Blondes Gift - Klaus Stickelbroeck - E-Book

Blondes Gift E-Book

Klaus Stickelbroeck

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Beschreibung

Blind Date mit tödlichen Folgen Privatdetektiv Hartmann soll für seinen alten Kumpel Lenny bei einem Blind Date einspringen. Lenny arbeitet als Zugbegleiter und verabredet sich immer im Nachtexpress Münster – Paderborn, Wagen 18, Abteil 6. Hartmann findet, dass das Wort Schienenverkehr in diesem Zusammenhang eine ganz neue Bedeutung bekommt. Er sagt zu und ist von Jenny, alias Blondes Gift, richtig begeistert. Um genauer zu sein: Hartmann verknallt sich bis über beide Ohren. Doch bevor die Affäre richtig durchstartet, ist Jenny plötzlich verschwunden. Hartmann nutzt die wenigen Informationen, die er hat und macht sich auf eine Suche, die deutlich turbulenter wird als erwartet. Und er stellt fest: Gift, auch wenn es blond daher kommt, ist gefährlich. Falsch gehandhabt ... sogar tödlich.

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Seitenzahl: 315

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Vom Autor bisher bei KBV erschienen:

Fieses Foul

Kalte Blicke

Fischfutter

Auf die harte Tour

Schnell erledigt

Schrott

Blindgänger

Haken dran!

Klaus Stickelbroeck wurde 1963 in Anrath geboren. Er lebt in Kerken am Niederrhein und arbeitet als Polizeibeamter in Düsseldorf. Seinen ersten Kurzkrimi veröffentlichte er im Jahr 2000. Sein erster Kriminalroman Fieses Foul erschien 2007. Sein Kriminalroman Fischfutter (2010) wurde für den Friedrich-Glauser-Preis als bester Kriminalroman des Jahres nominiert.

2017 erschien mit Haken dran! eine Zusammenstellung seiner besten Kurzkrimis. Blondes Gift ist sein siebter Kriminalroman mit dem smarten Privatdetektiv Hartmann (alle KBV).

Stickelbroeck ist einer der fünf »Krimi-Cops«, deren sechs Kriminalromane, zuletzt Goldrausch (2018), ebenfalls im KBV-Verlag erschienen sind.

www.klausstickelbroeck.de · www.krimi-cops.de

Klaus Stickelbroeck

Blondes Gift

Originalausgabe

© 2019 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de

E-Mail: [email protected]

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Fax: 0 65 93 - 998 96-20

Umschlaggestaltung: Ralf Kramp

Lektorat: Volker Maria Neumann, Köln

Druck: CPI books, Ebner & Spiegel GmbH, Ulm

Printed in Germany

Print-ISBN 978-3-95441-455-0

E-Book-ISBN 978-3-95441-465-9

»Sie machen einen großen Fehler, Hartmann!«

»Große Fehler sind meine Spezialität.«

Inhalt

1. Tag

2. Tag

3. Tag

4. Tag

5. Tag

6. Tag

7. Tag

8. Tag

1. Tag

Hartmann lehnte in Renates Brötchenbude an einem Bistrotisch, nippte entspannt am dampfenden Becher Kaffee und genoss den beeindruckenden Blick über den Düsseldorfer Bahnhofsvorplatz.

»Herrlich.«

Sicher saß man in einem Café am Kaiserswerther Markt oder bei Heinemann auf der Kö schöner, aber mehr Action wurde auf jeden Fall hier geboten. Ein dunkelgrüner Reisebus aus Itzehoe hatte sich im Baustellenbereich festgefahren. Taxifahrer hupten, um den Fahrer zu bewegen, die rot-weißen Absperrbaken einfach umzufahren.

Auf der Sperrfläche davor parkte ein tiefergelegter Dreier-BMW mit Solinger Kennzeichen und eingeschalteter Warnblinkanlage. Vom Fahrer war nur der aus dem Fenster ragende, schwarz tätowierte, linke Oberarm zu sehen. Ein Oberarm, aus dem der liebe Gott auch zwei Oberschenkel hätte formen können.

Aus diesem Grund wurde der Fahrer zum Arm von zwei Politessen hartnäckig ignoriert. Was wahrscheinlich vernünftig war, den späten Vormittag in Sachen Zerstreuung ansonsten aber sicher noch weiter nach vorne gebracht hätte.

Ein leichenblasser Junkie mit koboldroten Haaren stand an der Gehwegkante gegenüber und hielt mit dramatischen Gesten seinen unsichtbaren Freunden einen Vortrag. Eine ältere Dame stand verloren am Fußgängerüberweg, um die Straße zu queren. Hartmann wusste, das würde heute nichts mehr geben.

Hartmanns Frühstücksdealerin gesellte sich zu ihm an den Bistrotisch, verteilte mit einem gelben Fensterleder übrig gebliebene Brotkrümel und seufzte. »Ich brauche Urlaub.«

Hartmann versuchte sich zu konzentrieren. Wenn Renate im engen Kittel sich tief über den Bistrotisch beugte, um zu wischen, dann achtete man nicht auf den Lappen.

»Zwei Wochen. Oder wenigstens vierzehn Tage. Muss ja gar nichts Tolles sein. Vielleicht auf einer holländischen Insel. Rügen. Rügen soll super sein.«

Hartmann nahm noch einen Schluck.

Renate tippte auf die Tageszeitung, die vor Hartmann auf dem Tisch lag. »Das ist auch Wahnsinn.«

Hartmann flog über die beiden Artikel auf der ersten Seite des Blatts. Ganz Schweden suchte die Kronzeugin in einem spektakulären Prozess gegen Rechtsextremisten. Hartmann fragte sich, ob es bei einer Vermisstensache hilfreich war, die Gesuchte auf dem beigefügten Foto mit einem dicken, schwarzen Balken unkenntlich zu machen. Aber da mochten sich die Ermittler in Schweden was bei gedacht haben.

Und auch hier in Düsseldorf waren im Laufe der vergangenen Woche zwei junge Frauen spurlos verschwunden. Der Polizeisprecher ließ knapp verlauten, dass die ermittelnden Beamten zum derzeitigen Zeitpunkt einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen nicht ausschließen könnten. Etwas ausschließen taten sie bei den Cops ja ohnehin eher selten.

»Die Frauen können doch nicht einfach so verschwinden. Wo sind die Vermissten hin?«

Hartmann zuckte mit den Schultern und leerte seinen Becher. Draußen hatte der Junkie der älteren Dame selbstlos mit ausgebreiteten Armen den Fußgängerüberweg freigesperrt und half ihr über die Fahrbahn. Auf der anderen Straßenseite angekommen, würde er versuchen, ihr die Handtasche zu stehlen.

Apropos. Hartmann rutschte vom Hocker. »Ich muss, Renate.«

»Was musst du?«

»Die Arbeit wartet.«

Renate blickte skeptisch. »Arbeit? Du lungerst doch nur rum.«

»Äh. Nein.«

»Jeden Vormittag sitzt du hier.«

»Ich erarbeite Pläne, schätze Situationen ein und entwerfe Strategien. Einem Privatdetektiv sieht man die Arbeit nicht immer an, aber Hölle, er ist praktisch immer im Dienst. Das erkennt man auf dem ersten Blick nicht.«

»Ich jedenfalls nicht.«

»Das Privat aus Privatdetektiv hat ja auch ein bisschen die Bedeutung von geheim, verdeckt, unauffällig.«

»Ja, ja.«

»Diskretion ist daher mein zweiter Vorname geworden.«

»Interessant«, sagte Renate. »Dein zweiter Vorname? Wusste ich gar nicht.«

Hartmann spürte ihren misstrauischen Blick im Rücken, als er Sekunden später aus dem Brötchenlokal nach draußen trat.

»Haste mal ʼnen Euro?«, sprach ihn der fastblinde Ingo an, ein älterer Stadtstreicher mit großer Sonnenbrille, der sich ein paar Monate zuvor im Bahnhofsviertel niedergelassen hatte und seitdem zum Ortsbild gehörte.

Um die Götter gnädig zu stimmen, gab Hartmann zwei. »Gib nicht alles auf einmal aus.«

»Ich investiere in Bitcoins.«

»Gute Idee«, kommentierte Hartmann und entdeckte rechts von sich seinen Nachbarn aus dem Erdgeschoss.

Dimitri wuchtete schwungvoll einen Karton in den Kofferraum seines Lieferwagens. Die dunklen Locken auf seinem Kopf standen kreuz und quer in alle Richtungen ab und erinnerten an dichtes, schwarzes Ziergras. Der Grieche hatte bis vor Kurzem im Erdgeschoss einen Secondhand-Laden betrieben. Exklusives Sortiment, sehr gute Preise, die Ware war manchmal sogar noch originalverpackt.

Hartmann schob eine Strähne hinters Ohr. »Du ziehst also tatsächlich aus?«

Dimitri strich mit dem Hemdsärmel Schweiß von der Stirn. »Scheiße, Malaka, die Bullen rücken mir immer mehr auf die Pelle. Nur wegen der Handgranaten. Und den paar Maschinenpistolen. Ich werde umziehen und mich ganz neu aufstellen.«

»Ehrliche Arbeit?«

»Was? Nein! Ich spiele mit dem Gedanken, ein griechisches Restaurant aufzumachen.«

Hartmann fragte sich, warum bei Dimitri ehrliche Arbeit und griechisches Restaurant nicht zusammengingen.

»Ich hab sogar schon einen Namen. Spukt mir seit Tagen im Kopf rum. Akropolis.«

Hartmann nickte anerkennend. »Super Name. Originell. Mal was anderes.«

Dimitri strahlte und stemmte Hartmann einen Karton entgegen. »Ist ein Computerturm drin. Superspezialteil. Überlass ich dir für ʼnen Fuffi, weil du es bist.«

»Ich hab schon ein …«, versuchte Hartmann.

»Aber nicht so ein Hammerteil, mein Freund. Ich hab eine rumänische Superspezialspezialistin, die hat es voll drauf. Die hat sogar schon mal fürs Landeskriminalamt gearbeitet.« Dimitri stutzte. »Oder gegen die? Ich weiß es jetzt nicht genau. Auf jeden Fall hat die den PC richtig fett aufgepimpt. Scheiße, Malaka, das Teil hat jetzt dermaßen Power, da kannst du von hier aus den Satellit, der für RTL 2 zuständig ist, ein- und ausschalten.«

»Gut, das wäre hin und wieder reizvoll, aber …« In Hartmanns Hemd lärmte sein Handy, er trat einen Schritt zur Seite. »Privatdetektiv Hartmann, Ermittlungen aller …«

»Christian«, meldete sich eine Stimme. »Christian, gut, dass ich dich erreiche. Ich brauche deine Hilfe!«

»Lenny, bist du das?«, glaubte Hartmann einen alten Schulkameraden zu erkennen, von dem er jahrelang nichts gehört hatte.

»Ja, sicher. Mensch, Christian, wir müssen uns treffen. Sofort. An den Kasematten. Gleich unterhalb der Pegeluhr.«

»Um was geht es denn?«, versuchte Hartmann eilig ein paar Informationen abzugreifen und hörte seinen Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung heftig schlucken.

»Um Leben und Tod.«

Hartmann querte den Burgplatz, ließ den Schlossturm rechts liegen und erreichte die Freitreppe. Auf den Betonstufen sitzend genossen Touristen fröhlich die sich im vorbeifließenden Rhein spiegelnden Sonnenstrahlen. Ein Flüchtling aus Afrika in knallbunten Klamotten beschallte die Szene mit einem Gettoblaster und Reggae, Kunststudentinnen in farbenfrohen Spätsommerkleidchen kifften. Männliche Jugendliche mit verwegenem Blick lehnten rechts am Geländer und teilten Ankommende in drei Gruppen ein: Normale, Zivilpolizisten und Opfer.

Hartmann tänzelte die Stufen runter auf die Rheinuferpromenade und bog unten auf der ehemaligen Hochwasserschutzanlage angekommen links ab. Zwischen den Außenanlagen der Gaststättenzeile zur Linken und den Anlegestellen mehrerer Schiffsflotten zur Rechten war kurz vor dem Durchgang zum Alten Hafen die historische Pegeluhr schnell erreicht.

Wolfgang Krawietz, aus naheliegenden Gründen Lenny genannt, saß an einem der eigentlichen Gastronomie vorgelagerten Bistrotisch und winkte aufgeregt. Leben und Tod? Na ja. Es steckte jedenfalls kein Messer in seiner Brust.

Lenny sprang auf und umarmte Hartmann wie einen verlorenen Sohn. Hartmann hob irritiert die Augenbrauen. Okay, sie beide kannten sich aus der Schule, aber zum harten Kern der Clique hatte Lenny nie gehört. Sie hatten sich bestimmt schon seit einer …

»Wir haben uns bestimmt schon seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen«, stellte Lenny auch sofort fest und zog eine Plastiktragetasche vom Hocker gegenüber. »Setz dich! Super, dass du gleich kommen konntest.«

»Ich hab mir ein bisschen Zeit freigeschaufelt.«

Lenny trug eine dunkelblaue Stoffhose und ein lachsfarbenes Sommerhemd, oben einen Knopf zu weit geschlossen, mit kurzen Ärmeln. Seine dunklen Haare waren korrekt gescheitelt. Hartmanns ehemaliger Klassenkamerad war ein bisschen größer als er selbst, vielleicht 1,90 Meter. Das kleine Bierbäuchlein und die apfelroten Wangenpölsterchen wirkten sympathisch.

Lenny winkte den Kellner heran. »Ich les ja immer mal was in der Zeitung von dir.«

Hartmann hob fragend die Augenbrauen.

Lenny nickte heftig. »Privatdetektiv. Leichen, Leichen, Leichen. Auf den Fotos siehst du schlanker aus.«

Hartmann bestellte eine große Apfelschorle, Lenny orderte ein zweites Altbier.

»Und du siehst gar nicht so tot aus, wie es dein Anruf hätte vermuten lassen können«, konterte Hartmann.

Lenny lachte. »Immer noch der Scherzkeks.« Sein Blick verfinsterte sich. »Ist aber nicht witzig. Ganz schlimme Sache.«

»Du hast nicht wirklich jemanden ermordet?«, fragte Hartmann sicherheitshalber.

»Was? Nein. Schlimmer. Pass auf. Ich arbeite doch bei der Bahn. Als Zugbegleiter.«

Hartmann erinnerte sich.

»Ich bin seit über zehn Jahren verheiratet.«

Auch das hatte Hartmann irgendwann mitbekommen. Ohne zur Feier eingeladen gewesen zu sein.

»Jutta arbeitet bei Schwartz&Weiss, einer Anwaltskanzlei auf der Ackerstraße. Wir haben zwei Töchter, die eine studiert in Aachen, die andere in Hamburg. Jutta und ich, wir wohnen immer noch am Staufenplatz.«

»Irmgardstraße 115«, konnte Hartmann sich merkwürdigerweise noch an die Adresse erinnern.

»Da merkt man den Detektiv«, lobte Lenny Krawietz. »Gut, also Zugbegleiter, so ein Beruf gibt einem ja die tollsten Möglichkeiten.«

Hartmann bemerkte im Gesicht seines Gegenübers ein feistes Grinsen. »Äh …«

»Sexuell jetzt.«

»Hä?«

Die Kellnerin brachte die Getränke und harkte braune Striche in die Pappdeckel.

Lenny beugte sich über den Bistrotisch. »Ich kann meine Eroberungen ja nicht mit zu mir nach Hause nehmen. Und auf die Dauer sind Hotelzimmer zu teuer.«

»Auf die Dauer?«

»Ich bin sexuell sehr aktiv.«

»Aha«, sagte Hartmann und fand, dass sich nach den vielen Jahren des Nichtsehens ihr Gespräch ungewöhnlich zügig in den vertraulich-intimen Bereich entwickelte.

»Also habe ich die Möglichkeiten meines Berufs optimal genutzt.«

»Ich verstehe nur Bahnhof.«

Lenny schlürfte am Bier und rückte noch näher heran. »Ich lass mich regelmäßig für die Strecke Münster-Paderborn einteilen. Nachts, also Abfahrt in Münster 23:10, Gleis 2, Ankunft in Paderborn um 01:10 Uhr. Wenn ich also eine meiner neuen, heißen Flammen date, dann reserviere ich ihr ein Sechserabteil. Ich husche durch den Zug und, zack, bin ich spätestens in Hiltrup im Waggon 18, Abteil sechs.«

»Abteil sechs?«

»Immer Abteil sechs. Ich bin an der Stelle ein Stück weit auch Gewohnheitsmensch«, erklärte Lenny.

Hartmann leerte aus Versehen das halbe Glas.

»Ich meine, ich mache das nicht regelmäßig. Nur so zwei- bis dreimal im Monat.«

Hartmann blickte ungläubig. Da bekam das Wort Schienenverkehr ja eine ganz neue Bedeutung.

»Du glaubst nicht, wie viele Frauen auf Uniform stehen.«

Hartmann hatte davon gehört, aber die Information bisher mit Feuerwehrmann, Chefarzt oder Pilot in Verbindung gebracht. Die Deutsche Bahn wurde einfach unterschätzt …

»Ich sag es dir, Christian. Das knallt prima. Wenn ich in die Trillerpfeife puste, wir den Bahnhof verlassen, der Zug ratternd Tempo aufnimmt und die Lichter der Stadt an den Fenstern vorbeifliegen, dann ist das wie Vorspiel.«

»Ach?«

»Und dann das Finale. Teilstück zwischen Soest und Lippstadt, ich sag es dir. Die Weichen da, die sind schon älteren Datums, das tackert so schön. Tack, tack, tack. Besser als auf jeder Waschmaschine. Und dann die Kurven.« Lennys Blick verlor sich ins Schwärmerische.

»Und?«, sagte Hartmann, um das Gespräch nach ein paar Sekunden wieder in Gang zu bringen.

Lenny fing sich. »Bis Geseke bin ich wieder komplett angezogen.«

Hartmann stand der Mund offen.

Lennys Blick verfinsterte sich. »Aber jetzt geht alles, alles schief. Jutta ist mir draufgekommen.«

»Wie das?«

»Kompliziert. Unglücklich. Ich stecke echt in der Bredouille, und jetzt brauche ich dich.«

Hartmann fühlte sich immer noch nicht ganz auf Ballhöhe. »Ich weiß nicht, wie …«

»Ganz einfach. Ich habe eine neue Verabredung vor der Brust. Haha. Vor der Brust ist ja eigentlich der falsche Ausdruck.«

»Lenny!«

»Okay. Also, eine ganz heiße Sache. Jenny. Im Chat nennt sie sich Blondes Gift. Hm. Pllllondess Giffffthhhh.«

Wenn Lenny Blondes Gift dahinhauchte, nahm vor Hartmanns geistigem Auge Marylin Monroe im weißen Kleidchen platinblonde Gestalt hat.

»Sehr vielversprechend. Umso ärgerlicher, dass … Nun ja, Jutta weiß von diesem Date und will mich in flagranti erwischen. Das geht natürlich gar nicht. Ich kann die Verabredung aber nicht so einfach absagen, denn dann würde meine Frau ahnen, dass ich Lunte gerochen habe. Dann wird sie misstrauisch bleiben und mir weiter auflauern.«

»Ein bisschen zu Recht«, mahnte Hartmann.

»Das ist jetzt nicht der Punkt, mein Freund. Also, meine Frau muss tatsächlich mich und mein Date im Zug antreffen. Beziehungsweise eben mein Date, aber nicht mit mir, sondern mit einem Kollegen.«

»Einem Kollegen?«

»Ja. Du bist der Kollege. Jutta trifft diese Jenny mit dir an, stellt fest, dass du nicht ich bist und wird sich mit Schamesröte zurückziehen. Und ich hab für die Zukunft wieder freie Bahn.«

Hartmann fehlten die Worte. Dafür brachte die Kellnerin eine neue Apfelschorle.

»Das soll funktionieren?«

»Bombensicher.«

Hartmann dachte kurz nach, überschlug seine Außenstände, schätzte den Inhalt seines Kühlschranks ab und ja, Black Grape hatten gerade eine fette 3er CD-Box ihres Fünfundneunziger Klassikers Youʼre great when youʼre straight rausgebracht. Deluxe, mit Bonus-Material und digital remastered.

»Wann soll das Ganze starten?«

Lenny Krawietz schürzte seine Lippen. »Äh, heute.«

»Heute?«

»Ich sagte ja: Leben und Tod.« Lenny griff zur Tragetasche. »Deshalb habe ich auf Verdacht gleich eine Schaffner-Uniform mitgebracht.«

»Für mich?«

»Ja, klar. Jenny steht doch auf Uniformen. Die Größe müsste passen. Ich meine, anhand der Fotos in der Zeitung hab ich dich, wie gesagt, deutlich schlanker eingeschätzt, aber die Sachen fallen groß aus, das sollte kein Problem sein.«

»Aber es wird in dem Zug einen echten Zugbegleiter geben«, gab Hartmann zu bedenken.

»Heute ist Uwe eingeteilt, der ist kein Problem. Bahnfahren macht den immer tierisch müde. Der wird sich hinter Münster sofort das erste freie Abteil krallen und bis Paderborn durchschlafen.«

»Und deine Frau?«

»Die wird erst mal ganz unauffällig Platz nehmen und dir Vorlauf lassen. Du verstehst, sie will dich ja … erwischen. Also mich. Ich würde vor Lippstadt nicht mit ihr rechnen.«

»Hm.«

»Ach ja, eine gültige Fahrkarte steckt in der Uniformjacke, für alle Fälle.«

»Und diese Jenny?«

»Das blonde Giftstück … Jenny begibt sich, wie schon mit ihr verabredet, direkt in den Waggon 18, Abteil sechs.« Lenny legte vertraulich und beruhigend eine Hand auf Hartmanns Unterarm. »Mach dir wegen Jenny keine Gedanken. Du bist nicht hässlich und passt eigentlich ganz passabel in ihr Anforderungsprofil. Stehst du auf abwechslungsreiche, spontane Treffen, Outdoor-Sex und aktive Fesselspiele?«

Hartmann blinzelte. »Nein …«

»Nicht? Hm, aber sonst passt es ganz gut. Optisch jetzt.«

Hartmann überschlug noch einmal die ganzen Für und Wider, der Job klang machbar. Hartmann kam zu einem fiskalisch beeinflussten Ergebnis. »Okay. Ich schaufle mir heute Abend frei und übernehme den Job. Ich nehme vierhundert Euro am Tag.«

»Vierhundert? Das ist aber teuer.«

»Sagt jemand, der bei der Deutschen Bahn arbeitet? Die Vierhundert wären im Voraus.«

Lenny schnaufte wie eine alte Diesellok. »Okay.«

Hartmann leerte seine Apfelschorle. »Das macht bei zwei angebrochenen Tagen, die ich dir beide leider komplett in Rechnung stellen muss, achthundert Euro direkt auf die Kralle. Abgemacht ist abgemacht, sagte der Chirurg. Die Getränke übernehme ich.«

Hartmann war früh dran. Weil er in der Schaffneruniform nicht sinnlos und ansprechbar auf dem Bahnsteig in Münster rumstehen wollte, hatte er die Bahnhofsmission aufgesucht, um dort zum hundertjährigen Jubiläum zu gratulieren und einen Kaffee zu schnorren. Als sein Zug einfuhr, verabschiedete Hartmann sich schnell, trat im Rücken des echten Zugbegleiters an den Nachtexpress und sprang die beiden Tritte zum Waggon 18 hoch. Uwe hatte ihn nicht bemerkt und blies draußen zeitgleich in seine Pfeife, der Zug fuhr an. Unmittelbar hinter Hartmann schloss sich die Tür.

»Da hätten Sie fast den eigenen Zug verpasst«, grinste ihn eine ältere Dame an, die einen Hund an sich presste. »Sind Sie auf dem Bahnsteig eingeschlafen oder was?«

»Ich bin ganz kurzfristig für einen Kollegen eingesprungen, der bei Ryanair aushelfen musste.«

»Ryanair ist eine Fluggesellschaft.«

»Bahnfahren und Fliegen, das ist vom Prinzip kein Unterschied«, behauptete Hartmann und schob sich an der Frau vorbei.

Der Hund schnappte. Und verfehlte Hartmann, was der als gutes Zeichen wertete.

»Herr Schaffner, Herr Schaffner«, fiel ihn ein Fahrgast an, hektische Flecken im Gesicht. »Werde ich meinen Anschlusszug in Paderborn nach Stuttgart bekommen?«

Hartmann blickte prüfend aus dem Fenster. Ganz schön schnell war er geworden, der Zug. Deshalb nickte Hartmann zuversichtlich. »Da bin ich sicher.«

»Schön, dass auf die Bahn wieder Verlass ist.«

»Danke, das gebe ich an den Fahrer weiter«, sagte Hartmann und machte, dass er weiterkam.

Viele Gäste hatte der Zug nicht. Im Grunde genommen war er fast leer. Hartmann musterte sich im Fenster. Er in Schaffneruniform, das sah irgendwie falsch aus. War es ja auch. Diese grellrote Krawatte … Mein lieber Scholli. Und tatsächlich saß die Jacke am Bauch ein bisschen spack. Dafür war die Hose im Bund ein wenig weit. Na ja, für eine giftige Blonde sollte es reichen.

»Waggon 18, Abteil … neun, acht, sieben … sechs«, murmelte Hartmann.

Und war jetzt doch ein wenig aufgeregt. Sein Herzchen pumperte kleine Beulchen in den Hals. Fast wie damals beim Elfmeter gegen die Bayern. Es stand 1:2. 86. Minute, Olli Kahn im Tor und … Hartmann mahnte sich zur Konzentration.

Im Abteil sechs war von drinnen der Vorhang zugezogen. Hartmann richtete seine Jacke, zupfte die Krawatte gerade. Kreuz zackig durchgedrückt und ein entschlossenes, dynamisches …

Die Tür wurde von innen aufgerissen.

Im Türspalt erschien ein Kopf, sympathisches Gesicht, überraschte, hellblaue Augen. »Wo bleibst du denn? Ich dachte, du kommst gar nicht mehr.«

»Äh, die Bahn, das kann schon mal dauern.«

Die junge Frau lachte ihn an. »Ja, wenn das mal kein schlechtes Omen ist.«

Hartmann speicherte: Blond ja, Gift bestimmt, aber weniger Marilyn Monroe, sondern mehr dieser strohblonde, skandinavische Typ mit von der Sonne ausgebleichtem, kräftigem grau-blondem Haar. Ein paar freche Sommersprossen und die Lippen in weichem Rosa geschminkt. Das blonde Gift alias Jenny trug ein eng anliegendes, dunkelblaues Kostüm. Die Figur – auch ein bisschen weniger Marilyn Monroe, dafür mehr Sport.

»Erst mal den Fahrschein, bitte«, riskierte Hartmann angetan einen professionellen Einstieg.

»Such ihn doch!«, summte Jenny mit einem Blick wie Bambi.

Hartmann winkte ab. »Ach, lass gut sein.«

Sie musterte jetzt ihrerseits ihn. »Du siehst ganz anders aus als auf dem Foto.«

»Ja, das hat seinen Grund«, räumte Hartmann ein.

»Ist aber okay. Krasse Uniform. Blaue Augen finde ich toll, die langen Haare stehen dir. Gute Figur, groß genug bist du auch. Deine Nase ist sehr präsent, aber da will ich jetzt nicht meckern. Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ein bisschen so aussiehst wie der Sänger von Oasis?«

»Ja, allerdings. Mehrmals. Als präsent hat meine Nase aber noch nie jemand beschrieben«, lachte Hartmann.

»Ich wollte nett sein. Erst mal.« Sie ergriff mit der rechten Hand Hartmanns Krawatte. »Gefällt mir.«

Und zog ihn rein ins Abteil. Gleichzeitig schob sie mit der Linken die Schiebetür zu, um Hartmann im nächsten Moment dominant von innen mit dem Rücken dagegenzudrücken. Wozu brauchte die Blonde bei so einem kräftigen Zupack Gift?

»Ich muss dir was erklären, Jenny«, setzte Hartmann an. »Ich bin gar nicht der, auf den du wartest.«

Sie hielt inne, musterte ihn kurz – einmal rauf, einmal runter – und winkte ab. »Ach egal, du gefällst mir. Ich stehe auf sportliche Männer in Uniform, die genauso groß sind wie ich.«

»Das ist auch nicht meine Uniform.«

»Wollte ich gerade nicht gleich erwähnen, aber sie sitzt tatsächlich ein bisschen eng. Ulkig. Warte, ich helfe dir raus.«

So schnell konnte Hartmann gar nicht gucken, wie das blonde Gift die ersten Knöpfe geöffnet hatte.

»Pass kurz auf, Jenny. Ich bin für einen Kumpel eingesprungen, dem seine Ehefrau draufgekommen ist. Besagte Ehefrau wird ungefähr in einer halben Stunde hier auftauchen.«

Sie zögerte. »Eine halbe Stunde? Hallo? Dann Beeilung jetzt!«

Die Schaffnerjacke flog schwungvoll in die Kofferablage, Hartmann schnappte nach Luft. »Äh …«

Sie strich Hartmann durch die Frisur. »Okay, es ist nicht deine Uniform, aber die langen Haare sind echt.«

»Sind sie.«

»Find ich gut«, lachte Jenny zufrieden.

»Ich dachte jetzt eher an, äh, wir unterhalten uns ein bisschen.«

»Wenn ich Unterhaltung will, schalte ich den Fernseher ein. Nix da.« Sie rupfte Hartmann das weiße Hemd aus der Hose. »Ran jetzt. Meine letzten beiden Dates waren furchtbar. Du machst einen netten Eindruck. Nett reicht mir für heute.«

Hartmann blinzelte hilflos.

»Prosecco?«, fragte das blonde Gift.

Hartmann blickte auf die Armbanduhr. Noch eine halbe Stunde bis Lippstadt. Nun denn, es sprach nichts dagegen, die Bahnfahrt möglichst angenehm zu gestalten. »Ein halbes Gläschen tät ich nehmen.«

»Na, also.«

Die blonde Jenny war eigentlich genau sein Typ. Sportlich, athletische Figur, kräftiger Griff. Eine Frau, der man einen Medizinball zuwerfen konnte, ohne sie zu verletzen. Ein hellwaches, selbstbewusstes Gesicht mit hellblauen Augen, die beim Lachen strahlten und frech blitzten, klasse. Er sollte häufiger mit der Bahn fahren …

Jenny hatte die Sekunde genutzt, um eine Flasche Kribbelwasser zu köpfen und zwei Sektflöten zu füllen. Sie drückte Hartmann ein Glas in die Finger. »Auf uns.«

»Christian«, stellte Hartmann sich vor.

»Wie auch immer«, summte Jenny aufgeräumt, hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und öffnete mit einer Hand Hartmanns Gürtel. Die dazugehörige Hose rutschte dankbar in die Kniekehlen.

Im gleichen Moment wurde die Tür aufgerissen. Uwe! Also, der echte Zugbegleiter!

»Hören Sie mal!«, fuhr Jenny ihn an, bevor der was sagen konnte.

»Herrschaften, es gab Hinweise auf einen zweiten Schaffner«, donnerte Uwe.

»Ich bin nicht echt«, behauptete Hartmann.

»Ich weiß.«

Der Zugbegleiter entdeckte in der Kofferablage die Schaffneruniform.

»Die Uniform ist geliehen«, beeilte sich Hartmann.

»Wie geliehen?«

Hartmann drückte sein Kreuz durch. »Das muss aber jetzt wirklich unter uns bleiben.«

Jenny blickte ihn erwartungsvoll an. Das tat auch der Zugbegleiter.

»Wir sind praktisch die Vorhut«, erklärte Hartmann mit ruhiger Stimme und verbindlichem Blick, ignorierend, dass ihm die Schaffnerhose in den Kniekehlen hing. »Wenn man so will.«

»Hä?«

»Neue Folgen für eine Krimi-Reihe. Mord mit Aussicht … unterwegs. Wir testen ein paar Sachen.«

»Mord mit Aussicht?«

Hartmann nickte. »Unterwegs! Die Krimi-Serie aus der Eifel als solche wurde ja eingestellt, aber das Zuschauerinteresse ist nach wie vor enorm. Das haben Sie doch auch gerne geguckt?«

»Sicher«, räumte Uwe ein.

»Es sind weitere Folgen geplant, aber als Neunzigminüter. Die erste Folge soll komplett in einem Zug spielen. Genau genommen hier auf der Strecke Münster-Paderborn.«

»Nein«, sagte der Schaffner.

»Doch«, sagte das blonde Gift.

»Das ist ja Wahnsinn!«

»Ist es, ist es.«

»Aber Sie sind nicht der Scheffer?«, stellte Uwe fest.

»Richtig. Ich spiele in den nächsten Folgen Scheffers Chef.«

»Nein.«

»Doch. Aber das muss unbedingt, unbedingt unter uns bleiben, das ist geheim.« Hartmanns Stimme war jetzt pure Verschwörung. »Das verrate ich nur, um die Situation zu erklären.«

Des Zugbegleiters Blick rutschte noch mal nach unten auf Hartmanns Hose, huschte über die Sektflöten und er hatte es … fast … geschluckt, dann brach sich aber noch mal der deutsche Beamte Bahn. »Aber Ihre Karten hätte ich doch gerne gesehen.«

Hartmann lachte. »Natürlich.«

»Auch ein Probegläschen?«, fragte Jenny und händigte ihre Fahrkarte aus.

»Nie im Dienst!«

»Verstehe«, nickte Hartmann. »Mann, Mann, Mann. Gut, dass wir das geklärt haben.«

»Ja, dann …«, verabschiedete sich der Zugbegleiter, knipste die Fahrscheine und gab sie zurück. »Aber nicht in Uniform durch den Zug laufen, das verwirrt die Fahrgäste. Womöglich nehmen die an, es gäbe einen Schaffner.«

Er musterte nachdenklich Hartmanns rotschwarze Unterhose. Er schien noch etwas sagen zu wollen, ließ es aber bleiben und zog die Tür des Abteils auf.

»Gute Fahrt!«, rief Hartmann ihm hinterher.

Das blonde Gift blickte auf die Armbanduhr und nippte am Prosecco. »23:32 Uhr. Wo waren wir stehen geblieben?«

»Ich bin gar nicht stehen geblieben«, summte Hartmann.

»Keine Sorge«, behauptete das blonde Gift, schmiegte sich an Hartmans Körper und legte eine Hand auf seinen Hintern. »Das kriege ich wieder hin.«

Let’s go to the Hop. Let’s go to the Hop – Oh Baby!

Zufrieden trommelten die Finger seiner linken Hand aufs Lenkrad. Er hatte im Radio einen ganz passablen Oldie-Sender gefunden. Klasse.

Danny and the Juniors.

Musik aus den Fünfzigern? Das waren seine Zeit, seine Musik, sein Stil. Tommy Roe, Bobby Vee, Ray Peterson, die Drifters. Little Richard war ihm zu laut. Bobby Darin, legendär! Und sein absoluter Favorit: Dion. Sagenhaft.

Dann kamen die Beatles und machten alles kaputt. Aus, Schluss, danach kam nur noch Schrott.

Del Shannon, Runaway.

Sein entspannter Blick fiel auf die Uhr im Armaturenbrett. Genau 23:32 Uhr. Mit dem Daumen klopfte er den Takt der Bass-Drum, mit dem Zeigefinger den Rhythmus der Gitarre. Sein Mittelfinger klopfte die Silben des Gesangs. Das war schwierig, das machte ihm so schnell keiner nach. Das war fast Jazz.

Wobei: Jazz mochte er nicht. Das war ihm zu wenig Struktur, da fehlte die Ordnung.

Er hatte sich in einer kleinen Kneipe an der Esplanade in Helsinki mit einem finnischen Arbeitskollegen gestritten, der ihm über Stunden erklären wollte, dass auch Jazz seinen Rahmen habe. Mann, hatte das genervt, aber so richtig. Er hatte sich wie immer nichts anmerken lassen. Auf dem Rückweg ins Hotel hatte er ihm in einer schmalen Seitengasse die Kehle durchgeschnitten.

»Jazz …«

Seit über einer Stunde beobachtete er das Gebäude auf der anderen Straßenseite. Lediglich unten im Flur des kleinen Einfamilienhauses brannte Licht. Sonst tat sich nichts. Er bezweifelte, dass jemand zu Hause war, dass … sie … zu Hause war.

Sollte er trotzdem nachsehen?

Nein, er würde warten. Geduld war eine Tugend, die ihn schon immer ausgezeichnet, ihm mehrfach den Hals gerettet und viele seiner Zielpersonen das Leben gekostet hatte.

Wahrscheinlich war sie unterwegs. Er würde warten.

Er glitt im Fahrersitz einige Zentimeter tiefer in den Sitz. Sein Auftrag ging sich ganz positiv an. Die Koordinaten hatten gestimmt, ein Einfamilienhaus war perfekt, der Rest ein Kinderspiel, er erwartete keine Probleme.

Während die Finger seiner Linken dem Lied folgten, strichen die Finger seiner rechten Hand über den ledernen Schaft, in dem das Springmesser steckte.

Poetry in Motion.

Nein. Er erwartete ganz und gar keine Probleme.

Hartmann blickte dem auslaufenden Nachtexpress hinterher. Sein Blick strich dann über die wenigen Fahrgäste, die mit ihnen beiden in Paderborn den Zug verlassen hatten.

Jenny schmiegte sich an ihn, Hartmann legte seinen Arm um ihre Schulter. »Wie hast du eigentlich Lenny kennengelernt?«, fragte er.

»Sexy Secrets.«

»Sexy was?«

»Sexy Secrets. Eine Dating-Plattform. Sehr sexy, sehr secret. Weniger daten, mehr vögeln«, grinste Jenny. »Ich beschreibe, wen ich haben möchte, und die Plattform schlägt mir Ziele vor.«

»Ziele?«

»Targets. Im günstigsten Fall lande ich bei Typen wie dir!«

»Das mit mir war jetzt aber sehr, sehr viel Zufall.«

Jenny strich sanft über sein Gesicht. »Ich glaube nicht an Zufälle, Christian.«

Sie schlenderten den Bahnsteig entlang Richtung Parkplatz. »Und das mit dem Daten funktioniert?«

»Mal mehr, mal weniger gut. Letzten Montag bin ich versetzt worden, das kommt häufiger vor. Die beiden nächsten Dates waren echte Sinker. Gruselig. Zum Vögeln hat es nicht gereicht, was man mir übel nahm. Neulich abends hatte ich den Eindruck, es schleichen zwei Typen hinter mir her. Das war unheimlich.«

»Und du triffst dich mit denen immer im Zug?«

»Nein, nie. Das war Lennys Idee. Ne coole Idee. Ich hab es gerne abwechslungsreich und spontan. Ich bin da sehr aufgeschlossen.«

Ich weiß, dachte Hartmann. »Wie nennt Lenny sich eigentlich im Chat?«

»Trans Rapid 2000.«

Hartmann kippte vor Lachen fast ins Gleisbett. Lenny hatte schon immer leicht einen an der Schüssel gehabt. »Da gefällt mir Blondes Gift deutlich besser.«

Sie schmiegte sich an ihn. »Ich hoffe, dir gefällt nicht nur der Name?«

Hartmann lächelte und winkte seinem Arbeitskollegen hinterher. Uwe machte mit erholt-frischem Schritt Feierabend und grüßte freundlich zurück, bevor er in einer Unterführung verschwand.

»Wieso eigentlich Blondes Gift?«

»Blond ist klar, oder?« Jenny schüttelte ihr Haupthaar. »Gift finde ich spannend. In Gift kann so viel Gutes liegen, denk an all die Arzneimittel. Oder die hübschen Giftpflanzen. Einige der schönsten Fische sind giftig, nimm den Rotfeuerfisch. Gift fasziniert mich. Aber falsch angewendet, kann es tödlich sein.«

Hartmann juckte es inzwischen am ganzen Körper. Deshalb wechselte er schnell das Thema. »Wo du auch aus Düsseldorf kommst, hätten wir eine Fahrgemeinschaft machen können.«

Sie grinste wieder auf ihre entwaffnend freche Art. »Dann wären wir wahrscheinlich nur bis zum nächsten Autobahnrastplatz gekommen.«

»Ist Autobahnrastplatz nicht eine eigene Kategorie?«, fragte Hartmann, er hatte da aus Versehen mal einen Bericht auf RTL gesehen.

»Es geht alles fließend ineinander über«, orakelte Jenny blond.

Hartmann spürte, wie Jenny sich enger an ihn schmiegte. Es war inzwischen deutlich frischer geworden.

»Nein, keine Fahrgemeinschaft. Ich fahre jetzt noch kurz zu einer Freundin, die in Paderborn wohnt, und werde ihr schnell von meinem jüngsten Abenteuer vorschwärmen.«

»Übertreibe ruhig.«

Sie hatten den Parkplatz erreicht. Jenny drehte sich in seinen Körper hinein, eine Hand furchte spitz über Hartmanns Brust. »Das mache ich ganz sicher. Obwohl das schon ganz in Ordnung war. Natürlich ausbaufähig, aber okay.«

»Das, äh, war ja auch unser erstes Date«, haspelte Hartmann und wusste, dass sich seine Wangen rot färbten. »Eigentlich noch nicht mal unser erstes, sondern das von Lenny und dir, äh …«

Jenny legte ihm einen Finger über die Lippen. »Wenn meine Freundin umfassend informiert ist, rase ich nach Hause und schmeiß mich ins Bett. Morgen hab ich einen Tag frei, da werde ich eine andere Freundin in der Eifel besuchen, die ich auch ewig nicht gesehen habe.«

»Du hast viele Freundinnen.«

»Ja.« Sie klimperte mit den Augenlidern. »Echt komisch, dass du keine hast.«

Das blonde Gift löste sich von Hartmann und rasselte einen Fahrzeugschlüssel aus dem Sommermantel.

»Sehen wir uns wieder?«, fragte Hartmann.

»Doch, du bist im Recall.«

Hartmann fischte eine Visitenkarte aus seiner Geldbörse und reichte sie Jenny.

Die hielt die Karte in das Licht einer Gaslaterne. »Christian Hartmann. Privatdetektiv – Ermittlungen aller Art. Liest sich cool. Privatdetektiv wollte ich früher auch immer werden. Dicke Lupe, Observationen, Ferngläser, mit denen man um die Ecke gucken kann. Ich kann sogar mit einer Scheckkarte eine Tür aufmachen, wenn nicht abgeschlossen ist.«

»Wir tragen allerdings keine Uniform.«

»Das ist echt schade«, schniefte Jenny mit gespielter Enttäuschung.

»Manchmal machen wir Privatdetektive was mit Trenchcoat und Sonnenbrille«, beeilte sich Hartmann.

»Das reicht, überzeugt«, lachte Jenny ihr heiteres Lachen und versenkte den Schlüssel in das Türschloss eines hellblauen Opel Mokka. »Ich melde mich.«

Sie stieg elegant in den Kleinwagen und fuhr zackig los. Hartmann sah den Rücklichtern hinterher und stieg in den roten Polo, den er sich für diesen Job von seiner Nachbarin Petra aus der zweiten Etage geborgt hatte. Schmetterlinge. Das waren Schmetterlinge, die da in seinem Bauch wild rumflatterten. Die hatte er lange nicht zu Gast gehabt.

»Mist!«

Hartmann schlug sich erschreckt vor die Zugbegleiterstirn. Er hatte weder nach einem Nachnamen noch nach einer Adresse gefragt.

Auf der Autobahn machte es sich die Tachonadel bei 140 bequem. Das Radio überraschte Hartmann mit einer feinen Aufnahme aus den Neunzigern. Galliano. Genüsslich schmiegte Hartmann sich in den Fahrersitz, damit die kleinen, süßen Schmetterlinge in seinem Bauch genug Platz hatten. Sein Blick fiel in den Rückspiegel. Der Kerl, der ihn dort angriente, hatte sich verknallt.

»Guck an!«

Zeit, sein Verhältnis zu Toxinen aller Art zu überdenken. Hoffentlich ließ sich die blonde Jenny mit einem Anruf nicht zu viel Zeit. Vielleicht wäre es auch sinnvoll gewesen, sich wenigstens das Kennzeichen ihres Autos zu notieren …

Das Grienen im Rückspiegel wurde ein bisschen dämlich.

»Verdammt!«, riss es Hartmann urplötzlich aus seinen Gedanken.

Von links scherte ein dunkler Wagen direkt vor seine Motorhaube. Wo kam der denn her? Der Wagen bestand praktisch nur aus riesigen Rückleuchten.

»Sch…«, hatte Hartmann fluchen wollen, aber selbst dafür fehlte die Zeit.

Er ging in die Eisen. Genau das tat jemand in der Karre vor ihm im gleichen Moment ebenfalls. Knallrot grellten ihm jetzt auch die Bremsleuchten ins Gesicht.

Hartmann stemmte sich ins Pedal, trat es bis tief in die Bremstrommel. Er schnappte nach Luft. Sein Wagen … Scheiße. Hartmann spürte, wie der Polo hinten ausbrach. Es zog ihn nach links, Hartmann lenkte gegen, rechts, links, die Leitplanke! Gegenlenken!

Der Wagen drehte sich um 360 Grad, schoss Richtung …

Keine Ahnung.

Hartmann stemmte sich ins Lenkrad, der Wagen drehte sich immer noch. Er schloss die Augen, wartete auf einen Knall, riss sie wieder auf! Es heulte, es quietschte.

Aber es krachte nicht!

Jedoch …

Hartmann hielt die Luft an. Ein Scheinwerferpaar näherte sich von vorne. Der Wagen blendete auf. Entsetzt stellte Hartmann fest, dass er in Gegenrichtung stand.

Rückwärtssetzen? Keine Chance.

»Scheiße!«

Er hatte den Motor abgewürgt. Kupplung! Seine zittrigen Finger drehten den Zündschlüssel, der Anlasser orgelte. Die Scheinwerfer des Wagens blendeten auf.

Der Motor hustete.

Noch dreihundert Meter.

»Komm schon!«

Zweihundert. Wie eine Rakete schoss ein großes, dunkles Geschütz auf ihn zu.

Der Anlasser schrie auf.

Hundert. Eine Fanfare! Warum bremste der Idiot denn nicht?

Ein Krachen im Motor.

Hartmann wartete auf den Raketeneinschlag.

Die Fanfare!

Hartmann brachte stotternd PS auf den Asphalt, der Wagen huggelte nach vorn, Lenker einschlagen, volle neunzig Grad … und Gas!

Hartmann zog den Kopf ein. Vom Scheinwerferlicht geblendet schaffte er es im letzten Moment quer auf den Standstreifen. Ein riesiger LKW rauschte dröhnend nur wenige Zentimeter hinten am Heck vorbei. Der Fahrer trötete ihm eine Beleidigung an die Karosserie. Der Luftzug schaukelte Petras Polo hin und her.

Hartmann atmete schnaufend und bestand praktisch nur noch aus Blutdruck. »Was war das denn?«

Er blickte nach links. Zu erkennen waren aber nur noch die roten Rückleuchten des LKW, der unbeirrt seine Fahrt ohne anzuhalten fortsetzte.

Vom Fahrzeug, das ihn so übel ausgebremst hatte, fehlte jede Spur. Hartmann nahm seine Finger vom Lenkrad, die Dellen in den Kunststoff gedrückt zu haben schienen.

»Mann, Mann, Mann.«

Hartmann musste sich das Adrenalin aus dem Körper strecken. Stück für Stück ruckelte er den Wagen weiter, bis er komplett und in Fahrtrichtung auf dem Standstreifen stand. Fahrertür auf, vorsichtig aussteigen. Seine Knie waren aus Gummi, aber die kalte Luft tat gut. Er legte die zitternden Hände aufs Autodach, um sie zu kühlen und holte tief Luft. Das war knapp, das war aber so richtig knapp gewesen. Kaum zu fassen, aber Petras Polo war komplett unbeschädigt geblieben.

Hinter ihm röhrte der nächste LKW heran.

Okay, das war hier auf dem Seitenstreifen nicht der beste Ort für eine entspannende Pause. Außerdem: Der Lkw-Idiot von vorhin hatte zwar nicht gebremst, aber vielleicht würde er ihm die Autobahnbullen auf den Seitenstreifen schicken.

Hartmann glitt schnell wieder in den Wagen. Er musste hier weg. Den Cops würde er keinen Führerschein aushändigen können, weil seiner noch immer Pause in Flensburg machte.

Die paar Sekunden an der frisch-kalten Luft hatten aber gutgetan und sein Gehirn frei gepustet. Er ließ einen Tankwagen vorbeirauschen, seinen Wagen langsam wieder anrollen und wechselte zurück auf die Fahrspur.

Hartmann schniefte. Die Aktion hatte alles Amouröse aus seinem Kopf gefegt, sämtliche Schmetterlinge hatten das Flattern eingestellt. Er drehte das Radio aus. In die eingetretene Stille hinein drängten sich wie von selbst zwei ganz unangenehme Fragen. Ein dicker, grüner Troll nahm in seinem Magen klebrig Gestalt an.

Welcher Trottel hatte ihn gerade derartig lebensgefährlich ausgebremst? War das ein Versehen? Oder Absicht? Ein Kennzeichen hatte er nicht ablesen können. Er konnte nicht mal sagen, was für ein Fabrikat das gewesen war, oder welche Farbe genau die Kiste gehabt hatte.

Und überhaupt … Wo war heute eigentlich Jutta Krawietz geblieben?

2. Tag

Lenny Krawietz strich sich geistesabwesend über den Kopf und zerstörte die korrekte Frisur. »Das verstehe ich nicht. Ich hab das nachgehalten, Jutta ist gestern Abend definitiv zeitig aus dem Haus gegangen und losgefahren.«

Hartmann hatte sich mit seinem Auftraggeber an einem Büdchen am Carlsplatz getroffen und fasste noch einmal zusammen. »Ich bin mit dem Auto nach Paderborn, hab den Wagen dort abgestellt. Dann bin ich mit dem Zug nach Münster. Ich bin dort pünktlich in den richtigen Zug eingestiegen, Waggon 18, Abteil sechs. Dort habe ich Jenny getroffen. Irgendwann kam der Zugbegleiter, aber deine Frau tauchte nicht auf. In Paderborn bin ich mit Jenny raus. Sie ist zu einer Freundin weiter und ich bin mit dem PKW zurück nach Düsseldorf.«

Lenny schnaufte unwirsch. »Somit hat mein ganzer Plan nicht funktioniert. So ein Mist. Wo war Jutta denn dann?«

Gute Frage, dachte Hartmann.

»Und wie war das Blonde Gift?«, wechselte Lenny das Thema.

»Och, so insgesamt ganz nett«, gab sich Hartmann wenig beeindruckt.

»Insgesamt ganz nett?«, fragte Lenny.

Hartmann rollte mit den Augen. »Der Hammer war sie nicht. Sieht man auf Anhieb gar nicht, aber sie hat einen kleinen Buckel.«

»Einen Buckel?«

»Ja, so einen kleinen. Muss man mögen.«

Lenny zeigte sich ehrlich entsetzt. »Oh.«

»Und dieses Zucken. Kannste auf Fotos im Internet natürlich so nicht erkennen, aber … also, auf Dauer nervt das schon«, schwindelte Hartmann und zuckte ruckartig mit der Nase.

»Ihr habt also nicht, äh …?«

»Nein«, log Hartmann, Entrüstung im Blick. »Ich hatte den Eindruck, dass sie bei Weitem nicht so spontan ist, wie sie vorgibt. Ihr habt euch auf einem Dating-Portal kennengelernt? Sexy Secrets?«

»Ihr habt über mich gesprochen?«, fragte Lenny erschreckt. »Du hast ihr aber nichts Genaueres über mich verraten, so von mir, wo ich wohne zum Beispiel?«

»Nein, nein. Wir hatten am Anfang nur nicht so viel Gemeinsames, auf das wir thematisch hätten zurückgreifen können. Die Schaffneruniform vielleicht.«

»Ich will die nicht bei mir vor der Haustür stehen haben!«

Das wollte Hartmann auch nicht. Wenn auch aus gänzlich anderen, sehr egoistischen Gründen. Deshalb ließ er sich ja auch diesen kruden Buckel-Zucken-Bullshit einfallen.