Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Georg Ludwig Ritter von Trapp erlebt als U-Boots-Kommandant den Zerfall der ungarisch-österreichischen Monarchie. Trotz allem Widerstand werden für ihn die Auflösungserscheinungen seiner Heimat immer sichtbarer. Dennoch gibt es für den Kommandanten und seiner U-Boots-Besatzung keine Sekunde des Zweifelns oder Zögerns. Sie machen die Bekanntschaft mit einem Kamel auf dem U-Boot und erleben die ersten Wasserbomben der Geschichte. Das schicksalshafte Buch endet mit nichts Geringerem als dem Ende der Monarchie.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 267
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Bis zum letzten Flaggenschuss
Erinnerungen eines österreichischen U-Boots-Kommandanten
von
Georg v. Trapp
______
Erstmals erschienen bei:
Anton Pustet, Salzburg-Leipzig, 1935
__________
Vollständig überarbeitete Ausgabe.
Ungekürzte Fassung.
© 2017 Klarwelt-Verlag
ISBN:.978-3-96559-073-1
www.klarweltverlag.de
Gewidmet
den Kameraden der U-Boots-Waffe
Inhaltsverzeichnis
Titel
Zwischen den Inseln
U-Boote heraus!
„Léon Gambetta“
Briefe
Neid
Fahrt ins Hinterland
Die Bombe ist geplatzt
Arme Austriaci!
„Giuseppe Garibaldi”
„Nereide“
Prise
Benzinschwammer
Amerika blufft
Die ersten Wasserbomben
Helden
„Curie“
Der Ölfleck
Deckfarbe
Mit Umgehung des Dienstweges
Der unbeschränkte U-Boots-Krieg
Umbau im Arsenal
Die ersten Dampfer
Befehlsübermittlung
Nebel
Die beiden Griechen
Salut an Afrika
Der eine kommt, der andere geht
Gjenović
Otranto
Beute
Unterhaltung an Bord
U-Boots-Falle
Wetterleuchten
Bravo, Bim!
Herbstfahrt
Interner Dienst
Intermezzo!
Im Osten
Das Feuer geht aus!
Durazzo
Bis zum letzten Flaggenschuss!
. M. Torpedoboot „52“ liegt in Sebenico am Molo inmitten der neun Kameraden seiner Torpedobootdivision.
Sie waren alle die Nacht über draußen gewesen, haben nach feindlichen Schiffen gesucht, die von irgendeiner Nachrichtenstelle gemeldet, aber wieder einmal nicht gekommen waren.
Weit hinaus in die Adria haben sie ihre Nasen gesteckt, haben sich die Augen ausgeschaut und sind wieder einmal enttäuscht zurückgekommen durch die Incoronate, die kahlen Felsensinseln, die dem Hafen von Sebenico vorgelagert sind. Sie könnten auch „Die tausend Inseln“ heißen, wie sie da verstreut liegen. Die Leute erzählen sich: Da ist einmal ein Riese längs der Küste hinuntergewatet und hat einen großen Sack voller Steine getragen. Auf einmal hat er gemerkt, dass ihm unterwegs der Sack geplatzt war und er die Hälfte verloren hat. Da hat er den Rest zornig vor Sebenico hingeschmissen und ist davon. Große und kleine Steine waren es, solche, die ganz ordentliche Inseln wurden, mit Bergen, auf denen jetzt Signalstationen stehen, die weit in die freie See auslugen können. Aber auch so kleine, die kaum aus dem Wasser herausschauen, und solche, die bei Flut bedeckt sind und dann unsichtbare Riffe wurden. Das sind die, denen die Schiffe ausweichen müssen in den engen, geschlungenen Durchfahrten, wenn sie sich nicht die Seiten aufreißen wollen an dem scharfen, zackigen Gestein.
Kahl schauen sie aus, diese Inseln, und doch haben sich Menschen gefunden, die dort wohnen. Wo sich in einer Doline oder in einem der winzigen Täler ein kleiner Fleck der roten Erde zeigte, haben sie in langer mühsamer Arbeit jeden Stein aus dem Boden geklaubt. Ein Fleck, nicht größer als ein Zimmer, heißt schon „Feld“.
Die Steine haben sie zu kleinen Mauern aufgebaut rund um die Felder, zum Schutze gegen den Wind, der die kostbare Erde fortwehen, oder gegen den Regen, der sie fortspülen könnte. Schicht um Schicht wuchsen die Mauern, von jeder Generation weiter erhöht. In langen geraden und gezackten Linien ziehen sie sich über die größeren Inseln. Sie bilden zugleich die Weidegrenzen für die Ziegen und Schafe, die dort zwischen Wacholder- und Brombeergestrüpp, mitten im wilden Spargel und Ginster, ihre spärlichen Gräser suchen.
Neben den Hütten, die in den Buchten verstreut umherstehen, wachsen immer ein paar Feigen- und Olivenbäume. Sie müssen ihre Wurzeln tief zwischen die Steine hinuntergebohrt haben, dort Nahrung und Wasser suchend, wenn die Gluthitze des Sommers den Boden ausgedörrt hat.
Es ist ein armes Land — Stein, Stein, nichts als Stein. Ein Land ohne Farben. Für den Menschen aus dem Norden, der das maifrische Grün der jungen Buchen, das saftige Grün der Wiesen, das satte Grün der Sommerwälder gewöhnt ist, wirken die silbrig glänzenden Oliven und die nachtdunklen Zypressen gar nicht grün. Für ihn ist es ein ganz neuartiger Farbenakkord: blau — blau in allen Schattierungen, direkt ein Schwimmen im Blau, oben der Himmel, ringsum die weite See, und als einzige Abwechslung blendend weiße Sommerwolken oben und ebenso blendend weiße Felseninseln unten, das Weiß nur schwach gemildert vom Graugrün oder Schwarzgrün des Bosco. Es ist, als ob die Natur das, was sie dem Auge des Menschen hier versagt, ihm anderweitig reichlich ersetzen wollte: das ganze Land duftet, auf viele Meilen hinaus spürt man es: Wacholder, Thymian, Myrten, Rosmarin!
Es ist ein herrliches Fahren dort zwischen den Inseln mit den vielen großen und kleinen Buchten, in denen es von Fischen wimmelt. Am schönsten ist es aber in den windstillen Nächten, die so eigenartig belebt sind.
Da blitzt es immer wieder irgendwo auf, rote Lichter, weiße Lichter — das sind die Leuchtfeuer, die den Schiffen ihre Warnung zublitzen. Und aus den vielen Buchten tauchen jetzt ungezählte Fischerboote auf, die einen unter Segel, große Netze schleppend, die anderen, von schweren Stehrudern fast lautlos vorwärtsgeschoben, suchen mit starken Blendlaternen das Wasser ab. Ganz vorne im Boot steht ein Mann mit der Fossina, einer vielzinkigen Harpune, in der Hand und lauert auf Calamari1, Dentali und was sonst noch an Fischen daherkommt. Beim Auslaufen singen die Leute immer ihre uralten Gesänge: Balladen mit unzählig vielen Strophen, leidenschaftliche wilde Kriegsrufe, weiche, sehnsüchtige Liebeslieder. In langgezogenen, weithallenden Tönen, in ungewohnten Melodien klingt hier das verborgene Lieben, Leiden und Sehnen eines stolzen, durch Jahrhunderte unfrei gewesenen Volkes an das Ohr des Nordländers. Und obwohl dieser auch die Worte nicht versteht — die traurige Sehnsucht dieser Menschen nach ihrer großen Vergangenheit versteht er auf einmal und es berührt ihm eigenartig das Herz. Wie eine leise Begleitung ertönt dazu das vielhundertstimmige Konzert der Zikaden und der leichte Abendwind trägt den Duft vom Land herüber — berauschend stark und süß.
So werden die Nächte zwischen den Inseln für jeden zu einem reichen, unvergesslichen Erlebnis.
In diese friedliche Welt ist jetzt der Krieg eingebrochen. Das Fahren zwischen den Inseln ist mit einem Male anders geworden! Wohl ist die weiche Nachtluft noch immer erfüllt vom Zirpen der Zikaden und vom schweren Duft des Landes, aber niemand hat mehr Zeit, darauf zu achten. Das Singen ist verstummt, denn das Fischen ist verboten und die Männer sind im Krieg.
Wenn früher schon das Fahren in diesen Gewässern wegen der vielen Untiefen und Riffe nicht ungefährlich war, ist es jetzt in höchstem Grade ungemütlich geworden.
Zwischen den Inseln liegen Minen, jeden Augenblick kann ein feindliches Periskop, ein Flieger mit Bomben auftauchen, und die Nächte sind besonders interessant geworden: es gibt keine Leuchtfeuer mehr! Der Krieg hat sie ausgelöscht. Jetzt muss der Seemann schauen, wie er sich ohne sie in dem Gewirr der Inseln und Scoglien2 zurechtfindet, oftmals bei bedecktem Himmel und schwerer See.
Und er findet eine Hilfe — die Eilande selbst bieten sie. Manche fallen schon von weitem durch ihre eigenartige Form auf, deren Silhouette nachts scharf von den anderen absticht, und sie ermöglichen es dem Seemann, sich zu orientieren.
Es ist kaum glaublich, dass wirklich jede Insel, jedes Riff, jeder kleinste Scoglio einen eigenen Namen hat, und doch sind solche darunter, die keiner vergisst der sich dort je in finsteren Nächten oder bei schlechtem Wetter in der Gegend hat herumtreiben müssen. Da ist der Skulj, die Kurbavela und der Tetevišnjak, Inseln, vor denen man die Kappe abnimmt, um sie zu grüßen — denn oft haben nur sie es den Torpedobooten ermöglicht, den Weg zu finden, wenn der Scirocco oder die Bora blies und sie sich in der Nacht ohne Leuchtfeuer zurechtfinden mussten!
So war es auch heute Nacht gewesen, als die Boote wieder einmal von einem ergebnislosen Streifzug durch die Inseln zurückkamen.
1 Tintenfische
2 Kleine Inseln
ie Torpedoboote haben Kohle ergänzt.
Jetzt wird das Boot mit der Dampfpumpe gewaschen. Außenbord, Deck, Aufbauten, Geschütze und Lancierapparate. Zuerst das Boot, dann die Leute.
Der Kohlenstaub ist überall hingedrungen, auch unter die Lider der übernächtigen Augen. Man möchte schlafen und kann die Augen vor lauter Brennen nicht geschlossen halten. Darum steht alles auf dem Molo und bespricht die letzte Fahrt.
Von den Inseln kommen Segelboote herein. Schwere, massive Fahrzeuge, die den Verkehr vermitteln. Sie bringen Schafkäse, Fische und Schnaps und kaufen in der Stadt Zucker, Tabak und was sie sonst noch brauchen.
Es ist wenig Wind und die Boote müssen gerudert werden. Der Mann sitzt am Steuer und raucht, die Frauen bedienen stehend die langen, schweren Ruder. Sie vertäuen auch das Boot und machen die Segel fest. Ganz ähnlich ist es in den „Schwarzen Bergen“. Wenn die Montenegriner nach Cattaro zum Markte kommen, sitzt der Mann auf dem Esel, die Frau läuft neben her und trägt die Last.
Einer der Offiziere geht auf den Mann zu, der sich auf einen Belegpöller gesetzt hat und zusieht, wie die Frauen das Boot ausladen.
„Und du? Machst du gar nichts? Lässt du nur die Frauen arbeiten?“
„Ništa? Spavam za zenú!“1
Aber es ist nicht so schlimm, wie es ausschaut. Alle sind prachtvolle Seeleute und Fischer und bearbeiten ihren Boden, an den sich kein Bauer vom Flachlande herantrauen würde. Ihr höchster Traum ist, nach Amerika auszuwandern, wo schon ihre Brüder und Onkel sind, mit einem Haufen Dollars zurückzukommen und ein Wirtshaus aufzumachen.
Abends sitzen die Offiziere in einem der beiden Kaffeehäuser, die Sebenico besitzt. Es führt den hochtrabenden Namen „Hotel de la Ville“. Schmierige Eleganz, der Fußboden immer schmutzig und voller Zigarettenstummeln, der Kellner in einem Smoking aus dritter Hand, Hemd und Kragen stehen diesem an Schwärze nicht nach. Und aus den von Herrschaften abgelegten Lackschuhen ragen die „Kavaliersdippeln“ durch ausgeschnittene Löcher heraus. Sie werden mit den Schuhen mitgewichst.
Auch die Offiziere der Transportdampfer sind da. Sie müssen den Verkehr mit dem Golf von Cattaro besorgen.
Die schmalspurige bosnische Bahn kann nicht alles bewältigen und die Schiffe, die dort seit Beginn des Krieges liegen, müssen ebenso wie die Forts beliefert werden.
Über die Dampfer und die von unten einlaufenden Torpedoboote kommen auch jeweilig direkte Nachrichten aus der Bocche2. Schwere Kämpfe hatten sich da gleich zu Anfang des Krieges abgespielt.
Auf dem 1760 Meter hohen Lovćen3 hatten die Montenegriner ihre Batterien eingebaut und konnten von dort bequem alle österreichischen Stellungen überblicken. Täglich haben sie diese unter schwerem Feuer gehalten. Dort haben die Artilleristen die wahre Hölle gehabt. Ununterbrochen haben die feindlichen Geschosse auf ihre Betondeckungen gehämmert und sie alle Tage frisch zertrümmert.
Torpedoboots-Divison auf der Fahrt durch die Inseln
Zerschossene französische Batterie auf dem Lovćen
Dann in der Nacht sind die Besatzungen herausgekommen und haben die zerschossenen Deckungen immer wieder notdürftig mit Beton geflickt. Tagaus, tagein ging es so — sie haben sich nicht niederkämpfen lassen! Sie waren es, die die Einnahme der Bocche verhindert haben.
Der Feind hat es ja gleich gewusst: Die Bocche, der südlichste Hafen der Monarchie, ist die gegebene Ausfallspforte der österreichisch-ungarischen Schiffe gegen das Mittelmeer. Gelingt es ihm, diesen Hafen einzunehmen, dann ist Österreich in der Adria gefangen. Die Bocche ist aber groß genug, um alle Schiffe der vereinigten Entente aufzunehmen. Sie würde einen prächtigen Hafen für die französische Flotte abgeben, die von dort aus die ganze Adria in der Hand gehabt hätte.
Deshalb war es für die Entente ja auch so ungeheuer wertvoll, dass das kleine Montenegro dem großen Österreich feindlich gesinnt war. Seine Lage, da oberhalb der Bocche in den Schwarzen Bergen, war geradezu ideal für sie. Darum haben die Franzosen auch ihr Möglichstes getan, um Montenegro zu unterstützen. Lebensmittel, Kleider und Munition wurden hingeschafft. Unter großer Machtentfaltung sind diese Transporte für Montenegro durchgeführt worden, denn ein großer Teil der französischen Flotte war jeweilig aufgeboten worden, um die Dampfer nach Antivari, Montenegros einzigem Hafen, zu begleiten. Bei diesen Gelegenheiten sind auch immer die Seeforts der Bocche beschossen worden. Geschehen ist nichts dabei, es glich eher einer militärischen Demonstration, die in keinem Verhältnis stand zu den aufgebotenen Machtmitteln.
Beim ersten Erscheinen der feindlichen Flotten war der kleine österreichisch-ungarische Kreuzer „Zenta“ auf dem Rückweg in die Bocche vom Feind abgeschnitten worden. 17 große, schnelle und moderne Kriegsschiffe, Engländer und Franzosen, hatten jetzt ein billiges Scheibenschießen auf den alten kleinen Kreuzer. Die feindlichen Schiffe brauchten sich nur in entsprechender Entfernung zu halten, die Kanonen der „Zenta“ reichten nicht sehr weit. Ein einziger ihrer kleinen schnellen Zerstörer hätte genügt, uni das alte Schiff zu versenken.
Obwohl die Lage für sie so aussichtslos war, hat sich die „Zenta“ bis zum letzten Atemzug wütend verteidigt. Alles war schon zerschossen, das Schiff bereits im Sinken, das Deck schon vom Wasser bespült, da ließ der Kommandant, Fregattenkapitän Pachner, noch den letzten Schuss abfeuern. Erst als ihr Schiff buchstäblich unter ihren Füßen weggesunken war, dachten die Überlebenden an eine Möglichkeit ihrer Rettung. Aber von den siebzehn Schiffen war nur noch eine breite Rauchfahne zu sehen. Sie hatten den tapferen Feind sich selbst überlassen, ohne an Hilfe zu denken. So mussten die Schiffbrüchigen trachten, die viele Meilen entfernte montenegrinische Küste durch Schwimmen zu erreichen. Feindliche Gewehre lichteten dort die Reihen der zu Tode Erschöpften — und als der Kommandant mit den letzten Übriggebliebenen nach stundenlanger, äußerster Anstrengung endlich das Ufer erreicht hatte, wusste er, dass eine harte Gefangenschaft sie erwartete . . .
Als „Letztes Aufgebot“ zur Eroberung der Bocche hatten die Franzosen Batterien nach Montenegro geschafft. Sie setzten ihre größten Hoffnungen auf sie. Die k. u. k. Flotte wartete, bis sie auf dem Lovćen eingebaut waren, und schickte dann S. M. S. „Radetzky“ hinunter. Im Vereine mit den alten Schiffen, die bereits im Golfe von Cattaro lagen, wurden die neuen Batterien beschossen und gänzlich demoliert.
Damit war die Bocche gerettet und blieb weiterhin verschont.
Mit dem Erscheinen der französischen Flotte waren die vier österreichisch-ungarischen Unterseeboote, denen man die Fahrt noch zutrauen konnte, hinunterbeordert worden, mehr war nicht da. Später kam noch ein fünftes U-Boot dazu, das unter dem Namen U „12“ bei Valona das französische Großkampfschiff „Jean Bart“ anlanciert und schwer havariert hat.
So standen die Dinge, als an jenem Frühlingsabend die Offiziere im „Hotel de la Ville“ in Sebenico beisammensaßen. Sie besprachen diese und andere Kriegsereignisse.
Im April 1915 ist nicht viel los an den Fronten. Man erwartet etwas ganz Besonderes, etwas Entscheidendes Irgendeiner hat einen Onkel im Kriegsministerium, der sehr geheimnisvoll geschrieben hat . . .
Man glaubt ja noch alles, was aus dem Hinterland kommt.
Die Aufgaben der Flottillen sind undankbar und langweilig. Dampfer begleiten, Minen suchen und sprengen. Ab und zu müssen sie schnell anheizen, dann lässt man die Feuer wieder abbrennen, weil irgendeine Meldung über den heranziehenden Feind doch nicht gestimmt hat. Oder sie werden hinausgejagt und kommen wie diesmal ergebnislos zurück.
„Warum bist du denn nicht auf einem U-Boot, du bist doch ein alter U-Boots-Mann gewesen?“ wird der Kommandant Von Tb „52“ gefragt.
„Ja, ich hab’ mir den Krieg auch anders vorgestellt! Hab’ geglaubt, am zweiten Tag nach der Kriegserklärung werden wir uns schon mit den Franzosen in der Otrantostraße schlagen. Da war ich froh, dass ich ein Torpedoboot erwischt hab‘. Was hat man denn damals auch von einem U-Boot erwartet, als im Hafen liegen und den Feind nur angehen, wenn er kommt. Das war mir zu aussichtslos, als sie mir ein U-Boot antrugen. Jetzt allerdings, jetzt tät‘ ich gern tauschen.“
„Was ist denn das überhaupt für ein Krieg!“ schimpft ein anderer. „Alle Flotten liegen im Hafen. Die Engländer sind überhaupt verschwunden. Kein Mensch weiß, wo ihre Flotte steckt. Nur das Kleinzeug ist draußen.“
„Ja, was glaubt ihr denn“, mischt sich ein Dritter drein, „was soll denn unsere und die deutsche Flotte draußen machen? Um was geht denn der Krieg zur See eigentlich? Doch nicht nur um eine lustige, frisch-fröhliche Seeschlacht, damit man sich gegenseitig Schiffe zusammenschießt und dann doch nichts davon hat!
Um die Seeherrschaft geht es. Um die Sicherheit der eigenen Dampfer, damit man sich von überall aus der ganzen Welt das holen kann, was man im eigenen Lande braucht. Und das — das können wir Mittelmächte nie haben, dazu sind wir zu schwach.“
Jetzt sind alle am Gespräche beteiligt, man merkt, über dieses Thema wird heute nicht zum ersten Mal debattiert.
„Glaubt ihr denn, dass Deutschland in einer Seeschlacht die englische Flotte so dezimieren kann, dass es die Seeherrschaft erringt? Nein! Und wenn sie noch so viele versenken, werden die Deutschen so geschwächt herauskommen, dass England immer noch die See beherrschen wird.
Das hat also keinen Zweck.
Und wir gegen die französische Flotte? Ist gar nicht daran zu denken. Jetzt sagt mir nur, warum die Flotte auslaufen soll und wohin! Sie findet doch keinen Gegner draußen. Lauft höchstens den U-Booten in die Arme!“
„Ja, die U-Boote! Die sind jetzt Trumpf! Nur mit ihnen können wir der Entente die Seeherrschaft streitig machen. Erringen können wir sie nie!“
Dalmatinischer Frachtensegler (Trabakel)
Frauen „bemannen” die Fischerboote
„Dann aber wenigstens los mit den U-Booten!“ meldet sich der Kommandant von Tb „52“ wieder. „Jetzt, wo wir es endlich heraushaben, dass man auch Dampfer mit ihnen abschießen kann, jetzt sollen sie losgelassen werden wie Wölfe auf eine Herde!
Aber jetzt bekommen es die Diplomaten mit der Angst zu tun. Amerikaner und Italiener dürfen nicht mehr versenkt werden, sie könnten Krieg erklären. Das tun sie so auch. Früher oder später. Aber jetzt führen die Engländer ihre Nachschübe unter neutraler Flagge und die U-Boote wissen es und müssen sie laufen lassen.
Wir können Maisbrot fressen und bald wird auch das aufhören! Mein Gott — haben denn die noch nicht erfasst, dass es um die Wurscht geht!“ Und er fährt sich mit einer heftigen Bewegung ins Haar. Dann ist er still. Lässt die anderen weiterreden und kaut an seinem Schnurrbart.
Die Kameraden, die ihn kennen, wissen: Das mit den U-Booten, das muss ihm sehr zu Herzen gehen.
„Der deutsche Kaiser hat doch unlängst von einem nahen Frieden gesprochen!“ sagt einer, „Weihnachten sollen wir schon zu Hause feiern können!“
„Ja, wollen wir‘s hoffen! Cameriere, platiti!“4
Am nächsten Morgen wird auf dem Führerschiff der Flottille, dem Kreuzer „Admiral Spaun“, ein Signal gehisst:
„Tb ‚52‘ um 8 Uhr abends dampfklar. 4 Uhr nachmittags Kommandoübergabe.
Man ruft den Bootskommandanten.“
„Was können denn die von mir wollen? Nur nicht auf einen dicken Kasten!“ sagt der Kommandant, den es angeht. Auf dem Führerschiff erhält er den Befehl. Er hat das Torpedoboot an Linienschiffsleutnant B. zu übergeben und soll auf seinem alten Boote als Passagier in den Golf von Cattaro fahren, um dort S. M. Unterseeboot „5“ zu übernehmen.
Zuerst weiß er nicht, ob er sich freuen soll.
Es ist wohl schon lange sein Wunsch gewesen, zu seiner alten Waffe, den U-Booten, zurückzukehren. Auch erwartet er sich, damit vor den Feind zu kommen. Aber — er soll sich von seiner ihm liebgewordenen Division trennen und von seinem alten Torpedoboot. Wieder einmal scheiden von den alten Kameraden, die einander immer so getreulich beigestanden sind, in deren Kreis er auch so viele gemütliche und lustige Stunden verlebt hat. Von seinen Leuten, mit denen er so gut eingefahren ist und auf die er sich verlassen kann. Aber dann juckt es ihn doch wieder. „So ein U-Boots-Kommando! Man ist doch ganz sein eigener Herr. Wenn man will, wird man auch zum Feind hinfinden und vielleicht kann man doch sein Scherflein beitragen, um diesen verdammten Krieg einmal zu Ende zu bringen. Der Abschied ist kurz.
„Addio, gute Fahrt!“
Das Torpedoboot manövriert sich aus den Vertäuungen5 seiner schwarzen Kameraden heraus und mit verdeckten Lichtern läuft es durch die enge Hafenausfahrt, den Kanal San Antonio, aus.
Der abgelöste Kommandant geht unter Deck und legt sich in eine Koje der Offiziersmesse. Das Boot geht ihn ja nichts mehr an. Es kommt ihm eigentümlich vor, dass die Leute einem anderen Befehle folgen, ein anderer Kommandant sein Boot führen soll. Dass ein anderer in seiner Kabine haust und er wie irgendein Fremder in der Messe liegt als Passagier!
1 Nichts? Ich schlafe bei der Frau.
3 Höchster Berg von Montenegro.
4 Kellner, zahlen!
5 Taue, die ein Schiff im Hafen befestigen.
. M. Torpedoboot „52“ läuft in den Golf von Cattaro ein. Vorbei geht es an den Batterien von Punta d‘Ostro und am Inselfort Mamula, die die Einfahrt decken. Beide sind schon ein paarmal gegen die französische Flotte im Kampfe gestanden. Auf Punta d’Ostro sollen sich die Artilleristen eine eigenartige Abwehr erdacht haben. Die Batterien liegen hoch oben auf dem gegen die See steil abfallenden Felsen. Unten am Fuß und auf halber Höhe sollen kleine Minen mit rauchstarkem Pulver vorbereitet gewesen sein, die elek-trisch zu entzünden waren. Als nun die Franzosen ihre erste Lage über die Köpfe der Batterien sausen ließen, hatte die Fortbesatzung ihre Minen zur Entzündung gebracht und auf diese Art kurze Treffer markiert. Die nächsten Schüsse waren dann noch höher gezielt worden und sind in die weiter hinten liegenden Berge gefahren.
Durch die schmale innere Minenlinie geht es weiter, an den Lancierstationen vorbei, zu dem kleinen Hafen Rose, der die U-Boote und ihr Wohnschiff, den alten „Kronprinz Erzherzog Rudolf“, birgt. Die kleine Jolle des Torpedobootes wird ausgesetzt und der alte Kommandant verabschiedet sich zum letzten Mal von seinem Boot.
Ein anderes Leben soll wieder einmal beginnen.
Die neuen Kameraden sind ihm alle bekannt. Auch in seinem U-Boot trifft er einige Leute, mit denen er vor Jahren gefahren ist. Einige hatten unterdessen ausgedient, waren zu Hause gewesen, hatten geheiratet und standen nun nicht mehr als die einstigen jungen Burschen vor ihm, sondern als reife Männer.
Bei der Begrüßung sagt er ihnen: „Das Wichtigste ist: Wir müssen uns auf einander verlassen können! Ich muss euch vertrauen können und ihr mir, wenn wir Erfolg haben und unser Boot immer heil zurückbringen wollen. Es kommt auf jeden einzelnen an!“
Von seinem Vorgänger lässt er sich über die Zustände in der Bocche orientieren. Es ist nicht viel Erfreuliches, was er da hört. Von den sieben U-Booten, die die Marine besitzt, sind vier im Golf von Cattaro stationiert. Zwei müssen Triest beschützen; die sind wenig wert und gerade noch für ganz kurze Fahrten zu gebrauchen. Das siebente liegt in Pola. Alle Boote sind alt, haben viele maschinelle Havarien und wenig Reparaturmöglichkeiten, da keine vollwertige Werkstatt zur Verfügung steht. Obwohl der Krieg nun schon neun Monate dauert, ist das meiste primitiv und provisorisch. Alles wird mit Bordmitteln gemacht und die Leute arbeiten Tag und Nacht, um die Boote halbwegs kriegsbereit zu halten. Es wird an allem gespart und volles Verständnis für die Bedürfnisse der Boote ist „oben“ auch nicht vorhanden.
„Wir müssen uns selbst helfen, wenn wir überhaupt fahren wollen“, sagt ihm sein Vorgänger. „Hast du unser Motorboot gesehen? Mit dem muss der alte Noah schon sein G’frett gehabt haben! Mehr hat die glorreiche Marine nicht für uns übrig. Wir sind überall die Stiefkinder und müssen uns erst durchsetzen. Bis vor kurzem haben wir nicht einmal unsere Torpedos selbst einlancieren1 dürfen! Das haben die im Arsenal besorgt, die müssen es ja besser können. Aber dort scheint sabotiert zu werden. Das Resultat war, dass unsere Torpedos krumm gelaufen sind.
Die Leute sind prima. Geschickt und willig. Gib ihnen eine leere Sardinenschachtel und sie machen dir einen Vergaser daraus. Mich wundert nur, wie die sich ihre Begeisterung konserviert haben. Aber sie brauchen auch einmal einen Erfolg!
Vom Feind ist lange nichts mehr gesehen worden. Seit U ,12‘ das französische Flaggenschiff ‚Jean Bart‘ anlanciert hat, ist die Adria leer und kein Kriegsschiff mehr zu finden. Ab und zu können ein paar kleine Küstenfahrer gekapert werden, die nachtsüber ihre Ladungen von San Giovanni di Medua nach Montenegro schmuggeln wollen, aber die neutralen Dampfer der Puglia-Linie, die Montenegro über Albanien beliefern, sind ,tabu‘.“
In dem Kommandanten des U „5“ ist langsam ein heißer Unwille hochgestiegen.
„Wir sind ja Narren“, sagt er zu dem Kameraden, der ihn orientiert hat. „Da halten wir uns genau nach den internationalen Bestimmungen über Prisenrecht2 und das Kapern von Schiffen. Der Feind muss selber staunen, wie brav wir sind. Jetzt hat er‘s freilich einfach: Beliefert Montenegro durch neutrale Dampfer, die nach dem neutralen Albanien ausklariert werden. Dass die Ware von dort nach Montenegro gebracht wird, weiß jeder, und wir lassen diese Transporte vor unserer Nase vorbeilaufen und dürfen sie nicht hoppnehmen!“ „Ja“, sagt der andere, „die Kapitäne grüßen höhnisch herüber und wir müssen gute Miene zum bösen Spiel machen.“ Und richtig: Gleich am nächsten Tage muss der Kommandant einen Vortrag des Admirals über sich ergehen lassen, der ihn zur strikten Einhaltung der internationalen Bestimmungen verhält!
Es gibt also weder Kriegs- noch Handelsschiffe in der Adria. Da muss der Kommandant in einer anderen Gegend auf die Pirsch gehen. Ab und zu ist ein Kreuzer in der Otrantostraße gemeldet worden. Er soll die Adria von der Welt absperren und verhüten, dass die österreichische Flotte ungesehen ins Mittelmeer ausbricht. Die Flottillen haben ihn bisher nie finden können, doch mag er immerhin ab und zu dort sein. Außerdem wird behauptet, dass sich die französische Flotte in Asstacco eingenistet hat, einem Hafen an der griechischen Küste bei Santa Maura (was der griechischen Regierung ganz entgangen sein muss!).
Bis dahin können die U-Boote mit ihrem kleinen Aktionsradius gerade noch fahren.
Zwei Tage später, um 4 Uhr früh, löst das U-Boot lautlos seine Vertäuung. Es will mit dem Aufkommen des Tages schon außer Sicht des Landes sein, denn die Montenegriner können vom Lovćen aus die ganze Bocche überblicken und jedes auslaufende Boot noch lange im Auge behalten. Ihre Radiostation kann dem Feinde den Anmarsch eines U-Bootes melden und das ist unnötig.
Auf dem „Rudolf“ schläft noch alles, nur der Wachoffizier ruft dem Boote „Gute Fahrt!“ nach.
Knapp unter der Küste führt der Weg an den eigenen Minen vorbei; den Forts und den Strandbatterien werden die Erkennungszeichen hinübergeblitzt und bald gewinnt das Boot freies Fahrwasser.
Der Scirocco treibt seine Regenböen vor sich her. Es ist nass und kalt, die Stimmung unfreundlich und fröstelnd. Langsam stampfend arbeitet das Boot mühsam gegen die Seen an, die ab und zu das Boot überfluten, sich am Turme teilen, um dann als Wasserfälle zu beiden Seiten herunterzulaufen.
Von unten dröhnt die eine laufende Maschine ihren gleichmäßigen Takt herauf und sehnsüchtig lugen die Wachhabenden immer wieder in die Luke hinunter, den heißen Tee erwartend, der sie aufheitern soll.
Bis auf sie ist alles unter Deck verschwunden. Die Mannschaft hat bis zum Auslaufen gearbeitet, um Boot und Maschinen klarzumachen, und jetzt holt jeder an Schlaf nach, soviel er kann.
Mit der aufgehenden Sonne dreht der Wind auf Südsüdwest, die Regenschauer hören langsam auf und die Wolken lichten sich.
Es wird hell, die Regenkleider werden ausgezogen und behaglich dehnen und strecken sich die Wachhabenden auf dem Turm in der wärmenden Sonne.
Die Farben der hohen schwarzen Berge Montentegros und der Krivošije vermengen sich mit der dunklen Tönung der Wolken, die aus den Bergen nicht herausfinden. Das Land verschwindet und das letzte Band mit der Heimat ist gelöst.
„Herr Kommandant, auf etwas muss ich dich aufmerksam machen. Das Boot ist alt und strapaziert. Wir haben es immer wieder versucht, aber die Maschinen sind nicht mehr dicht zu kriegen und Auspuff- und Benzingase kommen ins Boot. Wenn wir zum Beispiel jetzt tauchen, ohne vorher das Boot zu ventilieren, ist nach einer Stunde die halbe Mannschaft ohnmächtig. Die Leute fallen um wie die Fliegen und wir kriegen sie erst wieder zu sich, wenn wir sie nach dem Auftauchen an die frische Luft bringen können.
Aber sie machen sich gar nichts daraus! Nennen den Zustand ‚Benzinschwammer‘3 und lachen darüber. Aber einmal kann’s doch bös werden. Wir brauchen unbedingt andere Maschinen, Diesel, die mit Öl fahren, und nicht diese alten Benzinmotoren.“
„Ja, da werden wir nicht viel machen können. Die Boote werden gebraucht. Solange wir nur so wenig U-Boote haben, kann man nicht daran denken, neue Maschinen einzubauen. Das kostet zu viel Zeit. Wir können kein Boot vermissen und müssen schauen, aus ihnen herauszuholen, was möglich ist. Es ist halt ein Jammer, dass wir nur so einen Mist haben.“
Abends kommen die Leuchtfeuer der italienischen Küste in Sicht. Der Kurs führt zehn Meilen vom Lande nach Süden. Der Mannschaft wird erklärt, um was es sich handelt. Nach allen Seiten starren die Nachtgläser ins Dunkle und suchen den hier vermuteten Blockadekreuzer. Stundenlang. Die Augen werden müde und sehen Dinge, die gar nicht da sind: einmal ein Licht, dann wieder einen dunklen Schatten, und immer wieder ist es eine Täuschung gewesen.
Aber dort ist doch etwas! Ein dunkler Fleck auf dem dunklen Wasser. Der ihn zuerst gesehen hat, flüstert mit seinem Nachbar. Er will nicht unnötigen Alarm machen. Es ist zweifellos ein Schiff. Das Boot wendet darauf zu und es kommt deutlich heraus: ein Gaffelschoner4, der langsam gegen die italienische Küste steuert. Die beiden Offiziere beraten. Eine Visitation hat keinen Zweck. Man wird höchstens verraten und das Wild wird vergrämt. Er wird laufen gelassen.
Der nächste Morgen findet das Boot auf der Höhe von Korfu. Der Kurs geht weiter nach Süden, denn der Kommandant hofft, in der Gegend von Ithaka etwas zu finden. Dort müssen alle Schiffe vorbei, die nach Astacco fahren.
Der flaue Wind ist eingeschlafen und die See glatt wie ein Spiegel.
Ein kleiner Vogel flattert um das Boot und setzt sich ganz erschöpft auf Deck. Die Leute streuen ihm Brotkrumen hin, er frisst nicht. Auch Wasser verschmäht er. Er ist nur todmüde. Er erinnert den Kommandanten an seine erste Fahrt mit einem Segelschiff im Mittelmeer. Das war damals im Herbst, als die Zugvögel nach Süden wanderten. Eines Morgens war die ganze Takelage voller Falken. Auf Raaen und Tauen saßen sie dicht beisammen. So müde, dass man sie mit der Hand fangen konnte. Nach ein paar Stunden zogen sie wieder weiter.
„Achter steuerbord Rauch!“
Der Ruf pflanzt sich im Boote fort, im Nu ist alles auf den Beinen und kommt auf Deck. Weit hinter der Kimm5, die sich kaum vom Himmel abhebt, zieht ein feiner Rauchstreifen gegen Süden. Weitab vom Kurs. Mit ganzer Kraft fährt das Boot, um dem Schiffe den Weg abzuschneiden. Getaucht fährt es zu langsam, es muss trachten, sich über Wasser so nahe als möglich zu dessen Kurs vorzusetzen. Bald erscheinen die Toppen der Masten über dem Horizont und steigen immer höher aus dem Wasser heraus. Viel zu rasch kommt das Schiff heran. Jetzt sieht man schon den oberen Teil der Kamine, gleich muss sich die Kommandobrücke über die Kimm heben. Es wird höchste Zeit zum Tauchen, bevor man selbst gesichtet wird.
Rasch verschwinden die Leute in der Turmluke, dabei erwischt einer noch schnell das Vogerl und nimmt es mit sich. Es ist nicht viel Zeit, das Bootsinnere noch gründlich zu ventilieren. Die Flutventile werden geöffnet und das Wasser rauscht in die Ballasttanks, um U „5“ schwerer und damit tauchfähig zu machen. Als letzter verschwindet der Kommandant im Turme, die Luke hinter sich zuziehend. Mit dem Bug voraus steuert das Boot in die Tiefe. Das Gestampf der Maschinen hat einem leichten Surren der Elektromotoren Platz gemacht. Die Leute stehen auf ihren Gefechtsstationen. Vorne werden die Torpedos klar gemacht und der Maschinenmeister reguliert mit der Pumpe die Schwere und die Trimm6 des Bootes.
Danach ist alles mäuserlstill.
Der Kommandant kann von seinem Platz beim Sehrohr aus das ganze Boot überblicken. Vorne hat er die Lancierapparate, hinter sich die Maschinen, links das Tiefenruder und die Ventilstationen für die verschiedenen Tanks. Seine große Sorge ist das Sehrohr. Er kann es wohl mit einer notdürftig funktionierenden Anordnung aus- und einholen, doch geht dies so langsam, dass es einfacher ist, das ganze Boot höher oder tiefer zu steuern, um derart mit dem Sehrohr aus dem Wasser herauszuschauen oder dieses zu verstecken. Man kann ja nicht einfach auf ein Schiff losfahren und es durch das Sehrohr beobachten, nur ab und zu herauslugen darf man. Denn die Bugwelle, die das Periskop durch die Fahrt erzeugt, wird gleich zum Verräter und das angegriffene Schiff braucht nur eine kleine Ruderwendung zu machen, um dem Angriff zu entgehen. Dabei ist die See heute so glatt, dass es ein Wunder wäre, nicht entdeckt zu werden.
Endlich ist das Boot so nahe an das Schiff herangekommen, dass die Fahrt verringert werden kann. Auch der Typ ist auszunehmen. Franzose, des Typs „Victor Hugo“. Nur spärlich gebraucht der Kommandant das Sehrohr. Der Mann am Tiefenruder hat harte Arbeit.
Wieder einmal durchbricht das Periskop die Wasseroberfläche. Der Kreuzer, der dem Boote seine Backbordseite gezeigt hatte, ist jetzt von steuerbord zu sehen. Das Boot wendet nach. Und beim nächsten Ausluge wird es klar: Das Boot ist entdeckt worden. Der Kreuzer läuft einen großen Kreis um das Boot herum und setzt dann seine ursprüngliche Fahrt fort, deren Kurs nach Kap Ducato führt.
