31,99 €
Inwiefern formen unsere frühen Beziehungen unser Bindungsverhalten im Erwachsenenleben? Die Bindungstheorie bietet ein fundiertes und umfassendes Modell, das erklärt, wie unsere frühesten Erfahrungen nicht nur unsere Entwicklung als Kind beeinflussen, sondern auch unsere Gefühle und unser Verhalten im späteren Leben. Das prägnant und eingängig gestaltete Buch von David Howe ist der ideale Einstieg in dieses faszinierende und schnell wachsende Forschungsfeld. Es erläutert die zentralen Konzepte der Bindungstheorie und erklärt, welche Rolle die verschiedenen Bindungsstile in Kindheit, Jugend und Erwachsenenleben spielen. Studenten und professionell Tätige in Therapie, Beratung und Coaching finden hier eine aufschlussreiche und nachdenklich stimmende Einführung in die Komplexität des menschlichen Verhaltens.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 468
Veröffentlichungsjahr: 2015
David HoweBindung über die LebensspanneGrundlagen und Konzepte der Bindungstheorie
Wie machen die frühen Beziehungen in der Kindheit aus uns die Menschen, die wir heute sind? Die Bindungstheorie liefert uns wertvolle Einsichten, um ebenjenen Einfluss zu erklären. In diesem Buch werden die grundlegenden Konzepte der Bindungstheorie vorgestellt und beschrieben, wie die Hauptbindungstypen sich sowohl in der Kindheit als auch im späteren Leben äußern. Es beleuchtet Fragen, die die heutige Forschung beschäftigen wie z. B.:
Welche Rolle spielt die Bindungsvorgeschichte einer Person für ihre Beziehungen im Erwachsenenalter? Inwieweit können in der Kindheit entwickelte Bindungsstile sich im späteren Leben verändern?»Ich muss ehrlich zugeben, mich an keine andere Verbindung von Erwachsenensozialpsychologie und Entwicklungspsychologie erinnern zu können, die ebenso gelungen war.« (Prof. Peter Fonagy, Psychoanalytiker und Begründer der Mentalisierungsbasierten Psychotherapie.)
David Howe ist emeritierter Professor der School of Social Work and Psychology an der Universität von East Anglia (UK).
Copyright: © der deutschen Ausgabe: Junfermann Verlag, Paderborn 2015
Copyright: © der Originalausgabe: David Howe, 2011
First published in English by Palgrave Macmillan, a devision of Macmillan Publishers Limited under the title Attachment Across the Lifecourse by David Howe. This edition has been translated and published under Licence from Palgrave Macmillan. The author has asserted his right to be identified as the author of this Work.
Übersetzung: Inge Welling
Coverfoto: © sidharth – Fotolia
Covergestaltung / Reihenentwurf: Christian Tschepp
Alle Rechte vorbehalten.
Erscheinungsdatum dieser eBook-Ausgabe: 2015
Satz & Digitalisierung: JUNFERMANN Druck & Service, Paderborn
ISBN der Printausgabe: 978-3-95571-054-5
ISBN dieses E-Books: 978-3-95571-382-9 (EPUB), 978-3-95571-383-6 (MOBI), 978-3-95571-384-3 (PDF).
Für Elsa und Lucy
„Als ich 1956 die Arbeit zu diesem Buch begann, hatte ich keinerlei Vorstellung davon, auf was ich mich einließ.“ Mit diesem Satz beginnt der Kinder- und Jugendpsychiater John Bowlby (1907–1990) das Vorwort zu dem ersten Buch seiner bekannten Bindungstrilogie1 (Bowlby, 1969: xi). Er fährt fort: „Zu diesem Zeitpunkt schien es sich um ein begrenztes Thema zu handeln. Es sollten die theoretischen Auswirkungen einiger Beobachtungen erörtert werden, die zu den Reaktionen kleiner Kinder auf die zeitbegrenzte Abwesenheit der Mutter gemacht worden waren.“ Bowlby räumt dabei nur zu gerne ein, dass diese Beobachtungen ursprünglich von seinem Kollegen, dem Sozialarbeiter James Robertson, stammten.
Fünfzig Jahre später gilt Bindung in der Psychologie als eine der geschäftigsten und produktivsten Bereiche, wenn es um Forschung und Theoriebildung geht. Hierzu leistete nicht zuletzt die erfreuliche Zusammenarbeit zwischen Mary Ainsworth und Bowlby einen nicht unerheblichen Beitrag. Ainsworth arbeitete zum ersten Mal mit Bowlby, als sie in den frühen 1950er-Jahren in London als Forschungspsychologin tätig war. In Ohio geboren und in Kanada aufgewachsen, hatte sie den größten Teil ihrer Karriere an der Johns Hopkins Universität in Baltimore und der University of Virginia verbracht. Ainsworth trug mit ihrem scharfen Forscherblick und ihrer Disziplin zum Studium der Bindung bei. Zusammen mit der theoretischen Genialität Bowlbys war Ainsworths Präzision entscheidend dafür, dass Bindung schließlich anerkannt und erfolgreich wurde; nicht nur in akademischen Kreisen, sondern auch darüber hinaus in der Welt der Richtlinien und Praxis.
Daher hielt ich die Zeit für gekommen, ein Buch zu schreiben, das Bilanz zieht über die moderne Bindungstheorie. Es sollte sich dabei an einen Leser richten, der interessiert, jedoch vielleicht auch relativ neu auf dem Gebiet ist. Ich hoffe deshalb, dass dieses Buch Psychologiestudenten, Berater, Psychotherapeuten, Sozialarbeiter, Erzieher, Betreuer von Pflegefamilien, Gesundheitspersonal, klinische Psychologen, Kinderschutzbeauftragte, Lehrer, Kinder- und Familienanwälte sowie alle Laien, die sich für menschliche Beziehungen und unseren psychischen Zustand interessieren, ansprechen wird.
Dieses kompakte Buch hat zum Ziel, dem Leser eine knappe Einleitung in einen heute weitgreifenden und internationalen Forschungs- und Untersuchungsgegenstand zu geben. Es basiert in Teilen auf Ideen und Ausschnitten aus den Kapiteln 4 bis 7 eines bereits veröffentlichten Buches, das ich zusammen mit meinen Kollegen Marian Brandon, Diana Hinings und Gillian Schofield (Howe, 1999) schrieb. Der Fachbereich hat sich jedoch in den letzten zehn Jahren rasch verändert und wurde durch moderne Denker erweitert und bereichert. Doch trotz einer klar erkennbaren Linie zu Bowlbys Originaltrilogie hätte der Begründer der Theorie kaum abschätzen können, wie sich sein wie er meinte „begrenztes Thema“ entwickeln würde.
Die heutige Bindungstheorie zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie eine breite Palette von Bio-, Sozial- und Entwicklungswissenschaften einbezieht und anwendet. Diese Vorgehensweise ist voll und ganz im Sinne Bowlbys, der die psychosoziale Entwicklung von Kindern zu Lebzeiten immer eklektisch und aufgeschlossen anging. Seien Sie daher nicht überrascht, in diesem Buch – wenn auch auf Einsteigerniveau – auf viele verschiedene Disziplinen wie Psychologie, Tierbiologie, Humanphysiologie, Neurowissenschaft, Evolutionstheorie, Genetik, Systemtheorie und Sozialpsychologie zu treffen. Die Vielfalt dieser Liste weist darauf hin, dass wir uns am Anfang einer spannenden Reise in die Entwicklungswissenschaften befinden. Es zeigen sich immer wieder überzeugende und oft unerwartete Verbindungen zwischen den Genen und der Umwelt, den frühen Phasen der Gehirnentwicklung und der Qualität der Fürsorge durch die Eltern sowie der Evolutionstheorie und der Sozialpsychologie. Bindung ist eine von mehreren Theorien, die als Mittel zur Erforschung dieser Verbindungen dienen und uns dabei einige innovative Ideen zum Menschen, seinem Verhalten und seiner Entwicklung näherbringt. Wir halten daher fest, dass die Bindungstheorie selbst zwar nur einen Teil des Gesamtbildes darstellt, durch ihre wichtige Rolle zu Beginn des Lebens aber viele spätere Erfahrungen des Individuums beeinflusst.
In jedem Jahrhundert gab es Denker, die durch philosophische Einsicht erkannten, dass unser Selbstgefühl – wer wir sind und wie wir sind – aus unseren Beziehungen zu anderen Menschen hervorgeht. Um Selbstwahrnehmung und soziales Geschick zu entwickeln, müssen wir vom ersten Lebensaugenblick an mit anderen Menschen interagieren. Es trifft jedoch auch zu, dass die Qualität und Art der Beziehungen zu anderen im Detail beeinflussen, wer und wie wir sind. Andere Faktoren, unsere Gene eingeschlossen, spielen selbstverständlich ebenfalls eine Rolle, doch wie sie zum Ausdruck kommen, wird von der Umwelt beeinflusst. Wir stellen daher fest, dass der Qualität unserer Beziehungen große Bedeutung beigemessen werden muss – dies gilt für unsere Entwicklung, unser Selbstgefühl, unsere Fähigkeit, mit anderen umzugehen, und unsere psychische Gesundheit. Sie werden sehen, dass uns die Bindungstheorie einiges über diese Dinge verraten kann, nicht nur im Hinblick auf das Säuglingsalter, sondern über das gesamte Leben.
Schauen wir uns einmal Jamie an. Er ist zweieinhalb Jahre alt und lebt zu Hause mit seiner Mutter und seinem Vater. Sein Onkel Jack kommt heute zu Besuch. Jamie mag ihn sehr gerne und hat immer viel Spaß mit ihm. Daher läuft er sofort zu Jack hinüber, als dieser zur Tür hereinkommt. In Nullkommanichts toben die beiden im Garten herum, und Jamie verlangt danach, Fangen zu spielen oder in der Luft herumgewirbelt zu werden. Viel Kichern und Lachen ist zu hören, bis Jamie nicht aufpasst, stolpert und sich das Knie aufschürft. Er weint, ruft nach seiner Mutter, hält sich das Knie und humpelt zurück ins Haus. Er braucht zweifellos die Fürsorge seiner Mutter und eine Umarmung. Onkel Jack bleibt allein zurück. Niemand anderes als Mama kann hier helfen. Dieses Szenario überrascht uns nicht weiter, wirft aber eine Reihe von Fragen auf. Warum geht Jamie mit seinem aufgeschürften Knie nicht zu Onkel Jack, der doch bis zu dem Unglück Jamies ungeteilte Aufmerksamkeit genoss? Warum muss es ausgerechnet die Mutter sein? Die Bindungstheorie geht solch scheinbar offensichtlichen Fragen auf den Grund.
Sie verrät uns darüber hinaus viel Interessantes über unsere Gedanken, Gefühle und unser Verhalten in Beziehungen im Erwachsenenalter. Ein aufgeschürftes Knie löst dann kein großes Leid mehr aus, doch der Verlust des Arbeitsplatzes, der Tod eines engen Freundes, eine schwerwiegende Krankheit oder das drohende Ende einer Liebesbeziehung können dies sehr wohl. Aufgrund der mit solchen Ereignissen verbundenen Angst und des negativen Stresses (Distress) suchen wir einen unterstützenden Partner oder eine Schulter zum Ausweinen auf und können so auch die Erwachsenenvariante von Bindungsverhalten erkennen. Als Erwachsene bringen wir jedoch zu jeder engen Beziehung auch immer unsere komplexe emotionale Vorgeschichte mit. Daher passen unsere Bindungsbedürfnisse und die Reaktionen unserer Partner oder enger Freunde manchmal nicht zusammen.
Ayesha und Raz sind seit einigen Jahren verheiratet. Ayesha weiß, dass Raz gerne Kinder haben würde. Sie hat ihm noch nicht erzählt, dass ihr Chef sie dazu ermutigt hat, sich in ihrer Kanzlei, in der sie als Anwältin tätig ist, um eine wichtige Beförderung zu bemühen. Ayesha hat während des Studiums hart gearbeitet, gute Noten erzielt und ist in ihrem Beruf erfolgreich. Sie erzählt anderen gerne davon, wie stolz ihre Eltern auf ihren Erfolg sind. Sie macht oft Witze darüber, dass sie schon immer „die gute Tochter“ gewesen sei, sich niemals beschwert habe und einfach weitermache. Sie wäre sehr stolz auf die Beförderung, welche ihre Eltern mit Sicherheit beeindrucken würde. Doch der Gedanke, die potenzielle neue Stelle mit Raz diskutieren zu müssen, macht Ayesha nervös. Raz hat bereits mehrmals erwähnt, dass er sich darauf freut, Vater zu werden. Zusammen genießen die beiden materiellen Erfolg und einen gehobenen Lebensstil. Ayesha wird zunehmend angespannter, da sie es nicht gewohnt ist, ihre Gefühle mit anderen zu teilen. „Ich ziehe gewöhnlich den Kopf ein, arbeite hart und mache einfach weiter.“ Sie hat Angst, dass Raz ihre Bemühungen um eine Beförderung nicht unterstützen wird und ihre Beziehung, die ihr sehr wichtig ist, darunter leiden könnte. Obwohl Ayesha Raz gerne von ihren Hoffnungen und Ängsten erzählen würde, hat sie sich ihm immer nur als die coole, kompetente und welterfahrene Frau präsentiert, die weiß, was sie will. Daher tut sie das, was sie immer macht, wenn sie sich verletzlich und ängstlich fühlt: Sie unterdrückt ihre Gefühle, distanziert sich und ist reizbar. Nun könnten wir uns fragen, warum es für Ayesha so schwierig ist, ihren Ängsten Ausdruck zu verleihen und sie mit anderen zu teilen. Warum fällt es ihr so schwer, andere Menschen, besonders jene, die ihr am nächsten stehen, um Hilfe zu bitten? Die Bindungstheorie hilft uns dabei zu verstehen, wie Erfahrungen aus früheren Beziehungen Menschen in der Verarbeitung starker Gefühle beeinflussen. Dies gilt besonders für negative Emotionen im Zusammenhang mit engen Beziehungen.
Obwohl die Bindungstheorie ursprünglich im Aufgabenbereich der Entwicklungspsychologen und Kinderbetreuer angesiedelt war, enthält sie heute Informationen über Persönlichkeit, Verhalten und menschliche Beziehungen, die für das gesamte Leben relevant sind – ganz nach Bowlbys Vorhersage. Eines der am schnellsten wachsenden Forschungsgebiete ist das der Bindungen im Erwachsenenalter. Unter dem wachsamen Auge der Sozialpsychologen wurde der Horizont dieser Theorie bis auf romantische Beziehungen, feste Partnerschaften, Sexualität, Entscheidungen hinsichtlich der Lebensführung, Gesundheit und Alter erweitert. Gleichzeitig haben aber auch die Entwicklungspsychologen ihre Augen und Ohren offengehalten. Sie richteten den Fokus immer mehr darauf, wie enge Beziehungen die biologische, emotionale und soziale Entwicklung von Kindern beeinflussen.
Es wird ersichtlich, dass ich auf den wenigen Seiten dieses Buches lediglich die Hauptideen skizzieren kann. Dabei sollen kurze Beispiele und Darstellungen die einzelnen Bindungsgruppen illustrieren. Sie entstammen meiner eigenen Erfahrung mit der Arbeit mit Familien, dem Verfassen von Gutachten und der Durchführung von Studien. Namen wurden geändert, und in einigen Beispielen habe ich Fälle zusammengefasst, um Anonymität zu wahren. Das Buch besteht aus drei Hauptteilen.
Teil 1 macht den Leser mit den begrifflichen Leitkomponenten der modernen Bindungstheorie bekannt. Zu diesen gehören Bindungsverhalten, Fürsorge, die Eltern als sicherer Hafen und sichere Basis, Gefühlsregulierung, das innere Arbeitsmodell und verschiedene adaptive Strategien, die wir alle verwenden, um unser Gefühl des Wohlbefindens und der Sicherheit zu verbessern. Bindungstheoretiker haben bestimmte Bindungsmuster identifiziert, die durch adaptive Strategien ausgelöst werden. Die ersten Abschnitte dieses Buches müssen sich notwendigerweise im Detail mit der Eltern-Kind-Beziehung auseinandersetzen. Dies spiegelt Bowlbys anfängliche Faszination von der frühkindlichen Entwicklung wider, obwohl er die Relevanz seiner Theorie für Beziehungen und Verhaltensweisen im Erwachsenenalter damals bereits vorhersah. Im Verlauf dieses Buches werden wir uns zunehmend den Beziehungen im Erwachsenenalter zuwenden und uns anschauen, wie ein großer Teil der Konzepte (z. B. das Suchen und Geben von Zuwendung sowie Selbstregulation und defensive Verhaltensweisen) von der Kindheit über das Erwachsensein bis ins hohe Alter von Bedeutung ist.
In der Praxis hat sich die Forschung in dem Bereich Erwachsenenbindung zumeist auf Partnerbeziehungen, insbesondere romantischer Natur, konzentriert. Der größte Unterschied zwischen Bindungen in der Kindheit und im Erwachsenenalter besteht in der Rolle der Betreuungsperson (der Fürsorge bietenden Person). Während der Säugling in der Kindheit Schutz und Betreuung bei seinen als Bezugspersonen auftretenden Eltern sucht, können beide Partner im Erwachsenenalter Fürsorge und Wohlbefinden geben als auch nehmen. Erwachsene Beziehungspartner legen daher sowohl Fürsorge gebende als auch suchende Verhaltensweisen an den Tag – je nachdem, welcher Partner gerade ein Bedürfnis empfindet. Diese Unterschiede werden ab Kapitel 5 näher erläutert.
In Teil 2 schauen wir uns die vier Hauptbindungsmuster (sicher, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent, desorganisiert) an, die von Bindungsforschern identifiziert worden sind. Wir werden untersuchen und prüfen, wie sich die einzelnen Muster in den Lebensabschnitten Säugling, Kleinkind, Kind, Jugendlicher, Erwachsener und im Alter auswirken. Dabei werden auch der mit dem Muster in Zusammenhang stehende psychische und physische Gesundheitszustand sowie Beziehungsprobleme berücksichtigt.
In Teil 3 treten wir einen Schritt zurück und befassen uns mit einigen der ungelösten Fragen und Kontroversen, die die Theorie gegenwärtig beleben. Ist jedes Bindungsmuster tatsächlich das Ergebnis von unterschiedlichen elterlichen Erziehungsmethoden oder beschreibt es lediglich natürliche Unterschiede in der Sensibilität und dem Temperament verschiedener Kinder? Können Kinder, oder sogar Erwachsene, ihren Bindungsstil im Laufe ihres Lebens verändern? Oder ist dieser, einmal erlernt, fest verankert? Diese Fragen kreisen darum, ob das Bindungsmuster einer Person sich über die Jahre stabil verhält oder nicht; ob der Bindungsstil im Lauf des Lebens gleichbleibend ist oder sich verändert. Diese und ähnliche Fragen werden in den letzten Kapiteln gestellt und besprochen. Wenn Sie das Ende dieses Buches erreichen, werden Sie festgestellt haben, dass die Bindungstheorie und -forschung kontinuierlich auf geschäftige Weise die menschliche Erfahrung erkundet. Dabei geht sie nur zu gerne Verbindungen mit den anderen wichtigen Entwicklungswissenschaften ein. Durch dieses Zusammenspiel ergibt sich ein wunderbar subtiles und dabei zunehmend kohärentes Bild unserer psychosozialen Entwicklung vom Kleinkind zum alten Menschen.
Lassen Sie uns nun aber zum Anfang zurückkehren und uns Bowlby anschließen, der gerade „die Vielzahl von komplizierten Pfaden aufzeichnet, die eine Person in ihrer Entwicklung einschlagen kann“. (1998a: 419)
An dieser Stelle habe ich einmal wieder das Vergnügen, Catherine Gray, Palgrave Macmillans Verlegerin und Lektorin für Sozialwissenschaften, meinen Dank für ihren ungebrochenen Enthusiasmus und ihre Unterstützung auszusprechen. Im März 2009 hatte ich soeben ein fertiggestelltes Buch Korrektur gelesen und freute mich auf einen ruhigen Abschnitt in meinem Leben. Doch Verleger sind aus härterem Holz geschnitzt. Catherine war der Ansicht, dass die Welt eine kurze Einführung in die Bindungstheorie benötige, und da es so aussah, als hätte ich in letzter Zeit nichts anderes als kurze Einführungen geschrieben, war ich der Richtige für den Job. Ich glaube, sie meinte es als Kompliment. Nichtsdestotrotz gefiel mir die Idee. Ich hatte daraufhin großen Spaß, Klassiker zum Thema Bindung noch einmal zu lesen und mich mit den neuesten Forschungsergebnissen vertraut zu machen. Es ist wunderbar, mit Catherine zusammenzuarbeiten, und ich bin ihr für ihr Expertenwissen, ihre Erfahrung und Genauigkeit zu Dank verpflichtet.
Catherine arbeitet jedoch nicht allein. Sie wird von ebenso ausgezeichneten Kollegen unterstützt, die mich mit Humor und Nachsicht durch die vielen Phasen leiteten, die ein Buch vor seiner endgültigen Veröffentlichung durchläuft. Daher möchte ich mich auch bei Kate Llewellyn und Katie Rauwerda bedanken. Das Manuskript dieses Buches wurde anonym von vier Fachlektoren gelesen, die allesamt über ausgezeichnetes Wissen und Erfahrung auf diesem Themengebiet verfügen. Alle vier Kritiker gaben sehr genaue Ratschläge und hilfreiche Empfehlungen, mit denen wir das Buch verbessern konnten. Obwohl ich versucht habe, den meisten Vorschlägen Folge zu leisten, konnten doch aus Platzgründen einige sehr vernünftige Ideen leider nicht berücksichtigt werden. Der Nachteil einer kurzen Einführung in ein Thema ist bedauerlicherweise, dass nicht alles gesagt oder getan werden kann. Es ist mir dennoch ein Vergnügen, den Kritikern für ihre klugen Ratschläge und ihr sachkundiges Urteil zu danken.
Als Letztes möchte ich Guilford Press in New York für die Erlaubnis danken, Mario Mikulincers und Philip Shavers Abbildung zu Erwachsenenbindung abdrucken zu dürfen. Diese wurde ursprünglich in ihrem Buch Attachment in Adulthood (2007) als Abbildung 4.2 auf Seite 89 veröffentlicht und ist bei mir als Abbildung 5.1 gekennzeichnet.
David Howe
Vor ca. 150.000 Jahren wurden die Savannen Nordostafrikas (des heutigen Äthiopiens) von kleinen Gruppen aufrecht gehender Primaten bevölkert. Man hätte sie sogleich der Gattung Homo sapiens zuordnen können, da sie sich biologisch nicht von dir und mir, d. h. dem modernen Mann und der modernen Frau, unterschieden. Sie lebten als Jäger und Sammler in kleinen genossenschaftlichen Familienverbünden.
Obwohl diese neue Art weder besonders groß noch stark oder schnell war, hatte sie ein relativ großes und zweifellos komplexes Gehirn entwickelt. Das ausgewachsene Gehirn war in der Tat so groß, dass ein nicht unerheblicher Anteil seines Wachstums und seiner Entwicklung nach der Geburt des Kindes geschehen musste, damit es durch den Geburtskanal passte. Dies bedeutete, dass der Säugling in hohem Maße von der Hilfe und dem Schutz seiner Eltern und Verwandten abhängig war – und dies über viele Monate, um nicht zu sagen Jahre, nach der Geburt. Während dieser verletzlichen und abhängigen Zeit legen die Nachkommen dieser neuen (unserer) Gattung eine Reihe von Fürsorgesuchenden Verhaltensweisen an den Tag. Als Reaktion darauf respondieren die Erwachsenen mit einer Vielfalt von Fürsorge gebenden Verhaltensweisen. Und genau dieses Fürsorge suchende und gebende Verhalten verbessert die Überlebenschancen des Säuglings.
Die Wissenschaft über das Verhalten von Tieren in ihrer natürlichen Umgebung bezeichnet man als Ethologie (oder Verhaltensforschung). Das menschliche Verhalten kann gleichermaßen in alltäglichen Situationen untersucht werden, besonders wenn es sich dabei um grundlegende Tätigkeiten wie die Erziehung kleiner Kinder handelt. Aus ethologischer Sicht können wir jedes Verhalten gleich welcher Art nur dann völlig verstehen, wenn wir „Kenntnis über das Umfeld haben, an das sich die Gattung im Laufe der Evolution angepasst hat“ (Hinde, 2005: 1).
Darüber hinaus lehrt uns die Biologie, dass das Ziel allen Lebens die Vererbung von Genen an zukünftige Generationen ist (Belsky, 2005: 91). Eine der wichtigsten Errungenschaften der Evolutionswissenschaft ist die Erkenntnis, dass alle Attribute oder Verhaltensweisen, die die Überlebenschancen eines Organismus erhöhen – so unerheblich sie auch erscheinen mögen –, mit großer Wahrscheinlichkeit selektiert und daher an zukünftige Generationen weitergegeben werden. Diese Attribute und Verhaltensweisen stellen genetische Anpassungen an die Umwelt dar und werden Teil des Wesens und der Veranlagung der Gattung. Da die vorteilhafte Eigenschaft die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass das Individuum bis zum Erwachsenenalter und zur Geschlechtsreife überlebt, kann sie auch an alle Nachkommen des sexuell aktiven Individuums weitergegeben werden. Definitionsgemäß fallen die meisten Eigenschaften, die die Physiologie, Psychologie und das Verhalten des Tieres bestimmen, in diese Kategorie.
John Bowlby (1997: 47) gab der Umwelt, an die sich die Spezies anpasst (d. h. seine ökologische Nische) und in der sie zu einer gegebenen Zeit überleben kann, den Namen environment of evolutionary adaptedness (EEA, Umwelt evolutionärer Angepasstheit). In diesem Sinne konnte unsere Art zum Beispiel aufgrund ihres sozialen und kooperativen Verhaltens in Gruppen leben und sich ihre Umwelt dadurch adaptiv und flexibel zunutze machen. Das kreative Potenzial dieses sozialen Verhaltens führte zu zunehmender Aufteilung der Arbeitsaufgaben und individueller Spezialisierung. Eine einzelne Person mochte zwar nur eine begrenzte Anzahl von Begabungen haben, doch einer großen Gruppe von Individuen stand eine breite Palette von unterschiedlichen Fähigkeiten und Eigenschaften zur Verfügung. Einige waren ausgezeichnete Jäger, andere geschickte Anführer und gut darin, Entscheidungen zu fällen, während wieder andere wussten, wo die reifsten Früchte zu finden waren oder wie man Auseinandersetzungen und Konflikte am besten schlichtete. Die Fähigkeit zu kommunizieren und zusammenzuarbeiten war daher sehr hilfreich, wenn es darum ging, die guten Eigenschaften und Talente des Einzelnen zu maximieren. Dies verschaffte unserer Art einen immensen Vorteil. Aus darwinistischer Sicht können wir folgern, dass das höchst emotionale und soziale Wesen unserer Gattung eine Folge natürlicher selektiver Kräfte ist.
Für alle Lebewesen gilt, dass all jene Merkmale zu den genetischen Eigenschaften zählen, die offensichtlich adaptiv sind und dem Überleben dienen: die Farbe des Fells, ausgezeichnetes Gehör, die Fähigkeit, hartes Gras zu verdauen, leistungsfähige Beinmuskeln zur schnellen Fortbewegung oder natürliche Nervosität und Vorsicht. Für jede Spezies existiert eine unendliche Liste solcher Eigenschaften, da sich der Evolutionswissenschaftler alles, von dem Geschehen in der einzelnen Zelle über die Funktionsweise von Organen, der Form des Tierkörpers bis hin zu den spezifischen Eigenarten des Paarungsverhaltens, anschaut. Diese Denkweise brachte Bowlby dazu zu untersuchen, welche Verhaltensweisen und Eigenschaften das Überleben eines kleinen, verletzlichen und sehr abhängigen Säuglings verbessern könnten. Im Zuge seiner Nachforschungen identifizierte und beschrieb er mehrere angeborene Verhaltensweisen, die bereits bei der Geburt sichtbar waren und in den ersten sowie späteren Lebensjahren aktiv blieben. Hierbei handelt es sich um die zuvor erwähnten, Fürsorge suchenden Verhaltensweisen, die alle Kleinkinder an den Tag legen.
Als wir vor 150.000 Jahren zum ersten Mal als Homo sapiens die Erde bevölkerten, war Nordostafrika gekennzeichnet von offenen Wäldern und Graslandschaften. Schakale, Wölfe und Großkatzen (hierunter besonders der Leopard) stellten die wohl größte Gefahr vor allem für Babys und Kleinkinder dar. Unser soziales, kooperatives und gruppenorientiertes Wesen sorgte für einen gewissen Schutz vor Raubtieren. Für die meisten in Gruppen lebenden Arten bedeuten viele Gruppenmitglieder erhöhte Sicherheit. Vor diesem Hintergrund können wir verstehen, dass es besonders gefährlich und anstrengend war, sich außerhalb der Gruppe aufzuhalten, abseits und alleine. Bowlby stellte fest, dass für schwache Mitglieder aller am Boden lebenden Primaten, „besonders für Weibchen und Junge, Alte und Kranke, die Isolation oft den schnellen Tod bedeutet“ (1997: 173). Säuglinge finden daher Sicherheit in der Nähe der Gruppe im Allgemeinen und der Hauptbezugspersonen im Speziellen. Wie wir später feststellen werden, wird die Hauptbezugsperson des Säuglings in den meisten Fällen auch immer seine „Bindungsperson“. Main, Hesse und Kaplan fassen Bowlbys Gedanken zu diesem Thema wie folgt zusammen:
Laut Bowlby ist die Fokussierung des neugeborenen Primaten auf die Bindungsperson deshalb emotionaler und hartnäckiger, da sie so eng mit Angst verknüpft ist. Dies geht auch darauf zurück, dass viele Primaten Halbnomaden sind. Die großen, von ihnen zurückgelegten Distanzen führen dazu, dass sie keinen festen Ort für den Schutz ihrer Jungen haben, wie z. B. eine Höhle oder einen Bau. Im Gegensatz zu jenen Säugetieren, bei denen ein spezieller Ort den sicheren Hafen für das Junge darstellt, muss der Säugling bei Gefahr seine Bindungsperson aufsuchen. Diese ist sein sicherer Ort.
(2005: 253, Hervorhebung im Original)
Wir spüren das Echo dieser uralten Gefahren auch heute noch in unserem Körper und unserer Psyche. Bei Gefahr oder Stress suchen wir oft soziale Unterstützung. Wir fühlen uns zu den Personen hingezogen, die unsere Lage teilen, oder wenden uns an jene, mit denen wir am engsten verbunden sind. Auf soziale Zurückweisung und Verlassenwerden reagieren wir besonders sensibel. Alles, was uns aus der Familie, Gruppe, Gemeinschaft oder Sippe ausschließt, löst starke Besorgnis aus. Es verunsichert uns, ja macht uns regelrecht Angst. Letztere ist bei Babys und Kleinkindern dann am größten, wenn sie nicht mehr von ihren Eltern oder engen Verwandten beschützt werden. Bowlby (1998a: 52) unterstreicht diesen Punkt, indem er den bedeutenden amerikanischen Psychologen William James zitiert: „Das, was Kleinkinder am meisten in Angst und Schrecken versetzt, ist Einsamkeit.“ Aus diesem Grund sollten wir die Langzeitfolgen von Vernachlässigung, Verlassenwerden und anhaltender Trennung niemals unterschätzen.
Die realen Gefahren bei Verlust der Hauptbetreuungsperson in der Umwelt evolutionärer Angepasstheit ließen Bowlby vermuten, dass verletzliche Säuglinge höchstwahrscheinlich mit bestimmten Verhaltensweisen geboren wurden, die für Schutz sorgten. Fühlt sich das Baby einer Gefahr ausgesetzt, sucht es aufgrund dieser fürsorge- und schutzorientierten Verhaltensweisen automatisch einen sicheren Ort auf. Bei diesen Orten handelt es sich um die Mutter als Hauptbetreuungsperson, aber auch den Vater und andere Familienmitglieder.
Betreuungspersonen beschützen ihren Nachwuchs auf zwei grundlegende Weisen (Goldberg, 2000: 135). Sie können proaktiv reagieren, indem sie Gefahren voraussehen und / oder abstellen. Dies bedeutet, dass der Säugling der Gefahr gar nicht begegnet und sein Bindungsverhalten nicht aktiviert wird. Des Weiteren können die Betreuungspersonen auf Angstsignale des Kleinkindes reagieren, wenn dieses sich bedroht fühlt. Dabei ist es wichtig, dass die Betreuungsperson die Dinge aus der Perspektive des Kindes sieht. Die Mutter ist sich im Klaren darüber, dass keine echte Gefahr besteht, kann aber gleichzeitig verstehen, dass das Kleinkind die Situation anders einschätzt. Eine Mutter weiß, dass ein freundlicher Hund, der aufgeregt auf sie zu rennt, sehr wohl angsteinflößend wirken kann, wenn man klein ist und begrenzte Erfahrung mit Hunden hat.
Ähnliche Gefahren lösen bei vielen Arten von Primaten vergleichbare mütterliche Reaktionen aus. Bowlby führt das folgende Beispiel einer Affenmutter und ihrer Reaktion auf Trennung an:
Wie alle anderen Jungtiere unter den Primaten verbringt das Schimpansenjunge seine gesamte Säuglingszeit in unmittelbarer Nähe zu seiner Mutter. Während der ersten vier Monate klammert es sich an ihren Bauch. Es kann nur sehr selten von ihr getrennt beobachtet werden und sitzt dann gewöhnlich neben ihr. Sollte es sich mehr als ein bis zwei Meter von ihr entfernen, holt sie es zurück. Bemerkt die Mutter ein Raubtier in der Nähe, umarmt sie ihr Junges umso mehr.
(Bowlby, 1997: 190)
John Bowlby hatte Medizin und Psychoanalyse studiert. Als Kinderpsychiater fühlte er sich sein ganzes Leben lang der Objektbeziehungstheorie verbunden. Diese beschreibt, wie das Selbst und der Verstand sich entwickeln, wenn Kinder in Beziehung zu anderen treten, besonders zu ihren Hauptbetreuungspersonen (Bretherton, 1998). Nachdem er 1945 seinen Sanitätsdienst bei der Armee abgeschlossen hatte, begann er an der Tavistock Clinic in London als Leiter der Pädiatrie. Diese benannte er sogleich in die „Abteilung für Kinder und Eltern“ um, was seine wachsende Überzeugung davon zum Ausdruck brachte, dass die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung wesentlich zu der Entwicklung und mentalen Gesundheit des Kindes beiträgt.
Bowlby beobachtete, dass sich Kinder während der Trennung von ihren Eltern beunruhigt und ängstlich verhielten, besonders da sie sich zusätzlich in unbekannter Umgebung oder der Gegenwart fremder Menschen befanden. Durch diese Betrachtungen gelangte er schließlich zu dem Konzept, das wir heute als Bindung bezeichnen (Bowlby, 1958). Um den negativen Stress, die Aufgebrachtheit und das Verhalten kleiner Kinder zu verstehen, wenn sie sich mit Gefahr, Verlust und Trennung konfrontiert sahen, verknüpfte Bowlby zahlreiche Ideen aus verschiedenen Wissenschaften. Zusätzlich zu seinen klinischen Studien flossen die folgenden Bereiche in seine Arbeit ein: Tierverhaltensforschung, Ethologie, Evolutionswissenschaft, Entwicklungspsychologie, Kontroll- und soziologische Systemtheorie, Kognitionswissenschaft. Bowlby fand viele Schlüsselkonzepte in diesen Fachbereichen, die ihm halfen, das Verhalten und die Entwicklung von Säuglingen und Kleinkindern zu verstehen.
Bowlby hatte viele originelle Ideen, die er in drei bahnbrechenden Büchern veröffentlichte, seiner bekannten Trilogie: Bindung und Verlust (1969, 1973, 1980, dt.: 2006). Obwohl er als die treibende Kraft hinter der Bindungstheorie gesehen werden muss, so war es doch Mary Ainsworth, die für Stringenz in der Forschung sorgte und ihr eigenes konzeptuelles Wissen in das Unterfangen einbrachte. Ainsworth hatte Entwicklungspsychologie studiert und arbeitete in den frühen 1950er-Jahren für einige Zeit mit Bowlby. Danach hielt sie sich in Uganda auf, bevor sie schließlich in die USA zurückkehrte. Es ist Ainsworths jahrzehntelanger innovativer Forschung, methodologischer Vorstöße und kreativer Theoriebildung zu verdanken, dass Bowlbys Ideen weiterentwickelt und erweitert werden konnten (vgl. z. B. Ainsworth et al., 1978). Die Zusammenarbeit der beiden Gründer der Bindungstheorie war bis zu Bowlbys Tod 1990 sehr aktiv und produktiv. Mary Ainsworth starb 1999, nur einige Jahre später.
Ethologen verwenden das Konzept der Verhaltenssysteme, um verschiedene neurale Programme zu beschreiben. Hiermit sind die inhärenten Verhaltensrepertoires gemeint, mit denen Tiere biologisch ausgestattet sind, um zu überleben, Entscheidungen zu treffen, sich zu vermehren und in ihrer physischen und sozialen Umgebung zurechtzukommen. Ein bestimmtes Verhaltenssystem wird automatisch aktiviert, wenn die Sinne von den entsprechenden Umweltreizen stimuliert werden – Hinweise auf Gefahr, Nahrung oder einen potenziellen Geschlechtspartner. Wenn das aktivierte Verhaltenssystem sein „vorbestimmtes Ziel“ erreicht hat – ein sicherer Ort ist aufgesucht, Nahrung aufgenommen oder ein Sexualpartner gefunden –, schaltet es sich wieder ab. Das tagtägliche Handeln von Tieren wird so im Grunde fortwährend von ganzen Gruppen von Verhaltenssystemen gesteuert, die sich nach Bedarf an- und abschalten. Der Sinn und Zweck eines jeden Systems ist die Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit, d. h. die Sicherstellung von Überleben, Fortbestand und Reproduktion.
Obwohl jedes Verhaltenssystem an sich relativ mechanisch arbeitet, lernt der Organismus sehr wohl aus Erfahrung. Dieses Erfahrungslernen gibt dem Tier die Möglichkeit, eine Reihe von Strategien zu entwickeln, die ihm bei der Anpassung an die Besonderheiten seines Lebensraums helfen. Mit jeder adaptiven Verhaltensstrategie versucht der Organismus, seine Überlebenschancen und sein Fortpflanzungspotenzial durch Erlerntes zu verbessern. Die unkomplizierten Prinzipien der Lerntheorie besagen, dass Verhaltensweisen, die ihr Ziel erreichen, zumeist als angenehm empfunden werden. Der Organismus wird dadurch in diesem Verhalten bestätigt und wiederholt es unter ähnlichen räumlichen Umständen. Fehlgeschlagene Verhaltensweisen werden nur mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit noch einmal durchgeführt. Wir werden im Folgenden feststellen, dass beispielsweise das Bindungsverhalten von Kindern von den Besonderheiten ihrer Betreuung geformt wird und sich an diese anpasst.
Eines der wichtigsten und grundlegendsten Verhaltenssysteme ist das System der Angst. Es hilft uns zu überleben, indem es uns bei potenzieller und realer Gefahr warnt. Da Angst auch das Bindungssystem aktiviert, stellen wir fest, dass Angst und Bindung synchron arbeiten (Kobak, Rosenthal & Serwik, 2005: 74). In diesem Zusammenhang müssen wir uns die Welt und ihre sehr realen Gefahren noch einmal vor Augen führen, denen unsere Vorfahren als Säuglinge und Kleinkinder ausgesetzt waren. In ihnen wurde das Bindungssystem immer dann ausgelöst, wenn sie sich bedroht, beunruhigt oder gefährdet sahen, negativen Stress empfanden oder ein Bedürfnis hatten. Ist das Bindungssystem in Gang gesetzt, aktiviert es das Bindungsverhalten, dessen festes Ziel wiederum die Wiederherstellung der körperlichen und mentalen Nähe zu einer Betreuungsperson ist. Letztere verspricht Sicherheit und Schutz. In der EEA (Umwelt evolutionärer Anpassung) „liefen Säuglinge, die biologisch darauf programmiert waren, sich in unmittelbarer Nähe zu ihren Müttern aufzuhalten, seltener Gefahr, von Raubtieren gefressen zu werden. Aus diesem Grund sprach Bowlby bei dem Schutz vor Raubtieren von der ‚biologischen Funktion‘ des Bindungsverhaltens“ (Cassidy, 2008: 5).
Nachdem das Bindungsverhalten des Kindes sein Ziel erreicht hat und die Nähe zur Betreuungsperson wiederhergestellt ist, fühlt sich das Kind erneut sicher. Das Bindungssystem schaltet sich daraufhin ab und ein Bindungsverhalten ist nicht mehr erkennbar. „Unter Verwendung des Feedbackkonzeptes“, so Bowlby (1997: 20), schenkt die Bindungstheorie „den Bedingungen für das Abschalten des Verhaltens genauso große Beachtung wie denen für das Anschalten.“ Mit anderen Worten sind Bindungstheoretiker sowohl daran interessiert, wie Eltern ihren Kindern ein Gefühl der Sicherheit geben (oder nicht) und ihnen helfen, ihre Erregung zu kontrollieren, als auch an den Auslösern des Verhaltens.
Bindungsverhalten handelt von der Suche nach Schutz vor Gefahr. Dies bedeutet, dass Kleinkinder ihre Umgebung ständig nach zwei Arten von Erfahrungen absuchen:
Besteht Gefahr oder Stress?
Diese können als äußere Gefahren (die Gegenwart eines Fremden, ein lautes Geräusch, das schnelle Herannahen eines großen Tieres, Dunkelheit) oder inneres Unwohlsein (hungrig, müde, krank) empfunden werden.
Wo ist meine Bindungsperson und wie zugänglich ist sie?
Selbst wenn Kinder fröhlich spielen, suchen sie immer wieder Blickkontakt mit ihrer Bindungsperson. Sie zeigen auf etwas Neues oder Unbekanntes, während sie ihre Eltern anschauen, oder watscheln zu ihrer Mutter zurück, um ihr ein Spielzeug zu zeigen. Ungewissheit über den Aufenthaltsort und die Erreichbarkeit der Betreuungsperson aktiviert das Bindungssystem. Trennung, Verlassenwerden, Alleinsein über einen zu langen Zeitraum, Zurückweisung, Vernachlässigung und Misshandlung können alle zu einer akuten oder in vielen Fällen chronischen Aktivierung des Bindungssystems führen.
Die meisten Säugetiere, aber auch viele andere Arten, zeigen Bindungsverhalten. Nehmen wir einmal das Beispiel eines kleinen Lammes. Es ist damit beschäftigt, Gras zu fressen, und entfernt sich dabei weiter und weiter von seiner Mutter – seinem sicheren Hafen. Lämmer gehen beim Vergrößern des Abstands zur Mutter eine potenzielle Gefahr ein. Jene, die von ihren Müttern und der Herde getrennt sind, werden Wölfen, Großkatzen und großen Adlern leicht zur Beute. Plötzlich fühlt das Lamm, dass die Mutter zu weit entfernt ist, um ihm Sicherheit zu bieten. Dies aktiviert das Bindungssystem, was wiederum Bindungsverhalten auslöst. Das Ziel wird nun sein, die Nähe zur Mutter, d. h. Sicherheit und Schutz, wiederherzustellen. Während das Bindungssystem aktiv ist, befindet sich das Lamm in einem erregten, dysregulierten und vorübergehend gestressten Zustand. In dieser verzweifelten Lage wird das Lamm seine Mutter sehr wahrscheinlich durch Blöken alarmieren. Sobald das Lamm seine Mutter sieht, wird es schnell zu ihr zurücklaufen. Daraufhin kann es dazu kommen, dass das Lamm zu säugen beginnt und dies gewöhnlich mit einer gewissen Dringlichkeit tut. Hat das Bindungsverhalten jedoch sein Ziel erreicht und das Lamm ist sicher bei seiner Mutter angekommen, schaltet sich das Bindungssystem ab. Dann kehrt das Lamm zu dem zurück, was Lämmer normalerweise tun: Gras fressen.
Das Gleiche gilt für Menschenkinder, obgleich mit einigen Unterschieden. Säuglinge müssen das Gefühl haben, dass ihre Eltern sowohl erreichbar sind als auch sensibel auf Bedürfnisse, Signale und Kommunikationsversuche reagieren. Wenn man nicht in der Lage ist, zu seiner Mutter zurückzukrabbeln oder zu laufen, dann muss man die Mutter dazu bringen, zu einem zu kommen. Protestieren, Weinen, Klammern, Greifen und andere Ausdrücke von Bedürfnissen und Unbehagen sind sehr effektive Bindungsverhaltensweisen. Diese Kampfreaktionen auf die Frustration darüber, dass die eigenen Bedürfnisse ignoriert oder nicht befriedigt werden, erregen die Aufmerksamkeit der Betreuungsperson. Hierbei handelt es sich um signalisierendes Verhalten. Die meisten durchschnittlich sensiblen Eltern kümmern sich schnell um ihr Kind, wenn es protestiert oder weint, besonders wenn das Weinen Schmerz oder Angst ausdrückt (van IJzendoorn & Hubbard, 2000: 388). Dies bedeutet natürlich nicht, dass sie nicht auf andere Signale des Unwohlseins wie Hungerschreie reagieren. Doch in solchen Situationen fällt die Fürsorgereaktion weniger eilig und dafür bewusster aus. Dieses Verhalten bringt zum Ausdruck, dass Betreuungspersonen verstehen, wann sofortiges Handeln notwendig ist – Schmerz könnte schließlich lebensbedrohliche Folgen haben. Ein hungriges Kind ein wenig verspätet zu füttern verursacht hingegen keinen ernsten Schaden; im schlimmsten Falle hat der Säugling danach schlechte Laune.
Weitere Beispiele für Bindungsverhalten sind Laute von sich geben, Gurren, Plappern, Sauggeräusche, Lächeln, der Betreuungsperson mit den Augen folgen und Blickkontakt herstellen, der Betreuungsperson physisch folgen oder die Arme ausstrecken (mit der Bedeutung „Ich will hochgehoben werden“). Diese Verhaltensweisen halten alle vernarrten Eltern auf Trab. Wer kann schon einem lächelnden, brabbelnden Baby widerstehen? Mütter suchen ganz automatisch den Blickkontakt zu ihren Säuglingen und agieren lebhafter, wenn dieser aufgebaut ist. Sie lächeln mehr, geben häufiger Geräusche von sich und übertreiben dabei ihre Gesichtsausdrücke und Laute. Babys fokussieren von Natur aus sowohl auf Gesichter als auch auf melodische Stimmen mit hoher Tonlage, langsamem Tempo oder einem Singsang.
Je älter Säuglinge werden, desto mehr lächeln sie die Menschen an, die sie am besten kennen. Obwohl sie fröhlich in einiger Entfernung spielen, schauen sie doch oft in Richtung ihrer Betreuungsperson und stellen Blickkontakt her. Und sobald das Kleinkind gelernt hat zu gehen, kann es selbstverständlich bei Bedarf zu seiner Mutter oder seinem Vater zurücklaufen. Bowlby notierte die folgende Beobachtung zu solchem Annäherungsverhalten:
In der EEA (Umwelt evolutionärer Angepasstheit) des Menschen ist es offensichtlich überlebensnotwendig, dass die Mutter eines Kindes unter drei bis vier Jahren immer genau weiß, wo es ist und was es tut. Sie sollte jederzeit bereit sein einzuschreiten, falls eine Gefahr droht. Vonseiten des Kindes ist es daher als adaptiv zu betrachten, wenn es versucht, ihr seinen Aufenthaltsort und seine Aktivitäten mitzuteilen, bis es von ihr das Signal „Nachricht erhalten“ empfängt.
(Bowlby, 1997: 247)
Je älter das Kind wird und je besser seine Fähigkeit, Beziehungen und soziale Situationen einzuschätzen (soziale Kognition), desto besser kann es die Verfügbarkeit von Fürsorge beurteilen. Die einzelnen kognitiv-behavioralen Mechanismen ermöglichen es ihm, die Betreuungssituation in seiner Umgebung nuancierter zu verfolgen und zu bewerten. Kinder verwenden dabei komplexere, flexiblere und anpassbare (zielkorrigierte) Verhaltensweisen und Strategien, um ihre Ziele zu erreichen. Da das Betreuungsumfeld von herzlich, sensibel und zugänglich bis distanziert, unsensibel und unberechenbar variiert, wird klar, warum in den verschiedenen Eltern-Kind-Konstellationen unterschiedliche Bindungsverhaltensstrategien verwendet werden. Jedes der Hauptbindungsmuster beschreibt die Art von Bindungsstrategie und kognitiver Bewertung, der Kinder je nach Betreuungssituation folgen (vgl. Kapitel 6, 8, 10 und 12).
Kleinkinder bauen von Natur aus Bindungen zu jenen Erwachsenen auf, die präsent und ihnen bekannt sind – auch wenn diese Erwachsenen unfreundlich sein mögen, sie beleidigen oder misshandeln (vgl. Kapitel 12). Säuglinge knüpfen instinktiv eine Verbindung zu ihren Betreuern (Prior & Glaser, 2006: 15). Nur in extremen Fällen von Heimaufenthalt oder anderen Lebensumständen, mit ständig wechselnden, vollkommen desinteressierten Betreuern, gelingt Kindern die Bindung nicht. Bei den meisten Kindern mit normaler Entwicklung führt Bindung jedoch schrittweise zu der Entstehung eines affektiven, gefühlgetragenden Bandes (affectional bond) zu den für sie wichtigen Erwachsenen, besonders den Hauptbetreuungspersonen. Wir stellen daher fest, dass „eine Bindung andauert, während die verschiedenen Ausprägungen des Bindungsverhaltens nur bei Bedarf aktiviert werden“ (Bowlby, 1998b: 40).
Nach und nach sind Babys immer besser in der Lage, zwischen den vielen Menschen in ihrem Leben zu unterscheiden. Sie erkennen schnell, wer wer ist, und bevorzugen klar ihre Hauptbetreuungspersonen. Die meisten Kinder entwickeln im Alter zwischen sechs und neun Monaten eindeutige Bindungen zu den Erwachsenen, mit denen sie am meisten sozial interagieren und die sie am wahrscheinlichsten beruhigen, trösten und beschützen. Diese Personen bezeichnet man daher als die Bindungspersonen des Kindes. Mit fortschreitender Ausbildung eindeutiger Bindungen reagieren Kleinkinder zunehmend misstrauisch auf unbekannte Erwachsene und Fremde.
Im Alter von zwölf Monaten sind die Bindungspersonen für die Kinder zum Mittelpunkt des Lebens geworden. Dass ein Kind mehrere Bindungspersonen haben kann, geht auf unseren Ursprung als Jäger und Sammler zurück. Damals lebten wir in kleinen Gruppen, in denen Kinder nicht nur von ihren Eltern, sondern von der ganzen Großfamilie beaufsichtigt wurden. Hrdy (2005) nennt dies „kooperative Aufzucht“. Auch in unserer modernen Zeit ist es immer noch so, dass die Personen, die ein Kind regelmäßig beschützen und zurechtweisen, automatisch seine Bindungspersonen werden. Diese Ehre wird gewöhnlich Müttern, Vätern, Großeltern und gegebenenfalls wichtigen Betreuern zuteil. Obwohl Kinder hinsichtlich ihrer Betreuungspersonen bei Bedarf sehr flexibel sind, zeichnet sich doch insgesamt eine Hierarchie ab: Die Mutter ist in den meisten Fällen die Hauptbindungsperson und erste Wahl. Ein Kleinkind würde zum Beispiel wenig Beunruhigung zeigen, wenn seine Großmutter es verlässt. Käme es aber zu einer ernsten Trennung von seiner Mutter als Hauptbindungsperson, würde das Kleinkind ganz anders reagieren. Bowlby illustriert diese Erkenntnis sehr nachdrücklich mit dem Beispiel der vier Jahre alten Wendy, die um den Verlust ihrer Mutter trauert:
Etwa vier Wochen nach dem Tod der Mutter beklagte Wendy, dass keiner sie liebte. In dem Versuch, sie zu trösten, zählte der Vater viele Menschen auf, die sie liebten (und erwähnte dabei alle, die für sie sorgten). Woraufhin Wendy treffend bemerkte: „Aber als Mama noch lebte, brauchte ich nicht so viele Menschen – ich brauchte bloß einen.“
(Bowlby, 1998b: 280)
An dieser Stelle müssen wir einige andere Punkte klarstellen. Die Stärke des Bindungsverhaltens eines Kindes in bestimmten Situationen sagt nichts über die „Stärke“ der Bindung aus. Einige unsicher gebundene Kinder legen gewöhnlich sehr deutliches Bindungsverhalten an den Tag, während sicher gebundene Kinder es oft für unnötig erachten, dies intensiv oder häufig zu zeigen. Es kommt auch vor, dass Kinder Bindungsverhalten in Abwesenheit ihrer Bindungspersonen ausdrücken. Ein Kleinkind, das Angst vor einem großen Tier hat, läuft sehr wahrscheinlich zu dem Erwachsenen, der ihm am nächsten ist, und hält sich an ihm fest – unabhängig davon, ob es eine Bindung zu dieser Person hat oder nicht. Bowlby fasst diesen Sachverhalt wie folgt zusammen:
Die Aussage, ein Kind sei mit jemandem verbunden, bedeutet, dass es sehr daran interessiert ist, dieser Person nahe zu sein und mit ihr Kontakt zu haben. Es sucht diese Nähe in bestimmten Situationen, besonders wenn es ängstlich, müde oder krank ist. Der Hang zu diesem Verhalten ist ein Merkmal des Kindes … Bindungsverhalten bezeichnet dagegen jede der verschiedenen Verhaltensweisen, die ein Kind gewöhnlich zeigt, um die erwünschte Nähe zu erreichen und / oder aufrechtzuerhalten.
(Bowlby, 1997: 371)
In ihrer Rolle als Bindungspersonen entwickeln die Eltern ein Band der Zuneigung zu ihrem Kind. Dieses bezeichnen wir als fürsorgliches Band(caregiving bond). Wir müssen uns dabei vor Augen halten, dass es neben Bindung und eben jenem fürsorglichen Band viele andere Arten von affektiven Verbindungen gibt, die wir mit anderen Menschen eingehen können – zum Beispiel geschwisterlicher, freundschaftlicher oder sexueller Natur. Streng genommen ist der Begriff „Bindung“ (attachment) daher auf das Verhalten des Verletzlichen gegenüber dem Starken und Beschützenden beschränkt. Dies gilt sowohl für die Kindheit als auch für das Erwachsenenalter. Man muss deshalb sagen, dass Eltern in diesem Sinn eigentlich nicht an ihre Kindern gebunden (attached) sind; besser ausgedrückt: sie stehen in fürsorglicher Verbindung zu den Säuglingen.
Dieser Konvention folgend, können beide Seiten als gebunden beschrieben werden. Dabei verwenden wir den Begriff Bindung ausschließlich für ein Verhalten, das an eine Person gerichtet ist, von der wir glauben, dass sie mit der gegenwärtigen Situation besser umgehen kann. Der Person, die dazu weniger gut in der Lage ist, wird komplementär fürsorgliches oder betreuendes Verhalten entgegengebracht.
(Ibid.: 377)
Kleinkinder haben eine Bindung zu und zeigen Bindungsverhalten gegenüber ihren Eltern, den Betreuungspersonen. Handelt es sich um zwei Erwachsene in einer partnerschaftlichen Beziehung, können beide gleichermaßen Bindungsverhalten an den Tag legen und fürsorglich reagieren. Dies hängt davon ab, wer in der gegebenen Situation gerade die Fürsorge, den Schutz, die Unterstützung und das Verständnis des anderen benötigt.
Sollte das Bindungsverhalten sein Ziel nicht erreichen, bleiben das Bindungssystem und damit einhergehende Erregung und Unwohlsein aktiv. Zum Beispiel kann die Mutter oder der Vater eine Weile nicht erreichbar sein – sie ist im Badezimmer, er wechselt die Windeln des neuen Geschwisterchens, sie ist krank.
In ernsteren Fällen können der Verlust und die Trennung von einer Bindungsperson lang andauernd oder permanent sein. Eltern müssen möglicherweise ins Krankenhaus, leiden unter Depressionen oder sterben. Aus der Perspektive des Kindes wird jede dieser bedeutenden Trennungen und Verluste als Unterbrechung des affektiven Bandes empfunden. In diesen Situationen beobachten wir erhebliche Proteste und hohen negativen Stress während der ersten Phase der Trennung oder des Verlustes. Darauf folgt intensives Anklammern in den Fällen, in denen die Bindungsperson zurückkehrt (Robertson, 1953).
Bowlby (1997) beobachtete, dass Babys ab dem siebten Monat eine bestimmte Abfolge von Verhaltensweisen zeigen, wenn sie mit einer dauerhaften Trennung oder dem Verlust einer Hauptbindungsperson konfrontiert werden. Bowlby meinte, dass „der Verlust der mütterlichen Fürsorge in dieser höchst abhängigen und verletzlichen Phase der Entwicklung“ äußerst bedeutsam sei (ibid.: xiii). Die Gegenwart anderer bekannter Personen oder Objekte kann die Intensität des Trennungsschmerzes natürlich mildern. Doch befindet sich das Baby an einem fremden Ort ohne die Unterstützung bekannter Personen oder die Möglichkeit, die Nähe zu seinem Hauptbetreuer wiederherzustellen, ist seine erste Reaktion Protest – lautes Schreien, Wut und der Versuch, der Bindungsperson zu folgen oder diese zu finden. Es macht Sinn, wütend zu schreien und aktiv nach der Betreuungsperson zu suchen. Wut hilft beim Überwinden von Hürden, die sich dem Kind beim Finden der Betreuungsperson in den Weg stellen mögen. Sie kann die „geliebte Person zudem davon abbringen, das Kind erneut zu verlassen“ (Bowlby, 1998a: 186). „Solange die Wut anhält, ist der Verlust scheinbar noch nicht als dauerhaft akzeptiert worden und es besteht noch Hoffnung“ (Bowlby 1998b: 91).
Sollte der Verlust oder die Trennung anhaltend sein, gehen Säuglinge in eine Phase der Verzweiflung über. Ihre Fixierung auf die Bindungsperson besteht weiterhin, und sie halten fortwährend nach ihr Ausschau, doch die Säuglinge beginnen, die Hoffnung aufzugeben (Robertson, 1953). Diese Phase ist von Betrübnis und Trauer gekennzeichnet, wie sie bei jedem tief greifenden Verlust in einem Menschenleben vorkommen können. Apathie und Rückzug verstärken sich. Die betroffene Person leidet unter Appetitlosigkeit und Schlafstörungen. Aus Sicht der Evolutionstheorie ist diese zweite Phase ebenfalls adaptiv. Leise und inaktiv sein ist das Beste, was das Kleinkind tun kann, wenn die Bindungsperson abwesend ist und es keine Raubtiere anlocken, dafür aber Kräfte sparen will.
Hält der Verlust an, geht das Kleinkind schließlich in die defensive Phase offensichtlicher Loslösung über. Ist die Dauer der Abwesenheit jedoch nicht zu lang, sind Kinder bei Rückkehr der Mutter in der Lage, die Bindung wiederherzustellen. Bowlby (1998a: 47) beobachtete jedoch, dass die Kinder „über Tage oder Wochen, manchmal noch viel länger“ darauf bestehen, ihrer Mutter nahe zu sein. Sie zeigen heftige Angst bei dem bloßen Verdacht, dass sie wieder verschwinden könnte. Bowlby berichtet von der Frau eines Grubenarbeiters und ihrer Reaktion auf die Frage, ob sich ihre Tochter jemals eine Umarmung wünschte:
Seitdem ich sie damals alleinließ, weil ich ins Krankenhaus musste (zwei Aufenthalte von je 17 Tagen, als die Tochter zwei Jahre alt war), vertraut sie mir nicht mehr. Ich kann nirgendwo mehr hingehen – nicht zu den Nachbarn oder zum Einkaufen. Ich muss sie überall mit hinnehmen. Sie weicht mir nicht von der Seite. Heute Abend ging sie einmal allein aus dem Haus, rannte jedoch schnell wie von der Hornisse gestochen zurück. Sie sagte: „Oh Mama, ich dachte, du wärst weg!“ Sie kann es einfach nicht vergessen. Sie weicht mir auch heute noch nicht von der Seite. (Ibid.: 248)
In späteren Kapiteln dieses Buches werden wir uns mit einigen der Folgen verlorener, beschädigter und gestörter affektiver Bindung beschäftigen. Dabei wird sich zeigen, dass Wut auf die Bindungsperson eines der stärkeren Gefühle darstellt, die ausgedrückt werden, wenn es um Trennung, Verlust, Zurückweisung oder Verlassenwerden geht. Es ist jedoch wichtig zu unterstreichen, dass in Fällen, in denen diese Erlebnisse allzu häufig auftreten, Wut, Aggression und Angst die Beziehung auch später im Laufe der Kindheit und des Erwachsenenalters mit großer Wahrscheinlichkeit noch stören werden. Einige der aggressivsten und wütendsten Verhaltensweisen, besonders den Eltern gegenüber, kommen bei Jugendlichen zum Ausdruck, die wiederholt von ihren Betreuungspersonen verlassen wurden oder denen man das Verlassenwerden oft angedroht hat. Die Betreuungspersonen sprachen gewöhnlich davon, die Familie zu verlassen, das Kind wegzuschicken oder Selbstmord zu begehen (ibid.: 289).
Bindungsverhalten signalisiert den Eltern, dass der Säugling oder das Kleinkind sich nicht ganz wohlfühlt. Es dient als Form der Kommunikation, besonders in einem Alter, in dem die Kinder noch nicht sprechen und ihr Anliegen mündlich vorbringen können. Babys weinen aus gutem Grund und nicht, weil sie gerne weinen. Sie weinen ganz bestimmt nicht, um ihre Eltern zu ärgern, wie gestresste und schimpfende Eltern manchmal behaupten.
Ist der Säugling beunruhigt oder weint er, versuchen sensible, beschützende Eltern herauszufinden, wo die Ursache liegt. Die ist jedoch oft leichter gesagt als getan. Besonders bei Neugeborenen ist es schwierig festzustellen, was dem Kind fehlt. Ist das Baby hungrig? („Aber ich habe dich doch gerade erst gefüttert.“) Muss deine Windel schon wieder gewechselt werden? Ist dir zu warm? Geht es dir nicht gut? Darüber hinaus mögen die Eltern müde sein und an Schlafmangel leiden, nachdem sie wochenlang mehrmals pro Nacht aufstehen und das Neugeborene füttern mussten. Dennoch fühlt sich die Mehrheit der Mütter und Väter doch der Gesundheit und dem Wohlergehen ihres Kindes verpflichtet – obwohl sie sich vielleicht nicht immer auf dem Höhepunkt ihrer Leistungsfähigkeit befinden mögen. Babys können diese Liebe, Wärme und dieses Interesse sowie den Beschützerinstinkt ihrer Eltern spüren.
George (1996) bezeichnet diese wechselseitige Reaktion der Mütter und Väter auf das Bindungssystem des Säuglings als das Fürsorgesystem. Dies beinhaltet den biologischen Drang, seinen Nachwuchs zu versorgen, zu trösten und zu beschützen. Seine Kinder zu beschützen und ihr Überleben sicherzustellen verbessert die Fortpflanzungsfähigkeit der Eltern, d. h., erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die eigenen Gene an die nächste Generation weitergegeben werden. Das Fürsorgesystem spiegelt und ergänzt das Bindungssystem des Kindes. Es hat zum Ziel, das Kind zu schützen, zu regulieren und auf es zu reagieren, während das Bindungssystem des Kindes erreichen will, dass das Kind beschützt, reguliert und beachtet wird. Die regelmäßigen und wiederholten Reaktionen einer angemessen einfühlsamen, beständigen und erreichbaren Betreuungsperson bestärken den Säugling in seinem Bindungsverhalten. Er findet heraus, dass er dieses Verhalten dann anwenden muss, wenn er sich bedroht fühlt und Sicherheit, Trost und Gefühlsregulation sucht.
Da das Fürsorgesystem hauptsächlich mit der Sicherheit und dem Schutz des Kindes zu tun hat, identifizierte Cassidy (2008: 10) in Anlehnung an Bowlby die folgenden Verhaltensweisen als charakterisierend für das System: das Kind „lokalisieren“, zu ihm kommen, nach ihm rufen oder greifen, es zurückhalten oder bändigen, ihm folgen, lächeln, es beruhigen und in den Armen wiegen. Da einfühlsame Eltern Gefahr voraussehen und abwenden, verhindern sie die Aktivierung des Bindungssystems des Kindes. Sie retten und beschützen das Kind zudem, wenn es sich bereits in einer Gefahrensituation befindet. Sobald das Kind in Sicherheit ist, schaltet sich das Fürsorgesystem der Eltern ab und lässt anderen elterlichen Verhaltenssystemen wie Spielen, Unterricht, Arbeit oder sozialer Interaktion mit anderen Erwachsenen den Vortritt.
Es ist sehr wichtig, sich immer wieder daran zu erinnern, dass das Bindungssystem des Kindes eigentlich still und leise im Hintergrund ablaufen soll, wo es die Umgebung nach Gefahren und Bedrohungen absucht. Nur dann kann das Kind seine Energie darauf verwenden, wie genetisch vorgesehen das ganze Spektrum seiner Entwicklungsmöglichkeiten auszuschöpfen. Wenn Kinder entspannt sind und sich sicher fühlen, können sie die Freuden und Vorzüge von Spiel, sozialer Interaktion, der Entdeckung neuer Dinge, Lernen, Kreativität und Neugier genießen. Sie erforschen ihre Umgebung. Sollte jedoch Gefahr drohen, Unsicherheit aufkommen, Angst oder Unbehagen empfunden werden, schaltet sich das Bindungssystem sofort wieder ein. Das Kind hört umgehend auf zu spielen oder zu erkunden. Angst und Überleben sind in der Tat so grundlegend, dass die Aktivierung des Bindungssystems andere wichtige Verhaltenssysteme wie das Explorations-, Anschluss-, Kontakt- oder (bei Erwachsenen) Sexualverhalten deaktiviert. Wenn wir beunruhigt oder ängstlich sind, fühlen wir uns sehr selten auch verspielt, gesprächig oder aufreizend.
Das Bindungssystem und das Explorationssystem gelten daher als einander gleichzeitig ergänzend und hemmend. Bei vielen Kindern aktiviert sich das Bindungssystem mehrere Male am Tag, schaltet sich aber durch einfühlsame und responsive2 Eltern relativ schnell wieder ab. Hierdurch können Kinder den größten Teil des Tages auf Spielen und sozialen Interaktionen verwenden. Wir stellen fest, dass Erkundung (Exploration) uns ähnlich wie die Bindung Sicherheit gibt und unser Überleben sichert, lediglich auf eine andere Weise. Spiel und Erkundung helfen Kindern dabei, ihre physische und psychosoziale Umgebung kennenzulernen und sich an sie anzupassen. Sie unterstützen soziale Kompetenz, Selbstständigkeit und allgemeine Fähigkeiten. Auf diese Weise eignen Kinder sich die Fertigkeiten und das Wissen an, die für ein praktisches Überleben notwendig sind. Je älter Kinder werden, desto mehr Zeit verbringen sie mit Spielen und desto seltener zeigen sie Bindungsverhalten (Bowlby, 1997: 197). Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass das Explorationssystem bei Kindern mit chronisch aktiviertem Bindungssystem – vernachlässigte, misshandelte oder zurückgewiesene Kinder – zwangsläufig geschädigt ist. Diese Kinder verwenden all ihre Kraft auf das Überleben und haben daher wenig Zeit für Spiel, Spaß und Beziehungen. Die wiederholte Unterdrückung von Erkundungs- und Sozialverhalten ist der emotionalen, sozialen und kognitiven Entwicklung des Kindes daher abträglich.
Eine ähnliche wechselseitige Beziehung besteht zwischen dem Fürsorgesystem der Bindungsperson und dem Bindungssystem des Kindes. Aus der Sicht des Kindes kann sich sein Bindungssystem abschalten, sobald das Fürsorgesystem seiner Eltern einsetzt. Die Betreuungsperson übernimmt die Verantwortung dafür, dass Nähe aufgebaut, Schutz geleistet und Gefahren überwacht werden. Hierdurch haben Kinder die Möglichkeit, ihre Umgebung ohne Sorge zu erkunden. Dies ist auch der Grund dafür, warum sie in Gegenwart ihrer Betreuungspersonen am entspanntesten und spielerischsten sind.
Bindungsverhalten zeigt sich am häufigsten im Alter zwischen sechs Monaten und fünf Jahren. Dies erscheint logisch, da Verletzbarkeit und Abhängigkeit in dieser Zeit am größten sind.
Bowlby und Ainsworth knüpften alle zuvor genannten Fäden zusammen und sahen in der Bindungsperson sowohl einen sicheren Hafen als auch eine sichere Basis. Wann auch immer ein Kind auf Probleme stößt, weiß es, dass es einen sicheren Hafen gibt, zu dem es zurückkehren kann und in dem es Trost und Schutz erhält. Mit diesem Wissen kann es seine Bindungsperson zudem als sichere Basis nutzen, von der aus es auf Erkundungsreise geht (Ainsworth et al., 1978; Ainsworth & Wittig, 1969; Belsky & Cassidy, 1994: 375). Je mehr ein Kind darauf vertraut, dass eine responsive Bindungsperson im Notfall für es da ist, desto unabhängiger und spielerischer wird es sein. Betreuungspersonen, die eine sichere Basis bieten, ermöglichen ihren Kindern autonom, neugierig und experimentierfreudig zu sein. Sichere Kinder gehen gut mit dem Alleinsein um. Sie probieren gern neue Fertigkeiten aus, ohne dabei ständig das Bedürfnis zu haben, um Hilfe bitten zu müssen. Sollten sie jedoch wirklich einmal mit Schwierigkeiten konfrontiert werden, holen sie sich Rat und Unterstützung.
Kinder und Erwachsene, denen eine sichere Basis fehlt, empfinden größere Angst, wenn sie sich allein mit der Welt auseinandersetzen sollen. Die Ungewissheit darüber, ob die Bindungsperson bei Bedarf zugänglich ist und reagiert, führt zu Unsicherheit. Personen ohne sichere Beziehungsbasis fehlt es an Selbstsicherheit, was tief greifende Folgen für die Entwicklung mit sich bringt. Kinder und Erwachsene ohne sichere Basis stellen fest, dass ihre Bindungsbedürfnisse ihr Bestreben nach Unabhängigkeit, Verspieltheit und Arbeitseinsatz ständig unterdrücken. Ihre sozialen Interaktionen sind überdurchschnittlich heikel und aufgeregt. Das Selbstvertrauen ist schnell zerstört und Versuche, etwas alleine zu bewältigen, unterminiert.
Wann auch immer ein Kleinkind beunruhigt ist, sich in Gefahr sieht oder etwas braucht, aktiviert sich sein Bindungssystem. Dadurch wird Bindungsverhalten ausgelöst, das zum Ziel hat, die Nähe zur Betreuungsperson herzustellen. Die Betreuungsperson ist gleichbedeutend mit Sicherheit und Trost. Ist diese grundsätzliche Definition des Bindungsverhaltens nicht wunderbar einfach? Die eigentliche Komplexität des Konzeptes kommt erst in seinen Auswirkungen und Einzelheiten vollständig zum Ausdruck. In dieser Einführung in die Bindungstheorie und ihre Funktionen haben wir uns bisher nur auf den instinktiven, genetisch programmierten Charakter des Verhaltens und das Band zwischen Kindern und ihren Hauptbetreuungspersonen konzentriert. Dies macht aus evolutionärer Sicht auch Sinn. Die Entwicklung einer Bindungsbeziehung und deren Schutzfunktionen den Launen individuellen Lernens zu überlassen war nach Bowlbys (1988: 5) Ansicht „der Gipfel biologischer Torheit“. Menschenkinder haben einfach nicht die Zeit, komplexe Verhaltensweisen zum Überleben zu erlernen. Diese müssen von Geburt an „eingebaut“ sein und funktionieren. Allerdings geht Bindungsverhalten mit starken Gefühlen einher. Deshalb wollen wir uns nun den Reaktionen der Betreuungspersonen zuwenden und uns anschauen, wie sie auf die Gefühle reagieren, die zwangsläufig bei jeder Aktivierung des Bindungssystems entstehen.
Am Anfang dieses Buches stellten wir fest, dass der Mensch ein sehr soziales, um nicht zu sagen kontaktfreudiges Wesen ist. Wir verbringen einen großen Teil unserer Zeit in Gesellschaft anderer. Die Evolutionsethnologie lehrt uns, dass wir als Mitglied einer Gruppe Schutz genießen. Die soziale Gruppe verbessert die Überlebenschancen, Ressourcen (Nahrung, Unterkunft, Wärme), Informationsvermittlung und Möglichkeiten (Geschlechtspartner, neue Fertigkeiten) des Einzelnen. Soziale Kompetenz stellt daher eine Schlüsselqualifikation für das Überleben, die Fortpflanzung und die mentale Gesundheit dar. Doch um sich soziales Geschick anzueignen, müssen wir auch psychologisch klug sein. Eines der uns definierenden Merkmale ist das Bestreben, uns selbst und andere Menschen zu verstehen – besonders auf psychologischer Ebene. Während die meisten anderen Arten lediglich auf Verhalten reagieren, gehen wir auch auf den Verstand und seine Absichten ein. Psychologische Sinnstiftung gibt uns die Möglichkeit zu kommunizieren, interpretieren und zusammenzuarbeiten, wodurch wir wiederum „arbeiten, lieben und spielen können“ (Fonagy et al., 2002: 6). Wir geben uns selten damit zufrieden, ein Verhalten bloß zu beobachten. Wir wollen wissen, wodurch es ausgelöst wurde, und die Antwort finden wir nur, wenn wir neugierig sind. Dieses typisch menschliche Verhalten ist die Triebkraft hinter Klatschgeschichten, geteiltem Erstaunen, Täterprofilen, Romanen und Ratgeberkolumnen.
Am Ende eines von vielen schwierigen Teammeetings schauten Mel und Royce einander an und seufzten. Eine Sachbearbeiterin hatte einmal wieder damit gedroht zu kündigen, da ihrer Meinung nach niemand außer dem Abteilungsleiter ihre Arbeit zu schätzen wisse. Sie wollte einige Veränderungen in den Abläufen des Büroalltags durchsetzen, was sie viel Zeit und so manches Wochenende gekostet hatte. Nun war sie verärgert, dass sie auf großen Widerstand beim Gesundheitspersonal traf. Es war nicht das erste Mal, dass sie in Tränen ausbrach und damit andere zu Unterstützung, Sympathie und einem Einlenken hinsichtlich der von ihr vorgeschlagenen Veränderungen nötigte. „Sie tut das dauernd“, sagte Royce. „Ich fühle mich jedes Mal emotional manipuliert. Warum macht sie das?“ „Du bist ein Mann und verstehst nur die Hälfte“, erwiderte Mel. „Sie flirtet mit dir und Eli, aber über uns Frauen lästert sie hinter unserem Rücken. Das weiß ich ganz genau. Bei ihr gibt es nur ganz oder gar nicht. Umarmungen, Küsse und beste Freunde im einen Augenblick; beleidigt sein, Drohungen und Zurückweisung im nächsten. Das macht mich ganz verrückt. Ich glaube, sie ist unsicher.“
Dieses große Interesse an anderen Menschen – ihrem Verhalten, ihren Gedanken, Gefühlen, Plänen, Hoffnungen, Überzeugungen – zeigt sich auch bei Babys. Auf einer tiefen evolutionären Ebene gibt uns Akzeptanz, Teil der Gruppe zu sein und enge Beziehungen zu haben, Sicherheit und das Gefühl, gute Überlebenschancen zu genießen. Unsere stärksten Gefühle empfinden wir zumeist in unseren Beziehungen zu anderen Menschen. Einer Bindungsperson nahe zu sein, sich ihr zu nähern und mit ihr wiedervereint zu werden erzeugt ein Gefühl der Liebe, des Trosts und der Freude. Anhaltende Trennung hingegen führt zu Angst, psychischem Schmerz und zuweilen Wut. Der Verlust einer Bindungsperson hinterlässt Trauer, Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit. Bei Zurückweisung empfinden wir Schmerz und schämen uns unendlich, wenn wir lächerlich gemacht werden.
