Bewegende Zeit - Peter Erichsen - E-Book

Bewegende Zeit E-Book

Peter Erichsen

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Beschreibung

Von 1990 bis 1997 lebt und arbeitet der Autor in Südafrika (Kapstadt) und erlebt - parallel zu der Wiedervereingung Deutschlands - den Wandel in Südafrika. Die weiße Regierung der Apartheid weicht einem demokratisch verfassten Staat unter Nelson Mandela. Das reich bebilderte Buch besteht aus einer Collage von Rundbriefen und Tagebucheintragungen und liefert einen sehr persönlichen Blick auf die Entwicklung der Deutsche Schule in Kapstadt und die politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in Südafrika, die im Wesentlichen heute noch bestehen. Der Anhang enthält einen geschichtlicher Überblick bis 2014.

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Seitenzahl: 327

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Vorwort

Dieses Buch hat eine lange Vorgeschichte.

Sie beginnt 1977: In diesem Jahr heiraten die Lehrer Imme Stechmann und Peter Erichsen aus Büdelsdorf in Schleswig-Holstein. Für beide ist es der zweite Versuch. Aber er ist gut „untermauert“: Im gleichen Jahr wird Finn Erichsen geboren. Zwei Jahre später kommt Lena hinzu, und nun wird das geliebte Haus zu klein, und als wiederum zwei Jahre später Ole auf die Welt kommt, ist ein Neubau schon fast bezugsbereit.

So beginnt unsere gemeinsame Lebensgeschichte. Scheidungen werden damals „salonfähig“, aber sie ändern nichts an der gesellschaftlichen Norm „verliebt – verlobt – verheiratet“. Der Lebensweg erscheint vorgezeichnet, er verspricht materielle Sicherheit und droht mit Langeweile.

Doch die Zeit in dem neuen Haus währt nur kurz. Eine neue Idee soll das künftige Leben bereichern: Als ich eines Morgens über die Autobahn nach Owschlag fahre, wo ich als Lehrer beschäftigt bin, höre ich im Radio eine Reportage über ein Ehepaar aus Kiel, das die Welt umsegelt hat. Und als ich nach Hause komme, frage ich meine Frau, ob sie mit mir in die Welt hinaus fahren würde. Die meisten Frauen hätten ihrem Mann „einen Vogel gezeigt“ – der fliegt einfach los, weil er nicht anders kann und weil es sein Lebensrhythmus von Brut und Aufzucht und Nahrungserwerb verlangt. Imme und Peter haben gerade ein Haus gebaut – eine wahrhaft große Sache für zwei Durchschnittsbürger. Sie haben gerade einen Baum gepflanzt und drei Kinder gezeugt, das jüngste ein Säugling. Alles klar? Aber meine Frau ist begeistert. „Es musste noch mehr geben im Leben als 40 Jahre in der Nähe des Geburtsortes Lehrer zu sein“, antworteten wir später oft, wenn wir nach unseren Motiven gefragt wurden. Obwohl beide doch recht verschieden - darin sind wir uns einig, und beide sind wir bereit, nahezu im Blindflug alte Sicherheiten aufzugeben. Die Risiken sind groß, werden aber in der Euphorie über die eigene Kühnheit nicht wahrgenommen: Entfernung von Familie und Freunden, ungeahnte Belastungen und der Umgang mit ihnen. Diese Entscheidung führt unsere Familie nach Südafrika und prägt damit unser Leben dauerhaft. Insgesamt 11 Jahre verbringen wir zusammen auf diesem Kontinent – einmal drei Jahre in Namibia (damals noch Südwestafrika) und 8 Jahre in Kapstadt (Republik Südafrika).

Nach der Rückkehr aus Namibia schreiben wir ein Buch – über Namibia. Ich bin der Autor, aber meine Frau ist mein Gedächtnis. Es erzählt von den Erfahrungen einer jungen Familie und charakterisiert ein afrikanisches Land, als sei es das erste und das letzte Mal gewesen. Wir kehren zurück und sind mit unserem Schicksal zufrieden.

Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Anfang 1989 fragt das Bundesverwaltungsamt in Köln an, ob ich mir vorstellen könne, Fachberater für Deutsch oder Leiter eines Fremdsprachenzweiges im südlichen Afrika zu werden. Diese Anfrage stürzt uns in helle Aufregung. Noch einmal die Heimat verlassen? Die Familie? Die Freunde? Aber: Meine bisherigen Bemühungen, in Schleswig-Holstein eine neue berufliche Herausforderung zu finden, sind erfolglos geblieben. Da kommt dieses Angebot gerade recht…

Wir dürfen wählen zwischen Windhoek, Pretoria und Kapstadt und entscheiden uns für Kapstadt. Eine bewegende Zeit beginnt.

Die Angewohnheit, aus dem Ausland die Heimat über Rundbriefe zu informieren, setzten wir auch an unserem neuen Wohnort fort. Zusammen mit Tagebuchaufzeichnungen und einigen wenigen „nachträglichen Texten“ ergibt sich ein umfassendes Bild nicht nur über eine „Auswandererfamilie“, sondern auch über die politische Situation eines Landes, in dem ein radikaler Systemwandel zu einem Machtvakuum führt und das dadurch in einer Gewaltorgie zu versinken droht. Ein Land, dem trotzdem ein erstaunlicher Wandel gelingt. Unsere Freundin Anita Bekmann aus Kapstadt lieferte uns 1994 mit ihrem Kunstobjekt unfreiwillig das Motto für diese Zeit: „Born to be free“ – das gilt für Südafrika, aber eigentlich für uns alle. Das Recht des Menschen auf Selbstbestimmung, das sich aber nur durchsetzen lässt, wenn wir uns gegenseitig achten.

Um auszuschließen, dass sich einige Personen in ihren Persönlichkeitsrechten beeinträchtigt fühlen, sind ihre Namen verändert worden.

Einige Textabschnitte, die stärker auf die schulpolitische Situation eingehen und daher mühsamer zu lesen sind, sind fett gedruckt und können auch ausgelassen werden.

Wer sich mit der neueren Geschichte Südafrikas nicht so gut auskennt, möge den Überblick im Anhang nutzen.

Peter Erichsen

Büdelsdorf, im Frühjahr 2014

Inhalt

DAS JAHR 1990

Angekommen

Nelson Mandela ist frei

Begräbnis eines Freiheitskämpfers

Der Konvertit

Das Wiedersehen mit Namibia nach der Unabhängigkeit

Beruflicher Neuanfang an der Deutschen Schule Kapstadt

Der Fremdsprachenzweig Ende des Jahres

Die Eltern unserer Schüler

Kaum zu fassen, dass wir hier sind

DAS JAHR 1991

Brief an Freunde in Caracas (Venezuela)

Rugby

Schulbesuche

Sorry my bossie!

Dienstlicher Rüffel aus Köln

DAS JAHR 1992

Partygespräch im Februar

Gespenster

Hochzeit in Guguletu

Imme lässt Dampf ab

Juli in Natal

Diebstahl im Nico Malan

Immer nur „trouble“

Southernmost

Der F-Zweig 1992

Miscellaneous

Liebe Omi

Strauße fangen

Gast in unserem Haus

DAS JAHR 1993

Der Mord an Chris Hani

Der Geruch nach wildem Geißblatt

Auswärtige Kulturpolitik: Die Quadratur des Kreises?

Der Hass eines Afrikaaners

Imme an ihren Bruder

Die Weihnachtskiefer

DAS JAHR 1994

Illoyal in Pretoria

Brief an Schwester und Schwager

Bophuthatswana ist weit

Rückkehrgedanken

Wilde Gewerkschaften

Michael Oak Waldorf School

Sehnsucht nach Gestern

DAS JAHR 1995

Der Fremdsprachenzweig vor dem Konkurs

Immer wieder neue Ideen

Deutschland will für schwarze Kinder nicht mehr zahlen

Wieder umgezogen

Freedom Day – Constitution Day

Von Kindern und Tieren

DAS JAHR 1996

Schulleiter-Wechsel

Angst vor Gewalt in der Nacht

Elternversammlung in der Township Langa

Die Modenschau-Affäre

Kleines Theater am Kap

Jazz Café Manenberg

Schutzengel

Rechtschreibreform kommt in Südafrika an

Sorgen um unsere Kinder

Kampf gegen die Schul-Guerilla

Prize Giving im Dezember

DAS JAHR 1997

Der Abschied schmerzt, bevor er da ist

Brief an die Tante

Zwei Freunde gehen

Finn: My Friend George

Truth Commission

Eine schwarze Primadonna

Finns Unfall

Messer an der Kehle

DAS JAHR 1998

Deutschland ist besser, als wir es in Erinnerung haben: Drei Briefe nach Südafrika.

Anmerkungen zu den Fußnoten

Dank

Anhang

Geschichtlicher Überblick

Spottgedicht auf Mandela

Chronologie privater und politischer Ereigniss

e

Benutzte und empfohlene Literatur

DAS JAHR 1990

Wie sich die Familie Erichsen in Kapstadts Vorort Camps Bay niederlässt und versucht sich einzuleben. / Die überraschende Freilassung Nelson Mandelas. / Ein Freiheitskämpfer wird beerdigt. / Wie ein Freund der Deutschen Schule Kapstadt (DSK) zum Feind wird. / Das Wiedersehen mit Namibia nach der Unabhängigkeit. / Was ist eigentlich ein „Fremdsprachenzweig? / Wie sieht der Alltag des F-Zweig-Leiters aus? / Wie die Schülereltern der DSK in der Vergangenheit gefangen sind. / Die Erichsens müssen zum ersten Mal umziehen.

Angekommen

Rundbrief

Hallo, ihr Lieben!

Sicherlich wartet ihr schon auf ein längeres Zeichen von uns. Nun sind ja auch schon drei Monate vergangen und wir haben einiges zu berichten. Peter sagt zwar, dass meine Schrift kein Mensch lesen kann, aber ich werde mich bemühen, einigermaßen lesbar zu schreiben.

Der Flug war diesmal ganz angenehm. Man merkt, dass die Kinder größer geworden sind. Dank der guten Speditionsfirma in Kapstadt waren die großen Möbel, Betten usw. schon eingeräumt und wir konnten, doch ziemlich erschöpft von der Reise, abends in unserem Bett einschlafen. Bis dann aber so alles seinen Platz hatte, vergingen nochmals 10 Tage – aber ganz in Ruhe, ohne Stress.

Silvester verbrachten wir mit Freunden aus Windhoek, die hier Urlaub machten. Da der Mann Pastor und sehr an dem Unabhängigkeitsprozess in Namibia beteiligt ist, führten wir sehr interessante Gespräche und machten Ausflüge mit ihnen. Ja, und dann begann auch schon der erste Ärger.

Wir hatten aus Deutschland einem Kollegen (der uns betreute und das Haus besorgt hatte) 10 000 DM für einen Gebrauchtwagen geschickt, nachdem er uns vorher gesagt hatte, dass Autos sehr teuer und Gebrauchtwagen sehr rar seien (stimmt nicht). Er habe aber einen Freund, der eine Nissan-Werkstatt hätte usw.. Als wir ankamen, war der Wagen noch in der Werkstatt, weil die Wasserpumpe kaputt war. Ja, und dann kam am nächsten Tag dieser Golf angepoltert. Entweder war er den Felsen herunter gerollt oder aus mehreren anderen Golfs zusammengeschweißt: Notdürftig gespritzt, 213 000 Kilometer gefahren, sämtliche Kabel hingen lose im Auto, die Beifahrertür ging nur auf, wenn man einen Fuß dagegen stemmte, beim Türen schließen flogen die Gummis (ich meine die Gummiumrandung) aus den Fensterrahmen usw. Das Auto machte mir Angst, und ich habe mich geweigert, damit zu fahren.

Am nächsten Tag brachten wir das Auto zurück und fragten, ob das ein Witz sein sollte. Der Verkäufer (der Freund war kein Nissanhändler, sondern Autoverkäufer und war inzwischen bei Ford gelandet) erklärte in einem kaum zu verstehenden Buren-Englisch, dass das Auto gekauft worden sei und er nicht daran dächte, es wieder zurückzunehmen. Wir ließen es stehen und mieteten uns einen Leihwagen und warteten auf die Rückkehr des Kollegen.

Nach der Fahrt von Camps Bay über den Sattel („Nek“) zwischen Tafelberg und Löwenkopf: Unter uns die Stadt mit der Tafelbucht, nach links zur Schule

Wir bekamen dann noch heraus, dass das Auto nicht über die Geschäftspapiere gelaufen war. Nach all diesem Ärger entschlossen wir uns dann, zwei neue Autos (zwei brauchten wir eh) zu kaufen. Dafür mussten wir allerdings ziemlich bluten. Bis das eine Auto vom Fordhändler dann wirklich vor der Tür stand, bedurfte es noch eines Gangs zum Anwalt. Inzwischen sitzen zwei Manager dieser Fordfirma im Gefängnis, und unserem Golffreund wird der Prozess wegen Autoschiebereien gemacht. Wir wieder mit unseren Autos…! Damals in Namibia war es auch sehr dramatisch!

Warum gleich zwei? Peter hat fast immer einen Zehn-Stunden-Tag und kommt völlig unregelmäßig nach Hause. Die Schule liegt etwa sechs Kilometer von Camps Bay entfernt und ist nur mit Privat-PKW zu erreichen (steile Berghänge, kein Fahrradweg, kein Linienbus). Ole muss immer um 8 Uhr da sein, Finn und Lena zweimal 7:15 Uhr und dreimal 8:00 Uhr. Ole kommt immer 12:05 und Finn und Lena 14:00. Dabei hat Finn noch zweimal AG und kommt dann um 15:40 aus. Finn und Lena essen in der Schule Mittag. Ihr seht also, ich muss sehr oft die Kinder hin- und herfahren. Es gibt aber einen „Liftclub“, d.h. mehrere Mütter tun sich zusammen, und so fährt man weniger – aber mit mehreren Kindern, die man verschieden absetzen muss.

Ole und Lena machen Karate, Ole spielt Tennis, Lena Klavier und macht Ballett. Finn spielt Volleyball und Tennis, geht in die Werk-AG, und Lena und Finn müssen zweimal Englisch-Nachhilfe besuchen.

Aus dem Tagebuch – Kindermund

Ole: Mach das Pflaster nochmal auf!

- Peter: Warum?

- Ole: Weil ich sehen will, wie viel Blut ich verbraucht habe.

Die Kinder sind ziemlich ausgelastet, fühlen sich aber wohl. Lena sagt ab und zu, dass sie nicht mehr so viel Zeit hat, alleine richtig zu spielen. Peter ist mehr als ausgelastet, fühlt sich aber auch bis auf Ausnahmen sehr wohl. Über seine Arbeit muss er schon selbst einmal berichten, aber wann? Er hat so wenig Zeit, auch was uns angeht. Aber das wusste ich ja, er macht keine halben Sachen. Wir trinken meistens gegen 17:00 Uhr Kaffee/Tee, vorher kommt er selten aus der Schule. Dann sitzt er am Telefon oder am Schreibtisch, gemeinsames Abendbrot, wieder Schreibtisch oder irgendeine Vorstandssitzung, und gegen 22:00 Uhr plauschen wir dann noch etwas. Und so gehen auch manche Wochenenden dahin. Bald sind Ferien.

Was mache ich? Also, ich fühle mich erst einmal sehr wohl. Von unserem Haus in der Houghton-Road sehe ich fast aus jedem Zimmer aufs Meer. Allein das schon ist Öl auf mein Inneres. Ich habe immer noch das Gefühl, im Urlaub zu sein.

Also, nachdem die Kinder in die Schule gegangen sind, wende ich mich dem Pool zu. Nein, vorher gehe ich 40 Minuten zur Aerobic in Camps Bay. Hier wird Sport sehr groß geschrieben. Alles joggt, spielt Tennis (auch in der größten Hitze), die Fitness-Studios beginnen 6:00 in der Früh. Viele (Weiße) gehen noch vor dem Dienst schnell mal zum Antörnen, zum Fitnesstraining – oder noch nach Dienstschluss.

Dann muss ich den Pool reinigen. So ein Ding ist ja ganz schön, macht aber auch viel Arbeit. In den ersten drei Monaten hat es jeden dritten Tag gestürmt, und sämtliche Blätter, auch die vom Nachbarn, gaben sich ein Stelldichein im Pool. Dazu noch mehrere Prisen Sand. Bis das alles wieder herausgefischt ist, vergehen oft zwei bis drei Stunden. Wir haben zwar einen elektrischen Sauger, der auch an den Wänden entlang krabbeln soll, aber der ist mehr kaputt als heil. Es bedarf mehrerer Wasch- und „Back-Wash“-Vorgänge, um alles sauber zu halten und keine Algen aufkommen zu lassen. Was für ein Wasser dabei flöten geht, könnt ihr euch nicht vorstellen. Zweimal ist uns der Pool umgekippt, d.h. er wurde über Nacht grün. Schnell musste Algenkiller gekauft werden, und mit dem Einsatz der gesamten Familie war der Pool dann nach drei Tagen wieder klar.

Also neben Einkaufen, Kochen, Chauffeurdiensten, Pool reinigen spiele ich zweimal in der Woche Tennis, gehe, wenn ich Lust habe, zur Aerobic und einmal zum Volkstanz – da kann ich mein Englisch aufbessern, und Spaß macht es auch (habe schon in zwei Altersheimen vorgeführt). Da es in Kapstadt direkt nur Judo und Karate gibt, bin ich leider noch nicht zum Jiu Jitsu gekommen, möchte aber da gerne weitermachen. Wie ich höre, gibt es den Sport an der Uni, mal sehn, ob es für mich eine Möglichkeit gibt. Oft wird man auch morgens zum Kaffee eingeladen, da gibt es bei mir schon fast Terminschwierigkeiten.

Ihr merkt, auch ohne Arbeit fühle ich mich sehr wohl. In die Stadt fahre ich sehr selten, auch ein gutes Zeichen. Diese innere Unruhe, von der ich oft geplagt werde – mal in die Stadt zu fahren, in Blusen zu wühlen, unbedingt etwas kaufen zu müssen - verspüre ich hier nicht. In Camps Bay gibt es einen guten Supermarkt, der fast alles hat, einen guten Bäcker, auch ein paar Boutiquen. Manchmal fahre ich ins Garden-Center, da gibt es einen sehr guten Schlachter. Das ist fünf Minuten von der Schule entfernt.

In die Innenstadt fahre ich nur 15 Minuten. Es gibt dort wie in jeder größeren Stadt Parkprobleme, und nur wenn ich etwas Besonderes kaufen will, führt mich mein Weg dorthin. Kapstadt kann in Bezug auf Mode durchaus mit Kiel und Lübeck mithalten. Im Sommer gibt es auch hier verrückte Fancy-Sachen. Die Leute gehen im Bikini einkaufen und haben irre Hüte auf dem Kopf. Im Vergleich zu unserem ersten Besuch in Kapstadt 1983 ist alles viel lockerer geworden. An einigen Stränden laufen die Leute oben ohne. Vor fünf Jahren wäre man dafür noch eingelocht worden. Im Dezember-Januar ist Kapstadt voller Touristen. Alles hat Ferien, es ist Hauptsaison.

Jetzt um die Osterzeit ist es noch herrlich warm und wir gehen gerne ab 17 Uhr an den Strand. Selbst Peter merkt, wie schön es ist. Gerade haben die Ferien angefangen. Sie gehen vom 26. März bis zum 3. April. Ostern selbst gibt es nur drei Tage frei - das Schuljahr ist in vier Quartale eingeteilt, und so kommt es zu diesen Ferien. Wir wollen mit einer Gruppe den Oranjefluss, der Namibia von Südafrika trennt, entlang paddeln. Das wird sicherlich ein tolles Erlebnis – mal sehen.

Fortsetzung:

Heute ist der 22. Mai und ich schreibe weiter an meinem Brief. Eigentlich wollte ich ihn schon längst abgeschickt haben. Aber, ich bitte um Entschuldigung, leider war ich bis heute dazu innerlich nicht in der Lage. Gott weiß warum, ich konnte mich nicht zusammenreißen. Morgen gibt es die nächsten Ferien, nämlich unsere Winterferien. Drei Wochen wollen wir nach Namibia, mal sehen, wie es da jetzt aussieht.

Aber ich habe ja noch nicht vom Oranje erzählt: Erst einmal fuhren wir 7 Stunden mit dem Auto bis zur Grenze, kamen bei Dunkelheit an, legten uns unter den Sternenhimmel in unseren Schlafsack und träumten von Abenteuern. Am nächsten Morgen wurden in drei Schlauchbooten alle Sachen verstaut, die wir so brauchten. Es war nicht viel, was wir mitnehmen konnten: Schlafsack, Kissen, zwei Badeanzüge, Jogginganzug, zwei T-Shirts, zwei Unterhosen, Waschzeug – Ende. Jeder bekam eine Schwimmweste. Jedes Boot musste Essen für vier Tage mitnehmen, und los ging’s.

Es war toll, das Wasser war noch sehr warm, wir badeten und paddelten 60 Kilometer. Neben toller Landschaft mussten wir viele Stromschnellen meistern, und oft blieb unser Boot inmitten der Stromschnelle auf einem Stein hängen. Gegen Abend, wenn die Arme schon recht müde waren, suchten wir einen schönen Schlafplatz, bereiteten gemeinsam das Essen an einem Lagerfeuer und schliefen unterm freien Himmel. Es war auch für die Kinder schön. In diesem Alter kann man mit ihnen schon sehr viel unternehmen, und sie werden sich später daran erinnern können.

Aus dem Tagebuch

Finn überredet mich, noch so lange im Office zu bleiben, bis Ole und Lena mit Karate fertig sind (3 pm). Wieder nicht daran gedacht, Imme telefonisch Bescheid zu geben, dass sie nicht fahren muss. Jetzt ist sie sauer.

– Ich hab den Kopf so voll, dass ich einfach an sowas nicht denke.

Ja, dann kam das nächste Quartal. Peter hat immer noch viel zu tun, kann sich aber jetzt die Arbeit besser einteilen. Wir haben schon mal Zeit, abends am Strand spazieren zu gehen, und wir unternehmen am Wochenende so einiges. Zweimal hatten wir farbige Schüler aus Peters Klasse am Wochenende zu Besuch. Sie gehen zwar auf eine „weiße Schule“, haben aber in ihrer Freizeit kaum Kontakt zu Weißen. Wir wollen mit gutem Beispiel vorangehen. Vielleicht kommen auch andere Eltern auf die Idee.

Gebrochene Nase (Tagebuch)

Craig, Chezlin, Reynold und Oliver (aus der F-Zweig-Klasse 9) über Nacht zu Besuch bei uns in der Houghton Road, Baseball und Soccer am Strand, „Kuhhandel“ zu Hause, Film aus Deutschland, in Hout Bay geschliffene Halbedelsteine gesammelt (Schleiferei). Beim Baden hat der unvorsichtige Reynold dem Oliver die Nase gebrochen! Die Heimfahrt war unendlich: Mitchells Plain, Ottery, Belhaar, Belville, mehr als 100 Kilometer! Craigs Vater zeigt mir den Weg zurück zur N1 (Fernstraße nach Johannesburg), bleibe ohne Benzin liegen, mit Kanister zur nächsten Tankstelle. Viel zu spät zu Hause, soll noch zu Anitas Geburtstag …

Vor drei Wochen bekamen wir alle nacheinander einen grippalen Infekt. Es wird nämlich so langsam Winter. Ab und zu regnet es, und wir haben so 8 bis 12 Grad, im Haus ist es kalt. Selbst die fünf Radiatoren schaffen es nicht. Unsere Wohnzimmerdecke ist dreieinhalb Meter hoch. Das Holz für den Kamin ist ziemlich feucht. Manchmal machen wir ihn an, aber dann stinkt das ganze Haus nach Lagerfeuer, und die Augen tränen, obwohl der Kamin zieht. Wir haben ja auch einen Kaminofen mitgebracht, der immer noch rostig in unserer Garage steht. Bis jetzt hat Peter noch keine Zeit gehabt, das Entrostungsproblem zu lösen, und so frieren wir ab und zu. Scheint aber die Sonne, so ist es angenehm warm, und so manch einer greift dann wieder zum T-Shirt – wie auch unsere Kinder. Folge: Lena liegt seit einer Woche mit einer Mandelentzündung im Bett, die guten Hausmittel schlagen nicht mehr an. Nun bekommt sie Antibiotika und hat Dünnschiss. Morgen wollen wir packen und in zwei Tagen los – wird das wieder ein schönes Chaos!

Seit einer Woche streiken hier die Müllmänner, im Moment sind die Straßen voller Papier und Dreck – einerseits sehr müllig, andererseits merkt man schon politische Veränderungen. Die Gewerkschaften werden hier stärker, es tut sich etwas.

So, damit es nicht langweilig wird, höre ich auf. Wir fühlen uns auch nach 6 Monaten sehr wohl und grüßen euch alle. Da so viele auf einen Brief warten (bis jetzt waren es nur Karten), werde ich den Brief an alle schicken. Alles Liebe, viele Grüße und Verzeihung Eure 5 Erichsens

P.S. Die Kollegen sind recht nett, und Freunde haben wir auch ganz nette.

Nelson Mandela ist frei

Bericht im ARGUS am nächsten Tag

Alle wollen Mandela sehen

Rundbrief

Eine Gesellschaft im Umbruch. Das geordnete Nebeneinander (Suum cuique12) zerbricht, Rassengrenzen bröckeln, soziale Grenzen werden unscharf (es gibt auch zahlreiche weiße Eltern, die Schulgeldermäßigung bekommen!), die einen haben Angst und haben die wilde Hoffnung, dass die Überlegenheit des „weißen Mannes“ ewig dauern könnte, die anderen haben die unrealistische Hoffnung auf eine schnelle Veränderung ihrer Lebensverhältnisse und nutzen den entstandenen politischen Spielraum, den sie ganz richtig auch als Machtvakuum sehen, zum Ausleben ihrer langjährigen Frustrationen und ihrer bisherigen Perspektivlosigkeit.

Denn real hat sich bisher so gut wie nichts geändert: Das Schulsystem der Schwarzen ist katastrophal wie eh und je, entsprechend die Berufsaussichten, und wer in den Slums von Khayelithsha geboren wird, wird dort auch an Leberzirrhose sterben - überspitzt gesagt.

Mandela ist frei (Tagebuch, 10. Februar)

Abends in der Deutschen Welle von der morgigen Freilassung Mandelas gehört. Von anderen Informationen abgeschnitten, da immer noch kein Fernsehen, Rundfunkantenne fehlt.

Tagebuch 11. Februar: Mittags Start mit Familie nach Paarl (Mbekweni), um Vuijani Mtini (schwarzer Baptistenpfarrer, den wir in unserer Heimatstadt als Besucher unseres Kirchenkreises kennen gelernt hatten) zu besuchen und anschließend im Baineskloof Pass zu baden. Sehen aber auf der Hinfahrt um 1.30 pm an der „Parade“ (zentraler Platz vor dem Kapstädter Rathaus) tanzende Massen, Schwarze strömen von allen Seiten auf den Platz, Hupkonzerte, vollgestopfte Taxis und Autos.

Gegen Oles wütenden Protest Änderung des Plans: Film geholt, Imme bringt mich um 3 pm zur Parade, Plakate kündigen Mandelas Rede um 3 pm an, warte bis 7.50 pm, einstürzendes Dach, Schießerei, Ohnmachten, Ambulanzen, stürzendes Metallgerüst, Hinsetzen klappt nicht, Jesse Jackson (ehemaliger farbiger Präsident schaftskandidat der USA) taucht auf, Hubschrauber, plötzlich auseinander stiebende Menge (Messerstecher?), der Weiße hilft dem Schwarzen auf den Fenstersims des Rathauses, im Dunkeln zu Fuß und per Taxi zurück nach Camps Bay.

Dennoch: Das Jahr 1990 war in Südafrika, genau wie in Deutschland und weltweit, ein überwältigendes Jahr (in Deutschland begann dieses Jahr genau genommen etwas früher, nämlich im November 89) in unserem politischen Bewusstsein, ein Jahr, das vermutlich einmalig in unserem Leben bleiben dürfte. Es begann mit Präsident De Klerks Rede zur Parlamentseröffnung am 2. Februar in Kapstadt und der anschließenden Freilassung Nelson Mandelas am 11. Februar und der Ankündigung zur Aufhebung zahlreicher Restriktionen (Ausnahmezustand, Pressezensur, Verbot politischer Organisationen). Im kommenden Februar beginnt die nächste Sitzungsperiode des Parlaments hier in Kapstadt, und es wird mit weiteren richtungsweisenden Ankündigungen gerechnet (Aufhebung des Group Areas Act, das uns die getrennten Wohngebiete beschert hat), so dass am Ende nur noch das Gesetz über die Registrierung der Rassenzugehörigkeit übrig bleiben wird (das letzte, aber eines der schlimmsten).

Rede De Klerk (Tagebuch, 7. Juni))

Im Parlament mit 7a, 7b und Kollegen (Mielck, Dr. Hermann, Frau Du Plessis), 2.15 pm historische Rede von De Klerk: Lifting of State of Emergency. Taktik:

Mandela beginnt zur gleichen Zeit seine Europareise in Paris und hat es immer schwerer, die Aufrechterhaltung von Sanktionen zu fordern.

Ist dieser Prozess bereits unumkehrbar, wie es der ANC28 als Bedingung für die Aufhebung von ausländischen Sanktionen fordert? Von mir dazu ein klares Ja. Diese Entwicklung stoppen, hieße, sich für Mord und Totschlag zu entscheiden. Sollten die keimenden Hoffnungen zerstört werden, hätten die Schwarzen nun wirklich nichts mehr zu verlieren. Mord und Totschlag gibt es auch jetzt, aber das sind meistens die Verbrechen perspektiv- und haltlos gewordener Menschen, die, in keine Wertordnung mehr eingebunden, im Morden und Zerstören einen Sinn gebenden Unterhaltungswert sehen - kurz: Es macht ihnen Spaß. Oder welchen Sinn hat es, wenn in Khayelithsha urplötzlich ein Lastwagen überfallen und mit Benzin in Brand gesteckt wird? Der Fahrer verbrennt in seinem Gefährt, ohne dass gegen ihn oder den Unternehmer politisch etwas vorläge, einfach nur so, obwohl dadurch das spärlich wachsende Kleingewerbe der eigenen Leute vor dem Hintergrund einer gewaltigen Arbeitslosigkeit zerstört wird?

Aber ich kann den ANC gut verstehen, wenn er diese Entwicklung noch nicht so positiv sehen kann und will. Immer noch sind die meisten politischen Häftlinge nicht freigelassen, immer noch können einige Exilpolitiker nicht zurückkehren oder werden sogar nach ihrer Rückkehr verhaftet, ohne dass die hiesigen Zeitungen dafür vernünftige Gründe angeben können, immer noch sind Polizei und Armee von konservativen Kräften durchsetzt und stehen im Verdacht, durch Gewalt und Intrigen die Politik der Regierung zu konterkarieren, immer noch ist der bewaffnete Kampf der radikalen „Rightwingers“ eine reale Gefahr. So gesehen ist der Prozess erst dann unumkehrbar, wenn alle Menschen ihr verfassungsmäßig garantiertes Stimmrecht haben. Außerdem: Sanktionen sind, trotz gegenteiliger Propaganda, immer schmerzhaft und wirkungsvoll gewesen, auf sie vorzeitig verzichten, hieße, auf einen wichtigen Trumpf, auf ein wichtiges Druckmittel verzichten. Außerdem müssen Leute wie Mandela ein breites politisches Spektrum repräsentieren und eine Abwanderung zu radikaleren Konkurrenten verhindern (PAC, AZAPO).

Unsere Angestellte Cynthia Mshumpela: Mr. Mandela ist ein alter Mann.

Denn es gibt nicht nur den ANC, und Mr. Mandela ist vielleicht nur ein alter Mann, wie unsere Hausangestellte Mrs. Mshumpela meint, der die drängende Jugend nicht mehr versteht. Die politischen Parteien müssen sich andererseits von ihrer Identität als exiler Befreiungsorganisation lösen und eine neue Identität als realpolitischer Faktor im demokratischen Wettbewerb finden. Das ist nicht einfach, das Gerangel ist in vollem Gange. Ob es noch zur Bildung einer Art nationaler Front kommt, um gegenüber der Regierung mit einer Stimme sprechen zu können, ist fraglich. Man kann nur hoffen, dass es irgendwann in nächster Zukunft zu Gesprächen am runden Tisch kommen wird, so dass alle politischen Kräfte des Landes an der Vorbereitung einer neuen Verfassung beteiligt sind. Vor dem Hintergrund der politischen Umwälzungen müsste eigentlich der Widerstand gegen die Öffnung der Schule (F-Zweig) allmählich dahin schmelzen, und nachdem Mr. De Klerk einen publikumswirksamen Township-Besuch gemacht hat, hoffe ich, dass es auch für unsere Schulgemeinschaft kein Tabu mehr ist, sich anzusehen, wo und wie die Bevölkerungsmehrheit dieses Landes lebt.

Noch allerdings sind die Widerstände groß, und sie werden aus hässlichen Vorurteilen genährt, wie das Beispiel eines Oberstufenschülers zeigt. Er hatte sich mit bemerkenswerter Naivität an den Grundschulleiter gewandt, weil er ein „Gedicht“ ans Schwarze Brett heften wollte. Der Inhalt: Mit drastischen Worten wird im Stile des 23. Psalms („Der Herr ist mein Hirte“) der Niedergang des schönen Südafrika beschworen, wenn Mandelas Volk die Regierungsgewalt übernimmt (abgedruckt im Anhang). Es endet mit den zwei Zeilen: „Ich wünscht, ich wär ein Hündlein, und Mandela ein Baum.“ Der Grundschulleiter erntete völliges Unverständnis, als er den Aushang ablehnte.

Es ist erstaunlich, wie viel Angst viele Weiße davor haben, in die Townships zu fahren. Ich bin häufiger dort und weiß eher, die Zeitungsmeldungen von Gewalt und Aufruhr zu relativieren: Während es in den Elendsquartieren von Township A fürchterlich rumort, kann es in den Townships B, C und D absolut ruhig und sicher sein. Khayelithsha, das nach der bald fertig gestellten Erweiterung sich über 10 Kilometer an der Autobahn (N 2) entlang zieht, kann irgendwo unruhig sein, aber nicht überall. Massenunruhen und Gewalttätigkeiten brauchen in der Regel einen äußeren Anlass, der vorher bekannt ist (gewaltsam aufgelöster friedlicher Protest und andere Polizeiaktionen, machtpolitisch motivierte Überfälle und Morde zwischen rivalisierenden Gruppen, Erhöhung von Mieten und anderen Dienstleistungsgebühren), und können genauso schnell, wie sie entstanden, auch wieder verstummen, und die Menschen sind freundlich und hilfsbereit zu Besuchern, als sei nie etwas geschehen.

Das alles wissen die Weißen nicht. Sie erleben den Aufruhr fast nie selbst, sondern hören nur davon. Das verstärkt die Angst vor den Townships, die ihnen unheimlich sind, weil sie so wenig von ihnen wissen. Und vielleicht haben sie Angst, dass ihnen durch die Öffnung der Schule (F-Zweig) das Unheimliche und Unbegreifliche ein entscheidendes Stück näher gerückt ist.

Begräbnis eines Freiheitskämpfers

Das Flugblatt zur Beerdigungszeremonie: “A LION HAS FALLEN –Themba Titana, trained combatant of the Peoples Army Umkhonto We Sizwe died in Botswana.”

Tagebuch

Der kleine dicke Baptistenpfarrer Vuijani Mtini, kennen gelernt in Rendsburg anlässlich seines Besuchs des evangelischen Kirchenkreises, hat mich eingeladen, an einem Begräbnis eines ANC-Aktivisten teilzunehmen. Ich habe Bedenken wegen meiner Funktion an der Deutschen Schule und deren konservativem Umfeld, aber die Neugier siegt.

Aus dem Tagebuch vom 11. August: Mbek weni (Paarl),10.30 am. Erste Kontrolle an Caltex-Tankstelle, werde für Journalisten oder offiziellen Besucher gehalten, Weg der Trauerfamilie gesperrt, ANC-Marshalls in beigen Uniformen und mit Papieraufklebern regeln den Verkehr, Vuijani (Chairman der Mbekweni-Kirchengemeinden, gnomhaft in Gummistiefeln) steigt zu und leitet mich über Umwege zu seinem Haus: Tee, Kuchen, Stehkragen und Talar, relativ neuer Schlafzimmerschrank, Freude über mitgebrach ten Kleiderkarton, Vorstellung bei Nachbarn, dem das Telefon gehört und der recht vermögend sein muss (Einrichtung) und der vor einiger Zeit sein Kind in die Deut sche Schule bringen wollte (jetzt in Kuilsrivier, bessere Bahnverbindung).

Im Stadion läuft die öffentliche Veranstaltung schon. Mit Vuijani auf dem Präsentierteller: Glaubst du, dass ich hier richtig bin? Neben Pastor Andrew Hunter bin ich der einzige Weiße (im weißen langen Trenchcoat - wofür halten die mich?). Hinter dem Sarg mit den 6 Ehrenwachen und den künstlichen Blumen unter Plexiglaskuppel, in der Mitte der Geistlichen, hinterm Mikrofon, wo die Poems und eher politischen Reden gehalten werden, direkt vor mir der Farbige Reggie September (SACP, Member of the National Executive Comitee des ANC), Fotografen, Kameraleute - das kann für mich und meine Arbeit an der Deutschen Schule (Erichsen sympathisiert mit dem ANC!) ein herber Rückschlag werden, wenn das jemand erfährt. - Der ANC-Zeremonienmeister kündigt den jeweils nächsten Redner bzw. Programmpunkt (Chor usw.) an, nicht ohne den Ritus, den auch die Redner befolgen: Ein heiser geschrienes „Amandla!“ mit der fast mechanischen Antwort des Publikums auf der Tribüne „Mawetu!“, „Long live Oliver Tambo, the president of the ANC!“- Antwort: „Long li:w!“ – „Long live our deputy president Nelson Mandela“ usw., alles in allem ein abgedroschenes Ritual, blutleere Pflichtübung, besonders auffällig bei Reggie September, der fragil wirkt, zittrige Finger hat, aber zur Begrüßung „Amandla“ schreit, um gleich darauf eine sachliche Rede zu halten (der Schulmeister übersetzt in Xhosa, bei anderen in Englisch). Gute Redner sind diese großen alten Männer alle nicht.

Ein Jahr später: Vuijani Mtini mit Frau und Kindern vor seiner Baptistenkirche in Gugulethu

In Fünferreihen schreiten „wir“ 20 Priester durch ein Spalier von ANC-Marshalls (gehobene Faust) dem Sarg voran, hinten schließt sich die Menge an, 3 Trommler schlagen einen düsteren Trauermarsch-Rhythmus, als ginge es zur Hinrichtung, die Menge beginnt zu singen (wie vorher auch schon zwischen den Redebeiträgen), dann wird der Sarg auf der Straße in eine schwarze Limousine verladen, und wir Priester fahren in 2 Kleinbussen hinterher, es bildet sich eine Wagenkolonne (2 km), die Menschen nehmen shortcuts über nasse Wiesen, kurz vor Friedhof in Paarl steigen die meisten Priester aus, Gespräch mit Mr. September. Er fragt, welche Kirche ich vertrete! Ich erkläre meinen Einsatz für die Überwindung der Apartheid. Er erzählt von Kindern eines Kampfgefährten, die in Deutschland aufgewachsen sind und ihre Muttersprache nicht mehr sprechen. Er ist seit Mai mit Sondererlaubnis der Regierung (Groote Schuur Minute) aus dem Exil zurück.

Wir verlieren etwas den Anschluss, was vor allem dem Politiker Mr. September Unbehagen bereitet, ihm fehlt ein Betreuer. Er stellt sich auf die Planke, die über den lehmigen nassen Graben führt, an den Sarg kommt er nicht mehr heran, da stehen sowieso die Priester (ohne mich!). Vuijani hat seinen großen Auftritt (salbungsvolle, ausdrucksstarke, pathetische Rede, einige murmeln Zustimmung: „Yes! Yes!“). Stehe plötzlich neben den trauernden Frauen, die Ehefrau fängt wieder an laut zu heulen. Versuche mich vor der TV-Kamera zu verbergen (hinter der ANC-Ehrengarde und dem Mann mit dem Holz-MG). Bin froh, nicht durch den Matsch am Sarg vorbeilaufen zu müssen, beschriebene Zettel werden dem Sarg hinterhergeworfen, dann wird das Grab zugeschaufelt.

In Mbekweni werde ich zum Stadion gebracht, um mein Auto zu holen, am Trauerhaus treffe ich Vuijani wieder, er lotst mich zu einem freien Platz unter dem Zeltdach, damit ich essen kann (8 Schafe sind geschlachtet worden, die Brocken schmecken nicht schlecht, Karottenmus, Rote Beete, Kartoffelsalat, Erbsen und Wurzeln, Reis, Kartoffeln). Anschließend bei V. mit dessen Schwager und Andrew Hunter zum Tee und fett gebackenen Hühnchenteilen, herzlicher Abschied auch von Frau Mtini und den Kindern. Vor dem Trauerhaus steinigt eine Kinderhorde einen verletzten Hund, der nicht mehr laufen kann (evtl. unter Auto geraten). Bin empört, will anhalten, ziehe aber sofort die Kindermeute auf mich, fahre weiter. Zu Hause waren Duffings13 zum „High Tea“ zu Besuch. Ich bin zu spät.

Wer ist Crosby? (Tagebuch)

Soll seit ein paar Tagen eine Mrs. Crosby anrufen. Kenne sie nicht. Unsere Sekretärin Frau Wolf konnte nicht herausfinden, was sie wollte. Heute 17.30 (seit 7.30 im Dienst) habe ich Zeit im Büro. Ein Mann meldet sich. Ich begehre, Mrs. Crosby zu sprechen. „Ai will si änd luk äraund, werr schi iß. Sprechen Sie Deutsch?“-„Ja!“-„Ich bin Herr Knemeyer. Sie kennen meinen Sohn!“-„Ach ja, Herr Knemeyer, natürlich! Aber wieso wohnt bei Ihnen Mrs. Crosby? Ist das die Mutter von Gloria?“-„Ja.“-„Aber die Mutter von Gloria heißt nicht Crosby!“- „Doch!“- „Nein, ich weiß genau, dass sie Msila heißt!“-„Msila? Nein, sie heißt Crosby! Aber vielleicht hat sie zwei Namen. Ich hol sie mal eben. Augenblick.“

Im Gespräch mit Glorias Mutter stellt sich heraus, dass sie mit Vornamen Crosby heißt. Ihr Nachname ist im Hause Knemeyer nicht bekannt, obwohl die Frau schon jahrelang dort arbeitet, dort wohnt und eine Vertrauensstellung genießt.

Der Konvertit

J.A. Semmelink ist Holländer und kam Ende der 60er Jahre nach Südafrika, um dort als Techniker zu arbeiten. Politik hatte er nicht im Sinn, aber er war auch so aufgeschlossen, dass er bald schwarze Freunde hatte. Da ließ er sich nichts vorschreiben. Die Folge war, dass der Apartheid-Staat ihn unter Beobachtung stellte.

Wir besuchen Matthew in Guguletu. Von Links: Matthew Cabadiya, Hilke, Inga und Hilde Erichsen (Familienbesuch aus Deutschland)

Vielleicht rettete ihn die Tatsache, dass er Ausländer war. Jedenfalls verliebte er sich in eine entzückende Sotho-Frau, und die Verfolgung durch staatliche Spitzel, die Einbestellungen und Vorhaltungen und Drohungen trieben ihn in die Solidarisierung mit der benachteiligten und gedemütigten Bevölkerungsmehrheit.

Vor acht Monaten lernte ich ihn als Vater von seinem Sohn Adelbert und seiner Tochter Teboho kennen, die beide in meine 9. Klasse (Standard 7) gehen. Er bot mir an, mit mir gemeinsam in die Townships zu fahren und Kontakte anzubahnen. So lernte ich Matthew kennen, der in Kapstadts berühmtesten Hotel Mount Nelson eine Art Personalrat war und gleichzeitig Elternvorsitzender in einer Sotho-Schule in Guguletu. Der Kontakt wurde erfolgreich hergestellt, und wieder hatte ich eine Partnerschule hinzugewonnen.

In der letzten Zeit wird deutlich, dass Semmelink kein pflegeleichter Freund der Deutschen Schule ist. Er kritisiert die Vorurteile der weißen Mitglieder der Schulgemeinschaft, unter denen auch seine Kinder leiden, wenn sie zum Beispiel morgens im Schulbus von kleinen Kindern wegen ihrer „schmutzigen“ Hautfarbe angequatscht werden. Oder wenn die Kommunikation zwischen Weiß und Schwarz an der Sprache scheitert. Oder wenn er darauf hinweist, dass die Fremdsprachenzweig-Klassen immer noch Apartheid-Klassen seien, weil es in ihnen keine weißen Kinder gebe. „Eigentlich will man uns gar nicht“, ist seine Schlussfolgerung, aber er gibt nicht auf. Im Juni hat er einen Brief an den Vorsitzenden des Auswärtigen Kulturausschusses Dr. Lothar Wittmann in Bonn geschrieben und sich über die DSK beschwert. Dr. Hermann10 und ich konnten ihn nicht davon abbringen, entsprechend sauer ist mein Schulleiter, weil hier der „Dienstweg“ nicht eingehalten wurde.

Im August habe ich mich an meine Klassenelternschaft gewandt, weil die 9. Klasse traditionell eine kurze Klassenfahrt durchführt. Der Wortlaut: „Ursprünglich wollte ich mit der Parallelklasse fahren. Aber die Kinder haben mir unmissverständlich klar gemacht, dass sie allein bleiben möchten. Ich habe es schon oft erlebt, dass Parallelklassen sich nicht unbedingt lieben, und ich habe keine Bedenken, diesem Wunsch Rechnung zu tragen (…) Wir werden im September eine Farm besuchen und dort zweimal übernachten. Zum Programm wird wahrscheinlich gehören: Praktische Arbeit in der Landwirtschaft, Wanderungen, Unterricht über die biodynamische Landwirtschaft und ein geselliger Abend, auf dem wir mehr über uns selbst lernen möchten.“

Am 23. August schreibt Semmelink als Vorsitzender des Klassen-Elternbeirats einen bitteren Brief an meinen Schulleiter Dr. Hermann. Die geplante Klassenfahrt habe doch, so Semmelink, einen sehr begrenzten pädagogischen Nutzen. Die Eltern seien sehr beunruhigt, dass die Deutsche Schule offensichtlich immer noch rassisch getrennt unterrichte und auch außerunterrichtliche Aktivitäten der Rassentrennung, wie sie der ehemalige Ministerpräsident Verwoerd eingeführt habe, unterlägen. Er möchte nicht, dass seine Kinder an der Deutschen Schule lernen, die Apartheid zu akzeptieren.

Ich bin entsetzt und enttäuscht. Ich habe gedacht, in Semmelink einen Mitstreiter gefunden zu haben, der mir in meiner schwierigen Aufgabe den Rücken stärkt. Er muss doch gewusst haben, dass integrierter Unterricht nur in den Fächern möglich ist, wo es keine sprachlichen Barrieren gibt, also in Englisch, Afrikaans, englischsprachige Mathematik, Sport und außerunterrichtliche Kurse. Er muss doch gewusst haben, dass es zahlreiche Anpassungsprobleme gibt, wenn eine ursprünglich deutsche Sprachgruppenschule sich der südafrikanischen Gesellschaft (als eine der ersten Schulen in Südafrika!) öffnet! Er muss doch wissen, dass Apartheid nicht durch eine Rede im Parlament oder durch die Änderung eines Gesetzes abgeschafft wird, sondern dass es ein langer Weg ist, die tief sitzenden Vorurteile der Menschen zu überwinden!

Klassenfahrt mit meiner 9. Klasse nach Wellington: Eine verpasste Gelegenheit zur Integration?

Werden denn alle unsere alltäglichen Bemühungen so wenig gewürdigt?

Ich habe Semmelink wohl falsch eingeschätzt. Er hat mir geholfen, in den Townships noch mehr Fuß zu fassen, und hat beobachtet, was ich daraus mache. Ich war so etwas wie seine letzte Hoffnung: Wenn der Erichsen das Steuer nicht herumreißt, dann bin ich fertig mit der Deutschen Schule, dann wird es Zeit, dass ich meine Entscheidung zur Einschulung meiner Kinder revidiere. Semmelink ist radikal in seinem Kampf gegen die Apartheid, er ist kein Mann des Übergangs, Verständnis ist von ihm nicht zu erwarten. Er erinnert mich an Konvertiten, die ihren neuen Glauben so vehement vertreten, dass ihre neuen Glaubensbrüder und –schwestern erschrecken.

Hermanns schriftliche Antwort an Semmelink war gut, aber vergeblich. Hermann weist ihn darauf hin, dass Methoden und Schritte der Integration wiederholt diskutiert worden sind und dass im Zentrum das Sprachenproblem steht. Er nimmt mich gegen die Vorwürfe in Schutz und hebt den Wert der geplanten Klassenfahrt hervor.

In der folgenden Elternversammlung nehme ich mit scharfen Worten Stellung und erreiche, dass die übrige Elternschaft der Klassenfahrt zustimmt. Die dann erfolgreich durchgeführt wird: Wir haben viel Spaß und lernen auch etwas. Aber Teboho und Adalbert sind nicht dabei.

Semmelink meldet sie Ende des Jahres ab. Sie sollen im nächsten Jahr an die „weiße“ Regierungsschule Westerford High. Zumindest die Sprache macht dort einiges leichter. Ein Zweifel bleibt. Habe ich eine Chance verpasst, als ich mich dem Wunsch der Klasse beugte? Gerade ich als Leiter des Fremdsprachenzweiges hätte die Gelegenheit zur Begegnung nutzen müssen! Oder wollte ich meinen Kritikern innerhalb der Schule zeigen, dass ich nicht einseitig politisch agiere, sondern als Mensch und Pädagoge unabhängig und integer bin? Den Gestrigen ein wenig entgegen kommen wollen – ist das nicht naiv?

Das Wiedersehen mit Namibia nach der Unabhängigkeit

Rundbrief

In ein paar Tagen ist schon der erste Advent, und sicherlich hängen bei euch schon viele Dekorationen. Die leckeren Plätzchen und Stollen liegen in den Auslagen der Bäckereien, und so manches Geschenk ist schon eingepackt.

Hier habe ich gerade einen deutschen Stollen von Bahlsen gekauft. Die Kinder haben sich gleich drauf gestürzt, und 23 Rand waren in zehn Minuten aufgegessen. Leider hat keiner von uns an Weihnachten gedacht. Wie sollten wir auch? Wir baden im Meer oder Pool bei herrlichstem Wetter, der South Eastern (der Südostwind ist besonders stark) bläst, man sitzt auf der Terrasse bei Erdbeertorte und soll an Advent denken? Selbst beim Genießen von Stollen ist das nicht drin.

Da wir nächste Woche umziehen1