich in drei Teile, die in chronologischer Abfolge (I.) die Vereinbarung, (II.) die Übertragung und (III.) die Sicherung der Beute(-Rechte) und ihrer Verteilung behandeln. Im ersten Teil geht es um die Beuteverteilung vor dem Beginn eines Plünderungszugs – in einem Moment also, in dem es noch gar keine Beute zu verteilen gab. Die Frage ist, wie der Anspruch auf und das Versprechen von Beute fixiert wurden und wie dies die Conquista beeinflusste. Dazu werden die unterschiedlichen Akteurs-Ebenen behandelt und normative sowie praxeologische Quellen der Reconquista und der gesamten Conquista beleuchtet. Die These lautet, dass eine spezifische Kontraktualistik appliziert wurde und diese sowie die tradierten Beutepraktiken und das epistemische Setting der Verteilungsgerechtigkeit die Organisation und Mikrodynamiken der Konquistadorengruppen sowie die Dynamiken der Conquista mitbestimmten. Auf der diskursiven Ebene lässt sich feststellen, dass viel mehr von dem durch sie ermöglichten Reichtum und sozialem Ansehen als von der konkreten Beute selbst die Rede war. Neben der assoziativen Wirkung verlangte das Zeitkonzept der Vereinbarungen einen speziellen Duktus, weil er die Herausforderung meistern musste, eine zu diesem Zeitpunkt in Form und Umfang unbekannte Beute gerecht zu teilen.

Im zweiten Teil behandle ich die Praktiken der Beuteverteilung und frage danach, welchen Einfluss Beute und ihre Verteilung auf die Conquista zu dem Zeitpunkt hatten, zu dem sie für die Akteure greif- und sichtbar wurden. Es soll analysiert werden, wie die Wegnahme und die Vergabe von Besitzrechten abliefen und welche (Mikro-)Dynamiken und Institutionen dadurch entstanden. Ich möchte zeigen, dass die Conquista auf einer spezifischen Beuteökonomie gründete. Diese schöpfte nicht nur einen Großteil ihrer personellen und materiellen Ressourcen direkt aus den späteren Kolonien und entwickelte eine sich perpetuierende Dynamik. Vielmehr evozierte sie eine Expansion und eine Persistenz der Spanier in den eroberten Gebieten, was ich auf den spezifischen Beutecharakter – hauptsächlich Land und Encomiendas – und die Verteilpraktiken zurückführe. Der Mangel an erbeuteten Universalgütern und die beschränkte Mobilität der zugeteilten oder ›anvertrauten‹ Indios und ihrer Tribute – vor allem Arbeitsdienste und Naturalabgaben und nur wenig Edelmetalle –, die lokale bis regionale Anwesenheitspflicht der Encomenderos (Nutznießer der Encomienda) und Bürger sowie deren Privilegien schufen die Grundlage dafür, dass sich die Konquistadoren in den eroberten Territorien niederließen. Überraschenderweise zeigt sich hier, dass die Initiativen, die königliche Beutesteuer (quinto real) zu entrichten und staatliche Instanzen zu konstituieren, nicht von der Krone, sondern von den Konquistadoren kamen. Die diskursive Analyse verdeutlicht die legitimatorische Funktion, die der schriftlichen Dokumentierung von Beuteverteilungen inhärent war. Dass diese Quellen kaum überliefert sind, rührt von der baldigen Praxis der Encomienda-Verteilung und den damit verbundenen narrativen Strategien im Supplikationsdiskurs.

Der dritte Teil fragt nach den Prozessen, die sich im Anschluss an die unmittelbare Beuteverteilung entwickelten und Rechtssicherheit für die Konquistadoren schufen. Hier vertrete ich die These, dass die Konquistadoren ihren Anspruch auf Belohnung gegenüber der Krone in der Praxis der Verteilungsgerechtigkeit erhoben. Sie argumentierten also stärker politisch und versuchten, ihren Status als ›Erste Konquistadoren‹ (primeros conquistadores) und damit ihr Anrecht auf Privilegien von der Krone anerkennen zu lassen. Das sich dabei etablierende Supplikationswesen führte einerseits zum Ausbau der kolonialen Ämter und Instanzen und ermöglichte andererseits noch den Nachfahren der Konquistadoren, für deren Verdienste die Krone um Privilegien zu bitten. Die daraus resultierende Interdependenz zwischen dem Konquistador/Encomendero oder seinen Nachfahren und der Krone war fundamental für die Imperiumsbildung. Sie erlaubte Ersteren, ihren Beute- bzw. Belohnungsanspruch für ihre Familie zu perpetuieren, und der Krone gestattete sie es, ihren Herrschaftsanspruch in den eroberten Gebieten zu behaupten.

Weil die Frage nach den Anreiz- und Belohnungsschemata der spanischen Expansion ihren Ausgangspunkt in Europa nahm, ist die Ausgangslage dieser Arbeit unumgänglich eurozentrisch. Zudem erschwert der weitgehende diskursive Ausschluss der Indigenen, der Quellenlage und Quellensprache kennzeichnet, deren Partizipation adäquat zu erfassen. Die zentrale Akteursgruppe stellen die 1172 von Grunberg als Konquistadoren Mexikos identifizierten Personen – bis auf rund 20 Frauen alles Männer –, doch werden die agencies und Beteiligungen der Indigenen und der Frauen, sofern es die Quellen erlauben, integriert. Dies ist nur begrenzt befriedigend; grundsätzlich muss bedacht werden, dass der Vorgang der Conquista auch von diesen Gruppen und von anderen Faktoren wie Krankheitserreger, Wetter und Kontingenz beeinflusst wurde. Weitere koloniale Akteure wie Kronbeamte, der Indienrat, der König oder Familienangehörige der Konquistadoren komplettieren die Akteursgruppe.69

Die Quellenlage und die darin aufgerufenen Diskurse über Beute(-Verteilung) werden aufgrund ihrer Bedeutung im Verlauf der Arbeit in eigenen Unterkapiteln (1.5, 2.5 und 3.2) diskutiert. Die Eroberung Mexikos ist intensiv erforscht und es liegen viele edierte Quellen vor.70 Hier seien von dem vielfältigen Quellenkorpus dieser Arbeit lediglich die umfangreichen, doch erst wenig bearbeiteten Dienst- und Verdienstberichte der Konquistadoren und ihren Nachfahren kommentiert: Ein Großteil dieser informaciones de méritos y servicios – über 700 allein für Neuspanien – lagern in der gleichnamigen Serie 3 unter Patronato Real sowie in der Subserie informaciones de oficio y parte unter Gobierno, Audiencia de México im Archivo General de las Indias in Sevilla und sind online zugänglich.71 Vereinzelt finden sich Dienst- und Verdienstberichte zudem unter den Gerichtsakten in Justicia im Indienarchiv sowie in den lateinamerikanischen Archiven.72 Der Historiker Clinton Gardiner betonte schon 1958 die Qualität dieser Berichte. Er beschrieb sie als »papers which reflect both the deeds and the desires of lusty overseas Spaniards. […] Military prowess, social ties, economic urges, moral compulsions – indeed, the well-nigh complete man emerges from such records.«73 Die vorliegende Arbeit will weniger die Person als vielmehr die Funktion und den Kontext dieser Quellengattung sowie ihren spezifischen Duktus beleuchten, um die Anreiz- und Belohnungsschemata der Conquista zu erklären.

Folgende Begriffe bedürfen einer kurzen Erläuterung: Beute, Dienst und Verdienst. Kriegsbeute umfasste neben Hausrat jegliche weiteren beweglichen Güter und Menschen sowie bei Eroberungen auch Immobilien wie Land und Gebäude.74 Damit sich (legitimes) Beutemachen von (illegitimem) Raub unterschied, musste es in einer ›rechten Fehde‹ oder einem ›gerechten Krieg‹ stattfinden.75 Seit dem Spätmittelalter wird Kriegs- von Jagd beute unterschieden, ansonsten ist die deutsche Begriffslage gegenüber der lateinischen und spanischen deutlich eingeschränkter: Auf Latein stehen manubiae, praeda und spolia für Kriegsbeute, auf Spanisch botín, despojo, espolio und presa sowie der ambivalente Begriff rescate für (Menschen-)Handel und seinen Ertrag.76

Ich spreche von ›mobiler Beute‹ oder ›Kriegsbeute‹, wenn Menschen oder Güter erbeutet wurden. Davon unterscheide ich ›Beute im weiteren Sinn‹, die Immobilien, Tributrechte und andere Privilegien beinhalten konnte. Diese Unterscheidung lässt Dynamiken der Conquista ersichtlich werden, etwa wenn die immobile Beute nicht erwartet wurde, die Konquistadoren also Land oder Arbeitskolonnen statt Gold erhielten. Generell verwende ich den Begriff ›Beute‹ analytisch für den gesamten Transfer ökonomischer Werte an die Konquistadoren. Diese Verschiebung ökonomischer Werte umfasste den zeitgenössisch legitimen Raub von Gold und Edelsteinen, die Ausbeutung von Silber, indigener Arbeitskraft, die Erzwingung von Tributleistungen, bis hin zu nachträglichen Belohnungen durch die Krone. Diesen Transfer untersuche ich unter dem Begriff der Beute, weil damit zunächst angezeigt wird, dass es sich wesentlich um gewaltbasierte Übertragungen handelte. Außerdem fehlt in der ökonomischen Theorie ein systematischer Ort für die Beschreibung eines solchen Wertetransfers.

Das Lemma ›Verdienst‹ (mérito) bzw. ›Verdienen‹ (merecer) hat im Deutschen wie auch im Spanischen doppelte Bedeutung. Einerseits beschreibt es das, worauf jemand Anspruch hat, andererseits bezieht es sich auf den monetären oder zumindest materiellen Lohn für eine Dienstleistung.77 Im Spanischen werden für letztere Semantik eher die Begriffe ›ganar‹ und ›salario/sueldo‹ verwendet.78 Dennoch besteht Mehrdeutigkeit, denn der Anspruch auf eine Belohnung für konkrete Taten, wie Eroberungsdienste für die Krone (einmalig und zeitlich befristet), lässt sich nur schwer trennen von jenem auf eine Belohnung für den Status, wie etwa adelig (zeitlich unbefristet). Tendenziell lassen sich alle Belohnungsansprüche, die auf den Status referieren, im Ursprung auf eine Tat zurückführen. So zum Beispiel wenn die Eroberung von Granada zum Adelstitel geführt hatte und die Nachfahren in der Conquista Neuspaniens neben den Diensten für die Krone auch jene des sozialen Standes gegenüber der Krone geltend zu machen versuchten. Das Verdienst galt es dann – wie ich zeigen werde – bei den Gnadenerweisen durch die Krone zu berücksichtigen. Bei der Beuteverteilung basierte der Anspruch hingegen nicht primär auf dem Status, sondern auf den materiellen Leistungen. ›Verdienst‹ wird in dieser Arbeit grundsätzlich in Abgrenzung zu Leistung und Dienst verwendet, die auf Taten, nicht auf den Stand basierende Ansprüche bezeichnen.

›Dienen‹ kann man jemandem sowohl aus freiem Willen, aus Zwang oder zu gemeinsam vereinbarten Bedingungen, während ›Dienst‹ auch das damit Vollbrachte bedeutete.79 Für das Verständnis der Conquista sollte beachtet werden, dass die Dienste der Konquistadoren für die Krone ohne Zwang erbracht wurden und (außer bei den lizenznehmenden Anführern, capitulantes genannt, und den Schiffsleuten) ohne dafür einen Lohn vereinbart zu haben. Der Konquistador konnte lediglich erwarten, dass die Krone ihn als verdienstvollen Vasallen für seine Dienste aus Gnade belohnen würde. Deshalb spreche ich nicht von ›Lohn‹ oder ›Entlohnung‹, sondern von ›Belohnung‹.

Für das Verständnis des hier zu untersuchenden Zusammenhangs von Beute und Conquista gilt es vorauszuschicken: Die Conquista steht hier begrifflich als Abbreviatur für das komplexe Aufeinandertreffen der sogenannten Alten und der Neuen Welt. Sie schließt zeitlich an die Unterwerfung der Mauren auf der iberischen Halbinsel, die Reconquista, an. Sie beginnt also 1492 mit der Schifffahrt des Genuesen Christoph Kolumbus, die zu einer ersten Phase der Entdeckung und Eroberung des karibischen Raumes führte. In einer zweiten Etappe wurde das heute zentralamerikanische Festland – ab 1509 Panama, ab 1519 Mexiko – sukzessive erobert. In einer dritten Phase drangen die Eroberungszüge in den süd- und nordamerikanischen sowie pazifischen Raum bis zu den Philippinen in den 1560er Jahren vor.80 Weil sich aus der Conquista zum ersten Mal ein intensiver Austausch von Gütern, Menschen und Ideen zwischen Afrika, Amerika, Asien und Europa entwickelte, bezeichnen sie viele Historiker als weltgeschichtliches Ereignis und als Beginn der Globalisierung.81 Obwohl die Conquista und ihre unmittelbaren Folgen in der 500-jährigen Historiografie ausgiebig erforscht worden sind, blieb die fundamentale Frage nach der Rolle der Beute in der Conquista und der Etablierung der 300- bzw. 400-jährigen Kolonialherrschaft ungeklärt.

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Technisch ist auf Folgendes hinzuweisen: Viele Quellen zur Conquista liegen in diversen Editionen vor, welche die originalen Schreibweisen unterschiedlich stark modernisierten, was die teilweise variierende Handhabung erklärt. Mehrheitlich zitiere ich direkt aus den Archivalien, um nahe an der ursprünglichen Schreibweise bleiben zu können.82 Andernfalls sind sie mit ›zit. nach‹ versehen. Dabei habe ich sie nach Möglichkeit anhand der Originaltexte überprüft. Die von mir ins Deutsche übersetzten Zitate habe ich nur hinsichtlich der Groß- und Kleinschreibung sowie der Interpunktion zur einfacheren Lektüre modernisiert.83 Alle Auslassungen in den Zitaten stammen von mir, auch bei edierten Quellen. Anmerkungen und Hervorhebungen sind ebenfalls alle von mir, sie werden bei edierten Zitaten jedoch extra gekennzeichnet. Zentrale spanische Begriffe – wie encomienda oder quinto real – werde ich kurz erklären und dann als Fachbegriff eingedeutscht verwenden.

Die heterogene politische und ethnische Landschaft des mesoamerikanischen Raums wird zugunsten des Leseflusses reduziert. Die Metropole des Aztekenreichs wird bis zu ihrem Fall auf Nahuatl Tenochtitlan und danach Mexiko-Stadt genannt, obwohl der erste Name parallel weiterverwendet wurde. Mit Neuspanien sind stets die zum aktuellen Zeitpunkt eroberten Gebiete gemeint. Die Nahua bezeichneten sich nach ihren ›Stadtstaaten‹ (altepetl), was, sofern es der Lesefluss gestattet, berücksichtigt wird. Weil Kolumbus bekanntlich einen Seeweg nach Ostasien suchte, wird ›Amerika‹ in den Quellen ›die Indien‹ (las indias) genannt, womit die Inseln und das Festland im ›Ozean‹ (islas y tierra firme del mar océano) gemeint waren.84 Zur verständlicheren Lektüre und klareren Abgrenzung von anderen amerikanischen Herrschaftsräumen sowie nicht eroberten Gebieten wird hier ›Spanisch-Amerika‹ verwendet. Obwohl Spanisch-Amerika rechtlich gesehen überseeisches Territorium Kastiliens und keine Kolonie war, spreche ich von Kolonialherrschaft und kolonialen Phänomenen, weil diese Begriffe de facto treffender sind. Spanien als Staat und die ›Spanier‹ als seine Bevölkerung existierten zu dem Zeitpunkt noch nicht, und die Leute um Cortés identifizierten sich jeweils nach den Herkunftsregionen und Ortschaften (zum Beispiel Juan de Salamanca oder Pedro Vizcaino). Dennoch nannten sie sich in Bezug auf das Kollektiv ›Spanier‹ (españoles) oder ›Christen‹ (cristianos). Daher verwende ich den Begriff ›Spanier‹, wenn nicht nur die Konquistadoren gemeint sind. Schließlich spreche ich der Einfachheit halber von der spanischen Krone, um nicht die diversen iberischen Kronen aufreihen zu müssen.

1. Verträge, Versprechen und Verteilungsgerechtigkeit. Vereinbarung der Belohnungsansprüche

Bevor sie sich auf den Weg zur aztekischen Metropole Tenochtitlan machten, vereinbarten die Anhänger von Cortés mit diesem in Cempoala folgenden Verteilschlüssel:

Dass Ihrer Gnaden [= Cortés] ein Fünftel von allem gegeben würde, was es auf den erwähnten Raubzügen gäbe, nachdem zuerst das Fünftel, das Ihrer Hoheit [= König] gehört, herausgenommen worden sei. Und dass der Rest unter der ganzen Gemeinschaft an alle gleichermaßen verteilt würde, entsprechend dem, was jeder Einzelne diente und verdiente.85

In diesem Schreiben vom 6. August 1519 wird erstens die für die Legitimierung von Beute zentrale Institution des königlichen Fünften genannt. Sie bildete sich aus präislamischen Beutepraktiken heraus und etablierte sich auch in den Vereinbarungen zwischen der Krone und den Generalkapitänen der Konquistadoren. Zweitens hält das Schreiben den exzeptionellen Fünften für Cortés fest, an dem sich zeigen lässt, wie Kohäsion und Hierarchie einer Konquistadorengruppe durch die Frage der Beutehoheit und der Beuteverteilung bestimmt wurden. Drittens deutet es die Belohnungslogik der Beuteökonomie an, die als leistungsorientierte und erfolgsabhängige Ergebnisbeteiligung funktionierte. Größere Leistungen bedeuteten hier also Anspruch auf einen größeren Beuteanteil.

Für die Conquista und insbesondere für die Eroberung Neuspaniens war die Frage zentral, wie die Verteilung von Gütern geregelt wurde, noch bevor feststand, ob und wenn ja, welche Güter es zu verteilen gab. Daher wird die Belohnungslogik der Beuteökonomie hier als heuristisches Instrument verwendet, um zu untersuchen, wie die Konzepte einer gerechten Verteilung von Beute die individuellen Erwartungen der Konquistadoren und die Kohäsion der Konquistadorengruppen strukturierten, die einem Beutezug prinzipiell vorausgingen. Diese Belohnungslogiken entstammten den Beutepraktiken der Reconquista und wurden durch die Erfahrungen während der Eroberung der Kanarischen Inseln und des karibischen Raumes an die neue Situation sukzessive angepasst.

Dieser erste Teil der Arbeit ist in fünf Kapitel gegliedert, um die institutionelle, praxeologische und diskursive Ebene der Beuteökonomie zum Zeitpunkt vor der Beutenahme zu beleuchten. Im ersten Kapitel (1.1) wird eine Genealogie der Beuteökonomie im Mittelmeerraum von der Antike bis zur Conquista entlang der Forschungsliteratur sowie der edierten Beuteverteilbücher (libros de repartimiento) aus der Reconquista skizziert. Hier lassen sich neben den Verteilpraktiken die Theorien des bellum iustum sowie die Genese des quinto real aufzeigen. Sie waren fundamentale Institutionen der späteren Conquista, weil sie zur Legitimierung des Krieges bzw. der Eroberung und der darin erzielten Beute dienten. Danach (1.2) werden diese Institutionen im Rahmen der Vertragsschließungen der Conquista anhand der capitulaciones und Instruktionen untersucht sowie Cortés’ Ungehorsam gegenüber dem Gouverneur Kubas analysiert. Daran zeigen sich der spezifische Joint-Venture-Charakter zwischen der Krone und den Lizenznehmern (capitulantes) sowie die praktischen Spielräume der Akteure am Spezialfall der Eroberung Mexikos. Hier musste nicht nur das Beutemachen legitimiert werden, sondern die Beute wurde selbst eingesetzt, um das abtrünnige Verhalten Cortés’ zu rechtfertigen. Dadurch lässt sich neben der Legitimationsfrage von Beuteunternehmen auch erkennen, wie die Beute die Konstituierung der Gruppe beeinflusste.

Im daran anschließenden Kapitel (1.3) behandle ich die kontraktualistische Ebene zwischen Anführer und gewöhnlichem Konquistador. Hier wird die Analyse des Einflusses der Beute auf die Binnenstruktur und Konstituierung der Gruppe vertieft. Dies ist deshalb von Interesse, weil die Konquistadoren nicht als Soldaten einen bestimmten Sold für ihre Dienste erhielten, sondern ihnen entsprechend ihrer Beiträge (Waffen, Pferde) ein Anteil aus der Beute zustand. Diese Belohnung folgte der Logik einer leistungsorientierten Ergebnisbeteiligung und war erfolgsabhängig. Vereinbart wurden diese Ansprüche aber nur insofern, als in einer Liste die beigetragenen Leistungen der einzelnen Konquistadoren festgehalten wurden. Weitere Details oder Versprechen wurden bis auf Ausnahmefälle nur mündlich vereinbart. Neben diesen Mobilisierungspraktiken und der Mikrodynamik der Conquista müssen (1.4) die Allianzknüpfungen mit den mesoamerikanischen Konquistadoren berücksichtigt werden. Aufgrund der zahlenmäßigen Unterlegenheit der Spanier waren die Allianzen eminent wichtig, und auch hier zeigt sich die Übernahme hergebrachter Vertrags- und Belohnungslogiken in einem interkulturellen Setting.

Schließlich (1.5) werden Quellenlage und Beutebegriffe analysiert. So zeigen sich die Spezifika des Beutediskurses zum Zeitpunkt vor einer Beutenahme.

1.1Genealogie der iberischen Beuteökonomie. Legitimationen, Normen und Praktiken seit der Reconquista

In diesem Kapitel verfolge ich eine doppelte Agenda: Einerseits zeige ich die Genealogie der Beuteökonomie auf, die von der Historiografie – meist ohne ins Detail zu gehen – aufgrund der Tradierung von Praktiken aus der Reconquista für die Conquista als fundamental bezeichnet wird. Dabei werden diese Vorformen des Conquista-Beutekomplexes hier nur insoweit berücksichtigt, als sie diesen Komplex vermutlich beeinflussten und insofern sie für meine Untersuchung relevant sind. Andererseits benenne ich hier bereits methodische Chancen und Probleme, welche die Quellen zur Beuteverteilung in sich bergen. Zuerst spannt die Frage, wie die Conquista gerechtfertigt wurde, den Bogen von der Entstehung des bellum iustum seit der Antike bis zum darauf basierenden spezifischen Instrument des requerimiento.

Der Rahmen eines gerechten Kriegs erlaubte das Plündern, dessen folglich legitime Beute (spolia iusta) nach bestimmten Normen, die hier erläutert werden, zu verteilen war. Eine zentrale Rolle spielte der königliche Fünfte (quinto real), weshalb auch seiner Genese nachgegangen wird. Das ostentative Befolgen der Vorgaben für einen gerechten Krieg und eine gerechte Beuteteilung waren notwendig, um die neuen Besitzansprüche zu legitimieren und dadurch zu sichern. Daran werden Potenzial und Problem der Analyse der Quellen zur Beute in der Reconquista deutlich: Die legitimatorische Funktion der Listen der Beutedistribution führt dazu, dass diese Listen normen- statt praxisnahe Schilderungen des Vorgangs abbilden. Auf diese Herausforderung kann hier aufmerksam gemacht werden; die Kapitel zur Conquista stellen sich ihr. Außerdem lässt sich bereits das für die Beuteökonomie konstitutive Konzept der Verteilungsgerechtigkeit (iustitia distributiva) herausarbeiten. Daneben werden die heterogenen und dynamischen militärischen Organisationsformen und ihr ebenso vielfältiger Kontext der Reconquista beleuchtet, um die späteren Konquistadoren terminologisch schärfer zu fassen.

1.1.1Gerechter Krieg und Kriegsfinanzierung

In den militärischen Anordnungen vom 22. Dezember 1520 ermahnte Cortés seine compania in Tlaxcala, bevor sie zum zweiten Mal nach Tenochtitlan zogen, dass das Hauptmotiv ihres Unterfangens die Bekämpfung der Häresie sei. Inwiefern dies seine innerste Überzeugung widerspiegelte, lässt sich kaum eruieren, viel interessanter scheint mir seine Argumentation: Er sagte weiter, dass der Krieg, diente er nicht der Verbreitung des christlichen Glaubens, ungerecht wäre und folglich gewonnene Beute zurückzugeben wäre und die Krone die Dienste der Konquistadoren nicht zu belohnen hätte.86 Cortés verdeutlichte, dass die Frage der gerechten Beute und der Belohnung durch die Krone stark von jener des gerechten Krieges abhing, weil Letztere den Rahmen schuf, der legitime Beute von illegitimem Raubgut und einen belohnungswürdigen Diener von einem zu bestrafenden Räuber unterschied. Beim Raub bestand ein tendenziell höheres Risiko, den Gewinn wieder zu verlieren als bei einer rechtmäßigen Beute. Insofern schien Cortés’ implizites Versprechen auf legitime Beute attraktiver. Denn die Stärke eines Beuteversprechens korreliert nicht nur mit der erwarteten Beutemenge, sondern auch mit der Legitimität des Beutemachens und damit mit der erwarteten Beutesicherheit. Unter welchen Voraussetzungen galt also ein Krieg als gerecht, und inwiefern war es erlaubt, dabei Beute zu nehmen?

Die Lehre des gerechten Kriegs (bellum iustum) umfasste zu Zeiten von Cortés drei Hauptmerkmale: dass der Krieg von einer dazu bevollmächtigten Person – wie einem Fürsten – angeordnet (auctoritas principis) sowie aus einem gerechten Grund (causa iusta) und mit der richtigen Absicht (intentio recta) geführt wurde. Sie entsprang ideengeschichtlich der griechischen Philosophie und dem latinischen Fetialrecht (ius fetiale), in denen Krieg als Gottesgericht gesehen wurde, in dem der Gerechte siegt und die göttliche Ordnung (wieder-)hergestellt bzw. erlittenes Unrecht entgolten (res repetere) wird. Aristoteles verband erstmals die Termini ›Krieg‹ und ›gerecht‹ (dikaios polemos) und im Lateinischen finden sich in Ciceros Schriften erste Äußerungen zum bellum iustum mit Schwerpunkt auf der causa iusta.87 Der Krieg hatte Cicero zufolge dem Gerechtigkeitsprinzip und dem Naturrecht (ius naturae) zu entsprechen, wofür er aus einem gerechten Grund geführt werden musste. Ein auf der naturrechtlichen Selbstverteidigung (defensio) beruhender Grund konnte im bedrohten Wohl und Schutz der Gemeinde (pro salute) oder in der Treueverpflichtung (pro fide) gegenüber Verbündeten, Freunden und Untergebenen liegen. Wenn das Staatswohl (salus) oder Fides-Klientel durch feindliche Angriffe (propulsandorum hostium) oder erlittenes Unrecht (ulciscendi) gefährdet würde, sei Krieg gerechtfertigt.88

In der römischen Kaiserzeit kam der Faktor der auctoritas principis hinzu, da die Macht stärker beim Kaiser konzentriert wurde, der die Kriege anordnen durfte. Während sich die christliche Lehre im römischen Reich zur Staatsreligion (ab 380) entwickelte, beeinflusste nach Laktanz, Eusebius und Ambrosius vor allem Augustinus von Hippo (ca. 354–430) den bellum-iustum-Gedanken, dem dieser die theologisch motivierte intentio recta hinzufügte. Krieg musste mit der Absicht, den Frieden wiederherzustellen, geführt werden und nicht aus Habgier (avaritia) oder Herrschaftssucht (libido dominandi).89 Augustinus vereinbarte die pazifistischen Haltungen der Kirche und des Neuen Testaments mit Krieg, den er gestützt auf römisches Recht und das Alte Testament rechtfertigte, insofern dadurch erlittenes Unrecht vergolten oder Sünden verhindert wurden.90 Der Rechtsgelehrte Gratian († vor 1160) strukturierte Augustinus’ punktuelle Äußerungen und führte ihn mit seinem Decretum (um 1140) in das kanonische Recht ein, wobei er besonders in der Causa 23 des zweiten Teils Fragen zum Krieg behandelte. Ebenfalls Augustinus interpretierend, definierte Thomas von Aquin (ca. 1225–74) in seiner Summa theologiae (1269–72) unter der Quaestio de bello, dass ein gerechter Krieg mit den Vollmachten des Fürsten, einem gerechten Grund und der richtigen Absicht geführt werden müsse. Diese drei ius-ad-bellum-Punkte kristallisierten sich zu den Hauptmerkmalen der bellum-iustum-Lehre, die – ergänzt durch aus dem kanonischen Recht und Ritterkodizes stammende ius-in-bello-Vorgaben – in der Debatte um die Legitimität der Conquista im 16. Jahrhundert herangezogen wurden.91

Von den bellum-iustum-Theoretikern ist besonders Thomas von Aquins Standpunkt zum Beutemachen festzuhalten, weil er den Konnex zwischen der Gerechtigkeit des Krieges und jener der Beute verdeutlicht. Thomas sah die Beutenahme nur dann als legitim an, wenn sie in einem gerechten Krieg und mit der richtigen Absicht geschah. Wurde hingegen um der Beute statt der Gerechtigkeit willen gekämpft, entsprach die Beutenahme einem Raub:92

In Bezug auf die Beute muss man unterscheiden. Wenn jene, welche bei ihren Feinden Beute machen, einen gerechten Krieg führen, so wird das, was sie im Kriege mit Gewalt erwerben, ihr Eigentum. Das hat dann auch nicht die Bewandtnis des Raubes, weshalb sie auch zur Wiedererstattung nicht verpflichtet sind. Dennoch können auch die, welche einen gerechten Krieg führen, bei der Wegnahme der Beute durch Begierde aus falscher Absicht sündigen, wenn sie nämlich nicht der Gerechtigkeit wegen, sondern hauptsächlich der Beute wegen kämpfen; denn Augustinus sagt: ›Um der Beute willen kämpfen, ist Sünde.‹ Wenn aber die Beutemacher einen ungerechten Krieg führen, begehen sie Raub und sind zur Rückerstattung verpflichtet.93

Damit nannte Thomas das zentrale Argument, die Raub- und Eroberungszüge zu legitimieren: denn ohne Legitimation ›sündigten‹ die Räuber und riskierten ihr Raubgut zu verlieren, statt ihre Beute zu sichern und weitere Belohnungen zu erhalten.

Dies erinnert an die eingangs erwähnten Bedenken Cortés’. Doch schon davor war die Conquista, ausgehend vom ausbeuterischen Umgang der Akteure vor Ort hin zum ganzen Unterfangen, per se in Erklärungsnot geraten: Entsprach das Vorgehen der Konquistadoren einem gerechten Krieg? Mit welchem Recht eroberte die spanische Krone Amerika? Durften die Indios de facto versklavt werden? In Antonio de Montesinos Adventspredigt von 1511 kulminierte die Kritik der Dominikanermönche auf Hispaniola (heute Haiti/Dominikanische Republik). Sie stellte die Legitimität der spanischen Herrschaft über die Indios infrage, weil diese von den Encomenderos misshandelt und deshalb sterben würden.94

Die Krone rief ein Beratergremium ein, das Wege finden sollte, um den Herrschaftsanspruch über die Neue Welt – der an die Pflicht geknüpft war, ihre Bewohner zu evangelisieren – zu festigen und gegen die geäußerte Kritik zu sichern. Aus dieser Junta de Burgos entstanden erstens die am 27. Dezember 1512 und 28. Juli 1513 erlassenen Gesetze (Leyes de Burgos), die Mittel zur effizienteren Indoktrinierung der Indios und einen humaneren Umgang mit ihnen proklamierten. Die Indios sollten nicht mehr wie Beutegut verteilt (repartimiento de indios) und ausgebeutet werden, sondern den Spaniern zur Indoktrinierung, wofür die Indios mit Fronarbeit und Abgaben bezahlen mussten, »anvertraut« (encomendar = anvertrauen) werden. Dazu sollten sie näher bei den Spaniern angesiedelt werden – eine Politik, die aufgrund ihrer verheerenden Folgen für die indigene Bevölkerung bald wieder geändert wurde. Zweitens hatten der Experte in kanonischem Recht, Fray Matías de Paz, und der Jurist, Juan López de Palacios Rubios, als Mitglieder der Junta de Burgos Empfehlungen verfasst, wovon ein Teil des Gutachtens des Letzteren zum offiziellen Dokument namens Requerimiento geformt wurde. Dessen Inhalt sollten die Konquistadoren fortan den zu erobernden Indios vortragen, bevor sie diese, notfalls gewaltsam, unterjochten. Weil das Requerimiento ein spezifisches Rechtfertigungsinstrument der Conquista darstellt, lohnt es sich, kurz darauf einzugehen.95

Das Requerimiento diente als selbstreferenzielles Legitimationsprozedere. Es sollte die Indios über die Existenz des christlichen Gottes als einzig wahren Gott in Kenntnis setzen sowie vor die Option stellen, sich der christlichen Religion und der spanischen Krone friedlich zu unterwerfen oder bekriegt und gewaltsam unterjocht zu werden. Unterwarfen sich die Indios friedlich, sicherte ihnen die Krone ›Ausnahmen und Privilegien‹ zu, wie das Recht auf Eigentum, Landbesitz, eigene politische Führung und Jurisprudenz.96 Wenn sich die Indios hingegen widersetzten, waren die Spanier berechtigt, sie zu bekriegen, zu versklaven und zur Tributzahlung zu zwingen, während die Schuld für das Leid und die Toten die Indios trugen.97 Inwiefern das Requerimiento im Feld angewendet wurde, ist schwer zu sagen, weil die Hinweise darauf primär aus Chroniken oder normativen Quellen stammen.98 Cortés zum Beispiel befahl in einer Instruktion an seinen Cousin Francisco Cortés, dass dieser in der Expedition an die Küste Colimas, bevor er eine Siedlung angreife, versuchen solle, sie friedlich zu unterwerfen. Dazu gab er ihm eine »memoria« mit, die seinen Anweisungen zufolge die Funktion des Requerimientos erfüllte. Ob und wenn ja, wie es eingesetzt wurde, ist unbekannt.99

Inhaltlich stützte sich dieses Ultimatum auf das von Papst Innozenz IV. (1243–54) postulierte Recht zur Mission und stärker noch auf das Deuteronomium des Alten Testaments, demzufolge dem Feind vor einem kriegerischen Angriff ebenfalls die Option der friedlichen Unterwerfung mit anschließender Tributpflicht unterbreitet werden sollte. Verwehrte er sich dagegen, sollte die feindliche Stadt bekriegt, alle Männer darin getötet sowie die Frauen, die Kinder, das Vieh und die Beute unter den Angreifern aufgeteilt werden.100 Die generelle Praxis, vor Beginn eines Krieges dem Feind mittels eines Boten – im Mittelalter Herold genannt – formell eine Kriegserklärung zu verkünden, war verbreitet.101

Das Requerimiento glich inhaltlich und vor allem formal dem islamischen Ritual, Nichtmuslime vor einer kriegerischen Unterjochung kraft eines Dschihad zur friedlichen Unterwerfung ›einzuladen‹ (da’ā). Terminologisch zeigt sich diese Nähe bereits in der spanischen Übersetzung von da’ā mit requerir (lat. requirere), also auffordern oder hinweisen.102 Ab dem Ende des 9. Jahrhunderts dominierte die sunnitische Mālikī-Schule auf der iberischen Halbinsel, deren Begründer, Mālik ibn Anas († 796), für einen besonders ritualbezogenen Beginn des Dschihad und einen besonders liberalen Umgang mit den Gefangenen stand. Davon zeugt die Schrift Bidayāt al-Mujtahid des andalusischen Mālikī-Gelehrten des 12. Jahrhunderts, Ibn Rushd alias Averroes (1126–98), der zufolge ein Gesandter (rasūl) dem Feind (harīb) den Islam als neue Religion verkünden und ihn zu dessen Anerkennung als superiore Religion einladen bzw. auffordern sollte.103 Es genügte jedoch, sich dem Islam zu unterwerfen, ohne sogleich seinen Glauben anzunehmen, da der Glaube dem Koran zufolge nicht erzwungen werden konnte.104 Wer sich ohne zu konvertieren unterwarf, stand als dhimmī (auch ahl al-dhimma = geschützte Leute) im ›Schutz‹ (jimma) der muslimischen Herrscher, denen er eine jährliche Steuer, die Dschizya (ğizya), zahlen musste.105

Tributzahlungen gegen Schutzversprechen sind ein bekanntes Phänomen: Die offerierte käufliche Autonomie wurde auch den almaja (arab. Gemeinde; tributpflichtige Juden oder Muslime) unter christlicher Dominanz auf der iberischen Halbinsel zugestanden.106 Die Kastilier zogen eine solche Kopfsteuer – genannt parias oder tributo – unter Ferdinand I. (1037–65) von den Muslimen für ihren ›Schutz‹ und ihre Duldung ein.107 Diese Praxis etablierte sich, nachdem die Kastilier mit Toledo 1085 die erste größere islamische Stadt erobert hatten und Alfons VI. die Nichtchristen auf Empfehlung des Mozarabers Sesnando Davides gleichermaßen besteuerte wie zuvor die Muslimen die Christen. Diese Kopfsteuer fand noch bis in die Conquista Anwendung.108

Hinsichtlich der Funktion des Requerimiento wurde in der Forschung erstaunlicherweise trotz der Bezugnahme zum Alten Testament ein Aspekt ignoriert. Meiner Ansicht nach erfüllte das Requerimiento neben der legitimierenden noch eine disziplinierende Funktion: Indem die Konquistadoren vor einem Angriff an Gott und seine Verbindung zu ihnen sowie an den metaphysischen Sinn ihres Unterfangens erinnert wurden, konnten ihre Kampfmoral, Einheit und Disziplin gesteigert werden.109 Der gängigeren – und weniger spekulativen – These zufolge diente das Requerimiento im Sinne von Michail Bachtins autoritativem Diskurs dazu, die Eroberungspraxis der spanischen Krone mit deren Rechtsverständnis zu vereinbaren.110 Die Performanz des Requerimiento zwang den Indios eine hierarchisch unterlegene Rolle auf, in der sie entweder die Superiorität der Kirche und der Krone anerkennen konnten oder, indem sie sich dem verweigerten bzw. schlicht nicht nachkamen, unbewusst die Rechtsgrundlage für eine kriegerische Unterjochung im Sinne des bellum iustum als Krieg gegen Heiden und Barbaren schufen.111

Das Requerimiento folgte der Legitimationsideologie der Universalherrschaft, nach welcher der Papst als vicarius Christi Gottes Willen auf Erden ausführte und dadurch der spanischen Krone die Neue Welt zur Missionierung zuzuteilen befugt war.112 Dieses vom dominum universale des Papstes abgeleitete Missionsrecht interpretierten Krone und Konquistadoren als Herrschaftsrecht, das aber von Geistlichen und Gelehrten – besonders vom ›Vater des Völkerrechts‹ Francisco de Vitoria († 1546) – zunehmend kritisiert wurde.113 In seinen Vorlesungen (Relectiones) von 1528 bis 1539 befand Vitoria, dass weder der Kaiser noch der Papst ›Herr der Welt‹ (dominus mundi) seien und das Recht des Papstes in weltlichen Angelegenheiten nicht ausreiche, um Provinzen, Städte oder Landgüter zu verschenken. Die bis dahin als legitim angesehenen Rechtstitel kraft Erstentdeckung und Besitznahme beschränkten sich in Vitorias ›völker-‹ und naturrechtlichem Verständnis (ius gentium und ius naturae) auf herrenlose Gebiete. Sie konnten deshalb in der Neuen Welt – besonders seit der Kenntnis über das Aztekenreich ab 1520 – nicht gelten, weil er den Indios ein Eigentumsrecht über ihr Land zusprach.114 Hingegen definierte er zwei rechtmäßige Titel, bei deren Verletzung die Spanier gegen die ›Barbaren‹ Krieg führen durften: erstens beim Verstoß gegen das ius peregrinandi, dem Recht eines jeden Menschen, sich frei in der Welt zu bewegen und Handel zu treiben. Zweitens wenn die Spanier daran gehindert würden, zu predigen. Weiter sah er beispielsweise zur Verteidigung von Alliierten, Beseitigung von Tyrannen oder Verhinderung von frevelhaften Riten wie Menschenopfer die Bedingungen eines bellum iustum kasuistisch gegeben.115

Die Frage des gerechten Kriegs blieb im Elitendiskurs über die Rechtmäßigkeit der Conquista und über den damit verbundenen Herrschaftsanspruch der Krone während des gesamten 16. Jahrhunderts virulent.116 Die Kritik der Gelehrten, die seit dem Siglo de Oro als Schule von Salamanca117 bezeichnet wurden, schlug sich hinsichtlich der Kolonialverwaltung mit einem Verbot der Encomiendas in den Leyes Nuevas von 1542/43 nieder. Das Verbot scheiterte jedoch an den Interessen der lokalen Akteure – insbesondere der Encomenderos. Darauf disputierte in der Junta de Valladolid von 1550–51 Juan Ginés de Sepúlveda († 1573), der die Gewalt gegen die »barbarischen Indianer« verteidigte, mit dem Ex-Encomendero und bekehrten Dominikaner Bartolomé de las Casas († 1566), der die Vernunftbegabung der Indios zu beweisen versuchte und Krieg zur Verbreitung des Christentums verurteilte.118

Mit der Religion rechtfertigten noch im Hochmittelalter iberische Chronisten119, christliche Päpste und jüdische sowie muslimische Rechtsgelehrte Kriegszüge.120 Papst Gregor VII. (1073–85) war bemüht, sich gegenüber den Königen und dem Kaiser als höchste kirchliche Autorität zu behaupten, milites Christi im Sinne von Soldaten als päpstliche Truppen zu engagieren und Gewalt zu legitimieren.121 Letzteres war konstitutiv für die Kreuzzüge, denn damit gottesfürchtige Ritter das Töten von Nichtchristen als verdienstvoll statt als sündhaft erachteten, musste das Fünfte Gebot (»Du sollst nicht töten«) insofern relativiert werden, als zur Verteidigung oder Vergeltung des Christentums in einem gerechten Krieg getötet werden durfte.122 Sein Nachfolger Urban II. (1088–99) rief bekanntermaßen 1095 in Clermont den lateinischen Westen dazu auf, den christlichen ›Brüdern‹ in Byzanz militärisch gegen die Muslime zu Hilfe zu eilen und Jerusalem zu ›befreien‹. Die später Kreuzzüge genannten Unternehmungen, die sich daraufhin zu bilden begannen, wurden von Anfang an als Reaktionen auf muslimische Aggression und somit als legitime Verteidigung und Vergeltung des Christentums dargestellt.123

Die für die Kreuzzüge spezifischen Anreize für die Beteiligten lagen in der versprochenen spirituellen Belohnung.124 Als kriegerische Pilgerfahrt (peregrinatio) angepriesen, stellte Urban II. den Teilnehmern die Vergebung ihrer gebeichteten Sünden (remissio peccatorum) in Aussicht125