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In dem Südwestafrika des vergangenen Jahrhunderts gibt es viel Fremdes und Faszinierendes und Nachdenklich-Machendes zu entdecken, das heute noch weitgehend Gültigkeit hat: Eine oft urweltliche Landschaft mit einer an das Wüsten- und Steppenklima hochangepassten Natur und der oft mühsame Existenzkampf der Menschen, die hier leben. Und nach und nach erschließt sich eine Ahnung vom Denken und Leben der Schwarzen, von den Auswirkungen der Apartheidspolitik, von der Entwicklung der Weißen, die so verschieden ist von der deutschen Wirklichkeit. Und wie ein roter Faden durchziehen den Bericht die oft bizarren Probleme einer privaten deutschen Auslandsschule in den 80-er Jahren. Herausgekommen ist eine interessante und erlebnisbetonte Landeskunde aus erster Hand, die den Lesern Zugang und Verständnis für das "Problem Namibia" erleichtert – und zwar nicht im distanzierten Stil der Wissenschaft, sondern mit der Wärme eines Betroffenen, der den Alltag erlebt und sich dennoch um Wahrheit und Ehrlichkeit bemüht. Im Nachwort wird die politische Entwicklung Namibias bis 2013 beleuchtet.
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Seitenzahl: 604
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Für meine Kinder,
Finn, Lena und Ole
Peter Erichsen
Beobachtungen und Erlebnisse aus Namibia
CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek
Erichsen, Peter:
Hoffnung auf Regen: Beobachtungen und Erlebnisse aus Namibia / Peter Erichsen.-
Zuerst erschienen:
Haag u. Herchen, Frankfurt am Main, 1988
ISBN 3-89228-235-8
© 2015 Peter Erichsen (Neuauflage)
www.peter-erichsen.de
Satz, Umschlagdesign: Bernd Oldörp, Hamburg
Druck und Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de
ISBN 978-3-7375-1961-8
"Hoffnung auf Regen, Beobachtungen und Erlebnisse aus Namibia", erschien 1988. Seitdem sind 25 Jahre vergangen. Was soll jetzt noch eine Neuauflage?
Nun, zunächst möge der Leser darüber entscheiden, was er davon hält. Für den Autor ist das Risiko einer Neuauflage nicht mehr so groß wie 1988, heute gibt es einfachere Möglichkeiten, ein Buch veröffentlichen zu lassen.
Allerdings, die Leser von damals erfreuten mich mit dem Lob, mir sei eine eindrucksvolle Beschreibung von Land, Natur und Menschen gelungen. Wenn das so ist, dann hat dieser Text auch heute noch seine Bedeutung für diejenigen, die das Land bereisen.
Was aber ist mit der historischen Bestandsaufnahme? Die Rechtlosigkeit und Armut der schwarzen Bevölkerung damals? Die mühsamen, fast hoffnungslosen Bemühungen um eine künftige Nation? Hat die Unabhängigkeit nicht alle Beobachtungen von damals zu zeithistorischen Fußnoten gemacht, die nur noch für geschichtlich interessierte Leser bedeutsam sind?
Schön wär’s.
Als ich das Land 1990 von meiner neuen Wirkungsstätte Kapstadt aus bereiste, war von den Jubelfeiern der Unabhängigkeit nicht mehr viel zu spüren. Alles war wie immer, und in Karibib machten sich weiße Jugendliche an unserem Bus zu schaffen, den wir auf dem Innenhof eines Hotels abgestellt hatten. Die dunklen Gestalten kamen uns sehr bekannt vor, die Kunde von den Erichsens, den Nestbeschmutzern, die das Buch über ihr „schönes Südwest“ geschrieben hatten, hatte sich schnell herumgesprochen. Der Umstand, dass sich meine Frau in dem Auto aufhielt und aufschrak, hat wohl Schlimmeres verhindert.
Dieser Vorfall von damals erscheint uns heute symptomatisch. Die Entwicklung bis zum Jahre 2013 zeigt: Viele weiße Namibier fühlen sich immer noch als Südwester und beteiligen sich kaum am Aufbau einer neuen Nation, die nicht die ihre ist. Dabei können sie froh sein, dass sie unter dem Dach einer fortschrittlichen Verfassung von der Regierung weitestgehend in Ruhe gelassen werden. Unregierbarkeit und blutige Auseinandersetzungen wie in anderen afrikanischen Regionen blieben Namibia erspart.
Aber vielleicht sind die neuen Herren in Windhoek nur deshalb so friedlich, weil es ihnen so gut geht: Von der Rhetorik der Freiheitskampfes ist dann und wann noch etwas zu spüren, und es ist auch nicht zu unterschätzen, was die Unabhängigkeit vom weißen Südafrika in den Köpfen vieler schwarzer Menschen positiv verändert hat. Aber die satte absolute Dauermehrheit im Parlament macht träge, Korruption und Machtmissbrauch haben sich ausgebreitet. Der Kampf für ein besseres Leben im einfachen Volk ist zu mühsam, zu riskant und könnte das eigene Wohlleben gefährden – so scheint es. Kritik könnte den Politikern Beine machen, aber Kritik ist das, was sie am wenigsten mögen. Weitere Ausführungen zu dieser Thematik gibt es im Nachwort zu lesen.
Es ist also eigentlich alles wie immer. Wer das vorliegende Buch aus dem Jahre 1988 liest, wird über weite Strecken auch das heutige Namibia wiederfinden.
Peter Erichsen
Vorwort zur Neuauflage 2014
Vorwort
1983
MIT FAMILIE NACH AFRIKA
DIE FARM
ALSO AUF NACH KARIBIB!
WINDHOEK
FLEISCHJAGD
GEFAHREN
EINZUG
SCHWIERIGE LAGE
AM TUNNEL
EINKAUFEN
KEGELN
ANGELAUSFLUG
DISKUSSIONEN IN DER SCHULE
OSTERAUSFLUG
RUDOLPH
ERIKA UND MARGARETHE
OVAMBOLAND
SWAKOPMUND
TODFEINDE
ERONGO
HEREROS
WÜSTENFAHRT
WEBSCHULE
2000 KILOMETER
1984
LAND DER WAFFEN
SÜNDENFALL
BUSCHMANN-PARADIES
EDELSTEINE
GARTEN
KULTUR
REGEN
DIE ZEIT DANACH
PETITION
VIELPARTEIEN-KONFERENZ
SIND SCHWARZE MENSCHEN?
HEIMATURLAUB
ENDZEITSTIMMUNG
WEISSE DAME
VERIRRT
BLAUE BRIEFE
SOSSUSVLEI
WENN ES KRIEG GIBT...
GROSS BARMEN
AUS KARIBIBS GESELLSCHAFT
BEINBRUCH
WAS UNS TRENNT
WIEDER IN DEN SÜDEN
1985
RICHTUNG LÜDERITZ
REGEN 85
INS GRÜNE
APARTHEID UND RASSISMUS
EINE KIRCHLICHE VERANSTALTUNG
ANDERE VERSAMMLUNGEN
DAMARALAND
TSUNEB-CORPORATION-LIMITED
WATERBERG
WIRTSCHAFTSFRAGEN
ER HATTE JA DIE WAHL!
TAG DES BAUMES
DAS KÜNFTIGE NAMIBIA
OTJIMBINGWE
DER AUFSTAND
ABSCHIED VON MARGARETHE
AKTUELLE MELDUNGEN
DAS WAR´S.
ENTWICKLUNGEN SEIT 1985
ANMERKUNGEN
WIE ES POLITISCH WEITERGING
Drei Jahre durften wir in Namibia/Südwestafrika leben, von 1983 bis Ende 1985.
Wir – das sind: Imme, meine Frau, und die drei Kinder Finn, Lena und Ole, zum Zeitpunkt der Einreise im Alter von 5, 3 und 1. Und ich, der Lehrer, mit einem 3-Jahres-Vertrag in der Tasche. Im Auftrag und durch Vermittlung des Bundesverwaltungsamtes in Köln sollte ich einer kleinen Sprachgruppenschule dienen, ihr helfen, Deutsch als Muttersprache (und damit letztlich auch als „Weltsprache“) zu erhalten und zu pflegen, und den Menschen in Namibia ein lebendiges und aktualisiertes Bild von der heutigen Bundesrepublik vermitteln – und damit ein wesentliches Ziel der auswärtigen Kulturpolitik erfüllen.
So packte eine Familie ihre Sachen, lagerte Möbel ein, löste den Haushalt auf und verabschiedete sich von Freunden und Verwandten, bewundert, beneidet und bedauert wegen der drohenden, lauernden, lockenden Ungewissheit, die angeblich, vermutlich oder tatsächlich vor ihr lag.
„Habt ihr euch wieder eingelebt?“, war die Standardfrage noch lange nach unserer Rückkehr aus Afrika. Natürlich hatten wir uns eingelebt, die drei Jahre hatten uns nicht entwurzelt. Vieles war erschreckend normal gewesen. Wir waren zwar um den halben Erdball geflogen, aber als wir dann schließlich eintrafen, standen wir auf der Erde, atmeten ihre Luft und hörten die Spatzen, die Weltbürger, in den Ästen der Bäume. Auch die Menschen waren so, wie wir sie kannten: In jeder Beziehung unvollkommen.
Und dennoch: Es gab so viel Fremdes und Faszinierendes und Nachdenklich-Machendes zu entdecken: Eine oft urweltliche Landschaft mit einer an das Wüsten- und Steppenklima hochangepassten Natur und der oft mühsame Existenzkampf der Menschen, die hier leben. Und nach und nach erschloss sich uns auch eine Ahnung vom Denken und Leben der Schwarzen, von den Auswirkungen der Apartheidspolitik, von der Entwicklung der Weißen, die so verschieden ist von unserer bundesrepublikanischen Wirklichkeit. Und wie ein roter Faden durchziehen den Bericht die oft bizarren Probleme einer privaten deutschen Auslandsschule.
Herausgekommen ist – wie ich hoffe – eine interessante und erlebnisbetonte Landeskunde aus erster Hand, die meinen Lesern Zugang und Verständnis für das „Problem Namibia“ erleichtert – und zwar nicht im distanzierten Stil der Wissenschaft, sondern mit der Wärme eines Betroffenen, der den Alltag erlebt und sich dennoch um Wahrheit und Ehrlichkeit bemüht.
Vielleicht kann ich so auch Leser ansprechen, die nicht an eine gemeinsame Zukunft von Schwarz und Weiß glauben. Vielleicht kann ich sie mit einigen Beobachtungen und Schlussfolgerungen überraschen, so dass sie mich nicht (sofort) in eine viel zu enge Schublade stecken...
Eins ist klar: Wer über Namibia oder auch Südafrika schreibt, kann Politik nicht ausklammern und wird je nach geistigem Hintergrund auch Stellung beziehen, denn hier geht es nicht um eine heile Welt aus „Braaivleis“ und Safari, sondern um einen schmerzenden Menschheitskonflikt, der empfindlich ist wie eine offene Wunde.
Peter Erichsen
Über Windhoek tobt ein Unwetter. Wir können nicht landen – fliegen weiter nach Keetmanshoop, Richtung Süden. Die Kinder nörgeln. Ole weint, klagt über Ohrenschmerzen, spuckt seiner Mutter den Overall voll.
Nun wird’s doch noch kritisch. Ungefähr siebzehn Stunden fliegen wir jetzt – mit einer Stunde Unterbrechung in Frankfurt, sechs Stunden in Johannesburg und einer halben Stunde in Upington.
Bis Johannesburg hat der Vorrat an selbst verordneter Beherrschung und Gelassenheit gereicht. Dass die Lufthansa trotz zahlreicher Telefonate nun doch keine zusammen hängenden, am Gang liegenden Plätze für uns vorgesehen hatte, ja angeblich nicht einmal wusste, dass wir einen Säugling und zwei Kleinkinder dabei hatten – Imme, meine Frau, trägt es mit einer Fassung, zu der man nur in außergewöhnlichen Lebenslagen fähig ist. Dass schon im Anflug auf Frankfurt, also gewissermaßen noch zu Hause, bevor überhaupt der Ernst der Sache beginnt – dass also im Anflug auf Frankfurt drei Gläser mit Babynahrung das Innere einer Reisetasche verheeren, verleitet mich nicht zu billigem Triumph, mich, der ich vorher vergeblich vor diesem Versorgungs-Perfektionismus meiner Frau gewarnt hatte. Auch den hierdurch eingetretenen Verlust meines besten weißen Hemdes verkrafte ich angesichts der großen Dinge, die vor uns liegen. Dass Imme sich beim Säubern der Reisetasche tief und farbenfroh den Finger schneidet, ist so typisch für sie, dass ich eben deshalb ihr mit menschlicher Größe entgegen trete.
Die endlosen Gangsysteme des Frankfurter Flughafens waren schon bedrückend. Es schien, wir sollten von dieser Erde Abschied nehmen. Dass sich Imme schließlich an der Passkontrolle mitsamt des Gepäcks so allein fühlte und den Rest der Familie ausrufen lassen musste, weil ich in dieser unterirdischen Kälte den ausgerissenen Ole suchte und dabei für meine Kinder eine Käsebrötchenhälfte zu je sechs Mark fand, das hob nicht die Stimmung, zumal das kostenlose Abendbrot anschließend an Bord der Lufthansa-Maschine nahezu unangetastet blieb.
Das alles kommt nicht unerwartet. Im Prinzip sind wir darauf vorbereitet. Doch die eigentliche Bewährungsprobe ist vielleicht gar nicht das Durchstehen spektakulärer Vorfälle, sondern das Meistern des folgenden Kleinkriegs, der in undramatischer Stille stattfindet.
Nur die unmittelbare Nachbarschaft erfährt von der unendlichen Geduld, mit der die Eltern zum hundertsten Male den Durst der Kinder löschen und ihren Hunger stillen, sie auf und unter den Sitzen zur Nachtruhe betten, uralten Streit schlichten und ihrer dreijährigen Tochter auf besonderen Wunsch den englischen Originalton von „Falling in Love“ im Kopfhörer einstellen. Selbst das wütende Wortgefecht zwischen Vater und Mutter, das sich in solchen Situationen wie selbstverständlich einzustellen pflegt, bleibt unterkühlt, da es ja vorauszusehen war.
Und dann, wenn alles ruhig ist und die letzten Leselampen im dezent dröhnenden Jumbo ausgehen und nur noch hier und da ein Fluggast im Dunkeln seinen Whisky nippt, dann beginnt das quälende Kämpfen und Ringen um eine Mütze voll Schlaf. Ein Königreich für eine Mütze voll Schlaf! Aber der auch im Liegesitz gekrümmte Körper findet die nötige Entspannung nicht, die Beine sind mal wieder zu lang für diese Welt.
Ich weiß nicht, mit welch dumpfem Gleichmut die meisten Menschen dies alles ertragen. Die Tatsache, dass es so viele sind, schmälert unsere Leistung nicht. Drei Jahre Namibia liegen vor uns. Dafür lohnt es sich zu leiden.
Auf dem Flughafen in Johannesburg nehmen wir fünf Koffer begleitetes Fluggepäck in Empfang, um es durch den Zoll zu schleusen. Die versprochene Hilfe des Flugzeug- und Flughafenpersonals für Familien mit Kindern wird uns auch hier nicht zuteil. Werbeversprechungen dürfen nie ernst genommen werden – das wissen wir aus langjähriger Konsumerfahrung.
Die Suche nach einem fehlenden Koffer ist nur ein Ereignis am Rande. Meine Suche nach einer anständigen Beseitigungsmöglichkeit für Oles vollgekackte Windel findet erst ein Ende, als mir eine schwarze Putzfrau diese Last abnimmt. Die Fahrt mit dem Hotelbus beschert uns schwarze Mitfahrer. Auch hier sind wir nicht überrascht. Dass wir uns im Apartheid-Staat befinden, ist uns noch nicht bewusst.
Die Kinder sind relativ gut ausgeschlafen, und so bringen uns die drei Stunden im Hotelzimmer auch nicht die ersehnte Ruhe. Wir gehen abwechselnd in den Hotel-Innenhof, genießen am Swimmingpool eine Erfrischung und beobachten die weißen Gäste und ihr schwarzes Personal.
Der Vorrat an selbst verordneter Beherrschung und Gelassenheit hat bis jetzt gereicht. Aber Ausdauer fehlt nun doch. Wir sind einfach schon zu lange unterwegs.
Ungeduld stellt sich ein und überträgt sich auf die ohnehin schon ungeduldigen Kinder. Wir wollen jetzt, bitte sehr, sofort da sein! Aber der kleine SAA-Jet auf „Inlandsflug“ von der Republik Südafrika nach Namibia/Südwestafrika schaukelt einem Unwetter entgegen, und als wir in Keetmanshoop in schwarzer Nacht landen, da hat Ole seiner entnervten Mutter den Overall nass gespuckt. Da helfen auch die freundlichen Südwester nicht, unsere Mitreisenden: Der Besitzer einer Getreidemühle, der aus einem Dorf in der Nähe meiner Heimatstadt stammt und einen Schulfreund von mir kennt. Der Versicherungsagent, der unsere Verwandten kennt, die auf dem Windhoeker Flughafen bisher vergeblich auf uns warten.
Als ich dem klimatisierten Flugzeug entsteige, um etwas frische Luft zu schnuppern, schlägt es mich fast um. Die schwarze Nacht umfasst mich mit heißen weichen Fingern. Ich glaube sie anfassen, mich in sie hineinlegen zu können. Nie habe ich Luft so sehr als Materie verstanden wie in diesem Augenblick – auch ein steifer norddeutscher Nordwest kommt da nicht mit, und nasse Sachen trocknen im Nu.
Als wir gegen Mitternacht in Windhoek landen, beseelt uns nur ein Gedanke: Irgendwo in einem Hotelzimmer zur Ruhe kommen. Aber Ulla, die Farmersfrau, die uns eingeladen hatte, die erste Zeit auf der Farm zu verbringen, macht uns mit Nachdruck einen Strich durch die Rechnung. Zwar ist sie, um uns in Empfang nehmen zu können, mit ihrem Mercedes-Diesel schon rund 300 km gefahren, aber das stört sie nicht. Sie will jetzt noch zur Farm zurück, das sind weitere 300 Kilometer. Würden wir am Morgen fahren, kämen wir zu sehr in die Tageshitze hinein. Dem Landeskundigen wollen wir uns beugen – auch das hatten wir uns vorgenommen.
Das ist unsere erste Begegnung mit Südwest: Im Scheinwerferlicht dahinhuschende Akazien links und rechts, oft groß, silbrig aufleuchtender Weißdorn, dann wieder eichenähnlich knorrig gewachsener Kameldorn, dahinter zurücktretend eine immer gleich bleibende Wand aus dichtem Busch.
Einmal sehen wir im letzten Augenblick des vorwärts strebenden Lichts Hörner und Kopf eines Kudubullen. Leuchtende Augenpaare sind auf uns gerichtet, Schakale, wie wir erfahren. Sie werden hier umgefahren wie in Deutschland die Kaninchen und Igel. Wir werden informiert: Für den Autofahrer ist das Wild eine weit größere Gefahr als in Deutschland, trotz der Kuduseuche, die kürzlich den Bestand bedrohlich vermindert hat. Aber es wird auch zu viel gejagt, besonders die Buren gelten schon seit altersher als besonders rücksichtslos. Auch die Trophäenjäger aus Übersee, die Amerikaner zum Beispiel, die mit dem Zollstock zur Jagd gehen. So fahren wir und fahren, reden ein wenig oder nicken kurz ein. Draußen sehe ich nur einmal eine Ortschaft. Zwischen drei und vier Uhr morgens verlassen wir die Teerpad1. Der dunkle Busch links und rechts tritt näher an uns heran, der Weg vor uns ist aus Schotter, dann aus rotem Sand.
Das muss man auch erst lernen, auf diesen Scrapper-Pads2 zu fahren, man rutscht leicht weg, und wenn sie ausgefahren sind oder tiefgründig weich, dann musst du in der Spur bleiben, auch wenn sie durch tiefste Pfützen führt ... Mag sein, denken wir, jetzt möchten wir aber erstmal ankommen. Später erfahren wir am eigenen Leibe, dass unsere Fahrerin recht hat ...
Dann taucht aus der Finsternis ein weißes Dreieck auf, schält sich heraus, entpuppt sich als langgestrecktes flaches Haus, beleuchtet, hinter Drahtzäunen.
Die Fahrt war ermüdend und aufregend zugleich: Träumten oder wachten wir? Geschah etwas mit uns oder waren wir selbst die Handelnden? Es dauerte alles so lange, und doch sind wir jetzt plötzlich da! Überraschung, Erstaunen, auch ein leiser und innerer Jubel erfüllen uns. Gespannt und abgespannt zugleich steigen wir aus in die afrikanische Nacht. Hundegebell, Grillenkonzert, fremde Vogellaute und ein großer, großer Himmel mit Sternen, wie wir sie in dieser Klarheit nie sahen.
Dennoch macht es einige Mühe, etwas Munterkeit für die Begrüßung zusammen zu kratzen. „Ich bin Peter!“, bringe ich lächelnd heraus, und Hinrich antwortet mit einem norddeutschen „Jo“, wortkarg und trocken nach Art der Familie. Aber es ist ja auch schon 5 Uhr morgens.
Heiß brennt die Sonne, als wir nach kurzem Schlaf ins Freie treten. Schnell wird uns klar, dass wir Hüte tragen müssen, und wir suchen den Schatten, treten heraus aus der blendend hellen Luft, über die sich der makellos blaue Himmel streckt. Sonntagsruhe liegt über der Farm – aber das bedeutet nicht, dass es still wäre. Durchdringendes Pfeifen der Singzikaden liegt in der Luft, auch Grillenmusik mischt sich dazwischen, und hin und wieder das grobschlächtige, stoßartige Alarmgeschrei der Sandhühner im nahen Busch rundum, dieses heisere Stakkato, das allmählich verebbt und wieder versinkt im fast schmerzhaft hohen Dauerton der Zikaden.
Auch die kräftigen „Irish Terrier“ unserer Gastgeber sorgen für akustische Abwechslung, wenn irgendetwas Fremdes sich regt oder unsere Kinder ihrem Verhau zu nahe kommen. Oder auf der dreihundert Meter entfernt liegenden Locasi, wo die Familien der schwarzen Farmarbeiter wohnen, schreit ein Donkie, wie der Esel hier genannt wird. Sein heiseres Quietschen, mit mechanischer Genauigkeit mehrmals wiederholt, hat wenig Ähnlichkeit mit dem Wohlklang eines „I – A“, erinnert mich eher an die harte Arbeit eines schlecht geölten Windrades, das hier überall im Farmgebiet das Wasser aus der Tiefe holt.
Die beiden Gästezimmer bilden den rückwärtigen Teil der Farmgarage. Die Türen führen direkt ins Freie, in den Hof zwischen der äußeren und inneren Umzäunung. Da steht auch ein kleines Klo-häuschen mit Wasserspülung, ein kleiner Frosch hat sich ins Keramikbecken verirrt und sorgt für Aufregung bei den ohnehin aufgeregten Kindern.
Dünnen Schatten finden wir unter einer mächtigen Weißdornakazie, deren altersschwere Äste durch Eisenringe und Stangen gestützt werden. Die eindrucksvollen vier bis fünf Zentimeter langen weißlichen Dornen geben fast mehr Schatten als die winzigen Fiederblättchen.
Wir haben Angst um die nackten Füße unserer Kinder, und so beginnt hier schon Immes nervenaufreibender Kampf um das Schuhe anziehen. Mal ist der Boden zum Verbrennen heiß, mal liegen auf ihm Dornen oder „Pieker“ oder die Fliesen im Innern der Häuser sind zu kalt, mal empfiehlt es sich als Schutz gegen Schlangen und Skorpione – ein Grund fürs Schuhe tragen findet sich immer für mitteleuropäische Eltern.
Es ist fast unerträglich heiß, etwa 40 Grad Celsius. Aber leichte, möglichst baumwollene T-Shirts sollen wir trotzdem tragen, die Verdunstungskälte auf der Haut birgt Erkältungsgefahren.
Aber wir können baden. Hinter dem weiß getünchten Farmhaus steht auf einer Anhöhe ein Betonring, etwa 1.80 Meter hoch und vier Meter im Durchmesser. Hier hinein wird das Grundwasser gepumpt, das die Windräder fördern, und von hier fließt es wieder hinab zu den Wasserhähnen des Farmhauses. Wir packen unsere Badesachen und gehen eine kurze Strecke durch die Sonne, durchqueren die innere Umzäunung, an den Zitrusbäumen vorbei, an dem kreisrund gemauerten Kühler, an der Küche des Farmhauses, wo zwei schwarze „Weiber“ arbeiten, schließen wieder sorgfältig zwei Zauntore hinter uns und ersteigen so das doppelt gesicherte Wasserreservoir.
Es ist kurz vorher gerade gereinigt worden. Nur auf dem Boden ist es noch etwas glatt von Algenbewuchs. In dem klaren Wasser schwimmen zahlreiche Kaulquappen, schwarz und silbrig gesprenkelt, in allen Größen, und zwischen schillernden, treibenden Käferleichen huschen Wasserläufer hin und her.
Erschrockene Vögel steigen auf aus dem trockenen Gebüsch ringsum, als unsere drei Kinder mit ihren lustigroten Schwimmärmeln das herrlich frische Wasser erobern. Die Sehnsucht nach Wasser, und wie sie sich erfüllt!
Aber genauso faszinierend ist der Rundblick von hier oben! Eingetaucht drehe ich mich langsam auf einem Bein, während die Sonne mein Haarpolster aufheizt, und genieße das 360-Grad-Panorama. Das Land ist eine Ebene, besonders im Osten und Norden gleitet der Blick über endlosen Busch und findet keine Grenze. Irgendwo dort, vielleicht 40 Kilometer entfernt, liegt der nächste Ort, Otjiwarongo. In unmittelbarer Nähe des Farmhauses erkennen wir die Viehkräle, eine kreisrunde Viehtränke, Vorratsgebäude mit Windmotor, landwirtschaftliche Maschinen, Wellblechdächer und dünne Rauchsäulen: die Locasi oder auch „Werft“ mit den wenig ursprünglichen „Pontoks“, wie die Behausungen der Schwarzen überall genannt werden. Und dazwischen immer wieder die unvermeidlichen Termitenhügel, oft regelrechte Dome aus Sand, zwei bis vier Meter hoch, je nach Bodenbeschaffenheit mal kalkig-weiß oder lehmig-beige oder sandig-rot.
Im Westen fällt unser Blick auf eine Bergkette. Die Grenze der 9000 Hektar großen Farm führt oben auf dem Grat entlang, alles ist mit Busch bewachsen, nur selten sehen wir nackte Felswände hervorglänzen.
Im Anschluss daran steht im Süden ein markanter Kegelberg, der Paresis, der wie ein Markenzeichen die Farm beherrscht, und durch den freibleibenden Einschnitt in der Südwestecke führt die Farmpad in Richtung Süden – der nächste Nachbar, hinter den Bergen, wohnt 15 Kilometer entfernt.
Vom Paresis-Berg führt ein schmaler, holperiger Weg auf uns zu, auf das gerodete Schussfeld rund um den äußeren Zaun, auf das Haupttor und zeigt mit fast barocker Symmetrie durch die Pforte der inneren Umzäunung durch den Garten genau auf die Mitte des langgestreckten, flachdachigen, blechgedeckten Farmhauses, dorthin, wo sich die Haustür befindet, die bei jedem Öffnen zweistimmig klingelt.
Der Garten des inneren Kreises ist durch Zäune aufgeteilt. Links und rechts liegen Zitrus- und Gemüsegärten mit dem Hundezwinger, aber vor der schmucklosen Hausfront blüht um einen grünen Rasen herum Hibiscus und Bougainvillea, und es duftet nach Oleander und Apfelsinenblüten.
Unter dem Wohngebäude einer größeren Farm haben wir uns mehr vorgestellt, etwas mehr Pracht am Bau, vielleicht ein bisschen „vom Winde verweht“ – aber unsere Gastgeber wohnen sehr einfach. Es ist nicht nur das Farmhaus, das sie vor 13 Jahren übernommen haben, als sie ihren landwirtschaftlichen Betrieb in der Bundesrepublik an die ansiedlungswillige Großindustrie verkauft hatten. Auch die Einrichtung, die Küche zum Beispiel, verrät keine großen Bedürfnisse.
Aber was reden wir! Wir Bundesdeutschen wissen nicht, welche Folgen eine Bevölkerungsdichte von einer Person pro Quadratkilometer hat! Mehr Menschen, mehr Kaufkraft, mehr Werbung – und schon reicht der abgestoßene Milchtopf nicht mehr, schon fühlt man sich unwohl auf dem ewig knitterigen Läufer, schon meint man mithalten zu müssen mit den ewig konsumierenden, renommierenden Nachbarn, die man täglich sehen muss.
15 Kilometer vom nächsten Nachbarn, 40 Kilometer vom nächsten Ort entfernt – an städtisches oder gar großstädtisches Leben ist nicht zu denken. Wo Geselligkeit selten ist, werden offizielle Anlässe wie die Beerdigungen zum gesellschaftlichen Ereignis. Dafür fahren die Leute auch ohne Bedenken 200 Kilometer. Aber die geringe Bevölkerungszahl – deutschsprachige Südwester dürfte es höchstens 20.000 geben – bringt es mit sich, dass sie dennoch unter sich bleiben. Überall kennt man sich, gibt es verwandtschaftliche Beziehungen – eine solche Gemeinschaft ändert sich nur langsam, lässt nur nach heftigem Abwehrkampf Neues oder Fremdes an sich heran.
Der gesamten südlichen Fassade des Hauses war ursprünglich eine lange, überdachte Veranda vorgebaut, die dann später geschlossen wurde. Heute ist es ein langer Flur, von dem aus man sämtliche Räume erreichen kann, die ihrerseits zum Teil noch die alten Fenster haben. Auf diesem Flur sitzen wir oft, wenn wir auf die Mahlzeiten warten. Die Möbel, die Illustrierten auf dem Tisch, die Garderobe an der Wand erinnern mich an ein Wartezimmer beim Arzt. In einer Flurecke steht eine von den mit Petroleum geheizten Tiefkühltruhen.
In diesen Tagen gibt es in den Abendstunden regelrechte Insekteninvasionen. Sie stürzen sich auf uns, setzen sich auf unsere Haut, vom Falter bis zum Kerbtier von der Größe unserer Junikäfer, brummen und summen, dass wir nur noch um uns schlagen. Aber jede Abwehr ist aussichtslos. Wenn wir hastig die klingelnde Haustür hinter uns zugeworfen haben, ist es wieder einer Insektenwolke gelungen, die knappe Öffnung zu nutzen. Wir sollten duldsamer werden, unserer Nerven wegen.
Die Hausfrau sieht es nicht gerne, dass ich mich als Mann in der Küche nützlich mache. Das erklärt, warum ich hier oft allein mit Hinrich und den sonst doch nur störenden Kindern warte. Auch nach dem Essen machen sich die Männer schnell aus dem Staub – aber nur bei mir hinterlässt das ein anerzogen schlechtes Gewissen. Morgens und mittags helfen ein oder zwei „Weiber“ von der Locasi. Die Frau des Hauses lässt kein gutes Haar an ihnen: Sie sind unzuverlässig und dumm. Nur Kinder können sie kriegen – und die sitzen dann oft geduldig vor der Küchentür und warten, bis ihre Mutter fertig ist. Hinrich ist nach Meinung seiner Frau zu gutmütig gegenüber seinen „lieben Negerlein“, hat zu viel Verständnis.
Was sie damit meint, wird klar, wenn wir mit Hinrich allein sind und ihn auf seinen täglichen Kontrollfahrten über die Farm begleiten. Dann legt er seine „Platten“ auf, dann philosophiert er zum soundsovielten Male über Gott und die Welt, und er braucht nicht unbedingt Reaktionen, wenn er so richtig loslegt. Und da für uns alles neu und interessant ist, findet er gute Zuhörer.
So erfahren wir von acht Schülern, die er sich von der benachbarten staatlichen Versuchsfarm geholt hat, zum Maishacken. Die einfachsten Handgriffe muss er immer wieder erklären und einüben, es ist zum Verzweifeln. Händeringend lässt Hinrich sein Steuer los, so sehr erregt ihn das. Aber seine eigenen Leute sind nicht viel besser. Da sollen sie zum Beispiel Mais nachsäen. Aber anstatt nun Reihe für Reihe systematisch vorzugehen, laufen sie einfach so ins Feld. Das können sie einfach nicht, dafür haben sie einfach keinen Sinn.
Wir hören von dem jungen Schwarzen, der vorhin den Hofplatz harkte: Er ist Vater zweier Kinder und ist mit seiner Familie vor einiger Zeit von einer benachbarten Farm gekommen (50 km). Als die Frau Heimweh bekam, schickte er sie und die Kinder „in den Tabak“ und nahm sich eine 16-Jährige von der Locasi.
Oder die Geschichte von Paul: Ein guter Arbeiter (das gibt es also auch!), seit acht Jahren auf der Farm. Aber seine vitale Frau macht ihn systematisch kaputt, sie geht fremd. Eines Tages schließt sie sich als „Marketenderin“ einer politischen Wahlkampftruppe von der DTA (Demokratische Turnhallenallianz) an, herausgeputzt mit Kleid, Hut und Stöckelschuhen. Das gibt ihrem Mann den Rest. Er erklärt seinem Baas: „Mister, ich gehe morgen weg.“ Sprach’s und ward nicht mehr gesehen. Hinrich: „War immer ehrlich, und jetzt hat der Hund meine Drahtzange mitgenommen!“ Das Werkzeug, Wert 20 Rand, findet sich jedoch später wieder an.
Oder die Geschichte von dem „Aussteiger“ Ben, einem Schwarzen aus der Republik, der dort in den Goldminen gutes Geld gemacht hatte und sich einen Goldzahn ins Gebiss bauen ließ. Dann wurde er krank und verließ aus irgendeinem Grunde seine Heimat. Nun lebt er auf Hinrichs Farm als Ziegenhirt, wandelt anspruchslos, fast heiter seiner Herde hinterher, ein Außenseiter, hager, mit einem silbern aussehenden Ring im Ohr und dem Alkohol ergeben. Hinrich hält ihn für sehr intelligent, aber er macht nichts mehr daraus. Immer wenn Ben am Zauntor steht, nach seinem Mister ruft und um 10 Rand Vorschuss bittet, dann weiß der Farmer: Elisabeth ist wieder da und erleichtert die Männer auf der Locasi um ihr bisschen Geld. Einmal bin ich dabei, als Hinrich ihm wenig glaubhaft erklärt, er habe selbst kein Geld, er müsse erst zur Bank. Schließlich gibt er ihm einen kleinen Betrag, und ich hoffe nur, dass es zur Beseitigung eines vorübergehenden Notstands reicht...
Wir spüren: Hinrich beschäftigt sich mit seinen Leuten. Er registriert nicht nur ihr Versagen bei der Beachtung mitteleuropäischer Wertvorstellungen. Er geht weiter, versucht menschliche Dimensionen zu erfassen. Das ist in diesem Land nicht selbstverständlich, wie wir noch oft erfahren werden. Hier ist ein Urteil schnell bei der Hand, oder besser, was die Schwarzen betrifft: Es ist seit vielen Jahrzehnten fertig, seitdem wenig verändert worden.
Theodor Leutwein, erster Gouverneur von Deutsch-Südwestafrika, hatte noch ein recht ausgewogenes Urteil. Seine 1909 veröffentlichen Erinnerungen enthalten eine Reihe Beispiele dafür. Er wehrt sich sogar gegen Vereinfachungen und Vorurteile, die damals natürlich schon weit verbreitet waren. Spätestens seit den „Eingeborenenaufständen“ 1904-1907, in deren Folge mehr und mehr apartheidstypische Bestimmungen das Nebeneinander regeln, haben intellektuell redliche Einschätzungen keine Chance mehr.
Nachdem in unserer Zeit die Schwarzen Afrikas mit Ausnahme Namibias und Südafrikas ihre Erfahrungen mit einer rechtlichen Unabhängigkeit machen durften und ihre Lern- und Bildungsfähigkeit grundsätzlich nicht mehr angezweifelt werden kann, gibt es eine Neubesinnung. Aber sie setzt sich erschreckend langsam durch in einem Land wie Namibia, in dem die Weißen etwas zu verlieren haben.
Aber wie weit dringt Hinrich vor bei der Erforschung der schwarzen Seele? Weiß er, was man so redet, abends an den Feuern vor den „Pontoks“, wenn man sich unbeobachtet fühlt? Was weiß er von Liebe, Zorn und Wut? Kennt er ihre Geschichten?
Er und seine Frau und die meisten Weißen in diesem Land kennen nur ein Nebeneinander der Rassen. Nie waren sie bereit, miteinander zu leben, ihr Urteil ist von äußerlichen Wahrnehmungen geprägt.
Oft geriet ich in der Folgezeit ungewollt in Gesprächssituationen, die mich darüber belehren sollten, dass ich ein Greenhorn sei und auch eins bleiben würde – ein Dscherrieländer eben, einer von den Neunmalklugen von drüben. „Leb du erst mal zehn Jahre mit den Schwarzen, dann kannst du vielleicht mitreden!“ Mal sollte die Probezeit zehn Jahre dauern, mal sechs, mal zwanzig Jahre, je nachdem, wie verbittert mein Gesprächspartner gerade war, jedenfalls unerreichbar für mich. Meist hatte ich für diese Zurechtweisung gar keinen Anlass gegeben, es sei denn durch meine bloße Anwesenheit.
Und immer deutlicher entlarvte sich das Scheinargument: Keiner von den Südwestern hatte jemals mit den Schwarzen gelebt. Und auch ein Schwarzer hält das kaum für eine realistische Möglichkeit. Nicht nur die Weißen leben „apart“, auch die Schwarzen zeigen kein erkennbares Interesse an den Stämmen der Weißen. Sie sind seit vielen Jahrzehnten daran gewöhnt, von ihnen abhängig zu sein. Ihre besonders auf dem Lande oft hündische Unterwürfigkeit mit ihren Verbeugungen und ihrem ständigen „Ja, Mister! Ja, Missis!“ kam uns vor wie ein automatisiertes Verhalten, mit dem sich leidlich leben lässt und hinter dem man trefflich seine wahre Identität verbergen kann.
Wenn wir in Europa von Völkerverständigung reden, dann meinen wir den Versuch, durch gegenseitige Besuche, persönliche Kontakte, das Lernen der anderen Sprache, durch Leben in den anderen Familien die anderen zu verstehen, uns mit ihnen zu verständigen. Der so verstandene Begriff ist in Namibia ein Fremdwort. Umso bemerkenswerter sind die Äußerungen des Swakopmunder Bürgermeisters im Jahre 1985, der zu eben dieser Völkerverständigung aufruft.
Auf den Kontrollfahrten mit Hinrichs Isuzu-„Bakkie“ lernen wir viel. Die 9000 Hektar sind in 28 Camps eingeteilt, die hauptsächlich der Rinderzucht dienen. Die Umtriebswirtschaft wird ergänzt durch eigene Produktion von Kraftfutter für die 1a-Ochsen.
Das Gebiet hier ist einigermaßen regensicher, d. h. es fallen pro Jahr durchschnittlich etwa 400 Millimeter, und wenn man den richtigen Riecher hat und die Saat rechtzeitig vor dem ersten großen Regen in die Erde bringt – das ist meist so zwischen Weihnachten und Neujahr der Fall – und wenn dann der Regen sich noch einigermaßen auf die Wochen verteilt, dann gedeiht in dem roten Sand mit seiner leidlichen Wasserbindungsstruktur alles hervorragend: Hirse („Kaffernkorn“ genannt), Mais, Bohnen, Futtergras.
Aber in weiten Teilen des Landes herrscht eine schon sechs Jahre andauernde Dürre. Vor kurzem erst war es auch auf Hinrichs Farm besonders schlimm. Um seine Rinder durchzufüttern, musste er dornenlosen Busch hacken, Gelbholz, von dem es hier in der Dornbusch-Savanne Gott sei Dank einiges gibt. Auch jetzt steht nicht viel gelbes Gras auf dem Halm. Vor allem mangelt es noch an wertvollem mehrjährigem Gras, das in dichten Bulten wächst.
Sogar Sonnenblumen hat unser Gastgeber schon einmal angebaut und wurde dafür von seinen Nachbarn für verrückt erklärt. Die meisten machen sich nicht die Mühe mit dem Ackerbau, sie wirtschaften extensiv, überstocken leicht und zerstören sich damit den Ast, auf dem sie sitzen: die Grasnarbe.
„Die Rinder gehören hier nicht her“, sagt Hinrich, der Rinderfarmer, während er am Viehposten gerade kontrolliert, ob genügend Wasser in dem hohen Betonring steht. Hier, am Schnittpunkt mehrerer Camps, ist tatsächlich alles zertreten und staubig. Im dünnen Schatten der Dornbüsche steht gut aussehendes, rotbuntes Vieh und glotzt uns kauend an. Die hätte ich mal sehen sollen, als er sie auf einer Versteigerung im Hereroland erwarb! Hinrich freut sich auf ein gutes Geschäft.
Wir haben heute keinen Schwarzen von der Locasi hinten auf der Ladefläche stehen. Deswegen bin ich als Beifahrer dran, bei jedem Farmtor herauszuspringen, um es zu öffnen und hinter dem Isuzu wieder zu schließen. Wer das nicht kennt, erfährt manchmal die Grenzen seiner Intelligenz: Es ist erstaunlich, wie viele verschiedene Verschlussmöglichkeiten aus so einfachen Dingen wie Eisenzapfen, Eisenring und Kette konstruierbar sind.
Hinrich doziert weiter: Das Rind zerstört die Pflanzendecke, es zertrampelt sie mit seinen groben Hufen und reißt die Gräser mit der Wurzel aus. Das Gras steht aber in Konkurrenz zum Busch. Ist die Grasnarbe zerstört, haben auch die tiefer liegenden Wurzeln der Sträucher eine größere Chance. Die Folge ist eine zunehmende Verbuschung, die kaum noch Grasweide wachsen lässt. In der funktionierenden Natur gibt es von Zeit zu Zeit Buschbrände, bei denen der Busch aber nur dann abgetötet wird, wenn noch vorhandene Grasweide für die nötige Hitzeentwicklung sorgt.
Hinrichs Kampf gegen die Verbuschung ist zweigleisig: Erstens vermeidet er Überstockung, und zweitens lässt er vom Flugzeug aus gezielt Entlaubungsmittel versprühen. Er glaubt, dass das Gift schnell genug wieder abgebaut ist und befürchtet bei entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen auch sonst keine Nachteile. Aber vielleicht weiß er nur keine ökologisch und ökonomisch vertretbare Alternative.
Er zeigt mir ein mit Gift behandeltes Camp. Die Wirkung ist nicht zu übersehen. Der tote Busch wird umgeschlagen, und das Gras hat wieder eine Chance.
„Die Weißen machen alles kaputt“, beginnt Hinrich urplötzlich einen seiner Ausflüge ins Grundsätzliche. Die Radikalität dieser Selbstkritik überrascht mich immer wieder. Aber vielleicht ist er noch nicht lange genug im Land? „Kultur und Religion der Weißen haben die Schwarzen entwurzelt. Der Eingeborene ist von Natur aus anspruchslos und arbeitsscheu. Diese Lebensweise ist eigentlich vernünftig und der Umwelt am besten angepasst.“
Bezogen auf die Rinder heißt das: Die Hereros waren zwar große Viehzüchter und hatten den Ehrgeiz, ihre Herden wachsen zu lassen, weil dadurch auch Macht und Einfluss der Besitzer stiegen. Aber erst die Weißen brachten die Idee mit, daraus ein Geschäft zu machen.
Und es lässt sich nun einmal kein Geschäft machen mit Rindern, die auf der Suche nach Weidegründen Hunderte von Kilometern durch den Busch getrieben werden und irgendwann an Altersschwäche eingehen. Und da die Schwarzen das nicht begreifen wollten, mussten die Weißen die Sache in die Hand nehmen. Dazu brauchten sie das Land, bei dessen Erwerb sie – im Gegensatz zu manch anderen Kolonialmächten – zunächst zumindest den Schein der Legalität wahrten (Kaufverträge). Und so veränderten sie die Natur, nicht zuletzt durch die Millionen Kilometer Zaun, die den natürlichen Wanderbewegungen des Wildes Einhalt geboten. Der Ackerbau dagegen ist immer noch ein Stiefkind der Wirtschaft. Hinrich ist überzeugt, dass Südwest Selbstversorger sein könnte. „Stattdessen produzieren wir nur 20 % der notwendigen landwirtschaftlichen Produkte. Wir arbeiten nicht genug 3.“ Auch er habe im Grunde nicht viel zu tun, aber er sei immer noch fleißiger als die meisten anderen Farmer. Er gehört zu den wenigen, die sich überhaupt mit Ackerbau beschäftigen und wird von manchen belächelt. Aber er sieht sich auf dem richtigen Weg. Wenn ihm der weiße Mais gelingt, dann mahlt er ihn sogar selbst mit seiner Hammermühle – das volle Korn, nahrhaft, wie man es im Laden nicht kaufen kann. Das Maismehl ist für seine Leute ein überragendes Grundnahrungsmittel, aus dem griesbreiähnlicher Milipapp gekocht wird.
Wir fahren zurück, immer an den Zäunen der Camps entlang. An einigen Stellen steckt der Boden voller Blumenzwiebeln, wir sehen breite, flach am Boden liegende Blätter, die an Amaryllis erinnern. Ein Schwarm rotgrüner Vögel fliegt auf, zwei prächtige Kudubullen mit weit ausladenden, gedrehten Hörnern flüchten im dichten Busch. Eine Warzenschweinfamilie kreuzt den Weg – es gibt hier sehr viele von ihnen, und sie richten zum Ärger des Farmers einigen Schaden in dem Maisfeld an.
Vorhin schon hatten wir im Nordosten über Otjiwarongo eine dunkle Wolkenbank gesehen. Es ist jetzt 14.30 Uhr, und der Himmel über uns zieht sich zu. Das Donnergrollen ist näher gekommen, und Hinrich hofft wieder. Der Mais braucht dringend Regen, er hält nicht mehr lange durch. Das wäre mal wieder ein großer Verlust. Das Kraut käme in die Silage – um wenigstens etwas zu retten.
Wir halten an und steigen aus. Hinrich zeigt mir einen mächtigen beige-farbenen Bullen mit einer weit herunterhängenden Wamme, ein Brahmane für die Zucht.
Ein würziger, erdiger Geruch hängt in der Luft. Er ist unglaublich intensiv, ich glaube ihn gleichzeitig riechen, schmecken und fühlen zu können. So riecht der Regen, wird mir erklärt. Oder, genauer: Es ist der Duft, der der heißen Erde entströmt, wenn sie von frischen Regentropfen nassgeküsst wird. Dann zerplatzen erste Himmelsgeschosse in dem heißen Sand und überziehen ihn mit duftenden Sommersprossen. Schnell wird der Regen dichter. Wir flüchten unters Autodach und schließen die Fenster. Ohrenbetäubend und hart schlägt das viele Wasser gegen das Blech. Bald sitzen wir in tropisch schwüler Luft, aber auch draußen ist eine Waschküche.
Wir setzen uns langsam in Bewegung, an den Scheibenwischern vorbei sehen wir stäubendes, springendes, dampfendes Wasser auf der Kühlerhaube. Die Umgebung ist grau verhüllt. Im Nu strömt es in reißenden Bächen über die Pad, obwohl uns doch das Farmgelände bisher so eben vorgekommen war. Das gibt eine Menge Arbeit, die verspülten Wege wieder herzurichten, aber Hinrich neben mir schmunzelt. Offensichtlich hat er soeben entschieden, dass dies der ersehnte Regen sei: „Dann könn’ wir nachher ja mal `n Sekt trinken.“
Als wir am Farmhaus ankommen, ist der Boden neben den Pfützen weiß. Murmelgroße Hagelkörner sind hier heruntergekommen. Der Regenlärm verebbt, aber ein mächtiges Rauschen ist noch in der Luft. Zuerst glauben wir an anhaltende Niederschläge oder Windböen in der Nähe. Aber das Rauschen steht in einem merkwürdigen Kontrast zu der Ruhe, die uns umgibt in der wieder hervorbrechenden Sonne. Von der Locasi schallen Rufe herüber.
„Das Rivier4 ist abgekommen“, sagt Jan, der Sohn der Familie, und schnappt sich sein Motorrad, und wir fahren neugierig hinterher. Zwischen der Locasi und dem neuen Feld, das im nächsten Jahr erstmalig genutzt werden soll, strömt wild gurgelndes, wirbelndes Wasser in etwa drei Meter Breite. Als wir heute Morgen hier hindurchfuhren, war es nur ein unbedeutendes Hindernis, eine kurvige schmale Kiesrinne. Jan gebärdet sich wie ein wildes Fohlen, er rauscht übermütig mit seiner Maschine quer durchs Rivier und schafft es auch so gerade eben. Hinrich sieht das nicht gern, er schimpft, macht sich Sorgen über die Unbekümmertheit seines Sohnes.
Aber es geht ja alles gut. Und der Regen hat 25 Millimeter gebracht.
Aus „Demokritos afrikanus“, Im Affenland, Berlin 1912
Ein paarmal fährt einer von uns nach Otjiwarongo. Die breite Sandpad bis zur geteerten Hauptstraße Outjo-Otjiwarongo schneidet mehrere Farmen. Aber statt der Farmtore, die doch sehr aufhalten, führt die Pad über mehrere Rolltore, das sind im Boden liegende Eisenstangen, deren Zwischenräume so groß sind, dass die Rinder keinen Halt auf ihnen finden.
Diese Farmpads, von denen wir im Laufe der Zeit doch sehr viele kennen lernten, werden regelmäßig von einem Padscrapper geglättet und befinden sich deshalb in Namibia in relativ gutem Zustand. Weltenbummlern, denen wir begegneten und die den afrikanischen Kontinent durchfahren hatten, bestätigten das immer wieder.
Otjiwarongo ist wie alle Ortschaften in Namibia eine Insel, die aus dem Busch hervorwächst und wieder in Busch übergeht, eine allmähliche Verdichtung aus Grün und Rot und Weiß ohne feste Grenzen, die besonders in der grautrockenen Winterzeit wie eine Oase wirkt. Die leichtgebauten Häuser haben in der Regel nur ein Erdgeschoß. Als Zentrum des Ortes muss wohl die ein paar hundert Meter lange Geschäftsstraße gelten: Geschäftshäuser mit flachen Dächern und Scheingiebeln, überdachten Bürgersteigen und Cola-Reklame. Sie erinnert an Ortschaften, die irgendwo an den Highways des endlosen amerikanischen Mittelwestens liegen.
Hier besorgen wir uns die notwendigen Südwester Schlapphüte. Ich sitze mit meinem fünfjährigen Sohn Finn an der Hauswand von Kaufhaus Brumme – wir trinken einen Milchmix und beobachten das Treiben auf der Straße. Oder wir kehren in einer Seitenstraße ein beim Bäcker Otto Carstensen aus Husum, der seit 1955 hier lebt. Oder wir genießen einen „Cool-drink“ auf der Terrasse vom Hamburger Hof. „Otjinassis“ ist auch da, ein weißer Diamantenschieber. Seit die großen Minengesellschaften den Diamantenhandel kontrollieren, ist es eine gefährliche Sache, Rohdiamanten bei sich zu tragen. Aber es lockt wohl gerade deshalb auch immer wieder Abenteurer an.
Eines Tages sind wir zum Telefonieren hier, denn wir müssen uns nun allmählich um unser Gepäck kümmern, und der Fernsprecher auf der Farm ist uns nicht ganz geheuer. Er ist nämlich einer Farmlinie angeschlossen, d. h. mehrere Nachbarn haben die gleiche Nummer. An dem Klingelzeichen erkennen sie, wem ein Anruf gilt, und wenn der Teilnehmer nicht gleich den Hörer abnimmt, dann klingelt es eben auch bei den anderen so lange, bis die Zentrale ein Einsehen hat ... Das Holztelefon an der Wand hat eine Kurbel, die wir etwa 10 mal drehen müssen. Erst dann wird der Hörer abgehoben und der Vermittlung die gewünschte Nummer durchgegeben. Wenn man Glück hat, kommt man durch, sagt uns Ulla, die Farmersfrau. Und: „Montags wollen alle telefonieren!“
Also benutzen wir erstmalig einen öffentlichen Fernsprecher in Otjiwarongo. Aber auch hier ist manches anders: Erst wenn sich der Angerufene meldet, dürfen die Cent-Stücke durchfallen. Das aber können wir den fremdsprachigen Aufschriften nicht sofort entnehmen. Das Ganze ist für uns sehr mühsam, und mit der Verbindung klappt es nicht. Wir beschließen, direkt bei Kühne & Nagel in Windhoek vorbeizufahren, um die Koffer des unbegleiteten Fluggepäcks zu holen und die Ankunft des Containers zu regeln, der unser Umzugsgut enthält. Dazu muss ich zunächst nach Karibib, meinem künftigen Dienst- und Wohnort, denn dort steht ein Landrover für uns bereit, den ich von meinem Vorgänger an der Privatschule Karibib für DM 7200,- gekauft habe.
Karibib! Dieser Name, der uns seit einem halben Jahr bewegt! Der aber, wie uns erst nach und nach bewusst wurde, leider nicht auf der zweiten Silbe betont wird und auch nicht mit „k“ endet! Dass auch andere bei diesem Namen falsch schalten, bewies uns gelegentlich die Post, wenn sie uns trotz fehlerhafter Anschrift erreichte, zum Beispiel: Imme und Peter Erichsen, Etoscha-Pfanne südl. Karibik, Namibia.
Aber diese kleine Gefühlsverwirrung haben wir längst verwunden. Für mich ist der Auslandsschuldienst eine Chance, den Horizont zu erweitern – beruflich, aber auch im allgemeinbildenden Sinne und vor allem menschlich. Es ist eine Bewährung, die zur Selbstfindung beiträgt und uns zeigt, wie wir mit andersartigen Belastungen fertig werden. Und wahrscheinlich hat das alles Rückwirkungen. Was taten die Handwerksburschen anderes, wenn sie auf Wanderschaft gingen? Die Erkenntnis hat zwei Wurzeln: die Begegnung und der Abstand. Mein bisheriger Abstand kann mir bei der Begegnung mit Namibia helfen. Und wenn ich heimkehre, habe ich vielleicht einen Abstand zur Bundesrepublik Deutschland gewonnen, der mein Denken verändert...
Mein offizieller Auftrag, dem deutschsprachigen Bevölkerungsteil bei der Bewahrung deutscher Sprache und deutscher Kultur zu helfen und ihr ein realistisches Bild der heutigen Bundesrepublik Deutschland zu vermitteln, bleibt davon unberührt, steht aber, wie ich bekennen muss, nicht im Vordergrund meiner Motive, Hoffnungen, Gefühle. Meiner Frau geht es ähnlich.
Überhaupt ist Südwestafrika/Namibia ein Zufallsprodukt meiner Bewerbung. Für Bombay, Hermansburg (Südafrika) und São Paulo stand ich ebenfalls in engerer Wahl.
Ausgerechnet Namibia! Nicht wenige unserer Freunde und Bekannten denken da sehr kritisch. Sie haben uns gefragt, wie wir es vor unserem Gewissen verantworten könnten, Menschen zu unterstützen, die ihrerseits das menschenverachtende Apartheidssystem tragen. Was sollten wir antworten! Wir sind voreingenommen, denn wir wollen raus. Und wir hoffen, dass wir uns nicht völlig verleugnen müssen, dass wir doch etwas bewirken können, dass die Begegnung mit dem fremden Land Einsichten bringt, die beiden Seiten helfen. Vielleicht sind wir ein kleines Steinchen in dem Mosaik der Politik, die Probleme nicht nur durch Abstand, sondern auch durch Begegnung lösen will.
Also auf nach Karibib!
Mit Ulla und Jan im Mercedes. Jan muss ohnehin nach dem 2000 Kilometer entfernten Kapstadt, um dort so eine Art Handelsschule zu besuchen, und da liegt Karibib ja fast am Weg! Wir wählen die Teerpad über Otjiwarongo, und dann geht es 200 Kilometer immer geradeaus nach Süden. Das Hochland ist wellig, so dass wir die Straße nicht immer so weit überblicken können, wie das aus manchen Teilen Australiens und den USA erzählt wird. Aber 10 Minuten kann es schon dauern, bis eines der spärlich fahrenden Autos, das wir am Horizont als Pünktchen sichten, uns wirklich begegnet.
Der endlose Busch hinter dem endlosen Zaun macht keinen sehr frischen Eindruck. Zwar zeigt er ab und zu gelbe Blüten, aber sein Grün, sofern überhaupt vorhanden, wirkt doch sehr matt und dünn. Wenig trockene Weide steht dazwischen, steiniger, staubiger Boden überall. Manchmal blühen Kräuter und sprießt wirklich grünes Gras am Rande der Straße, in einem begünstigten Sandstreifen, der das von der Fahrbahn ablaufende Wasser aufsaugen durfte. Aber das ist selten.
Anders sind die sandigen Trockenflüsse, die Riviere, die wir häufiger auf Brücken überqueren. Sie ziehen sich als grüne Bänder durch die dürstende Welt, ihre großen Bäume ziehen ihren Vorteil aus dem immer noch erreichbaren Grundwasserspiegel.
Manchmal durchbricht hellbrauner Granit die Eintönigkeit, und geradezu aufregend wird es, wenn sich dieses Gestein zu Trümmerbergen auftürmt, als habe ein Riese den Steinhaufen vom Spielen übrig gelassen. Dazwischen wächst es meist üppiger als in der Fläche – wahrscheinlich sind es auch begünstigte Orte, wo der wenige Regen in wenigen Felsspalten zusammenläuft und sich dort auch länger hält als anderswo.
Dass hier Menschen leben, bleibt wohl nur durch die Gegenwart von Straße und Zaun bewusst – und durch das Bahngleis, das stellenweise uns begleitet, die Verbindung zwischen der Küste und den Minen bei Tsumeb und Otavi, die alte Otavi-Bahn, fertiggestellt 1908. Ansonsten fahren wir durch Wildnis. Ganze zwei Ortschaften liegen an den 200 Straßenkilometern. Die eine ist Kalkfeld: Wenige, weit verstreut liegende Häuser, kaum zu erkennen, dass man überhaupt durch eine Ortschaft fährt. Neben zerfallenden Häusern und einer stillgelegten Tankstelle gibt es an der Ortsdurchfahrt zwei funktionierende Benzinzapfsäulen und einen Supermarkt.
Da zeigt Omaruru schon mehr her. Die Bebauung und erkennbares Leben konzentrieren sich an der vierspurigen Ortsdurchfahrt mit dem blühenden, Rasen bewachsenen Mittelstreifen. Wasser gibt es hier genug, das breite Omaruru-Rivier durchschneidet den Ort und lässt in den Gärten mächtige Palmen und Eukalyptusbäume wachsen. Überall blühen Bougainvillea und Rabatten aus Tagetes und bunten Korbblütlern, die wild im Namaqualand südlich des Oranje wachsen.
Unter den Häusern auch einige alte Exemplare – das deutsche Wort „Kindergarten“ ist auf einer verwahrlosten Fassade gerade noch zu entziffern.
Doch die schönen Anlagen täuschen. Die Vitalität ist schon seit langem stark angeschlagen, einige leer stehende, verfallende Häuser sind zu sehen, seit es hier keine arbeitenden Minen mehr gibt. Eine Futtermittelfabrik ist heute der größte gewerbliche Arbeitgeber. Die deutschsprachige Grundschule geht ihrem Ende entgegen.
Wilde Geschichten werden von dem deutschstämmigen Bäcker erzählt, der im festlichen Rahmen mit seinem Revolver einen Kronleuchter zur Strecke brachte und es sich nicht nehmen lässt, Hitlers Geburtstag zu feiern. Wahr ist, dass er einmal im Jahr auf Bestellung Hakenkreuzbrötchen backt. Er gehört wohl zur rührigen Minderheit der HNP, einer politischen Gruppierung am rechten Rand des politischen Spektrums, ein Hort des unverblümten Rassismus und nationalsozialistischer Traditionen, geistig verwandt mit der südafrikanischen Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB) unter ihrem Führer Eugen Terreblanche sowie mit den südafrikanischen Parteien KP und HNP.
In Omaruru ließe es sich gut leben, aber der Schlüssel zu seiner Zukunft liegt wohl nicht hier. Überlegungen zur Wiederbelebung gibt es schon, der Ort liegt in zentraler und reizvoller Lage. Vielleicht ein Touristencamp als Ausgangspunkt für Safaris, Expeditionen? Vielleicht ein Thermalbad? Aber die heißen Quellen sind angeblich nicht ergiebig genug. Aufschwung durch Gold-Fieber? Entsprechende Meldungen sind wohl eher dem Wunschdenken entsprungen – zwar gibt es in der Nähe goldhaltiges Gestein, aber bei zwei bis drei Gramm Metall je Tonne springt nach bisherigen Kalkulationen nicht genug dabei heraus5.
Wir überqueren das breite Omaruru-Rivier in Richtung Süden. Es ist von zahlreichen Reifenspuren durchfurcht. Hier kann lange kein Wasser geflossen sein. Links hat in der Kolonialzeit irgendwo die deutsche Militärstation gestanden, rechts beginnt es gebirgig zu werden. Es sind die nördlichen Vorboten des Erongo-Gebirges, rötliche nackte Granitrücken und -kuppen, auch mal ein vulkanisch aussehender Kegelberg dazwischen. Wir sind noch 60 Kilometer von Karibib entfernt, die Spannung steigt.
Ich hätte jetzt gern im Ausguck gesessen, ganz allein mit meinen Gedanken und Gefühlen, bis in die Zehenspitzen erwartungsvoll gespannt, alles aufsaugend, um die Wirkung in mir zu spüren ... aber meine Begleiter haben viel zu erzählen, und so fühle ich mich eher auf Geschäftsreise.
Der Erongo scheint von Norden her allmählich anzusteigen, im Süden jedoch fällt er jäh ab, alpine Felswände aus dem rötlichen Granit, den wir vorhin schon sahen. Wir fahren östlich in großer Entfernung um ihn herum, an dem Krüger-Kopf vorbei, einem Berggrat-Profil, das angeblich Ähnlichkeit mit Ohm Krügers Charakternase hat6.
Je mehr wir uns unserem Ziel nähern, desto trostloser wird die Vegetation. Trockenes, vorjähriges Gras ist schon eine Seltenheit. Soweit das Auge blickt: Hitzeflimmernde Luft liegt blendend über grauem Busch. Sollte doch noch wahr werden, was ich mir zu Hause in Deutschland vorgestellt hatte?
Karibib – heiße Sandschneisen zwischen Häusern, und der ewige Wind rüttelt an den einsamen Dächern und treibt raschelnde, kratzende Strauchkugeln dem Staub hinterher...?
Zehn Kilometer vor Karibib steht rechts an der Teerpad ein unscheinbares Schild, das auf einen Flugplatz hinweist. Wir sehen auch einen wehenden Luftsack, sonst nichts.
Vor uns im Süden liegt Bergland mit abgerundeten Formen, „Mittelgebirge“ würden wir in Deutschland dazu sagen, besprenkelt mit brüchig-dunklen Tupfen – so wirkt der Busch aus großer Entfernung. Dahinter, weit am Horizont, noch einmal 60 Kilometer weiter, würden wir auf das Swakop-Rivier stoßen, das wildbewegte Khomas-Hochland...
Wir aber sind jetzt angekommen, obwohl man von Karibib noch nicht mehr sieht als das Wasserreservoir auf einem kleinen Berg. Wir stoßen auf eine Teerpad und eine Bahnlinie, die alte Verbindung zwischen der Küste und der Hauptstadt Windhoek. Wir sind 180 Kilometer von Swakopmund entfernt.
Und dann doch die ersten Häuser. Sie liegen links am Hang des Heliografenberges, auf dem der Wasserspeicher steht, und unten an der Straße ein hinter grünen Sträuchern fast verborgenes Hotel, die Waltz-„Garage“ (Tankstelle und Werkstatt) mit dem Markenzeichen „Mobil“ und dann eine kurze Ortsdurchfahrt mit flachen, auf den ersten Blick unscheinbaren Häusern links und rechts. Hinter der rechten Häuserreihe führt die Bahnlinie entlang nach Westen, und dann folgt bis zum 30 Kilometer entfernten Erongo eine Ebene mit zahlreichen Hügelketten. Nach links gibt es drei staubige Parallelstraßen in dem leicht zum Heliografenberg ansteigenden Gelände. Dort liegen verstreut die meisten Häuser, oft mit Wellblech gedeckt, einige rote Dächer sind auch darunter, und das Überraschende ist das viele Grün auf den bebauten Grundstücken, was mir endgültig die Sicherheit gibt, hier nicht in einer wüsten Westernbudenstadt gelandet zu sein.
Ich besorge mir zunächst den Landrover. Ich stehe vor diesem Ungetüm, das mir wie ein halber Lastwagen vorkommt, mit seinem altertümlichen Aufbau, dem riesigen Ersatzreifen auf der Kühlerhaube. Das Dach ist weiß und hat eine Gepäckreling, die Karosserie ist lindgrün. Dafür, dass dieses Gefährt schon elf Jahre alt ist, sieht es ganz gut aus. Vor allem ist kaum Rost zu sehen. Ich stelle mir vor, was in Schleswig-Holstein nach elf Jahren übrig bliebe...
Dann interessiert mich brennend, in welchem Haus wir in den nächsten Jahren leben sollen. Wie viel hängt davon ab! Wir kennen nur den Grundriss, haben gehört, dass ein Schattenbaum auf dem Grundstück stehen soll. Wir suchen den Besitzer auf. Er ist gleichzeitig Eigentümer des Marmorwerks, das auf der rechten Seite des anderen Ortsausgangs liegt. Und während Ulla bereits auf dem Weg nach Windhoek ist, fahren wir dem weißen BMW unseres Vermieters nach: erste Querstraße, zweite Querstraße. Es geht in Richtung Wasserreservoir den Berg hoch. Nach der dritten Querstraße ist das rechte Eckgrundstück unbebaut. Stapel von Zementsteinen stehen dort, als sei dem Besitzer bei seiner Bauplanung die Luft ausgegangen. Dahinter hohe, grüne, dornenlose Pfefferbäume über zwei roten Ziegeldächern. Das ist es! Dahin waren meine Augen schon vorhin gewandert, aber ich rechne von Natur aus nie mit dem Besten, und so hatte ich diese Möglichkeit als erfahrener Zweckpessimist verworfen, um mich – vielleicht – doppelt freuen zu können, wenn ich mich selbst widerlegte.
Das Haus – oder besser – die beiden Häuser sind in Karibib erste Wahl. Sie sind solide gebaut und stehen auf einem großzügigen Grundstück mit vielen Bäumen und einer herrlichen Sicht auf den Erongo.
Was brauchen wir mehr! Ich messe das Vorgefundene an meinen Erwartungen und bin erleichtert. Innen wird noch gearbeitet: Schwarze machen die Wände weiß.
Das Wichtigste ist somit erledigt. Jan und ich verspüren Lust auf eine kleine Stärkung, bevor wir nach Windhoek starten. Unten an der Ortsdurchfahrt haben wir einen Bäcker gesehen, in einem Haus mit alter Fassade aus deutscher Zeit und einer dicken Dattelpalme davor. Es ist ein ehemaliges Hotel aus den Gründungstagen Karibibs, also rund 80 Jahre alt. Der lange Gebäudeflügel, der die Seitenstraße hinaufreicht, ist der ehemalige Schießstand. Wir betreten die schattige Veranda und öffnen die mit Fliegendraht bespannte Holztür zum Laden. Sie schwingt auf, und wir stehen in einem hohen Raum mit stuckverzierter Decke. Hinter dem Ladentisch die Brotregale, rechts vor dem Tresen ohne weitere Abtrennung einige Tische und Stühle: Der Laden ist gleichzeitig ein nach unseren bisherigen Maßstäben nicht besonders einladendes Café.
Ein schmächtiger Schwarzer mit Schlips und weißer Bäckerjacke sieht uns freundlich fragend an. Die Verständigung ist kein Problem, er spricht gut Deutsch. Er geht, um uns die beiden belegten Brötchen zu holen, die wir bestellt haben. Wir sind allein und schauen uns um. Da öffnet sich links eine weiß lackierte Tür mit der Aufschrift „Privat“, heraus tritt ein fülliges, gelangweiltes Gesicht mit dunklen, glatt zurückgekämmten, zu einem Knoten gebundenen Haaren, eine kleine Frau in schwer zu schätzendem Alter, mit schwarzen Augen hinter dicken Brillengläsern. Sie schlendert hinter dem Ladentisch entlang und entgleitet unseren Blicken dort, wo auch der Schwarze verschwunden ist.
Wir wundern uns noch über den stummen Auftritt, da springt plötzlich die eiserne Ladenkasse mit einem lauten Klingeln auf, weil Jan sich auf dem Tresen etwas weit vorgebeugt und beim Aufstützen einen Hebel berührt hat. Wir lachen über unseren Schreck, und augenblicklich steht die Frau vor uns. Diesmal sieht sie böse aus. „Was soll denn das?“, will sie wissen, sie vermutet wohl Absicht. Ich lache sie an, erkläre die Harmlosigkeit des Vorfalls. Da öffnet sich zum zweiten Mal die weiß lackierte Tür und heraus tritt – wieder ein Grund zu erschrecken – ein riesenhaft wirkender, massiger Mann mit Dreiviertelglatze und bärbeißiger Miene. Er stapft den gleichen, schon beschriebenen Weg und verschwindet ohne Ton.
Was haben wir nur getan! Der Kunde fühlt sich irgendwie für irgendwas schuldig. Vielleicht sind wir nur lästig? In einem einsamen grauen Fischerdorf an der rauen irischen See hätte mich ja eine derartige Begegnung nicht weiter verwundert – obwohl ich noch nie in einem einsamen grauen Fischerdorf an der rauen irischen See war. Aber hier? Unter der ewigen Sonne?
Auch so ein Vorurteil, mit dem wir fertig werden müssen: Ewige Sonne garantiert keine heitere, mediterrane Lebenskunst, und wo die Menschen lachen, muss nicht die Sonne scheinen. Das kann ja heiter werden, denke ich.
An der Tankstelle lassen wir einen älteren Schwarzen zusteigen. Es beginnt leicht zu regnen. Wieder liegen rund 200 Kilometer vor uns. Ich setze mich ans Steuer, um zu üben. Alles ist neu: Der Einstieg ist hoch, der Fahrersitz auf der rechten Seite, das Zündschloss links, und der Schlüssel muss nach links gedreht werden. Der Blick durch das schmale Viereck der Windschutzscheibe ist so großartig, weil ich nur die Perspektive eines europäischen Mittelklasse-Wagen-Fahrers kenne...
Der Wagen kommt nur langsam auf Touren und macht einen fürchterlichen Krach. Die Motorhaube rüttelt auf und nieder, die Türen hängen luftig in ihren Rahmen und lassen frische Luft herein, die Scheibenwischer sind keinen Regen gewöhnt, und der blinde Rückspiegel dreht sich beharrlich verschämt zur Seite.
Ich hab mich auf diesen ersten Einsatz im Südwester Linksverkehr gefreut und ich genieße es auch. Zweieinhalb Stunden brauchen wir und überwinden eine Steigung von ungefähr 600 Metern. Gespannt beobachte ich den entgegenkommenden Verkehr – zunächst scheint es so, als habe es jeder auf einen Zusammenstoß abgesehen. Wenn ich einmal vor mich hinträume und es taucht urplötzlich jemand vor mir auf, so fährt mir ein richtiger Schreck in die Glieder. Aber der Linksverkehr funktioniert, und der Landrover lärmt zuverlässig mit 100 Stundenkilometern voran – 90 sind nur erlaubt.
Es ist schwül, ich habe Kopfschmerzen. Bei Okahandja, dem einzigen Ort an der Strecke, löst Jan mich ab. Eine Pavianherde überquert vor uns die Straße. Die schwarzbraunen Gesellen mit ihren vorgestreckten Kiefern und den engstehenden Augen haben es dabei nicht besonders eilig. Besonders die Größeren können die Geschwindigkeit des nahenden Autos gut einschätzen. Die bei uns sprichwörtliche Rötung der Pavianärsche ist bei diesen Affen nicht zu sehen. Nach und nach verschwinden die dunklen Flecken hinterm Farmzaun im Busch, nur die Nachhut sitzt noch halb im Gras verborgen und beobachtet uns scheinbar gleichgültig, während wir vorüberrattern.
Über breite, autobahnähnliche Straßen erreichen wir in der Dämmerung Windhoek: das Kraftwerk mit den zwei Schloten, das Hospital-Hochhaus von Katutura und links und rechts ein Teppich von Einfamilien-Wohnhäusern, der auch schon die vielen Berghänge bedeckt, von denen die Stadt umgeben ist.
Am nächsten Morgen entdecke ich, dass Windhoek auch eine City hat. An der belebten Kaiserstraße stehen Häuser mit zehn, zwölf Stockwerken, dazwischen eingekeilt ein paar Exemplare aus der deutschen Zeit, vom Hang herab schaut die Christuskirche. Denkmäler, Parkplätze, Anlagen. Vielrassiges Gesicht der Straßen: Elf ethnische Gruppen tummeln sich hier, ein faszinierendes Durcheinander von hässlich und schön, von weiß, braun und schwarz und allen möglichen Mischungen daraus. Kein äußerlich erkennbares Zeichen für Rassismus, für Hass, für eine gespaltene Gesellschaft. Selbstbewusst und gut gekleidet die meisten Farbigen, braun uniformierte Soldaten, meist ohne Waffen, die sich wie selbstverständlich in der Menge bewegen, die Herero-Frau, die in ihren bunten Kleidern aus kolonialer Zeit am Eingang des Kalahari-Sands-Hotels sitzt und Trachtenpuppen anbietet – kein Eindruck von Beklommenheit, keine atmosphärischen Störungen, nach denen der eingereiste „Deutschländer“, der „Dscherrie“, misstrauisch Ausschau hält. Oder doch? Vielleicht durch einen der zahlreichen Zeitungsjungs, der mir nun zum vierten Mal die AZ, die „Allgemeine Zeitung“, anbietet: Zerlumpt könnte man ihn schon nennen, und rührend sind seine Anstrengungen, ein paar Cents zu verdienen – angesichts einer ganzen Armee von Zeitungsverkäufern, die alle das gleiche wollen und viel zu viele Zeitungen auf ihren nackten Armen tragen.
Aber ich habe nicht viel Zeit, mir alles anzusehen. Ich will heute noch zur Farm zurück, das sind schätzungsweise fünf Stunden Fahrt.
Im Büro der Spedition erfahre ich wenig Erfreuliches. Es gibt Schwierigkeiten mit dem Zoll. Da ist zunächst der Mercedes, den ich auf Anraten meiner künftigen Karibiber Heimat gekauft habe. Die Mitnahme eines PKW hat mir meine vorgesetzte Behörde, das Bundesverwaltungsamt (BVA) in Köln, grundsätzlich nahegelegt.
Eigentlich steht mir ein Wagen mit derartigem Hubraum gar nicht zu. Für die Beamten ist alles penibel geregelt: Einer Familie mit drei Kindern wird nur ein Auto bis zu 1700 ccm kostenlos transportiert. Aber der Sachbearbeiter hat mich beruhigt: Es handele sich ja um einen gebrauchten Mercedes. Also grünes Licht! Nicht lange nachgedacht über Sinn und Unsinn von Vorschriften, nicht lange nachgedacht über menschliches Versagen am Schreibtisch. Ich habe die ganz starke Meinung, auf so unsicherem Terrain meiner vorgesetzten Behörde blind vertrauen zu dürfen. Wozu gibt es Fachleute?
Aber nun gibt es Schwierigkeiten. Der Wagen steht schon seit längerem im Hafen von Walvis Bay, aber der Zoll gibt ihn nicht frei. Was ist geschehen?
PKWs, die wieder ausgeführt werden sollen, werden ins Land gelassen, wenn bei den südafrikanischen Behörden eine Geldsumme, die dem Wert des PKWs entspricht, hinterlegt wird. Dieses „provisional payment“ wird bei der Ausfuhr des Wagens wieder zurückgezahlt, eine für die Bundesdeutschen günstige Regelung! Sie beruht auf einer Vereinbarung zwischen beiden Regierungen. In meinem Falle will nun der südafrikanische Zoll nicht darauf eingehen.
Das ist ja ein Ding! denke ich verärgert, und: Das wird teuer für das BVA! Ob die mich falsch beraten haben? Ob die das hätten wissen müssen, dass die Sache mit dem provisional payment nicht geht? Na, ist ja egal, meine Schuld ist es nicht. „Am besten, Sie rufen in Köln an, damit das BVA den Zoll bezahlt!“, sagt Herr Liebich von der Spedition, ein kompetenter Mann, nie um einen Rat verlegen. Und so geschieht es. Gott sei Dank zeigt sich das BVA einsichtig, und so kann ich bald mit der Freigabe des Wagens rechnen. Den Landrover fürs Gelände und den Mercedes für die Teerpad – so ist es geplant. Bei den langen Strecken hier eine vernünftige Lösung.
Eigentlich will ich die zwölf Koffer des unbegleiteten Fluggepäcks heute mitnehmen, schließlich stehen sie schon fünf Tage hier. Imme braucht dringend ein paar Sachen für die Kinder. Aber Herr Liebich winkt ab: Sie seien vom Zoll noch nicht abgenommen. Ob ich die Schlüssel dabeihätte?
Natürlich habe ich sie nicht dabei! Das hat uns mal wieder keiner gesagt – obwohl wir eventuell auch selbst daran hätten denken können. Zu ärgerlich! Nun soll ich die Schlüssel als „rail letter“ von Otjiwarongo nach Windhoek schicken. Die Koffer kommen dann zusammen mit dem Container direkt nach Karibib, in einer Woche.
In einer Woche! Warum so spät? Herr Liebich kann es mir erklären. Und: Der plombierte Container mit dem Vorhängeschloss, zu dem ich einen Schlüssel erhalten habe, sei übrigens schon in Windhoek. – In Windhoek? Aber dann ist er doch durch Karibib transportiert worden, seinem Bestimmungsort, und 200 Kilometer über sein Ziel hinausgeschossen! – Ja, das schon, aber er habe in Windhoek vom Zoll kontrolliert werden müssen. – Vom Zoll kontrolliert? Ohne mein Beisein? Wozu habe ich den Schlüssel? – Das werde hier eben so gemacht. Das Umzugsgut sei übrigens schon in einen Möbeltransporter umgeladen worden. – Was?? Aber ... aber das geht doch nicht! Und wenn jetzt was fehlt? – Es werde nichts fehlen. Da könne ich ziemlich sicher sein.
Ich hasse es, so vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Man ist machtlos, und jede noch so laut geäußerte Empörung wirkt lächerlich, weil sie der Wirklichkeit hinterherläuft. Hoffentlich fehlt wirklich nichts! Wir haben Schlimmes gehört aus diesen Ländern der Dritten Welt, in der die Armut den Diebstahl provoziert, und nun sind alle Sicherheitsvorkehrungen für die Katz’ ... oder haben da ganz andere Leute kontrollieren wollen?
So endet mein erster Ausflug nach Windhoek recht unbefriedigend.
