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Black Crows Motorcycle Club - Die komplette Spice-Rocker-Reihe Ash Creek ist nur eine kleine Stadt auf der Landkarte. Aber für die Black Crows ist sie ihr Revier. Ihr Zuhause. Ihr Schwur. Zwischen Pumpkin Spice und Pulverschnee, zwischen flackernden Lagerfeuern und dem tiefen Grollen von Harleys beginnt hier jede Liebesgeschichte mit einem Risiko und endet mit einem Versprechen. Fünf Frauen kommen nach Ash Creek, jede aus einem anderen Grund. Eine will neu anfangen und eröffnet ein Café voller Zimtduft und Hoffnung. Eine strandet in einem Schneesturm und gerät ausgerechnet in die Arme eines Präsidenten, der sich keine Schwäche leisten darf. Eine flieht vor ihrer Vergangenheit und findet Schutz bei einem Mann, der gelernt hat zu kämpfen, aber nicht zu fühlen. Eine Tätowiererin mit zu viel Herz trifft auf einen Enforcer mit zu vielen Narben. Und eine Witwe entdeckt, dass selbst nach der dunkelsten Trauer wieder Glut entstehen kann. Die Männer des Black Crows Motorcycle Clubs leben nach klaren Regeln: Loyalität vor allem. Brüderlichkeit ohne Zweifel. Schutz um jeden Preis. Sie sind groß, gefährlich, wortkarg - und wenn sie lieben, dann ohne Grenzen. Doch Ash Creek ist nicht nur Zimt, Lichterketten und heiße Küsse. Es ist auch eine Welt aus Waffen, alten Feinden und Entscheidungen, die Blut kosten können. Während Rivalen auftauchen, Schüsse fallen und Vergangenheiten zurückkehren, müssen diese fünf Paare lernen, dass Liebe in ihrer Welt kein sanftes Versprechen ist - sondern eine bewusste Entscheidung. Eine Entscheidung füreinander. Trotz Gefahr. Trotz Zweifel. Trotz allem. Diese Gesamtausgabe vereint alle fünf Romane der Black Crows MC Reihe - sinnlich, emotional, intensiv und voller Small-Town-Vibes mit dunkler MC-Spannung. Fünf Geschichten, fünf große Lieben und ein Club, der niemals aufgibt. Willkommen in Ash Creek.
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Seitenzahl: 487
Veröffentlichungsjahr: 2026
Black Crows Motorcycle Club
Die komplette Spice-Rocker-Reihe
Impressum
Inhalte gemäß §5 DDG
Muschiol Bärbel
c/o IP-Management #8230Ludwig-Erhard-Straße 1820459 Hamburg
Autorin: [Bärbel Muschiol]
© 2026 [Bärbel Muschiol]
Alle Rechte vorbehalten.Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig.
Dieses Werk ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, realen Ereignissen oder tatsächlichen Orten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Covergestaltung: [Bärbel Muschiol]
Inhaltsverzeichnis
Black Crows Motorcycle Club
Die komplette Spice-Rocker-Reihe
Eine Pumpkin Spice Rocker Romance
Küsse die nach Gefahr schmecken
Vorwort
Prolog - Echt jetzt?
1. Kapitel - Willkommen im Nirgendwo
2. Kapitel - Der Job ist nie sauber
3. Kapitel - Farbe, Kaffee und erste Gäste
4. Kapitel - Süß ist kein Spiel
5. Kapitel - Kürbischaos und Kaffeeduft
6. Kapitel - Kaffee, Nähe und ein flüchtiger Funke
7. Kapitel - Zimtträume und Herbstlichter
8. Kapitel - Erste Flammen
9. Kapitel - Haut und Wahrheit
10. Kapitel - Zwischen zwei Welten
11. Kapitel - Alltag mit dir
Epilog - Pumpkin
Eine Christmas Spice Rocker Romance
Küsse die nach Weihnachten schmecken
Vorwort
Prolog - Echt jetzt?
Kapitel 1 – Nur eine Nacht
Kapitel 2 – Kein Ort für Zufälle
3. Kapitel – Zimt, Schnee und eine ehrliche Diagnose
Kapitel 4 – Zwischen Frost und Lichterglanz
Kapitel 5 – Zwischen Nähe und Vernunft
Kapitel 6 – Schnee, Angst und Schüsse im Café
Kapitel 7 – Rache, Blut und Brüder
Kapitel 8 – Lichter, Wärme und ein bisschen Chaos
Kapitel 9 – Winterlicht und leise Wahrheiten
Kapitel 10 – Abschied im Schneelicht
Epilog – Zurück in dem Black Crows Motorcycle Club
Eine Midnight Spice Rocker Romance
Küsse die nach Liebe schmecken
Vorwort
Prolog – Kalter Asphalt, kalte Angst
Kapitel 1 – Der Morgen danach
Kapitel 2 – Der Blick eines Mannes, der zu viel sieht
Kapitel 3 – Frost, Motoren und Fragen
Kapitel 4 – Wärme zwischen Menschen
Kapitel 5 – Ein Angebot zwischen Zimt und Schnee
Kapitel 6 – Ein Mädchen, das man nicht aus den Augen lässt
Kapitel 7 – Schatten auf dem Bürgersteig
Kapitel 8 – Ein Mädchen zwischen Leder und Loyalität
Kapitel 9 – Nächte, die nach Gefahr schmecken
Kapitel 10 – Wärme, die stärker ist als die Angst
Kapitel 11 – Zwischen Herzschlag und Wahrheit
Kapitel 12 – Vollmond über Ash Creek
Kapitel 13 – Blut im Schnee
Kapitel 14 – Ash Creek im Licht
Eine Blood Moon Spice Rocker Romance
Küsse die nach Abenteuer schmecken
Prolog – Der Horror liegt im Fernsehen, nicht in Ash Creek
Kapitel 1 – Tomatensoße, Horrorfilme und ein sehr falscher Moment für Nacktheit
Kapitel 2 – Der Enforcer und das Mädchen mit den roten Haaren
Kapitel 3 – Ein Enforcer in meiner Küche
Kapitel 4 – Der Mann, der niemals aus der Ruhe kommt (außer heute)
Kapitel 5 – Nächte, die länger brennen als sie sollten
Kapitel 6 – Tinte, Nähe und der Mann, der zu viel gesehen hat
Kapitel 7 – Old Ladies, Gerüchte und die Sache mit meinem Namen
Kapitel 8 – Blut, Verrat und ein silberner Ford
Kapitel 9 – In der Stille vor dem Schuss
Kapitel 10 – Der Moment, der alles entscheidet
Kapitel 11 – Zwischen Angst, Wärme und etwas, das mehr sein könnte
Kapitel 12 – Der Morgen danach
Kapitel 13 – Unter dem Blutmond
Kapitel 14 – Zwischen Alltag und etwas, das sich wie Zukunft anfühlt
Kapitel 15 – Farbe, Narben und Neuanfang
Epilog – Sommerhaut und schwarzes Leder
Eine Velvet Spice Rocker Romance
Küsse die nach Sünde schmecken
Vorwort
Prolog – Es ist schwierig, sein Leben neu zu sortieren, wenn man nicht einmal weiß, wo man anfangen soll
Kapitel 1 – Neue Leute bringen Unruhe, und Unruhe kann ich mir eigentlich nicht leisten
Kapitel 2 – Ich komme in einer Stadt an, die kleiner ist als mein Chaos
Kapitel 3 – Manche Dinge fallen einem erst auf, wenn sie nicht ins gewohnte Bild passen
Kapitel 4 – Kaffee, Zimtschnecken und der denkbar schlechteste Start in einen neuen Tag
Kapitel 5 – Es ist erstaunlich, wie sehr einen eine Frau aus dem Takt bringen kann
Kapitel 6 – Manchmal fühlt sich Sicherheit völlig falsch an und genau deshalb richtig
Kapitel 7 – Manchmal sind es keine Regeln, die man bricht, sondern Gewohnheiten
Kapitel 8 – Manchmal erkennt man ein Geräusch, bevor man es hört
Kapitel 9 – Manche Menschen verändern einen, bevor man es merkt
Kapitel 10 – Manchmal merkt man erst im Rückblick, dass sich alles verändert hat
Kapitel 11 – Manchmal fühlt sich Bleiben mutiger an als Weglaufen
Kapitel 12 – Manche Entscheidungen trifft man nicht mit dem Kopf
Epilog – Manchmal erkennt man sein Zuhause erst, wenn man angekommen ist
Bonuskapitel – Manchmal merkt man erst später, dass man angekommen ist
Danke an meine Leser
Willkommen in Ash Creek.Einer kleinen Stadt, in der der Duft von Kaffee, Zimt und Pumpkin Spice
durch die Straßen zieht - und in der das Brummen schwerer Maschinen mindestens
genauso vertraut ist wie das Läuten der Kirchenglocken.
Dies ist die Geschichte von Emily, die eigentlich nur ihr Café und ihre Ruhe wollte, und von Jax, dem Sergeant-at-Arms der Black Crows, der nie geplant hatte, sich in ein Mädchen zu verlieben, das so gar nicht in seine raue Welt passt.Es ist die Geschichte von zwei Herzen, die unterschiedlicher nicht sein könnten,
und die sich trotzdem finden - zwischen Leder und Zucker, zwischen Gefahr und Geborgenheit, zwischen alten Wunden und neuen Träumen.
Ash Creek ist kein Ort, an dem man Zufälle erwarten sollte.Aber manchmal ist genau das, was wie ein Zufall wirkt, der Anfang von allem.
Emily
Chicago. Dienstagabend.Der Schlüssel dreht sich im Schloss von der Wohnung meines Freundes, und kaum bin ich drinnen, weiß ich: Hier stimmt etwas nicht.Keine Musik, kein Fernseher, nur ein Geräusch, das viel zu eindeutig ist, um es sich schönzureden. Das Stöhnen, das von den Wänden widerhallt, ist atemlos und verzweifelt - und stammt definitiv nicht aus Alex’ Lieblings-Actionserie.Einen Herzschlag lang stehe ich wie versteinert da.Mein Kopf weigert sich, die Puzzleteile zusammenzusetzen.Ich atme tief durch, sammle meinen Mut und riskiere einen Blick durch den Türspalt ins Wohnzimmer.Und da ist er. Alex. Der Mann, mit dem ich über eine gemeinsame Zukunft fantasiert habe.Der Mann, der behauptet, ohne mich nicht mal Nudeln kochen zu können.Der Mann, der gerade nackt auf dem Sofa sitzt und seine verdammte Nachbarin vögelt.Erst wird mir glühend heiß, dann eisig kalt.Mein Herz hämmert chaotisch, als hätte es vergessen, wie sein Rhythmus funktioniert, und meine Hände zittern so heftig, dass der Schlüsselbund in meiner Faust zu klappern beginnt.Ich war schon oft wütend, und ich war schon oft enttäuscht.Aber das hier?Dieser Moment ist anders …Es ist, als würde mein Körper gleichzeitig schreien und lachen wollen.Am Ende kommt nur ein tonloses „Echt jetzt?“ über meine Lippen.Alex fährt herum, als hätte jemand den Feueralarm ausgelöst, und seine tolle Nachbarin stößt einen entsetzten Schrei aus und zerrt hektisch an ihrer Bluse.Als ob mich nach dem, was ich gerade mitansehen musste, noch ihre nackten Titten stören würden.„Emily, warte - es ist nicht das, wonach es aussieht!“Natürlich nicht.Das Lachen, das aus mir herausbricht, ist so laut und bitter, dass beide zusammenzucken.Es ist kein schönes Lachen. Eher eins, das sagt: Ich habe verstanden, dass du ein Arschloch bist, und du hast gerade alles verspielt.„Alex, wenn du mir jetzt wirklich den Klassiker bringen willst, dann mach es richtig. Steh auf, zieh dir die Hose hoch und tu so, als wäre ich blind. Kleiner Spoiler: Bin ich nicht.“Tracy - die Bitch einer Nachbarin - räuspert sich und streicht sich die verwuschelten Sexhaare aus dem Gesicht, als könnte sie damit die Situation noch retten.Dass ich nicht lache.„Es war nur ein Ausrutscher, Emily … Wirklich …“„Ausrutscher?“ Ich hebe die Augenbrauen. „Du willst mir also erklären, dass du aus Versehen nackt auf deine Nachbarin gestolpert bist? Interessant. Vielleicht sollte ich googeln, ob das eine Krankheit ist.“Mein Herz zieht sich zusammen, und dass nicht wegen Alex, sondern wegen mir.Weil ich mich dafür schäme, tatsächlich so dumm gewesen zu sein, zu glauben, er wäre anders als die anderen.Ich hätte es besser wissen müssen. Wie konnte ich all die kleinen Zeichen ignorieren?
Die späten Abende wegen angeblicher ‚Geschäftsessen‘, die unerklärlichen Duschgänge direkt nach der Arbeit.Erst jetzt, mit Tracy auf der Couch, ergibt alles einen Sinn.Ich habe mir den ganzen Mist schöngeredet, weil ich dachte, zu lieben bedeute, manche Fehler zu übersehen. Jetzt sehe ich klar - und es tut verdammt weh.Es brennt, schneidet und sticht. Und gleichzeitig ist da eine seltsame Erleichterung.Anstatt noch mehr kostbare Zeit an dieses Arschloch zu verschwenden, gehe ich in die Küche und hole eine Flasche Wein aus dem Kühlschrank.Alex ruft wieder und wieder meinen Namen, doch ich ignoriere ihn stoisch.Erst an der Tür werfe ich ihm seinen Wohnungsschlüssel vor die Füße.Das metallische Klirren auf dem Boden ist das letzte Geräusch, das ich in dieser Wohnung hinterlassen werde.„Viel Spaß mit deiner neuen Mitbewohnerin“, sage ich so ruhig, dass es fast unheimlich klingt. „Mich siehst du nie wieder.“Draußen schlägt mir die kühle Abendluft entgegen. Autos hupen, Menschen hasten an mir vorbei, und der Asphalt glänzt nass vom Regen. Alles pulsiert, alles ist laut, alles fühlt sich wie ein Leben an, das ich eigentlich nicht mehr will.Ohne zu zögern fahre ich auf direktem Weg zu meinem winzigen Apartment, packe meine Sachen und tippe ‚Ladenfläche mieten‘ in die Suchleiste ein.Ich scrolle durch die verschiedenen Anzeigen, bis mir eine besonders in die Augen sticht: ‚Charmante Gewerbefläche in Ash Creek. Einer Kleinstadt mit viel Potenzial.‘Die Miete ist lächerlich niedrig, und die Fotos schreien mir ein ‚Mach was aus mir!‘ entgegen.Nach einem großen Schluck Wein direkt aus der Flasche klicke ich auf ‚Mieten‘.Ash Creek ist eine Kleinstadt, die niemand in Chicago buchstabieren kann, und genau deswegen will ich dahin.Ich habe die Schnauze voll von Männern wie Alex, von Wohnungen mit dünnen Wänden und von Jobs, die sich wie eine Strafe anfühlen.Ich will ein Café. Mein Café. Das wollte ich schon immer.
Mit Kürbissen vor der Tür, Pumpkin Spice Latte auf der Karte und einem Platz, wo ich endlich atmen kann.Alex kann die Nachbarin behalten.Oder andersherum: Sie kann ihn behalten. Ich schenke ihn ihr.Ich nehme den verdammten Neuanfang.Als ich das Licht ausmache, spüre ich instinktiv, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.Ash Creek, mach dich bereit, ich komme…Und dieses Mal lasse ich mir von keinem Arschloch meinen Traum kaputtmachen.
Emily
Wenn Chicago eine wilde, laute Party ist, dann ist Ash Creek ein Country-Song, den jemand auf Dauerschleife gestellt hat.Ich rolle in dem klapprigen Transporter, den ich mir gemietet habe, die Hauptstraße runter, und alles, was ich sehe, sind drei Blocks, die aussehen, als hätten sie seit den Achtzigern nichts Neues erlebt.Links befindet sich ein Diner, dessen Leuchtreklame ‚Open‘ schreit, als sei es eine Drohung, und rechts befindet sich eine Tankstelle, vor der zwei Typen in Basecaps stehen und mich anstarren, als wäre ich gerade das Unterhaltungsprogramm des Tages.„Tja, Jungs“, murmele ich und klopfe aufs Lenkrad, „ich bin Emily, ich bin neu in der Stadt, und ja, das ist tatsächlich all mein Besitz, schön in Kartons gepackt. Staunt ruhig.“Die Häuser wirken klein, die Gärten gepflegt, und überall stapeln sich Kürbisse, weil hier offenbar jeder zweite Mensch denkt, er sei in einer Werbung für Halloween-Dekoration gelandet.Ich parke schließlich vor meinem Laden - na ja, meiner zukünftigen Café-Location.Online hieß das ‚charmante Gewerbefläche mit Potenzial‘.In echt?Heilige Scheiße!In echt ist es eher eine Bruchbude mit einer Deluxe-Staubschicht.Kaum dass ich aussteige, trete ich auch schon sofort in einen Laubhaufen, der so laut knirscht, dass ich fast über mich selbst lache.„Sehr subtil, Emily. Super Eintrittsszene.“Der Schlüssel hakt kurz, aber dann gibt die Tür mit einem lauten Quietschen nach, fast so, als ob sie mir sagen wollte, dass ich besser sofort wieder umdrehen sollte.Im Inneren hingegen schlägt mir der Geruch von Staub und irgendetwas, das wie ‚verlassen seit fünf Jahren‘ riecht, entgegen.Tief einatmend drücke ich meine Schultern durch, hebe mein Kinn an und lasse meiner Fantasie ihren Lauf.Ich sehe die gemütliche Ecke, in der meine Gäste sitzen werden.Und ich sehe, wie der Tresen, der lautstark nach einer Renovierung schreit, zum Mittelpunkt meines Cafés wird.Himmel!Ich kann den Pumpkin Spice Latte, den ich darauf zubereiten werde, regelrecht riechen.In meiner Vorstellung bin ich längst dabei, den kahlen Wänden einen neuen Anstrich zu verpassen.„Emily’s Café“, sage ich leise, einfach nur, um zu hören, wie es klingt.Und verdammt!Für mich klingt es unbeschreiblich gut.Die Glocke über der Tür klirrt und reißt mich aus meinen Gedanken. Ich zucke erschrocken zusammen und wirble herum.Im Türrahmen steht ein Mann mit einem grauen Bart, einer blauen Arbeitsjacke und einem wettergegerbten Gesicht.Und er sieht mich fast so an, als wäre ich ein verdammter Außerirdischer.„Sie sind die Neue? Richtig?“Öhm, ja …„Ja, bin ich.“Seine Mundwinkel zucken freundlich.„Ich bin Hank, dein Vermieter. Ich repariere hier alles, was man reparieren kann. Wenn was kaputt ist, rufen Sie mich einfach an.“Er macht eine kurze Pause, und dann spricht er weiter.„Wenn Sie aber gute Ratschläge wollen, rufen Sie jemand anderen.“„Perfekte Arbeitsteilung.“Er nickt, dreht sich um und ist schon halb wieder draußen, ehe er doch noch mal kurz stehen bleibt.„Passen Sie auf die Jungs vom Highway auf.“Und damit ist er auch schon wieder verschwunden.Wovon um alles in der Welt hat er mich da gerade gewarnt?‚Jungs vom Highway?‘Na ja, das klingt nicht gerade bedrohlich, und trotzdem habe ich plötzlich ein seltsam flaues Gefühl im Magen.Der Rest des Tages vergeht wie im Flug und in einer Mischung aus Staubwedeln, Kartons schleppen und innerlichem Fluchen.Die Wohnung im oberen Stock - die zum Laden dazugehört - sieht im Grunde genauso aus wie das Café, allerdings mit einer Rosentapete an den Wänden.Den Nachmittag verbringe ich damit, so lange zu putzen und zu wischen, bis mir beinahe die Arme abfallen.Als die Dunkelheit die Straße verschluckt, trete ich erschöpft ans Fenster.Ash Creek wirkt plötzlich wie ausgestorben. Die Laternen werfen kleine Kreise auf den Asphalt und sind dabei viel zu schwach, um wirklich Licht zu machen, und der Wind treibt das Herbstlaub darüber, als wollte er die Stille noch unterstreichen.Und dann, ganz plötzlich, höre ich es.Das dunkle Bollern, das wie ein Donnerschlag über die Straße rollt.Es klingt nicht nach irgendeinem Motor, sondern tief, vibrierend und kraftvoll.Es ist ein Sound, der sich nicht einfach nur durch die Luft bewegt, sondern der einem direkt unter die Haut fährt.Neugierig meine Hand an die Scheibe legend, wische ich den Staub weg und presse meine Nase gegen das kalte Glas. Und da ist es: ein großes schwarzes Motorrad, das wie ein Raubtier im Mondlicht aussieht.Der Kerl, der darauf sitzt, ist groß, muskulös, und er trägt eine schwarze, lederne Weste.Und anstatt einfach nur an mir vorbeizufahren, wird er plötzlich langsamer, ehe er direkt vor meinem Café am Straßenrand anhält und stehen bleibt.Huiuiuiuiuiui …Dank dem gelben Licht der Straßenlaterne kann ich die vielen Tattoos, die sich um seinen Nacken winden, nur zu gut erkennen.Und jedes einzelne sieht so aus, als würde es mir eine Geschichte erzählen wollen, die besser ungesagt bleiben sollte.Der Kerl zieht den Helm ab, seine Augen wandern aufmerksam über die Straße und bleiben schlussendlich an mir hängen.Scheiße!Einfach alles an seinem Blick wirkt hart, unbeweglich und so einschüchternd, dass ich instinktiv den Atem anhalte.Er sieht mich, und ich sehe ihn, und ich will mir nicht mal annähernd vorstellen, wie blöd ich in dieser Sekunde aussehen muss.Ich meine, immerhin stehe ich alleine in einem alten Café und drücke meine Nase an der staubigen Scheibe platt.In seinem Gesicht spiegelt sich kein freundliches ‚Hallo, Nachbarin‘, da ist nicht mal ein Nicken.Es wirkt eher so, als würde er mich prüfen, als würde er herausfinden wollen, ob ich wirklich hierhergehöre und ob ich im schlimmsten Fall vielleicht sogar ein Problem bin.Mein Herz gerät ins Stolpern und schlägt mir viel zu schnell gegen die Rippen.Und dann ist der Moment schlagartig vorbei.Er setzt seinen Helm wieder auf und schwingt sich zurück auf die Maschine, der Motor erwacht knurrend zum Leben, und dann rollt der Fremde einfach so davon.Und ich? Himmel!Ich bleibe zurück, lehne die Stirn gegen das kalte Glas und lache leise über mich selbst.Und zum ersten Mal, seit ich hier bin, frage ich mich, ob ich überhaupt eine Ahnung davon habe, worauf ich mich da eigentlich eingelassen habe.„Willkommen in Ash Creek, Emily“, flüstere ich. „Hier riecht alles nach Zimt … und manchmal auch nach Ärger.“
Jax
Der Geruch von Bier, Rauch und Leder hängt im Black Crows Motorcycle Club wie eine zweite Haut, und egal, wie oft die Old Ladies hier auch mit Eimern und Seife anrücken, er bleibt.Manche sagen, es sei ekelhaft, für mich ist es Heimat.Wenn du Sergeant-at-Arms bist, gewöhnst du dich an alles - an Lärm, an Blut, an Schweiß und an das stumpfe Dröhnen der alten Jukebox, die manchmal mehr Knacken als Musik von sich gibt.Ich sitze auf dem abgesessenen Ledersofa unter dem Neonkrähen-Logo an der Stirnwand, ein Bier in der Hand, während mitten im Raum zwei der Prospects mit geballten Fäusten aufeinander losgehen, nur weil der eine den anderen ‚Junior‘ genannt hat.Ihre Stimmen überschlagen sich, Stühle kippen zur Seite, und es dauert keine zwei Sekunden, bis der erste Schlag ausgeteilt wird.Lenox, unser Präsident, lehnt mit verschränkten Armen an der Wand, und sein Blick ist halb belustigt und halb tödlich ernst.Er sagt kein Wort, das muss er auch gar nicht.Sein kaum sichtbares Nicken, das nur für mich bestimmt ist, reicht.Ich stelle die Flasche ab, stehe auf und gehe auf die beiden zu, die immer noch verbissen versuchen, sich gegenseitig die Zähne auszuschlagen.Mit einer Hand packe ich den einen am Kragen, mit der anderen ziehe ich den zweiten nach hinten. Dann drücke ich ihre Köpfe so dicht zusammen, dass ihre Köpfe fast aneinander krachen.Mein leises „Schluss jetzt!“, reicht vollkommen aus.Ich muss nicht brüllen.„Ihr wollt Respekt? Dann benehmt euch wie Männer. Ein weiterer Spruch, und ich hänge euch draußen kopfüber an die Fahnenstange. Habt ihr mich verstanden?“Ihre Stimmen zittern synchron: „Ja, Jax.“Kaum dass ich sie loslasse, fallen sie auseinander wie zwei zu schwer beladene Säcke.Ich gehe zurück zu meinem Platz, setze mich und nehme das Bier wieder in die Hand.Lenox hebt das seine in meine Richtung und prostet mir zu.Die Ordnung ist wiederhergestellt.Wobei ‚Ordnung‘ in einem MC wie diesem mehr als relativ ist.Es bedeutet nicht, dass niemand laut ist. Es bedeutet nur, dass die Lauten wissen, wann sie besser die Schnauze halten sollten.Die Tür fliegt auf, ein Schwall eiskalter Nachtluft strömt herein, und Savage, unser Vizepräsident, kommt auf mich zu.Seine Gesichtszüge sind hart wie immer, und seine Augen zucken sofort in meine Richtung.„Hey Jax, du bist mal wieder dran. Jimmy ist im Rückstand.“Natürlich … Fuck!Jimmy. Immer wieder Jimmy.Dieses Arschloch geht mir so auf den Sack.Jimmy gehört zu den Männern, die mehr saufen, als sie vertragen, und die dem Club Geld schulden und trotzdem glauben, sie könnten sich mit leeren Versprechen durchs Leben mogeln, ohne dabei gebrochene Knochen zu riskieren.„Hast du eine Ahnung, wo er steckt?“„Yeah, Zuhause. Ich glaube, der Idiot hat darauf gehofft, dass wir ihn vergessen!“Das laute Lachen unseres Vollstreckers hallt tief und laut durch den großen Hauptraum des Clubs. Und es klingt mehr nach einer Drohung als nach Belustigung.„Holy Fuck! Vergisst hier irgendjemand jemals irgendetwas? Nein! Also mach den Wichser fertig, Sergeant.“Genau das habe ich vor.„Keine Sorge! Du kannst dich auf mich verlassen!“Rough, unser Treasurer, hebt sein Bier und prostet mir zu.„Und denk daran: Schmerzen sind nett, aber unser Geld wäre besser!“Natürlich …Als unser Schatzmeister hat er im Gegensatz zu mir nur Zahlen im Kopf.„Keine Sorge! Ich werde den Schmerz einfach mit dem Geld kombinieren!“Ein paar der Jungs lachen spöttisch.Ich ignoriere sie, gehe raus auf den Hof, und das Clubhaus bleibt mit seinem Lärm hinter mir.Bevor ich auf meine Maschine steige und Jimmy mal wieder einen Besuch abstatte, setze ich mir den Helm auf und ziehe den Schlüssel aus meiner Tasche.Erst dann schwinge ich mich auf den Sattel und erwecke den Motor zum Leben.Das tiefe, vertraute Grollen vibriert in meiner Brust wieder und erinnert mich daran, was für mich wirklich zählt.Das Patch auf meinem Leder und das Bike zwischen meinen Beinen.Für Zivilisten mag das dunkle Bollern nichts als Lärm sein, für mich hingegen ist es Musik.Es ist der Takt, nach dem ich mein Leben ausrichte.Routiniert am Gas drehend, lenke ich meine Harley vom Hof raus auf die Landstraße.Der Fahrtwind bläst mir ins Gesicht, die Finsternis zieht beruhigend an mir vorbei, und für einen kostbaren Augenblick gibt es nur mich, die Straße, die Geschwindigkeit und die Freiheit, zu tun, was immer ich will.Doch zu meinem Pech hält dieser Augenblick nie besonders lange an.Jimmys kleines, heruntergekommenes Haus liegt am östlichen Rand von Ash Creek.Sein verrosteter Briefkasten hängt schief, und der Rasen ist nichts weiter als ein braunes Feld, auf dem die Hunde aus der Nachbarschaft ihre Haufen hinterlassen.Sein in der Auffahrt stehender verbeulter Pickup verrät mir, dass er daheim ist.Meine Maschine direkt vor der Haustür parkend, lasse ich die Nachbarschaft wissen, dass der Club anwesend ist.Jeder, der hier vorbeigeht, soll sehen, dass Jimmy in der Scheiße steckt und dass sich das die Black Crows nicht gefallen lassen.Die Tür öffnet sich, noch bevor ich meine Faust gegen das Holz krachen lassen konnte.„Hey Jax, ich wollte heute noch bei euch vorbeikommen …“Jimmy steht blass, mit Angstschweiß auf der Stirn und geröteten Augen vor mir.Ich trete mit einem genervten „Spar dir den Scheiß!“, über die Türschwelle.Als er keine Anstalten macht, mir ins Innere seines Hauses zu folgen, packe ich ihn am Kragen und sorge so dafür, dass er mir nicht davonlaufen kann.Der Geruch von billigem Whiskey, Haschisch und Urin schlägt mir entgegen und lässt mich hart schlucken.Davon, dass man auch mal ein Fenster aufmachen und lüften kann, hat der Idiot anscheinend noch nie was gehört.Bullshit!Im Club stört mich der Gestank nicht, aber bei mir Zuhause habe ich es gerne sauber und ordentlich. In so einem Schweinestall wie dem hier könnte ich nicht leben.Im Fernseher läuft irgendein Footballspiel, ich schalte die Kiste aus und werfe die Fernbedienung wieder auf den verdreckten Tisch.„Du weißt, warum ich hier bin, oder Jimmy?“Sein panisches Nicken bringt meine Mundwinkel zum Zucken.Und nicht zum ersten Mal frage ich mich, wie blöd ein Mensch eigentlich sein kann?Ernsthaft!„Das ist mein wievielter Besuch bei dir?“Er antwortet nicht, und im Grunde genommen spielt es auch keine Rolle.„Du schuldest dem Club Geld, und ich bin hier, um es einzufordern!“Jimmy nickt ängstlich, und es würde mich nicht wundern, wenn er sich jede Sekunde in die Hose pisst.„Du weißt, welchen Rang ich habe?“Seine geröteten Augen zucken instinktiv zu dem Patch auf meiner Weste.„Du bist der Sergeant-at-Arms“, zischt er leise, und seine Stimme klingt brüchig.„Ganz genau.“Damit mache ich einen Schritt auf ihn zu und dränge ihn so in die Zimmerecke.„Ich war oft genug hier, Jimmy. So oft, dass meine Faust deine Nase wahrscheinlich schon aus Gewohnheit bricht.“Er wird blass, und ich muss lachen.Es ist einfach immer wieder dieselbe Scheiße!„Mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass die Regeln in Ash Creek eingehalten werden.“Ohne den Blick von ihm zu nehmen, zünde ich mir eine Kippe an und inhaliere geräuschvoll den ersten Zug.„Ich bin das verdammte Gesetz in dieser Stadt! Ich bin der Richter, und ich bin der Henker, und wenn du nicht bald mit der Kohle rüberkommst, schwöre ich dir, dass du hängen wirst, Jimmy.“Er hebt in einer abwehrenden Geste beide Hände, und es ist leicht zu erkennen, wie heftig seine Finger zittern.„Ich krieg das hin. Ehrlich. Ich schwöre es dir, Jax. Ich brauch nur noch ein paar Wochen mehr.“Gott!
Wie oft habe ich das in den vergangenen Monaten schon gehört?Zehn Mal? Hundert Mal?Ich weiß es nicht mehr, und es ist auch gar nicht wichtig, denn es hat keinen Einfluss auf das, was als Nächstes passieren wird.Die Zigarette in den Mundwinkel klemmend, drücke ich ihn gegen die Wand und beobachte zufrieden, wie er entsetzt die Augen aufreißt und wie ihm der Atem im Hals stecken bleibt.„Gib mir noch eine Woche, Jax. Nur eine. Ich flehe dich an.“„Noch eine Woche?“Selbst mir fällt auf, wie kalt meine Stimme klingt.„Du hattest schon viele Wochen, Jimmy …“
Wenn es nach mir ginge, würde ich ihm jetzt einfach schnell und effizient das Genick brechen. Aber dann hallen Roughs Worte durch meinen Schädel, und ich übe mich in Geduld.
Mal wieder.„Und obwohl du keine weitere Chance verdient hast, bin ich so nett und gewähre dir eine letzte Frist! Also hör mir jetzt gut zu: Wenn du nächste Woche nicht zahlst, dann werde ich mich nicht mehr nur damit zufriedengeben, dir ein paar Finger zu brechen und dich als menschlichen Aschenbecher zu benutzen!“Jimmy nickt hektisch, und seine Stimme überschlägt sich regelrecht.„Montag. Ich schwöre es dir. Am Montag habe ich es.“Kaum dass ich ihn loslasse, sackt er auf den Boden und ringt nach Luft.Er benimmt sich fast so, als ob ich schon mit ihm fertig wäre, aber das ist totaler Blödsinn.Holy Shit!Ich fange gerade erst an …Die Zigarette aus meinem Mundwinkel ziehend, umfasse ich mit zwei Fingern den Filter und drücke die orange leuchtende Spitze unter seinem rechten Auge aus.Die Glut zischt kurz auf, und der Geruch von verbranntem Fleisch steigt mir in die Nase, ehe die Kippe ausgeht und ein kreisrundes Brandmal auf seiner verschwitzten Haut hinterlässt.Jimmy schreit und zittert, er versucht, seinen Kopf wegzudrehen und mich mit den Händen abzuwehren. Es bringt ihm nichts, außer dass er mir meine Arbeit erleichtert.Die Finger seiner linken Hand umfassend, biege ich sie langsam nach hinten, weiter und weiter, bis einer nach dem anderen mit einem lauten Knacken bricht.Knack. Knack. Knack. Knack.Erst als der Daumen mit einem letzten und fünften Knack nachgibt, lasse ich ihn los und stehe auf.Sein entsetzter Schrei klingelt mir in den Ohren, und ich hoffe - ich hoffe es wirklich, dass er die Lektion endlich gelernt hat.„Eine Woche! Und wenn du dann nicht zahlst, arbeite ich mich Knochen für Knochen an deinem Arm nach oben, bis ich an deinem Genick angekommen bin!“Während ich spreche, wische ich meine Hand an meinem Leder ab und versuche so, die klebrigen Reste seines Schweißes loszuwerden.Es klappt nicht, und das widert mich an.„Montag, Jimmy! Kein Wort mehr und kein Gejammer - ich will das Geld.“Damit drehe ich mich um, verlasse sein Haus und fülle meine Lungenflügel mit dem sauberen Sauerstoff.Der Geruch von nassem Laub und feuchter Erde hängt in der Luft und erinnert mich daran, dass wir bereits Oktober haben.Der Sommer war mal wieder viel zu schnell vorbei.Hinter mir höre ich Jimmy jammern und schluchzen - es ist immer dasselbe.Erst fleht er, dann zittert er, dann verspricht er Dinge, die er nicht halten kann, und dann heult er.So sehr ich meinen Job auch liebe, aber die Besuche bei diesem Arschloch werden langsam langweilig.Egal! Fuck!Fürs Erste sollte seine Furcht ausreichen, um ihn dazu zu bringen, endlich seine Schulden zu bezahlen.Genau diese Todesangst, die er gerade verspürt, ist die Währung, mit der ich arbeite, und seine Schmerzen sind die gottverdammten Zinsen, die er dem Black Crows Motorcycle Club schuldet.Mein Bike startet mit einem Knurren, und ich rolle, dieses Mal mit einer gemächlicheren Geschwindigkeit, zurück durch die Stadt.Ash Creek schläft …Die Laternen werfen runde Lichtkegel auf den Boden, während der Wind mit dem bunten Herbstlaub spielt.Einfach alles um mich herum wirkt friedlich, beinahe schon zu friedlich für meinen Geschmack.Und dann sehe ich doch noch etwas Auffälliges.Das Schaufenster in dem Café, das seit ein paar Jahren leer steht, ist plötzlich hell erleuchtet.Die Geschwindigkeit drosselnd, halte ich direkt darauf zu, stoppe am Straßenrand, setze den Helm ab und steige von der Maschine.Im Inneren entdecke ich gestapelte Kartons und eine Frau, die ihr Gesicht fest an das Fenster drückt.Ihre langen, dunklen Haare fallen ihr in sanften Wellen über die schmalen Schultern, und ihr Blick trifft den meinen.Sie wirkt überrascht und neugierig zugleich und … süß …Zumindest, soweit ich das aus meiner Position heraus sagen kann.Und was am interessantesten an der ganzen Begegnung ist, ist, dass ich sie noch nie zuvor gesehen habe.Und das will für Ash Creek schon was heißen!Sie hat kein Pokerface, und da liegt auch kein gespieltes Lächeln auf ihren Lippen.Da ist nur dieses offene und ehrliche Starren, als hätte sie nie damit gerechnet, in dieser Stadt auf einen Mann wie mich zu treffen.Ich bleibe völlig ruhig stehen und lasse sie sehen, wer verdammt noch mal ich bin.Es besteht kein Zweifel daran, dass sie neu in Ash Creek ist.Was mich zu der Frage bringt, was sie an einem Ort wie diesem zu suchen hat?Ob sie wohl in absehbarer Zeit zu einem Problem wird?Wohl kaum!Sie wirkt auf mich nicht wie jemand, der irgendwann in den Radius des Sergeant-at-Arms des Black Crows Motorcycle Clubs gerät.Ihr Blick weicht nicht zur Seite, und ihre Lippen öffnen sich minimal, als würde ihr erst jetzt klar werden, wie sie dasteht - allein in einem alten Café, mit der Nase an der Scheibe.Das ist definitiv kein kalkulierter Auftritt.Etwas, das sich verdächtig nach Neugierde anfühlt, breitet sich in meiner Brust aus.Doch anstatt dieser Neugierde nachzugehen und die Frau damit zu Tode zu ängstigen, setze ich einfach wieder meinen Helm auf, schwinge mich wieder auf meine Maschine und starte den Motor.Das vertraute Grollen füllt die Straße, als ich meinen Weg zurück zum Clubhaus fortsetze.Und die Art, wie sie mich angesehen hat, bleibt mir im Gedächtnis.Genau wie ihre platt gedrückte Nase.Im Clubhaus ist der Lärm etwas gedämpfter als zuvor.Blood sitzt am Tresen und spielt mit seinem Messer, während Rough über einen zerknitterten Zettel gebeugt irgendwelche Zahlen notiert. Savage unterhält sich mit einem der Prospects, und Lenox steht in der Tür seines Büros und hat wie gewohnt alles im Blick.„Jimmy schwört, dass er am Montag zahlt.“Meine Stimme klingt trocken, beinahe gelangweilt, fast so, als wäre es die Zusammenfassung eines Märchens, von dem jeder weiß, dass es kein Happy End haben wird.Rough sieht mich aus schmalen Augen an.„Wie viele Knochen hast du ihm dieses Mal gebrochen?“„Genügend. Zumindest für heute.“Lenox’ Blick ist hart und ruhig, während er mir beiläufig zunickt.„Nicht vergessen, nächste Woche ist das Harvest Fest. Wir wurden zwar nicht offiziell eingeladen, aber wir werden präsent sein.“Savages Gesicht verzieht sich zu einem schiefen Grinsen.„Die Stadt will Kürbisse und Zuckerwatte, und wir werden dafür sorgen, dass sie beides ohne Ärger kriegt.“Bloods freudloses Lachen übertönt die Musik.„Und was, wenn es doch Ärger gibt?“Ich setze mich auf einen der Hocker an den Tresen und bekomme, ohne ein Wort zu sagen, ein kaltes Bier hingestellt.Ich nehme zwei große Schlucke, genieße den bitteren Geschmack und versuche, den Kopf leer zu bekommen.Es funktioniert nicht.Ich sehe immer wieder diese süße, kleine Frau hinter der Scheibe, die mich so angesehen hat, als wäre ich ein Dämon auf zwei Rädern …Scheiße!
Emily
Eine Woche in Ash Creek und ich habe gelernt, dass Staub eine eigene Persönlichkeit hat.Er klebt an allem und weigert sich, besiegt zu werden, und taucht immer dann wieder auf, wenn ich gerade denke, ich hätte gewonnen.Die ersten Tage verbringe ich fast ausschließlich mit einem Putzlappen in der Hand.Ich fege und wische und schrubbe und fluche dabei, als wollte ich ein Exorzismus-Ritual gegen Schmutz abhalten.Das Café sieht noch lange nicht so aus wie in meinem Kopf, aber es wird besser. Hinter der Staubschicht tauchen Holzböden auf, die nicht perfekt sind, aber charmant.Die Wände, die ich anfangs nur als ‚grau mit Flecken‘ bezeichnet habe, leuchten nach einem frischen Anstrich in warmem Vanilleton.Einkaufen in Ash Creek ist ein Abenteuer für sich.Der kleine Supermarkt am Ortsrand wirkt wie ein Relikt aus den Siebzigern. Neonlicht flackert, und die Regale sind halb leer, aber ich finde Mehl und Zucker und Milch - und jede Menge skeptische Blicke.Jeder will wissen, wer die Fremde ist, die plötzlich im Städtchen auftaucht.Am dritten Tag wage ich mich ins Diner, um ein richtiges Frühstück zu essen, statt nur von Kaffee zu leben. Die Kellnerin - eine Frau mit rosa Haaren, die alle nur ‚Sherry‘ nennen - serviert mir Pancakes, die so groß sind wie Pizzateller.„Du bist die Neue.“„Ja, hi. Ich bin Emily und habe mich in das kleine Café eingemietet.“Sie mustert mich kurz und nickt mir dann freundlich zu.„Das klingt super. Ich kann es kaum erwarten zu sehen, was du aus der alten Bruchbude machst.“Da geht es ihr wie mir.„Ich gebe mein Bestes.“Das ist Ash Creek. Jeder Satz klingt gleichzeitig wie ein Witz und eine Drohung.Nach fünf Tagen habe ich das Gefühl, ich wohne in einem Farbenmeer.Meine Hände sind voller bunter Sprenkel, meine Haare riechen nach frischer Wandfarbe, und der alte Tresen, den ich fast schon abschreiben wollte, ist plötzlich das Herzstück des Ladens.Erst habe ich ihn mühevoll abgeschliffen und dann geduldig neu lackiert - jetzt glänzt das alte Holz wie neu.Die Wohnung über dem Café ist inzwischen ebenfalls halbwegs wohnlich.
Der Schimmel im Bad ist zwar nicht endgültig besiegt, aber ich habe gelernt, ihn zu ignorieren.Mein Bett steht, die Küche funktioniert halbwegs, und der Kühlschrank klingt inzwischen eher nach alter Dampflok als nach Frontalcrash.Was meiner Meinung nach ein gewaltiger Fortschritt ist.Und dann - viel zu schnell - kommt der große Tag.Es ist ein sonniger Samstag, als ich das Schild ‚Emily’s Café‘ zum ersten Mal ins Fenster hänge. Es ist lächerlich, immerhin ist es nur ein Schild, aber meine Hände zittern dabei, und mein Herz fühlt sich an, als würde es vor Glück platzen.Die Cupcakes, die ich gebacken habe, bestehen hauptsächlich aus Schokolade und Zimt.Der Apfelkuchen, dessen göttlicher Geruch den kompletten Gastraum erfüllt, ist aus Mrs. Hanleys Äpfeln entstanden.Mrs. Hanley ist eine nette alte Frau, die nur ein paar Häuser weiter wohnt und fest entschlossen scheint, mir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.Außerdem habe ich in meinem Eifer genug Kaffee gekocht, um eine ganze Feuerwache glücklich zu machen.Die kleine Messingglocke über der Tür bimmelt, kaum dass ich mit den Vorbereitungen fertig bin. Hank tritt ein.Er trägt wie immer seine blaue Arbeitsjacke, und der Geruch von Motoröl gehört zu seiner Aura.Er sieht sich neugierig um, fast als hätte ich gerade eine Operation am offenen Herzen durchgeführt.„Es sieht gut aus. Ich hätte nicht gedacht, dass du den ganzen Dreck noch mal abkriegst.“„Danke. Magst du einen Kaffee?“Er nickt, und bevor er sich an den frisch lackierten Tresen setzt, klopft er sich den Dreck von der Arbeitshose. Fast als befürchtete er, die schwere Arbeit der vergangenen Tage mit seiner bloßen Anwesenheit rückgängig zu machen.Was ich sehr liebenswert finde.Ich beobachte ihn amüsiert und stelle ihm eine Tasse dampfenden Kaffee hin. Als er den ersten Schluck nimmt, verzieht er keine Miene.„Geht klar.“Von Hank ist das vermutlich die Höchstwertung.Kurz darauf kommt Sherry aus dem Diner vorbei und sieht sich neugierig wie eine Spionin um.„Hey Emily, das sieht ja mega aus. Wahnsinn!“Aus einem Impuls heraus werfe ich ihr einen Cupcake zu, und sie fängt ihn mit einer Hand auf.Dann setzt sie sich in die Ecke direkt vor dem Fenster und macht es sich in den tausend Kissen, die ich gekauft habe, gemütlich.Genau das war mein Plan. Ich will, dass meine Gäste sich bei mir wohlfühlen und dass sie es sich an einem verregneten Herbsttag mit einem Buch in der Hand gemütlich machen und sich wie zuhause fühlen. Das hier soll nicht einfach nur ein weiteres Café sein, sondern ein Ort zum Wohlfühlen.Sie beißt in den Cupcake und verdreht stöhnend die Augen.„Du willst mir nicht zufällig das Rezept verraten?“„Nein, sorry. Wenn du sie dir selber backen kannst, kommst du schließlich nicht mehr zu mir, um sie zu kaufen.“Als Nächstes kommt ein älteres Ehepaar rein, das ich gestern im Supermarkt getroffen habe. Sie nicken mir zu, als hätten sie längst entschieden, dass ich von nun an in ihre Stadt gehöre.Nach einer Stunde sind vier Tische besetzt, und ich kann mein Glück kaum fassen.Es funktioniert.
Ich hatte einen Traum und den Mut, ihn zu verwirklichen, und es scheint zu klappen.Im Grunde muss ich Alex und seinem untreuen Schwanz dankbar sein, dass er die Nachbarin gevögelt hat, sonst wäre ich nie in Ash Creek gelandet.
Aber das werde ich ihm bestimmt nicht sagen. Es reicht schon, dass er mir täglich mindestens drei Nachrichten schickt und mich anfleht, nach Chicago zurückzukommen.Aber das kann er vergessen.Die Menschen in meinem Café trinken und essen und lachen, und ich stehe hinter meinem Tresen und lächle und versuche, nicht wie eine nervöse Anfängerin auszusehen.Mein Herz pocht wie verrückt, aber es fühlt sich gut an.Richtig gut und irgendwie seltsam richtig, fast als wäre es mir vorherbestimmt gewesen, eines Tages genau hier zu landen.Was durchaus möglich ist. Ich habe schon immer an das Universum und Vorsehung geglaubt, allerdings bin ich nicht überzeugt davon, dass das Schicksal solche wichtigen Entscheidungen von der Untreue meines Ex-Freundes abhängig macht.Aber was weiß ich schon?Die Stunden vergehen, die Kuchenauslage ist leer, und ich bin fix und fertig.Meine Füße brennen wie die Hölle, aber meine Kasse ist voll.Gut, zugegeben, die ganzen Ausgaben für Reparaturen und Möbel und den sonstigen Einkauf habe ich noch lange nicht wieder drin. Aber das hier ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Und es war erst der erste Tag.Am nächsten Morgen komme ich nach meinem Monster-Einkauf gerade dazu, die Kaffeemaschine auf Betriebstemperatur zu bringen, als Mrs. Hanley auftaucht. Sie trägt eine rosa Strickjacke, und ihre grauen Haare sind in einem strengen Dutt zusammengebunden, und ihr Blick ist freundlich wie immer.„Du hattest ja ein richtig volles Haus gestern, Emily“, sagt sie ohne ein Hallo.„Ja“, sage ich vorsichtig. „Es war aufregend und lief wirklich gut. Alle waren total von dem Apfelkuchen begeistert.“„Sehr schön. Dann wissen die Leute, dass du bleibst.“ Sie nippt an dem Latte, den ich ihr aus einem Impuls heraus, hingestellt habe, und sieht mich nachdenklich an.
„Weißt du schon, dass in einer Woche das Harvest Fest stattfindet?“„Harvest Fest?“
Davon wusste ich nichts.„Na, das große Herbstfest. Eine wirklich große Sache hier in Ash Creek. Es gibt Musik und Tanz und jede Menge Stände und als Krönung einen Kürbiswettbewerb. Das Fest ist nächsten Freitag und jeder, der etwas auf sich hält, wird dort sein.“„Das klingt toll.“
Und ist für mich die beste Gelegenheit, die Menschen hier besser kennenzulernen.„Oh, das ist es. Wenn du klug bist, stellst du einen eigenen Stand auf. Mit Kaffee und Muffins und diesem … wie heißt das noch gleich … Pumpkin Dingsbums.“„Pumpkin Spice Latte.“„Ja. Glaub mir, Kindchen, die Jugend liebt das. Mach mit, sonst denkt die halbe Stadt noch, dass du es nicht ernst meinst. Außerdem ist es die perfekte Möglichkeit für dich, neue Gäste zu finden.“Damit trinkt sie ihren Latte aus und verschwindet genauso plötzlich wieder, wie sie gekommen ist.Und ich?Ich bleibe hinter meinem Tresen stehen und starre auf die Kaffeemaschine und dann auf den Zettel mit meiner ewig langen To-do-Liste.Renovieren? Abgehakt.Eröffnung? Überlebt.Nächstes Ziel: das Harvest Fest.Allein bei der Vorstellung, einen eigenen Stand zu eröffnen, breitet sich eine völlig neue Aufregung in mir aus.
Ich fühle mich ein bisschen wie Mel aus Virgin River, nur dass ich keine Arzthelferin bin, sondern Café-Besitzerin und dass mir noch kein sexy Jack Sheridan über den Weg gelaufen ist.Aber was nicht ist, kann ja noch werden.
Und nach Alex, dem Arsch, habe ich es nicht eilig, einen neuen Mann kennenzulernen.
Fürs Erste konzentriere ich mich voll und ganz auf mich.„Na gut, Ash Creek“, murmele ich. „Du willst Pumpkin Spice? Du bekommst Pumpkin Spice. Und dieses Mal mit extra Zimt.“Tausend verschiedene Rezepte zucken durch mein auf Hochtouren laufendes Gehirn.Ich brauche Kürbisse und Zimt und Muskatnuss und noch ein paar von Mrs. Hanleys Äpfeln.
Jax
Die letzten Nächte waren alles, nur nicht ruhig.Wenn du Sergeant-at-Arms bist, bedeutet Ruhe sowieso nur, dass irgendwo einer Mist baut, von dem du noch nichts weißt.Die heutige Nacht hängt, während ich meine Maschine anwerfe, schwer über Ash Creek.Der Himmel liegt tief und ohne Sterne über unseren Köpfen, und die Luft riecht nach feuchter Erde, kaltem Metall und den letzten Blättern, die irgendwo am Straßenrand verfaulen.Es ist die Art von Dunkelheit, in der die Geräusche weiterhallen als gewöhnlich und in der bestimmte Entscheidungen schneller getroffen werden, als manche Kugeln fliegen.Savage tritt aus dem Schatten des Clubhauses, sein Helm baumelt locker an seinen Fingern, und die Spitze der Zigarette, die in seinem Mundwinkel hängt, glüht orange in der Finsternis.„Alles klar, VP?“„Yeah, alles bestens.“Damit steigt er ebenfalls auf sein Bike, setzt sich den Helm auf und startet es mit einem harten Kick.Er fährt los, und ich folge ihm und spüre mit jeder Meile, wie der Motor unter mir grollt.Fuck!Ich liebe dieses vertraute Vibrieren, das von meinem Brustbein bis in meine Handknöchel wandert.Der Motor meiner Harley ist seit Jahren mein Taktgeber.Wir fahren raus, vorbei an den wenigen Häuserblocks, die den Anschein wahren, dass Ash Creek etwas anderes ist als ein etwas größerer Flickenteppich, bestehend aus einem Diner, der Tankstelle und zwei Secondhandläden.Auf der schmalen Straße streicht der kühle Fahrtwind die letzten Gerüche der Stadt von uns ab und ersetzt sie durch nasses Herbstlaub und den Rauch von irgendeinem Gartenfeuer, das irgendwo hinter einem dunklen Zaun vor sich hinflackert.Meine Augen gewöhnen sich schnell an das wechselnde Muster der Schatten, die hin und wieder von den Straßenlaternen unterbrochen werden.Wir kommen an der alten Kiesgrube vorbei und nähern uns dem Stadtrand.Ich fahre dicht hinter Savage und behalte alles im Blick, was man in einer Nacht wie dieser im Blick behalten sollte.Der vereinbarte Treffpunkt liegt unter der alten Flussbrücke, genau da, wo der Beton von Rissen durchzogen ist und die ehemals bunten Graffitis längst vom Regen abgewaschen wurden.
Gleich dahinter läuft der Coldstone River fast bis an den Straßenrand, ein schwarzes Band, das bei Nacht jedes Geräusch doppelt laut zurückwirft.Ein verrosteter schwarzer Pickup wartet bereits, abgestellt im Schatten der Brücke.Die Scheinwerfer sind aus, nur die Glut zweier Zigaretten glimmt rötlich am Heck auf, und das kurze, helle Aufflackern zeichnet die Gesichter der Männer in ein unheimliches Rot.Ich ziehe mir in einer flüssigen Bewegung den Helm vom Schädel, hänge ihn an den Lenker und spüre, wie die Kälte der Nacht sofort über meine Kopfhaut kriecht.Mein Atem kondensiert, und ich vermisse den Sommer schon jetzt.Fuck!Wie sehr ich die Kälte und den nahenden Winter hasse.Der Wind peitscht Rauchschwaden und Dieselgestank herüber - ein ätzender Cocktail, der sich in die Kehle brennt und dort festkrallt.„Pünktlich.“ Der Mann mit der Baseballmütze nickt uns zu. Seine erzwungene Lässigkeit kann nicht verbergen, was seine zitternden Finger verraten.„Immer.“
Savages Antwort kommt trocken, während er zum Van geht, den wir bereits vor einigen Stunden hier abgestellt haben. Rough hat ganze Arbeit geleistet - keine Kennzeichen, keine Kratzer, nichts Auffälliges. Das Teil ist ein Geist auf Rädern.Der Riegel knarzt auf. Das Metall protestiert mit einem Schrei, der über den leeren Platz hallt und in der Stille nachzittert.Ab jetzt gibt es kein Zurück mehr.Ich gehe einen halben Schritt nach hinten und stelle mich zwischen die Bikes und den Van, sodass ich mit einer Drehung alles im Blick habe: Den Schotterplatz, die schmale Zufahrt, den dunklen Streifen der Brücke und die Hände unserer Käufer.Sie packen an und beginnen, die bestellte Ware in ihren Pickup zu laden.Savage beobachtet sie mit angespanntem Kiefer, und sein Blick ist genauso scharf wie das Messer, das er stets an seinen Oberschenkel gebunden mit sich trägt.Alles, was ich höre, ist unser Atem und das leise Klacken, wenn die Holzkisten, in denen sich die Waffen befinden, auf die Ladefläche trifft.Alles ist gut, bis das Heulen einiger Sirenen die Luft zerreißt und meinen Puls in die Höhe schnellen lässt.Holy Fuck!Erst ist es nur ein fernes Heulen, das sich irgendwo in der Dunkelheit verfängt. Doch es wird schnell lauter und kommt noch schneller näher.
Mein Nacken wird heiß.Und noch bevor ich darüber nachdenken kann, liegt meine Hand auch schon an meiner Waffe, die sich dank des Holsters, in dem sie steckt, beruhigend gegen meine Rippen drückt. Der Kerl mit der Mütze friert regelrecht ein, seine Augen werden starr, während sein Partner die Kiste vor lauter Schreck beinahe fallen lässt.„Bewegung!“ Mein angespanntes Knurren überlässt wenig Raum für irgendwelche Fehlinterpretationen.Die Typen stolpern los, wechseln die Seite und stemmen die Kiste wieder hoch, während die Sohlen ihrer Stiefel über den Schotter kratzen.Savage wirft mir einen Seitenblick zu, der mir verrät, dass er genauso angespannt ist wie ich.Die Sirenen sind jetzt direkt über uns und hallen von den Betonpfeilern der Brücke wieder, unter der wir stehen.Das Geräusch ist hart und schrill, und es fühlt sich so an, als würde es sogar in meinen Zähnen vibrieren.Dank meiner Vorstrafen reichen die Waffen, die in diesem Augenblick ihren Besitzer wechseln, aus, um mich die nächsten zwanzig Jahre hinter Gitter zu bringen.Die Sirenen ziehen sich für die Dauer von drei oder vier Herzschlägen durch die Dunkelheit, und ich bin mehr als bereit, die Bikes querzustellen, die Zufahrt dichtzumachen und jeden einzelnen Bullen, der es wagt, sich uns in den Weg zu stellen, kalt zu machen.Dann zieht das Heulen nach links ab, verliert sich über den Highway, und in der Stille nehme ich das wilde Pochen in meiner Brust nur zu deutlich wahr.Verdammt!Die Streifenwagen sind auf dem Weg zu jemand anderem, der heute definitiv Pech gehabt hat. Die Spannung weicht aus meinem Körper.
Ich nehme die Hand von der Waffe und zünde mir eine Kippe an.„Geht das auch schneller?“Savage klingt mindestens so angespannt, wie ich mich fühle.Die Männer gehorchen sofort und hieven die letzten drei Kisten auf ihren Wagen.Das wäre dann schon mal geschafft!Der Kerl mit der Mütze gibt ein erleichtertes Zischen von sich, und der Geruch seines Schweißes hängt trotz der kalten Luft schwer zwischen uns.Noch immer mehr als wachsam, beobachte ich, wie unser Vize die Tasche mit dem Geld entgegennimmt, es kurz prüft und es dann in seiner rechten Satteltasche verschwinden lässt. Erst als die beiden Käufer in ihren Pickup steigen und davonfahren, schnippe ich den Rest der Kippe auf den Boden, trete sie mit dem Absatz meines Stiefels aus und ziehe den Helm vom Lenker.Erleichtert, dass die Scheiße ohne Blutvergießen über die Bühne gegangen ist, setze ich den Helm auf und lasse den Verschluss mit einem Klick einrasten.Ich höre, wie der Coldstone River völlig unbeeindruckt vor sich hinplätschert.Savage hebt die Hand und hält zwei Finger in die Luft.Das Zeichen ist alt, und doch weiß jeder im Club, was es bedeutet.Wir steigen auf und starten gleichzeitig die Motoren.
Das Grollen vibriert tief und kraftvoll durch die Nacht.Der Schotter knirscht unter unseren Reifen, und das Licht der Scheinwerfer zieht unsere Schatten lang und schwarz über den Beton, bis die Dunkelheit sie verschluckt.Dann ist alles wieder so, wie es immer ist: Der Asphalt liegt vor uns, während uns die Dunkelheit umgibt und uns das Gefühl gibt, dass wir allein mit ihr unterwegs sind.Im Clubhaus empfängt uns der gewohnte Lärm.Aus den Boxen hämmert irgendein Song, der schon Jahrzehnte alt ist, und der Geruch von Rauch, Leder und Bier hängt schwer in der Luft.Außerdem stinkt es nach irgendetwas Angebranntem, das einer der Prospects in der Küche vergessen hat.Blood sitzt am Tresen und lässt sein Messer unablässig über seine Finger laufen, ruhig und präzise, als wäre der Stahl für ihn nicht mehr als ein Spielzeug.Neben ihm hockt ein gelangweilter Rough, der mit seinem Blick den großen Hauptraum nach einer passenden Bitch für heute Nacht absucht.Lenox steht im Türrahmen seines Büros, und sein Blick ist kühl und wach.Er weiß, dass er sich auf uns verlassen kann und dass er nicht nachfragen muss, wie es gelaufen ist, er tut es trotzdem.„Ist der Deal erledigt?“„Yeah! Es gab keine Probleme“, sagt Savage, wirft dem Präsident die Tasche mit dem Geld zu und greift nach der Whiskyflasche, die auf der Theke steht.„Die Sirenen waren nicht für uns.“„Gut. Was ist mit Jimmy?“Holy Shit!Das ist noch mal ein ganz anderes Thema.„Das zeigt sich am Montag. Entweder er zahlt, oder er lernt, wie viele Knochen ein Mensch wirklich hat.“Bloods linker Mundwinkel zuckt amüsiert, aber er sagt nichts.„Ich habe es schon mal gesagt: In einer Woche ist das Harvest Fest“, brummt Lenox.
Seine Stimme ist nicht laut, füllt aber dennoch den Raum.„Offiziell will man uns da nicht sehen. Inoffiziell sind wir dort. Wir trinken nicht in jeder Ecke, wir brüllen nicht, und wir schlagen niemanden, der es nicht verdient hat. Verstanden?“Ich schließe mich dem kollektiven Nicken meiner Brüder an, dann organisiere ich mir ein kaltes Bier und trinke einen langen, tiefen Schluck.Normalerweise reicht das, um meine Nerven zu beruhigen.Heute jedoch nicht.Der Nachhall der Sirenen zieht sich noch immer durch meinen Schädel und verdeutlicht mir, dass die einzige Angst, die ich mit mir herumschleppe, nicht die vor dem Tod ist, sondern die davor, eingesperrt zu sein.Und das ist nicht das Einzige, was in meinem Kopf festsitzt.Immer wieder taucht dieses Bild von dem Mädchen aus dem Café auf, das bis vor kurzem leer stand.Emily …
Ich habe sie in den letzten Tagen öfter gesehen, als mir guttut.Es gibt nichts, was ich ihr sagen will, und nichts, was sie mir sagen könnte.
Trotzdem bleibt mein Blick jedes verdammte Mal an ihr hängen.Am Anfang war es nur Zufall.Das erste Mal sah ich sie, als ich nachts vorbeifuhr und sie mit hochgesteckten Haaren und einem Pinsel in der Hand auf einer wackeligen Leiter stand.Dann, ein anderes Mal, habe ich sie dabei beobachtet, wie sie den schweren Tresen abgeschliffen und neu lackiert hat.Erst vor ein paar Tagen hat sie mit diesem entschlossenen Blick, der klar machte, dass sie keine Hilfe will, egal wie sehr es ihr auch die Muskeln zerreißt, verdammt schwere Möbel in den Laden geschleppt. Und heute habe ich sie dabei beobachtet, wie sie die ersten Gäste bediente, Kaffee ausschenkte und lachte.Und dieses Lachen war nicht gespielt und auch nicht aufgesetzt.Es sah eher so aus, als hätte sie wirklich geglaubt, dass in diesem Moment einfach alles gut werden könnte.Fuck!Keine Ahnung warum, aber seit sie ihre Nase gegen die Scheibe gepresst und mich aus ihren weit aufgerissenen Augen angestarrt hat, kriege ich diese Frau einfach nicht mehr aus meinem Kopf.Diese Frau ist süß, und süß ist normalerweise nicht mein Ding.Doppel-Fuck!Süß passt nicht in meine Welt.Ich bin der Sergeant-at-Arms des Black Crows Motorcycle Clubs, mein Job ist es, Regeln durchzusetzen, Grenzen zu ziehen und Angst zu verbreiten.Für süß ist da kein Platz. Und trotzdem … jedes Mal, wenn ich die Straße runterfahre, wandert mein Blick wie von selbst zu ihrem Fenster.Es ist, als hätte sie irgendetwas in mir losgetreten, von dem ich nicht mal wusste, dass es da ist.Und genau das macht sie so gefährlich für mich.Süß passt nicht in mein Leben, nicht in meine Nächte und erst recht nicht zu dem Mann, der ich bin. Süß ist weich, offen, verletzlich und alles, was ich nicht gebrauchen kann.„Jax?“Savage stößt mich mit der Schulter an, als er sich am Tresen vorbeugt.„Dein Kopf ist nicht hier, was, Bro?“„War er das denn je?“
Ich stelle die leere Flasche ab und fange seinen Blick ein.Ich weiß, dass er mich am liebsten fragen würde, woran ich gerade gedacht habe, aber der Teil von ihm, der mich kennt, entscheidet sich dagegen.Kluger Mann.Ich gehe raus auf den Hof, und die Kälte bahnt sich schnell einen Weg in meine Knochen.Ich lehne mich an die Hauswand, ziehe die zerknautschte Kippenschachtel aus meiner Tasche, zünde mir eine an und fülle meine Lunge mit dem warmen Rauch.Hinter mir öffnet und schließt sich die Tür, schwere Schritte hallen kurz über den Boden und verlieren sich Richtung Werkstatt.
Irgendwo lacht einer meiner Brüder.Ich weiß, dass ich die Sirenen noch einmal in Gedanken durchgehen, mir den Weg am Fluss einprägen und die Zufahrt neu überdenken sollte. Und ich sollte mir die Frage stellen, ob Jimmy dieses Mal tatsächlich bereit ist, seine Schulden zu bezahlen.Und ich sollte mir den Schädel darüber zerbrechen, ob die neuen Käufer wirklich die richtigen Geschäftspartner für uns sind.Stattdessen stehe ich hier und denke an eine Frau, die mich verdammt noch mal nichts angeht.In einer Woche ist das verdammte Herbstfest, und diese Woche werde ich dazu nutzen, mir diese Frau aus dem Schädel zu schlagen.Emily …
Dank des Schildes, das sie über die Eingangstür gehängt hat, weiß ich ganz genau, wie sie heißt.Allerdings weigere ich mich die meiste Zeit über, ihrem hübschen Gesicht einen Namen zu geben. Das macht es nicht unbedingt leichter, sie zu vergessen.Lenox hat deutlich gemacht, dass wir da sein und aufpassen werden.Wir sind nicht da, um zu tanzen - hahaha … als ob ich das jemals tun würde.Und wir sind auch nicht da, um Zuckerwatte zu fressen.Wir sind da, damit die Stadt spürt, dass wir ein Teil von ihr sind.Es wird Lichterketten geben, Kürbiskuchen und Liebesäpfel.Auf der Bühne wird wie jedes Jahr irgendeine Band spielen, die ich am nächsten Tag schon wieder vergessen habe, und es wird wie immer Männer geben, die zu viel trinken, genau wie Frauen, die zu laut lachen, und Kinder, die zu spät ins Bett kommen.Und irgendwo auf dieser Fläche wird ein kleiner Stand stehen, auf dem „Emily’s Café“ steht.Und ich bin mir fast sicher, dass es an diesem Stand nach Zimt riechen wird.Ich drücke die Zigarette aus und schüttle, über mich selbst verwundert, den Kopf.In der Hoffnung, dass mir der Fahrtwind dabei helfen wird, meine Gedanken zu sortieren, gehe ich über den Hof zu meiner Maschine, stecke den Schlüssel ins Schloss, steige auf und starte mit einem kraftvollen Tritt den Motor.Ich höre das dumpfe Grollen nicht nur, ich spüre es bis in die Knochen. Mein Bike ist ein verdammter Teil von mir.Das Tor zum Hof zur Straße steht offen, anscheinend hat einer der Prospects vergessen, es zu schließen. Am Gas drehend rolle ich raus auf die Straße, lasse die Dunkelheit an mir vorbeiziehen und fülle meine Lunge mit der kalten Luft.Ich fahre nicht in Richtung Highway, sondern Richtung Stadtmitte.Dort, wo die Ladenreihe mit den drei immer gleichen Auslagen steht, wo die Tankstelle die Nacht wie ein Aquarium beleuchtet und wo das Diner die Neonreklame „Open“ auch dann brennen lässt, wenn Sherry längst Feierabend gemacht hat.Ich fahre langsamer, und irgendwann weiß ich, dass ich das Tempo nicht mehr vor mir rechtfertigen kann. Ich tue es trotzdem, und ich tue es für mich.Emilys Café ist dunkel, und in der Glasscheibe spiegelt sich mein Bike. Doch oben im ersten Stock zeichnet sich eine zierliche Silhouette hinter den zugezogenen Vorhängen ab.Und obwohl ihr Café geschlossen hat, bilde ich mir ein, den Duft wahrzunehmen, der in den vergangenen Tagen aus ihrer offenstehenden Tür gezogen ist.Es war eine Mischung aus Kaffee, Zimt und frisch gebackenem Kuchen.Außerdem war da etwas Apfeliges, das perfekt in den Herbst gepasst hat.Ich bleibe für genau drei Atemzüge stehen. Die Zeitspanne ist lang genug, um mich selbst dafür zu verfluchen, dass ich schon wieder hier gelandet bin.Fuck!Ich bin kein Mann, der nachts heimlich um fremde Häuser schleicht, und ich bin auch keiner, der wehrlose Frauen beobachtet.Holy Shit!Ich bin der Sergeant-at-Arms des Black Crows Motorcycle Clubs. Und auch wenn es zu meinen Aufgaben gehört, Menschen zu foltern und zu töten, bin ich noch lange kein Stalker.Ich drehe am Gas, und der Auspuff schickt ein dumpfes Knurren durch die Finsternis.
Zwei Krähen schrecken von einem Dachfirst auf und fliegen Richtung Mond davon.Ohne auf die Geschwindigkeitsbegrenzungen zu achten, rase ich viel zu schnell die Straße runter und wiederhole dabei wieder und wieder den gleichen Satz: Süß ist kein Spiel. Süß ist kein Spiel. Süß ist kein Spiel. Süß ist kein fucking Spiel.Ich fahre, bis die Nacht wieder nur aus Asphalt und Schatten besteht und der Fluss keine Rolle mehr spielt.
Vor dem Clubhaus ist es heller als vorhin.
Jemand hat die Lampen am Hof aufgedreht.Die Prospects tragen Kisten für die nächste Waffenlieferung in den Bunker, der sich auf der Rückseite des Gebäudes befindet. Kaum dass ich mein Bike zu denen meiner Brüder stelle, hebt Rough kurz den Kopf und nickt zu mir rüber.Alles ist, wie es sein muss.Ich streife den Helm ab und hänge ihn an den Lenker.Am Montag kümmere ich mich um Jimmy und am Freitag gehen wir auf das verfickte Fest.Das ist die Reihenfolge, die ich verstehe. Das ist das Einzige, was zählt.Süß ist kein Spiel.
Nicht meins, nicht in dieser Stadt, nicht mit diesen Händen und schon gar nicht mit diesem Patch auf dem Rücken.Genau das rede ich mir wieder und wieder ein, während ich die Tür aufschiebe und die Wärme des Clubhauses mich wieder aufnimmt.
