Bevor die Stadt erwacht - Kerstin Hohlfeld - E-Book

Bevor die Stadt erwacht E-Book

Kerstin Hohlfeld

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Beschreibung

Der Wunsch eines kleinen Jungen kann Berge versetzen

Amelie Rothermund gehört zu den Menschen, die oft unsichtbar bleiben. Die alleinerziehende Mutter arbeitet, während alle anderen noch schlafen, damit sie tagsüber mehr Zeit für ihren Sohn Elias hat. Zu Weihnachten hat der kleine Elias daher einen ganz besonderen Wunsch: Er möchte, dass seine Mama nicht immer so müde ist. Dummerweise landet sein Wunschzettel in einer Lieferung mit Backwaren, die Amelie gepackt hat, und erreicht so den Komponisten Ephraim Sasse. Sasse ist vom Leben verbittert und lebt seit Jahren zurückgezogen in seiner Villa. Doch der Zettel des kleinen Jungen weckt in ihm den plötzlich Wunsch zu helfen  ...

Eine stimmungsvolle und anrührende Geschichte zur schönsten Zeit des Jahres!

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Das Buch

Kaum einer kennt sie, fast niemand nimmt sie wahr – die Menschen, die jeden Morgen, bevor die Stadt erwacht, dafür sorgen, dass wir alles so vorfinden, wie wir es kennen und erwarten. Die Zeitung im Briefkasten, neu bestückte Regale in den Läden, der Duft von Kaffee und frischen Brötchen in den Bäckereien. Eine dieser Unsichtbaren ist Amelie Rothermund. Damit die alleinerziehende Mutter tagsüber möglichst viel Zeit mit ihrem kleinen Sohn verbringen kann, geht sie nachts arbeiten. Um 22 Uhr bricht sie auf, um in der Stadt Büros zu reinigen, danach übernimmt sie noch die Frühschicht in einem Feinkostgeschäft. Eines Morgens in der Vorweihnachtszeit passiert Amelie ein Missgeschick: In der Eile stellt sie die Pappe mit der Lieferung für einen wichtigen Stammkunden auf den Wunschzettel ihres Sohnes und packt diesen mit ein. Der Komponist Ephraim Sasse staunt nicht schlecht, als er den Brief an den Weihnachtsmann findet, in dem sich der kleine Elias wünscht, dass seine Mama nicht immer so müde ist. Und so kommt es, dass sich die Schicksale von Ephraim Sasse und Amelie Rothermund kreuzen. Der sonst so menschenscheue Komponist ist wie besessen von der Idee, dem kleinen Elias und seiner Mutter zu helfen. Doch das ist nicht einfach, denn dafür müsste Sasse, der sich jahrelang in seiner Villa verkrochen hat, wieder Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen.

Die Autorin

Kerstin Hohlfeld, geboren 1965 in Magdeburg, studierte von 1985 bis 1991 Theologie in Naumburg und Berlin. Danach bekam sie erst einmal drei Kinder und sah lieber davon ab, für die Kirche zu arbeiten. Sie verlegte sich aufs Schreiben und veröffentlichte bereits mehrere Romane.

Von Kerstin Hohlfeld sind in unserem Hause bereits erschienen:

Roman

Ullstein

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ISBN 978-3-8437-1602-4

Originalausgabe im Ullstein Taschenbuch

1. Auflage Oktober 2017

Es soll sie ja wirklich geben, die Spezies Weihnachtsmuffel.

Wenn Sie diesen Roman in den Händen halten, gehören Sie vermutlich nicht dazu und sehen das genau wie ich: Schöner als mit Kerzenleuchten am Tannenbaum und Plätzchenduft aus der Küche ließe sich der dunkle letzte Monat vor dem Jahresende nicht überstehen.

Kapitel 1

Jingle bells, jingle bells, jingle all the way …

»Meinst du, das gefällt deinem Kleinen?«

»Und wie ihm das gefallen wird!« Amelie zog eine weiße Schürze aus ihrer Tasche, band sie sich um und sah dabei dem singenden Plüsch-Rentier zu, das ihre Kollegin auf den Tisch gestellt hatte.

Helga hatte gerade einen Hexenschuss überstanden und ächzte, als sie sich bückte, um ihre Stiefel gegen ein Paar ergonomische Latschen zu tauschen. Sie zwinkerte Amelie zu. »Das steckst du dem süßen Spatz in den ­Nikolausstiefel! Und sagst ihm einen schönen Gruß von mir.«

»Danke! Das ist lieb von dir. Er ist schon so aufgeregt.«

»Bei den Kleinen ist das noch süß, nicht wahr?«, antwortete ihre Kollegin seufzend. »Auf Heerscharen aufgeregter und deshalb unfreundlicher Kunden kann ich verzichten. Besonders weil Adventszeit ist und mein Rücken mir sagt, dass ich es mir lieber mit einem Teller Plätzchen und einer CD mit Weihnachtsliedern gemütlich machen sollte, statt acht Stunden täglich im Laden zu stehen.«

»Elias hat gestern einen Brief an den Weihnachtsmann geschrieben.« Amelie zog einen weißen Umschlag aus der Tasche und fuhr mit den Fingern sanft über die großen, noch ein wenig ungelenk aussehenden Buchstaben.

»Hut ab«, lobte Helga, die ihr über die Schulter sah. »Das sieht schon richtig gut aus. Dabei ist der kleine Mann doch gerade erst in die Schule gekommen.«

»Seine Lehrerin sagt jedenfalls, er macht sich sehr gut.«

»Das will ich meinen! Sag ihm, er soll für Tante Helga auch einen Brief an den Weihnachtsmann schicken. Ich wünsche mir, dass in diesem Jahr die Kunden einmal richtig nett sind und daran denken, dass Verkäuferinnen auch ein bisschen in Festtagsstimmung kommen möchten.«

»Das wäre was«, stimmte Chefin Andrea zu, die vor ein paar Minuten den Laden für die Mitarbeiter aufgeschlossen und sie hineingelassen hatte, und sah mit mütterlichem Gesichtsausdruck auf ihre fünfköpfige Truppe. »Auch wenn ich das in 20 Dienstjahren, ehrlich gesagt, noch nie erlebt habe.«

»Das wird schon«, erwiderte Amelie, schlüpfte in ihre bequemen Latschen und folgte ihrer Chefin vor den Laden, wo der Fahrer eines Lieferwagens mehrere Paletten abgestellt hatte, auf denen sich Pappkartons und Plastikbehälter türmten. Den Brief an den Weihnachtsmann ließ sie auf dem Tisch liegen.

»Morjen, Ladys«, grüßte er fröhlich und ging pfeifend an seinen LKW, um die nächste Palette abzuladen.

Walthers Feinkost prangte in goldenen Lettern auf der dunkelgrünen Plane – dabei handelte es sich um eine der ältesten und bekanntesten Feinkostketten Berlins. Ein Traditionsgeschäft, das sich dank einer gelungenen ­Mischung von ausgesuchter Qualität, klassischen Rezep­turen und Kreationen, die dem Zeitgeschmack ent­sprachen, nicht nur am Markt hielt, sondern kräftig expandierte. Filialen fanden sich mittlerweile in allen Vierteln der Stadt. Alle Berliner, die etwas auf sich hielten und es sich leisten konnten oder sich einmal etwas Besonderes gönnen wollten, kauften bei Walthers. Jeden Morgen kurz vor Geschäftsöffnung um 8 Uhr warteten bereits die ersten Kunden vor der Ladentür.

Ab sechs, wenn die Ware aus der Zentrale geliefert wurde, waren Amelie und ihre Kolleginnen im Einsatz. Brötchen, Brote, Kuchen, Wurst, Käse, Salate, Kaffee, Joghurt, Quark, Milch und Süßigkeiten mussten in Regale und Bedientheken verteilt und hübsch angerichtet werden. Alles frisch, jeden Tag neu.

»Amelie, ab heute wird wieder die Schokoladen-Weihnachtskollektion verkauft. Die übernimmst du. Gleich links in die Schaufensterauslage. Neben die Kuchen. Ist leider ziemlich viel«, sagte Andrea. »An die Arbeit und in die Hände gespuckt, ihr Lieben!« Sie griff nach der Fernbedienung des CD-Players und startete die Musik. »Es ist Advent!«

Amelie unterdrückte ein Gähnen, während die ersten Töne eines Weihnachtslieds aus dem Lautsprecher drangen. Sie packte mit an, als Helga einen Parmaschinken aus dem Kühlraum schleppte, und wandte sich schließlich ihrem übermannshohen Stapel an Pappkartons zu. Ihr blieben zwei Stunden, um die Weihnachtsauslage auf Vordermann zu bringen, die jedes Jahr ab Ende November das Aushängeschild der Feinkostkette war.

Neben dem Fahrer, der sich verabschiedete, steckte Kathi den Kopf in den Laden. »Hey, Mädels«, rief sie fröhlich. »Gibt’s was Neues?«

Kathi füllte zwei- bis dreimal in der Woche im Nachbargeschäft, einem Drogeriemarkt, die Regale auf. »Ich werd verrückt«, seufzte sie, als Amelie die erste Pappschachtel öffnete. »Nougatengel! Dass du nicht fett wirst an deinem Arbeitsplatz!«

»Würde ich bestimmt«, lachte Amelie, »wenn ich es selbst essen würde.«

»Trinken wir einen Kaffee, wenn du fertig bist?«, fragte Kathi. »Ich hab eine Stunde Zeit.« Genau wie bei Amelie endete Kathis Dienst um 8 Uhr, wenn der Laden öffnete. Meist fuhr sie danach gleich weiter an die Uni.

Amelie begleitete ihren Sohn Elias, der jeden Morgen kurz vor acht mit seiner Schulmappe auf dem Rücken vor der Tür des Ladens stand, zur Bushaltestelle. Manchmal ging Kathi ein Stück mit ihnen, und die beiden Frauen setzten sich, nachdem Elias abgefahren war, in eine ­Bäckerei, um ein bisschen zu quatschen. In der Regel jedoch zog es Amelie direkt nach Hause, wo sie sich für ein paar Stunden schlafen legte. Nach ihrer Nachtschicht bei Sellers Clean-Service und dem Frühdienst im Feinkostladen war sie erschöpft und brauchte eine Pause.

»Ich muss heute gleich weiter«, beantwortete Amelie Kathis Frage. »Schnell zur Post, ein bisschen einkaufen und dann nach Hause, mich ausruhen. Ich hab Elias versprochen, dass wir Plätzchen backen, wenn er aus der Schule kommt.«

»Kein Thema!«, sagte Kathi und zwinkerte ihr zu. »Morgen ist auch noch ein Tag.«

Gute zwei Stunden später sah die Auslage von Walthers Feinkost so appetitlich aus, dass mancher Passant stehen blieb und die Leckereien zufrieden nickend betrachtete.

»Gute Arbeit, Amelie!«, lobte die Chefin, die vorbeikam, um einen übergroßen Weihnachtsaufkleber an der Scheibe zu befestigen, bevor sie das Geschäft öffnete. Der Laden füllte sich blitzschnell. Am Ende des Tages würde von den Leckereien, die Amelie und ihre Kolleginnen sorgsam ausgepackt und präsentiert hatten, nicht viel übrig sein. Bis am nächsten Morgen die nächste Lieferung kam und ihre Arbeit aufs Neue begann. »Jetzt kann das Adventsgeschäft von mir aus losgehen!«

Ganze Heerscharen von Engeln, Weihnachtsmännern, Rentieren und Tannenbäumen hatte Amelie ausgepackt und auf Etageren und Tellern sorgsam platziert. Von draußen winkte Elias ihr zu. Seine Augen leuchteten auf, als er die Schokoladenfiguren entdeckte.

Amelie war dankbar, dass sein Unterricht erst um halb neun begann und sie ihn deshalb morgens nach Dienstschluss wenigstens ein paar Minuten sehen konnte. Sie eilte in den Pausenraum, löste die Bänder ihrer Schürze und griff gerade nach Elias’ Brief an den Weihnachtsmann, als Andrea um die Ecke bog. »Wo hast du die Ware für die Stammkunden hingelegt, Helga?«, fragte sie.

Helga, die dabei war, sich einen Kaffee einzuschenken, und sich nebenbei mit einer Hand unauffällig ihr Kreuz rieb, erschrak sichtlich, während sie rot anlief. »Das ist mir jetzt peinlich«, brachte sie hervor. »Hab ich alles zurechtgelegt, aber noch nicht verpackt. Ich komme sofort und hole das nach.« Ein Stapel Einwickelpapier rauschte aus dem Regal hinter ihr zu Boden, als sie sich erhob. »Oh Gott, oh Gott … auch das noch.«

Andrea schüttelte ärgerlich den Kopf, schluckte den Tadel jedoch herunter. Sie wusste, was ihre Truppe leistete. Fehler konnten passieren. »Amelie, würdest du vorne rasch aushelfen«, bat sie, »während Helga hier aufräumt?«

Amelie nickte und lief zurück ins Geschäft, wo die ersten Kunden, die jeden Morgen ihre vorbestellte Ware abholten, schon ungeduldig warteten. Amelie warf Elias einen Blick zu, während sie sich bei den Stammkunden entschuldigte und rasch zusammen mit Andrea deren Bestellungen verpackte.

Sie wusste, ihr Sohn hatte Verständnis für ihre Lage und es machte ihm nichts aus, wenn sie zum Bus rennen mussten, weil seine Mutter das Geschäft erst eine Viertelstunde zu spät verlassen konnte. Es kam ja nicht zum ersten Mal vor.

»Entschuldige, mein Schatz!«, sagte Amelie wenig später und zog ihm die Mütze, die er nur locker und, wie sie wusste, ausgesprochen ungern aufgesetzt hatte, über die Ohren. »Komm, wir müssen uns beeilen, damit du nicht zu spät zur Schule kommst.«

»Bringst du nachher meinen Brief zur Post, Mama?«

»Ja, natürlich bringe ich …« Sie stockte mitten im Satz, riss sich, während sie rannten, die Tasche von der Schulter und warf einen Blick hinein. Wo war Elias’ Brief? Natürlich! Sie musste ihn im Laden vergessen haben, genau wie das Geschenk von Helga. Beides hatte nebeneinander auf dem Tisch gelegen, und in der Eile hatte sie nicht daran gedacht, es mitzunehmen. Sie verkniff sich einen Seufzer. Noch einmal bei Walthers vorbeizugehen, würde zum Glück nur einen kleinen Umweg bedeuten.

Elias sah sie von der Seite an. »Ist was, Mama?«

»Nein … nein, es ist … ist alles gut.«

»Weißt du, was Julian erzählt hat?« Kleine weiße Atemwölkchen drangen aus seinem Mund, während er sprach. Amelie verspürte den unbändigen Wunsch, ihn in ihre Arme zu reißen, um ihn zu herzen und zu küssen. Doch dazu blieb keine Zeit. »Alle Kinder, die dem Weihnachtsmann schreiben, bekommen sogar einen Brief von ihm zurück. Ich hab ihm etwas gemalt. Meinst du, dass es ihm gefällt? Ich kann doch noch nicht so gut malen.«

Hoffentlich lag der Brief noch am selben Fleck!

»Mama? Mama? Du hörst mir ja gar nicht zu!«

»Entschuldige«, japste Amelie, die Mühe hatte, gleichzeitig zu reden und zu rennen. »Ich bin nur … nur ein bisschen müde heute.«

Am Bus angekommen, blieb nicht einmal mehr die Zeit, Elias einen Kuss zu geben oder einen guten Tag zu wünschen. »Meinst du, ich bekomme bald Post vom Weihnachtsmann?«, rief der Junge, während er sich zwischen die Türen, die schon zuklappten, drängelte.

»Ganz sicher, Elias!«, rief sie und winkte. »Ganz sicher!«

Doch da war der Bus schon losgefahren.

Geschafft. Amelie atmete einmal kräftig durch.

*

HerrnThomas SchmidtChef der SenatskanzleiLüdenstraße 110178 Berlin

Berlin, 28. November

Einladung zur 24. Weihnachtsphantasie – Demission vom 25. Zyklus

Sehr geehrter Herr Staatssekretär Schmidt,

wie in jedem Jahr zur Weihnachtszeit ist es mir ein besonderes Vergnügen, dem Regierenden Bürgermeister und seiner Gattin sowie der Staatskanzlei-Leitung ein Kontingent an VIP-Karten für meine Aufführung im Berliner Dom zukommen zu lassen. Bitte teilen Sie den Veranstaltern mit, wie viele Plätze Ihr Haus in diesem Zyklus in Anspruch nehmen möchte.

Zugleich möchte ich mein Bedauern darüber aussprechen, dass es mir nicht möglich sein wird, im nächsten Jahr das 25-jährige Jubiläum zu spielen, und somit meine Demission vom Auftrag des Kultursenators erklären zu müssen.

Grund ist die unerträgliche Lärmbelästigung durch den seit drei Jahren in Folge direkt vor meinem Haus stattfindenden Weihnachtsmarkt, der ein konzentriertes Arbeiten leider unmöglich macht.

Wie Sie und andere, die mich kennen, wissen, bin ich weiß Gott kein Verächter solcher Volksvergnügungen. Allerdings frage ich mich, weshalb diese ausgerechnet dort stattfinden müssen, wo Kulturgut erschaffen wird, und – vor allem – wer die Entscheidung zu verantworten hat, dass dieser Lärm quasi direkt vor mein Kompositionszimmer gezogen ist, wo ich täglich viele Stunden für die Aufführung üben muss.

Äußerst dankbar wäre ich, wenn Ihr Haus sich dieses Problems annehmen und der Weihnachtsmarkt im kommenden Jahr an einem anderen Ort im Bezirk stattfinden könnte. Andernfalls wird es keine 25. Weihnachtsphantasie geben.

Mit Dank und herzlichem Gruß an die werte Frau Gemahlin,ergebenst IhrEphraim Sasse

Alle Jahre wieder kommt das Christuskind …

Ephraim Sasse schlug das Fenster zu. Alle Jahre wieder ging ihm die Geräuschkulisse des Weihnachtsmarktes gehörig auf die Nerven. Doch seine Versuche, den kleinen Markt an einen anderen Ort im Stadtbezirk verlegen zu lassen, hatten bislang nichts erbracht. Zwar äußerten die Verantwortlichen im Senat, allesamt große Bewunderer seiner Kunst, ihr Verständnis für seine Situation, aber einen Gefallen erweisen konnten sie ihm trotzdem nicht.

Berlin platzte aus allen Nähten und brauchte Wohnraum. Der Markt hatte seinen seit Jahrzehnten angestammten Standort zugunsten einer neu gebauten Wohnsiedlung verlassen müssen und fand nun auf dem an sich sehr beschaulichen Platz vor Sasses Villa statt. Seiner Beliebtheit hatte dies keinen Abbruch getan. Jung und Alt strömten in Scharen herbei und drängten sich an unzähligen Buden und Karussells vorbei. Da die Berliner zufrieden schienen, fühlte sich keiner der Verantwortlichen bemüßigt, erneut einen Ausweichort zu finden.

Wenn Ephraim Sasse sich richtig anstrengte, war es ihm in den letzten Jahren gelungen, die Kakophonie aus schmalzigem Weihnachtspop, kreischenden Kindern und Geplapper glühweinseliger Erwachsener vor seinem Fenster auszublenden.

Aber in diesem Jahr funktionierte es nicht. Schon seit einigen Monaten fühlte er sich seltsam müde und erschöpft, als würde nicht Blut, sondern Blei durch seine Adern fließen. Liebend gern hätte er sich voller Eifer in seine Arbeit gestürzt, hätte Last Christmas und White Christmas (oh Gott, wie einfallslos!) und all die anderen Banalitäten da draußen ausgeblendet und sich dem reinen Klang seines Flügels zugewandt, so wie er das seit Jahrzehnten tat.

Seine Hände zitterten manchmal. Und der Lärm des Weihnachtsmarktes drängte sich immer wieder in sein Bewusstsein. Es ging so weit, dass Ephraim Sasse ihn schon im Oktober, wenn die Buden noch nicht einmal aufgebaut waren, hören konnte. Und wenn sich das so weiterentwickelte mit dem stetig ausschweifenderen Weihnachtskommerz würde der Markt demnächst wahrscheinlich schon im Juli seine Tore öffnen.

»Marga!«

Als hätte sie hinter der Tür auf seinen Ruf gewartet, riss seine Haushälterin die Tür auf, presste die Hände an die Seiten wie ein Soldat und rief: »Herr Sasse. Es ist serviert.«

Es war 15.59 Uhr. Täglich um 16 Uhr trank Sasse Tee, und er wurde unleidlich, wenn es in seinem Tagesablauf zu Verzögerungen kam.

Er klappte sachte den Deckel seines Flügels zu und ließ seine Hände über den schwarzen Lack des Instruments gleiten. Atmete tief durch und schloss einen Moment lang die Augen, um seinen Gedanken zu lauschen.

Musik war sein Leben. Seit er auf der Welt war, hatten die Tasten sein Leben bestimmt und ihm den Weg gewiesen. Ihm Halt und Kraft gegeben. Ihn vom Sohn genialer Musiker zum Wunderkind, zum Meisterschüler, zum Komponisten reifen lassen. Kurz: zu etwas Besonderem gemacht.

Last Christmas, I gave you my heart …

Er würde sich am liebsten Tag und Nacht die Ohren zuhalten. Hatten die da draußen überhaupt eine Ahnung vom Geist der Weihnacht, von der Hoheit und Würde dieser Zeit, der er musikalisch zu huldigen versuchte, während aus riesigen Boxen Tag und Nacht dieser unsägliche Pop plärrte?

Ephraim Sasse ließ sich im Salon auf den Sessel neben dem Teetischchen nieder. Beim Duft des aromatischen Earl Grey und bei dem Anblick der Etagere, auf der sich Sandwiches mit Ei, Gurke, Frischkäse und Lachs appetitlich angerichtet türmten, gelang ihm endlich, was am Flügel nicht hatte klappen wollen. Er entspannte sich. Schmeckte das feinherbe Aroma des Tees, biss in ein butterweiches Sandwich und fühlte sich einen Moment lang eins mit sich und seiner Welt.

Als er sich in seinem Lesesessel zurücklehnte, fiel sein Blick auf die Berliner Zeitung, die Marga ordentlich daneben ausgebreitet hatte. Das Feuilleton zuoberst, so wie er es wollte.

Wird Ephraim Sasse nicht länger komponieren?

Er legte das angebissene Sandwich auf seinen Teller und schob die Teetasse mit einem Ruck von sich, so dass ihr Inhalt über den Rand auf den Unterteller schwappte.

Das Foto unter der Headline zeigte einen Mann, der gebeugt und müde erschien, während er seine Villa verließ. Einen Mann, eigentlich schlank und gepflegt sowie elegant gekleidet, der aussah, als wäre er über Nacht um Jahrzehnte gealtert. Wer hatte diese Aufnahme gemacht? Wer hatte hinter seiner Hecke gelauert? Wirkte er so auf die Leute da draußen? Wenn ja, das musste er zugeben, wunderte ihn die Schlagzeile nicht.

Sasse versuchte den Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken. Sah er wirklich so aus?

Wie ein … ein alter, müderMann?

Er verkniff sich, den Artikel zu lesen. Er konnte sich ohnehin denken, was darin stand. Er hätte den Brief an die Staatskanzlei nicht schreiben sollen. Vermutlich hatte irgendjemand die Informationen darin weitergegeben, und die Schreiberlinge hatten sich wie stets ihren eigenen Reim darauf gemacht.

Nun konnte ganz Berlin lesen, dass er plante, den für das nächste Jahr erteilten Auftrag zur 25. Weihnachtsphantasie nicht auszuführen. Eine Möglichkeit, die Sasse weder für die Öffentlichkeit gedacht noch ernsthaft in Betracht gezogen, sondern lediglich als Druckmittel benutzt hatte.

Doch damit nicht genug, denn ein Unglück kam selten allein! Zu allem Überfluss war die gestrige Pressevorstellung seines aktuellen Werkes nicht zufriedenstellend verlaufen, weil er fahrig und in Andeutungen geantwortet hatte, als die versammelte Journaille ihm Löcher in Kopf und Bauch gefragt hatte.

In ein paar Wochen würde er, der bekannteste Berliner Pianist, vor sein Publikum treten, und er hatte bisher nichts, gar nichts.

Und wer nichts hatte, konnte nichts anpreisen. So einfach war das.

So einfach und so kompliziert, denn sein traditioneller, mit Spannung erwarteter jährlicher Auftritt im Berliner Dom stand quasi vor der Tür. Seine Fans warteten sehnsüchtig auf die neuste Weihnachtsphantasie aus seiner Feder. Der Kartenverkauf war längst im Gange. Doch was nützte das, wenn die Musik, die, seit er denken konnte, in seinem Kopf lebte, perlte, jubilierte, sich selbst immer wieder neu erfand, in diesem Jahr still blieb und schwieg?

Stattdessen plärrte I’m dreaming of a white christmas in Endlosschleife durch sein Gehirn und ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Seine Schaffenskraft war dahin. Die Uraufführung von Ephraim Sasses 24. Weihnachtsphantasie würde ein Fiasko werden.

Nur ein Wunder konnte ihn noch retten, der liebe Gott oder eine Fee mit drei Wünschen im Gepäck. Ach was, drei? Einer … ein einziger Wunsch würde reichen. Christmas time … make my dreams come true, höhnte es von draußen wie als Antwort auf seine Gedanken. Sasse musste nicht aufstehen, um zu sehen, was sich dort gerade abspielte. Er wusste auch so, dass sich eine Schar Teenagermädchen, die weder etwas von Musik verstand noch davon, sich dem kalten Wetter angemessen zu kleiden, vor den Boxen herumtrieb und in den Hüften wiegte. Einen ekelhaft süßen kandierten Weihnachtsapfel in der Hand und ein albernes Grinsen im Gesicht.

Mit hoher Stimmeäffte er das Lied nach. Das war es also, was die da draußen zu Weihnachten hören wollten? Wozu brauchten sie ihn dann noch?

Sasse lachte bitter. Sollte er aufgeben? Sich mit einem Keyboard auf den verhassten Weihnachtsmarkt stellen und dort für mit Zuckerwatte beschmierte Rotzlöffel Morgen kommt der Weihnachtsmann spielen, während Passanten 50-Cent-Münzen in einen Hut warfen?

Warum eigentlich nicht? Dann würden endlich alleerkennen, was ihm täglich deutlicher vor Augen trat: Ephraim Sasse, Wunderkind und Liebling der Musen, war neuerdings ein Versager.

*

Häppi börsday tu ju, häppi börsday tu ju, häppi börsday, liebe Agnes, häppi börsday to ju!

Die drei Frauen hoben die Gläser und stießen sie so fest aneinander, dass das frisch gezapfte Bier über den Rand schwappte. Nach einem deftigen Mittagessen − Kassler mit Sauerkraut und Kartoffelbrei − hatten sie gerade eine zweite Runde bestellt und einen Korn zum Kippen dazu. Ein Verdauungsschnäpschen musste sein. Vielleicht auch zwei.

»Wusstet ihr, dass Agnes auf der Liste der unsexiesten Frauennamen den dritten Platz belegt?«, fragte das Geburtstagskind. »Hab ick beim Frisör in so nem Klatschblatt jelesen.«

»Wat nich allet fürn Scheiß in der Zeitung steht«, staunte Elsa. »Boykottieren müsst man dat, wenn’s nich andererseits so lustig wäre. Du nimmst dat doch nicht ernst, Süße, oder?«

»Und wenn schon«, sagte Agnes schulterzuckend.

»Darling, du bist eben 58 jeworden«, sagte Roswitha und tippte mit einem ihrer blaulackierten Fingernägel sacht auf Agnes’ Dekolleté. »Icke werd 60 nächsten Monat. Haste jedacht, in dem Alter kiekt uns noch wer uffn Arsch? Na jut, außer nem Orthopäden vielleicht, aber ooch nur, wenn er uns ne Spritze für die lädierten Bandscheiben in selbijen jagt.«

»Nee«, lachte Agnes und nahm einen kräftigen Schluck aus ihrem Glas. »Da kiekt keener. Schon klar!«

»Na, siehste!« Die beiden anderen stimmten in ihr Lachen ein. »Dann isses doch ooch ejal, ob du nu Agnes oder Trude oder sonst wie heeßt.«

»Ihr habt recht. Leider kiekt uns alte Schachteln überhaupt keener mehr uffn Hintern.« Elsas knallroter Lippenstift, den sie sorgsam jede halbe Stunde erneuerte, hinterließ deutlich sichtbare Spuren auf ihrem Glas. »Und uffn Hängebusen ooch nich. Janz im Jejensatz zu früher. Mann, Mann, Mann, wat waren dat für joldene Zeiten, als allet noch da saß, wo’s hinjehörte.«

»Wat sind wir nur für Miesepeter?«, sagte Geburtstagskind Agnes prustend. »Außerdem kommt es doch janz auf die Perspektive an. Und die Persönlichkeit. Mit so nem kleenen Kerlchen, der noch jrün hinter die Ohren is, kann unsere holde Weiblichkeit ja wohl ooch nüscht anfangen.«

»Aber die Kerle in unserm Alter wolln lieber die jungen Dinger vernaschen.«

Harald, der Wirt, brachte die nächste Runde Korn an den Tisch. »Der jeht uffs Haus«, sagte er und grinste. »Allet Jute, Agnes, und janz nebenbei: Von unsexy kann bei dir doch jar keene Rede sein.«

Roswitha pfiff durch die Zähne. Elsa grinste. »Der steht uff dich«, sagte sie ungewollt laut, während Harald zum Tresen zurückging. Ihre Augen glänzten. »Also icke hab euch jedenfalls lieb!«, sagte sie. »Und mir is janz ejal, wie alt oder unsexy ihr seid.« Sie hob ihr Glas. »Auf dich, Agnes!«

»Und auf Jule«, ergänzte das Geburtstagskind, »und die verdammte Jesundheit!«

Noch einmal ließen sie die Gläser klirren, sahen sich in die Augen und umarmten sich fest, bevor sie wenig später gemeinsam aufbrachen.

»Es riecht nach Schnee«, sagte Agnes, als sie sich vor der Tür des Berliner Domspatzen verabschiedeten − ihrer heimeligen Stammkneipe. In letzter Zeit trafen sie sich jedoch nur noch selten hier. Es gab gerade wenig zu feiern in ihrem Leben, und noch dazu saß bei keiner von ihnen das Geld besonders locker.

»Weiße Weihnachten statt Berliner Schmuddelwetter«, seufzte Roswitha und zündete sich eine Zigarette an. »Dit wär doch das Beste überhaupt.«

Agnes atmete tief die kalte Luft ein, zog ihren Schal ein wenig fester um den Hals und machte sich nach einem letzten Gruß eilig auf den Weg nach Hause. Nachdem sie die Tür aufgeschlossen hatte, befreite sie den Blumenstrauß, den Harald ihr beim Hinausgehen ein wenig unsicher lächelnd in die Hand gedrückt hatte, aus seiner Plastikhülle, schnitt sorgfältig die Stiele an und stellte die Blumen in eine Vase. Rote Rosen! Was er sich nur dachte, der verrückte Wirt!

»Paule, ich kann nichts dafür«, sagte sie entschuldigend mit einem Blick in seine braunen Augen, als sie die Vase auf dem Sideboard im Wohnzimmer abstellte. »Ich glaube, Elsa hat recht, der Harald macht mir schöne Augen.«

Zu Hause sprach Agnes Hochdeutsch. Ihr Paul kam aus Hannover und hatte sich auch nach Jahrzehnten in Berlin und an ihrer Seite nicht an ihren Dialekt gewöhnen können. »Das ist auch später besser für die Kinder«, hatte er gesagt, als sie heirateten. »Wenn die was werden wollen in der Welt, dann müssen sie gutes Deutsch und dazu noch fremde Sprachen beherrschen.«

»Berlinerisch is ooch ne Fremdsprache«, hatte sie grinsend gesagt und ihn auf die Nase geküsst. »Die vasteht ooch nich jeda.« Doch sie hatte Paul seinen Wusch erfüllt und hielt sich bis heute daran. Auch wenn keine Kinder gekommen waren. All die Jahre nicht.

Sie warf einen Blick Richtung Pauls Lieblingsplatz zu Hause, seinem Lesesessel.

»Elsa und Roswitha haben mich zur Feier des Tages eingeladen, weißt du? Kassler haben wir gegessen«, erzählte sie weiter. »Stell dir vor, die Elsa hatte am Ende ein bisschen zu viel intus.« Sie kicherte. »Zum Glück haben sie und Roswitha denselben Weg nach Hause. Ich glaube, die kriegt ohne Hilfe nicht mal den Schlüssel ins Schlüsselloch. Und das am helllichten Tage. Na ja, was man in Deutschland im Advent, wenn es um halb fünf stockfinster ist, so einen helllichten Tag nennt.«

Sie holte ein gehäkeltes Deckchen aus einer Schublade, strich es glatt und stellte die Vase mit den Rosen darauf. »Was haben wir schön zusammen gefeiert! Ich bin so froh, dass ich meine Mädels habe.« Sie dachte kurz nach. »Sag mal, meinst du, ich soll die Jule morgen wieder im Krankenhaus besuchen? Ich würde schon wollen, aber ich hab ein bisschen Sorge, dass es ihr zu viel wird, wenn ich jeden Tag um sie herumscharwenzele. Es geht ihr gar nicht gut, weißt du. Sie ist müde, und sie hat …«

Agnes’ Augen füllten sich plötzlich mit Tränen. »Tut mir leid, Paule, ick hab heute Quasselwasser jetrunken und bin dann ziemlich nah am Wasser jebaut, wie du weißt. Sie hat Krebs, und wenn nicht ein Wunder geschieht, dann … dann wird sie es nicht schaffen.«

Paul lächelte. Agnes fand, er besaß das freundlichste, gütigste und ehrlichste Wesen auf der Welt, und sie liebte ihn dafür seit beinahe 40 Jahren von ganzem Herzen.

Während ihre Tränen liefen, hob sie die Hand und strich liebevoll über das gerahmte Porträt im schlichten Silberrahmen, von dem aus ihr Mann sie ansah. »Wenn sie Pech hat, wird sie sterben, Paule! Genau wie du damals.«

Kapitel 2

»Frau Werner, Sie müssen auch meine Position ver­stehen.«

Der Mann trug eine Fliege, Agnes fand das ziemlich unmodern. Und wie er in jedem Satz ihren Namen sagte, immer mit der Betonung auf »Frau«. Sie wusste nun wirklich selbst, dass sie eine Frau war. Ob Banker in ihrer Ausbildung lernten, so seltsam zu sprechen?

Seine Position verstehen? Ja, verstand er denn, wie es ihr zumute war? »Herr Lemke«, erwiderte Agnes und sah ihm fest in seine hinter einer goldgerahmten Brille liegenden Augen. »Verständnis hin oder her. Ich brauche einen kleinen Kredit. Sie wissen, dass ich jeden Monat meine Witwenrente kriege, und das schon seit zwei Jahren. Ich will in eine kleinere Wohnung ziehen, weil ich alleine bin, eine große nicht mehr brauche und außerdem meine Ausgaben etwas reduzieren muss. Es soll ja neben den Fixkosten auch ein bisschen was zum Leben übrig bleiben. Aber ich kann den Umzug nicht finanzieren. Die Firma wird das nicht umsonst übernehmen, fürchte ich.« Sie hatte sich alles hundert Mal genau überlegt. »Mit dem Geld, das ich auf Grund der geringeren Miete spare, kann ich den Kredit abzahlen, das hab ich mir ausge…«

»Wie ich schon sagte, Frau Werner«, unterbrach er sie, »und schriftlich haben wir es Ihnen auch schon übermittelt: Wir können Ihnen ohne Sicherheiten keinen Kredit gewähren.«

Sie hätte ihn am liebsten über den Tisch gezerrt und ihm gesagt, dass er sich seine Sicherheiten sonst wohin schieben konnte. Aber das würde natürlich nichts bringen, und stilvoll war ein öffentlicher Wutausbruch auch nicht gerade. Warum stellte der Mann sich nur so stur?

»Nur 1000 Euro«, wagte sie einen letzten Versuch. »Ich zahl alles zurück, auf Heller und Pfennig.«

Der Goldgerahmte schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid«, sagte er, »wirklich leid, Frau Werner!« Agnes sah ihm an, dass er es nicht ehrlich meinte. Und dass er wollte, dass sie endlich verschwand und ihn, der wahrscheinlich jeden Tag einen Haufen Geld von A nach B schob (natürlich nur auf die Konten von Leuten, die mit sogenannten Sicherheiten punkten konnten), in Ruhe ließ mit ihren popeligen 1000 Euro.

Mit einem steifen »Auf Wiedersehen!« verließ sie die Bank. Sie fühlte sich plötzlich müde und mutlos. Ein paar notwendige Besorgungen noch, dann würde sie nach Hause gehen, den Vermieter der hübschen sanierten Einzimmerwohnung in einem Wilmersdorfer Altbau anrufen und ihm sagen, dass sie nicht einziehen konnte. Sie hatte nicht genug Geld – weder für den Umzug noch für die Kaution. Geschweige denn für eine doppelte Mietzahlung im Monat des Umzugs.

Fast all ihr Erspartes war damals für Pauls Beerdigung draufgegangen. Die kleine Bäckerei hatte schon in den Jahren zuvor nicht mehr genug abgeworfen. Sie hatten immer wieder auf ihre Reserven zurückgreifen müssen, um den Laden zu halten.

Die Leute kauften, auch wenn sie sagten, dass es ihnen um kleine handwerklich arbeitende Läden leidtäte, lieber beim Discounter ihre Backwaren. Da kostete die Schrippe 13 Cent und nicht 30. Und eine knusprige Kruste hatte sie ebenfalls. Die entstand allerdings durch zahlreiche Zusatzstoffe und nicht durch die Ruhe, die der Teig zum Reifen hatte, oder weil der Bäcker aus langjähriger Erfahrung wusste, wann er ihn aus dem Ofen holen musste. 200 Zusatzstoffe waren in Europa bei Brot und Brötchen erlaubt. Agnes würde diese ungeheure Zahl nie verstehen, hatte Paul doch für ein gutes Mischbrot mit knackiger Kruste nicht mehr als Roggen, Weizen, Wasser und Salz gebraucht.

Die Kunden – die wenigen, die ihnen am Schluss noch verblieben waren − hatten am liebsten ihr Mischbrot mit einer Prise Kümmel und Koriander gekauft. Noch heute konnte Agnes den Duft des lange gereiften Sauerteigs riechen.

Es nützte nichts. Wehmütig zurückzublicken würde ihre Probleme nicht lösen. Lamentieren und jammern ebenso wenig. Auch kein Gläschen Korn bei Harald, obwohl er sie sicherlich dazu einladen würde.

»Tachchen, Agnes!«

»Mensch, Kalle!« Agnes lachte herzlich über sich selbst, weil sie vor Schreck zusammengezuckt war.

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